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Was wäre, wenn?

von - Leela -
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Annie Sloan Frank Lemmer Jerry Steiner Mikey Randall Nick Comstock Parker Lewis
06.05.2014
06.05.2014
1
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06.05.2014 3.649
 
Dieses kleine Werk gehört zu dem Wettbewerb »Durch die Zeit« von JugolasVIII. (Danke für eine Menge Inspiration zu einem Haufen toller Ideen, von denen es letzten endes diese hier geworden ist! ^^)

Hinweis zum Wettbewerb: Ich richte mich grundsätzlich nach alter Rechtschreibung.



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Was wäre wenn?

Nick wischte den Tresen ab und sah zufrieden in den großen Raum, in welchem sich an den Tischen die Gäste des Diners in kleinen Gruppen angeregt unterhielten. Seit einiger Zeit nun lief das Restaurant wieder tadellos. – Es war ein Segen für das beliebte Lokal in Santo Domingo gewesen, daß der frühere Kellner und Barkeeper des Atlas Diners nach fast einem Jahr, seit er die Stadt verlassen hatte, um seine Erfüllung in der weiten Welt zu suchen, zurückgekehrt war, und als er von den Abrißplänen gehört hatte, kurzerhand eingegriffen hatte. Einen Augenblick versank der neue Dinerbesitzer in Gedanken. Ja, hier hatte er seine Heimat gefunden, das hatte er in dem Jahr, als er von hier weggegangen war, deutlich gemerkt. Wenn ihm eines bewußt geworden war, als er, unterwegs zu neuen Zielen, die Zeit als einfacher Barkeeper und Kellner hier im damaligen Atlas Diner reflektiert hatte, dann, daß sein Herz hierher gehörte. Dies war der Ort, an den er gehörte, und die Arbeit, die er mit Leidenschaft machte, hier waren die Menschen, die ihm am Herzen lagen. Und jetzt gehörte das Diner ihm! Nicht auszudenken, wie es gewesen wäre, wenn hier tatsächlich ein Einkaufszentrum anstelle des Diners hingesetzt worden wäre…
      Nach einer Weile setzten sich seine Freunde Parker, Jerry und Annie zu ihm.
      „Na, Nick ganz in seinem Element!“ stellte Parker mit einem Lächeln fest.
      Der Barkeeper und mittlerweile stolze Besitzer von »Nicks Diner«, wie es seit der Rückkehr des dunkelhaarigen Frauenschwarms hieß, erwiderte das Lächeln. „Das kannst du wohl sagen, Parker! Es geht nichts darüber, mit einem sanften Poliertuch den Tresen so zum glänzen zu bringen, daß du dich darin spiegeln kannst!“ Er machte eine elegante Handbewegung und zeigte Parker das Resultat, und das blitzende Lächeln des Gastwirtes strahlte vom Tresen zu ihnen zurück.
      Parker grinste. Niemand würde Nick je rhetorisch aus der Bahn werfen können.
      „Das wurde auch Zeit, daß Nick zurückkommt!“ bemerkte Mikey kategorisch, der gerade eine Bestellung an einen der Tische gebracht hatte und auf seinem Weg zum Tresen zurück bei ihnen anhielt. Der Sonnyboy war wohl derjenige gewesen, der Nick von allen am meisten vermißt hatte, und als Nick das Diner übernommen hatte, hatte er sofort die Chance genutzt und danach gefragt, seinen alten Job als Kellner wiederzubekommen. In der Zeit, als Nick vor einem guten Jahr die Gäste hier im Diner betreut hatte, hatte der damals etwas schwierige Teenager bereits aushilfsweise hier gearbeitet und eine Menge gelernt, und auch wenn es zu Anfang einige Differenzen zwischen dem Barkeeper und dem jungen Rebell gegeben hatte, so hatte sich das Blatt schnell gewendet. Mikey liebte den Job hier im Diner über alles, und hatte ihn auch ausgeführt, als seinerzeit, während Nick bereits wieder unterwegs gewesen war, Hank Kohler das Diner übernommen hatte. Doch es war nicht nur die Arbeit, die ihm am Herzen lag. Mikey war nie wirklich über Nicks Weggang hinweg gekommen.
      „Wie wäre es wohl gewesen, wenn du nie gegangen wärst?“ sinnierte Parker.
      „Wieso?“ meinte Annie gelassen. „Es ist doch so, als wäre Nick nie weggegangen!“
      „Das stimmt!“ bestätigte Mikey. „Aber wir hätten uns eine Menge Ärger zwischendurch erspart, wenn Nick geblieben wäre. Inklusive, daß das Diner fast verkauft und plattgemacht worden wäre!“ Aus seiner Stimme hörte man immer noch heraus, wie erschüttert der Rock’n’Roller von den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit war.
      „Wir haben dich wirklich vermißt, Nick!“ erklärte Parker von Herzen. „Und das nicht nur, weil Hank das Diner ein paar Mal fast an die Wand gefahren hätte. Sondern, weil du einfach hier hergehörst!“
      Nick schmunzelte. „Das habe ich mittlerweile auch gemerkt. Aber vielleicht war es notwendig, daß ich gegangen bin. Hätte ich es nicht getan, hätte ich das Diner vielleicht nie gekauft!“
      „Vielleicht wäre es auch nicht notwendig gewesen, Sir!“ warf Jerry ein, was Nick zu einem amüsierten Schmunzeln veranlaßte. Der junge Geek mit dem Trenchcoat und der Brille würde sich das »Sir« nie abgewöhnen. „Oder Sie hätten eingegriffen, als Hank Kohler das Diner übernehmen wollte!“
      „Ach, Leute, wie dem auch sei. Wir werden es nie erfahren!“ schloß Mikey. „Wichtig ist doch nur, daß Nick jetzt wieder bei uns ist, und auch bei uns bleibt!“
      „Ja!“ Die Freunde stimmten einhellig und mit Nachdruck zu.
      Nick lächelte verlegen. „Danke, Freunde!“
      „Sie brauchen sich nicht für die Feststellung einer Tatsache zu bedanken, Sir!“ erwiderte Jerry lässig.
      Nick quittierte es mit einem Schmunzeln und beschloß, gar nichts dazu zu sagen. Wer wollte auch schon einem hochbegabten Schüler widersprechen, der drei Mal in Folge bei einem Wissenschaftswettbewerb gewonnen hatte, in regelmäßigen Abständen Artikel im Erfinder-Magazin veröffentlichte, zwei Auszeichnungen für herausragende Erfindungen erhalten hatte und im Ernstfall von der NASA kontaktiert und um Hilfe gebeten wurde?
      Mikey ließ die Gruppe derweil wieder allein, um an einem Tisch eine neue Bestellung aufzunehmen, und kurz darauf suchten sich auch Parker, Annie und Jerry einen Tisch und überließen den Gastwirt wieder seiner Arbeit.
      Nick sah versonnen in den Raum. So gut hatte er sich lange nicht gefühlt. Manchmal fand man seine Heimat erst, wenn man sie einmal hinter sich gelassen hatte…

Es war bereits spät in der Nacht, und das Diner hatte längst geschlossen. Nick war mit den letzten Aufräumarbeiten beschäftigt. Das Gespräch mit seinen Freunden ging ihm allerdings nicht mehr aus dem Kopf. Was wäre passiert, wenn er nie gegangen wäre? Hätte es ihn immer in die Ferne gezogen, ohne zu wissen, daß er bereits an seinem Ziel angekommen war? Und was wäre aus dem Diner geworden? Hätte er es tatsächlich irgendwann gekauft? Oder wäre er ein einfacher Angestellter geblieben? Hätte er womöglich unter Hank Kohler gearbeitet, und irgendwann das Handtuch geworfen?
      Er ging gedankenverloren durch den Gastraum und blieb am Tresen stehen. Sein Blick fiel zur Uhr, auf der es gerade scharf auf drei Uhr morgens zuging, doch er sah mehr durch das Ziffernblatt hindurch, als seine Gedanken in eine noch gar nicht so weit entfernte Vergangenheit zurückgingen. Mikey hatte Recht, sie würden es nie erfahren. Eine Weile gingen seine Gedanken ins Leere. Dann holte er sich in die Wirklichkeit zurück und wollte sich an die restliche Arbeit machen. Doch plötzlich hielt er inne. Gerade hatte die Dineruhr genau drei Uhr morgens geschlagen, aber etwas ließ ihn verunsichert stocken. Ein paar Sekunden später registrierte er auch, was es war, und er schnappte verblüfft nach Luft. Mit einem Mal, aus einer Ursache, die er sich nicht erklären konnte, drehten sich die Zeiger der Dineruhr plötzlich rückwärts!
      Zuerst war es ihm kaum aufgefallen, als der schnellste von ihnen im Sekundentakt in die entgegengesetzte Richtung lief. Doch jetzt sprang die erste Minute zurück, und Augenblicke später wurde der Dinerbesitzer das Gefühl nicht los, daß sich die Zeiger langsam aber sicher immer schneller zurückdrehten.
      Ein eigentümliches Gefühl erfaßte ihn plötzlich, so als würde seine Seele in zwei verschiedene Richtungen laufen; – und dann konnte er wie in einem Film beobachten, wie sich die Ereignisse des Tages rückwärts abspulten. Er sah sich selbst, wie er das Diner nach Ladenschluß auf Vordermann brachte, er sah die Gäste kommen und gehen und das Gespräch mit seinen Freunden, so als hätte jemand die Rückspultaste an einem Videorekorder betätigt. „Was geht hier vor…?“ murmelte er zu sich selbst, während er in Verwirrung erstarrt das Geschehen um sich herum beobachtete, das er nicht aufhalten konnte.
      Der Zeitraffer lief immer schneller, bis die Zeiger der Uhr nicht mehr zu erkennen waren und die Ereignisse in Schemen verschwanden, und die Tage vergingen, Wochen, Monate… Die Zeit raste in schwindelerregender Geschwindigkeit rückwärts, bis sie an einem ganz bestimmten Punkt wieder zum stoppen kam. Nick sah das Diner - das Atlas-Diner! - und sich dort hinter dem Tresen stehen. Er erkannte die Szene. Es war der Tag gewesen, an dem er vor einem Jahr gegangen war. An dem Tag war damals das große Zugunglück geschehen, bei dem mehrere Tonnen giftiger Chemikalien die Umgebung verseucht, und die Gäste für einige Zeit im Diner eingeschlossen hatten, bis der Giftmüll entsorgt worden war. Es hatte einige Aufregung gegeben, letzten Endes war aber alles gut ausgegangen. Genau dieser Tag war es gewesen, als er seine Sachen gepackt hatte und weitergezogen war, und Santo Domingo »Auf Wiedersehen« gesagt hatte.
      Alles spielte sich genau so ab, wie es vor einem Jahr passiert war. Nick konnte die Geschehnisse beobachten, doch er konnte in der Szene nur als Zuschauer fungieren. Er versuchte, den Tresen zu berühren, doch es fühlte sich unwirklich an, und die Leute um ihn herum reagierten nicht auf sein Zukunfts-Ich. Der Dinerbesitzer sah sich irritiert um. ‚Ist das hier ein Traum?‘
      Gerade sah er sich selbst in den Raum treten und die Leute um Aufmerksamkeit bitten. Er konnte sich sogar noch an die Worte erinnern, die er damals gesagt hatte: „Würdet ihr alle mal herhören? Ich muß euch was wichtiges mitteilen! Wir haben heute Hühnerauflauf auf der Speisekarte. Ach ja, und ich verschwinde für immer.“ Ein merkwürdiges, elektrisierendes Gefühl erfaßte ihn. Dies war die Szene, die nie hätte passieren dürfen! Für ihn nicht, und für das Diner nicht! Gerade setzte sein vergangenes Ich zu seiner Verkündung an: „Würdet ihr alle mal herhören? …“
      „Nein!“ Der Aufschrei des Zukunfts-Nicks verhallte von den potentiellen Zuhörern ungehört, die ihn überhaupt nicht wahrnahmen, während er loslief, um sein früheres Ich aufzuhalten. Es mußte eine Möglichkeit geben, wie er das Geschehen verändern konnte, es mußte einfach! Er rannte auf sein jüngeres Abbild zu und stolperte durch es hindurch, als wäre es völlig substanzlos. Noch während er einen Fluch ausstieß, erfaßte ihn jedoch plötzlich ein eigentümliches Gefühl, fast so, als würde er mit seinem Selbst aus der Vergangenheit verschmelzen, in dem Moment, da er seinen eigenen Platz in diesem Szenario einnahm. Geschockt und überfordert stockte er.
      In dem Moment wurden die Geräusche in dem Raum klarer, die Farben lebendiger.
      „Nick, ist alles in Ordnung?“ fragte Parker besorgt.
      Nicks Atem ging keuchend, als er feststellte, daß sein Freund tatsächlich ihn angesprochen hatte. Der junge Mann in dem bunten Hemd sah ihm direkt in die Augen, noch immer eine Antwort erwartend.
      „Äh, ja!“ brachte Nick hervor. „Mir… war gerade nur etwas schwindelig. Geht schon wieder.“
      „Was wolltest du gerade sagen?“ erkundigte sich Annie.
      Nick mußte sich erst mal sammeln. „Wir haben heute Hühnerauflauf auf der Speisekarte.“ erwiderte er knapp. Dann wandte er sich um und ging nach hinten in die Küche. Dort lehnte er sich tief durchatmend an die Wand. Er hatte es geschafft. Er hatte seinen eigenen Platz in der Vergangenheit eingenommen, und konnte nun die Geschicke anders lenken. Er faßte sich an den Kopf. Noch immer erfaßte ihn ein Schwindelgefühl, doch es hatte nichts mehr mit der Orientierungslosigkeit von vor wenigen Augenblicken zu tun. Er konnte es nicht genau einordnen und atmete ruhig durch. Er versuchte, sich zu erinnern, was damals passiert war, doch seine Erinnerung war wie ausgelöscht, so als hätte jemand in dem Moment, da er sein Ich aus der Vergangenheit übernommen hatte, auf die Reset-Taste gedrückt, und alle Erinnerungen, die nach diesem Ereignis passiert waren ausgelöscht. Es war, als wäre aus beiden Anteilen etwas geblieben; er hatte den Wissensstand von vor einem Jahr, aber die Empfindungen seines zukünftigen Selbst. Er wußte nicht genau, was dort gerade passiert war; er erinnerte sich nicht einmal mehr, daß es ein Jahr gegeben hatte, das er von hier an bereits einmal durchlebt hatte. Nur eines wußte er genau: Er durfte nicht gehen!
      Zu weiteren Gedanken kam er nicht mehr, denn in diesem Augenblick wurde das Diner erschüttert, und nur wenig später ging die Sondermeldung durch das Fernsehen, daß ein Zug mit giftigen Chemikalien nicht weit vom Atlas Diner entfernt verunglückt war…

Nick erwachte am nächsten Morgen mit einem seltsamen Gefühl in der Magengegend. Den vergangenen Tag hatte er wie in einem Déjà Vu erlebt, als er versucht hatte, die Gäste zu beruhigen und alle vor einer Panik zu bewahren, bis schließlich die Feuerwehrleute zum Diner vorgedrungen waren und alle hatten retten können. Alles war so vertraut gewesen, so als hätte er es schon einmal erlebt, und trotzdem so anders. Als er nun schließlich aufwachte, war das Gefühl verschwunden und nicht mehr als eine vage Erinnerung. Er schüttelte die Gedanken an das seltsame Ereignis ab und stand auf. Jetzt hieß es aufräumen. Nach einem schnellen Frühstück machte er sich auf den Weg.
      Das Innere des Restaurants sah verheerend aus. Die Spuren des gestrigen Tages zeigten sich in einem Chaos aus Dinerinventar, einem Feld, das einem Zustand nach einer Essensschlacht glich, der Kellertür, die Jerrys Panik zum Opfer gefallen war und mehreren Durchbrüchen, die Frank gestartet hatte, als er einen Weg in die Freiheit zu graben versucht hatte. Nick betrachtete das Desaster resigniert. Einiges würde sich durch engagierte Aufräumarbeiten erledigen lassen, aber es war auch Inventar beschädigt worden, nicht zuletzt durch eine Deckenplatte, die einen der Tische erwischt hatte, als Franks erster Versuch, aus der Falle zu entkommen, fehlgeschlagen war. Der athletische Barkeeper atmete durch und begann damit, die umgefallenen Barhocker aufzuheben.
      Er war gerade mitten dabei Ordnung in das Durcheinander zu bringen, als er Geräusche von der Tür hörte und sich umdrehte.
      „Können wir helfen?“
      Parker lächelte ihn an, und bei ihm waren Annie, Mikey und Jerry.
      Nick lächelte zurück. „Wenn ihr nichts besseres zu tun habt… Hilfe könnte ich schon gebrauchen!“
      „Nicht reden, anpacken, Leute!“ bemerkte Mikey und schob sich an seinen Freunden vorbei, um Nick zur Hand zu gehen.
      Gemeinsam gingen die fünf ans Werk, und so kamen sie schnell voran. Mikey hatte sich eine Spülschüssel geschnappt und räumte Geschirr und Besteck zusammen, das im Diner verteilt lag, Annie hatte sich mit dem Putzzeug bewaffnet und wischte die Tische und Bänke ab, und Parker und Jerry schauten sich den Schaden an, den Frank hinterlassen hatte.
      „Dafür werden wir eine Firma beauftragen müssen.“ sagte Nick hinter ihnen. „Laßt uns nur so gut es geht aufräumen, ich telefoniere dann später.“
      Die beiden nickten, sammelten die Steine ein und fegten den Schutt zusammen.
      Einige Stunden später zogen sie Bilanz. Mit vereinter Kraft hatten sie es geschafft, das Diner so gut es ging wieder auf Vordermann zu bringen; lediglich die Kellertür mußte ersetzt werden, ein Maurer mußte sich die beschädigten Stellen in Wänden, Fußboden und Decke ansehen, das beschädigte Mobiliar mußte ersetzt werden, und es mußte neue Ware bestellt werden, da die Vorräte dank der unglücklichen Situation vom Vortag komplett aufgebraucht waren.
      Nick lehnte sich lässig auf den Tresen und telefonierte die einzelnen Stellen ab.
      Parker gesellte sich mit einem Schmunzeln an die Seite seiner Freundin. „Was wäre das Diner bloß ohne Nick?“
      „Ja, kaum vorzustellen, was?“ erwiderte sie.
      „Die beiden gehören einfach zusammen!“ sagte Mikey entschieden, der gerade bei ihnen stehenblieb. „Nick und das Diner, das ist eine Einheit! Gar kein Zweifel möglich!“
      „Sirs!“ Jerry kam gerade auf die Gruppe zu. „Ich sage es nicht gerne, da auch ich Mister Comstock gerne weiter bei den Aufräumarbeiten unterstützen würde, aber ich darf Sie daran erinnern, daß wir Kinokarten gebucht haben. Der Film geht in einer Stunde los. Wir sollten uns also langsam auf den Weg machen, und ich denke, Mister Comstock wird jetzt auch alleine klarkommen!“
      „Du hast Recht, Jerry!“ bestätigte Parker.
      Nick legte gerade den Hörer auf und machte sich ein paar Notizen.
      Die Freunde gingen zu ihm herüber. „Nick, wenn du uns nicht mehr brauchst, verabschieden wir uns schon mal.“ machte Parker auf sich aufmerksam. „Sonst verfallen unsere Kinokarten, die wir vorgestern reserviert haben.“
      Nick sah von seinem Block auf. „Alles klar. Vielen Dank für eure Hilfe!“
      „Gern geschehen!“ Die vier lächelten dem Barkeeper zu und verließen schließlich das Diner.
      Nick sah ihnen eine Weile hinterher und versank in Gedanken. Es war ein phantastisches Leben, hier in Santo Domingo; und auch wenn das Diner, das er liebte und für das er lebte, gerade noch in Schutt und Asche vor ihm lag, wußte er, es würde nicht von langer Dauer sein. Er würde es sich wieder aufbauen, wahrscheinlich besser als zuvor. Er sah sich schnell um. Eigentlich sah das Diner so aus wie immer, sah man von den großen Löchern ab, die in Boden, Decke und Wänden klafften. Von der Decke rieselte noch immer Putz. Nick seufzte. Die Firma wußte Bescheid und würde sich der Sache bald annehmen. In der Zwischenzeit konnte er noch einmal das Inventar checken. Mindestens zwei Tische mußten neu bestellt werden, da auch diese zu sehr beschäftigt waren.
      Der hochgewachsene Barkeeper ging prüfend durch den Raum und achtete sorgsam darauf, das Loch im Boden zu umgehen, das Frank mit der Spitzhacke geschlagen hatte. Der schlanke Schüler mit dem dunklen Pferdeschwanz hatte bei seinen Versuchen, einen Tunnel zu graben, wirklich ganze Arbeit geleistet, das Gebäude zu zerlegen. Nick hakte es mit einem Kopfschütteln ab und konzentrierte sich auf seine aktuelle Aufgabe. Mit einem Lächeln blieb er vor einem der Tische stehen, die am meisten Schaden genommen hatten. Annie hatte selbst diesen saubergemacht, obwohl bereits klar war, daß er würde ausgetauscht werden müssen. Und trotzdem war er schon wieder von einer feinen Schicht aus Putz überzogen, der von den Kanten des Loches in der Decke herunterrieselte.
      Nachdenklich sah der attraktive Mann auf. Plötzlich stutzte er. Die Bruchstellen in der Decke, die sich in langen Rissen von der Öffnung weiterzogen, waren ihm vorher gar nicht so bewußt aufgefallen…
      Er hatte seinen Gedanken noch gar nicht ganz zu Ende geführt, als ein Krachen ihn zusammenschrecken ließ. Er spürte einen unangenehmen Schauer durch seinen Körper fahren, als ihn eine böse Vorahnung überfiel, doch seinen ersten Impuls zu rennen konnte er gerade noch stoppen, als sein Blick auf das Loch im Boden fiel, das ihm den Fluchtweg versperrte. Er sah sich panisch zur anderen Seite um, doch in dem Moment brach auch schon ein Teil der Decke heraus, stürzte über ihm zusammen und begrub ihn unter sich. Sein erschrockener, von jähen Schmerzen begleiteter Schrei verhallte ungehört in der Ferne. Niemand war hier, er war ganz allein im Diner.
      Nick lag am Boden, spürte die schweren Steinplatten im Kreuz und konnte sich nicht bewegen. Er war sich sicher, eine der großen Platten hatte ihn so erwischt, daß sie sein Ende besiegelt hatte. Er nahm nur vage die warme, klebrige Flüssigkeit wahr, in der er lag, und die einen leicht metallischen Geschmack in seinem Mund auslöste. Das Bild des Diners begann langsam vor seinen Augen zu verschwimmen. Nur schemenhaft konnte er noch die Uhr ausmachen, die hinter dem Tresen an der Wand hing und nichts von dem Unglück abbekommen hatte. Sie zeigte 21.00 Uhr an. Langsam schwanden die Schmerzen, und mit ihnen seine Sinne. Die Zeiger der Uhr drehten sich schneller, doch vermutlich war das nur ein Produkt seiner verschobenen Wahrnehmung, als die letzte Lebensenergie seinen Körper verließ. Langsam verlor er das Bewußtsein.
      Die Zeiger drehten sich schneller und immer schneller, und die Tage flogen dahin, die Wochen und Monate…

Jemand tippte dem stattlichen, sympathischen Mann auf die Schulter. Es dauerte eine Weile, bis er zu sich kam. Benommen richtete sich Nick auf und sah in die besorgten Gesichter seiner Freunde. Mikey, Parker und Annie standen um ihn herum und sahen ihn forschend an.
      Nick atmete keuchend, als er sich seiner Umgebung langsam bewußt wurde und sich orientierte. Sein Blick fiel zur Dineruhr. Sie zeigte vier Uhr morgens an. „Was macht ihr denn hier?“
      „Annie hatte ihre Jacke vergessen!“ sagte Parker. „Wir sind noch mal vorbeigekommen, weil sie ihre ganzen Papiere und Schlüssel darin hat. Gott sei Dank hat Mikey ja einen Schlüssel zum Diner.“
      „Du bist wohl hier am Tresen eingeschlafen.“ ergänzte Annie mit einem Schmunzeln.
      Nick sah sich noch etwas benommen um. Das war das Diner, so wie er es in Erinnerung hatte, bevor… Ja, bevor was eigentlich? Bevor er seine Zeitreise angetreten hatte? Oder bevor er schlichtweg eingeschlafen war und davon geträumt hatte, in der Zeit zurückzureisen. War es eine Vision gewesen? Oder nicht mehr als ein Alptraum, gespeist von den vielen Spekulationen, die sie am vergangenen Abend ausgebrütet hatten? „Leute, was bin ich froh euch zu sehen.“ brachte er atemlos hervor und sammelte sich langsam. Als er sich umdrehte, stand er genau vor der Stelle, an der er zum Schluß seiner Vision gelegen, und die letzten Atemzüge getan hatte.
      „Du siehst zerschlagen aus…“ stellte Annie sorgenvoll fest. „Komm, laßt uns noch einen Moment zusammensetzen.“ Die drei geleiteten Nick, der tatsächlich etwas wackelig auf den Beinen war, zu einem der Tische, und Mikey organisierte für ihn erst einmal ein Glas Cola. Dann schmiß er noch eine Portion Pommes Frites für sie alle in die Friteuse.
      Langsam gelang es Nick, die Benommenheit abzuschütteln.
      „Was ist denn passiert?“ erkundigte sich Annie, als sie schließlich alle zusammensaßen. „Du siehst aus, als wärst du von einem Zug überrollt worden!“
      „Nicht ganz, Annie.“ erwiderte Nick. „Ich weiß nicht, was es war. Wahrscheinlich nur ein Traum. Aber einer Sache bin ich mir jetzt ziemlich sicher: Es war gut, daß ich damals gegangen bin!“
      Die Freunde sahen ihn erstaunt an.
      „Wie kommst du denn darauf?“ fragte Mikey entsetzt.
      Nick sah ihn ernst an, und sein Tonfall rutschte in ein verheißungsvolles Hauchen ab, als er sagte: „Hattest du schon mal eine Todesvision?“
      Dem Motorradfreak fröstelte es, und ebenso erging es Parker und Annie, die unwillkürlich ihre Arme um den Körper schlugen.
      „Aber, es war nicht mehr als ein Traum!“ erinnerte Annie.
      „Und genau da bin ich mir nicht sicher!“ sagte Nick ernst.
      Die vier wechselten einen Blick und beschlossen, das Thema an dieser Stelle zu beenden. Gedankenversunken widmeten sie sich den Pommes Frites, und minutenlang sagte keiner ein Wort.
      Über dem Tresen des Diners tickte während dessen beständig im Sekundentakt die Uhr. Und nur wer sich einen Stuhl genommen hätte, auf den er gestiegen wäre, um sich das Ziffernblatt ganz genau anzusehen, der hätte die kleine Inschrift am Rande der Scheibe lesen können: »Jerry Steiners experimentelles »Was wäre wenn«-Chronometer 1.0«


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Anm. d. Aut.: Bezüge zu Episode »Die Nacht des Grauens«



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