Chaos Theory - Knockin on heavens door

von Clown
GeschichteAbenteuer, Tragödie / P18
06.05.2014
16.02.2017
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06.05.2014 1.507
 
Bitte schalten sie ihre Mobilgeräte aus oder auf den Flugmodus, schnallen Sie sich an und lassen ihre Sitze in der ursprünglichen Position, wir starten in wenigen Minuten. Sie sind hier in der ersten Reihe gelandet, mit bester Aussicht, genug Beinfreiheit, wäre da nur nicht diese zermürbende, dauerhafte Kälte, der graue, verhangene Himmel ähnelt eher dem Asphalt unter den Füßen und die Leute um einen herum wirken alles andere als… vertrauenserweckend. Engen einen quasi ein, rempeln, stoßen, verstümmelt und die Lunch Box besteht aus noch blutigem Fleisch, bei welchem es einem den Magen umdreht.
Herzlich Willkommen beim Weltuntergang.

„Wach auf“, rüttle ich das zusammen gerollte Bündel am Boden, sanft aber bestimmt. Es ist kurz davor hell zu werden, falls man das als hell bezeichnen kann und leise knistert das Plastik, als er die Plane, welche als provisorische Decke gedient hat, zur Seite schiebt. Die Nase läuft immer noch, ist gerötet und die braunen Augen blinzeln verschlafen, als er mich schweigen ansieht.
„Wir müssen weiter“, beharre ich und packe weiter die wenigen Habseligkeiten zusammen, welche wir haben. Es ist entsetzlich kalt, vor allem nachts und in dieser Nacht musste ich wieder wach bleiben.

Nur langsam richtet sich der kleine Kerl auf, ich schätze ihn auf maximal 10, aber durch den vielen Schmutz im Gesicht ist das schwer zu beurteilen, er könnte auch jünger sein. Er sieht so schrecklich mitleidserregend aus, dass ich ihn am liebsten in den Arm nehmen würde, stattdessen hieve ich den schweren Rucksack auf meinen Rücken, ziehe den kleinen Mann auf die Beine, klopfe ihm den Schmutz soweit es geht von dem eh dreckigen Anorak und bin mir der Nutzlosigkeit dieser Geste absolut bewusst.

Eine zweite Schicht Handschuhe wird ihm über die kleinen Hände gezogen, die alte Wollmütze tiefer ins Gesicht gezogen, fest unten zusammen gebunden, sodass auch seine Ohren warm bleiben und auch die Mütze des Anoraks kommt darüber. Wir haben in einem ausgebrannten, verwüsteten Fabrikgebäude geschlafen, es ist wärmer als draußen, der dicke, alte Teppich wurde anscheinend vergessen, ist aber besser als auf dem Boden zu schlafen.
Wegen den Motorengeräuschen, die ich erst am Vortag gehört hatte, habe ich die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Es hat uns aber anscheinend niemand bemerkt und ich möchte auch dass das so bleibt, weswegen wir uns noch vor Sonnenaufgang aufmachen und einigen Abstand gewinnen sollten.

Ich selbst ziehe mir nun die Wollmütze wieder auf, schiebe die verfilzten, einst hellbraunen Haare darunter und doch wird es bei mir dabei bleiben. Trotz der Kälte sollte ich alles hören, die zwei Paar Handschuhe reichen eigentlich nicht und meine Füße sind dauerhaft kalt, meinen kleinen Zehen am rechten spüre ich nicht mehr, mache mir aber mehr Sorgen um den Jungen.
Auch dieser bekommt einen Rucksack geschultert, nicht wirklich schwer, mit den Schlafsäcken. Wir reisen leicht, damit wir schnellstmöglich los können und vor allem rennen.

Nie hätte ich früher angenommen, dass ich einmal so sportlich sein könnte, nie hätte ich auch nur angenommen, dass das alles wirklich und ausgerechnet mir passieren könnte. Unsicher nehme ich ihn an der Hand, es fühlt sich immer noch falsch an, aber ich empfinde es als noch schlimmer sie nicht zu nehmen. Der Kleine ist genauso verloren wie ich in dieser Welt, zumindest den kümmerlichen Überresten davon.
So leise es geht verlassen wir den Raum, steigen über Geröll und Schutt, laufen um große Löcher im Boden, um durch das selbe Loch in der Wand wieder zu verschwinden, durch welches wir herein gekommen sind.

Grau in Grau liegt die Welt da, eine dunkle Wolkendecke hält sich am Himmel und ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie die Sonne aussah, weiß nur, dass ich mich nach dem Gefühl ihrer Wärme auf der Haut sehne. So ungemein, dass es wehtut.
Blinzelnd sehe ich mich um, ziehe ihm das Halstuch über Nase und Mund, als Schutz vor der kalten, aber auch smoghaltigen Luft. Als sei sie mit uns zusammen auf der Erde gefangen, abgeschirmt von Rest des Universums.

Wenig elegant schaffe ich es den Schutthaufen hinab, helfe dann meinem Begleiter, hochheben kann ich ihn nicht, er ist mir zu schwer oder ich bin zu schwach und abgemagert. Dabei war ich früher doch so stolz auf meine Kurven.
Ungeschickt trampelt er mit den kurzen Füßen hinab, stolpert und reißt fast mit um, als ich ihn irgendwie versuche aufzufangen. Es passiert nichts weiter, wir schwanken, ich ächze und leise Kuller Geröll hinter ihm her. Ansonsten bleibt die Stille, diese unerträgliche Stille.

Kein Vogelgezwitscher, als wären alle Tiere gestorben. Das trifft wahrscheinlich auch irgendwo zu oder sie wurden abgeschlachtet und gefressen, die wenigen, die länger überlebt haben. Die Stille zieht sich durch die Tage und Nächte.
„Komm, Kleiner“, fordere ich ihn schließlich auf, bemüht um ein Lächeln, ziehe mir nun selbst wegen des Gestanks das Tuch über Mund und Nase, um versucht enthusiastisch los zu gehen.

Es ist der verfickte Weltuntergang und eigentlich ist mir nach Heulen zumute. Der Boden ist kahl, das wenige Gras abgestorben, die Bäume allesamt kahl und am Absterben. Trist, grau in grau zieht sich der große Platz vor uns, ich beschließe ihm bis zur Straße zu folgen und halte inne, kaum dass wir aus dem Schutz der zerstörten Mauern treten. Einst muss das ein riesiger Konzern gewesen sein, außer Schutt und Häuserskeletten ist aber nicht viel geblieben.

Vielleicht sieht es ja überall so aus, ich nehme es stark an. Ob sie dafür Vorkehrungen getroffen haben und in Europa, Washington oder sonst wo? Man muss es das doch gewusst haben, geahnt und vielleicht gibt es ein abgeschottetes Camp, mit Frischluftgeneratoren und Trinkwasser oder sie haben irgendwelche Leute ins All geschossen, die überleben und neue Planeten finden sollten, damit die Spezies Mensch nicht ausstirbt.

Eines Tages würden wir uns selbst umbringen, dessen war sich jeder sich gewesen, aber dass es so bald passieren könnte und ausgerechnet während meiner Lebensspanne.
Fragend sehe ich mich um, zur Straße und bin mir doch unsicher, ob wir es riskieren sollten. Es ist eine breitere Autobahn, 6 Spurig und man würde uns schon aus weiter Entfernung erkennen. Wenn sie auf uns lauern dann sind wir geliefert.

Man muss sich entscheiden, egal wie schwer es mir im leeren Magen lag und ich mich am liebsten verkrochen hätte. Also entschied ich mich und lief los, den Jungen bei mir, an der Seite der Fahrbahn, an ausgeschlachteten Autos, verbrannten Wracks und verfaulenden Leichen vorbei. Sie hatten sich in kürzester Zeit angefangen gegenseitig zu zerfleischen, Angst gehabt, als die Ration knapper wurden, der Strom öfter ausfiel und eines Nachts war es einfach Dunkel geblieben.

Ich erinnere mich noch genau an die Schreie von draußen, die Geräusche, als die Menschen aufeinander losgingen. Damals noch menschlich, aber mittlerweile komme ich mir vor, als seien ich und der Knirps hier die einzigen Menschen, die es noch gibt.
Es ist nichts geblieben von unserer Zivilisation, den großen Städten, New York hat gebrannt und es wurde entsetzlich kalt, außerdem ist es in Metropolen immer gefährlicher. Zu viele Überlebende, dafür gibt es auf dem Land weniger Essen, spärlicher verteilt und weniger Schutzmöglichkeiten.

Es war ein Risiko, dass ich eingehen musste, sonst wäre ich selbst wahrscheinlich auch schon tot. Schnell aber trotz allem aufmerksam setze ich einen Fuß vor den anderen, sie tun weh, nur noch weh, von den langen Märschen jeden Tag und dabei haben wir erst die Ausläufer New Yorks erreicht und sind noch nicht mal wirklich außerhalb der Stadt. Dieses große, wilde Land, in welchem ich mich nicht auskenne, mir noch mehr verloren vorkomme und jeden Tag aufs Neue damit zurecht kommen musste, dass die Leute nicht Deutsch, sondern Englisch reden.

Immerhin ist diese Umstellung jetzt zweitrangig geworden, ich spreche nur mit dem Knirps und er nicht mit mir. Er hat kein Wort gesagt, all die Tage, kein einziges Wort, sondern trottet nur mit hängendem Kopf neben mir her, immer weiter die Straße entlang.
Wir laufen und laufen, bis der Himmel etwas heller wird, nur minimal, aber daran erkennt man den Tag, laufen und laufen, weiter hinaus aus der Stadt. Ich habe eigentlich kein festes Ziel, irgendwann vor ein paar Tagen habe ich beschlossen, dass wir es versuchen sollten bis nach Kalifornien zu kommen, dort könnte es noch wärmer sein, auch wenn ich es bezweifle.

Es war damals mein Ankunftsflughafen in Amerika, mein erster Schritt auf amerikanischen Boden, im Hosenanzug, mit wippender Lockenpracht, rotem Lippenstift und perfekt sitzendem Lächeln. Von der Frau war nicht mehr so viel übrig, die sich dafür entschied in Amerika zu arbeiten, im schönen Sonnenstaat. Es hatte sich ergeben und jetzt klammerte ich mich an diesen Strohhalm, diese dumme Hoffnung. Was würde aber sein, wenn wir in Kalifornien ankamen, was dann?
Was wenn es dort keine Rettung gab, was wenn die Welt dort genauso kaputt war, genauso trostlos.

Krampfhaft kämpfte ich gegen die Zweifel an, zog die schmerzenden Schultern hoch und schleppte mich weiter. Wir hielten immer erst wenn er ins Stolpern geriet, ein Zeichen dafür, dass er nicht mehr konnte, die kurzen Füße nicht mehr mitmachten und suchten uns am Ende des Tages einen neuen Unterschlupf. Immer und immer dasselbe, uns versteckt haltend, damit wir niemandem begegneten.