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Für die Familie

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12
Jesse Pinkman Walter White
04.05.2014
26.05.2014
3
5.625
 
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04.05.2014 2.247
 
Watcha drinkin‘? Rum or whiskey? Now won’tcha have a Double with me?
I’m sorry I’m a little late I got your message by the way I’m calling in sick today so let’s go out for old time’s sake …*

     
Wütend nahm ich mein Handy und schmiss es auf den Boden. Normalerweise liebte ich es mit diesem Lied aufzuwachen, doch heute nicht. Heute wollte ich nichts lieber als mich unter meiner Bettdecke zu verkriechen und wegen Sauerstoffmangels zu verrecken! Konnte man sterben, wenn man sich tagelang unter der eigenen Bettdecke versteckte?
Die Geschehnisse vom Vortag schleichten sich detailliert zurück in meinen Kopf und die gleichen brennenden Tränen stiegen mir in die Augen. Du wolltest doch stark bleiben! Für deinen Bruder, deine Eltern … doch gekonnt ignorierte ich die leise Stimme in meinem Kopf und versuchte nicht einmal die Tränen zurück zu halten, hätte es ja sowieso nicht gekonnt.

Gestern war Sonntag gewesen. Unsere ganze Familie, Tante und Onkel eingeschlossen, hatte sich zum Grillen zusammen gefunden und es schien ein ganz normaler Tag zu werden. Meine Mutter war ein wenig neben der Sache, was mein Bruder sofort auszunutzen versuchte. Er fragte nach einem Bier, bekam aber keins, wofür ich ihn lautstark auslachte. Es war schön gewesen mal wieder so einen unbeschwerten Tag nur mit der Familie zu haben, da es zwischen meinen Eltern in letzter Zeit nicht so gut zu laufen schien. Sie versuchten zwar es vor mir und meinem Bruder nicht zu zeigen, aber ich war nicht blöd und ohne Zweifel hatte auch Walter jr. etwas bemerkt.
Dennoch glaubte ich wirklich es wäre alles wieder gut, als mein Vater davon erzählte wie er und Ma sich kennengelernt hatten. Wir alle kannten diese Geschichte schon auswendig, aber sie war wunderschön und so störte es keinen sie noch einmal anzuhören. Ich weiß noch, dass ich mir gewünscht hatte auch mal so etwas Romantisches zu erleben.
Doch dann ging alles den Bach runter.
Meine Mum fing furchtbar an zu weinen und schrie meinen Dad an. Auf die Frage was los sei, sagte sie er habe Krebs. Leukämie. Im fortgeschrittenen Stadium.

Ich hörte Schritte lauter werden und jemand öffnete die Tür. Schnell drückte ich mein feuchtes Gesicht ins Kissen, nicht wollend das mich wer-auch-immer so sah. Eigentlich müsste ich schon längst fertig sein, denn der Bus würde bald kommen, doch meine Motivation war zusammen mit meinem Optimismus in feuchten Tränen ertrunken. Poetisch.

„Charlie, ist alles in Ordnung?“ fragte jemand leise.

Es war mein Dad.
Ich wollte dass er weggeht. Er hatte es schwer genug und würde er mich so sehen, würde es ihm nicht besser gehen, doch ich bekam tatsächlich keine Luft mehr und schaute auf.
In seinen Augen sah ich den Schmerz, den ihm der Anblick meiner wahrscheinlich rot geheulten Augen bereitete. Seine Gesichtszüge verhärteten sich ein wenig und seine Augen weiteten sich, eine Mischung aus Schuld und Angst konnte ich in ihnen sehen. Sofort hasste ich mich selbst dafür nicht stark gewesen zu sein.

„Es geht mir gut“ gab ich zurück, noch immer einen fetten Kloß im Hals.

Ich wollte ihm gerne sagen, dass er sich keine Sorgen um mich machen brauchte, wo doch er derjenige mit einer unheilbaren Krankheit war, aber bevor ich auch nur ein Wort herausbringen konnte, spürte ich wie mein Dad seine Arme um mich schlang und mich an sich zog. Erschöpft drückte ich mein Gesicht in sein Hemd, doch die Tränen hielt ich zurück.

Ich liebte meinen Vater. Er war in all den Jahren wirklich immer für mich da gewesen, hatte alle meine dummen Phasen durchgemacht, ohne mich zu verurteilen oder überhaupt sauer zu sein.  
Das Verhältnis zu meiner Ma hatte sich nach dem Unfall von Walter jr. jedoch verschlechtert. Sie liebte es seither mich anzuschreien, mir zu sagen was ich alles falsch machte. Anfangs nahm ich es ihr noch sehr übel, aber ich lernte halbwegs damit zu leben.
Mit meinem Bruder verstand ich mich nur leider ebenfalls nicht mehr so gut seit dieser Sache. Ich hatte damals nicht gewusst, wie ich mit ihm umgehen sollte und wandte mich von ihm ab.
Damit hatte ich ihn sehr verletzt und Mutter furchtbar enttäuscht.
Mittlerweile verstanden wir uns zwar wieder, doch es würde zwischen uns nie wieder so sein wie vor dem Unfall und dass nur weil ich mich nicht zusammenreißen konnte.

„Du musst heute nicht in die Schule gehen, Schatz.“

Ich wollte auch nicht, aber ich hatte gehört wie mein Bruder das Haus verlassen hatte und fühlte mich deshalb nur noch schlechter. Warum schaffte er es, sich zusammenzureißen und ich nicht? Tief in mir wusste ich die Antwort, doch sie war furchtbar. Walter jr. kannte es nicht anders. Dieses Gefühl von Leere, Trauer und Angst, er erlebte es einfach jeden Tag. Aber ich konnte das nicht.
Ich nickte mit dem Kopf.
Ich weiß nicht mehr wie lange wir so verweilten, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Dad längst hätte an der Arbeit sein sollen. Jedenfalls beschloss ich das Bett zu verlassen und mich fertig zu machen. Walt bemerkte es, er stand auf, nickte mir noch einmal aufmunternd zu und verlies mein Zimmer.
Nachdem ich mich angezogen hatte, warf ich einen Blick in den Spiegel. Meine Augen waren tatsächlich rot angelaufen, aber nicht so schlimm wie ich zunächst vermutet hatte. Ich nahm eine Bürste und versuchte meine dunklen zerzausten Haare durchzukämmen, doch sie wollten nicht so wie ich und so band ich sie zu einem Dutt.
Der Blick auf die Uhr verriet mir, dass es bereits Nachmittag war und ich fragte mich was meine Ma grade tat. Dad musste mit ihr geredet haben, sie hätte mich niemals die Schule schwänzen lassen.
Leise schlich ich die Treppen runter, um zu schauen ob überhaupt jemand Zuhause war. Wenn Dad nicht mit ihr geredet hatte, dann würde ich dem Storm lieber nicht so schnell begegnen.
Unten angekommen, stellte ich dann fest dass niemand zuhause war. Auf dem Küchentresen lag ein Zettel:

Bin Einkaufen und gegen drei wieder zurück.
Mum.


Also hatte Dad mit ihr geredet.
Ich wollte hoch in mein Zimmer und schon einmal nachholen, was ich heute in der Schule alles verpasst hatte. Dadurch, dass mein Dad unser Chemielehrer ist, wusste ich bereits wann welcher Stoff dran war und musste so morgen nicht vollkommen unvorbereitet erscheinen. Ich hasste es, nicht zu wissen was los ist, selbst wenn es nur um verpasste Schulstunden ging. Außerdem war das nun mein letztes Jahr an der J. P. Wynne High School und wenn ich auf ein gutes College wollte, dann musste ich mich wirklich reinhängen.
Ich nahm mir noch eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und wollte grade die Treppe hoch, als ich einen Wagen die Einfahrt rauffahren hörte.
Meine Mutter konnte unmöglich schon zurück sein, denn es war noch nicht einmal halb zwei. Vielleicht war es Hank. Dad musste ihm von meinem dummen Geheule erzählt haben und nun wollte er schauen wie es mir ging. Hank war, im Gegensatz zu Tante Marie, sehr fürsorglich und immer für mich und meinen Bruder da. Doch auch wenn ich ihn wirklich gern hatte, im Moment wünschte ich mir er wäre es nicht. Ich hatte das selbstsüchtige Bedürfnis allein zu sein.

Als ich zum Fenster rausschaute, schien mein Wunsch in Erfüllung gegangen. Das Auto, das nun in unserer Auffahrt parkte, gehörte nicht Onkel Hank.
Es war ein roter Chevrolet Monte Carlo, oder eher das, was von ihm übrig geblieben war. Der Besitzer schien viel Geld in das Auto gesteckt zu haben, denn es war ziemlich aufgemotzt worden.
Aber jedem das seine.
Ich beobachtete wie ein junger Mann, ein paar Jahre älter nur als ich, aus dem Wagen kletterte. Mir fiel auf, dass er zu seinem Wagen passte wie die Faust aufs Auge. Seine Hip Hopper Klamotten ließen mich, in meinem grünen Schlabber-Pullover und meiner ausgewaschenen Jeans (ach und nicht zu vergessen, meine ungekämmten Haare!) schon beinahe overdressed wirken.  
Ich beobachtete, wie er zur Tür lief und bevor ich mich fragen konnte was jemand wie er hier wollte, klingelte es auch schon.
Ich ging zur Haustür, lies mir dabei allerdings Zeit. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich sonst nichts Besseres zu tun. Ich meine, ich hatte nichts Besseres zu tun, aber das ging niemanden was an.
Als ich die Tür schließlich erreicht hatte und öffnete, wollte er grade wieder gehen und hatte mir den Rücken zugekehrt. So wichtig war es dann wahrscheinlich nicht.
Er hatte mich allerdings gehört und sich sofort wieder umgedreht, den Mund offen, bereit etwas zu sagen. Doch anstatt mir sein Anliegen darzulegen, schien er überrascht als er mich sah. Offensichtlich hatte er jemand anderen erwartet.

„Hallo, wie kann ich ihnen helfen?“ fragte ich und versuchte dabei nett zu klingen, was meiner Stimmung in diesem Moment ziemlich wiedersprach und deshalb nicht sehr überzeugend klang.

Es fühlte sich komisch an ihn zu siezen, aber was soll’s.
Anstatt mir zu antworten, schaute er mich weiterhin einfach nur perplex an, den Mund noch immer offen.
Er war verdammt süß. Auf eine ziemliche trottelige Art und Weise, fand ich ihn richtig liebenswürdig. Wie ein kleiner Hund, der erfolglos versucht hatte seinen eigenen Schwanz zu jagen und nun mit der Welt nicht mehr klarkam. Ich kannte ihn auch, aber nur vom sehen. Er war auf dieselbe Schule gegangen wie ich, aber ich wusste seinen Namen nicht mehr. Jefferson, James, Jamie ….

„Jesse! Äh, also mein Name ist Jesse. Ich wollte eigentlich zu Mr. White, er war mal mein Lehrer, aber ich nehm an er ist nicht da, also … „ stammelte er und weichte dabei meinem Blick aus.

Jab, ein kleiner verwirrter Beagle.

„Er ist Lehrer und es ist Montag. Natürlich ist er nicht da, Sherlock“ sagte ich herablassend, als er grade wieder dabei war zu gehen.

Ich war ein furchtbarer Mensch, wenn ich schlechte Laune hatte.
Jesse schaute mich wieder an, und sah dieses Mal aber ziemlich genervt aus. Man konnte es ihm aber auch nicht verübeln, ich böser böser Zyniker.

„Yo, wie hast du mich genannt?“ fragte er, aber klang nicht sehr wütend dabei.

Natürlich verstand er meinen Kommentar nicht, er hatte wahrscheinlich noch nie etwas von Arthur Conan Doyle gehört. Mein Vater muss eine tolle Zeit mit ihm gehabt haben, als er noch sein Schüler war.
Ich wollte nicht weiter darauf eingehen. Mehr interessierte mich, was er mit meinem Dad zu schaffen hatte.

„Was willst du von meinem Vater, Jesse“ fragte ich. ‚Sie‘ war mir nun doch keine passende Anrede mehr.

Als er antwortete, klang er nicht mehr so genervt, sondern eher ein wenig nervös.

„Nichts, nur ähm, ihn etwas fragen … wegen Chemie, Wissenschaft und so. Sag ihm dass ich hier war, ähm …“ er schaute mich fragend an.

Natürlich, er wusste nicht wer ich bin.
Auch wenn es fies klingen mag, aber ich wollte nicht, dass irgendwer in der Schule wusste, dass ich die Tochter des Chemielehrers war und bis auf meiner besten Freundin, hatte ich es niemandem erzählt. Ich liebte meinen Vater, wie gesagt, aber als Lehrerkind wurde man immer ein wenig anders behandelt. Meinem Bruder war das egal, aber mir einfach nicht. Ich wollte nicht von Lehrern bevorzugt und von Schülern in eine Schublade gesteckt werden.

„Charlotte ... White“ fügte ich hinzu, nur um sicher zu gehen.

„Yo, ich wusste nicht dass Mr. White ‘ne Tochter hat.“

„Was dagegen?“ fragte ich angreifend.

Das heißt, so sollte es rüberkommen, aber es klang nicht halb so abweisend, wie ich es mir vorgestellt hatte. Im Gegenteil, es kam ziemlich lächerlich.

Jesse hob schützend die Hände und erwiderte belustigt:
„Hey hey, schon gut. Jedenfalls, sag ihm einfach dass ich hier war.“

Er grinste mich an, machte sich offenbar lustig über mich (Man konnte es ihm nicht verübeln). Doch bevor ich noch was erwidern konnte, war er auch schon wieder in seinem Wagen und weg von unserem Grundstück.
Noch verwirrt von dieser Begegnung, ging ich zurück ins Haus und nahm endlich einen Schluck von der Wasserflasche, die ich die ganze Zeit in der Hand gehabt hatte. Das Wasser war nun nicht mehr kalt und ich stellte es wieder zurück in den Kühlschrank.
Auf dem Weg in mein Zimmer, ging ich unser kurzes Gespräch noch einmal durch. Und noch einmal. Und noch einmal.
Gott, ich machte mir wirklich über alles viel zu viele Gedanken. Andererseits, wer kann es mir verübeln? Nie im Leben interessierte sich dieser Kerl für Chemie, Wissenschaft und so, das konnte er meiner toten Oma erzählen!
Ich nahm mir ein Buch und lies mich gemütlich auf mein Bett fallen, nur um gleich wieder aufzustehen, als ich sah was für ein Buch ich genommen hatte: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Na wunderbar, ein Buch über Krebs.
Ich warf es zurück in die Ecke, aus der ich es genommen hatte und gab mir alle Mühe, nicht an Dad und seine Krankheit zu denken, aber ich scheiterte. Danke John Green!*1
Meine Augen wurden wieder feucht und das Bedürfnis, für den Rest meines Lebens unter meiner Bettdecke zu verweihlen, kehrte zurück. Ein einziger Gedanke schien meinen Kopf zersprengen und mein Herz erdrücken zu wollen.
Mein Dad würde sterben!


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*Ein Lied, Never forget you von Noisettes
*1 Für die, die es nicht wissen: John Green ist der Autor von dem Buch Das Schicksal ist ein mieser Verräter (original: the fault in our stars)

Ich weiß, das Chapter war ein wenig depri, aber sie hat ja auch erfahren, dass ihr Vater Krebs hat. Ich werde nächsten Sonntag das zweite hochladen, bis dahin habt geduld;) LG & lasst konstruktive Kritik da!
Peace out, Bitchachos.
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