Schattenblut

von Scrima
GeschichteAbenteuer / P18
04.05.2014
27.04.2015
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Mit zitternden Händen stopfte Merowe sich ihre langstielige Pfeife und entzündete mit einem an der Laterne entflammten Span den Tabak. Blaugraue Schwaden stiegen aus dem polierten Mahagoniholz auf. Mit zusammengekniffenen Augen zog sie den aromatisierten Rauch in ihre Lungen, die kurzzeitige Wärme und den Geschmack auf ihrer Zunge genießend. Es war lange her, dass sie diese spezielle Mischung aus Hochfels gekostet hatte. Wehmütig betrachtete sie ihren Pfeifenkopf – ein Hauch von Heimat… Nachdenklich starrte sie auf die hügeligen Berge im Süden, von deren höchstem Punkt aus Rauch aufstieg. Drachen, wie Hadring, der Wirt, zu sagen pflegte. Das Drachenblut mochte zwar erwacht sein, doch die Drachen waren es auch. Merowe lächelte bei der Vorstellung. Nur einmal in ihrem Leben hatte sie einen Drachen zu Gesicht bekommen und der majestätische Anblick dieser gigantischen Kreaturen hatte sie Ehrfurcht statt Angst gelehrt. Ein weiterer Zug an der Pfeife ließ sie nach Westen blicken. Im Tal rückten zwei Mammuts näher zusammen und drückten sich aneinander. Der Schnee wurde dichter. Der Winter kam.
Ihre Kapuze tiefer ins Gesicht ziehend spielte Merowe mit dem Holzspan herum und versuchte eine Stelle hinter der Holzsäule zu finden, an welcher er ungestört herunterbrennen konnte. Doch der Wind wehte zu stark und bald gab sie es auf. Ein letzter Zug an ihrer Pfeife vernichtete die einzigen Tabakreste, die sie zuvor in ihrem Rucksack noch hatte finden können. Es würde dauern, bis sie neuen beschafften konnte. Seufzend klopfte sie den Pfeifenkopf aus, steckte ihn in die Innentasche ihres pelzbesetzten Ledermantels und zog die Tür zur Herberge auf.
Drinnen war es dunkel und warm. Die steinernen Wände waren mit mottenzerfressenen Fellen behängt, ebenso der Boden, sodass ein Großteil der Kälte draußen gehalten wurde. Ein steinernes Becken, angefüllt mit rot leuchtender Glut, befand sich in der Mitte des Raumes und lockte die anderen Gäste zu sich: zwei zufrieden dreinblickende Soldaten, die ihrer Uniform nach dem Penitus Oculatus Orden angehörten und eine junge Frau namens Lis, die sich nach eigenen Angaben auf der Durchreise nach Weißlauf befand. Sie lächelte Merowe freundlich zu, als sie eintrat und hielt eine aufgespießte Hasenkeule über die Glut, welche einen angenehmen Duft verströmte. Merowe lächelte zurück und trat an den Tresen heran, um den Schlüssel zu ihrem Zimmer von Hadring zu fordern. Der Wirt schaute sie mürrisch an und schob das bronzene Exemplar schniefend über das Holz, verärgert darüber, dass man ihn bei seiner hochheiligen Ausübung des Tellerpolierens unterbrochen hatte. Merowe zog sich die Kapuze zurück und stieg die Stufen in den Keller hinab. Sie war bereits seit zwei Tagen hier und es würden noch etliche hinzukommen, wenn nicht endlich ihre Kontaktperson kommen und ihr das Gold überreichen würde, das sie so dringend brauchte, um weiterzureisen. Sie vermutete, dass man Torbas schicken würde, doch sicher war sie sich nicht. Es war schwierig genug gewesen, ihre Position preiszugeben, ohne dabei die restlichen Königshäuser von ganz Hochfels zu alarmieren. Es gab einige Personen, die für Merowe ein hübsches Kopfgeld bezahlen würden – ein Grund mehr, Lis nicht zu trauen und ihr Angebot, mit ihr zu reisen, auszuschlagen, so verführerisch es auch klingen mochte.
Merowe steckte den Schlüssel in das rostige Türschloss, welches erst beim dritten Versuch aufsprang und zog die Tür hinter sich zu. Die Laterne war ausgegangen. Suchend tastete Merowe nach dem winzigen Tisch, auf dem sie zwei Feuersteine und ein Säckchen mit Schwefelkies wähnte und machte sich daran, das Feuer im Kamin erneut zu entfachen. Das Feuerholz dafür hatte sie selbst geschlagen, nachdem Hadring sich auf den Handel eingelassen hatte, dass sie ihm genug Feuerholz für die nächsten drei Tage schlagen würde. Auf diese Weise konnte sie für drei Goldmünzen pro Tag in der Herberge wohnen und für zwei weitere bekam sie Zutaten für ein Essen, welches sie sich selbst zubereiten konnte. Merowe fürchtete einen Giftmischer unter den Gästen und lediglich ihr Geruchssinn hatte ihr vor einer Woche verraten, dass es durchaus ein Bemühen in diese Richtung gab. Sobald das Feuer brannte und sie zwei dünne Holzscheite auf die kleinen Flämmchen gelegt hatte, zog sie ihren Mantel aus und hängte ihn über den Stuhl. Ihre Handschuhe, an zwei Fingern löchrig, legte sie daneben. Dann trat sie zum Spiegel, dem einzig sauberen Gegenstand, der sich in ihrem Zimmer befand. Stirnrunzelnd wischte sie sich das dunkle Haar aus dem Gesicht. Ihre hohen Wangenknochen und der breite Kiefer verliehen ihr zusammen mit dem Schmutz der letzten Tage ein grimmiges Aussehen. Dunkle Ringe hatten sich unter ihren blauen Augen gebildet, die den Schlafmangel seit der Flucht aus Hochfels bezeugten. Der Schnitt an ihrer Wange war mittlerweise verschorft, doch es schmerzte noch immer, wenn sie lächelte oder lachte. Weitere Kratzer an Stirn und Nase wiesen auf die Strapazen hin, die Mühen, die es sie gekostet hatte, bis in diesen Teil des Landes vorzudringen. Himmelsrand war kein freundlicher Ort. Erst recht nicht, wenn man es als Fremder besuchte.
Merowe griff nach einem kupfernden Töpfchen, in dem sich eiskaltes Wasser befand und fing an, sich das Gesicht und den Hals damit abzureiben. Die Kälte war wunderbar gegen die Schmerzen, die die verheilenden Wunden verursachten. Wenigstens eiterten sie nicht. Die wenigen Heilkräuter, die sie noch besaß, hatten ihren Dienst nicht versagt.
Ein Schatten hinter ihrem Spiegelbild ließ Merowe herumfahren. Misstrauisch kniff sie die Augen zusammen, unmöglich, dass es sich dabei um das Flammenspiel des Kamins gehandelt hatte. Unauffällig griff sie hinter sich in den Sack mit Schwefelkies, während sie jede einzelne Ecke ihres Zimmers mit den Augen absuchte. Sie brauchte mehr Licht… Mit einer blitzschnellen Bewegung warf sie die Handvoll Schwefelkies in die Flammen, die weiß und grell aufstiegen und einen unangenehmen Geruch verursachten. Geblendet von dem plötzlichen Licht zog Merowe die einzige Waffe, die sie bei sich trug: einen Glasdolch, dessen Blitzverzauberung angenehm in ihrer Hand prickelte. Doch er sollte ihr nichts nützen. Das letzte, was sie sah, bevor sie das Bewusstsein verlor, war das lächelnde Gesicht eines Mannes, der ihr spöttisch eine Nadel an den Hals setzte…

Es dauerte nicht lange, bis Merowe wieder zu sich kam. Sie befand sich in einem anderen Raum, einem größeren, doch die Geräusche von oben waren dieselben. Sie war noch immer in der Herberge. Ein Knebel steckte in ihrem Mund, ihre Hände waren auf die Rückseite eines Stuhls gefesselt. Ein benebelndes Gefühl machte sich in ihrem ganzen Körper breit. Vermutlich Gift, in welches die Nadel zuvor getaucht worden war. Sie spürte die schmerzende Stelle an ihrem Hals noch immer. Warmes Licht flutete über Boden und Wände, zwei Öllaternen waren in eisernen Haltern befestigt. Merowe gegenüber stand ein großes Himmelbett mit grünen Bezügen und weißen, zusammengebundenen Vorhängen, auf dem eine schlanke Dunmer Platz genommen hatte. Ihr fein geschnittenes Gesicht strahlte Dominanz und Perfektion aus, ihre roten, schräggestellten Augen fixierten Merowe zufrieden. Weiße Strähnen umrahmten ihre Wangen, ihr langes Haar war zu einem eleganten Zopf zusammengebunden. Sie trug ein rotes Kleid, welches mit schwarzem Stoff durchsetzt war und einen schwarzen, ovalen Stein in der Mitte hatte. Eine kalte Aura ging von ihm aus, der rote Abdruck einer rechten Hand prangte glühend darauf. Merowe kannte ihn nur zu gut. Mehrere kostbare Ringe mit prachtvollen Edelsteinen saßen blütengleich an ihren Fingern, die zahlreichen Reife um ihren rechten Arm klimperten leise aneinander, wenn sie sich bewegte. Neben der Dunkelelfe stand ein Mann um die 40, seinem Erscheinungsbild nach ein Kaiserlicher aus dem Norden, der mit blitzschnellen Bewegungen eine lange Nadel durch seine Finger gleiten ließ. Sein Gesicht… es war das gleiche, das Merowe in ihrem Zimmer aufgelauert hatte. Er hatte ungewöhnlich helle Haut, was auf einen längeren Aufenthalt in Himmelsrand schließen ließ, einen schattigen Dreitagebart und langsam zurückgehendes Haar, das jedoch noch immer recht voll wirkte. Seine Füße steckten in schwarzen Narrenschuhen und er trug eine enge Lederkluft, ihrer eigenen nicht unähnlich, nur das unter seiner erheblich mehr Muskeln steckten. Auch auf ihr fand sich das Wappen der Schwarzen Hand und er schmunzelte hinterlistig, als sich ihre Augen trafen. Hinter Merowe atmete jemand, leise und kaum hörbar, doch eindeutig.
„Guten Abend“, sagte die Dunmer und setzte ein freundliches Lächeln auf. „Ich darf mich vorstellen: Morgana, Sprecherin der Dunklen Bruderschaft. Ich nehme an, mein Name ist ein Begriff.“
Merowes Augen weiteten sich und sie schluckte aufgeregt, was durch den Knebel sichtlich erschwert wurde. Nicht die Tatsache, dass sie von Meuchelmördern gefasst worden war, überraschte sie so sehr, als der Rang, den diese Dunkelelfe innezuhaben behauptete. Merowe hatte genügend Dokumente im Archiv des Hofes von Camlorn gewälzt, um zu wissen, wie die Hierarchie dieser Sekte von Assassinen aufgebaut war. Ein Sprecher – und ihre Kleidung wurde einem solchen durchaus gerecht – war eine Maßnahme, die sie nicht erwartet hatte. Die Dunmer grinste süffisant und rieb sich nachdenklich über das Kinn, der Person hinter Merowe zunickend. Eine Klinge, kalt wie Eis, wurde ihr an die Kehle gedrückt und presste sich unangenehm auf ihre Halsschlagader. Merowe spürte, wie ihr Puls sich beschleunigte.
„Gut, das wäre also geklärt“, sagte Morgana spöttisch und faltete ihre Hände ineinander. „Merowe, nehme ich an? Es wäre mir sehr unangenehm, von falschen Tatsachen auszugehen.“
Merowe nickte zögernd, darauf bedacht, die Klinge so wenig wie möglich zu berühren. Instinktiv suchten ihre Finger den Knoten des Seils nach einem Schwachpunkt ab und fanden einen kleinen Hubbel, den sie unauffällig aufzuknüpfen versuchten.
„Sehr Ihr, Herrin“, sagte der Mann neben Morgana und feixte triumphierend. Seine Stimme klang belustigt und hoch, obwohl Merowe sicher war, dass er sie verstellte. „Euer bescheidener Diener hat Euch nicht enttäuscht.“
„In der Tat, mein lieber Trickler“, hauchte Morgana leise und streichelte ihm über den Arm, bevor sie sich wieder Merowe zuwandte. Vermutlich handelte es sich bei Trickler um ihren persönlichen Ruhigsteller. „Da du vorgibst, diejenige zu sein, für die wir dich halten, lass mich dir eine Frage stellen.“
Sie machte eine Kunstpause und wartete ab, wie Merowe reagierte, welche beunruhigt zurückstarrte und sich weiterhin auf den Hubbel konzentrierte. Wenn sie ihren Daumen etwas nach hinten bog und sich…
Morgana unterbrach ihre Überlegung. „Weißt du, warum wir hier sind?“
Merowe nickte erneut und bog ihren Daumen soweit nach hinten, wie sie konnte. Wer auch immer ihre Hände gefesselt hatte, hatte sich nicht sonderlich schlau dabei angestellt. Ihre Daumen in einzelne Schlaufen zu legen hätte vollkommen ausgereicht, um sie handlungsunfähig zu machen. Auch ihre Beine hätte man fixieren können, doch sie vermutete, dass das Gift, das sie betäubt hatte, nicht von langer Dauer gewesen war. Morgana gab der Person hinter ihr erneut ein Zeichen, diese legte ihre Hand auf Merowes Schulter und übte sanften, aber bestimmten Druck aus.
„Sehr gut. Lass mich dir also deine Optionen offenbaren: Du kannst dich weigern, zu kooperieren und wir schneiden dir die Kehle durch. Tust du es doch, führen wir eine kleine Unterhaltung, in welcher sich herausstellen wird, ob du dieses Zimmer lebend oder tot verlässt. Solltest du um Hilfe rufen oder versuchen zu fliehen, wird Trickler dich mit einem Gift paralysieren und wir fangen von vorn an. Hast du verstanden?“
Merowe blickte zu Trickler, welcher eine spielerische Bewegung mit seiner Nadel in ihre Richtung machte. Seine braunen Augen brannten darauf, sein Spielzeug an ihr auszuprobieren und Merowe hatte nicht vor, ihm einen Grund dafür zu geben. Zumindest vorerst. Die Fesseln zu lockern war an sich noch kein Fluchtversuch. Lediglich eine Vorbereitung zu einem solchen…
Ein drittes Mal nickte Merowe und spürte, wie die Klinge vom Hals zu ihren Knebel wanderte, welcher mit einem sirrenden Geräusch, dass ihr die Haare zu Berge stehen ließ, durchgeschnitten wurde. Angeekelt würgte sie einen zusammengeknüllten Leinenfetzen hervor, bis die Klinge wieder zurück an ihren Hals gewandert war.
„Etwas zu trinken?“ Morgana hielt einen silbernen Kelch hoch, der angenehm nach Wein roch und grinste, als sie Merowes misstrauischen Blick sah. „Er ist nicht vergiftet. Hier…“ Sie nahm einen Schluck und reichte den Kelch Trickler, welcher ihn nahm und Merowe herablassend darbot. Sie neigte ihren Kopf und nahm einen kräftigen Zug, der den unangenehmen Geschmack des Leinenstoffs schnell vertrieb und den Schmerz in ihrem durchgebogenen Daumen etwas erträglicher machte.
„Schön“, fing Morgana an, nachdem Trickler sich entfernt hatte und setzte eine geschäftssinnige Miene auf. „Da du nun weißt, wer wir sind und wir wissen, dass du mit uns zusammenarbeiten wirst, kommen wir gleich zu Wesentlichen: Weißt du, wo sich Galen aufhält?“
Eine Welle der Erleichterung bahnte sich ihren Weg durch Merowes Glieder. Wenn sie fragte, wo sich der Prinz befand, bedeutete das, dass sie ihn noch nicht gefunden hatte. Noch nicht. Merowe hatte zwar eine ungefähre Vermutung, dass Galen sich unter die Verschworenen begeben hatte und als einer der ihren getarnt den Westen von Himmelsrand unsicher machte, doch genauso gut konnte er sich nach Osten aufgemacht haben, um Schutz bei dem Magiern einzufordern.
„Selbst wenn ich es wüsste, würde ich es euch nicht sagen“, sagte sie langsam, der Klang ihrer vom Pfeifenqualm rauchig gewordenen Stimme zog eine kleine Pause nach sich, in der Trickler und Morgana einen Blick austauschten. Die Hand auf Merowes Schulter verfestigte sich schmerzlich.
„Woher sollen wir wissen, dass du die Wahrheit sagst?“, fragte Trickler amüsiert und balancierte seine Nadel auf einem Finger. „Bretonen sind nicht eben für ihre Ehrlichkeit bekannt.“
„Jag mir doch einen Pfeil ins Knie!“, schlug Merowe sarkastisch vor und warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
Morgana sah sie prüfend an. „Ich glaube dir“, sagte sie schließlich. „Einen Prinzen zu verraten wäre etwas, was den meisten Bretonen leicht fallen sollte. Doch nicht der Archivarin des Hofes, nicht wahr? Nicht derjenigen, die so verzweifelt seine Spuren aus diesem Land geführt hat.“
„Was wollt ihr von mir?“, fragte Merowe heiser und wünschte sich sehnlich den Weinkelch zurück. Die erste Schlaufe des Seils war beinahe gelöst.
Trickler kicherte und ließ seine Nadel über die Knöchel wandern. „Oh! Wie überraschend! Sie tut und spielt, als wüsst‘ sie’s nicht!“ Er verzog die Lippen zu einem gemeinen Grinsen, dass Merowe Lust bekam, ihn zu treten.
„Ich weiß nicht, wo Galen ist!“, wiederholte Merowe wütend und schluckte nervös. „Eine derartige Information ist nicht notwendig für meine Aufgabe gewesen. Ich sollte lediglich…“
„Oh, wir kennen deine Aufgabe, Merowe, wir kennen sie nur zu gut“, sagte Morgana freundlich. „Schließlich ist es unsere Aufgabe, ihn zu töten. Sein Bruder hat eine hohe Belohnung für seinen Kopf offeriert und die Dunkle Bruderschaft ist dafür bekannt, dass sie… nun, sagen wir, ein zuverlässiger Partner in inoffiziellen Staatsgeschäften ist.“
„Kein Zweifel“, antwortete Merowe schwer atmend, hatte sie doch in etlichen Dokumenten des königlichen Hofes Hinweise darauf gefunden, dass die bretonischen Clans sich der Hilfe der Meuchelmörder bedient hatten. Allen voran die Mutter Galens hatte den Stamm ihrer kinderreichen Schwester ausgelöscht und so ihrem ältesten Sohn eine wertvolle Lektion in Sachen Politik erteilt. „Doch ich kann euch nicht helfen. Und nun, da ich eure Gesichter gesehen habe, gibt es wohl keinen Grund, mich am Leben zu lassen. Wenn ich also um ein wenig Eile bitten dürfte…“
Morgana schüttelte lachend den Kopf und schnalzte gespielt missbilligend mit der Zunge. Ihre Finger wanderten zu ihrer Brust. „So tapfer. So eingebildet. Nun, es ist naheliegend, das gebe ich zu. Doch töten ist etwas, was wir an diesem Abend vermeiden wollen. Wenigstens, was uns betrifft.“
„Was soll das heißen?“, fragte Merowe heiser und löste die erste Schlaufe, was ihr erlaubte, den Knoten weiter zu lockern.
„Es heißt“, sagte Morgana und strich sich nachdenklich über das Kinn, „wir wollen dich lebend.“
Perplex starrte Merowe sie an und biss die Zähne aufeinander. „Schwachsinn!“, rief sie verärgert und rutschte mit ihrem Daumen ab. Die Klinge drückte sich stärker an ihre Haut. Sie musste vorsichtig sein.
„Ganz im Gegenteil“, schmunzelte Morgana und stand auf. Ihre Armreifen funkelten. „Die Dunkle Bruderschaft hat Interesse an dir. Genauer gesagt, an deinen Fähigkeiten. Wir wissen alles über dich.“
„Zum Beispiel?“, knurrte Merowe und hustete kurz darauf, als die Hand auf ihrer Schulter plötzlich ihren Hals packte. Erst nach einigen Sekunden zog sie sich zurück.
„Wir wissen, dass du es in der Disziplin der Veränderung zu einer wahren Meisterin gebracht hast. Eine nützliche Voraussetzung, wenn man mit königlichen Dokumenten umgeben ist und diese nach Belieben zu fälschen vermag. Meinst du nicht auch?“ Morgana grinste und betrachtete einen ihrer Fingerringe, ein silbernes Exemplar mit einem langgezogenen Rubin. „Welch vielseitige Dinge man sich beschaffen könnte… von den Identitäten ganz zu schweigen. Davon einmal abgesehen sind deine Kenntnisse um einen der fünf bretonischen Königshöfe für besonderen Wert von uns. Deine Quellen…“
„Sind allesamt tot oder dem Feuer preisgegeben!“, unterbrach Merowe sie und spürte, wie sich ein kleiner Schweißtropfen von ihrer Stirn herab löste und die Schläfe hinunter rann. „Je nachdem, ob es sich dabei um einen Menschen oder ein Stück Pergament gehandelt hat.“
„Und dennoch befindet sich das Wissen um sie in deinem Kopf. Mit deiner Hilfe könnte es uns gelingen, ganze Fürstentümer der Bretonen zu stürzen. Von Orks und Nords ganz zu schweigen. Sofern du am Leben bleiben möchtest, natürlich.“
Die Dunmer lächelte zufrieden und beobachtete, wie in Merowes Kopf die Gedanken rasten. Die Bretonin schwieg einen Augenblick, dann räusperte sie sich. „Mir war nicht klar“, sagte sie langsam, „dass die Dunkle Bruderschaft ihre Mitglieder auf diese Weise rekrutiert. Das ist es doch, was du mir anbietest, nicht wahr?“
„Ganz recht“, gab Morgana gönnerhaft zurück. „Und ich rate dir dringend dazu, deine Anrede mir gegenüber zu verbessern, wenn du dich unseren Reihen anschließen möchtest. Ansonsten müsste ich Trickler damit beauftragen, seine übrigen Nadeln hervorzuholen. Er hat Gifte für jede Gelegenheit, musst du wissen.“
Merowe lachte krächzend.
„Was denn? Soll ich dich Schwester nennen? Oder Herrin? Erwartest du von mir, dass ich dich behandele, wie dein speichelleckender Freund?“
Trickler kicherte und machte einen Knicks in seinen Narrenschuhen, was Merowes Verachtung für ihn nur steigerte.
„Nein. Wohl nicht“, murmelte Morgana. „Doch Trickler hier hatte schon sehr lange keinen Spaß mehr. Und die übrigen Gäste dieser knorrigen Behausung sind ein Leckerbissen, den wir uns für später aufheben wollen.“ Sie zwinkerte und nickte Trickler zu, der seine derzeitige Nadel wegsteckte und eine kürzere, breitere hervorholte. „Zeige ihr, was ich meine, mein Liebster.“
„Mit dem größten Vergnügen, Herrin“, sagte Trickler euphorisch und verbeugte sich unterwürfig. Langsam und spielerisch näherte er sich Merowe, seine tänzelnden Schritte ließen auf eine langjährige Ausbildung als Hofnarr schließen. Er summte die Melodie eines alten Kinderliedes, absurd und kindisch und so der Situation, in der sie sich befand, durchaus angemessen. Merowe kannte Ihresgleichen nur zu gut und sie hasste Hofnarren. Nicht selten waren sie es, die Dummheit vorschützten und mit Verrätern zusammenarbeiteten. Die breite Nadel war aus Eisen… und ihre Spitze würde mit Leichtigkeit eines der Kissen durchbohren, welche hinter Morgana auf dem Bett lagen. Doch warum so umständlich sein? Die Person hinter Merowe – wer auch immer sie war – gab ein ebenso gutes Ziel ab. Sie musste nur den richtigen Abstand abschätzen…
„Das Gift, das sich an dieser Nadel befindet, ist eines meiner persönlichen Favoriten. Eine Mischung aus Jasbaytrauben und Riesenflechte. Trickler hier hat sie selbst entwickelt. Nicht tödlich…“, sie grinste, „… aber wenn du wüsstest, wie nahe es dich an die Grenze bringt…“
Trickler setzte an. Die Nadelspitze hatte fast den Stoff von Merowes Hose erreicht. Mit einer plötzlichen Bewegung entglitt ihm die Nadel, welche wie von einem Geist besessen auf Merowes Schädel zuraste. Hastig warf sie ihren Kopf nach links, sodass die Nadel sie verfehlte und im Bauch der Person hinter ihr stecken blieb. Keuchend richtete Merowe sich auf und schaute in das Gesicht des überraschten Trickler, bevor sie spürte, wie die Klinge an ihrem Hals hinunter glitt und scheppernd zu Boden fiel. Ihre magische Kraft war verbraucht. Ein weiteres Kunststück dieser Art würde ihr nicht noch einmal gelingen. Vermutlich ein Nebeneffekt des Giftes, mit dem Trickler sie zuvor versehen hatte. Die Person hinter ihr sackte auf den Boden – eine maskierte Frau um die 20, deren blaue Augen sich vor Schreck geweitet hatten.
„Lis“, dachte Merowe bedauernd und schüttelte missmutig den Kopf. „Falls das überhaupt ihr richtiger Name ist.“ Es war nicht immer einfach, mit seinen Vermutungen Recht zu behalten. An Morgana gewandt sagte sie laut: „Deinen Spaß kannst du mit den Eierköpfen da oben haben, die euch vor zwanzig Jahren fast den Garaus gemacht hätten.“ Mit einem Fußtritt stieß sie Trickler von sich, der verwundert auf dem Hintern landete und sich stumm erhob. „Meine Antwort lautet nein. Ich denke nicht daran, mich euch anzuschließen. Meine Loyalität gilt Galen und ihn zu verraten würde mir nicht einmal im Traum einfallen.“
Die Dunmer blinzelte verwirrt, bevor sie begriff. „Der Wein… natürlich… ich nehme an, du hast ihn verwendet, um… ja. Ich verstehe. Ich hätte daran denken müssen.“
Morgana sah sie nachdenklich an, amüsiert und doch unschlüssig, was sie als nächstes machen sollte.
„Herrin, mit Verlaub“, meldete sich Trickler zu Wort, „ich könnte sie erneut betäuben und…“
„Nein“, sagte Morgana ablehnend und nickte zu einer Kommode links an der Wand. „Verabreiche Lis ein Gegengift. Wir werden zu anderen Methoden greifen.“
Ein unheilvolles Grinsen huschte über Tricklers Gesicht, bevor er den Anweisungen seiner Herrin nachkam. Beunruhigt rutsche Merowe auf ihrem Stuhl nach hinten und verfolgte jede von Morganas Bewegungen, die sich erneut aufs Bett setzte und den Silberkelch an ihre Lippen setzte. Lis, die ein krampfendes, würgendes Geräusch von sich gab – vermutlich zwang Trickler gerade eine äußerst überriechende Substanz in sie hinein – wurde aufgerichtet und zu einem weiteren Stuhl geführt, der sich neben der Kommode an der Wand befand. Mit zitternden Händen wischte sie sich über den Mund und warf ihrer Übeltäterin einen feindseligen Blick zu.
Trickler trat zum Schrank neben dem Bett und zog einen Schlüssel aus der Innenseite seiner Lederkluft. Es klickte laut, als das Schloss einrastete und zu Merowes Überraschung tönte ein Stöhnen durch die dunkle Holztür. Was dann passierte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Trickler zog eine Person aus dem Schrank, die Merowe als Emily erkannte. Die Prinzessin und Schwester Galens war in ein weißes Kleid gehüllt, die Arme auf den Rücken gefesselt, die Beine mit mehreren Seilen aneinander gebunden. Ein Knebel hinderte sie daran, zu schreien, was sie mit Sicherheit getan hätte, hätte man ihr den Stofffetzen abgenommen. Emilys Gesicht war totenblass, ihre Nase mit altem Blut verklebt. Aus ihrem dunklen Zopf hatten sich einzelne Strähnen gelöst, die ungewaschen in alle Richtungen abstanden. Ihr flehender Blick richtete sich an Merowe, welche sofort begriff, dass Emily ihre Kontaktperson war. Wahrscheinlich hatte sie sich freiwillig gemeldet, ihr das Gold und die notwendigen Papiere zu überbringen. Als versprochene Braut eines fremdhöfischen Prinzen war sie schließlich keinerlei Konkurrenz für Galens Bruder Marcus und stand somit nicht im Fokus seiner Aufmerksamkeit. Die Dunkle Bruderschaft kannte seine Verschwörer… was hieß, dass sie Emily entweder töten oder an Marcus verraten würden. Und der würde schweres Gold dafür bezahlen.
„Es… tut mir leid“, stotterte Merowe reuevoll und merkte, wie ihr Hals noch trockener wurde. „Wenn ich gewusst hätte, dass man dich schicken würde…“
Emily stöhnte ängstlich, als Trickler ihre Arme nach unten zog und sie so auf die Knie zwang. Er kicherte, als sie sich wehrte und genoss es, immer mehr und mehr Kraft anzuwenden, um ihr Schmerzen zuzufügen. Eine weitere seiner Nadeln tanzte in seinen Händen und schwebte drohend über Emilys Kopf. Mit grausamer Genugtuung setzte er seinen Fuß auf Emilys Hände, was ihr einen weiteren gequälten, durch den Knebel gedämpften Schrei entlockte und ihr Tränen in die Augen trieb.
„Nun“, sagte Morgana geziert und lächelte so selbstsicher wie zuvor. „Ich nehme an, die Lage hat sich ein wenig verändert.“
„In der Tat“, sagte Merowe langsam und bedeutete Emily, sich zu beruhigen. Tapfere, kleine Emily, die ihren jüngeren Bruder liebte und so dankbar, so unendlich dankbar gewesen war, als Merowe sich bereit erklärt hatte, ihm zur Flucht zu verhelfen. Und so erpicht darauf, diesen Dienst zu erwidern.
„Sehr gut. Da ich davon ausgehe, dass du die bisherige Lage verkannt hast“, sie schnippte mit den Fingern, woraufhin ein gleißendes Licht das Zimmer erhellte, „möchte ich dir eine zweite Chance geben.“
Ein Feueratronach schwebte über dem Boden, elegant, rot, von Flammen umgeben. Auf einen Fingerzeig Morganas hin glitt er herüber zu Emily, die mit schreckgeweiteten Augen versuchte, zurückzuweichen, doch Trickler, der freudig kicherte, hatte sie fest im Griff. „Ich, an Eurer Stelle, Prinzessin, würde mich jetzt nicht rühren. Besonders, da zwei Leben von Euch anhängen.“
„Sch-schön“, stotterte Merowe und leckte sich über die Lippen. „Ich… ich kooperiere. Was immer es ist.“
„Wundervoll!“, freute sich Morgana herablassend und ließ ihren Feueratronachen im Kreis wirbeln. „Ich hoffe also, dass dir meine jetzigen Bedingungen eher zusagen. Die Dunkle Bruderschaft hat, um es in aller Deutlichkeit zu sagen, die ehrenvolle Aufgabe bekommen, Prinz Galen zu töten. Der Zuhörer selbst hat sich dieses Auftrages angenommen und sei versichert, dass er Erfolg haben wird. Doch mit deiner Hilfe, Merowe Fraymont, kann in dieser Nacht nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Schwester gerettet werden. Und nebenbei bemerkt dein Eigenes. Solltest du dich meinen Bedingungen unterwerfen, wird die Dunkle Bruderschaft einen falschen Leichnam beschaffen, den Auftrag als erfüllt ansehen und Galen und Emily können ihre Tage fröhlich munter im Exil verbringen. Oder an der Seite eines Trunkenboldes, zu dumm, um seinen eigenen Hintern zu finden. Im Gegenzug kommst du mit uns – und stellst uns dein Wissen und deine Fähigkeiten ohne Widerrede zur Verfügung. Weigerst du dich, sterbt ihr alle drei und deine hochgeschätzte Prinzessin“, sie machte eine spielerische Geste, „geht in Flammen auf.“
Emily gab ein panisches Quieken von sich, Merowe mit ihren Augen anbettelnd, sie zu retten, was immer es kosten möge. Die Archivarin schaute zur Seite, wissend, dass sie keine Wahl hatte. Sie musste sie retten. Sie musste Galen retten. Und aus Gründen, die nur sie selbst kannte, hatte sie überhaupt keine Lust, an diesem Abend ans Sterben zu denken. Sie blickte zum Feueratronachen, dessen sich windende Flammen gierig nach Emily leckten. Merowe nickte schließlich und atmete schwer.
„Ich unterwerfe mich.“
„Was denn, so schnell?“, fragte die Dunmer überrascht und konnte den Triumph in ihren Augen nicht verbergen. Morgana lachte zufrieden und ließ mit einer Geste den Atronach verschwinden. „Eine gute Wahl“, sagte sie gefällig und gab Trickler ein Zeichen, der die verängstigte Emily zurück in den Schrank sperrte. „Du wirst sehen, dass die Dunkle Bruderschaft ihre Schwüre hält. Ganz im Gegensatz zu den Gepflogenheiten deines Volkes.“
Sie grinste und erhob sich elegant. Aus dem Schrank hörte Merowe Emily aufschreien.
„Oh, keine Sorge“, sagte Morgana freundlich und strich Merowe scheinbar beruhigend über das Gesicht. „Wir werden sie freilassen. Es fehlt nur noch eine letzte… Maßnahme, um das zu tun. Schließlich können wir in unsere Reihen niemanden aufnehmen, der keinen Mord begangen hat. Das verstehst du doch sicher.“
Merowe rührte sich nicht, verzog keine Miene, während sie die zweite Schlaufe löste und ihre Finger auf einen weiteren Knoten stießen.
„Was soll das heißen?“, fragte sie heiser und hustete erneut. „Ich… ich soll morden?“ Eine Pause entstand, in der niemand etwas sagte und die Stille bestätigte Merowes Befürchtung. „Wen? Wo? Ich… ich kann unmöglich…“
Trickler warf ihr einen schadenfrohen Blick zu und verzog seine Lippen zu einem erniedrigenden Grinsen.
„Ohohohoho!“ Sein künstliches Lachen ekelte Merowe. „Darf ich ihr zusehen, Herrin? Darf ich mit ansehen, wie die Beute scheitert? Nein, wie herrlich allein die Vorstellung!“ Er lachte laut auf und klatschte in die Hände, seine Augen betrachteten sie, wie eine Katze eine Ratte beäugt.
„Nein, Trickler“, lehnte Morgana seinen Wunsch nach noch mehr Häme ab. „Der erste Mord ist eine heilige Zeremonie und wir wollen sie in keinem Fall dabei unterbrechen. Du wirst sie lediglich überwachen.“ An Merowe gewandt fügte sie hinzu: „Es ist kein Zufall, dass die Soldaten des Penitus Oculatus heute Nacht hier sind. Sie bereiten ein Treffen der kaiserlichen Erben in Riften vor.“
„Das kann nicht euer Ernst sein“, rief Merowe krächzend aus. „Ich bin kein Mörder. Das könnt ihr nicht verlangen!“
„Aber genau das tun wir“, erwiderte Morgana schlicht und ließ sich von Trickler ein kleines Fläschchen mit einer blauen Flüssigkeit zeigen, welches sie bestätigend abnickte. „Um zwei Leben zu retten musst du zwei Leben nehmen… und dein eigenes in den Dienst der Dunklen Bruderschaft stellen. Nur so werde ich den Pakt, der zwischen dir und uns entsteht, als erfüllt ansehen.“
Merowe schwieg, ihre Finger waren erschlafft und rührten den zweiten Knoten nicht mehr an. Sie wünschte sich, ihre Hände wären besser gefesselt worden und man hätte ihr längst die Kehle durchgeschnitten. Doch Emily war noch immer in Gefahr. Und es stand außer Frage, dass Morgana sie töten würde, würde Merowe sich weigern, mitzuspielen.
„Was… was ist mit dem Wirt?“, fragte sie schwach und musste sich bei jedem Wort Mühe geben, nicht zu stottern. „Mit Hadring. Er wird nicht einfach tatenlos dabei zusehen, wie ich…“
Morgana lachte vergnügt. „Noch immer so edelmütig? Wie unterhaltsam. Nun, lass  es mir dir einfach machen, meine kleine Elevin: Hadring wird in dieser Sache deine kleinste Sorge sein. Der Wirt weiß, dass es Angelegenheiten gibt, aus der er seine erstaunlich große Nase besser raushalten sollte. Er wird dir keine Schwierigkeiten bereiten. Es ist nicht das erste Mal, dass die Dunkle Bruderschaft seine Herberge für derartige Zwecke nutzt. Und bisher hat sich sein Schweigen immer für ihn gelohnt.“
Ihre verschmitzten Lippen gaben Trickler ein wortloses Zeichen. Er hob das zuvor herunter geglittene Messer auf und durchtrennte mit einem sauberen Schnitt die Fesseln. Mit schmerzenden Schultern zog Merowe ihre Arme nach vorne und nahm nach einer Weile das ihr dargebotene Fläschchen von Trickler entgegen.
„Du hast einen Versuch“, sagte Morgana sachlich und strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Trickler wird dich nach oben begleiten und in der Haupthalle warten, während du die Soldaten tötest. Wie du das tust, ist dir überlassen. Danach wirst du Trickler nach unten folgen und dein Prinzesschen ist frei. Du kommst mit uns und wir vergessen, dass es jemals einen Auftrag, Galen umzubringen, gegeben hat. Das ist der Deal.“
Merowe strich über die gläserne Fläche. „Und wenn ich versage?“
„Falls du versagen solltest, und ich rate dir dazu, es nicht zu tun, wird das süße Prinzesschen sterben und Trickler wird sich den Soldaten annehmen.“
Schnaubend erhob sich Merowe und schloss ihren Griff fester um das Fläschchen. Ihr gefiel der Handel nicht. Doch sie konnte Emily nicht ihrem Schicksal überlassen. So viel Weiteres hing davon ab, dass sie am Leben blieb… nach allem, was geschehen war, konnte und wollte Merowe nicht diejenige sein, an der es scheiterte. Und dennoch gab es nicht das Geringste, das es  rechtfertigte, die Leben der beiden Soldaten auszulöschen.
Wortlos drehte sie sich um und ging zur Tür. Zu ihrer Überraschung war sie unverschlossen. Trickler folgte ihr dichtauf, seine braunen Augen glitzerten raubtierhaft im Fackellicht, das den Keller erhellte. Merowes Beine fühlten sich schwer an, das Bild des Schrankes, in dem Emily gefangen war, war wie in ihre Gedanken gemeißelt. Ihr Herz schlug schneller, als je zuvor. Die Falltür zum Keller schien mit jedem Schritt, den sie zurücklegte, weiter wegzurücken, das Knarren der hölzernen Stufen quietsche ungewöhnlich laut. Tricklers Stimme summte eine leise Melodie, die vorfreudig und gefährlich klang. Merowe verlangsamte ihren Schritt und blieb stehen. Sie musste nur noch die Hand nach der Falltür ausstrecken und sie aufdrücken, doch ihr Gewissen hinderte sie daran. Sie konnte nicht tun, was man von ihr verlangte und sie wusste es. Emily hatte es nicht verdient zu sterben und genauso wenig hatten es die Soldaten.
„Worauf wartest du, meine Teure?“, kicherte Trickler hinter ihr und ließ einer seiner Nadeln durch die Finger wirbeln. Seine gespielte Verwunderung ließ Übelkeit in Merowe aufsteigen und sie musste würgen. Sie suchte nach Worten, um sich zu erklären, doch als sie keine fand, schüttelte sie den Kopf und drückte die Tür nach oben. Wärme legte sich auf ihr Gesicht, die Glut des Steinbeckens war noch nicht erloschen. Hadring war vom Tresen verschwunden, alles, was Merowe von ihm sah, war eine Tür, die hastig zugezogen wurde, als sie die Halle betrat. Mit zitternden Händen zog sie den Kolben aus der gläsernen Flasche und legte ihn auf dem Tresen ab, an welchem sich Trickler lässig gegenlehnte.
„Nur zu“, sagte er auffordernd und nahm sich einen Apfel aus einer auf dem Tresen befindlichen Schale. „Die Bühne gehört dir.“
Mit einer lässigen Bewegung ließ er den Apfel durch die Luft wirbeln und spießte ihn geschickt mit seiner Nadel auf, als er wieder zur Erde fiel. Mit klopfendem Herzen hob Merowe den Flaschenhals zu ihrem Mund, setzte an, zögerte und gab sich schließlich einen Ruck. Sie leerte die Flüssigkeit mit einem Zug und wischte sich grimmig über den Mund. Dann ließ sie die Flasche fallen, welche klirrend in dutzende von Scherben zerbarst und blickte auf den Zweitschlüssel, der die Tür zum Zimmer der Penitus Oculatus Soldaten öffnen würde. Sie streckte die Hand danach aus und ließ den Schlüssel in das Schloss schweben. Er drehte sich, einmal, zweimal, bevor ein Klicken die Tür nach innen aufschwingen ließ. Mit schleppenden Schritten und zusammengebissenen Zähnen rief Merowe sich Emilys Angst ins Gedächtnis, ihr Gesicht und die Hoffnung, die sie in sie setzte. Dann hob sie ihre andere Hand und die Glasscherben der zerborstenen Flasche erhoben sich langsam. Sie schwebten an Merowe vorbei, klirrten leise durch die Halle und schließlich durch die geöffnete Tür. Ein lautes Schnarchen drang hindurch und sie dankte den Göttern, dass die Soldaten schliefen. Sie hätte es nicht ertragen, ihnen auch noch in die Augen blicken zu müssen. Alles, worauf sie hoffen konnte, war, dass sie zu jung waren, um verheiratet zu sein, zu jung, um Kinder zu haben, die daheim auf sie warteten. Die Scherben schwebten weiter, teilten sich in zwei gleichgroße Gruppen und pendelten abwartend über den Köpfen ihrer unschuldigen Opfer.
Sie konnte es nicht tun, sie konnte es nicht, das war nicht sie, das war nicht diejenige, die sie sein wollte, sein musste…
Doch Emily, verzweifelt und verlassen, wartete auf ihre Rettung und Galen, noch in Sicherheit, wo immer er war, würde bald das Opfer des Zuhörers werden…
Die Stille… oh, diese Stille, sie zerriss Merowe mehr, als alles andere es vermochte. Ihr Brustkorb hob und senkte sich hektisch, während ihre Augen sich weigerten, Zeuge einer solchen Untat zu werden.
„Ich kann das nicht“, flüsterte sie leise und ließ die Hand weiterhin ausgestreckt. „Ich kann nicht…“
Dann zerriss ein Röcheln die Stille und die Scherben bohrten sich durch Hals und Kehlkopf. Grauenerfüllt wandte Merowe das Gesicht ab und spürte, wie ihre zitternden Beine nachgaben. Ihre Übelkeit verstärkte sich und sie übergab sich, als rotes Blut aus den krampfenden Gliedern der erstickenden Soldaten drang. Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann war es vorüber. Merowe fühlte sich seltsam ausgehöhlt.
Trickler stieß sich vom Tresen ab und ging wortlos an ihr vorbei, die beiden Soldaten fachmännisch begutachtend.
„Beeindruckend“, sagte er schließlich und inspizierte einen der Leichname näher. „Ich persönlich hatte niemals einen Hang zur Magie. Doch die Vielseitigkeit der Telekinese ist in der Tat bemerkenswert.“
Er durchsuchte beide Soldaten und fand schließlich am Hals des einen eine Kette, an der ein silberner Schlüssel zu einer Truhe hing, an der er sich nun zu schaffen machte. Klickend sprang der Deckel auf und gab sein Innerstes preis, einen Stapel Papiere, zusammen mit drei kleineren Ledersäckchen, deren Inhalt vermutlich Gold war. Trickler nahm die Sachen an sich und verschloss die Tür von außen. Dann wandte er sich Merowe zu.
„Na na, nicht so trübselig! Du hast den deinen einen großen Dienst erwiesen. Das ist ein Grund zum Feiern und Fröhlich sein, nicht zum Kummern und Trauern. Du solltest stolz auf dich sein.“
„Halt’s Maul, du Scheusal!“, fauchte Merowe und wischte sich über den Mund. Sie hatte die dringende Befürchtung, sich erneut übergeben zu müssen. Trickler kicherte grausam und packte sie am Arm, um sie hochzuziehen. Wie betäubt ließ Merowe sich von ihm die Treppenstufen hinunter und zurück ins Zimmer von Morgana führen, das einzige, was sie spürte, war ein abgrundtiefer Selbsthass.
Wie durch einen Schleier nahm sie wahr, wie Emily aus dem Schrank geholt wurde, ihre Fesseln durchtrennt, ihr Knebel gelöst. Sie brachte es nicht über sich, sie anzusehen. Morgana lächelte erstaunt und erleichtert zugleich und wies Lis an, sich um Emily zu kümmern. Die blonde Frau stand auf und packte Emily bei den Schultern, nicht ohne Merowe mit einem verächtlichen Blick zu bedenken.
Als sie das Zimmer verlassen hatten, sackte Merowe auf ihrem Stuhl zusammen und sah schweigend zu Boden.
„Alles verlief nach Plan, nehme ich an?“, fragte Morgana Trickler, der bestätigend nickte und seiner Herrin demütig die Hand küsste.
„Ja, Herrin. Alles verlief zu unserer höchsten Zufriedenheit.“
Er überreichte ihr die Papiere und nahm seinen alten Platz neben ihrem Bett ein.
„Wundervoll“, sagte Morgana leise und trat vor Merowe, ihre Hand mit dem großen Rubinring ausgestreckt. „Nun, Merowe Fraymont, es scheint, als hättest du deinen Teil der Abmachung erfüllt. Lass mich nun also den meinen einlösen. Cathrin – oder Lis, als die du sie kennengelernt hast – wird deine Prinzessin nach Falkenring bringen. Von dort kann sie zurück in ihre Heimat reisen. Und der Auftrag für Prinz Galens Ermordung…“, sie hielt ein Pergament hoch, das mit fein säuberlicher Tinte beschriftet war, „… ist vergessen.“
Sie warf das Dokument ins Feuer und alle drei sahen zu, wie die Flammen es langsam aufzehrten. Merowe nickte dumpf, es war nicht leicht, sich auf Morganas Worte zu konzentrieren.
„Was geschieht nun mit mir?“
„Wir werden Morgen früh zu dritt nach Dämmerstern reisen. Du wirst die Nacht in deinem Zimmer verbringen. Trickler wird deine Tür bewachen, also denk nicht einmal daran, zu fliehen.“ Sie lächelte freundlich und strafte ihre Reden Lügen. „Willkommen in der Dunklen Bruderschaft, Merowe. Du hast dir deinen Platz redlich verdient.“
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