Bridge over Troubled Water

SongficFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
03.05.2014
03.05.2014
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Hallo, schön, dass ihr euren Weg hierher gefunden habt =D
Diese Geschichte liegt schon seit etwa einem Jahr auf meiner Festplatte, jetzt lade ich sie endlich hier hoch. Es ist eine Songfiction zu dem Lied Bridge Over Troubled Water von Simon und Garfunkel. Ich habe nicht alle Liedzeilen verwendet, sondern nur einige, zu der Situation passende.
Viel Spaß beim Lesen wünsche ich! :)

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Bridge over Troubled Water

-Songfiction-


When you're weary
Feeling small
When tears are in your eyes
I will dry them all

Tröstend lagen seine Arme um ihren zitternden kleinen Körper und hielten sie fest, als würde sie sonst auseinander fallen. Bitterkalter Wind pfiff durch seinen zerschlissenen Mantel und lies auch ihn zittern, doch er harrte trotzdem aus. Sie brauchte ihn. Ohne ihn würde sie in dieser kalten, dunklen Dezembernacht erfrieren. Seine Mei, sein Silver Girl.
Ihr Kopf lag auf seinem Schoß und sie hatte sich zusammengerollt, um wärmer zu bleiben. Erneut verfluchte Jasper seinen geizigen Vermieter, der es nicht erlaubte, dass ein kleines obdachloses Mädchen mit ihm in einer Wohnung lebte.
Dann kriegt er halt auch keine Miete mehr von mir!, dachte Jasper trotzig. Er würde Mei nicht auf der Straße sitzen lassen. Sie hatte es schwer genug. Sie war so klein und zierlich, sie wäre innerhalb von zwei Tagen tot oder schlimmeres. Das konnte er nicht zulassen! Niemals!

I'm on your side
When times get rough
And friends just can't be found

Er würde bei ihr bleiben, und wenn er für immer in einer schmalen, verdreckten Gasse am Rand von Berlin leben musste, in eine Nische gedrückt und um jeden Euro kämpfend. Es war ihm so was von egal. Mei war es wert.
In ihr steckte so viel Potenzial. Er hatte eine Zeit lang im Deutschen Theater gearbeitet und galt dort als jemand, der so etwas erkennen konnte. Und er sah es in Mei. Wenn sie nur die Chance bekäme, nur einmal… Aber niemand wollte ein Bettlermädchen auf seine Bühne lassen. Als Jasper an all die Verhandlungen dachte, die er mit den Besitzern ausgefochten hatte, wurde er wütend. Sie alle hatten nur gelacht ob der Möglichkeit, dass das kleine, sechzehn Jahre alte Mädchen an seiner Seite Schauspielen konnte.
Mei, sein wunderschönes Mädchen mit den grauen Augen, wie der schwere Morgennebel überm Fluss, und ihrem Optimismus, der selbst in den dunkelsten Stunden anhielt; schon bald würde ihre Zeit gekommen sein.
Mit diesen Gedanken dämmerte auch er langsam in einen leichten Schlaf über und lies seinen Kopf gegen die raue Backsteinmauer des Hauseinganges sinken, in dem sie Schutz gesucht hatten.
Bald…
Am nächsten Morgen weckte er sanft Mei, die ihn mit großen verschlafenen Augen fragend ansah.
»Was ischt?«, nuschelte sie, noch halb schlafend. Sie war so süß wenn sie das machte…
»Komm, wir müssen los« flüsterte er ihr ins Ohr und streifte es mit seinen Lippen. Ein kaum merklicher Schauder durchfuhr ihren Körper bei dieser Berührung und sie sah ihn jetzt schon um einiges wacher an.
»Wohin denn? Wohin sollen wir gehen? So früh sind kaum Leute unterwegs.«
Ach ja, da war ihre praktische Seite… Sie hatte ja Recht, die Sonne war noch nicht einmal ganz aufgegangen. Jasper schätzte, dass es etwa 7:00 Uhr war, aber er hatte keine Uhr, um es zu überprüfen. Der Himmel war immer noch dunkel, als wäre es mitten in der Nacht. Winter halt…
Als Antwort lachte Jasper nur leise und stand dann auf. Er klopfte sich den Staub und Dreck von seiner ausgeblichenen Jeans, die trotzdem nicht viel besser aussah als vorher. Auffordernd streckte er ihr seine Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen, die sie auch mit einer Grimasse ergriff. Mit einem Ruck, der sie fast in die Luft schleuderte, zog er sie hoch und beachtete ihren vorwurfsvollen Blick nicht weiter, als er sie aus der schmalen Gasse führte und die Straße betrat.
Morgendlicher Berufsverkehr  verstopfte die Straßen, doch als Fußgänger kamen sie gut voran. Ein Blick auf eine öffentliche Uhr bestätigte Jaspers Einschätzung. Es war 7:20 mittlerweile, sie hatten also noch eine volle Stunde Zeit. Es würde trotzdem knapp werden. Vorfreude auf Meis Gesicht, wenn sie seine Überraschung sah, macht sein Herz leicht und seine Schritte federnd. Seine gute Laune ließ Mei immer wieder verwunderte Blicke zu ihm werfen. Was hat der Kerl nur vor?, fragte sie sich, aber sie folgte ihm weiter. Pure Neugierde, versuchte sie sich einzureden, doch auch ihr Herz raste vor Freude. Ihn so nah bei sich zu haben, mit seinen süßen, verstrubbelten schwarzen Haaren, seiner großen Nase und allem anderen, was sie an ihm liebte, ließ ihr Herz jubilieren.
Jasper beschloss, eine Abkürzung durch ein finstereres Gebiet Berlins zu nehmen, damit sie zeitig ankamen. Es bestand aus verwinkelten Gassen und dunklen Nischen und viele brutale Gangs trieben sich dort herum, doch es musste sein. Sonst war alles für die Katz! Er wusste, es war riskant, aber es würde schon gut gehen…

I'll take your part
When darkness comes
And pain is all around

Es ging nicht gut, das merkte Jasper in dem Moment, als sich drei bullige grobschlächtige Typen aus den tiefen Schatten, die die Gebäude warfen, auftauchten und sich vor ihnen aufbauten. Mei an seiner Hand fing merklich an zu zittern und wich langsam zurück, doch auch hinter ihnen standen jetzt zwei weitere dieser Typen. Rechts und links von ihnen waren Stacheldrahtzäune, die das Firmengelände umrahmten und ungebetene Gäste fernhielten.  Es gab keinerlei Fluchtwege. Sie waren umzingelt.
Hecktisch huschte Jaspers Blick umher. Was sollte er bloß tun? Er bereute bitter, dass er ein paar Minuten Zeit hatte sparen wollen. Einer Gang war er nicht gewachsen, egal wie stark er war. Um Hilfe rufen? Hier war niemand, der ihnen helfen würde. Es gab nur die Flucht nach vorne. Er musste sie ablenken, damit Mei entkommen konnte…
»Hey, du da! Ja du! Hübsches Mädchen hast du da. Wie wär's? So als kleinen Wegzoll? Sie hätte es sehr gut bei mir«, sagt der Typ in der Mitte, offenbar der Anführer. Während er sprach, packte er sich demonstrativ an den Schritt und grölte dabei vor Lachen. Seine Kumpane taten es ihm gleich und grinsten dabei hämisch. Bastarde.
»Nur über meine Leiche! Lasst uns durch!« Er konnte nicht anders als diesen Bastard anzubrüllen und dabei mit wütend funkelnden Augen anzustarren. Als das Grinsen und Gelächter durch fassungsloses Schweigen ersetzt wurde, wusste er, dass es vorbei war. Sie würden ihn umbringen, dessen war er sich sicher. Aber sie würden Mei nicht bekommen, niemals! Nicht seine kleine Mei!
Er drückte einmal Meis klamme Hand. Sie war nervös und hatte Angst, dass sah er in ihren Augen. Er beugte sich über sie und flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr und drückte dann noch einmal ihre Hand um sie, um sich selbst zu beruhigen. Ihre Augen waren vor Schreck geweitet. Vehement schüttelte sie den Kopf und ihre grauen Augen flehten ihn an, Tränen strömten an ihren Wangen herunter und tropften auf ihr zerschlissenes Hemd.
Jetzt grinsten diese Typen wieder! Sie beobachteten feixend das Schauspiel, dass Jasper und Mei bieten mussten und amüsierten sich prächtig. Jasper warf ihnen nur einen kurzen Blick zu, bevor er sich wieder an Mei wandte und in ihre Augen schaute, ihre wunderschönen Augen. Sie trösteten ihn, erinnerten ihn an das, was wichtig war. Der Schmerz über das, was er jetzt tun musste, zerriss ihm das Herz, doch sie war alles wert. Alles. Er hob die Hand und strich ihr die Tränen von ihrer nassen Wange, sanft wie eine Feder strich er ihr über die Haut. Und küsste sie dann einmal direkt auf den Mund, tief und innig.
»Happy Birthday, Mei. My Silver Girl, fly.«

Sail on, Silver Girl
Sail on by
Your time has come to shine
All your dreams are on their way

Mit diesen Worten ließ er ihre Hand los und stürzte sich auf den Großen in der Mitte, den Anführer. Das Überraschungsmoment war auf seiner Seite und er landete einen guten Treffer, bevor sie beide zu Boden gingen und dort weiter rangen. Schläge hagelten nur so auf sie ein, es schien, als würden sie sich gegenseitig umbringen wollen. Dann griffen die anderen Gangmitglieder ein und attackierten Jasper, der schon bald wehrlos auf dem Boden lag. Niemand achtete mehr auf Mei. Ihr Herz schrie protestierend, ihr gesamtes Selbst wollte hierbleiben und ihm helfen, ihn retten, so wie er sie so oft gerettet und beschützt hatte. Aber sie konnte nicht. Es war seine Bitte an sie gewesen, sein Geschenk. Sie konnte es nicht verschwenden, konnte es nicht missachten und damit sinnlos machen.
Sie fing Jaspers Blick auf, ein Moment nur, eine Sekunde Atempause in dieser Schlacht. Seine warmen schokoladenbraunen Augen sahen sie an, baten sie zu fliehen, jetzt, schnell, dann wurde er wieder unter dem schweren Körper eines Gegners begraben und der Blickkontakt war unterbrochen.
Verzweiflung riss an ihr, sog sie in ihren tiefen Abgrund. Ihr Herz zersplitterte in tausend Scherben, als sie sich umwandte und rannte, rannte, rannte. Und ihn zurückließ. Jasper, ihren Freund, ihren Beschützer, ihre Hoffnung in der Dunkelheit.
Ach Jasper. Bittere Tränen rannen an ihrem Gesicht herunter, doch es kümmerte sie nicht. Sein letztes Geschenk an sie - sie würde es nicht wegwerfen. Sie würde alles tun, um ihn zu ehren und ihm zu danken, für das größte Opfer, dass ein Mensch machen kann. Er würde in ihrem Herzen bleiben. Immer.

See how they shine
If you need a friend
I'm sailing right behind

Schmerz pulste durch seinen Körper, hervorgerufen durch die vielen Schläge, die ihn getroffen hatten. Er hatte aufgehört, sich zu wehren, vielleicht hörten sie dann auf, verschonten ihn und ließen ihn gehen…
Aber sie hörten nicht auf. Jasper spürte keinen Schmerz mehr. Sein Körper wurde taub, sein Blick verschwamm und alles war wie unter Wasser. Herrliche, erlösende Dunkelheit umfing ihn, sie versprach Ruhe und Sicherheit. Er schloss die Augen und erinnerte sich an Meis letzten Blick. Es hatte so viel Schmerz in ihnen gelegen, so viel Schmerz. Es tat ihm leid. Er hatte sie nie verletzen wollen.
Seine letzten Gedanken galten einem warmen Sommertag, als sie sich das erste Mal getroffen hatten. Sie galten dem Kuss, viel zu kurz war er gewesen. Sie galten dem Bedauern, dass es der einzige bleiben würde.
Sein letztes Gefühl war tiefe Zufriedenheit. Sie würde leben und sich ihren Traum erfüllen können. Sie würde die größte Schauspielerin werden, die Berlin je gesehen hatte.
Sein letztes Geschenk an sie: Ein Platz im Ensemble des größten Schauspielhauses Deutschlands.
Dunkelheit senkte sich um ihn und sein Körper kam zur Ruhe, still und friedlich hauchte er sein Leben aus.
Gegeben für einen Traum, gestorben für eine Freundin, gelebt, um der größten Schauspielerin, die Deutschland je gesehen hatte, den Weg zu zeigen.

Like a Bridge over troubled water
I will lay me down
Like a bridge over troubled water
I will lay me down.
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