A frozen Hand takes your Breath away

KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 Slash
Ian Gallagher Mandy Milkovich Mickey Milkovich
29.04.2014
29.04.2014
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Titel: A frozen Hand takes your Breath away
Warnings: Angst, Bad Language
Spoiler: Shameless US Season 4, gesamte Staffel besonders Serienfinale
Inhalt: Er weiß nicht mehr, was er sagen soll, was er denken und tun soll. Doch er weiß, dass er nicht loslassen kann. Sich nicht umdrehen und diese ganze abgefuckte Situation sich selbst überlassen kann. Das am allerwenigsten.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Ian/Mickey, regular Cast
Disclaimer: Sie gehören Showtime und Paul Abbott
A/N: Ich hab die 4. Staffel geliebt – na ja, nicht alles (Frank ist einfach ein riesiges Plothole und bekommt mehr Sendezeit als seine sinnlose Story verdient!!), aber vieles. Wie immer sind Themen einfach zu kurz gekommen, die nicht nur zum Wohle der Fans, sondern viel mehr der Charaktere hätten beleuchtet werden müssen. Ich hab keine Ahnung, wie Season 5 wird, aber ich habe die Befürchtung, dass wir nicht mal annähernd den Einblick in Ians Behandlung bekommen werden, die er verdient. Entweder ist er zum Staffelstart wieder völlig fidel und es gibt keine Anzeichen dafür, dass er eine ernstzunehmende Krankheit hat, oder aber er ist irgendwo abgeschoben, wovon wir dann den Verlauf nur so nebenbei erfahren. In beiden Fällen wäre es echt mies, aber hey – es wäre nicht das erste mal!! Drücken wir die Daumen, dass es ganz anders wird, als befürchtet und bis dahin füttern wir uns mit Fanfics 'grins' Viel spaß!

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A frozen hand takes your breath away




Fünf Tage. Einhundertzwanzig Stunden. Er hat keinen Bock die Minuten oder Sekunden zu zählen, weil das würde ihn nur wahnsinnig machen und er braucht das bisschen Hirnmasse, dass sich noch in seinem Schädel befindet. Auch wenn es sich anfühlt, dass es mit jeder verstreichenden Minute weniger wird.

Er starrt zu seinem Haus hoch. Lässt den kalten Wind über sein Gesicht streichen und zwingt sich dazu, seine Füße zu bewegen. Die Stufen rauf zu gehen und die verfluchte Tür auf zu stoßen. Doch sein Haus ist zu einem schwarzen Loch mutiert. Es war nie ein Ort voller Freude oder Licht oder auch nur Sicherheit. Und doch will er nirgendwo anders sein. Kann sich nicht vorstellen woanders zu sein.

Wozu auch? Es ist ja nicht so, dass ihm seine Finsternis nicht folgen würde. Sie hat sich in seinen Nacken gefressen und Svetlana wird es nicht müde, ihn daran zu erinnern. Ihn mit diesem Ausdruck zu bedenken, der seine Finger zum Zucken bringt und die Vorstellung in seinem Kopf greifbar wird, ihren Schädel gegen die nächste Wand zu prügeln, einfach nur um sie dazu zu bringen, den Mund zu halten oder ihn gar nicht erst zu öffnen. Ihr Zusammenleben ist zerbrechliche Koexistenz, angespannter Waffenstillstand, der genauso schnell in die Luft gehen kann, wie seine Geduld.

Er hält ihre Forderung ein, auch wenn er es nur halbherzig tut, doch sie scheint auch nicht mehr zu verlangen und weiß auch, dass sie nicht mehr einfordern kann. Er hat das deutlich gemacht und er hat kein Problem, noch deutlicher zu werden. Er weiß, und der zwiespältige, reumütige Blick seiner Schwester, beweist es ihm immer wieder neu, dass das kleine, hilflose Bündel nichts für den Scheiß kann, indem er da rein geraten ist. Aber er kann genauso wenig etwas dafür. Er hat um nichts von alledem gebeten. Svetlana ebenfalls nicht. Doch er kann sich nicht um alles Gedanken machen.

Er spielt Daddy, wenn Super-Mom nicht da ist. Hat das sogar mit dem Füttern und Windeln gelernt, auch wenn sich alles in ihm geweigert hat. Doch nachdem der Kleine eines Tages beinah eine Stunde durch gebrüllt hat, gab es keine Wahl mehr für ihn. Er hat ihn angestarrt, als würde das puderrote, blubbernde Bündel die Antworten für ihn haben. Hatte er aber nicht. Also hatte er sich seinen eigenen Plan machen müssen.

Er wird nie die Auszeichnung zum Vater des Jahres erhalten. Aber die will er auch nicht. Er tut, was von ihm verlangt wird und das war's. Kein Zusatz. Nicht mehr, nicht weniger.

Es ist ja auch nicht so, dass er auch nur den Ansatz einer Ahnung hat, was ein wirklich guter Dad ist. Seiner hat entweder seine Zeit im Knast verbracht oder damit, ihm die Scheiße aus dem Leib zu prügeln. Nicht unbedingt das Beispiel, von dem man lernen will. Und das will er ja genauso wenig, nicht in diesem Bezug.

Er würde gerne sagen, dass er sich einfach abwenden kann. Einfach gehen, weil er diesen ganzen Mist nicht mehr sehen will. Nur ist es nicht so einfach. Weil nie irgendetwas so einfach ist. Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß. Es sind die Graustufen, die sie in die Knie zwingen. Die ihnen immer mehr das Leben aussaugen und sie mürbe machen. Er hat noch so viel Verantwortungsgefühl in seinen Knochen, um nicht alles schwarz zu übermalen. Denn alleine weiß gibt es für ihn nicht, es muss  finster sein.

Er kann sich nicht an seine letzte Ruhepause erinnern. Wahrscheinlich hatte er nie eine gehabt. Doch die letzten Monate gleichen einem verdammten Tanz mit einem Messer an seinen Eiern. Er kann nicht wirklich behaupten, dass Ruhe eingekehrt ist, mit seinem alten Herrn im Knast, denn es gibt genug andere Arschlöcher, die seinen Platz einnehmen und sein Leben zur Hölle machen. Er gibt einen Scheiß darauf, was Kevin sagt, denn dieser Pisser hat keine Ahnung, wie der Kreis funktioniert, den er seine angebliche Familie nennt. Sein Vater war nicht der einzige homophobe Drecksack. Es gibt genug, die Nachrücken und mit Freude seine Kehle durchschneiden wollen, während sie ihm in die Augen blicken und in sein Gesicht spucken.

Und sein alter Herr bleibt nicht ewig weggesperrt. Das war er bisher nie. Denn er ist vielleicht weißer Müll, nur weiß er auch ganz genau, welche Schienen er fahren muss, um seine Bewährung durchzudrücken. Was sind schon ein paar Monate, wenn diese Zeitspanne damit endet, dass sein Blut in den Boden sickert und sein Vater grinsend über ihm steht und noch immer das Eisenrohr in der Hand hält?

Yeah, dass sind seine Aussichten. Seine Zukunft.

Die Waffe in seinem Rücken ist nur ein geringer Trost. Sie verspricht nicht wirklich Schutz, aber wenigstens den Schrei danach, dass er nicht kampflos geht. Auch wenn es niemanden interessiert. Nun, niemand ist vielleicht nicht ganz richtig.

Seine Schwester zählt in diese Kategorie und die Person, für die er diesen ganzen Dreck riskiert hat. Auch wenn der schweigendes Bildnis aus Alabaster ist.

Doch die Wahrheit ist auch; die Welt schert sich einen Dreck um euch. Er kann ihr entgegen brüllen: 'Stop! Es reicht. Es ist genug.' Doch es wird nichts ändern. Es wird nicht aufhören, oder weniger werden. Weil es nie genug ist, weil keiner von euch für Friedlichkeit, Beständigkeit oder auch nur Stillstand gemacht wurde. Weil es euer Antrieb ist, die Scheiße aus dem Weg zu schaufeln, die euch in den Weg geworfen wird. Vielleicht ist das eure Bestimmung, er weiß es nicht. Es ist auch nicht so, als wenn es irgendetwas ändern würde oder auch nur könnte. Es ist wie es ist. Banal. Anstrengend.

Das Haus ist still. Doch das ist es in diesen Tagen immer. Abgesehen von den dringlichen Brüllen des Babys, dem das Drama der Erwachsenen so ziemlich am Arsch vorbeigeht und viel mehr daran interessiert ist, dass seine Essenszeiten eingehalten werden und eine trockene Windel um seinen Hintern gewickelt ist. Einfach Wünsche, die ihm noch problemlos erfüllt werden können.

Er bleibt mitten im Wohnzimmer stehen. Blick auf seine Schlafzimmertür fixiert, die wie immer geschlossen ist. Er sieht Mandy aus den Augenwinkeln. Doch sie ist nur dunkles Schema. Seine Gegenwart scheint sie genauso wenig aus ihrer gebeugten Haltung auf dem Sofa hochfahren zu lassen. Die Wiege steht neben ihr, doch das gurgelnde Bündel schläft zufrieden darin. Kein Geräusch.

Außer ein verräterisches Tippen, dass seine Aufmerksamkeit einfängt. Seinen Kopf zur Seite fahren lässt. Seine Stirn ist gerunzelt, als er seine dicke Winterjacke abstreift und auf Mandy zu geht.

„Was tust du da? Wo hast du das Ding her?“

Sie sieht nicht von dem glänzenden, flimmernden Laptop auf. Er weiß, dass sie so ein schickes Spielzeug nicht besitzen. Nicht legal zumindest. Mandy beweist ihm dies mit einem abwiegelnden Murmeln, „Geborgt.“

„Geborgt? Fuck, was auch immer.“ Er schüttelt den Kopf, schmeißt seine Jacke irgendwohin und starrt wieder zur Schlafzimmertür. Er bemerkt gar nicht, dass er es tut. Doch Mandy tut es.

„Er schläft.“

Welche Neuigkeit. „Yeah.“

Sie mustert ihn nur flüchtig und plappert drauf los, „Wusstest du, dass es elf verschiedene Einstufungen für Bipolar Episoden gibt? Die haben einen ganzen Kriterien-Katalog für diesen Scheiß.“

Er blinzelt, denn ernsthaft? „Was zur Hölle, Mandy?“

Es ist schon ein Talent, so eine Scheiße auf ihn abzuladen, wenn er nicht mal annähernd weiß, wo ihm der Kopf steht und er nicht die Gelegenheit bekommt, seine Gedanken zu ordnen und sich behutsam auf diese Bombe vorbereiten kann. Doch es ist nicht der Mangel an Zeit zur Vorbereitung der ihn aus der Bahn wirft, es ist die Tatsache wie Komplex dieser abgefuckte Mist wirklich ist.

Mandy sieht ihn an. Mahnend, herausfordernd und mit dem Hauch einer Warnung. „Du hast gesagt, er ist Familie – also…“

Der Satz bekommt kein Ende, findet nur seine Bedeutung in einer hochgezogenen Schulter und einem Blick, der ihm entgegen brüllt, er solle nur versuchen, die Tatsache zu leugnen. Er schluckt und hält das Maul, denn es hat keinen Sinn seine eigenen Worte anzuzweifeln. Er fühlt sich schon genug wie in einem Irrenhaus, als jetzt auch noch seine persönliche Zurechnungsfähigkeit in Frage zu stellen.

Mandy fährt fort, als hätte es diese kleine, stumme Auseinandersetzung gar nicht gegeben, „Um ihm wirklich zu helfen, müssen wir erstmal raus finden, in welcher Phase er gerade steckt.“

Sein Blick ist auf seine Schlafzimmertür fixiert. Seine Gedanken bei der stummen, reglosen Form, die sich vor der Welt unter Decken versteckt. Ian war immer ein Licht in finsterer Abartigkeit für ihn, doch nun, mit seinem Schweigen, mit seiner Apathie fühlt es sich an, als hätte er einen Kampf verloren, den sie sonst gemeinsam bestritten. Nur hat sich Ian einfach ausgeklinkt, ihm die Verantwortung überlassen. Und er ist müde. So abgrundtief müde.

Er weiß nicht mehr, was er sagen soll, was er denken und tun soll. Doch er weiß, dass er nicht loslassen kann. Sich nicht umdrehen und diese ganze abgefuckte Situation sich selbst überlassen kann. Das am allerwenigsten.

Aufgeben bekommt ihm nicht wirklich gut. Manchmal hatte er keine Wahl. Manchmal wurde sie von ihm erzwungen. Aber er ist ein verdammter Dickschädel und im Bezug auf Ian ist ihm loslassen ohnehin nie gelungen. Warum jetzt damit anfangen? Vielleicht wäre es gesünder für ihn und seinen fragilen Verstand. Doch wird der überschätzt. Wer braucht schon seine Intelligenz, wenn man einfach nur überleben will?

„Depressiv klingt doch schon ganz passend.“ Er will nicht das Zittern seiner Finger sehen, als er sich eine Zigarette anzündet. Mandy bekommt es ohnehin nicht mit, da sie irgendetwas auf dem Monitor des Laptops abscannt.

„Yeah, aber ist er schwer depressiv mit psychotischen Symptomen oder ist er schwer depressiv ohne psychotische Symptome?“

Zur Hölle? Welchen Unterschied macht es schon? Ian verkriecht sich in stille Dunkelheit. Isst und trinkt kaum. Müssen sie da ehrlich die Feinheiten dieser Scheiße raus filtern? So wie es ist, ist es schlimm genug und sein Innerstes droht jedes Mal von neuem sich auf dem Boden zu verteilen, wenn er ihn anstarrt. Genauso stumm. Genauso reglos. Denn das ist die einzige Methode, wie sie noch zusammen sein können.

Murmelt, weil er seiner Stimme nicht vertraut und im Allgemeinen nicht diese Unterhaltung führen will, es aber muss, „Was ist der Unterschied?“

Seufzend, denn auch Mandy blutet, „Ohne psychotische Symptome ist eine lustige Mischung aus Schuld, dem Gefühl von Wertlosigkeit, Verlust von Selbstwertgefühl und…“ Sie stockt und er ahnt, dass er diesen Teil nicht mag.

„Und was?“

Sie schluckt, wirft ihm einen hastigen Blick zu und fährt dann zögernd fort, „Suizidgedanken. In der Phase werden sie auch häufiger durchgezogen.“

Da kriecht ein Schatten über ihre Augen, als sie ihn ansieht. Beinah schon flehend. Sie wirkt so klein indem Moment, dass er sich von ihr abwendet. Die Galle auf seiner Zunge mit beißenden Rauch seiner Kippe überdeckt.

„Mick, glaubst du… denkst du…“

Er will es nicht hören und wiegelt entschlossen ab, „Ich weiß es nicht. Shit, ich… ich weiß gar nichts mehr.“ Er macht eine fahrige Bewegung. Schickt einen Schwall Rauch gepaart mit loser Asche durch die Luft. „Was ist das andere?“

„Mit psychotischen Symptomen?“ Ihre Brauen ziehen sich zusammen, als sich wieder zum Laptop wendet und langsam, vorsichtig zu lesen beginnt, „Halluzinationen, Wahnideen, so stark ausgeprägte Hemmungen, dass alltägliche soziale Aktivitäten unmöglich sind und Lebensgefahr… durch Suizid und mangelhafte Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme bestehen kann.“

„Warum endet jeder beschissene Satz mit Selbstmord?“ Seine Faust will sich in etwas hinein graben. Die Verwirrung, Hilflosigkeit ausmerzen. Doch am Ende leidet nur seine Zigarette, die er in irgendeinem Aschenbecher ausdrückt.

„Aber das… Er hat seit drei Tagen so gut wie nichts gegessen. Ich musste ihm heute ’nen verdammten Strohhalm in den Mund schieben, damit er wenigstens was trinkt.“

„Danke, Mandy.“ Denn er weiß nicht, was er sonst sagen soll.

Doch sie wiegelt nur ab. Mit einem Feuer, dass er seit einer langen Zeit nicht mehr in ihr gesehen hat. „Hey, denkst du etwa, ich will, dass er unter unserem Dach verhungert?“ So schnell wie die Furie da war, ist sie auch wieder verschwunden und Mandy zeigt etwas von der Erschöpfung, die da auch in seinen eigenen Adern kriecht. „Ich will ihn wieder haben, Mick. Ich will Ian wieder haben.“

Yeah, er weiß. Er will das gleiche.

„Er ist noch immer Ian. Irgendwo hinter dem Schweigen. Irgendwo hinter der Mauer. Er ist noch immer da drin.“

Mandy nickt und sagt nichts mehr. Sie starrt wieder auf den Monitor, doch glaubt er, dass sie gar nicht mehr sieht, was sie da liest.

Die Stille ist beängstigend. Nicht auf diese Weise, die dich verkriechen lässt, sondern die deine Nackenhaare in die Höhe schießen lässt, weil du ganz genau weißt, dass etwas nicht Ordnung ist, dass Dinge in der Luft schweben, die dich zerreißen. So war es damals auch, als seine Mom gestorben ist. Er will nicht daran denken, dass es ein dunkler Vorschatten ist. Niemand wird hier sterben. Das lässt er nicht zu. Zumindest nicht diejenigen, für die er durch die Hölle gehen würde und auch in gewisse Weise bereits gegangen ist. Das er diese Menschen an einer Hand abzählen kann, beunruhigt ihn nicht. Es ist trostreich.

Mandy durchbricht diese Stille. „Fiona war hier.“

„Was wollte sie?“ Seine Schwester gibt ihm nur einen Blick. Wortlose Antwort, die sich in seine Kehle rammt. „Nein. Zur Hölle, nein! Er kommt in kein Irrenhaus. Warum… warum hält sie ausgerechnet das, für die beschissene Lösung?“

Das Mandy Milkovich jemals die Seite von Fiona Gallagher verteidigen würde, hätte er sich nie erträumt. Er kann auch nicht sagen, dass es ihm großartig erfreut.

„Weil sie glaubt, dass wir - du - damit nicht klar kommen. Sie kennt den Verlauf bereits, Mick. Sie musste mit ansehen, wie ihre Mom an Thanksgiving auf dem Küchenboden ausgeblutet ist. Sie weiß so viel mehr, als wir.“

Da gurgelt ein beißendes Lachen in seiner Kehle, dass Mandy den Kopf einziehen lässt. „Und ihre Lösung ist es, ihn abzuschieben? Wirklich? So einfach? Einfach weg mit ihm, weil es zu schwer ist und ihn hinter Gitter in einem weißen Zimmer einzusperren ja so viel einfacher? Glaubst du das auch, Mandy?“ Er lässt ihr nicht die Gelegenheit zu antworten. Er legt auch keinen Wert darauf. „Wenn sie diesen Scheiß doch so gut kennen, warum haben sie nicht früher was unternommen? Warum haben sie einfach zu gesehen, wie er immer tiefer sinkt?  Sie haben gesehen, wie er drauf war, doch sie haben nur die Stirn gerunzelt und ihr Ding weitergemacht. Niemand hat etwas gesagt, Mandy. Niemand. Und nun wollen sie ihn einfach wegsperren, dass Problem noch weiter von sich drücken, als sie es bereits getan haben, als sie es ignorierten. Ich mach da nicht mit. Er wird nicht gehen. Ich lass ihn nicht… Ich werd nicht… Sie können ihn nicht gegen seinen Willen in eine Anstalt stecken.“

„Mick, momentan hat er keinen Willen.“

Und sie kapiert ihren Fehler, noch bevor der Satz ihren Mund verlässt. Sie presst die Lippen zusammen. Er sieht Tränen in ihren Augen schwimmen und will sie anbrüllen, dass sie es nicht wagen soll. Doch Mandy fasst sich von selbst.

Er registriert erst sein Zittern, als sie auf ihn zukommt. Die Hände vor dem Körper, als will sie ihn auffangen oder einen tollwütigen Hund beruhigen. Er denkt, dass beide Beschreibungen gut seinen momentanen Geisteszustand beschreiben. Wenn er nicht um sich schlägt und beißt, dann bricht er beinah vor Hilflosigkeit zusammen und versinkt in seiner Unwissenheit.

Mandys Stimme ist besänftigend, als sie ihn erreicht, „Es… es ist okay, hörst du? Es ist alles okay. Ich hab ihr gesagt, dass das nicht passieren wird, dass du eher mit ihm verschwindest, als das zu zulassen. Sie hat’s verstanden. Sie hat ihre Hilfe angeboten. Ihre Unterstützung. Niemand wird ihn dir wegnehmen.“

Er schluckt und nickt. Seine Hand findet ihren Weg in sein Haar. Und plötzlich fühlt er sich zu alt, zu ausgelaugt, um noch aufrecht stehen zu können. Er sehnt sich nach Ruhe. Nicht das abartige Schweigen von Ian, doch einfach nur Friedlichkeit. Kein zu schwerer Wunsch, doch für ihn schon immer unerreichbar.

Mandy sieht ihn eindringlich an. Nicht bohrend, nicht abwertend, einfach nur aufmerksam. „Du weißt jedoch nicht, wie hart es werden kann.“

Er schüttelt den Kopf, weil sich diese Frage nie stellt. Selbst jetzt nicht. „Er ist es wert.“

Da huscht ein Lächeln über ihre trockenen Lippen und er macht sich die Mühe, sie zum ersten Mal an diesem Tag wirklich anzusehen. Da ist eine weitere Hand um seiner Kehle, als er den neuen Bluterguss unter ihrem Augen sieht. Eine weiter Angelegenheit die auf seine Zu-Tun-Liste kommt, die er aber noch nicht abhaken kann, weil sich Mandy im fröhlichen Lala-Land befindet und für sie momentan Verleugnung besser anfühlt, als Handeln. Es ist okay. Zumindest für den Moment. Doch wird der sich ändern.

„Es gibt eine Selbsthilfegruppe. Soll ich… soll ich da anrufen? Vielleicht können die…“

Er nickt, noch bevor sie überhaupt zu Ende spricht. „Yeah. Der Doc war keine wirkliche Hilfe. Eine Ferndiagnose ist nicht sein Spezialgebiet. Wir kriegen erst dann Medikamente für ihn, wenn er ihn auch gesehen hat. Dämlicher Wichser.“

„Aber der hat schon kapiert, dass er das Bett nicht verlässt? Ich mein… depressiv und der ganze Scheiß.“

„Yeah, die Antwort blieb die selbe.“

Mandy schnaubt, dreht sich um und greift nach dem Telefon. „Scheiße. Okay, ich ruf bei der Selbsthilfegruppe an. Der Typ ist sicherlich nicht der einzige.“

„Yeah.“

Und dem gibt es nichts hinzuzufügen. Er dreht sich um, steuert die Schlafzimmertür an, die er manchmal nicht mal ansehen kann. Er öffnet sie und der Geruch von abgestandener Luft und ungewaschener, schwitziger Haut schlägt ihm brutal entgegen. Er rümpft die Nase, muss den Drang niederdrücken, dass Fenster aufzureißen. Und bleibt stattdessen einfach im Türrahmen stehen. Sieht einfach nur zu, wie die Form unter den Decken keine Regung zeigt. Seine Augen scannen den Rücken von Ian ab, die sanfte Linie von seiner Schulter, die schwungvoll in seine Hüfte übergeht.

Er schluckt die Schwäche runter, die aus seiner Kehle kriechen will. Verdrängt die Erinnerungen daran, dass sie noch vor wenigen Tagen miteinander gelacht haben, in diesem Bett gefickt haben. Das Ian ihn jede Nacht gehalten hat und sie auch genauso aufgewacht sind. Er vermisst das Ian sich einfach über ihn legt, seine Nase in seinen Nacken vergräbt, während er mit Ians Haar spielt. Er vermisst vieles, aber vor allem Ians lächelndes Gesicht, wenn er das erste ist, was er am Morgen sieht.

Yeah, schnulzig, dass weiß er. Nur ist es ihm scheißegal.

Er nimmt einen tiefen Atemzug und geht auf das Bett zu. „Hey, Mann, ich hab dir ’ne beschissene Hühnerbrühe mitgebracht. Unten von… ach, Scheiße, du weißt schon; der Schuppen in dem sie die Waffeln haben, die du so gerne isst. Ich hab gehofft… Iss sie einfach, okay, Ian? Wenigstens ein bisschen Suppe.“ Er stellt sie auf den Nachtisch neben Ians regloser Staue. Er sieht ihn an, nur sein Kopf lugt unter der Decke hervor. Doch da ist keine Regung. Kein blinzeln, kein zucken. Nichts, außer stoischer Starre.

Er hockt vor dem Bett, der schwache Schein der Sonne, die es schafft hinter den Vorhängen durch zu blinzeln, in seinem Rücken. Diesmal schafft er es jedoch nicht die Schwäche unten zu behalten, sie frisst sich nach oben. Unaufhaltsam. „Ist es meine schuld? Ist es… wegen irgendwas… Ian?“

Keine Antwort. Er hat auch keine erwartet. Stößt geschlagen den Atem aus, nickt und hebt die Hand. Seine Finger zittern, als sie sich auf das Laken legen. Nur wenige Zentimeter von Ians Arm entfernt. Er hat schon lange den Versuch aufgegeben, ihn zu berühren.  

„Okay. Es ist okay.“ Seine Stimme zittert, nur spielt es keine Rolle. Nicht hier. Nicht in dem Halbdunkel aus stummen Schreien. „Deine Schwester war hier. Sie quatscht immer noch von ’ner Anstalt. Sie ist dein Vormund, Mann, und ich… Gott, Ian.“

Sein Atem kommt zitternd, er kann kaum die Tränen runter schlucken, die in seinen Augen brennen. Er hat keine Angst davor zu weinen. Nicht vor Ian. Er hat nur Angst davor, dass er nicht mehr aufhören kann.

Setzt bemüht gefasst nach, auch wenn das nur eine Lüge ist, „Willst du das? Würde dir das helfen? Ich werd nicht zulassen, dass sie dich mitnimmt, so lange ich nicht weiß, dass es das ist, was du willst, was dir wirklich hilft. Du sollst nicht etwas tun müssen, was du nicht willst. Nur ich brauch hier ’n bisschen Hilfe, Mann. Nur ein Wort. Eine beschissene Handbewegung. Irgendwas. Ian… bitte.“

Er betrachtet ihn eingehend. Für Stunden wie es sich anfühlt. Doch nichts kommt. Er streicht sich über die Stirn, schließt die Augen und lässt seine Stirn gegen die Matratze fallen. In diesem Augenblick versteht er Ian. Will sich genauso wie er verstecken. Mit ihm unter die Decke kriechen und nie wieder aufstehen. Nur so einfach ist das nicht.

Er pumpt seine Lungen voll mit Luft, hebt den Kopf und tätschelt das Laken.  Als er sich auf die Füße stemmt, ist das Zimmer erfüllt von einem rasselnden Atemzug.

Er stockt, starrt hinunter zu Ian, dessen Augen auf ihm ruhen. Leblos. Erschöpft. Dumpf. Seine Lippen bewegen sich und er ist sich sicher, dass er ihn nur deswegen hören kann, weil er die Luft anhält. Weil jedes Geräusch aufgesaugt wurde.

„Okay.“ So simpel.

„Okay? Okay, zu was?“ Er hockt wieder vor ihm und diesmal wagt er es und vergräbt seine Hand in strähniges, rotes Haar.

Ian schluckt. Selbst dieses eine Wort scheint ihm unglaublich viel Kraft zu kosten. „Anstalt.“

„Bist du dir sicher?“

Plötzlich sind da Tränen. Intensivieren das Grün seiner Augen. „Du wirst mich hassen.“

Er kann die Risse in seinem Herzen mit einem hastigen Lächeln überspielen. „Was? Nein, wie kommst du darauf?“

„Du wirst gehen.“ Ians Lider flattern, als er seinen Kopf in das Kissen dreht, sich vor ihm verstecken will.

Nur er lässt das nicht zu. „Nein. Nein, werd ich nicht. Niemals. Es sei denn, dass ist es, was du willst. Aber nicht eher. Nicht nach allem.“

„Es tut mir so leid.“

Und damit kann er die Splitter nicht mehr unter Kontrolle halten. Suchen sich ihren Weg, genauso wie die Tränen auf seinen Wangen. „Sch… Hey, nein. Nicht deine Schuld, Ian. Es ist nicht deine Schuld.“

Und wie sollte er ihm die schuld an etwas geben, was sein Verstand nicht kontrollieren kann? Es ist wahrscheinlich nicht mal Monicas schuld, auch wenn er der Meinung ist, dass sie ihn besser hätte vorbereiten müssen. Sie alle besser vorbereiten müssen.

Er ist nicht dämlich. Er weiß, dass Ians Behandlung kein verdammter Spaziergang wird. Nicht für ihn und auch nicht für diejenigen, die sich um ihn sorgen. Er will nicht seine Zweifel an die Oberfläche lassen. Will glauben, dass Fiona weiß, was sie da tut. Genauso wie Ian. Denn im Gegensatz zu scheinbar allen anderen, traut er ihm noch so viel Zurechnungsfähigkeit zu, dass er seine eigenen Entscheidungen treffen kann.

Doch er ist nicht dumm. Er weiß ganz genau, was er in Ians Augen gesehen hat. Angst. Nackte Panik. Er kann nur nicht sagen, ob sie da ist, weil er nicht weiß, was ihn an diesem Ort erwarten wird, oder was er aus ihm machen wird. Denn er ist nicht verrückt. Nicht durchgeknallter als sie alle. Sie brauchen wohl etwas Wahnsinn, um die Southside zu überleben. Für ihn ist das nicht schlimm, nur Ian fürchtet sich vor einer anderen Art Wahnsinn, die er ihm nicht nehmen kann. Es nur zu gerne will.

Jesus, wie sehr er es doch will.

Nur kann er es nicht. Er kann nur hoffen, dass er wirklich das richtige tut. Das Ian weiß, auf was er sich da einlässt. Er hätte sich um ihn gekümmert. Sein letztes Hemd für ihn gegeben. Seine Eier. Alles, was er auch nur verlangt. Doch Ian zieht die Notbremse. Für ihn ist das Beweis, dass er noch nicht so weit abgedriftet ist, wie alle befürchtet.

Ihm geht es nicht um stolz. Darum, seinen Kopf durchzusetzen oder aufzugeben. Ians Familie hat ihn aufgegeben und nun versuchen sie, die Trümmer aufzuräumen. In seinen Augen machen sie einen lausigen Job damit. Denn für ihn, war das Sperrgebiet real. War es sein Zuhause. Er hat sein Verhalten  gesehen, hat nicht kapiert, wie er von null auf hundert springen kann und wieder zurück. Er wusste einfach nicht, womit er es zu tun hatte. Doch sie wussten es. Nur haben sie nichts getan. Er hasst sie dafür und fühlt sich im recht damit. Ian sieht es nicht so. Natürlich. Doch die Gallaghers haben schon immer zu leicht vergeben. Er jedoch nicht. Er ist nicht gut darin und manchmal ist Vergebung einfach nicht angebracht. Nicht verdient.

Lip und Fiona können seinetwegen in der Hölle schmoren. Er hält das Maul und seine Fäuste in Schach einzig wegen Ian. Er braucht nicht auch noch diesen Mist auf seinen Haufen. Er arrangiert sich damit, ihn gehen zu lassen. Hofft, dass es nicht für ewig ist und es nicht alles verändern wird. Er nicht die Augen davor verschließt, dass es jemals wieder so wird wie früher, doch er einfach nur betet, dass Ian die Hilfe bekommt, die er verdient und auch braucht. Er am Ende dieses beschissenen Seelenstriptease auf ihn wartet und hofft, dass Ian ihn dann noch immer will. Denn er kann nicht aufgeben. Nicht im Bezug auf ihn.

Das Leben ist ein Miststück und sie sieht andere gerne leiden. Er weiß es nur zu genau. Und Ian ebenfalls. Das hier ist nur ein weiteres Spiel für sie. Nur hat er vor, dieses zu gewinnen. Schon alleine wegen Ian.

Denn er ist es wert. Alles.

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