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So einfach

von Makio
GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Taichi "Tai" Yagami und Agumon Yamato "Matt" Ishida und Gabumon
28.04.2014
04.09.2014
92
315.095
3
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9 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
28.04.2014 3.636
 
Teil 1: Kein einfacher Anfang
Teil 2: Einfach so
Teil 3: So einfach
Teil 4: Ein einfaches Ende

Disclaimer: Die Rechte an Digimon liegen bei Toei Animation und ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte. Die Liedtexte von "Nur ein Tag", "Du fragst nicht mehr" sowie "Die Welt kann warten" gehören Zeraphine. Mit der Verwendung möchte ich keinerlei Urheberrechte verletzen.

So einfach

Die Abartigkeit meiner selbst wird mir wieder einmal deutlich bewusst, als ich die Narben auf meiner Haut betrachte. Finde ich sie schön? Oder abstoßend? Jedenfalls erinnern sie mich. Daran, dass ich leben will. Dass es immer weitergeht. Aber geht es das wirklich? Oder ist am Ende doch alles sinnlos? Sicher, denn es ist egal, was wir tun. Das Ende ist immer das gleiche.
Es klingelt. Schwerfällig erhebe ich mich von meinem Bett. Ich schaue zur Uhr. Das wird Tai sein, wie immer um diese Zeit. Wie jeden Tag.
Ich überlege kurz, mir ein Hemd überzuziehen, lasse es aber. Tai ist den Anblick meines Körpers schon gewohnt. Und ich mag es, wenn seine Augen mich immer wieder unbewusst mustern, um die Zeichen, seine Zeichen, zu betrachten.
Langsam gehe ich den Flur entlang. Bedächtig, um das Pulsieren in meinem Kopf nicht zu verstärken.
Als ich die Tür öffne, schaue ich direkt in die braunen Augen Tais. Schnell senke ich den Blick.
„Komm rein.“ Ich wende mich ab und gehe in die Küche, um Kaffee zu kochen.

„Danke.“ Die Antwort von Tai kommt automatisch, als ich ihm die Tasse reiche. Dann schließe ich die Tür meines Zimmers, setze mich auf den Stuhl an meinem Schreibtisch und versuche beschäftigt zu wirken. Mein Freund hat auf dem Bett Platz genommen, wie immer. Ich spüre seinen Blick in meinem Rücken. Es macht mich irre, doch ich sage nichts.
Das Ticken der Uhr scheint immer lauter zu werden. Unerträglich laut. Angespannt stehe ich auf und schalte den CD-Player ein.


Zwischen mir und den Tagen dieser Ewigkeit
Versperren Mauern mir den Weg
Wenn nichts als Leere übrig bleibt
Erinnerung, Besessenheit
Auf der Suche nach dem zweiten Ich verbrannt


„Mach es aus!“, schreit Tai mich plötzlich an. Ein Schauer durchfährt meine Glieder und ich drehe mich langsam zu ihm um. Seine Augen fixieren mich. In seinem Gesicht spiegelt sich unendlicher Schmerz wider.
Ich schalte die Musik ab und lasse ihn in meinem Zimmer allein zurück.

Der Kopfschmerz wird stärker, als ich schwer atmend die Küche betrete. Was war das gerade? Weshalb hat er mich so angesehen? Gefühle. Verdammt, warum waren da Gefühle? Ich darf es nicht zulassen, nicht noch einmal. Weder von meiner noch von seiner Seite. So einfach ist es nicht. Ich kann ihn nicht lieben. Er kann mich nicht lieben. Wir sind nicht fähig zu solchen Gefühlen. Wir sind zu gar keinen Gefühlen fähig und doch spüren wir so unendlich viel. Es tut weh. Ich will es töten. Alles in mir. Jeden noch so kleinen Schmerz, jedes Gefühl. Und doch will ich fühlen. Ich will nicht tot sein. Nicht innerlich, wenn die Hülle noch lebt.
Ich spüre das Pulsieren in meinen Adern. Es macht mich wahnsinnig, doch es gehört zu mir. Ich identifiziere mich damit. Ohne wäre ich unvollständig. Genau wie ohne Tai. Er ist wie ein Teil von mir. Wie krankhaftes Gewebe, wie befallene Organe, die man dennoch zum Leben braucht. Man lernt, mit der Behinderung umzugehen, mit ihr zu leben. Sie gehört dazu. Sie macht einen aus. Man selbst ist die Krankheit. Vielleicht ist sie heilbar. Das faule Fleisch operativ entfernbar. Aber dann wäre man nicht mehr man selbst. Ich wäre nicht mehr ich.

Ich betrete das Badezimmer und drehe hinter mir den Schlüssel im Schloss. Meine Hände zittern. Ich bekomme kaum Luft. Es fühlt sich an, als würde mir jemand die Kehle abdrücken. Mir wird schwindelig und ich sacke langsam zu Boden. Ich spüre die kalten Fliesen an meinen Beinen. In meinem Kopf hämmert es immer lauter und ein Rauschen in meinen Ohren vernebelt meinen Verstand. Vor meinen Augen verschwimmt das Bild. Ich versuche nach etwas zu tasten, das mir Halt geben könnte. Meine Finger bekommen das Waschbecken zu greifen, an dem ich mich mühsam hochzuziehen versuche. Meine Beine drohen nachzugeben, aber ich schaffe es, mich einigermaßen aufrecht zu halten. Mein Blick hebt sich und starrt nun genau auf mein Spiegelbild. Die Lippen sind spröde, eingerissen und genauso weiß wie der Rest des ausgemergelten Gesichtes. Die blonden Haare hängen strähnig und ungekämmt herunter. Ein erbärmlicher Anblick.
Ich ertrage mich selbst nicht und wende mich angewidert ab.

Als ich mein Zimmer wieder betrete, ist mein Freund nicht da. Wahrscheinlich ist er gegangen. Erschöpft lasse ich mich auf mein Bett fallen. Tai. Verdammt! Schon wieder Tai. Warum beherrscht er in letzter Zeit so oft meine Gedanken? Ich will das nicht! Ich will nicht seine Geisel sein! Es darf keine Abhängigkeit entstehen. Abhängigkeit macht schwach und ich will nicht schwach sein! Aber ist es dafür nicht längst zu spät? Bin ich durch ihn nicht schon viel zu verletzlich? Ist er nicht schon viel zu tief in mich eingebrannt? Wie ein Stigma? Ich muss…
Durch ein Klopfen an meiner Tür werde ich aus den Gedanken gerissen. Tai? Ist er doch nicht gegangen? Ich quäle mich aus dem Bett und öffne.
„Papa.“ Ich schaue ihn verwirrt an. Er sollte doch eigentlich geschäftlich unterwegs sein, warum…
„Yamato.“ Er sieht mich besorgt an. „Bist du krank? Du siehst schlimm aus.“
„Was willst du hier?“
„Na hör mal, ich wohne hier schließlich.“ Sein Blick verfinstert sich. Ich habe jetzt keine Lust auf Grundsatzdiskussionen, schiebe mich an ihm vorbei in den Flur und ziehe Stiefel und Mantel an.
„Wohin willst du?“
„Raus“, sage ich knapp, nehme meinen Schlüssel von der Kommode und lasse die Tür hinter mir ins Schloss fallen.


Ich hab keine Angst in der Dunkelheit, die mich umgibt
Hier kann man die Tränen gar nicht sehen
Die Wellen brechen über mir
Am Meeresgrund lauf ich zu dir
Ich such nicht mehr und dennoch find ich dich


Der Text des Liedes, welches Tai vorhin zur Verzweiflung gebracht hat, geht mir durch den Kopf. Die Straßen sind ziemlich leer, obwohl gerade erst die Dämmerung einsetzt. Wahrscheinlich ist es den Leuten zu kalt und sie machen es sich lieber in ihren Wohnungen gemütlich. Ich mag die Kälte. Ich habe kein bestimmtes Ziel. Was sollte ich auch für eines haben? Es ist wie im Leben. Man braucht keine Ziele, um das zu erreichen, was letztlich alle erreichen. Der Tod kommt so oder so. Er ist für alle unausweichlich. Ob ich nun ein tolles Leben mit vielen Zielen und ehrenwerten Tätigkeiten habe oder ob ich ein Niemand bin… wen interessiert das? Es ist irrelevant. Wenn man stirbt, war es das. Es gibt kein Leben danach, keine Wiedergeburt oder dergleichen. Wir verfaulen in unseren Särgen unter der Erde oder werden gleich verbrannt. Und wir bekommen es noch nicht einmal mehr mit. Also, wozu das ganze Theater im Leben? Für andere? Für mich selbst? Tai. Ich… Nein!
Gewaltsam hole ich mich aus meinen Gedanken. Ich will nicht an ihn denken müssen.
Meine Schritte führen mich direkt in eine Seitengasse. Nach einigen Metern bleibe ich stehen und lehne mich erschöpft gegen die Mauer. Ich schließe meine Augen. Einige Straßengeräusche dringen an meine Ohren, hin und wieder vernehme ich Worte von Menschen, die sich unterhalten oder telefonieren. Ich zittere und merke, wie meine Beine allmählich nachgeben. Langsam rutsche ich die Mauer entlang nach unten. Mir ist schwindelig und schlecht. Meine Gedanken kreisen immer schneller und schneller. Ich kann ihnen nicht mehr folgen. Sie werden lauter. Ein Rauschen in meinen Ohren. Es dringt in meinen Kopf. Es sticht. Es pulsiert. Ich versuche, die Augen offen zu halten. Sind sie offen? Punkte. Überall Punkte. Sie tanzen. Sie werden größer. Und schwärzer. Meine Kehle. Ich will etwas sagen. Sie brennt. Es schmerzt. Trocken. Alles trocken. Kein Laut kommt hervor. Nichts. Ich versuche zu schlucken. Etwas hindert mich. Jemand hindert mich. Tai.

Taubheit. Etwas anderes spüre ich nicht. Langsam öffne ich die Augen. Wie viel Zeit ist wohl vergangen? Wie lange sitze ich bereits in dieser gammeligen Gasse? An die Wand des baufälligen Hauses gelehnt? Ein Haus, welches überflüssig ist, allenfalls das Gesicht der Stadt verschandelt. Es ist mir so ähnlich. Wir beide warten darauf, endlich erlöst zu werden und aus dem Bewusstsein der Menschheit zu verschwinden. Doch wie ihm wird es auch mir verwehrt.
Ich versuche meine Beine zu bewegen, um aufzustehen. Ich spüre sie nicht. Die Kälte hat sich bis zu meinen Knochen durchgenagt. Bedächtig lege ich den Kopf in den Nacken und blicke erschöpft nach oben. Der Himmel ist grau bedeckt und vereinzelt tänzeln Schneeflocken gen Erde. Diese Leichtigkeit habe ich schon immer beneidet. Unbeschwerte Freiheit. Grenzenlosigkeit. Und doch auch diese Kälte und Leblosigkeit, ebenso wie ich sie fühle. Sanfte Atemwölkchen gesellen sich zu dem Bild, welches sich meinen Augen bietet. Doch sie haben keine große Lebensspanne, denn sie lösen sich nach kurzer Zeit in Nichts auf und machen den Weg für neue frei. Es ist ein Kommen und Gehen. Leben und Sterben. Kein Kampf um Existenz. Keine kläglichen Versuche, etwas zu leisten, unvergesslich zu werden. Wozu auch. Eine gleicht der anderen. Und selbst wenn nicht, so erfüllen sie doch keinen bestimmten Zweck für das Bestehen des Universums. Sie entstehen ungefragt, lautlos und genauso gehen sie auch.
„Yama…“
Eine Stimme dringt unwirklich an mein Ohr. Wie in Trance senke ich meinen Blick und drehe meinen Kopf in die Richtung, aus der mein Name gerufen wurde. Tai. Verdammt.
„Was tust du denn da? Willst du erfrieren?“ Er schaut mich vorsichtig besorgt an. Keine schlechte Idee, aber diese Methode ist mir den Erfolg betreffend zu unsicher. Aber warum ist er hier? Warum ausgerechnet er? Ich will ihn nicht sehen. Ich darf ihn nicht sehen!
„Was willst du, Taichi?“ Meine Stimme klingt härter als beabsichtigt, woraufhin er leicht erschreckt und mich dann verzweifelt ansieht. Ich kann den Schmerz in seinen Augen lesen, doch es ist zu spät.
„Lass mich einfach in Ruhe. Ich kann dich nicht mehr ertragen. Deinen Anblick, deine Nähe, deinen Geruch, deine Berührungen, deine Stimme… all das kotzt mich an. Verstehst du? Du hinderst mich am Leben. Du erdrückst mich, nimmst mir die Luft zum Atmen… ich…“
„Nein!“ Ich sehe Tränen in seinen Augen. „Das ist nicht wahr! Das bist alles nur du selbst! Wach endlich auf, verdammt!“ Bei diesen letzten Worten dreht er sich weg. Langsam und recht wackelig setzt er sich in Bewegung und mit jedem Schritt entfernt er sich weiter von mir… bis ich ihn aus den Augen verliere.

Mit zitternder Hand versuche ich die Wohnungstür zu öffnen. Es brennt noch Licht, das bedeutet, mein Vater ist noch wach. Es ist spät geworden, denn ich saß noch eine gefühlte Ewigkeit an diesem maroden Haus. Ich hatte gehofft, dass ich meinem Vater nicht mehr begegnen würde, wenn ich in der Nacht erst nach Hause käme. Ich versuche mich unbemerkt in mein Zimmer zu schleichen, doch ich höre Bewegung im Wohnzimmer.
„Wo warst du so lange?“, fragt er übertrieben streng.
„Das geht dich nichts an.“
Bestimmt kommt er auf mich zu und stellt sich mir in den Weg. Er erhebt die Hand. Ich schaue ihm provozierend in die Augen und warte auf den süßlich bitteren Schmerz.
„Nimm ein heißes Bad, sonst erkältest du dich. Deine Lippen sind ganz blau und du zitterst.“ Er senkt die Hand, dreht sich um und geht ohne ein weiteres Wort zurück ins Wohnzimmer. Ich hatte mein Zittern nicht wahrgenommen, sonst hätte ich es vor ihm verborgen. Ich hasse es, wenn man mir Schwäche anmerkt. Ich hasse mich, wenn ich Schwäche zeige. Ich hasse mich, weil ich schwach bin. Ich hasse mich, weil ich ich bin.

Die ersten Sonnenstrahlen fallen auf mein Gesicht, als ich die Augen öffne. Benommen blicke ich auf meinen Wecker. Zu früh, um aufzustehen. Eigentlich will ich gar nicht mehr aufstehen. Wozu auch? Ich drehe mich um und ziehe die Decke über meinen Kopf. Wenn ich lange genug so liegen bleibe, ersticke ich vielleicht irgendwann. Unsinniger Gedanke. Ich hasse meine Gedanken. Tai. Seine Worte kreisen mir noch immer im Kopf herum. Im Grunde weiß ich, dass er Recht hat. Mich macht wütend, dass er es auch weiß. Mich macht wütend, dass er es laut ausgesprochen hat. Was soll ich jetzt tun? Es einfach zu ignorieren ist nicht möglich. Dabei wollte ich ihn nicht mehr sehen, nie wieder an ihn denken. Doch mit diesen Worten hat er mich an sich gebunden. War es das, was er damit bezweckte? Ist er wirklich so berechnend? War sein Verhalten bisher nur Fassade?
Ich stehe auf und schalte meinen CD-Player ein. Vielleicht hilft mir die Musik, meinen Gedanken Einhalt zu gebieten. Zurück im Bett ziehe ich die Decke wieder über meinen Kopf und lausche den Klängen des Musikstückes.


Der Abgrund, so nah und es hämmert in deinem Kopf
Du spürst nur noch die Kälte unter deiner Haut

Doch auch der Sturm verweht die Gedanken nicht
Den lebenslangen Kampf
Und auch der Regen löscht die Tränen nicht
Und dein Gesicht verbrennt - es brennt

Du wagst nicht, dich zu bewegen, dein Herzschlag verlangsamt sich
Die Stunden vergehen, doch es bleibt kalt

Doch auch der Sturm verweht die Gedanken nicht
Den lebenslangen Kampf
Und auch der Regen löscht die Tränen nicht
Und dein Gesicht verbrennt

Du fragst nicht mehr, was sollte sich jetzt noch ändern?
Du fragst nicht mehr, denn du trägst die Antwort in dir

Du kannst nichts mehr hören, das Rauschen ist längst verstummt
Dein Körper gespalten - fast alles bleibt

Du fragst nicht mehr, was sollte sich jetzt noch ändern?
Du fragst nicht mehr, das Blatt kann sich nicht mehr wenden
Du fragst nicht mehr, welchen Weg du gehen sollst
Du fragst nicht mehr, denn du trägst die Antwort in dir


Die Antwort. Ich kenne sie schon lange, doch richtig gestellt habe ich mich ihr nie. Ansätze waren immer da, kurze Überlegungen und Impulse, aber es hat nie gereicht. Wollte ich nicht? Konnte ich nicht? Was spielt das jetzt noch für eine Rolle. Letztlich wusste ich doch immer, dass es unvermeidbar sein würde. Das Ende ist immer das gleiche, ob ich mich diesem nun stelle oder nicht. Es gibt kein Entkommen, also kann ich mich dem ebenso gleich ergeben. Zu verlieren habe ich nichts, außer meinem Leben. Aber darin liegt ja auch der Sinn. Sinn… wenigstens am Ende gibt es so etwas wie Sinn. Also liegt der eher im Tod als im Leben? Den Platz für jemand anderen freimachen, niemandem mehr zur Last fallen… sich selbst nicht mehr quälen, ist das letztlich der einzige Sinn? Wozu werden wir dann geboren? Der Sinn des Lebens liegt darin, zu leben. Schöne Worte, doch ich verstehe sie nicht. Ich kann sie nicht umsetzen, so sehr ich auch wollte. Und ich wollte wirklich. Jetzt bin ich zu erschöpft, um noch irgendetwas zu wollen. Alles ist taub. Das Pulsieren in meinem Kopf ist verschwunden. Leere. Kein Gedanke. Ich bemerke noch nicht einmal, wie ich mich aus meinem Bett erhebe und mein Zimmer verlasse. Auch nicht, wie mein Vater in den Flur schaut und mir etwas zuruft. Ich sehe nichts, ich höre nichts, ich spüre nur eine unbeschreibliche Leichtigkeit. So fremd und doch so sanft umhüllend. Es ist, als könnte ich zum ersten Mal frei atmen. Als würde ich zum ersten Mal fühlen. Fühlen, was es bedeutet, glücklich zu sein.

Eine weiße Zimmerdecke. Kahle Wände, von denen der Putz beginnt abzublättern. Trostlos, steril. Seit Wochen der gleiche Anblick. Tag für Tag. Ich liege auf meinem Bett und starre ins Nichts. Es ist einer der wenigen Momente, in denen ich ein paar Minuten für mich habe. Mein Zimmernachbar nutzt den Ausgang, um ein paar Dinge in der Stadt zu erledigen. Ich möchte gerade etwas Musik anschalten, weil ich die Stille nicht mehr ertrage, als es an der Tür klopft.
„Herr Ishida, Besuch für Sie.“ Hinter der Stationsschwester betritt Takeru, mein kleiner Bruder, den Raum. Mit den Worten „bitte vergessen Sie nicht, dass die Besuchszeit in einer halben Stunde endet und Besuch auf den Zimmern eigentlich nicht gestattet ist“ verlässt sie den Raum wieder und schließt die Tür hinter sich.
„Immer wieder freundlich!“ Takeru schaut ihr grimmig hinterher. Dann wendet er sich mir zu.
„Wie geht es dir heute?“
Ich schweige und drehe meinen Kopf weg. Draußen vor dem Fenster sehe ich Schneeflocken tanzen. Es ist noch immer Winter, dabei kommt es mir wie eine Ewigkeit vor, die ich hier bereits eingesperrt bin. Das ist meine Strafe, weil ich zu schwach war. Weil ich versagt habe. Wieder einmal. Wie so oft. Ich bin nicht fähig zu leben, aber sterben kann ich auch nicht. Wozu bin ich nütze? Wieso gibt es mich überhaupt? Ich habe Tai seit damals in dieser Gasse kein einziges Mal mehr gesehen. Habe ich Sehnsucht nach ihm? Oder ist es dieselbe Abhängigkeit wie damals? Hat sich denn nichts geändert? Ist noch alles wie zuvor? Wofür das alles dann? Wenn es letztlich doch umsonst war…
„…to! Yamato!“ Die Stimme meines Bruders reißt mich aus diesen Gedanken. Ich drehe meinen Kopf und schaue ihn an. Seine Augen sehen traurig zu mir. Er mustert mein Gesicht. Als wollte er etwas sagen, öffnet er den Mund, doch ohne ein einziges Wort schließt er ihn wieder. Dann steht er auf und öffnet die Zimmertür. Mit einem Blick zurück sagt er: „Ich komme morgen wieder.“


Ein weißer Raum
Die Gedanken unerkannt
Ein Hauch von Dir verdrängt die Nacht in mir
Vergänglichkeit rinnt durch meine Hand
Abgesehen vom Vergessen ist nichts, was bleibt
Was bleibt?
Ist der Morgen noch unendlich weit?
Die Welt kann noch warten
Im Zwang ihrer selbst
Besteht die Zeit nur aus Narben an mir
Wozu gibt es Ewigkeit?
Die Welt kann noch warten
Im Wahn, ungestört
Besteht die Zeit nur aus Narben an mir
Wozu gibt es Ewigkeit?
Dein eigenes Bild
Im Spiegel unbewegt
Die Stimme lautlos in meinem Kopf
Ein Meer versiegt
Und man ertrinkt darin
Abgesehen von der Zeit ist nichts, was bleibt


Ich öffne meine Augen, entferne die Kopfhörer aus meinen Ohren und setze mich langsam auf. Es ist dunkel im Zimmer, sodass ich nur Konturen wahrnehmen kann. Meine Gedanken sind bei Tai. Ein Traum mit ihm. Mit uns. Von der Vergangenheit. Aber irgendwie auch nicht. Ich stehe auf, gehe ins Bad und wasche mein Gesicht mit kaltem Wasser. Es nervt, dass selbst die Badzimmertür nicht abschließbar ist. Nach dem Abtrocknen verlasse ich das Bad und gehe leise aus dem Zimmer. Ich gehe nach vorn zum Schwesternzimmer. Die Nachtschwester bemerkt mich erst nach einer kurzen Weile und schaut mich fragend an.
„Herr Ishida? Können Sie nicht schlafen?“
„Doch… naja, nicht so richtig.“
„Albträume?“
„Nein, eigentlich nicht.“
„Ich schließe Ihnen erst einmal den Aufenthaltsraum auf und mache Ihnen einen beruhigenden Tee. Setzen Sie sich schon hinein.“
„Danke“, sage ich und leiste Folge. Normalerweise stehe ich in der Nacht nicht auf. Selbst, wenn ich nicht schlafen kann oder wirklich schlecht träumte. Doch dieser Traum von Tai… und mir… er hat mich ziemlich aus der Bahn geworfen. Ich konnte nicht in diesem Zimmer bleiben. Allein mit meinen Gedanken und… Gefühlen?
„So, hier ist Ihr Tee. Lesen Sie etwas oder lösen Sie Rätsel. Das macht meist müde. Falls Sie etwas brauchen, wissen Sie, wo Sie mich finden. Wenn Sie wieder ins Bett gehen, geben Sie mir bitte Bescheid.“
Ich nicke, habe aber nur zur Hälfte zugehört. Meine Gedanken kreisen in meinem Kopf. Die Stimmen werden lauter und ein unbändiges Verlangen beginnt in mir aufzusteigen. Ich fasse mir an die Schläfen und massiere sie etwas, doch es nützt nichts. Mein Blick irrt suchend im Raum umher. Die Wirklichkeit scheint zu verschwimmen, das Sichtfeld verengt sich, alles scheint sich aufzulösen, zu verzerren, wird größer und kleiner, lauter und leiser, wie in Watte gepackt, verschleiert und doch unglaublich klar… ein lautes Klirren beendet den Wahnsinn.
Ich schaue hinab auf meine Hand, dann zur Glasscheibe der Tür, die in tausend Scherben zersprungen ist. Ich höre die eiligen Schritte der Schwester, sie kommt auf mich zu.
„Herr Ishida!“ Sie packt mich am Arm. „Herr Ishida!“ Sie dreht mein Gesicht in ihre Richtung. Dann zieht sie mich in Richtung des Schwesternzimmers. „Setzen Sie sich, Herr Ishida! Ich rufe den diensthabenden Arzt.“
Ich komme der Aufforderung nach, setze mich und starre abwesend zu Boden. Was ist passiert? Meine Erinnerungen sind verschwommen. Mein Kopf dröhnt und ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Am Rande bekomme ich mit, wie der Arzt erscheint, die Schwester ihm die Sachlage erklärt und er sich dann an mich wendet.
„Zeigen Sie mir bitte Ihre Hand, Herr Ishida.“
Ich reagiere nicht.
„Herr Ishida! Können Sie mich hören, Herr Ishida?“
Ich sehe ihn an und doch sehe ich durch ihn hindurch. Ich spüre, wie er vorsichtig meine Hand begutachtet. Mit einer Pinzette entfernt er ein paar Glassplitter.
„Es muss geröntgt werden, um auszuschließen, dass noch Glassplitter in einer der Wunden sind.“

„Was ist passiert, Herr Ishida? Wieso haben Sie das getan?“
Ich antworte nicht.
„Ihnen ist klar, dass das Konsequenzen haben wird, Herr Ishida?“
Ich blicke auf und der Bezugstherapeutin direkt in die Augen.
„Sie hatten sich in den letzten Wochen doch schon einiges erarbeitet? Wieso solch ein Rückfall? Aber eigentlich sollte es gar kein Suizidversuch werden, habe ich recht, Herr Ishida? Was war der Auslöser für Ihr dysfunktionales Verhalten?“
Meine Augen bleiben an ihren haften.
„Also gut. Die Folgen kennen Sie, Herr Ishida. Time out für die nächsten 24 Stunden, danach kein Ausgang ohne Begleitung, ebenso Besuchsverbot, Ihre Verhaltensanalyse ist innerhalb der nächsten zwei Stunden im Schwesternzimmer abzugeben und zur nächsten Gruppensitzung vor den anderen Patienten vorzutragen, sowie Ihre positiven Sanktionen, die Sie umzusetzen haben. Haben Sie das verstanden, Herr Ishida?“
Ihr Blick scheint mich fast zu durchbohren.
„Herr Ishida!“
Ich schaue auf meine verbundene Hand. Die Wunden pulsieren etwas. Aber nur ganz leicht. Was war nur passiert? Ich hasse mich, ich hasse Tai dafür. Es ist alles seine Schuld.
„Ja“, höre ich mich leise sagen.
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