Eine Gegenrede auf „Eine Lobrede auf die Deutsche Sprache“

von Saakje
GeschichteAllgemein / P12
25.04.2014
25.04.2014
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Ich mag Sprache. Ich mag sie wirklich. Auch und gerade Deutsch – unter anderem, weil ich das einfach am besten kann.

Meine Ansicht dazu hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Als Kind war mir etliches davon egal. Mein Standpunkt war mit einem Satz leicht zusammenzufassen:
„Hauptsache, ich werde verstanden!“

Allerdings hat mir das Spiel mit der Sprache schon immer gefallen. Ich habe das Buch „Deutsch für Profis“ von Wolf Schneider in der 1. Auflage erstanden. Und das ist 1984 erschienen.

Dazu gebracht, dies in Worte zu fassen, hat mich der Artikel „Eine Lobrede auf die deutsche Sprache“ von Apfelmarmelade. (Quelle http://www.fanfiktion.de/s/5351599d00017c812e9365e6/1/Eine-Lobrede-auf-die-deutsche-Sprache)

Einer der Kritikpunkte, die Sprachpfleger oft bringen, ist die Rechtschreibung. Egal, ob sie die schlechte Rechtschreibung der Menschen bejammern oder die neue Rechtschreibung hassen. In einem stimme ich mit diesen Leuten überein: Rechtschreibung ist wichtig. Allerdings aus einem anderen Grund: Rechtschreibung dient dem Leser, da sie dabei hilft, ein Wort auf Anhieb zu erkennen!
Wenn ein Wort so richtig falsch geschrieben wird, hilft zu oft nur das laute Vorlesen (und sogar das funktioniert nicht immer). Das ist in dieser, unserer Welt, in der Texte üblicherweise stumm gelesen werden und wir nicht die Buchstaben entziffern, sondern Wörter als Ganzes erfassen, eine Zumutung für den Leser.

Rechtschreibung ist für ein vernünftiges Deutsch aber nicht notwendig. Sie gibt es erst seit etwa 150 Jahren – und auch davor gab es schon gepflegtes und schönes Deutsch. Das war möglich, obwohl selbst berühmte Leute nicht immer jedes Wort einheitlich geschrieben haben. Bei Albrecht Dürer hat man sich beispielsweise die Mühe gemacht herauszufinden, wie viele Schreibweisen er für seine Heimatstadt Nürnberg verwendete - es waren sage und schreibe 15 verschiedene! (vergleiche „Nürnberg um 1500“ https://lexikographieblog.wordpress.com/2013/10/23/nurnberg-um-1500/). Bei den meisten würde ich diesen Ort sofort erkennen, bei einigen wäre ich mir aber nicht sicher, ob es sich tatsächlich um den gleichen handelt.
Weitere Beispiele alter Schreibweisen sind im Artikel „eÿn trvmmer hawffe̅“ → https://lexikographieblog.wordpress.com/2013/11/15/eyn-trvmmer-hawffe%CC%85/ genannt. Bei etlichen verstehe ich, was da steht. Aber „treÿsig“ ist kaum zu erkennen, erst beim Vorlesen wird es verständlich.

Die Begründung, die so oft angebracht wird, finde ich daher witzig. Respekt vor der Sprache Goethes und Schillers? Nur, weil das, was wir sprechen, sich immer noch Deutsch nennt?
Goethe starb im Jahre 1832 und Schiller 1805. Damals gab es noch keine echte „Rechtschreibung“. Die ersten Orthographie-Vorschläge in Deutschland wurden 1788 veröffentlicht. Die ersten Beratungen fingen 1850 an. Das bedeutet schlicht: Goethe und Schiller kannten so etwas wie Rechtschreibung nicht.

Und falls doch: Dann müssten doch diese Sprachpfleger, die Goethe und Schiller als Vorbild haben, auch so schreiben! Ich nehme mal die ersten Zeilen vom „Urfaust“, zu finden unter http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/18Jh/Goethe/goe_uf01.html (Anmerkung: Leider ist es nicht möglich, den Link korrekt einzufügen).
Ich führe hier nur die Wörter auf, deren Schreibweise nicht dem Reim geschuldet sein können:
Philosophey, Juristerey, studirt, Thor, binn, heisse, Docktor, Krafft, Schweis, Im innersten (Anmerkung: klein geschrieben!), Würckungskrafft, Saamen, tuh.
Schiller schrieb auch nicht wie wir: Auf dem Titelblatt der „Räuber“ steht beispielsweise „Teutschland“ und „ohngefehr“. (Quelle http://de.wikisource.org/wiki/Die_R%C3%A4uber)

Wenn Änderungen in der Schreibweise des Teufels sind, warum ackern die Sprachschützer nicht Goethe und Schiller im Original durch, prüfen welche Wörter wie oft in welcher Schreibung auftauchen (nein, sie haben nicht jedes Wort immer gleich geschrieben. Was sie mit Namen können, geht mit anderen Wörtern auch) und verwenden dann nur diese?

Doch wie gesagt: Ich bin für Rechtschreibung. Ich finde sie (mittlerweile) wichtig. Nicht im Chat, nicht in einer formlosen Mail unter Freunden oder einer SMS. Aber Texte an Fremde oder Texte zum Aufheben (und ja – erst recht in Texten, die zur Veröffentlichung bestimmt sind) – da ist Rechtschreibung wirklich, wirklich wichtig!

Merke: Rechtschreibung zeugt von Respekt vor dem Leser!

Die Groß- und Kleinschreibung ist ein Teil der Rechtschreibung. Natürlich erleichtert sie uns die Orientierung innerhalb eines Satzes. Aber eher aus Gewohnheit. Ich behaupte einfach mal, dass englische Texte nicht schwerer zu lesen sind, obwohl sie völlig andere Regeln zur Groß- und Kleinschreibung folgen. Der Sinn dahinter ist für mich der Gleiche wie bei der Rechtschreibung: Wiedererkennbarkeit. Je schneller ich ein Wort wiedererkenne, desto schneller kann ich es lesen. Wenn es immer groß geschrieben wird, komme (nicht nur) ich ins Stolpern und benötige etwas länger, um den Sinn zu erfassen.
Würden bei uns plötzlich die gleichen Regeln wie im Englischen gelten, wäre da am Anfang eine Umstellung. Anfangs würde ich für einen Text wohl ewig brauchen, aber ich bin sicher, das verschwände rasch. Doch bisher sind wir nicht daran gewöhnt!

Merke: Groß- und Kleinschreibung erleichtert die Lesbarkeit!

Den Genitiv und andere Formen – nun ja, mir tut „dem Peter sein Auto“ auch weh. Ich bevorzuge „Peters Auto“ - ohne Apostroph natürlich. Gefühlte 99% der Apostrophe, die ich im Alltag sehe, sind falsch gesetzt und gehören einfach gestrichen. Manchmal würde ich alle diese Leute anrufen oder ansprechen, nur um das löschen zu lassen. Auch während der Arbeit befällt mich manchmal dieser Drang. Wenn ich beispielsweise den Stempel von Steffi’s Pflegeteam sehe oder mal wieder „100 verschiedene Tee's!“ auf einem Schild lesen darf. Mehr dazu unter http://typefacts.com/artikel/apostroph.
Oder auch bei Leerzeichen innerhalb eines Wortes! Leerzeichen dienen dazu, Wörter voneinander zu trennen. Innerhalb eines Wortes Leerzeichen, garniert mit Bindestrichen, zu verwenden … Ist doof der richtige Ausdruck dafür? „T - Shirts“ oder sogar „T - Shirt's“ anstelle von T-Shirts. Oder wie wäre es mit „Dr. Martin-Luther-King Weg“. Wobei mir Dr. Weg leid tut, ich möchte nicht „Martin-Luther-King“ mit Vornamen heißen.

Ich bekenne: An mir ist manchmal ein „Grammar-Nazi“ verloren gegangen!

Womit ich allerdings ein deutlich kleineres Problem habe, sind Anglizismen. Natürlich, ein damit gespickter Werbetext ist eine Zumutung. Wenn jedoch eine Börsennotiz von Börsianern für Börsianer damit übersät ist, halte ich es für das, was die Mediziner auch verwenden: Fachsprache. Solange es sich an Fachleute richtet, ist mir das gleichgültig. Erst, wenn derartige Fachleute erwarten, dass Laien es verstehen („weil es doch so heißt“), dann halte ich das für unverschämt. Wenn ein Mediziner seinem Patienten gegenüber von einer „Fractura colli femoris“ anstatt einer Schenkelhalsfraktur redet, ist das unangebracht.

Merke: Wer einem Laien gegenüber „Fachchinesisch“ verwendet, ist nicht toll sondern profilneurotisch!

Anglizismen haben aber auch im „normalen Deutsch“ außerhalb der Fachwelt ihre Berechtigung. Nur weil ein Wort aus einer anderen Sprache kommt, ist das nichts Schlimmes. Oft genug ist die Assoziation nicht identisch. Natürlich gibt es für Computer ein deutsches Wort: Rechner. Aber ich denke bei Rechner zuerst an einem Taschenrechner. Bei Computer (oder PC) nicht. Ein Wellness-Urlaub weckt auf ganz andere Vorstellungen als ein Entspannungsurlaub. Das Letztere kann auch einfach am Strand herumliegen bedeuten – das Erstere nicht. Bei einem Selfie denke ich an etwas völlig anderes als bei Selbstportrait. Skypen ist nicht das Gleiche wie Telefonieren. Es gibt nützliche und sogar notwendige Anglizismen. Dazu brächte ich nur die Kandidaten für den Anglizismus des Jahres aufzuzählen (siehe http://www.anglizismusdesjahres.de/). Nicht alle Fremdwörter sind schlimm. Was wäre schließlich ein Deutsch ohne Wörter wie Straße, Tee oder Papier?

Merke: Es gibt gute Anglizismen!

Daher: Wir alle, die wir die deutsche Sprache lieben, sollten sie pfleglich und mit Bedacht behandeln. Doch Veränderungen sind notwendig, denn die Welt verändert sich. Eine Sprache, die sich nicht mehr verändert, stirbt – ganz so wie das klassische Latein. Alles, was nach den alten Römern kam, kann damit nicht ausgedrückt werden (zumindest nicht, ohne neue Wörter zu erfinden).