Out Of The Past

GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P18
Gambit / Remy LeBeau Jubilee / Jubilation Lee Professor X / (Professor) Charles Francis Xavier Rogue / Mary D'Arcanto Sabretooth / Victor Creed Wolverine
24.04.2014
02.06.2016
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24.04.2014 10.809
 
Es war schon später Nachmittag und es dämmerte bereits, als sie vor einem schönen, verschnörkelten Eisengatter anhielten. Sie waren nicht – wie Lilith erwartet hatte – nach New York City gefahren, sondern nach North Salem, beziehungsweise hindurch. Die Stadt lag weiter nördlich im Bundesstaat New York. Sie befanden sich nun einige Kilometer außerhalb, direkt an einem großen See, der jedoch einige Meter unterhalb des Hügels war, auf dem ein Herrenhaus stand. Dieses riesige Haus mit einem noch riesigeren Garten erstreckte sich hinter dem Tor. Das ganze Anwesen war mit einer Mauer umschlossen und während sie davor standen öffnete sich das Gatter.
Mit offenem Mund starrte Lilith umher und war geblendet von der Schönheit des Geländes und des Gebäudes. Allein von der Location ließ es sich hier zu 100% aushalten.
Im Moment lag ein wenig Schnee, es war ja auch Winter, aber Lilith konnte sich lebhaft vorstellen, wie wunderschön all das hier aussah, wenn es erst Frühling und dann Sommer wurde, wenn alles grün war und auch noch blühte.
Nachdem das Tor sich langsam geöffnet hatte und Wolverine seine Maschine den Weg entlang bis zu dem Kiesplatz vor dem Haus lenkte, versuchte Liliths Blick jedes kleine Detail ihrer Umgebung einzufangen. Es war so wunderschön!
Die ganze Szenerie wurde auch noch durch das Farbenspiel des Himmels unterstrichen, wo die Sonne gerade den Horizont in flüssiges Gold tauchte, was auch auf das Herrenhaus überzugehen schien.
Lilith hatte gar nicht bemerkt, dass Logan den Motor abgestellt hatte, jedenfalls nicht, bis er das Bike etwas auf die Seite auf seinen Ständer neigte und abstieg. Lilly erhob sich schnell, ihre Beobachtung unterbrochen.
„Das ist so...wow“, versuchte sie das zu umschreiben, was sie gerade empfand, wusste aber, dass sie kläglich gescheitert war. Allerdings schien es, als würde Wolverine genau wissen, was sie meinte, denn er lächelte.
„Ja, so ging es mir auch, als ich das erste Mal hier war. Die Pracht und Schönheit dieses Hauses erschlägt einen halb, sowieso in dieser Umgebung“, meinte er und Lilith nickte, wieder fasziniert um sich blickend.
„Lass uns rein gehen, du frierst sicher. Außerdem warten schon alle“, sagte er dann und sie sah ihn etwas verschreckt an.
„Was heißt alle? Da stehen doch jetzt nicht 100 Leute, die mich kennenlernen wollen?“, fragte sie etwas ängstlich. Wolverine grinste schelmisch.
„Nein, mehr als 15 werden es bestimmt nicht“, versprach er, um dann die Stufen zur Tür hinauf zu gehen, neben der ein Tastenfeld angebracht war, auf das Logan nun eine Nummer eintippte. Sofort danach sprang die Tür auf. Er kam nochmal zurück, um seine Satteltaschen mit zu nehmen, in denen ja auch noch ein paar von Liliths Sachen untergebracht waren, danach schob er Lilith – die nun von Unsicherheit gepackt wurde – vor sich her ins Innere des Hauses.
Sie betraten eine prächtige Vorhalle von der aus eine große und nach unten hin breiter werdende Treppe einen Stock weiter nach oben führte. Jene Vorhalle war mit Liebe zum Detail eingerichtet worden, wenn sie auch nicht viel Mobiliar enthielt. Rechts und links gingen je zwei Türen ab und ebenfalls links und rechts am Ende der Halle führten zwei Flure ins Innenleben des riesigen Gebäudes.
Die Halle war leer, hier wartete niemand, was Lilith ein wenig erleichterte. Sie kam sich ohnehin schon verloren vor in dem großen Raum.
„Lass deine Sachen erst mal hier, wir holen sie später wieder“, wies Logan sie an und Lilith ließ sich von ihm den Rucksack abnehmen, den er zusammen mit seinen Taschen rechts von der Treppe abstellte.
„Da rechts sind die Küche, ein großes Esszimmer, zwei Wohnzimmer und hier links ist die Bibliothek und ein paar Unterrichtsräume für die Kinder, die hier sind. Aber da diese Woche Ferien sind, ist hier sozusagen tote Hose. Nur ein paar Schüler sind hiergeblieben und natürlich mein Team. Die Räume sind von hier und durch den Flur erreichbar, Zwischentüren gibt es auch“, erklärte Logan, ehe er die Treppe hinaufging. Lilith eilte ihm nach und versuchte mit ihm Schritt zu halten.
„Hier oben sind die Schlafräume und das Büro von Charles“, erklärte er weiter und bei letzterem deutete er auf die Tür, die sich vor ihnen befand. Als sie oben ankamen, klopfte er höflich, woraufhin ein „Herein!“ von drinnen zu hören war.
„Bereit?“, fragte Wolverine grinsend, Lilith schüttelte den Kopf, er öffnete die Tür aber trotzdem und schob sie erneut vor sich her.
Der Raum war ein gemütliches Arbeitszimmer, mit einem antiken Schreibtisch aus massivem, dunklem Holz. Dahinter war ein großes Fenster, das einen Blick auf den hinter dem Haus liegenden Garten preisgab, links befanden sich Bücherregale, rechts ein Schrank, sowie ein zum Schreibtisch passendes, kleines Tischchen und ein ebenso antik wirkender Stuhl. Trotz dass es ein recht großer Raum war, erschien er klein mit all den Leuten, die sich darin befanden.
Hinter dem Schreibtisch saß Chuck, Charles Xavier, Wolverines Freund, der Telepath. Er saß in einem Rollstuhl, daran hatte Lilith sich nicht erinnert. Erst jetzt, wo sie ihn so sah, musste sie feststellen, dass er sich kaum verändert hatte. Vielleicht hatte er ein paar mehr (Lach-)Falten in seinem klugen und weisen Gesicht, die schon früher fehlenden Haare ließen sein Alter allerdings nicht richtig schätzen.
Dann schweifte Liliths Blick weiter. In dem Stuhl thronte eine rothaarige Frau, die fast ebenso grüne Augen hatte wie Lilly selbst. Sie war wunderschön und erwiderte Liliths Blick mit einem Lächeln. Neben ihr, gegen den Tisch gelehnt stand ein hoch gewachsener Kerl, der trotz des nicht gerade hellen Lichts eine Sonnenbrille mit rot verspiegelten Gläsern trug. Sein Blick ruhte auf Logan und sah wenig begeistert aus. Lilith erahnte schon jetzt, im ersten Augenblick, dass es eine Spannung zwischen den beiden Männern gab.
Liliths Augen gingen weiter. Ein blonder Kerl grinste ihr entgegen, er war wahrscheinlich etwas jünger als sie. Seine Augen waren von einem seltsam kühlen Blau. Es erinnerte sie an Eis. Er hatte seinen Arm um eine junge Frau gelegt, die vermutlich vom selben Alter war, wie er und sie hatte ungefähr Liliths Statur. Sie lächelte ein wenig und spielte mit einer ihrer braunen Haarsträhnen. Sie vermutete, dass es sich hierbei um Kitty handelte, deren Anzug sie am Vortag getragen hatte.
Hinter Charles hatte sich eine exotische Schönheit aufgebaut, eine dunkelhäutige Frau mit weißem Haar und blauen Augen. Jetzt, wo Lilith sie bemerkt hatte, fand sie sie noch hübscher als die Rothaarige.
Und der nächste war endlich wieder ein bekanntes Gesicht, Kurt, der Mutant mit dem blauen Fell, den gelben Augen und dem rabenschwarzen Haar. Lilith war froh, dass ihr nicht alle komplett fremd waren.
Die letzte, die Liliths Musterung unterzogen wurde, war eine ebenfalls sehr hübsche Frau, sie hatte ebenfalls grüne Augen und lockiges braunes Haar, wie Lilith, allerdings war sie ein Stückchen größer und in ihrem Pony befand sich eine schlohweiße Strähne.
„Willkommen, Lilith“, ergriff nun Charles das Wort, wohl nachdem er bemerkt hatte, dass Lilith ihre Musterung beendet hatte, „Es freut mich, dich hier im Xavier Institut begrüßen zu dürfen. Du hast sie alle schon fleißig gemustert und Kurt und mich kennst du ja schon ein wenig; dies hier ist das Team, von dem Logan dir hoffentlich berichtet hat, auch wenn es nicht ganz vollständig ist. Hier siehst du die neugierigsten von allen.“ Beim letzten Satz lächelte er.
„Danke, ich freue mich, dass ich herkommen durfte“, erwiderte Lilith höflich und legte ebenfalls ein Lächeln auf.
„Du bist sicher schon gespannt, die Anwesenden vorgestellt zu bekommen?“, riet Charles und Lilly nickte. Es gefiel ihr, dass er so gar nicht heraushängen ließ, dass er ein Telepath war, sondern sich so verhielt, als ob er ihre Gedanken nicht lesen könnte. So fühlte sie sich nicht in ihrem eigenen Kopf beobachtet.
„Nun, beginnen wir zu meiner Rechten, das sind Dr. Jean Grey und Scott Summers, der junge Herr und die junge Dame sind Robert bzw. Bobby Drake und Kitty Pryde“, fing er an und sah dann kurz zu der Frau hinter sich, „Das hier ist Ororo Munroe und die Dame neben Kurt Wagner ist Anna Marie.“
„Hallo. Es freut mich, euch kennen zu lernen“, sagte Lilith und sah sie alle der Reihe nach kurz an, die ihr entweder zunickten oder ein Lächeln schenkten.
Plötzlich öffnete sich die Tür und ein Mädchen kam herein gerannt, vielleicht 16 oder 17 Jahre alt. Sie war so aufgeregt, dass sie versehentlich in Wolverine stolperte. Lilith erwartete schon, dass er ihr die Leviten lesen würde, allerdings schmunzelte er ein wenig.
„Nicht so eilig, Jubes, du hast noch nichts verpasst“, neckte er sie, woraufhin sie ihm die Zunge heraus streckte. Sie trug auffällige und sehr bunte Klamotten und eine schreiend pinke Sonnenbrille saß auf ihrem schwarzen, kurzen Haar.
„Du musst Lilith sein. Schön dich endlich kennen zu lernen, ich bin Jubilee“, wandte sie sich dann an Lilly und grinste breit, während sie ihr ihre Hand hinhielt.
„Die Freude ist ganz meinerseits“, kicherte Lilith und erwiderte das Grinsen. Die Teenagerin war ihr sofort sympathisch durch ihre sprühende, erfrischende Art.
„Dass du immer so hereinplatzen musst, Hon'*“, meinte Anna Marie lächelnd mit ihrem Südstaaten-Akzent und ging auf Jubilee zu, „Komm, wir haben noch was zu tun, falls du dich erinnerst.“ (*Honey, des Südstaaten-Akzents wegen abgekürzt)
Auch die anderen erhoben sich bzw. lösten sich von ihren Plätzen und gingen an Lilith und Wolverine vorbei. Kitty grinste sie an, Kurt legte ihr freundschaftlich kurz die Hand auf die Schulter.
Die letzten, die zurückblieben waren Charles und Ororo und natürlich Wolverine und Lilly.
„Ich hoffe du verzeihst mir, dass unser letztes Aufeinandertreffen vielleicht nicht das angenehmste für dich war“, eröffnete Xavier und sah Lilith vielsagend an.
„Natürlich. Wahrscheinlich habe ich vom Gesamtbild noch nicht alles gesehen, aber ich denke, Wolverine und Sie haben das Richtige getan“, erwiderte sie, auch wenn es ihr noch immer ein wenig in der Brust schmerzte. Wahrscheinlich war es einfach das Beste gewesen und es gab nach den letzten paar Tagen auch keine Zweifel mehr daran, dass Wolverine für sie hatte da sein wollen und dass sie ihm wichtig war. Sonst hätte er sie nicht hierher gebracht.
Lilith bemerkte, wie Charles mit einem kleinen Lächeln nickte. Er hatte also wirklich mitgehört.
„Wolverine, wärst du so freundlich und würdest mal einen Blick auf den X-Van werfen? Bobby meinte, der Motor stottert“, sagte er und wandte sich dann an Ororo, „Und du, würdest du bitte Gambit Bescheid geben, dass Lilith schon hier ist? Sie wird später nach ihm sehen.“
Und wie Charles gebeten hatte, verließen die beiden den Raum, Logan nicht ohne Lilith noch einen aufmunternden Blick zuzuwerfen.
„Nimm dir doch den Stuhl da drüben und setzt sich her“, wies Xavier sie anschließend an und Lilith tat wie ihr geheißen.
„Wie fühlst du dich?“, fragte er dann ganz vorsichtig.
„Ganz in Ordnung. Ich bin nervös, weil hier alles neu ist für mich, aber es ist okay. Ich bin neugierig auf das, was kommt“, antwortete sie ganz ehrlich und offen. Er nickte. Es fiel Lilith nicht schwer, ehrlich mit Charles umzugehen, nicht nur weil es ohnehin zwecklos wäre zu lügen, sondern einfach weil seine Art so sehr dazu anregte, ihm zu vertrauen.
„Es freut mich, das zu hören. Ich hatte die Befürchtung, dass du deine Begegnung mit Sabretooth vielleicht nicht so gut wegsteckst, denn du hast immerhin in Lebensgefahr geschwebt und warst vollkommen auf dich allein gestellt. Allerdings...Logan hat dich auch schon danach gefragt, nicht wahr?“, sagte er und sie nickte.
„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich lege keinen Wert darauf diesem Kerl noch einmal näher zu kommen als nötig, aber ich...ich kann damit umgehen. Ich musste mit dem Tod meiner Mutter umgehen und ich habe die Hand meines Vaters gehalten, als er im Krankenhaus von uns geschieden ist  und das war um einiges schlimmer als das. Es geht nicht spurlos an mir vorüber, aber ich komme damit klar“, erklärte sie. Charles nickte und sah nachdenklich auf die Tischplatte vor sich.
„Ich hoffe du findest es nicht unhöflich, wenn ich dich jetzt nach deinen Kräften frage?“, hakte er nach.
„Nein, schießen Sie los“, gestattete Lilith ihm.
„Danke. Ach und noch nebenbei: du darfst mich duzen, wenn du das möchtest“, sagte er schmunzelnd, Lilith bejahte lächelnd und er fuhr fort: „Du und Wolverine, ihr habt schon über seine Kraft gesprochen, die du absorbiert hast, als du ein Kind warst. Meine Frage nun ist, wann du bemerkt hast, dass du eine Mutantin bist und wessen Kräfte du dabei absorbiert hast.“
Lilith atmete tief ein und aus. Sie erinnerte sich an den Tag.

„Scheiß Mutant!“, herrschte ein großer Neuntklässler den deutlich kleineren Jungen an und schubste ihn, „Sowas wie dich wollen wir hier nicht!“
Der Kleinere blieb am Boden sitzen, den Kopf gesenkt, damit seine traurige Mine kaum zu sehen war.
Ein paar Freunde des Neuntklässlers Josh waren ebenfalls anwesend. Sie fuhren damit fort, den Jungen zu schikanieren, zu beschimpfen und gelegentlich zu schlagen oder zu treten. Wie so oft, wenn sie in den Pausen auf dem Schulhof waren.
„Aufhören!“, rief plötzlich eine Mädchenstimme und Josh und seine Freunde hielten inne.
Lilith stand da hinter ihnen und warf ihnen böse Blicke zu. Der Junge, Sebastian war sein Name, ging in ihre Klasse und es war nicht das erste Mal, dass er so gemobbt wurde. Aber es war das erste Mal, dass Lilith etwas dagegen tun wollte.
„Lasst ihn zufrieden, er hat euch nichts getan!“, fuhr sie die Neuntklässler an.
„Verzieh dich, Kleine. Er ist ein dreckiger Mutant, der verdient nicht besseres“, entgegnete Josh.
Lilith stieß einen empörten Laut aus und schob sich an ihm vorbei zu Sebastian.
„Komm“, sagte sie sanft und half ihm auf, um ihn dann unter den etwas belämmerten Blicken der anderen fort zu geleiten.
Wie konnten sie es nur wagen! Der arme Junge konnte doch auch nichts dafür, genau so wenig, wie jemand etwas dafür konnte, wenn er blaue Augen oder rote Haare hatte.
So viel Wut sammelte sich in Lilith an und plötzlich spürte sie, wie etwas von Sebastian, dessen Hand sie hielt, auf sie überging. Sie blieb stehen, ließ Sebastian los und starrte auf ihre Hände. Sie sahen nicht anders aus. Es hatte sich angefühlt, wie wenn eine Schicht oder ähnliches von Sebastian auf ihr angewachsen wäre. Das war vollkommen verrückt!
Als sich plötzlich ein langer Grashalm an Liliths Bein hinauf schlängelte, wusste sie, dass sie nicht verrückt war. Unter ihren Schuhsohlen begann das Gras wie verrückt zu wuchern.
Sebastian sah sie mit offenem Mund an. „Du bist auch eine Mutantin? Und du hast sie selben Kräfte wie ich!“, wisperte er mit leuchtenden Augen. Lilith schüttelte vehement den Kopf und rannte auf die Mädchentoilette, wo sie sich bis zum Beginn der nächsten Stunde verschwunden blieb.


Lilith blickte am Ende ihres kurzen Flashbacks fast ein wenig erschrocken auf. Als sie in Xaviers Gesicht sah, wusste sie, dass er ihren Gedanken zugehört hatte.
„Der Junge... Sebastian. Er konnte Pflanzen manipulieren?“, schloss er und Lilith nickte.
„Ich kann das auch...ein wenig. Zumeist versuche ich aber diese Kraft zu unterdrücken, denn wenn ich es nicht tue, zeigt sie sich von selbst. Ist daran bemerkbar, dass ich noch nie eine Pflanze hatte, die eingegangen ist“, erzählte sie, ehe sie bemerkte, wie warm es eigentlich war. Sie schälte sich aus ihrem Mantel und sah dann aufmerksam Xavier an.
„Können Sie...ich meine...kannst du mir helfen, diese Kraft loszuwerden?“, fragte Lilith.
„Nein, ich bezweifle, dass du eine Kraft, die du absorbiert hast, loswerden kannst. Allerdings kann ich dir helfen, sie gezielt einzusetzen, sodass sie Ruhe gibt, wenn du sie nicht brauchst“, entgegnete er nachdenklich, ehe er nachschob: „Aber du solltest dich hier erst mal ein wenig einleben, die anderen kennen lernen und dann können wir anfangen mit dir zu arbeiten.“
Lilith nickte. „Danke, für die Hilfe.“
Anschließend sah sie etwas unruhig zur Tür.
„Wäre es in Ordnung, wenn ich zu Remy gehe? Ich habe mir solche Sorgen um ihn gemacht, weil Logan sich über seinen Zustand relativ bedeckt gehalten hat. Er ist ein wenig wütend, dass Remy mich nicht beschützen konnte“, sagte Lilith, woraufhin Charles lächelte.
„Nein, ist in Ordnung. Jean ist gerade auf dem Weg hierher, sie wird dich zu ihm bringen“, meinte er und wirklich, nur eine Minute später betrat die rothaarige Jean den Raum erneut. Auch sie schenkte Lilith ein Lächeln.
„Na dann komm, ich bringe dich zu Gambit“, sagte sie und Lilith erhob sich, hängte ihren Mantel über einen Arm und verließ mit Jean das Büro von Charles Xavier.
„Woher...wusstest du das mit Remy?“, wollte Lilith wissen.
„Der Professor hat es mich wissen lassen, mithilfe seiner Telepathie. Ich bin auch Telepathin, er bekommt zu mir eine sehr schnelle Verbindung und da ich im Moment nichts zu tun habe, dachte ich, ich begleite dich und bekomme vielleicht einen kleinen Einblick in die Frau, die beschattet und beschützt wurde, seit ich denken kann“, antwortete sie und lächelte wieder.
„Oh“, machte Lilith, während sie die Treppen wieder hinab gingen und dann in den rechten Flur liefen.
Jean lachte ein wenig.
„Das braucht dir nicht peinlich zu sein, Lilith. Ich war nur – so wie die anderen – immer so neugierig auf die höchst mystische Lilith, die Wolverine immer in Sicherheit wissen wollte. Ich habe mich immer gefragt, wie du wohl aussiehst, wie du so bist. Ich war nie bei den Teams dabei, die auf dich aufgepasst haben, ich werde hier so viel gebraucht, weil ich einige der Schüler unterrichte und früher den Unterricht bei Charles selbst brauchte. Ich konnte nur immer Remys Schwärmereien glauben und dem Bild, das du in seinem Kopf hinterlassen hast. Aus Wolverine, dem mürrischen Vielfraß, war meist wenig herauszubekommen, auch wenn schon immer klar war, wie viel du ihm bedeutest“, plauderte Jean freundlich mit ihr und es war angenehm für Lilith, nicht wie jemand komplett Fremder behandelt zu werden.
„Remy hat von mir geschwärmt?“, hakte sie verwundert nach und Jean bejahte kichernd. Ein gutes Gefühl, zu wissen, dass andere von einem schwärmten, fand Lilith. Aber auch Jeans Worte über Wolverine sicherten den Gedanken in ihr, dass er seine Gründe gehabt hatte, sie allein zu lassen und dass er es ganz bestimmt nicht gern getan hatte.
Am Ende des Flurs befand sich ein Fahrstuhl, dessen Knopf Jean drückte, woraufhin die Türen auf glitten und sie einstiegen.
„Ja, sehr oft. Und er hat nicht übertrieben, was dein Aussehen betrifft“, erwiderte Jean dann lächelnd und holte Lilith aus ihren Gedanken zurück.
Lilith bedankte sich leicht errötend für das Kompliment.
Dann glitten die Fahrstuhltüren erneut auf und sie fanden sich in einem hellen Flur wieder. Alles wirkte sehr futuristisch, der komplette Flur war mit verchromtem Metall verkleidet und die Türen, die nicht mit einer Zahlenkombination gesichert waren, glitten automatisch auf.
Jean führte Lilith ein Stück den Gang hinab und blieb dann vor einer Tür stehen, die sich sogleich öffnete. Es stellte sich als Krankenstation heraus. Lilith wurde ein wenig mulmig. Hoffentlich ging es Remy nicht allzu schlecht.
Aber es schien nicht so. Gerade diskutierte er lautstark mit Ororo, den Sinn dessen hatten Jean und Lilith gleich erfasst: er wollte die Krankenstation verlassen, um Lilith zu sehen, woran Ororo ihn natürlich hindern wollte. Aber als sie nun im Raum stand, verstummten die beiden und ein strahlendes Lächeln breitete sich auf Gambits Gesicht auf.
„Chére, da bist du ja!“, freute er sich, schob sich an Ororo vorbei und er und Lilith fielen sich in die Arme.
„Ist alles okay mit dir? Ich habe mir Sorgen gemacht“, fragte Lilith und lockerte ihren Griff anschließend, um ihm ins Gesicht zu sehen. Die schwarzen Augen mit der roten Iris irritierten sie immer noch ein wenig, aber sie war sich sicher, dass sie sich daran gewöhnen würde.
„Ich bin ein wenig angeschlagen, aber es ist alles in Ordnung, ma chérie, ich habe schon schlimmeres mitgemacht“, erwiderte er und die beiden bemerkten nicht, wie Jean und Ororo den Raum verließen, um den beiden ein wenig Privatsphäre zu gönnen.
Remy schlüpfte kurz darauf in ein Krankenbett zurück und Lilith ließ sich am Fußende auf der Matratze nieder. Sie erzählte ihm von Sabretooths Entführung, seinen Spielchen, Wolverines Kräften, die wohl schon Jahrelang in ihr schlummerten, ihrer Flucht und der Rettung durch Logan und Kurt, bis hin zu der langen Fahrt auf dem Motorrad bis nach New York.
„Das klingt nach sehr viel Abenteuer, chére. Meine Reise war sehr viel unspektakulärer. Nachdem Sabretooth dich verfolgt hatte, hat es eine halbe Stunde gedauert, bis Logan und Kurt bei mir waren. Kurt hat mich in den Jet und anschließend nach Hause gebracht, während Wolverine mit seinem Motorrad dir und Creed nach ist. Den weiteren Verlauf der Geschichte bis zu dem Moment in dem Logan bei dir war, kenne ich noch nicht“, erwiderte Remy und setzte sich dann auf, um Liliths Hand zu nehmen.
„Ich bin so froh, dass es dir gut geht, ich hatte Angst um dich“, sagte er. Lilith lächelte.
„Darüber bin ich auch froh. Und natürlich, dass dir nichts passiert ist“, meinte sie.

Eine Stunde verstrich, in der die beiden so miteinander plauderten und witzelten wie immer und es tat Lilith unglaublich gut, wenigstens einen kleinen Teil ihres jetzt alten Lebens auch hier zu haben.
Diese Ruhe, die sie nun durchströmte und sie entspannte, endete aber abrupt, als nach jener Stunde Wolverine die Krankenstation betrat. Auf seinem Shirt waren schwarze Flecken, vermutlich Motoröl, das sich auch auf seiner Jeans verteilt hatte. Lediglich seine Hände schien er schon gewaschen zu haben, denn sie waren sauber und nicht vom Öl verdreckt und verschmiert.
„Ich sollte dir noch dein neues Zimmer zeigen“, sagte er und knurrte ein wenig. Er war wirklich schlecht auf Remy zu sprechen.
Lilith ignorierte seine rüde Unterbrechung, sowie das Knurren und erhob sich.
„Ich sehe später nochmal nach dir, Remy. Ruh dich aus“, meinte sie, drückte kurz seine Hand, die die ihre noch immer umschlossen gehabt hatte und erhob sich dann, um mit Logan zu gehen.
„Was findest du an diesem Schummler bloß?“, fragte Wolverine gereizt, als sie den Gang entlang zum Aufzug marschierten.
„Er ist nett, freundlich, locker, hat oft einen coolen Spruch auf den Lippen und versteht es zu 100% den Gentleman zu spielen. Er ist ein hoffnungsloser Frauenheld, aber auch ein Charmeur“, entgegnete Lilith knapp, ehe sie nachschob: „Was ist dein Problem mit ihm? Könnt ihr euch nicht leiden, hat er dir was getan?“
Logan grummelte nur irgendwas vor sich hin und drückte den Knopf des Aufzugs fester als nötig. Lilith wunderte sich, dass er nicht wie in einem Zeichentrickfilm nur noch an einer Feder hängend heraussprang. Nachdem die Türen auf geglitten waren, stiegen sie ein und fuhren schweigend nach oben.
„Jetzt sag schon. Was hast du gegen Remy?“, bohrte Lilith weiter.
„Ich kann genau die Sachen nicht leiden, die du eben aufgezählt hast. Er ist ein Heuchler, ein Lügner und ein Dieb. Er ist sprunghaft, windet sich gerne aus der Wahrheit oder sagt nur solche Dinge, die ihn nicht belasten. Man kann ihm nicht trauen. Sowieso nicht, weil er seine empathischen Fähigkeiten dafür nutzt, andere um den Finger zu wickeln, um für sich Profit raus zu schlagen“, entgegnete er, während sie durch die Halle und die Treppen hinauf gingen, bis Logan – nachdem er rechts abgebogen war – ziemlich am Ende des Flurs vor einer Tür anhielt und sie öffnete. Sie sah, dass auf dem Bett ihr Rucksack und ihre paar Sachen aus Logans Tasche lagen, er musste sie schon für sie nach oben getragen haben. Sie betrat den Raum und blieb stehen, als Wolverine ihr nicht folgte. Sie wandte sich zu ihm um, sie sah ihm an, dass er noch etwas sagen wollte und tatsächlich öffnete er ein weiteres Mal den Mund.
„Und das schlimmste: er hat seine Aufgabe nicht erfüllt und dabei das Leben eines Menschen aufs Spiel gesetzt, dessen Verlust ich nie überwinden könnte und das ist – für mich – unverzeihlich“, sagte er grimmig, ehe er nach einer kurzen Pause ganz neutral fortfuhr: „Mach es dir gemütlich, ruh dich ein wenig aus, pack deine Sachen aus, was auch immer. Wenn du irgendetwas brauchen solltest: Mein Zimmer ist gegenüber. Falls ich mich dort nicht befinde, bin ich irgendwo im Haus. Du kannst allerdings auch jeden anderen hier fragen, wenn du irgendetwas wissen willst oder Gesellschaft brauchst.“
Er wartete noch, bis Lilith genickt hatte, dann zog er die Tür zu und ließ sie allein. Sie hörte noch eine andere Tür sich öffnen und wieder schließen, vermutlich die zu Logans Zimmer. Wahrscheinlich wollte er seine verdreckten Klamotten loswerden und neue anziehen.
Langsam ließ Lilith sich auf ihr Bett sinken. Der Raum war geräumig und hatte einen kleinen Balkon, von dem aus man auf den Vorhof des Hauses sehen konnte. Außer dem Bett befand sich noch ein Schrank, eine Kommode und ein Schreibtisch in ihrem neuen Heim. Und eine Tür führte nach links ab, wohinter sich – nach kurzer Inspektion – ein kleines Badezimmer befand.
Lilith packte ein paar ihrer Sachen aus und verstaute sie in Schrank und Kommode, ehe sie sich ein weiteres Mal aufs Bett fallen ließ und sich auf der Decke einrollte. Sie lag mit dem Rücken zur Tür, sodass sie aus der großen Glastür blicken konnte, die noch das letzte Sonnenlicht herein schickte; das, welches zuvor den Himmel in Gold getaucht hatte und ihm nun einen lila Hauch gab. Einfach wunderschön. Trotzdem schloss Lilith ihre Augen für einige Augenblicke. Sie wollte die Ruhe genießen, die sie jetzt eigentlich brauchen würde nach dem anstrengenden Tag, allerdings wollte sich jene Ruhe nicht so richtig einstellen. Also was tun? Lilith hatte kein Buch, ja nicht einmal eine Zeitschrift eingepackt, in der sie hätte blättern können. Ob sie wohl einfach durch das Haus gehen und sich umsehen durfte?
Ohne weiter darüber nach zu denken, erhob sie sich. Hatte Logan nicht etwas von einer Bibliothek gesagt? Das wäre genau das richtige für sie, ein stiller Raum mit dem typischen Geruch vieler Bücher und ebendiese um darin zu stöbern. Vielleicht noch einer Stuhl oder Sessel und dann wäre sie zufrieden.
Auf leisen Sohlen begab Lilly sich aus ihrem Zimmer und ging den Flur zurück bis zur Treppe und Charles' Büro. Wo war die Bibliothek doch gleich gewesen? Links oder rechts? Und von wo aus links oder rechts? Von der Treppe aus oder wenn man herein kam?
Zögernd stand sie schließlich am Fußende der Treppe mit ihr im Rücken und wusste nicht in welche Richtung sie gehen sollte. Sie hätte auch Logan fragen können, er wäre ja nur eine Tür weiter gewesen. Sie fragte sich, ob sie einfach zurück gehen und ihn wirklich fragen sollte.
In diesem Moment erklangen Schritte und Lilith wandte sich wie ertappt um. Es war die flippige Teenagerin Jubilee, die von links geschlendert kam.
„Hey, Lilith. Du siehst aus wie bestellt und nicht abgeholt, kann man dir irgendwie behilflich sein?“, fragte sie gerade heraus. Lilith lächelte ein wenig unsicher. Sie war froh über Jubilees offene Art, so musste sie nicht richtig um Hilfe bitten, sondern bekam sie angeboten.
„Könntest du mir vielleicht die Bibliothek zeigen? Sofern ich da hin darf“, antwortete Lilith. Jubilee grinste.
„Aber klar. Ich denke nicht, dass jemand was dagegen hat. Komm mit!“, erwiderte sie und führte Lilith in den anderen Flur. Sie gingen an ein paar Türen vorbei, ehe Jubilee anhielt und eine zweiflüglige Tür öffnete.
„Da wären wir. Die Bibliothek“, sagte Jubilee und betrat den Raum, der größer war, als Lilith erwartet hätte.
„Wow. Ziemlich viele Bücher. Sind die geordnet?“, hakte sie nach.
„Alphabetisch auf jeden Fall, aber ob sie nach Genres geordnet sind, weiß ich nicht. Ich frage immer Hank, wenn ich ein Buch für den Unterricht brauche“, erwiderte Jubilee, während Lilith durch den Raum blickte. Es gab mehrere Regalreihen mit Büchern und auch – wie sie erhofft hatte ein paar Sitzmöglichkeiten, die durchaus bequem wirkten.
„Wer ist Hank?“, wollte Lilith wissen und wandte ihren Blick wieder Jubilee zu.
„Der bin wohl ich“, erklang plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihnen und die beiden wandten sich erschrocken um.
„Hank! Schleich dich doch nicht so an!“, beschwerte Jubilee sich, woraufhin er lachte.
„Entschuldige, Jubilee“, sagte er, dann wandte er sich Lilith zu, „Und du bist...?“
Lilith war noch einen Augenblick damit beschäftigt Hanks Äußeres zu scannen, ehe sie antwortete, denn er hatte – ähnlich wie Kurt – blaues Fell, allerdings war das von Hank länger und etwas heller. Und er hatte auch keine gelben Augen, sondern normale blaue. Seine recht große Gestalt ließ ihn imposant wirken, die spitzen Zähne, die beim Sprechen zu sehen gewesen waren und die Krallen an Zehen und Fingern, ebenfalls. Allerdings wirkte er nicht wirklich gefährlich, was nicht nur an seinem Lächeln lag. Ihn umgab keine gefährliche Aura, wie es manchmal bei Wolverine der Fall war.
„Mein Name ist Lilith Stewart“, stellte sie sich vor und reichte ihm die Hand.
„Hank McCoy, von manchen gelegentlich auch Beast genannt“, erwiderte er immer noch lächelnd und schüttelte ihr die Hand, „Es freut mich, dich kennen zu lernen, Lilith.“
Dann wandte er sich an Jubilee: „Und nun, wie kann ich euch helfen? Ich nehme an ihr sucht etwas bestimmtes?“
„Nein, Lilith wollte die Bibliothek sehen und sich ein wenig umschauen“, entgegnete Jubilee und sah dann Lilith an, „Du wolltest ein Buch nehme ich an?“ Lilith nickte.
Hank strahlte. „Endlich mal wieder jemand neues in diesem Haus, der sich ebenfalls für Bücher interessiert!“, freute er sich. Lilith lächelte scheu, während Jubilee kurz lachte.
„Na dann überlasse ich dich mal Hanks Wissen, wenn das in Ordnung ist. Falls du Langeweile haben solltest, Lilith, kann ich dir auch gerne noch das Gelände oder den Rest des Hauses zeigen“, sagte Jubilee.
„Das wäre super, danke, Jubilee“, erwiderte Lilith lächelnd, „Wo finde ich dich denn?“
„Ach ich werde schon irgendwo im Haus sein“, entgegnete sie grinsend und verschwand mit einem kurzen Winken aus der Bibliothek.
„Nun, Lilith, was für Bücher suchst du denn?“, fragte Hank.
Die nächste Stunde war Lilith mit Hank in der Bibliothek, ließ sich von ihm alles zeigen und nahm ein paar Bücher von ihm entgegen, die sie lesen wollte. Er hatte ihr viel klassisches empfohlen, Shakespeare und Wilde waren darunter. Auch einen Gedichtband von Liliths Lieblingsdichter Edgar Allan Poe bekam sie in die Hand gedrückt.
Nachdem sie die Bücher in ihrem Zimmer auf der Kommode verstaut hatte, suchte sie nach Jubilee, die sie in ihrem Zimmer fand, wo sie ein wenig mit einem Gameboy herum spielte.
„Na, hast du die literarischen Ergüsse von Hank überstanden? Er liebt Zitate aus klassischen Werken“, fragte sie grinsend, was Lilly ein wenig zum lachen brachte.
„Ja, es war äußerst interessant und was das Lesen anbelangt bin ich erst mal versorgt“, antwortete sie.
„Bestens“, sagte Jubilee, „Wollen wir dann nach draußen?“
Lilith bejahte und nachdem sie von Jubilee eine Jacke geliehen bekommen hatte, begaben die beiden sich warm eingepackt nach draußen. Der Garten war unglaublich groß und ein gutes Stück hinter dem Haus begann auch noch ein Wald. Außerdem befand sich ein Basketballfeld auf dem Grundstück und ein paar Spielgeräte, wie auf einer richtigen Schule. Auch entdeckte Lilith eine Garage, in der vermutlich nun Logans Harley und auch der „X-Van“ standen.
Während des Weges tauschten Lilith und Jubilee, die eigentlich Jubilation Lee hieß ein wenig aus. Jubes – wie Wolverine sie manchmal nannte – war 17 Jahre alt und das jüngste Mitglied des Teams, von dem Logan erzählt hatte, den X-Men. Sie erzählte, dass sie früher wie Lilith in einem Waisenhaus gelebt hatte und eine Zeit lang von Pflegefamilie zu Pflegefamilie gewandert war, bis sie durch Zufall an die Schule geraten war. Seit dem war sie hier, seit dem war das hier ihr zu Hause und die X-Men ihre Familie.
Auch Lilith erzählte ein wenig von sich, zum Beispiel dass sie Waise war und dass Logan ihr als Kind das Leben gerettet hatte, die genaue Geschichte ließ sie aber aus. Wolverine hatte sie wohl auch nicht gerade vielen erzählt und da Lilith nicht wusste, warum, ließ sie es vorerst einmal bleiben, auch wenn sie Jubilee schon jetzt irgendwie ins Herz geschlossen hatte. Es war so leicht, sie zu mögen.
„Du bist doch auch eine Mutantin, oder?“, fragte Jubes und nachdem Lilith genickt hatte, fuhr sie fort: „Was für Kräfte hast du?“
„Ich...weiß ziemlich wenig über meine Kräfte, muss ich gestehen. Ich weiß allerdings, dass ich Kräfte durch Berührung absorbieren kann. Allerdings habe ich das nur zwei Mal gemacht, einmal ohne dass ich es wusste und einmal ohne dass ich es verhindern konnte. Seit dem habe ich meine Kräfte unterdrückt und ich weiß nicht wozu ich fähig bin. Charles meinte, er möchte mir helfen, das zu ändern, er will mir helfen sie richtig nutzen zu können“, erklärte Lilith.
„Das heißt du absorbierst die Kräfte nicht bei jeder Berührung, sondern im besten Fall nur wenn du es willst“, schloss Jubilee und Lilith bejahte.
„Wow, das ist cool. Dagegen sind meine Kräfte langweilig“, meinte sie, grinste aber. Es schien Lilith, als würde sie nur darauf warten, jene Kräfte vorzuführen. Darum fragte Lilith auch, was denn Jubilees Kräfte seien.
„Ich bin sozusagen Spezialistin für pyrokinetische Energie“, erklärte sie grinsend und als Lilith etwas fragend drein sah, hob Jubilee ihre Hände in die Luft und bunte Funken, wie Raketen an Silvester explodierten ein Stück über den beiden in der Luft.
Fasziniert sah Lilith hinauf, bis die Lichter erloschen waren.
„Wenn ich ehrlich bin, würde ich meine Kräfte nur zu gern gegen deine eintauschen, Jubilee“, sagte sie dann ein wenig melancholisch, „Du hast wenigstens deine eigene Kraft. Ich fühle mich eher wie ein Dieb, wenn ich daran denke, dass ich die Kräfte von anderen nehmen kann, wenn ich es will.“
„Du klingst ziemlich unglücklich darüber. Es ist doch nicht schlimm das zu können“, meinte Jubes. Lilith lächelte traurig.
„Nicht schlimm, aber vielleicht gefährlich. Ich will nicht gefährlich sein“, wisperte Lilith und sah nachdenklich zum Horizont. Es war nun schon ganz dunkel und ein paar Schneeflocken segelten vom Himmel.
Jubilee schien zum ersten Mal, seit Lilith sie nun kannte wirklich ernst zu sein. Erst sah es so aus, als wisse sie nicht, was sie sagen sollte, doch dann machte sie doch noch einmal den Mund auf.
„Ich glaube nicht, dass du gefährlich sein kannst, Lilith. Wenn der Professor mit dir arbeitet und dir hilft, deine Kräfte zu kontrollieren, wird ganz bestimmt nichts passieren“, sagte sie und Lilly lächelte ein wenig.
„Danke, Jubes. Ich hoffe du hast Recht“, erwiderte sie, ehe sie nach schob: „Lass uns zurück gehen, bevor uns noch jemand vermisst.“

Und tatsächlich hatte man sie schon fast vermisst. Es gab Abendessen und Logan trat gerade aus dem Haus, als sie die Treppen hinauf kamen.
„Hier seid ihr. Ich wollte mir schon Sorgen machen“, meinte er vollkommen Ernst und einem leichten Grollen in der Stimme. Lilith wusste allerdings schon lange, dass jenes Grollen nicht unbedingt ein Zeichen dafür war, dass er wütend war, sondern dass das einfach eine Eigenart von ihm war, die ihn für Außenstehende vielleicht grimmig und unfreundlich darstelle, für jemanden der ihn kannte aber einfach normal war.
„Jubes hat mir ein wenig das Gelände gezeigt“, erzählte Lilith, „Wieso hast du uns denn gesucht?“
„Es gibt Abendessen. Nachdem du ja heute nicht gerade viel gegessen hast, dachte ich du verpasst das nur ungern“, entgegnete er und ging mit ihnen zurück nach drinnen. Aber es lag noch etwas anderes in Wolverines Stimme, das Lilith nicht so Recht zu deuten wusste. Das war es jedenfalls nicht, weshalb er sich Sorgen gemacht hatte und auch nicht die Tatsache, dass sie mit Jubilee zusammen gewesen war.
„Toll, Abendessen“, unterbrach Jubilee dann Liliths Gedanken, „Was gibt es denn?“
„Gute Frage, aber die wirst du wohl Jean stellen müssen, ich habe nämlich keine Ahnung. Sie hat gekocht“, brummte er und ging vor Lilith und Jubilee her zum Speisesaal. Die beiden wurden unterwegs noch ihre Jacken an der Garderobe los und versuchten dann mit Wolverines schnellen Schritten mit zu halten.

Nach dem üppigen Essen, einem Büfett, das von Fleisch über Brot bis Salat und allen möglichen Beilagen nur so übergequollen war, verzog Lilith sich in ihr Zimmer. Nun brauchte sie wirklich ein wenig Zeit für sich. Sie zog sich bequeme Sachen an und kuschelte sich dann mit einem der Bücher in ihr Bett. „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde. Sie las einige Zeit, legte dann aber bald das Buch weg, löschte das Licht und versuchte Schlaf zu finden, was nicht lange dauerte.

Gedankenverloren nahm Wolverine einen Zug von seiner Zigarre. Die Luft in der Kneipe war unangenehm stickig, die Zigarre rauchte er eigentlich nur, damit sein mehr als nur guter Geruchssinn nicht die vielen Facetten des Gestanks aufnehmen musste. Schon beim herein kommen hatte es ihn fast aus den Latschen gehauen. In diesem Raum befanden sich definitiv einige Menschen, denen eine Dusche gut getan hätte.
Aber er war ja nicht wegen der Location hier.
Zwei Jahre waren es nun, seit er Lilith zuletzt gesehen hatte. Er hatte zu wenig Zeit gehabt, nach ihr zu sehen und hatte die Aufgabe deshalb anderen übertragen.
Zwei Jahre. Er wollte es fast selbst nicht glauben.
Beim letzten Mal, als er hier gewesen war, hatte er sich geschworen, dass er Lilith unter die Augen treten würde, ihr Gedächtnis wieder berichtigen würde. Und jetzt hatte er zwei Jahre lang nicht die Zeit dazu gefunden.
Es war schon irgendwie ein wenig lächerlich. Ein Mann, der schon so lange lebte, wie er, und noch unzählige Jahre weiterleben würde, für den Zeit eigentlich kein Problem sein sollte, schaffte es nicht, genug dieser messbaren Einheit aufzutreiben, um jemanden zu sehen, der ihm wichtig war.
Er hatte es viel zu lange vor sich her geschoben. Und warum? Weil er zum ersten Mal in seinem Leben nicht den Mut dazu gefunden hatte, etwas zu tun. Er! Wo er doch sonst der Mut in Person war, er hatte vor gar nichts Angst. Die jetzige Situation ließ das allerdings nicht vermuten.
Seine blauen Augen verfolgten Liliths schnelle Schritte hinüber zu dem großen Tisch, an dem diese betrunkenen Vollidioten saßen und Lilith die ganze Zeit auf jämmerliche Art angruben. Er unterdrückte ein Knurren, während seine rechte Hand das kühle Bierglas umschloss. Die sollten bloß die Finger von ihr lassen, sonst würde es mindestens Verletzte geben.
Wolverine zwang sich zur Ruhe. Er wollte ja schließlich nicht negativ auffallen, das würde Lilly sicher nicht gefallen. Er lockerte den Griff um das Glas, welches sonst zweifelsfrei demnächst unter dem Druck zerbrochen wäre.
Aber er musste ja trotzdem nicht tatenlos dabei zusehen, wie die Trunkenbolde Lilith voll sabberten. Sie waren es nicht einmal Wert den Boden zu küssen, auf dem sie sich bewegte. Als ihr Blick kurz durch den Schankraum glitt, hob er kurz die Hand. Sie sagte noch kurz etwas zu dem Typ, mit dem sie gerade geredet hatte und kam dann – einen erleichterten Gesichtsausdruck aufgelegt – zu ihm hinüber. Wolverine lächelte unsichtbar im Schatten seines Hutes. Eine kleine Katastrophe war wenigstens abgewendet worden und er hatte trotzdem Liliths Aufmerksamkeit. Ob sie ihn erkennen würde?


Lilith schlief unerwartet gut in ihrer neuen Umgebung und glitt zwar früh, aber sehr ausgeruht aus ihrem festen Schlaf. Kein Sonnenstrahl schien in ihr Zimmer, doch trotzdem war es sehr hell.
Nachdem sie aufgestanden und barfuß zur Balkontür getapst war, sah sie, dass sich der Schnee um einiges vermehrt hatte, es war mindestens schon ein halber Meter, der sich da auf den Wegen breit gemacht hatte, außerhalb dessen war er noch höher, da man ihn dort nicht weg geräumt hatte.
Ein Lächeln schlich sich auf Liliths Gesicht, es hätte ihr große Freude bereitet, darin herum zu tollen. Ob Jubilee wohl für solche Späße zu haben war? Oder jemand der anderen? Jean war sicher zu erwachsen für so etwas, genau wie Ororo, der Professor oder Scott. Sie strahlten alle eine gewisse Autorität aus, die sich nicht mit dem Bild vereinen ließ, eine sich Schneeballschlacht zu liefern, obwohl sie zumindest bei Jean und Scott vermutete, dass nicht allzu viele Jahre zwischen ihnen und Lilith selbst lagen. Vielleicht Kitty und Robert? Kurt schien auch nicht so dazu zu passen. Und Anna Marie oder Hank? Bei Wolverine war sie sich unsicher. Wäre sie noch ein Kind und hätte ihn angebettelt, hätte er bestimmt mit gemacht.
Nachdenklich öffnete Lilith die beiden Flügel der Balkontür und ließ die kalte Luft herein. Die noch leicht vorhandene Müdigkeit war nun schlagartig verschwunden und Lilith suchte sich ein Paar frischer Socken aus der Kommode, um zu verhindern, dass sie ganz kalte Füße bekam. Nach ein paar Minuten des Lüftens schloss sie dann auch das Fenster wieder.
Etwas zögerlich verließ sie ihr Zimmer, nachdem sie sich in ihrem kleinen Badezimmer fertig gemacht und umgezogen hatte und blickte den Flur hinab. Es war sehr still im Haus, Lilith fragte sich, wie spät es war. In all der Hektik hatte sie ihren Wecker nicht mitgenommen und eine Taschen- oder Armbanduhr hatte sie keine.
Noch einen Moment lauschend, entschied sie sich schließlich dann aber doch, nicht in ihrem Zimmer zu verweilen, sondern nach unten zu gehen. Sie ging erst den Flur entlang, dann die Treppe hinab und anschließend nach links. Sie hatte noch dumpf Logans Stimme im Kopf, die ihr erklärte, dass in dieser Richtung unter anderem die Küche lag. Bei dem Gedanken an Frühstück begann Liliths Magen zu knurren.
Auch in diesem Flur lauschte sie nun gut, ob sie von irgendwoher Geräusche oder besser noch Stimmen hörte. Und tatsächlich, hinter der zweiten Tür waren unverkennbar Stimmen zu hören.
Zaghaft klopfte Liliths Faust auf das glatt polierte Holz, ehe sie die Tür ein wenig öffnete.
Ororo und Anna Marie saßen gemütlich an einer langen Tafel und frühstückten. Offenbar war Lilith im Speisesaal gelandet.
„Guten Morgen“, sagte sie und kam dann ganz herein.
„Morgen. Setz dich doch zu uns“, erwiderte Anna Marie lächelnd und wies auf den Stuhl neben ihr, während dann auch von Ororo – die mit dem Rücken zur Tür saß und sich nun umgewandt hatte – ein morgendlicher Gruß kam.
„Danke“, sagte Lilith und ging dann um den Tisch herum, um sich neben Anna Marie nieder zu lassen. Ihre hungrigen Augen wanderten über den Tisch, auf dem ebenso leckere Sachen standen, wie am Vortag beim Abendessen.
„Greif ruhig zu, es ist genug da“, meinte Ororo schmunzelnd. Lilith blickte ertappt auf, nickte dann aber und griff nach einem Teller von dem Stapel, der sich unweit von ihr entfernt auf der Tischplatte türmte. Anschließend schnappte sie sich ein paar Sachen vom Tisch und legte sie auf ihren Teller; ein bisschen Obst, ein Brötchen und in eine Tasse goss sie sich Milch.
„Könnt ihr mir vielleicht sagen wie spät es ist?“, fragte Lilith, „Ich habe irgendwie vergessen mir einen Wecker oder irgendeine Uhr von zu Hause mitzunehmen.“
Anna, die gerade den Mund zu voll hatte, um etwas zu sagen, wies auf die Uhr, die über einer Tür hing, die nicht – wie die Tür durch die Lilith gekommen war – in den Flur führte, sondern in einen Raum nebenan. Erst kurz nach 8.
„Es ist noch reichlich früh, selbst wenn die Schüler hier sind, ist um die Uhrzeit hier noch wenig los. Warum bist du so früh auf? Oder bist du einfach kein Langschläfer?“, fragte Anna Marie.
„Eigentlich schlafe ich relativ lange, da ich immer bis ziemlich spät in die Nacht arbeite, aber offenbar hat mich der Tag gestern nicht so geschafft, dass ich viel Schlaf gebraucht habe“, erklärte sie und schob sich dann eine Traube in den Mund.
„Du hast in einer Bar gearbeitet, hat Logan erzählt“, meldete Ororo sich nun zu Wort. Lilith nickte und als sie den Mund leer hatte, antwortete sie: „Ja, Phönix hieß die. Ich habe dort schon ein paar Jahre gearbeitet. Daher kannte ich auch Remy, er kam immer zum Poker spielen sonntags. War aber nur einer von vielen Jobs, ich habe immer mal wieder was anderes gemacht.“
„Ja? Erzähl mal“, forderte Anna Marie sie lächelnd und neugierig auf. Lilith bemerkte erst jetzt, dass sie Handschuhe trug. Hatte sie die gestern auch schon getragen? Sie konnte sich nicht erinnern. Warum trug Anna Marie im Haus Handschuhe? Hatte sie vielleicht eine Keim-Phobie? So sah sie eigentlich eher nicht aus.
„Na ja“, erwiderte sie dann nach ein paar Sekunden, „Ich habe Post ausgetragen, habe in anderen Kneipen und Restaurants gekellnert, habe in einem Krankenhaus in der Küche ausgeholfen, auf Kinder aufgepasst, Hunde Gassi geführt und noch so einige kleine Arbeiten eben, die ich neben der Arbeit im Phönix machen konnte. Nach der Highschool hatte ich eigentlich eine Ausbildung gemacht als Tischlerin, allerdings war die wirtschaftliche Lage in unserer kleinen Stadt nicht so wirklich prächtig, weshalb mein Ausbilder sein Geschäft kurz nach Abschluss meiner Ausbildung schließen musste. Ich habe damals keine andere Arbeit in diesem Beruf mehr bekommen. Vielleicht auch weil ich ein Mädchen war.“
Anna Marie hörte Lilith gespannt zu und auch in Ororos Gesicht entdeckte sie ein wenig Neugierde über das Leben, das Lilith selbst bisher als sehr unspektakulär empfunden hatte.
„Hattest du in der Zeit nie Probleme mit...mit deinen Fähigkeiten?“, wollte Anna Marie wissen.
„Nein, ich...habe sie immer unterdrückt und mein „Glück“ ist es, dass man mir meine Fähigkeit nicht ansieht“, erwiderte Lilith nachdenklich. Sie hätte noch mehr Probleme gehabt, einen Job zu finden, wenn man ihr angesehen hätte, dass sie ein Mutant war.
Einen Moment herrschte Schweigen, jede der drei Frauen hing so seinen Gedanken nach, bis schließlich Anna Marie als erstes wieder aus ihrer Trance auftauchte.
„Wegen der Uhr... Jubilee, Storm, Jean und ich wollten heute noch nach New York City fahren, hast du vielleicht Lust mit zu kommen? Da gibt es ein Einkaufszentrum, da findest du ganz sicher auch einen Wecker oder was du eben sonst noch so brauchst“, sagte sie.
Lilith konnte nicht anders, als zu lächeln.
„Wenn ihr mich dabei haben wollt, dann gerne“, bejahte sie, ehe sie nachhakte: „Storm?“
„Oh, entschuldige. Wir in unserem Team haben uns alle Namen gegeben, genau wie Logan. Ororo hat sich den Namen Storm gegeben. Und mich nennen die meisten nur Rogue“, erklärte Anna Marie grinsend.
Lilly stieß ein etwas länger gezogenes und verstehendes „Ah!“ aus und bedankte sich für die Erklärung, ehe sie fragte, wann die 4 denn los wollten.
„Och ich weiß nicht. Wenn alle auf sind eben. Wobei wir Jubilee vermutlich aus den Federn schmeißen müssen, die schläft sonst wieder bis Mittag. Das kommt davon, wenn man immer bis spät in die Nacht vor einem GameBoy sitzt“, kicherte Rogue und Lilith fiel in ihr Kichern mit ein.
Nach und nach sammelten sich auch die anderen im Speisesaal und machten sich über das Frühstück her. Ehe es zu voll wurde, meinte Lilith an Rogue und Storm gewandt, dass sie doch Bescheid sagen sollten, sobald sie los wollten und verließ dann den Speisesaal.
Sie zog sich warm an und begab sich dann nach draußen, in die kühle, weiße Pracht, die sie schon von ihrem Fenster aus betrachtet hatte.
So ruhig, so still war es hier. So angenehm, trotz der Kälte.
Doch plötzlich durchbrach das kurze Stottern eines Motors die zauberhafte Ruhe. Liliths Blick wandte sich neugierig zu der Garage hinüber, aus der das Geräusch zweifelsfrei gekommen war. Mit Schritten, die einem Storch alle Ehre gemacht hätten, stakste sie durch den Schnee hinüber zu dem vergleichsweise kleinen Haus, das neben der Villa nicht sehr weit in die Höhe spross.
Das Garagentor war zu, allerdings befand sich an der Seite des Hauses noch eine normale Tür. Vorsichtig drückte Lilith die Klinge hinunter, woraufhin die Tür sich einen Spalt breit öffnete und sie hinein linsen konnte. Ein schwarzer Van stand da, die Motorhaube geöffnet und davor stand Logan, tief über das Innenleben des Wagens gebeugt. Sie kam mäuschenstill herein und schloss die Tür hinter sich.
„Morgen“, brummte er, ohne sich umzudrehen und ehe Lilith ein Wort heraus gebracht hatte. Sie hatte bis zu dem Moment gedacht, er hätte sie gar nicht bemerkt, denn sie hatte kaum ein Geräusch gemacht, sie hatte ihn ja nicht stören wollen.
„Guten Morgen“, erwiderte sie und trat bedachten Schrittes neben ihn und sah ihm zu, wie er an irgendeinem für Lilith nicht identifizierbaren Teil herum schraubte. Seine Hände und Unterarme, sowie sein graues Shirt waren schon wieder mit schwarzem Öl befleckt.
„Ich habe dich beim Frühstück gar nicht gesehen“, merkte sie an, natürlich mit dem Wissen, dass er auch nicht dort gewesen war, jedenfalls nicht während ihrer Anwesenheit.
„Das liegt daran, dass ich gefrühstückt habe, als das ganze Haus noch in Totenstille lag“, entgegnete er und ein kleines Lächeln zeigte sich in seinem Mundwinkel.
Lilith lehnte sich mit ihrem Hintern gegen den Wagen und sah sich in der Garage um. Wie am Vortag vermutet, stand auch Logans Harley hier, nebst einem roten Cabriolet, einem orangen Jeep – welcher aufgrund des Fehlenden Dachs wohl eher ein Sommerfahrzeug war – sowie einem weiteren Motorrad – mattschwarz, eine neuere Rennmaschine – und einem weiteren Van, der dem ersten an dem Logan schraubte ähnelte, abgesehen von der silbergrauen Farbe, mit der er überzogen war.
„Kümmerst du dich immer um die Technik der ganzen Fahrzeuge?“, hakte Lilith nach und wandte den Kopf zu Logan hinüber.
„Meistens. Scott kennt sich auch mit einigen Sachen ebenso gut aus, wie ich, aber ich möchte behaupten, ich mache diese Arbeit lieber als er, auch wenn ich heute Morgen schon mehrmals versucht war, diese dämliche Kiste mit meinen Krallen zu bearbeiten“, antwortete er und ächzte kurz, als er sich sehr weit hinabbeugen musste, um eine Mutter anzuziehen.
Nach ein paar Minuten des Schweigens meinte er: „Du scheinst sich ja schon ziemlich gut mit Jubilee angefreundet zu haben.“ Lilith nickte lächelnd.
„Ja, ich habe sie wirklich gern, jedenfalls soweit, wie ich sie jetzt kenne. Es ist so leicht, sie zu mögen. Man könnte meinen, ihre Laune sprüht meist genau so, wie ihre Kräfte“, erwiderte sie und dachte daran, wie Jubes ihr gestern ihre Kräfte gezeigt hatte, die raketenähnlichen Funken in der fast schon dunklen Nacht.
Sie bemerkte erneut ein kleines Lächeln auf Wolverines Gesicht.
„Ja, sie macht es einem sehr leicht, sie zu mögen. Oft genug verhält sie sich noch so jugendlich mit ihrer zappeligen Art und ich vergesse oft, dass sie schon bald 18 Jahre alt und erwachsen ist“, sagte er und sein abwesender Blick verriet Lilith, dass er sich gerade an etwas erinnerte.
„Wie lange ist sie schon hier? Sie hat mir gestern ein wenig über ihre Vergangenheit erzählt, aber sie hat nicht genau erwähnt, wann sie hierher kam“, fragte Lilith und Wolverine schien wieder ins Hier uns Jetzt zurück zu finden.
„Fast 5 Jahre. Sie war 13, als sie auf Storm und Rogue getroffen ist, die ihr aus der Patsche geholfen haben. Danach kam sie hier her“, antwortete er und richtete sich nun wieder auf, die Hand kurz ans Kreuz haltend und das Gesicht verziehend. Doch nur einen Augenblick, dann lief er zur Fahrertür und setzte sich auf den Sitz.
„Wollen mal sehen, ob du jetzt endlich funktionierst“, murmelte er mit grimmigem Blick mehr zu sich selbst, als zum Van und Lilith trat zwei Schritte zurück.
Tatsächlich sprang der Motor dieses Mal an und stotterte nicht nur. Logan ließ ihn ein paar Minuten laufen, ehe er ihn wieder abstellte und den Schlüssel abzog. Anschließend stieg er aus, schloss die Fahrertür und danach die Motorhaube.
„Was machst du eigentlich hier draußen?“, fragte er, als er wieder neben ihr stand. Seine blauen Augen musterten Lilith sehr genau, doch sie erwiderte den Blick ungerührt. Andere hätte eine Musterung in Verbindung mit Logans oft ein wenig grimmigem Gesichtsausdruck vielleicht eingeschüchtert, bei Lilith hatte es diese Wirkung allerdings nicht. Von solchen Dingen ließ sie sich nicht abschrecken, nicht bei ihm, dem sie früher so tief ins Herz hatte blicken können, hinter die grimmige Fassade.
„Ich wollte draußen die Stille genießen, nachdem es im Speisesaal für meinen Geschmack zu voll wurde. Allerdings hab ich dann den Motor des Vans gehört und meine Neugierde hat mich hier her geleitet“, erzählte sie. Er nickte wissend und begann dann das Werkzeug wieder zusammen zu räumen.
Während Lilith ihm dabei zusah, fiel ihr etwas ein.
„Logan? Wie heißt du eigentlich wirklich und warum hast du so viele Namen? Creed nannte dich James und ich erinnere mich dunkel, dass damals irgendeiner deiner Freunde dich John nannte. Ich habe dich das als Kind nie gefragt, es hat mich nie gekümmert. Allerdings würde es mich jetzt schon ein wenig interessieren“, sagte sie und musterte aufmerksam das Minenspiel in seinem Gesicht. Wolverine schien selbst nicht so richtig zu wissen, was er empfinden sollte.
„Ich wurde unter dem Namen James Howlett geboren. Eine Zeit lang war ich Weapon X, davor und später Wolverine. Die anderen Namen wählte ich je nach Laune und Bedarf, wie es mir gerade gefiel. Oft bezeichneten sie eine Spanne meines Lebens und wenn sie abgeschlossen war und ich mich sehr verändert hatte, gab ich mir einen neuen Namen, manchmal zur Tarnung, manchmal einfach nur weil es mir Spaß machte, weil ich die Illusion, jemand anders zu sein, mochte. Ein langes Leben erfordert manchmal eben mehrere Namen, Identitäten und Veränderungen. Ich kenne Creed schon unglaublich lange und früher waren wir Partner, so etwas wie Freunde, daher kennt er meinen wahren Namen. Ich habe allerdings nicht nur durch ihn gelernt, dass der richtige Name verräterisch sein kann. Also musste gelegentlich eben ein neuer her. John Logan, Logan Howlett, Jim Logan,...“, erzählte er, Lilith den Rücken zugewandt und wieder aufräumend. Eine sehr interessante Erklärung, fand sie.
Er wandte den Kopf ein Stück und sah sie aus den Augenwinkeln an.
„Warum hat es dich nie gekümmert, immerhin wusstest du nicht mal, wer ich wirklich bin?“, fragte er.
Lilith schwieg einen Moment, versuchte sich die Worte ein wenig zurecht zu legen.
„Doch, ich wusste wer du bist, vollkommen egal unter welchem Namen. Du warst mein Held, der nicht nur mein Leben, sondern auch mein Herz vor dem Zerbrechen gerettet hatte. Du warst alles für mich und für diese Zeit war es nicht wichtig, was vorher war und was danach kommen sollte. Es zählte der Moment. Es hat für mich gereicht zu wissen, dass du Logan und Wolverine bist“, erwiderte sie, nun selbst gedanklich abwesend. Ja, so war es gewesen. Sie konnte es nicht besser ausdrücken, allerdings war sie sich sicher, dass Wolverine wusste, wie sie es meinte. So wie er fast immer wusste, was sie meinte.
Diesmal lächelte er nicht, sondern sah sie nur an. Sie hätte viel dafür gegeben, zu wissen was er in diesem Moment dachte. Doch dann verstrich der Augenblick, seine Augen glitten an ihr vorbei und zur Tür.
„Ich...würde mir noch gern ein wenig die Gegend um das Grundstück herum ansehen, kommst du mit? Nicht dass ich mich noch verlaufe“, sagte Lilith. Wolverine schien einen Moment, das Für und Wieder abzuwägen, ehe er nickte.
„Gib mir 15 Minuten, dann begleite ich dich“, meinte er, Lilith nickte und sah ihm dann zu, wie er die Garage verließ. Sie folgte ihm nach draußen und wartete dort im Freien, bis er zurück war. Lilith hoffte, dass Ororo, Rogue, Jean und Jubilee nicht schon gehen wollten, während sie weg war, allerdings wenn man Anna Maries Worte Glauben schenken durfte, dann schlief Jubes ohnehin noch eine Weile, es war ja noch sehr früh.
Es dauerte etwas länger als eine Viertelstunde, bis Wolverine wieder aus der Villa kam. Er trug die selbe Lederjacke und den selben Hut, wie an dem Abend, als er wie aus heiterem Himmel im Phönix aufgetaucht war. Es war ihr jetzt fast unerklärlich, dass sie ihn nicht sofort erkannt hatte, wo sein Gesicht ihr doch so vertraut war. Charles Xavier hatte wohl ganze Arbeit geleistet, was das anbelangte und die lange Zeit zwischen ihr und Logan hatte auch noch mit dazu bei getragen.
Sie schenkte ihm ein Lächeln, als er auf sie zukam und sobald er nahe genug war, hakte sie sich an seinem Arm unter. Kommentarlos ließ er es zu und schob seine Hände in seine Jackentaschen. Liliths Händen machte die Kälte vorerst nichts, sie trug Handschuhe. Ein paar Meter legten sie schweigend zurück, bis zu dem Tor, durch das sie gestern gekommen waren, das wunderschöne Eisengitter mit den Schnörkeln. Wolverine schob es mit Leichtigkeit ein Stück auf und nachdem sie hindurch gegangen waren, schob er es wieder zu. Der automatische Öffnungsmechanismus war wohl durch den Schnee etwas eingeschränkt.
Die Gegend um das Grundstück der Villa schien so unberührt, als würden nicht einige Meter weiter Menschen wohnen. Nicht einmal von der Straße war der Schnee geräumt. Man konnte sie unter der weißen Schicht nicht einmal erkennen.
„Hier kümmert sich wohl selten jemand um die Befahrbarkeit der Straßen“, merkte Lilith an.
„Nein, nicht wirklich. Die Straße wird von kaum jemandem befahren – außer von uns. Gut, dass es hier genug Mutanten gibt, die mit Leichtigkeit den Schnee auf die eine oder andere Weise von der Straße bekommen“, erwiderte er, während sie die Straße überquerten, die nur von der Konsistenz als solche beim Gehen bemerkt werden konnte.
„Ja? Wer denn?“, fragte sie neugierig. Sie war ohnehin schon gespannt auf die Fähigkeiten der anderen Mutanten, in deren Haus sie ja nun verkehrte. Es war bestimmt kein Fehler, über sie alle etwas zu wissen.
„Ororo manipuliert das Wetter, deshalb nennt man sie Storm. Scott könnte mit seinen optischen Energiestrahlen den Schnee wegschmelzen. Nur um zwei zu nennen. Würde ich fortfahren, stünden wir morgen noch hier, befürchte ich“, erzählte er gelassen. Lilith lächelte leicht.
„Komm, ich zeig dir was“, meinte er und schlug spontan eine andere Richtung ein, als an der Straße entlang, er führte Lilith in den Wald hinein, der sich am Rand der Straße erstreckte. Vom Tor aus gesehen führte die Straße links zu dem See, den man vom Garten der Mansion aus sah und rechts zur einer kleinen Ortschaft, durch die sie und Logan auf dem Weg zur Villa gefahren waren.
Wolverine führte Lilly erst ein wenig geradeaus, dann leicht links, jedenfalls soweit sie das beurteilen konnte. Ihr Orientierungssinn war nicht der beste. Sie war verwundert, wie lautlos Logan sich bewegte. Seine Schritte waren kaum zu hören und man sah ihm an, dass er sich nicht sonderlich anstrengte, leise zu sein. Lilith wollte nicht wissen, was passieren konnte, wenn er es tat.
Sie versuchte ebenfalls leise zu sein, allerdings klang sie im Vergleich zu Wolverine wie ein Elefant, ein plumper Elefant. Eine Weile schlichen sie so durch die bizarre, kalte Schönheit dieses Wintertages, bis Wolverine stehen blieb und ohne ein Wort den Zeigefinger an seine Lippen legte. Lilith nickte und anschließend deutete Wolverine in eine Richtung. Was Lilith dort sah, glaubte sie im ersten Moment nicht. Zwei Wölfe tobten dort im Schnee, einer mit braun-grauem, dunkel wirkendem Fell, der andere grau-weiß. Sie erschienen Lilith wie Yin und Yang.
Die Wölfe bemerkten sie nicht, während sie so still dastanden, doch als Lilith voll Verzauberung einen unüberlegten Schritt näher kam, blickten sie auf. Sie hatten den Verursacher des Geräuschs sofort geortet und nahmen nur wenige Sekunden später Reißaus.
Lilith zog eine Schnute, während Logan schmunzelte.
„Die beiden gehören dem hier ansässigen Wolfsrudel an. Die anderen an der Schule wissen das nicht, nur eine Schülerin, weil sie selbst die Fähigkeit besitzt, sich in einen Wolf zu verwandeln. Rahne Sinclair ist ihr Name, allerdings hat sie es lieber, wenn man sie Wolfsbane nennt“, erzählte er und blickte noch einen Moment dorthin, wo die Wölfe gewesen waren, ehe er sich zu Lilith wandte.
„Wenn du willst, kann ich dir noch ein paar Rehe zeigen. Hier in der Nähe gibt es eine Futterstelle, die regelmäßig aufgefüllt wird, damit sie durch den Winter kommen“, meinte er.
Lilith nickte begeistert.
„Oh ja, bitte“, schob sie nach und Logan änderte ein weiteres Mal die Richtung.
„Ich liebe Wölfe“, sagte Lilith leise, während sie weitergingen.
„Ich weiß“, entgegnete Wolverine mit einem kaum sichtbaren Schmunzeln, „Darum habe ich sie dir gezeigt.“ Lilith konnte ihn nur ansehen. Sein Gedächtnis schien ausgezeichnet zu sein, denn soviel sie wusste, hatte sie ihm gegenüber nur ein einziges Mal geäußert, welche ihre Lieblingstiere waren. Und das war schon eine gefühlte Ewigkeit her.
Nach einer Weile hatte Lilith das Gefühl, sie würden im Kreis gehen. Als sie ihre Bedenken äußerte, nickte Wolverine.
„Wir müssen aus einer anderen Richtung kommen als der Wind, sonst wittern uns die Rehe und hauen ab. Sie mögen weder den Geruch von Menschen, noch den von Menschen deren Geruch einem Raubtier ähnelt“, erklärte er und sie wusste genau, dass er mit letzterem sich selbst meinte.
Logan hatte wie es schien viel Ahnung von der Jagd, vom Anschleichen und davon, wie man am Besten irgendwelche Tiere beobachtete.
Es dauerte nicht sehr lange, bis Lilith einige Meter vor sich eine Futterstelle erkannte, eine Krippe die auf einer kleinen Lichtung stand. Gelbliches Stroh lag darin, sowie normales, getrocknetes Gras und die Zapfen verschiedenster Nadelbäume nebst Kastanien und Eicheln. Um die Futterstelle hatten sich zwei Rehe und ein Kitz verteilt. Wolverine entging das Lächeln und der verzückte Ausdruck auf Liliths Gesicht nicht, als sie das junge Reh zu Gesicht bekam. Er verschwieg ihr, dass das Kitz den Winter vermutlich nicht überstehen würde. Logans feine Nase und sein Gespür verrieten ihm nämlich, dass es nicht nur mit dem relativ kalten Winter zu kämpfen hatte, sondern auch mit einer Krankheit, die dem jungen Reh nicht nur direkt zusetzen würde, sondern auch indirekt, denn jeder Jäger des Tierreichs konnte genau das wittern, was auch Wolverine wahrnahm und es würde das Kitz zum perfekten Beutetier machen.
Trotz dass die beiden in der perfekten Position standen, um von den Tieren nicht wahrgenommen zu werden, wurden sie ein wenig unruhig.
„Lass uns gehen. Auch wenn sie uns nicht riechen, sagen ihnen ihre Instinkte doch, dass was nicht stimmt. Wir wollen sie nicht beunruhigen“, raunte Wolverine Lilith zu und sie nickte, ehe sie sich umdrehten und den selben Weg zurückgingen, den sie gekommen waren.
Eigentlich hatte sie Logan nicht mehr darauf ansprechen wollen, auf die lange Zeit die zwischen ihnen gelegen hatte, aber sie konnte es – jetzt, wo sie Gelegenheit zum Reden hatten – nicht zurückhalten. Also fragte sie: „Warum hat es so lange gedauert, bis du meine Erinnerung wieder in Gang gebracht hast?“
Sie wollte noch mehr sagen, aber bei Logans verschlossenem Gesichtsausdruck blieben ihr die Worte im Halse stecken. Man sah ihm deutlich an, dass das nicht gerade das Thema war, über das er jetzt – oder vermutlich irgendwann – sprechen wollte. Lilith erwartete schon fast, er würde gar nichts sagen, wie er es manchmal tat, wenn er über etwas nicht sprechen wollte, aber schließlich antwortete er ihr doch.
„Der Zeitpunkt schien nie der richtige zu sein. Nach dem ich die Suche aufgegeben hatte, musste ich nach Japan und dort einige Dinge regeln, mal wieder etwas aus meiner Vergangenheit in Ordnung bringen. Bevor ich gegangen bin, wäre es zu früh gewesen, dich zurück zu mir zu holen. Ich wollte dich nicht in Gefahr bringen. Aber als ich wiederkam, da...hattest du dich schon so gut eingelebt. Wäre ich aufgetaucht hätte ich alles durcheinandergebracht, alles zum Einsturz verurteilt, was du dir in dieser Zeit so hart erkämpft hast. Ich weiß dass es nie einfach für dich war, aber du hast dich immer durchgeschlagen. Also beschloss ich zu warten. Und ich habe gewartet und immer wenn ich dachte, es wäre Zeit, kam etwas anderes dazwischen, was für den Moment dringender war, auch wenn ich es nicht gern dir vorgezogen habe. Du kamst in die Pubertät, es erschien mir auch zu diesem Augenblick ungünstig, vermutlich hättest du mir nicht vertraut, hättest dich verletzt gefühlt und wärst stur gewesen, was das Verzeihen angeht. Und trotzdem wusste ich, dass es mit jedem Tag, mit jeder Woche, mit jedem Monat und mit jedem Jahr schwerer werden würde, dir wieder unter die Augen zu treten. Ich habe immer wieder andere Ausreden dafür gefunden, alles noch ein wenig vor mir her zu schieben. Ich war mir nicht einmal mehr sicher, ob es so eine gute Idee war, dich die Vergangenheit erneut durchleben zu lassen. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, alles so zu belassen, wie es war“, erzählte er, „Ich hätte einfach weiterhin auf dich aufgepasst, unsichtbar für deine Augen, gewartet und mit dem schlechten Gewissen gelebt. Es wäre nicht das erste Mal gewesen.“
Lilith hörte ihm während seines Monologs genau zu und überlegte sich zum ersten Mal, was passiert wäre, wenn er früher aufgetaucht wäre. Noch im Kindesalter hätte die kleine Lilly ihm ganz bestimmt verziehen, so wie sie ihm alles verzeihen würde, denn er war alles, was sie gehabt hatte. Aber später?
Wahrscheinlich hatte er Recht, sie wäre nie so zugänglich gewesen, wie jetzt, wo sie erwachsen war und nicht nur ihren eigenen Schmerz wahrnahm, sondern auch die Beweggründe, die Wolverine zu seinem Handeln getrieben hatten.
„Warum hast du dich letztendlich doch anders entschieden?“, wollte sie wissen und sah zu ihm auf. Er starrte vor sich in den Schnee, wie immer darauf bedacht, so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen. Fast schon katzenhaft sah es aus, Vorsicht gepaart mit Eleganz und Selbstbewusstsein.
„Ich schätze, weil ich egoistisch bin“, antwortete er dann ganz knapp und so selbstverständlich, dass Lilith kichern musste, trotz dass das Thema eigentlich gar nicht zum Lachen war. Sie erntete dafür auch einen etwas verwunderten Blick von Logan und eine hochgezogene Augenbraue seinerseits.
„Tut mir Leid. Das klang gerade einfach nur so...“, fing sie an, wusste dann aber nicht, wie sie es treffend umschreiben konnte.
„Ehrlich?“, half Wolverine ihr mit unbewegter Mine auf die Sprünge.
„Das auch. Das war so ehrlich, dass es fast schon lustig war“, entgegnete sie und musste wider Willen grinsen.
Tatsächlich schlich sich nun auch auf Logans Lippen ein kleines Lächeln. Wie sehr er das vermisst hatte. Wie sehr er sie vermisst hatte.
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