Out Of The Past

GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P18
Gambit / Remy LeBeau Jubilee / Jubilation Lee Professor X / (Professor) Charles Francis Xavier Rogue / Mary D'Arcanto Sabretooth / Victor Creed Wolverine
24.04.2014
02.06.2016
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24.04.2014 3.827
 
Mit einem ruckartigen, tiefen Atemzug fand Lilly den Weg zurück ins Hier und Jetzt. Sie war zu Boden gegangen, saß auf ihrem Hintern auf dem kalten Asphalt. Das Eis hinterließ gerade einen nassen Fleck auf ihrem Gesäß.
Wolverine.
Er stand vor ihr und hielt ihr die Hand hin, um ihr aufzuhelfen.
Natürlich kannte sie ihn. Nur schien es, als habe sie ihn über all die Jahre vergessen. Genau wie die Zeit ihn vergessen zu haben schien, denn er sah noch genau so aus, wie das trübe Bild, das in der hintersten Ecke ihres Gedächtnisses von ihm übrig geblieben war.
Sie ergriff seine Hand nicht, sondern stand aus eigener Kraft auf, wenn auch taumelnd, wobei er sie ganz genau beobachtete.
„Es tut mir Leid, Lilly“, sagte er ganz ruhig.
„Was tut dir Leid? Dass du mich zurückgelassen hast? Dass du dich all die Jahre einen Dreck um mich geschert hast?“, entfuhr es ihr, während ihr Tränen in die Augen stiegen und ihre Erinnerung zurück kam.
„Ja. Das auch. Aber eigentlich wollte ich mich dafür entschuldigen, dass ich Teile deines Gedächtnisses vorübergehend habe löschen lassen“, erwiderte er.
Lilly entfuhr ein Laut der Empörung. Darum hatte sie sich nicht an ihn erinnern können. Darum hatte sie ihn nicht erkannt in der Bar.
„Und das tut ihr am meisten Leid?“, fuhr sie ihn an, „Dass du mich dich hast vergessen lassen? Vollkommen egal, ob ich mutterseelenallein war? Die ganze Zeit?“
„Du hast es irgendwie geschafft, sonst würdest du jetzt nicht hier vor mir stehen. Und ja, das tut mir am meisten Leid. Denn als ich einen Freund bat, mich aus deinem Gedächtnis zu löschen, habe ich dir alles nehmen lassen, woran du in diesem Moment geglaubt hast und alles auf das du dich verlassen hast. Ich wünschte, ich hätte für dich da sein können, Lilly“, erwiderte er und sah wirklich so aus, als täte es ihm mehr als nur Leid.
„Aber du warst es nicht“, wisperte sie und wischte sich trotzig die Tränen ab. Jetzt erinnerte sie sich wieder an alles. An damals im Waisenhaus, als sich so allein gefühlt hatte und nicht mehr genau gewusst hatte, warum. Immer hatte irgendetwas gefehlt, worauf sie wirklich hatte bauen können. Jetzt wusste sie wieder was. Jetzt wusste sie wieder wer.

Ungesehen der Feuerwehrmänner und Polizisten, sowie der Schaulustigen und der Presse hatte er Lilith fort gebracht. Für Ava wäre jede Hilfe zu spät gekommen und er wollte nicht noch mehr Zeit verplempern, die ihre Feinde nur auf seine Spur locken würde.
Das kleine Mädchen klammerte sich die ganze Zeit an ihn und weinte, wimmerte und schluchzte gegen seine Brust, bis sie schließlich über ihrem Kummer einschlief.
Sie bekam nicht mit, wie er Stunden um Stunden durch die Stadt streifte, um seine Spuren zu verwischen und auch nicht, wie er sie mit in einen Van nahm, auf der Rückbank in seine Jacke eingepackt anschnallte und in dem Wagen viele Kilometer zurücklegte. Zwischenzeitlich wechselte er den Wagen, fuhr wieder eine etwas andere Richtung und achtete peinlichst genau darauf, nicht verfolgt zu werden.
Während Lilith schlief, fragte er sich, was er tun sollte. Er konnte das Kind nicht bei sich behalten, auch wenn er es Ava versprochen hatte. Lilith war in Gefahr, wenn sie bei ihm war. Immer.
Aber er konnte sie doch nicht einfach weg geben, vor allem jetzt, wo sie doch gesucht wurde. Aber wie sollte er jene, die Lilith suchten, ausfindig und dingfest machen, wenn er sie bei sich hatte? Sie war wie ein Klotz am Bein und er konnte sowieso nicht gut mit Kindern umgehen. Kinder mochten ihn nicht, dafür war er zu griesgrämig und – für kindliche Maßstäbe – zu langweilig. Vielleicht auch beängstigend.
Lilith hatte keine Verwandten hier in der Gegend und vor allem keine Verwandten, die sie beschützen konnten. Jack, ihr Vater, war vor einem Jahr gestorben und ihre Mutter Ava war ihm nun in den Tod gefolgt.
Die Nacht und der darauffolgende Tag waren verstrichen, als er in seinem kleinen Apartment angekommen war. Lilith schlief noch immer, aber er befürchtete, dass das nicht mehr lange so bleiben würde.
Nachdem er sie aus dem Auto nach oben gebracht hatte, packte er sie kurzerhand in sein Bett, deckte sie gut zu und bettete ihren Teddy neben sie, ehe er die Schreibtischlampe am anderen Ende des Raums anknipste. Sie sollte nicht in völliger Dunkelheit aufwachen, er wusste, dass ihr das Angst machen würde.
Dann verließ er das Schlafzimmer, verzog sich in die andere Hälfte der 1,5-Zimmer-Wohnung. Der einzige andere Raum den man auch als solchen bezeichnen konnte, war eine Fusion aus Küche, Esszimmer und Wohnzimmer. Kurz gesagt eine Küche, die zugleich ein Wohnzimmer beherbergte, welches als Esszimmer fungierte. Ein Apartment für eine Person eben. Er wusste nicht, wie er hier ein Kind bei sich behalten sollte. Mal ganz abgesehen davon, dass er keinen blassen Schimmer hatte, wie er mit einem kleinen Mädchen umgehen sollte, das gerade ihre Mutter verloren hatte und sich jetzt mutterseelenallein fühlen musste. Andererseits...er war auch die meiste Zeit mutterseelenallein, vielleicht schuf das ja eine Art Bindung zwischen ihnen? Er bezweifelte es.
Mit einer Flasche Whiskey bewaffnet sank er auf die Couch, um dann gleich einen Schluck daraus zu nehmen. Der Whiskey rann kalt und zugleich doch glühend heiß seine Kehle hinab. Der Alkohol würde keine Wirkung auf ihn haben, wenn er nicht gerade die komplette Flasche innerhalb der nächsten 10 Minuten leeren wollte, aber trotzdem schaffte es eine Illusion der Beruhigung seiner Nerven.
Plötzlich vernahm sein feines Gehör Schritte auf dem Dielenboden. Leise, tapsend und vorsichtig.
Nur einen Wimpernschlag später kletterte Lilith neben ihm auf die abgeschabte Ledercouch. Ihre Augen waren gerötet vom Weinen, aber im Moment schien sie sich gut im Griff zu haben.
„Wo sind wir?“, fragte sie. „Bei mir zu Hause. In Sicherheit“, antwortete er, woraufhin die Kleine mit abwesendem Blick nickte. Ihr Blick fiel auf die Flasche in seiner Hand.
„Mommy sagt, so etwas macht selbst den besten und nettesten Mann zu einem Idioten. Du solltest das nicht trinken“, murmelte sie.
Unwillkürlich musste er Lächeln. „Sehr umsichtig von deiner Mommy, sie hat Recht was das anbelangt. Jedenfalls bei den meisten Männern. Bei mir ist das anders, bei mir hat das überhaupt keine Wirkung“, erklärte er. Er konnte kaum glauben, dass er lächelte. Das war relativ selten der Fall.
Wieder nickte Lilith. Nachdem er die Flasche dann doch weg gestellt hatte, kam sie ein wenig näher und lehnte den Kopf gegen seine Schulter, ehe sie ihre kleinen Ärmchen um seinen Oberarm schlang.
Er wusste nicht so recht, wie er reagieren sollte, also rührte er sich einfach nicht und ließ sie gewähren.
Während Lilith so an seinem Arm hing, kam nun – verspätet – auch in ihm Trauer auf und was fast ebenso stark war: die Schuld. Der Gedanke versagt zu haben. Er hätte Ava vielleicht retten können, wenn er schneller gewesen wäre. Vielleicht.
Die Kleine schien ihm das anzumerken und sah mit ihren großen, grünen Augen zu ihm auf.
Aber sie sagte nichts, ließ nur seinen Arm los, krabbelte noch dichter zu ihm und schob ihre Arme um seinen Hals, umarmte ihn.
Auch wenn er das vermutlich nie laut ausgesprochen hätte, tröstete ihn Liliths Umarmung. Obwohl sie selbst jetzt ein ziemlich kaputtes Herz hatte, versuchte sie seines ein wenig zu flicken oder zumindest zusammen zu halten.
Ihre Hand strich ein wenig über seine Wange, über den rauen Bart in seinem Gesicht. Er konnte hören, wie ihr Herz schlug, ganz ruhig. Sie hatte keine Angst.
„Du passt doch auf mich auf oder, Logan?“, flüsterte sie leise, aber dank seines guten Gehörs hatte er es natürlich trotzdem vernommen. „Ja. Ich werd immer auf dich aufpassen, kleine Lilly.“


Es war ein Stich in Lillys, in Liliths Herz, sich an all das zu erinnern, mit dem Wissen, dass Logan nicht immer auf sie aufgepasst hatte. Tatsächlich war sie nur wenige Wochen bei ihm geblieben, auch wenn sie gestehen musste, dass diese Wochen die beste Zeit ihres Lebens gewesen waren – jedenfalls nach dem Tod ihrer Mutter.
Sie hatten sich gegenseitig Kraft gegeben, ganz ohne über die ganzen Vorkommnisse zu sprechen. Lilith war damals nur knapp 6 Jahre alt gewesen, aber sie hatte alles kapiert, was vorgefallen war. Sie verstand Logans Gefühl der Schuld, ihre Mutter nicht gerettet zu haben, wusste aber auch, dass es so hatte sein müssen. In der Zeit als sie bei Logan gewesen war und ihn besser kennen gelernt hatte als zuvor, wusste sie, dass er niemand war, der halbe Sachen anfing. Wenn er etwas anpackte, dann gab er alles. Sie übertrug dieses Schema auf die Ereignisse, die sich um den Tod ihrer Mutter wanden und ihr war klar, dass Logan auch hier alles gegeben hatte. Sein Bestes. Auch wenn es hierbei vielleicht nicht gereicht hatte.
Aber dann hatte er sie weg gegeben. Er hatte einen Platz in einem guten Kinderheim für sie besorgt und in die Gänge gebracht, dass er aus ihrem Gedächtnis gelöscht wurde, warum auch immer.
„Was machst du hier? Du hast dafür gesorgt, dass ich vergesse, wer du bist. Und jetzt, nach all den Jahren tauchst du hier auf, bringst meine Erinnerung wieder mit und tust mir weh? Wenn ich dir damals schon zu viel war, warum kommst du dann jetzt zu mir?“, verlangte sie in beschuldigendem Tonfall zu wissen.
„Du warst mir nicht zu viel, Lilly. Nie. Du warst der einzige Mensch und wirst wahrscheinlich für den Rest meines Lebens der einzige Mensch sein, der mir nie zu viel wird“, entgegnete er und schwieg dann. Er drückte sich bewusst davor, die Vorkommnisse zu erklären, das merkte sie. Jetzt, wo sie wieder Zugang zu diesem Teil ihres Gedächtnisses hatte, erinnerte sie sich auch an die einzelnen Facetten von Logans Persönlichkeit und vor allem auch daran, in seinem Gesicht genau das abzulesen, was darin vorging.
Mit schmerzendem Herzen schob sie sich an ihm vorbei, schlug ihren Nachhauseweg ein. „Dann sprich eben nicht mit mir“, murmelte sie kaum hörbar und wusste doch, dass er es vernommen hatte.
„Verdammt, Lilly, bleib stehen!“, knurrte er.
„Zu welchem Sinn und Zweck? Was habe ich davon, wenn du mir sagst, was dich zu diesem und jenem bewegt hat? Du warst nicht hier und ich habe dich vergessen, daran lässt sich nichts mehr ändern und wenn ich dich jetzt so sehe, dann will ich das auch gar nicht. Ich wünschte, du wärst nicht gekommen, Logan“, entgegnete Lilith und ging weiter. Tränen rannen über ihre Wangen, es tat so weh die Worte auszusprechen, jedes einzelne war wie ein Glassplitter in ihrer Luftröhre.
„Lilly!“, rief er ihr nach.
Lilith wirbelte herum und funkelte ihn böse an. „Hör auf mich so zu nennen, ich bin kein kleines Kind mehr!“
Nein, das war sie wahrhaftig nicht mehr. Sie war 26 Jahre alt. Und sie war die letzten 20 Jahre auch gut ohne Wolverine klar gekommen, also würde sie auch den Rest ihres Lebens ohne ihn klarkommen. Ihren Held aus Kindertagen. Sie hatte ihn so vergöttert! Er war alles gewesen, was ihr noch geblieben war und oft genug hatte das kleine Mädchen das Gefühl gehabt, als beruhe das auf Gegenseitigkeit.
Aber heute war Lilith sich nicht mehr so sicher ob es der Wahrheit entsprochen hatte.
Sie war schon wieder weiter gegangen, fest entschlossen Logan einfach dort stehen zu lassen. Allerdings hätte sie wissen müssen, dass er sich nicht einfach so abspeisen ließ.
Es dauerte nur einen Wimpernschlag, da hatte er ihren Arm gepackt und sie zu sich herum gedreht. Es fühlte sich an, als stecke ihr Arm in einem Schraubstock fest.
„Lilith. Bitte, lass es mich erklären“, sagte er dann sanft, viel sanfter als sein grimmiges Gesicht wirkte.
„Lass meinen Arm los, ich will es nicht hören“, entgegnete sie trotzig, klang aber unsicher.
Ein Seufzen glitt über Logans Lippen.
„Avas Sturheit hast du in jedem Fall geerbt“, murmelte er, ehe er Liliths Arm frei gab. „Hör zu, ich war da, das schwöre ich dir. Nicht oft, aber ich war da und wenn ich nicht konnte, hat immer irgendjemand auf dich Acht gegeben, dir hätte nichts passieren können“, sagte er und Lilith runzelte die Stirn.
„Wie darf ich das verstehen?“, hakte sie nach und blickte in seine unergründlichen, blauen Augen.
„Ich erzähle dir alles, haarklein. Aber nicht hier“, erwiderte er und nickte mit dem Kopf in die Richtung, in die sie hatte gehen wollen, „Jetzt, wo du ja weißt, dass ich kein Fremder mit schmutzigen Hintergedanken bin, sondern...sagen wir mal...ein alter Freund, könntest du mich mit zu dir nach Hause einladen und ich könnte dir alles in Ruhe erzählen. Okay?“
Lilith zögerte kurz, nickte dann aber.
Es fühlte sich seltsam an, nun neben Wolverine her zu gehen. Sie fühlte sich wieder wie ein kleines Kind. Sie früher waren oft lange nebeneinander her gegangen ohne ein Wort zu sagen, hatten nur manchmal einen Blick getauscht und wenn Lilith ihn angegrinst hatte, hatte er gelächelt.
Jetzt lächelte er nicht. Gut, sie grinste ja auch nicht. Wenn sie grinsen würde, ob er dann so wie früher lächeln würde? Liliths Gedanken drehten sich im Kreis. Wenn und hätte, zwei so wundervolle Worte, die ein Gehirn stundenlang auf Trab halten konnten.
Sie war so vertieft, dass sie beinahe an ihrer eigenen Haustür vorbei lief. Sie stoppte aber noch rechtzeitig und schloss die Tür auf.
Auf dem Weg nach oben blickte sie in die Gänge zu den Apartmenttüren. Ihres lag auf der 6. Etage, Apartment C. Wieder fühlte Lilith sich in der Zeit zurück versetzt. Logan hatte auch ein Apartment in einem solchen Haus gehabt. 2D war es gewesen, sie konnte sich noch genau an die weiß aufgemalten Ziffern auf der abgeschabten Tür erinnern.
Allerdings war das Innere des Apartments grundlegend anders. Viel gemütlicher und natürlich mit einer weiblichen Note, noch dazu viel ordentlicher. Allerdings hatte Lilith in dem Sinne kein Wohnzimmer. Sie hatte eine Küche mit Esszimmer und ein großes Schlafzimmer in dem auch ein Fernseher stand. Sie hatte selten Besuch und wenn doch, dann keinen mit dem sie sich vor die Glotze hockte.
Nachdem sie mit Logan im Schlepptau hinein gegangen war und er die Tür geschlossen hatte, schälte sie sich aus ihrer Jacke, hängte sie an die Garderobe neben der Tür und streifte ihre Schuhe von den Füßen. Wolverine tat es ihr gleich und ließ seinen Blick dann neugierig durch den Raum schweifen.
Lilith deutete auf den kleinen Tisch, um den sich drei Stühle scharten. Logan ließ sich locker auf einem der Stühle nieder und wartete dann, bis Lilith sich ihm gegenüber gesetzt hatte.
„Also, dann lass mal hören deine bahnbrechende Geschichte“, forderte sie ihn fast schon gelangweilt klingend auf.
„Zeig mir deine Hände“, entgegnete er, woraufhin sie ihn verwundert ansah, ihm dann aber ihre Hände hinhielt. Er drehte sie beide um, sodass die Handinnenfläche nach oben zeigte und sah sie sich genau an.
„Du hattest deine Fähigkeiten schon sehr früh“, murmelte er und fuhr auf beiden Seiten mit seinem Daumen über ihre Handinnenfläche.
Sie runzelte die Stirn und sah ihn prüfend an. Was faselte er da? Seit wann konnte er aus der Hand lesen? Sie konnte sich kaum vorstellen, dass er unter die Wahrsager gegangen war. Doch noch ehe sie danach fragen konnte, begann er weiter zu sprechen: „Ich wollte dich nicht loswerden, damals. Ich wollte die finden, die hinter dir her waren, aber das konnte ich nicht, während du bei mir warst. Außerdem...wollte ich nicht, dass du so aufwächst. Du hättest kein geregeltes Leben gehabt, wenn ich dich bei mir behalten hätte, so gern ich das auch getan hätte.“
„Aber wenigstens hätte ich jemanden gehabt, der für mich da gewesen wäre“, widersprach Lilith leise.
„Jemand, der nicht mit Kindern umgehen kann, jemand, der ein so unruhiges Wesen hat, dass er alle paar Wochen irgendwo anders hingeht und jemand, der sich sicher war, dass du es woanders besser haben würdest. An einem Ort wo du Freunde in deinem Alter hast, zur Schule gehen kannst und vor allem Leute hast die dich vernünftig erziehen“, erwiderte er und sah hinab auf ihre zierlichen Hände, die in seinen großen Händen ruhten.
„Und warum hast du mir das Gedächtnis löschen lassen? Vermutlich von einem Telepathen?“, riet sie und er nickte.
„Ein alter Freund, der mir noch einen Gefallen schuldete. Ich habe dich vergessen lassen, um es dir leichter zu machen. So würdest du mir nicht nachtrauern, nicht auch noch damit zu kämpfen haben, dass ich dich zurückgelassen habe. Avas Tod war schon genug, um damit fertig zu werden. Also hat er deine Erinnerung manipuliert, dich glauben lassen du seist von einem Feuerwehrmann gerettet worden und hättest danach einige Zeit im Krankenhaus verbracht, ehe du in das Kinderheim kamst“, erzählte er und Stille kehrte ein.
Lilith verfluchte ihr Herz, als es das Bild in ihrem Kopf malte, wie schwer es für Logan gewesen sein musste, sie aufgeben zu müssen. Mit ansehen zu müssen, wie er einfach von ihrem Gedächtnis radiert wurde, wie Bleistift von einem Blatt Papier.
„Du hast gesagt, du warst da. Und wenn nicht du, dann jemand anders. Erklär mir das“, verlangte sie mit leiser Stimme.
„Ich habe immer wieder nach dir gesehen, ohne dass du mich bemerkt hast. Ich war in der Nähe, habe die Umgebung gecheckt, nach Anzeichen eines Eindringlings gesucht, damit ich sicher sein konnte, dass du nicht in Gefahr bist. Und wenn ich das nicht konnte, haben es Freunde von mir getan“, sagte er, ehe er ganz leicht schmunzelte und nachschob: „Sie waren alle neugierig auf das kleine Mädchen, das den bärbeißigen Vielfraß zum Lächeln bringen konnte, wann es wollte.“
Ihr Blick senkte sich. Eigentlich wollte sie lächeln, aber das war irgendwie so verdammt traurig. Zwei Menschen, die irgendwie dazu bestimmt gewesen wären, sich gegenseitig Halt zu geben und dann waren sie getrennt worden, um sich erst 20 Jahre später wieder zu sehen, jetzt, wo alles anders war. Wo Liliths Kindheit nie mehr zurückkommen würde.
„Hast du viele Freunde hier?“, fragte Logan und lenkte so – absichtlich oder nicht – vom Thema ab. Lilith überlegte. Klar hatte sie ein paar Leute, mit denen sie sich gelegentlich traf, aber wirklich enge Freunde waren das nicht. Zum Beispiel wusste keiner von ihnen, dass Lilith eine Mutantin war, oder dass ihre Eltern schon gestorben waren, als sie noch ein kleines Kind gewesen war, auch nicht Samantha, obwohl diese im selben Heim gewohnt hatte, wie Lilith. Damals hatte man nicht darüber gesprochen und jetzt war der Zug abgefahren.
„Ein paar. Aber nicht wirklich enge“, antwortete sie also wahrheitsgemäß und war gespannt, was nun kommen würde.
„Du könntest mit mir kommen. Nach New York“, sagte er.
Lilith sah ihn verwirrt an. Wie kam er jetzt darauf? Sie hatten sich heute zum ersten Mal seit Jahren wiedergesehen, bzw. Lilith hatte erst am heutigen Tag wieder eine Erinnerung an ihn und jetzt wollte er, dass sie einfach so mir nichts dir nichts mit ihm ging?
„Wie stellst du dir das vor? Ich kann doch nicht einfach hier weg gehen, ich hab hier eine Wohnung, einen Job...“, fing sie an, ehe sie fragte: „Warum soll ich überhaupt mit nach New York?“
„Eine Wohnung, die du kündigen kannst und einen Job, den du ohnehin nicht gerne machst und dich die ganze Zeit mit besoffenen Kerlen rumärgern musst, die alle nur das eine von dir wollen“, entgegnete er.
Empört schnappte sie nach Luft und wollte etwas erwidern, aber dann sah sie ein, dass er Recht hatte. Die Wohnung, was bedeuteten ihr schon diese zwei Zimmer in dem großen Block? Und einen Job als Kellnerin würde sie zweifelsfrei in jeder anderen Stadt ebenso finden, vielleicht sogar unter besseren Konditionen. Die Sache mit den Freunden war ja ohnehin schon geklärt. Was hatte sie jetzt noch für Gegenargumente?
„Hör zu, ich bin nicht hier her gekommen, um dein ganzes Leben durcheinander zu bringen... Aber ich dachte...du könntest vielleicht Hilfe gebrauchen mit deinen Kräften und du würdest dich vielleicht an einem Ort wohlfühlen, wo du dich nicht verstecken oder verstellen musst, weil du eine Mutantin bist. Und vielleicht wäre es dir ja auch nicht unangenehm in meiner Nähe zu sein, jetzt, wo du dich erinnerst“, erläuterte er, als er merkte, wie sie mit sich haderte.
„Logan, warum jetzt? Du hättest schon vor Jahren auftauchen können, warum tust du es jetzt, warum gerade heute Nacht?“, fragte sie, verlor aber ein wenig an Ernsthaftigkeit, als sie bei dem Wort „Nacht“ gähnen musste. Es war schon so spät, oder besser gesagt früh.
Erst jetzt ließ er ihre Hände los und zog seine zurück. „Lass uns das Morgen bereden. Es eilt nicht, ich habe Zeit. Lass uns schlafen gehen“, sagte er und erhob sich. Er hatte ihr unbeabsichtigtes Gähnen richtig gedeutet: Lilith war vollkommen übermüdet.
Sie widersprach ihm auch nicht, nickte nur und erhob sich ebenfalls. Dann fiel ihr ein kleines Problem ein und spielte nervös mit einer Strähne ihrer braunen Locken, die denen ihrer Mutter – bis auf die Farbe – so ähnelten.
„Die Sache ist die, ich habe kein Sofa, oder etwas anderes worauf du schlafen könntest...“, druckste sie herum, „Aber um die Ecke gibt es ein Hotel, wenn du...“
„Quatsch. Geh schlafen, ich finde schon irgendwo ein Plätzchen“, war er sich sicher, legte Lilith eine Hand auf den Rücken und schob sie in Richtung Schlafzimmer. Gähnend folgte sie seiner Anweisung und schlich in ihr Schlafzimmer, schnappte sich ihren Schlafanzug – kurze, bequeme Shorts und ein Top – und schleppte sich ins Badezimmer.
Nachdem sie sich umgezogen und ihre Zähne geputzt hatte, kam sie zurück ins Schlafzimmer, legte ihre Klamotten sauber zusammen und platzierte sie auf einem kleinen Hocker am Fußende ihres Bettes. Wolverine stand am Fenster und wie er da so stand, kam er ihr vor wie ein seltsamer Traum. Sie erwartete schon halb, morgen aufzuwachen und allein zu sein, feststellen zu müssen, dass alles nur ein Traum gewesen war, die Rettung vor all diesen Jahren und sein Auftreten jetzt.
Als sie gedankenverloren so reglos dastand, wandte er sich um. „Festgewachsen?“, fragte er, „Oder schläfst du jetzt schon im stehen, Kleines?“ Seltsam, wie viel liebevoller der Kosename 'Kleines' aus seinem Mund klang, im Gegensatz zu Brian.
Schnell schüttelte Lilith den Kopf und schlüpfte in ihr kuscheliges Bett. Wie viel bequemer ihr ihr Bett vorkam, wenn sie richtig müde war!
Sie schloss die Augen und merkte, dass sie innerhalb der nächsten Minuten einschlafen würde.
„Gute Nacht, Lilith. Schlaf gut“, hörte sie Logan sagen und spürte, wie er die Decke über ihr ein wenig zurecht zupfte. Sie lächelte ein wenig. „Gute Nacht, Wolvie“, erwiderte sie, um ihn ein klein wenig zu ärgern. Er mochte es nicht, wenn man ihn so nannte.
Von Lilith ungesehen, lächelte Wolverine. Nach wie vor wollte er nicht so genannt werden, allerdings war das jetzt ein Stück Erinnerung, an das er gerne dachte, denn sie hatte ihn schon früher so genannt.
Er setzte sich neben Lillys Bett auf den Boden und beobachtete sie beim Schlafen, ihre sacht geschlossenen Lider, die langen, dunklen Wimpern, die auf ihren Wangen ruhten, ihre wunderschönen, vollen Lippen, welche ein klein wenig geöffnet waren. Erneut glitt ein Lächeln über seine Lippen. Er hatte sie vermisst, die kleine Lilly, die er schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr von so Nahem gesehen hatte, wie jetzt.
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