Out Of The Past

GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P18
Gambit / Remy LeBeau Jubilee / Jubilation Lee Professor X / (Professor) Charles Francis Xavier Rogue / Mary D'Arcanto Sabretooth / Victor Creed Wolverine
24.04.2014
02.06.2016
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24.04.2014 4.241
 
So liebe Leute es ist wieder Mittwoch ;)

Mal eine Frage abgesehen von meiner Story an die Comic-Leser (falls es unter euch welche gibt :D): Was haltet ihr von der aktuellen Wolverine/Deadpool Comicreihe, deren Verlauf und Marvels Ankündigung von Wolverines Ableben? Würde mich echt interessieren.

Viel Spaß beim Lesen :)
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Lilith bekam gar nicht mit, wie Kurt und Jubilee den Baum fertig schmückten und anschließend gingen. Sie halfen ein paar der Schüler mit ihren Koffern, denn ein paar von ihnen reisten schon heute ab, eine Woche vor Heilig Abend. Die meisten anderen würden im Verlauf der Woche fahren oder hier bleiben, denn nicht alle der Schüler hatten Eltern, die auf sie warteten. Für viele war die Villa ihr Zuhause und die anderen Schüler, sowie auch die „Lehrer“ ihre Familie. So wie bei Jubilee.
Lilly hatte die Beine angewinkelt und dicht an ihren Körper gezogen, die Arme darum geschlossen. Nun legte sie müde ihr Kinn auf ihren Knien ab und ließ zu, dass ihre Augen ganz zu fielen. Sie war so unglaublich müde...

Die Luft war stickig und roch nach Desinfektionsmittel, wie das eben so war in Krankenhäusern. Lilly war noch nicht oft in einem gewesen, aber sie wusste, dass es in jedem Krankenhaus so roch. Es gehörte dazu, wie ein Kind zu seiner Mutter. Oder seinem Vater. Wie Lilith zu ihrem Daddy, den sie heute besuchen kam.
Es ging ihm nicht gut, hatte Mommy gesagt. Lilith wusste, dass er schwer krank war, aber sie wusste nicht was genau mit ihm los war. Ihr war mulmig zumute. Als sie heute zu Mommy gesagt hatte „Er wird doch wieder gesund, oder?“, hatte sie nicht geantwortet.
Und jetzt gingen sie zusammen den weiß getünchten Flur entlang, begleitet von diesem Geruch, den man schon fast als Gestank bezeichnen konnte. Eine Hand hatte sie ihrer Mom gereicht, in der anderen hielt sie ihren Teddy. Jack.
„Hier rein, Schatz“, sagte Ava und blieb vor einer Tür stehen, klopfte und ging dann hinein. Lilith gefiel der Ausdruck im Gesicht ihrer Mutter nicht. Sie sah so fertig aus, so ausgemergelt und abgekämpft.
Liliths Blick glitt noch über die Nummer auf der Tür. 302. Sie war zwar erst 5, aber Zahlen erkennen konnte sie schon gut, genau wie lesen. Das Mädchen, das im Haus gegenüber wohnte und manchmal mit Lilith spielte, ging schon zur Schule und hatte ihr das beigebracht. Die Erzieherinnen im Kindergarten waren ganz entzückt darüber gewesen, als Lilith einer ihrer Freundinnen im Kindergarten einen der spärlichen Texte eines Bilderbuches vorgelesen hatte.
Als sie den Raum betraten, wurde Lilly von dem rötlichen Licht geblendet, das die Abendsonne durch die großen Fenster schickte und ganz im Kontrast mit dem sterilen Deckenlicht des Zimmers stand. Sie war gerade dabei unter zu gehen, aber sie strahlte noch mit einer unbändigen Kraft, sodass Lilith blinzelte und sich die Hand vor Augen hielt.
Erst als sie direkt davor standen, sah sie ihren Vater in dem Krankenbett liegen. Er war allein im Raum, hatte keinen Zimmernachbar. Aber das war auch besser so, fand Lilith, so hatte sie ihn für sich allein, zusammen mit ihrer Mom. In einem seiner Arme steckte eine Kanüle, an der ein Schlauch befestigt war, der zu einem hängenden Beutel mit durchsichtiger Flüssigkeit führte und unter seiner Nase verlief ebenfalls ein Schlauch. Aber das war noch nicht alles, da stand auch noch so ein komisches Gerät, das in regelmäßigen Abständen piepste. Liliths Aufmerksamkeit lag nur kurz auf den ganzen seltsamen Dingen, die da um ihren Vater lagerten.
„Daddy!“, freute sie sich und kletterte auf den Stuhl, der sich neben ihm befand, um danach zu ihm aufs Bett zu kriechen.
„Hey, mein kleiner Engel“, sagte er und lächelte müde, ehe er sie in die Arme schloss, „Ich freue mich so, dich zu sehen.“
„Ich mich auch“, kicherte sie und fragte dann: „Wie geht es dir, Papa?“ Wieder dieses müde Lächeln.
„Jetzt wo ihr hier seid, geht es mir ausgezeichnet“, antwortete er. Er streckte seine Hand nach Ava aus, die diese ergriff und sich auf den Stuhl setzte. Er lockerte den Griff um Lilith und sie setzte sich direkt neben ihn, den Kopf auf seine Schulter gelegt.
„Daddy, darfst du bald nach Hause? Wir müssen doch noch mein Baumhaus fertig bauen“, meinte Lilith und sah treuherzig zu ihm auf. Er erwiderte ihren Blick mit dem selben ausgebrannten Ausdruck, der auf dem Gesicht ihrer Mutter zu finden gewesen war. Lilly könnte sich jedes Mal aufs Neue in seinen Augen verlieren, es war, wie wenn sie in den Spiegel blicken würde, denn er hatte die selben Augen wie sie selbst. Dieses tiefe, reine Grün, das sie an die Farbe des Waldes erinnerte.
„Bald, Lilith. Dann bauen wir daran weiter“, erwiderte er und lächelte wieder, trotzdem sagte Liliths Gefühl ihr, dass er log. Aber sie entgegnete nichts. Vielleicht hatte er seine Gründe dafür, dass er nicht die Wahrheit sagte. Lilith konnte sich nicht vorstellen, dass ihr Vater sie ohne Grund belog. Er war der ehrlichste Mensch, den sie kannte und er hatte ihr gegenüber noch nie ein Versprechen gebrochen oder sie anderweitig enttäuscht oder belogen und sie war sich sicher, dass er das auch niemals tun würde.
Sie drückte ihren Teddy an sich und hörte zu, wie Jack und Ava sprachen. Sie wurde müde, sie hatte aufgrund der langen Fahrt hierher ihren Mittagsschlaf auslassen müssen und war darum jetzt ziemlich geschafft. Ihre Augen fielen früher zu, als sie wollte und sie versank in Schlaf.
Ihre Träume brachen abrupt ab, als Jack sich rührte. Lilith schreckte auf. Ihr Vater atmete schwer und sie sah, wie ihre Mutter aus dem Zimmer rannte. Was war los?
Sie sah hinab auf ihren Dad, der bis zu diesem Augenblick wie gebannt zur Decke gestarrt hatte. Nun sah er sie an.
„Lilith? Weißt du...manchmal kommt eine Zeit, in der man sich von Menschen, die man liebt verabschieden muss. Aber diese Menschen gehen nicht weg, sie sind immer da, auch wenn man sie vielleicht nicht sehen kann“, sagte er mit schwacher und brüchiger Stimme, „Ich werde dich niemals verlassen, Lilly, das verspreche ich dir. Ich bin immer bei dir.“
Lilly verstand nicht, wovon er sprach, was er da so einfach ohne Zusammenhang aus der Luft gegriffen hatte, aber sie wusste, dass es bedeutend war. Sie griff nach Jacks Hand und drückte sie fest. Er zog ihre Hand vor sein Gesicht und drückte ihr einen Kuss auf den Handrücken. Es war so widersprüchlich, was er da von sich gegeben hatte. Er sprach von Abschied und gleichzeitig davon, dass er sie nicht allein lassen würde.
„Was ist los, Daddy, warum sagst du so etwas? Wohin gehst du?“, fragte sie und Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie wollte nicht, dass er fortging, wohin auch immer, „Wenn...wenn du gehst, will ich mit dir kommen!“
Sein Atem ging immer schwerer, während er immer länger blinzelte. Trotzdem sah sie, wie eine Träne über seine Wange kullerte. Das Gerät piepste immer langsamer. Lilith hatte ihren Vater noch nie weinen sehen und es war ein Stich in ihrem Herzen, ein Kratzer in ihrem Weltbild. Ihr Daddy war immer stark, warum weinte er?
„Du kannst nicht mit mir kommen, Schatz. Aber denk daran, was ich dir gesagt habe: Kein Abschied ist für immer. Wir sehen uns wieder, irgendwann“, wisperte er, ehe er nach schob: „Ich liebe dich.“
Lilith drückte seine Hand fester und wimmerte leise. Sie hörte kaum, wie die Tür hinter ihr aufging. Ihre Mutter sagte irgendetwas, aber dafür hatte sie kein Ohr. Sie sah nur hinab auf das Gesicht ihres Vaters, dessen Augen sich langsam schlossen, bevor sein Gesicht ausdruckslos und seine Hand schwer wurde. Der Ton des Geräts wandelte sich in ein nicht mehr abbrechendes Geräusch, es war ein konstanter Klang ohne Unterbrechung.
Dann wurde die Welt stumm um Lilith. Sie realisierte kaum, dass eine Krankenschwester sie vom Bett riss und Ava in die Arme drückte, ehe sie sich über ihren Dad beugte. Lilith hielt Jack, den Bären, noch immer im Arm und sie konnte den Blick nicht von dem Bett wenden, auf dem ihr Vater ruhte. Ein Arzt wuselte durch das Zimmer und eine zweite Krankenschwester. Doch auch sie mussten einsehen, dass sie für Jack Stewart nichts mehr tun konnten, denn das Leben war schon aus seinem Körper gewichen.
Ava setzte Lilith ab und trat neben das Bett, von dem die Schwestern und der Arzt zurückwichen. Sie flüsterte leise ein paar Worte und drückte ihrem Mann dann einen Kuss auf die Stirn.
Mit Tränen in den Augen und nach ein paar Sekunden auch auf den Wangen wandte sie sich um, nahm Lilith bei der Hand und verließ den Raum. Sie gingen den ganzen Weg durch die stinkenden Gänge zurück, bis nach draußen. Es war bereits dunkel und Lilith kam sich vor, wie wenn sie noch in einem  Traum stecken würde. Nur die Kälte um sie herum bewies ihr, dass sie wach war.
Plötzlich tauchte ein Mann in ihrem Sichtfeld auf, er kam vom Parkplatz her im Laufschritt direkt auf sie zu.
„Ava, was...“, entfuhr es ihm, doch als er nah genug war, sah er Mutter und Tochter verheult dastehen, fertig mit der Welt. Ein paar Schritte vor ihnen hielt er an und seine ernste Miene wurde verzweifelt.
„Ich bin zu spät gekommen“, wisperte er resigniert, ehe er einen wütenden Laut ausstieß und mit voller Wucht seine Faust gegen die Betonsäule donnerte, die sich in seiner Reichweite befand und das Dach über dem Krankenhauseingang trug. Dabei stieß er einen unschönen Fluch aus. Seine Faust hinterließ eine bröckelnde Delle im Beton. Lilith war zusammen gezuckt und blickte ein wenig geschockt zu ihm auf. Tiefe, blaue Augen erwiderten ihren Blick.
„Tut mir Leid, Lilith, ich wollte dich nicht erschrecken“, entschuldigte er sich sanft, während er sich kurz mit der Hand gestresst durch sein dunkles Haar fuhr und wandte sich dann an Ava, die die Hand ihrer Tochter losließ sich schluchzend in seine Arme warf. Die Kleine stand nur reglos da und sah den Mann an, den sie vorher nur ein oder zwei Mal gesehen hatte. Ein Freund ihrer Eltern.
Sie hörte ihn sagen, er würde Ava und Lilith nach Hause bringen und Ava stimmte zu. Sie sah so schwach aus, so verletzt, als könne sie kaum einen Schritt gehen. Lilith wusste das zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber ein Teil dieser Schwäche würde von nun an für immer der Erscheinung ihrer Mutter anhängen.
Der Mann gab Ava einen Moment frei, um vor Lilith in die Knie zu gehen. Fast vorsichtig streckte er seine Hände aus und hob sie dann hoch. Sie ließ es bereitwillig geschehen und klammerte sich mit einem Arm an ihm fest, der andere war noch immer damit beschäftigt den Bären zu halten. Sie schloss die Augen und drückte ihr Gesicht gegen seine Schulter. Angenehme Wärme umfing sie in seiner Nähe und nahm die Unsicherheit fort, die er zuvor mit seinem kurzen Wutausbruch ausgelöst hatte.
Mit einem Arm hielt er Lilith fest, den anderen legte er um Ava und geleitete sie zu Jacks Pick-Up. Sie stieg ein und schnallte Lilith in ihrem Kindersitz fest, während er sein Motorrad – eine Crossmaschine –  auf die Ladefläche beförderte und dort befestigte. Dann stieg er ein und ließ den Motor an.
Lilith beobachtete abwesend und durch den Schleier ihrer Tränen, wie die Scheinwerfer aufflammten und der Wagen dann über den Parkplatz zur Straße rollte. Neben ihr weinte und schluchzte ihre Mutter leise, genau wie sie selbst.


Lilith zuckte zusammen und schreckte aus dem Schlaf auf. Ihre Wangen waren feucht und sie spürte noch immer das schmerzhafte Gefühl des Verlusts in ihrer Brust. Sie musste sich beherrschen, um nicht laut aufzuschluchzen.
Diese Erinnerung hatte sie sehr lange nicht mehr verfolgt, vor allem nicht so deutlich. Sie hatte nicht einmal mehr gewusst, dass es Logan gewesen war, der sie in dieser Nacht nach Hause gefahren hatte. Ihr Gehirn hatte ein paar Verknüpfungen wohl noch einmal von Neuem machen müssen, nachdem Logan ja eine Zeit lang von ihrer Bildfläche verschwunden gewesen war.
Wie detailliert die Erinnerung wiedergekommen war... Lilith konnte sich jetzt wieder an jede Einzelheit erinnern. Der Krankenhausgeruch, die helle, rote Abendsonne, das Piepen der Geräte. Das Baumhaus, das nie fertig geworden war, denn – abgesehen davon, dass Jack es nicht hatte fertig bauen können – war Ava mit Lilith nach seinem Tod aus dem kleinen Haus auf dem Land mit dem großen Garten und der Holzveranda ausgezogen, ins Stadtinnere, wo sie noch nicht einmal einen Balkon gehabt hatten. Lilith hatte weder das Haus, noch den Garten mit dem Baumhaus je wieder gesehen.
Vorsichtig rührte sie sich. Ihr Rücken und ihr Hintern schmerzte. Wie lange hatte sie so hier gesessen und geschlafen?
Sie wandte einen Blick über die Schulter. Wolverine saß noch immer im Sessel hinter ihr und las. Als sie ihn jedoch ansah, blickte er auf und sah sie aufmerksam an.
„Alles in Ordnung?“, fragte er. Es tat gut seine Stimme zu hören, sie war etwas, an das sie sich klammern konnte, ein Stück Wirklichkeit, ein Stück Hier und Jetzt, das das schmerzhafte Gefühl ein wenig dämpfte, genau wie damals vor all den Jahren, als sie ihr von den Tränen feuchtes Gesicht an seine Lederjacke gepresst hatte. Schnell wischte sie sich die Tränen ab und nickte.
„Nur ein Traum...mal wieder. Beziehungsweise...mehr eine fast vergessene Erinnerung“, flüsterte sie mit schwacher Stimme.
Logan faltete die Zeitschrift zusammen, legte sie weg, erhob sich und ließ sich dann neben Lilith auf dem Teppich nieder.
„Was für eine Erinnerung?“, hakte er nach und sah sie an, mit jenen blauen Augen, die sich – genau wie der Rest von ihm – in all dieser Zeit nicht verändert hatten.
Lilith erwiderte seinen Blick einen Moment, dann starrte sie in die Flammen, die noch immer vor sich hin züngelten. Bevor sie zu erzählen begann, legte sie sich aufgrund ihres schmerzenden Rückens auf den weichen Teppich, den Kopf auf Logans Oberschenkel.
„Ich habe von dem Tag geträumt, an dem ich dich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe und du nicht mehr einfach nur irgendein Freund meiner Eltern warst, der alle paar Monate mal zu Besuch kam“, sagte sie und machte dann eine kurze Pause, ließ sich vom Knistern des Feuers einlullen, um den Tumult in ihrem Herzen ein wenig zu beruhigen.
„Und was war das für ein Tag?“, hakte er nach. Er hatte schon so seine Vermutungen, aber er wollte es von ihr hören und sich bestätigen lassen, dass er Recht hatte.
„Der Tag an dem mein Vater starb und du uns vor dem Krankenhaus angetroffen hast“, wisperte sie, „Ich habe mich zum ersten Mal seit langem an das Gefühl erinnert, an das Loch, das er hinterlassen hat.“
Sie schloss die Augen, als Logan ihr sacht übers Haar strich. Eine willkommene, tröstende Berührung.
„Von solchen Erinnerungen verfolgt zu werden, ist nie schön. Ich kenne das Gefühl“, sagte er sanft, ehe er fragte: „Warst du bei ihm, als er starb?“ Er hatte nie Gelegenheit gehabt mit ihr darüber zu sprechen. Früher war sie noch so jung gewesen, so klein und verletzlich, da hatte er ihr ohnehin schon oft genug schweres Gemüt nicht auch noch mit solchen Fragen noch schwerer machen wollen. Ava hatte sich über die Vorkommnisse an diesem Tag immer sehr geschlossen gehalten.
„Ja. Ich war die einzige, die in dem Moment bei ihm war, als sein Licht erloschen ist. Bevor es soweit war, habe ich seine Hand gehalten und er sagte, dass es manchmal Zeit ist, sich von geliebten Menschen zu verabschieden, aber dass so ein Abschied nie für immer ist und dass diese Menschen einen nie verlassen. Es klang so sehr danach, wie wenn er fortgehen würde. Ich habe ihn gebeten, er möge mich mitnehmen, wenn er ginge. Die...die Erinnerung ist jetzt wieder so deutlich, als wäre es erst ein paar Tage her“, erzählte sie und erneut sammelten sich Tränen in ihren Augen.
„Was hat er daraufhin gesagt?“, wollte Logan wissen.
„Er meinte, dass das nicht gehen würde, aber dass wir uns irgendwann wiedersehen würden. Danach hatte er nur noch Zeit, mir zu sagen, dass er mich liebt“, flüsterte Lilith und sah die Szene ein weiteres Mal genau vor sich. Nach ein paar Sekunden drehte sie sich auf den Rücken und sah nach oben in Logans Gesicht.
„Was wolltest du an diesem Abend im Krankenhaus?“, fragte sie. Er erwiderte ihren Blick nicht, sondern starrte – wie sie kurz zuvor – in den Kamin und das zuckende Feuer.
„Mich von einem guten Freund verabschieden. Es war klar, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Ich hatte es nicht früher einrichten können zu kommen und es war Zufall, dass ich gerade zu dem Zeitpunkt da ankam. Und ich war so wütend, dass ich zu spät gekommen war. Jack hat mir viel bedeutet, genau wie deine Mutter. Es tat weh euch leiden zu sehen und es hat noch mehr geschmerzt, Ava ein Jahr später in der Wohnung zurück zu lassen, auf dass du niemanden mehr hast“, murmelte er und schien ebenfalls einige Szenen aus der Vergangenheit zu durchleben.
„Ich hatte nicht niemanden. Ich hatte dich“, erwiderte sie mit einem leichten Lächeln, auch wenn die Tränen auf ihren Wangen noch nicht getrocknet waren, „Vielleicht nicht sonderlich lange, aber das war so viel mehr, als das, was ich zu erwarten hatte.“ Logan löste den Blick vom Kamin und sah auf sie hinab, ebenfalls ein wenig lächelnd.
Dann wandten sich beider Augen wieder dem Knistern im Kamin zu.
„Ich habe damals nicht verstanden, was er mir sagen wollte und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich daran glauben soll, dass man die Menschen, die man liebt im Jenseits wiedersieht. Aber es tat so gut zu wissen, dass er mich geliebt hat und dass er mich und Mom nicht verlassen wollte“, sagte Lilith leise.
„Oh ja, er hat dich geliebt, du warst sein Augenstern“, murmelte Wolverine abwesend, „Er hätte alles für dich gegeben.“
Lilith lächelte ein wenig und schloss die Augen. Ganz sacht streichelten Logans Finger über ihr Haar, ihre Wange und ihren Hals. Sie bekam eine Gänsehaut von der angenehmen Berührung.
„Hast du oft Alpträume, Lilith?“, fragte er dann. Sie dachte über die Frage nach und musste sie schließlich bejahen. Ja, sie hatte oft Alpträume, auch wenn sie sich am Morgen nicht immer daran erinnerte und auch nicht jede Nacht daran schreiend oder weinend aufwachte, wie die Male, in denen Wolverine sie geweckt hatte.
„Falls du...mal wieder von einem gequält wirst und ihm in der Dunkelheit deines Zimmers nicht entfliehen kannst, leiste ich dir gern Gesellschaft. Sofern dir das helfen würde“, bot er an und Lilith lächelte wieder.
„Danke, das Angebot nehme ich gerne an. Aber beschwere dich nicht, wenn du dabei um deinen Schlaf kommst!“, erwiderte sie scherzhaft und entlockte ihm ein leises Lachen.
„Nein, werde ich nicht. Ich brauche nicht viel Schlaf“, meinte er und schob nach einer kurzen Pause nach: „Komm, lass uns das Training hinter und bringen, bevor du wieder einschläfst.“ Dabei grinste er. Lilith lächelte, setzte sich auf und erhob sich dann, ebenso wie Wolverine, auch wenn sie weitaus weniger motiviert war, als er den Anschein machte.
„Keine Angst, ich dachte wir machen heute mal etwas gemütlicheres, jedenfalls was die körperliche Anstrengung anbelangt“, versuchte er sie aufzuheitern und tatsächlich weckte er damit ihre Neugierde.
Kurz darauf befanden sie sich im Kellergeschoss, im Kontrollraum des Danger Rooms, Lilith hatte auf Wolverines Anweisung auf einem Stuhl Platz genommen. Sie beobachtete, wie Logan ein paar Schalter und Tasten betätigte, um bestimmte Einstellungen zu bewirken und anschließend flammte auf dem großen und anschaulichen Bildschirm neben ihnen ein Bild auf.
„Sieh dir die Sequenz gut an und merk dir Einzelheiten der Kampftechniken“, wies Logan sie an, „Das kann sehr wichtig sein.“ Lilith tat wie ihr geheißen und sah sich die Aufzeichnung genau an, die sich eine Kampfübung zwischen Wolverine und Scott entpuppte. Ihre Augen folgten den Bewegungen der beiden Parteien, versuchten wie erwartet wurde, sich Einzelheiten einzuprägen, auch wenn sie nicht so genau wusste, was Logan damit bezwecken wollte.
Nach Ende der Sequenz blickte Lilith fragend zu Wolverine, der sich unweit von ihr entfernt mit dem Hintern gegen das Schaltpult gelehnt hatte.
„Stell dir vor, du hättest diese Kampfszene beobachtet und müsstest als dritte Partei eingreifen. Was ist dir bei den Kampftechniken aufgefallen? Wie würdest du eingreifen? Und wie würdest du handeln, wenn du eine der beiden Parteien wärst. Was ist noch zu verbessern?“, stellte er eine mehrteilige Frage.
Lilith ließ sich Zeit mit ihrer Antwort, während sie in ihrem Kopf die Szene revue passieren ließ.
„Cyclops setzt sehr auf seine Fähigkeiten, seine Kräfte. Er hält sich Gegner wenn machbar so weit wie möglich vom Leib, mithilfe seiner Energiestrahlen“, begann sie und fuhr dann fort: „Es wirkt für mich, als hätte er nicht viel Erfahrung, was Nahkampftechniken angeht, abgesehen von üblichen Schlägen, Tritten oder dergleichen. Müsste ich ihn angreifen, würde ich versuchen aus dem Hinterhalt zu kommen und so schnell wie möglich nahe an ihn heran zu kommen, um ihn im Nahkampf besiegen zu können, wo seine Energiestrahlen zwar nicht wertlos sind, aber doch unpraktischer als im Fernkampf. Zudem könnte ich ihm seine Brille entwenden, was fatale Folgen für sein Umfeld hätte, aber auch für ihn, da er – wenn er um den Strahl zu brechen die Augen schließt – viel angreifbarer ist.“
Logan nickte anerkennend.
„Gut, weiter“, forderte er sie auf, woraufhin sie nickte und weiter sprach: „Du bist sein genaues Gegenteil, du setzt auf den Nahkampf. Deine Kampftechnik ist darauf ausgelegt, viel einzustecken und dem Gegner so die Ausdauer zu nehmen, die bei dir weitaus ausgeprägter ist, als bei den meisten anderen Gegnern. Aber du teilst auch gut aus, deine Krallen sind mehr als gefährlich und du weißt sie perfekt einzusetzen. Und nicht zu vergessen: du nutzt dein ganzes Wissen um die verschiedenen Kampftechniken, die du beherrschst. Um dich Schachmatt zu setzen, müsste ich auf eine Fernkampftechnik setzen, die dich von mir fernhält, mich wenig Zeit und Ausdauer kostet, an deiner Kraft allerdings deutlich zehrt. Mit Überraschung sieht es zudem schlecht aus, deine Sinne sind zu gut, als dass sich ein Laie wie ich an dich heran pirschen könnte.“ Nachdem sie geendet hatte, überlegte sie kurz und entschied sich dann, dass sie noch mehr sagen konnte.
„Dein Gewicht kann ein Nachteil für dich sein, ebenso wie dein Adamantiumskelett. Wäre ich auf der Flucht vor dir, würde ich mich an einen Ort begeben, an dem dir dein Gewicht zum Problem würde. Stünde ich mit dir auf Kriegsfuß würde ich auf moderne Technik setzen und in Betracht ziehen, mir mit einem Magneten einen Vorteil gegen dich zu verschaffen“, schloss sie dann. Wieder nickte Logan.
„Deine Beobachtungsgabe ist gut. Was glaubst du, wer wäre bei diesem Kampf im Vorteil?“, fragte er.
„Das kommt drauf an. Bist du der Angreifer, bist du im Vorteil. Du bist ein Jäger, ein Schleicher. Der Hinterhalt wäre perfekt, du wärst nah genug an ihm dran, dass du deine Krallen einsetzen und von deinen Nahkampftechniken profitieren kannst und gleichzeitig nutzt du seine Schwäche aus. Ist Scott der Angreifer, kann er dich lange auf Abstand halten. Allerdings weiß ich nicht genug über deine Selbstheilungskräfte Bescheid, als dass ich entscheiden könnte, wer die längere Ausdauer hat. Allerdings würde ich – unter normalen Umständen – in beiden Fällen auf dich setzen“, antwortete sie.
In dem Moment fragte sie sich, warum er wohl gerade eine Sequenz mit ihm und Cyclops gewählt hatte. Wollte er, dass Lilith sein Ego kraulte?
„Interessante Theorie und gute Analyse. Sinn dieser Aufgabe war es, innerhalb kurzer Zeit die Schwachstellen eines Gegners zu analysieren. Wissen ist Macht. Wenn du die Schwachstellen deiner Feinde kennst, kannst du sie nutzen. Manchmal ist es auch von Vorteil, den Gegner nicht alles wissen zu lassen, was man kann, denn er wird umso überrumpelter sein, je mehr neue Fähigkeiten und Techniken du präsentierst. Gerade in deinem Fall spielt das eine Rolle. Nehmen wir an, du hättest schon mehr Kräfte absorbiert und du würdest in einen Kampf geraten...du würdest mit den Überraschungen, immer neue Fähigkeiten zutage zu bringen sicherlich einen sehr großen Vorteil für dich heraus handeln, ganz egal was es für Kräfte sind. Ganz egal ob sie schwächer oder stärker sind als die deines Gegners. Du musst nur wissen, wie du deine Stärken nutzt oder deine Schwächen zu Stärken machst“, sagte er, „Ein Beispiel. Du hast bei Scott beobachtet, dass er auf Fernkampf setzt und bist davon ausgegangen, dass er im Nahkampf nicht sehr erfahren ist. Aber nur weil er eine Fähigkeit nicht einsetzt, heißt es nicht, dass er sie nicht hat. Cyke beherrscht ein paar einfachere Verteidigungstechniken und er beherrscht sie gut! Wenn du also in einen Kampf eingreifst, denk auch immer daran, dass es auch Dinge gibt, die du nicht auf den ersten Augenblick ausmachen kannst. Wüsstest du nicht, dass ich Selbstheilungskräfte besitze, hättest du das vermutlich auch nicht bemerkt, denn sie sind nicht offenkundig sichtbar“, erklärte er ihr und Lilith nickte folgsam.
Er zeigte ihr noch ein paar andere kurze Sequenzen von Trainingskämpfen der anderen X-Men und ließ sie dann beobachten und analysieren, sowie erklären, wie sie eingreifen könnte oder würde.
Lilith hoffte bei alledem irgendwie, dass sie dieses ganze Wissen nie brauchen würde. Sie legte nicht viel Wert darauf, Teil eines Kampfes zu werden, egal welcher Art, auch wenn sie das was die X-Men taten natürlich schätzte, immerhin setzten sie sich für ein friedliches Zusammenleben für Mensch und Mutant ein.
Doch es gab auch andere Vorteile: Sie würde nie mehr nachts, wenn sie allein auf der Straße war Angst haben müssen. Ihre Kampfausbildung war mit Sicherheit besser als die eines jeden Taschendiebes und wenn nicht, konnte sie immer noch auf die Knochenklauen zurückgreifen, die mit Wolverines Kräften kommen würden.
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