Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Lady in Red

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P6 / Gen
Kwai Chang Caine Peter Caine
24.04.2014
24.04.2014
2
6.292
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
24.04.2014 2.221
 
...And when you turned to me and smiled
it took my breath away
And I have never had such a feeling...

Die lauten Schreie zweier Möwen, die sich um ihr Frühstück stritten, weckten den Wanderer. Der junge Mann richtete sich auf und strich sich das Haar aus der Stirn. Die Sonne war gerade erst aufgegangen, das Meer vor ihm voller roter und orangefarbener Splitter. Er starrte auf die Farbpracht, gefangen von der verschwenderischen Pracht, die sich ihm so freimütig darbot.

"Ich komme jeden Morgen hierher und bleibe ein paar Minuten stehen, bevor ich zur Arbeit gehe."

Der Wanderer sah verwundert auf, als neben ihm plötzlich eine Stimme erklang. Ohne dass er es bemerkt hatte, war neben ihn eine junge Frau... nein, ein Mädchen... getreten. Ihr Kleid schien aus einem rotschimmernden Stück Sonnenaufgang geschneidert zu sein. Der salzgeschwängerte Wind spielte mit ihrem halblangen, hellbraunen Haaren. Intelligente, dunkelgraue Augen musterten ihn mit einer Mischung aus Neugier und Scheu.

Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, kam der junge Mann mit einer für ihn völlig untypischen Schwerfälligkeit auf die Beine.

Sie strich sich das Haar zurück, schob den Riemen ihrer großen, bunten Tasche zurecht und richtete den Blick wieder auf das Meer.

So standen sie mehrere Minuten lang in Schweigen nebeneinander und beobachteten den Sonnenaufgang.

Schließlich seufzte das Mädchen leise und warf einen Blick auf die Uhr an ihrem Handgelenk. "Ich muss gehen, sonst komme ich zu spät zum Dienst." Der traurige Zug um ihren Mund wurde von einem Lächeln ausgelöscht, als sie dem Fremden ihre Hand hinstreckte. "Mein Name ist Serena."

"Ich bin Caine."

"Caine? Was für ein schöner Name." Sie lächelte erneut, als sich die Wangen des jungen Mannes rot verfärbten. Dann wandte sie sich ab und lief davon, ein rotes Stück Himmel mitten im Dunst des frühen Morgens.

* * * * * Flashback Ende * * * * * *


Peter bewegte sich im Schlaf, stieß die leichte Decke von sich, mit der ihn sein Vater zugedeckt hatte. Caine strich mit den Fingerspitzen über Peters Schläfe und er glitt in tieferen Schlaf zurück. Durch die angelehnten Balkontüren kam das weiche Licht der Nachmittagssonne, Staubflocken tanzten in ihm, erinnerten den Priester an Sonnensplitter, die auf der Oberfläche des Pazifiks trieben...


* * * * * Flashback * * * * * *

....I've never seen you looking so lovely
as you did tonight
I've never seen you shine so bright
And I've never seen that dress you're wearing
Or that highlights in your hair
That catch your eyes
I have been blind...


Sie war zurückgekehrt, wie Caine es gehofft hatte. Serena. Er hatte den Tag damit verbracht, Arbeit zu suchen und schließlich einen Aushilfsjob als Packer in einer Lagerhalle erhalten. Die Arbeit war hart und wurde schlecht bezahlt, doch er war nicht an Geld interessiert und daran gewöhnt, hart zu arbeiten. Einen Platz zum Schlafen benötigte er nicht, der Strand unterhalb des Piers, an dem er Serena getroffen hatte, bot ihm Abgeschiedenheit genug.

Er setzte sich in lotus an den Rand des Piers und ließ sich von den Geräuschen und Gerüchen des Meeres umfangen. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfand er wieder den inneren Frieden und die besänftigende Stille, die er im Tempel seines Vaters kennen gelernt hatte.

Schritte ließen ihn aufsehen. Sein Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich, als er die schlanke Gestalt in dem roten Kleid auf sich zukommen sah.

Sie lächelte, als sie ihn erreichte. "Ich musste einfach wiederkommen", sagte sie leise. "Caine." Sie stellte ihre Tasche ab und setzte sich neben ihn, ihre Beine baumelten über den Rand des Piers. "Wohnst du hier?", fragte sie nach einer Weile.

"Ich schlafe hier." Seine Stimme kam ihm rau und ungeübt vor, als hätte er eben erst sprechen gelernt.

Ihr Haar fiel halb über ihr Gesicht, als sie den Kopf neigte. "Dann bist du nicht aus San Francisco?"

"Nein. Ich bin erst vor ein paar Tagen hier angekommen."

"Oh, dann..." Ihr Blick glitt auf seine entblößten Unterarme, er hatte die Ärmel hochgekrempelt, als er sich Gesicht und Hände gewaschen hatte. Etwas zwischen Neugier und Schockiertheit lag über ihren Zügen. "Das sind Brandnarben! Aber sie sind... nicht von einem Unfall? Ich bin Krankenschwester, ich kenne mich mit so etwas aus. Sie sehen frisch aus. Du musst Schmerzen haben."

"Nein, kein Unfall." Caine streifte verlegen seine Ärmel über die Narben. "Es sind Brandmale. Ich bin... ich bin Shaolinpriester."

"Shaolinpriester?", wiederholte sie verständnislos, ihre Augen verengten sich leicht.

"Eine buddhistische Sekte. In China." Er starrte auf seine nun bedeckten Arme. "Die Male sind fast ein Jahr alt. Sie schmerzen nicht mehr."

Serena stand auf. "Ich muss jetzt nach Hause", sagte sie, wandte sich ab und ging ein paar Schritte.

Caine richtete den Blick aufs Meer. Unerklärlicherweise tat es weh, sie weggehen zu sehen.

"Caine?"

Sein Kopf drehte sich wie aus eigenem Willen.

"Ich werde morgen früh wieder hierher kommen", sagte Serena und lächelte.

Sein Herzschlag setzte für einen Moment aus und er konnte nicht mehr tun, als zu nicken.

* * * * * Flashback Ende * * * * * *


Nach einem erneuten Blick auf seinen nun friedlich schlafenden Sohn, stand Caine auf und trat auf den Balkon hinaus. Der Hof unterhalb des Gebäudes war voll hin- und hereilender Menschen, die alle möglichen Waren an ihren rechtmäßigen Platz schafften.

An diesem Morgen hatte er mit Serena hier Tee getrunken. Inmitten seines "Urwalds" wie sie mit einem Lachen die zahlreichen Pflanzen genannt hatte, die hier wuchsen und gediehen. Sie hatte sich in dem Stuhl zurückgelehnt, den er für sie auf den Balkon gestellt hatte, die Augen geschlossen und ihr Gesicht in die Sonne gehalten.

Für Caine, der auf seinem üblichen Platz auf der Brüstung saß, hatte sich die Zeit zurückgedreht und für einen Moment sah er das junge Mädchen wieder, das er damals in San Francisco geliebt hatte...


* * * * * Flashback * * * * * *

...There's nobody here
It's just you and me
It's where I wanna be
But I hardly know this beauty by my side
I'll never forget the way you look tonight...


Es war eine zaghafte Freundschaft gewesen, die sich zwischen Caine und Serena entwickelte. Sie trafen sich bald jeden Morgen und jeden Abend, um gemeinsam den flammenden Sonnenauf- und -untergang draußen auf dem Wasser zu beobachten. Und irgendwann, fast unmerklich, war es mehr als Freundschaft gewesen.

Serena hatte ihm von sich erzählt. Von ihrer kleinen Tochter Maia, deren Vater nicht mehr am Leben war. Von ihren Eltern, die ihre schwangere Tochter vor die Tür setzten und wie sie in einer kleinen Wohnung über einem Lagerhaus untergekommen war. Vom Schichtdienst im Krankenhaus und ihrer Tante, die Maia wie ihr eigenes Kind großzog.

Caine erzählte ihr von seiner Kindheit in China. Zum ersten Mal überhaupt sprach er über die Flucht vor den roten Garden, von der langen Reise nach Amerika, von all dem Fremden. Vom Tod seiner Mutter und dem Verschwinden seines Vaters.

Die Worte schufen zugleich eine Distanz und Vertrautheit zwischen ihnen. Sie trugen beide Wunden, die sie vorsichtig und verletzlich machten.

Bis zu dem Sonntag, an dem Serena ihn zu einem Picknick überredete...

Sie hatten sich am Pier verabredet, wie all die Tage zuvor. Den Tag hatte Serena mit ihrer Tochter und ihrer Tante verbracht. Jetzt eilte sie mit der gesamten Ungeduld und der Verliebtheit, die ihren Schritten Flügel zu verleihen schienen, den Holzsteg entlang. Der
Picknickkorb, den sie trug, enthielt ein paar ausgesuchte Leckerein für ihr Abendessen und wog nicht sehr viel, aber schien sie doch irgendwie zu behindern. Sie hatte Caine ein Picknick versprochen, dass er nie vergessen würde. Was, wie Caine ihr versicherte, sicher nicht der Fall sein würde - es war sein erstes Picknick.

Sie konnte es nicht erwarten, bei ihm zu sein. Zum erstenmal seit Seans Unfall hatte sie begonnen, ihr Herz einem anderen Menschen als ihrer Tochter zu öffnen. Sie verstand nicht alles an Caine, doch sie wusste, dass sie sich in seiner Nähe so wohl fühlte, wie seit langem nicht mehr. Ihre Schritte beschleunigten sich, als sie ihn an ihrem üblichen Treffpunkt stehen sah. Er wandte ihr den Rücken zu und seine schlanke Gestalt hob sich vom dunkler werdenden Himmel ab. Er sah aufs Meer hinaus. Dann spürte er ihre Anwesenheit, drehte sich um und lächelte. Serena eilte zu ihm. Sie hielten sich fest und küssten sich.

"Du siehst anders aus", sagte sie schließlich. "Dein Haar. Du hast es zusammengebunden."

Caine wirkte leicht verlegen.

Sie nickte und kniff die Augen leicht zusammen, als sie ihn musterte. "Es gefällt mir", sagte sie dann mit einem Lächeln. Dann griff sie nach seiner Hand. "Lass' uns nach unten an den Strand gehen. Ich habe dir ein Picknick versprochen, das du nie vergessen wirst..."

* * * * * Flashback Ende * * * * * *


Wenn er die Augen schloss, dann schien es ihm, als wäre das Picknick gestern gewesen, nicht vor fast fünfunddreißig Jahren. Die Erinnerungen und Empfindungen waren noch so deutlich. Er roch das Meer und die salzige Luft, schmeckte den Wein auf Serenas Lippen, als sie sich geküsst hatten...

Caine öffnete die Augen und sah wieder in den Hof hinab. Dort war jetzt weniger Betrieb. Der Nachmittag neigte sich langsam seinem Ende zu. Bald würde er Peter wecken müssen. Und vielleicht konnten sie noch gemeinsam essen, bevor sein Sohn zur Arbeit musste.

Er trat zurück in seine Wohnung und ließ sich neben Peter auf der Plattform nieder.


* * * * * Flashback * * * * * *

Am Ende war noch eine Menge Essen übrig. Sie waren beide nicht sehr hungrig gewesen. Caine und Serena lagen nebeneinander auf der Decke; sein Arm lag über ihr, ihr Rücken lag an seiner Brust. Sie hielt seine Hand in der ihren, zeichnete die Schwielen und Risse mit den Fingerspitzen nach. Serena spürte, wie ein Zittern durch Caine lief. Sie lächelte und drückte seine Hand an die seidige Glätte ihres Halses. Dann führte sie sie tiefer und setzte seine Finger ein, um die Knöpfe ihrer roten Bluse zu öffnen. Sie schob seine Hand hinein und drückte sie auf ihre weiche Haut, direkt auf ihr wild pochendes Herz.

Caine zog sie enger an sich und hauchte einen Kuss auf ihren Halsansatz. Dann drehte sie sich auf den Rücken, lächelte ihn an, schlang die Beine um die seinen. Sie schob eine Hand unter seinen Kopf, zog ihn zu sich herab. Sie küssten sich erneut. Langsam, zärtlich.

"Ich bin in dich verliebt, Kwai Chang Caine", flüsterte sie.

"Serena..." Seine Stimme klang atemlos.

Sie streichelte mit dem Finger federleicht über sein Ohr, seine Wange, über seine Lippen. Sie rieb ihre Wange an der seinen, ließ ihn ihren Duft einatmen. "Ich möchte, dass du immer bei mir bleibst."

"Ich bin hier."

Seine Augen reflektierten den flammenden Sonnenuntergang und für einen Moment wirkte es, als wäre er überhaupt nicht da, obwohl sie seinen Körper dicht an ihrem spürte. Ein Schauer lief durch sie, doch das Gefühl der Kälte verschwand, als er sie dichter an sich zog. Sie fragte ihn nicht, ob er sie liebte. Etwas in ihr wusste, dass er die Worte nicht aussprechen würde, es vielleicht nicht konnte. Sie wollte ihn nicht drängen. Sie konnten auch später noch über eine gemeinsame Zukunft nachdenken.

‚Ich bin hier', hatte er gesagt. Das war für den Moment genug. Sie lächelte und ließ ihre Gedanken davon treiben, als er die letzten Knöpfe ihrer Bluse öffnete und eine Hand unter das kühle Leinen schob.

Er spürte die Wärme, die sie ausstrahlte. Spürte das Schlagen ihres Herzens unter seiner Hand.

Unter einem mondbeschienenen Himmel, unter dem Baldachin der Sterne, liebten sie sich.

* * * * * Flashback Ende * * * * * *


Bevor sie sich trennten, hatte sie ihn gebeten, zu ihr und Maia in die kleine Wohnung zu ziehen. Ihr Nest, wie sie es nannte. Das für drei Jahre sein erstes wirkliches Zuhause geworden war.

Caine ließ die Erinnerungen los und holte tief Atem. Er streckte den Arm aus und legte die Hand auf Peters Schulter. "Peter", rief er ihn leise. "Du musst aufwachen."

"Noch ein bisschen...", murmelte sein Sohn.

Er legte die Hand auf Peters Wange und wartete, bis sich die langen Wimpern teilten und ihn aus braunen Augen ein schläfriger Blick fand.

"Paps?" Schlagartig wurde Peter wach. "Ich... ich bin eingeschlafen." Er gähnte. "Dein berüchtigter Tee." Im nächsten Moment weiteten sich seine Augen und er sah auf die Uhr an seinem Handgelenk. Erleichtert sank er zurück. "Ich muss erst in zwei Stunden aufs Revier. Ich wünschte, du würdest mir erklären, wie du das schaffst, so ganz ohne Uhr."

Caine zuckte mit den Schultern. "Ich dachte, wir könnten noch zusammen essen, bevor du zur Arbeit gehst."

"Ja, gerne." Peter setzte sich auf und strich sich durch die Haare. "Hey, es tut mir leid, dass ich eingeschlafen bin. Wir holen das irgendwann nach, ja?" Er erinnerte sich ein wenig zu gut an sein Verhalten, bevor ihn der Tee seines Vaters ins Land der Träume geschickt hatte und sah verlegen weg.

"Peter."

Er konnte nicht anders. Er hob den Kopf und sah seinen Vater an.

"Du hast nichts getan, für das du dich schämen musst, mein Sohn." Eine warme Hand berührte seine Wange. "Und jetzt lass' uns essen gehen."


Ende
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast