How to let go

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P6
Kwai Chang Caine Lo Si Peter Caine
24.04.2014
24.04.2014
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Titel: how to let go

Teil 1

Autor: Lady Charena
Fandom: Kung Fu - Im Zeichen des Drachen
Paarung: Peter, Caine
Rating: PG, POV, bisschen Drama

Summe/Hintergrund: Caines sechsmonatige Abwesenheit hat zu einem Bruch zwischen Vater und Sohn geführt. Nach einer für beide schmerzvollen Konfrontation mit Peters Ärger und Verlassensängsten scheint sich das Verhältnis zwischen ihnen wieder zu bessern. Doch dann bereitet sich Caine auf eine Reise vor – und Peter wird plötzlich und unerklärlich krank...



Episodenhintergrund: Die erwähnten Chi’Ru sind Anhänger einer Sekte, die ihre Opfer mit einem Alkaloid vergiften, das heftige Angstzustände und Halluzinationen hervorruft, so dass diese dann buchstäblich vor Angst sterben. Ein Schriftsteller, der über diesen Kult gestolpert war und in einem Roman verwendete, wurde von einem dieser Anhänger verfolgt. Caine gelang es, ihn zu besiegen. Später kehrt der Chi’Ru in Begleitung seines Meisters zurück, um die Schande seines Versagens zu tilgen und den Schriftsteller und Caine zu töten. Um Caine, der sechs Monate zuvor die Stadt verlassen hatte, zurück zu locken, beginnen die beiden Männer damit, Menschen aus Peters näherer Umgebung zu töten. Diese Bedrohung findet schließlich in einem Überfall auf Paul Blaisdell einen vorläufigen Höhepunkt. Caine kehrt gerade noch rechtzeitig, um mit Peters und Lo Sis Unterstützung das Versteck der Kultanhänger zu finden und Kelly Blake, Peters Freundin, die als Köder diente, zu befreien.



Diese Story schließt sich an diese Ereignisse an.



Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern (Warner, Michael Sloan). Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



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…how do you love someone

that hurts you oh so bad

with intentions good

was all he ever had.



…but how do I let go when I've

loved him for so long and I've

given him all that I could

maybe love is a hopeless crime.



…it's so hard to just let go

when this is the one and only love I've ever known…

                                                         (Alicia Keys „Goodbye“)

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"You will never be alone again. I will always be there for you. You will hear the sound of the flute. You will feel the wind of my hand stopping an attack."  --Caine, Return of the Shadow Assassin





I.



Vertraute Schritte erklingen auf den Stufen der alten Feuerleiter, die auf meinem Balkon führt und meine Ohren bestätigen nur, was mein Herz bereits weiß – Peter hat den Weg zu meiner neuen Wohnung gefunden.



Der Ausdruck von Erleichterung und Freude, gemischt mit einer unterliegenden Strömung von Sorge, war den ganzen Tag in Peters Gedanken. Mein Bewusstsein seiner Empfindungen, das während meiner Abwesendheit befremdlich gestört war, ist sehr zu meiner Erleichterung zurückgekehrt und ich erfreue mich an dem erneut wachsenden Band zwischen uns. Die Sonne beginnt eben erst sich zu neigen und ich frage mich, warum Peter es vorzieht, den Abend mit mir, anstelle den Blaisdells zu verbringen.



Erst an diesem Morgen war es Paul Blaisdell möglich gewesen, das Krankenhaus nach dem Überfall des Chi’Ru zu verlassen und mein Sohn hatte sich entschieden, Zeit mit ihm und seiner... anderen... Familie zu verbringen.



Ich war ebenfalls dort, wartete vor dem Hospital, um nicht zu stören – doch ich hatte das Empfinden, in diesem Moment in Peters Nähe sein zu müssen. Es fällt mir noch immer schwer, mich der Wahrheit meiner Gefühle zu stellen, aber ich kann auch nicht die beschämende Eifersucht verleugnen, die mich nach wie vor verfolgt. Ich bin nicht fähig, Paul Blaisdell anzublicken, ohne meinen Verlust zu sehen. Nicht Ärger zu empfinden über die Jahre, die mir gestohlen wurden, über die verpassten Freuden und Sorgen, mein einziges Kind zu dem Mann heranwachsen zu sehen, der er nun ist. Ein unwürdiger Gedanke, um so mehr aufgrund dessen, was ich darstelle... Und doch. Ich bin nur ein Mann und mein Herz ist so trügerisch und so leicht zu brechen wie das jedes Menschen.



Ich habe meinen Sohn seit einigen Tagen nicht gesehen - um genau zu sein, nicht mehr seit dem Kampf mit dem Chi’Ru-Meister und dessen Schüler. Nachdem ich Peter und seine Freundin Kelly Blake zu Peters Wohnung begleitet hatte, verließen Lo Si und ich ihn. So sehr ich es bevorzugt hätte, bei meinem Sohn zu bleiben, um seinen Kummer und seine Anspannung zu besänftigen, war mir doch klar, dass ich das junge Paar nur stören würde. Peter hatte sich jetzt um Kelly zu kümmern, sie über ihre Entführung hinweg zu trösten und ihr zu helfen, mit den Ereignissen umzugehen, die ihr befremdlich und unwirklich erscheinen mussten. Später würde Zeit genug sein, mich mit meinem Sohn auszusprechen und die Distanz, die aus meiner Abwesenheit erwachsen war, zu überbrücken.



Als wir in der Wohnung meines Meisters ankamen, bot mir Lo Si Tee an und begann, mich über meine Pläne auszufragen. Allerdings hatte ich nicht erwartet, dass er bereits eine Unterkunft für mich arrangiert hatte – offenbar davon ausgehend, dass ich in der Stadt bleiben würde, lange bevor ich diese Entscheidung traf. So machte ich mich auf dem Weg zu dem mir benannten Gebäude, mir meiner weiteren Zukunft noch unsicher.



Lo Si und die Gemeinde versorgten mich mit vielen nötigen – und unnötigen – Dingen für meine neue Unterkunft, an den Räumen mussten Reparaturen vorgenommen worden und ich verbrachte viel Zeit damit, Besuche zu machen – und zu empfangen - und mich für die Geschenke zu bedanken. Und obwohl ich überall mit Freude empfangen wurde oder Besucher willkommen hieß... die Person, die ich am sehnlichsten erwartete, kam nicht. Und ich fühlte, dass ich nicht das Recht hatte, Peter aufzusuchen. Mein Sohn musste aus eigenem Antrieb zu mir kommen – alles andere würde er als Aufdringlichkeit empfinden. Wie sehr die Situation doch erneut der glich, als ich ihn in dieser fremden Stadt wiederfand... Wieder war ich unsicher, wie ich mich ihm nähern sollte, verwirrt über seine Reaktionen. Das hatte ich nicht erwartet, als ich ein halbes Jahr zuvor von hier wegging, um mir über meinen weiteren Weg klar zu werden.



Es war Kelly Blaisdell, nicht Peter, der mich beim Krankenhaus entdeckte und den anderen meine Anwesenheit mitteilte. Während Peter seinem Pflegevater dabei half, in den Wagen zu steigen, trat ich zu ihnen. Annie wandte sich mit offener Freude an mich und lud mich ein, mit der Familie zu Mittag zu essen.



Ich lehnte ihr freundliches Angebot höflich ab. Und entgegen meiner Erwartung versuchte auch Peter nicht, mich zum Bleiben zu überreden. Er schien meine Anwesenheit kaum wahrzunehmen und zum ersten Mal seit meiner Rückkehr wurde mir deutlich, dass ich ihn verloren haben könnte. Trotz seiner gegenteiligen Worte im Park hinter dem Krankenhaus, hat er mir nicht verziehen, dass ich ihn... erneut... verlassen habe.



Ich hebe den Kopf und beobachte Peter, der auf der anderen Seiten der gläsernen Balkontüren steht, beide Handflächen flach gegen das Glas gepresst, als wage er nicht, die Wohnung zu betreten. Er wartet darauf, dass ich zu ihm komme. Und so stehe ich auf und durchquere den Raum, um seinem Blick durch die gläserne Barriere zwischen uns zu begegnen. Einem plötzliche Impuls folgend, presse ich meine Handflächen gegen die Scheibe, bedecke Peters auf der anderen Seite, stelle mir durch das trennende, kühle Glas die beruhigende Wärme seiner Haut an meiner vor. Für einen Moment kann ich sie fast fühlen.



Heute Abend bin ich nicht in der Lage, in seinen braunen Augen zu lesen und am Ende bin ich es, der als erster den Blickkontakt bricht. Ich ziehe meine Hände zurück und öffne einen der Türflügel.



“Bin ich erwünscht?”, fragt Peter und mein Herz setzt einen Schlag lang aus – sowohl aufgrund der Erschöpfung in seiner Stimme, als auch wegen der Erinnerungen, die seine Worte wachrufen. Erinnerungen, die uns beide unendlich wertvoll sind.



„Du musst niemals um Erlaubnis fragen, um diese Wohnung zu betreten, Peter“, antworte ich leise. „Du weißt, dass alles, was ich besitze auch dir gehört.“ Etwas wie Ungläubigkeit schimmert in seinen Augen auf und instinktiv strecke ich die Hand nach ihm aus. Doch Peter zuckt vor meiner Berührung zurück und ich lasse die Hand rasch sinken, neige meinen Kopf um meine Beschämung und meinen Schmerz gleichermaßen zu verbergen. Habe ich das Recht verloren, mein Kind zu berühren?



Peter geht an mir vorbei, tritt in den Raum. Durch die nur angelehnte Tür folgt ihm die Kühle des Abends und bringt die Kerzen auf dem Altar zum Flackern.



„Nun... ein bisschen spärlich eingerichtet ist es ab. Aber zumindest scheint alles daraufhin zu deuten, dass du vorhast, wieder eine Weile zu bleiben“, sagt Peter und ich kann ein Zusammenzucken nicht verhindern, als ich den bitteren Zynismus in seinen Worten wahrnehme.



‘Bin ich für deinen Schmerz verantwortlich?’ Wieder höre ich mich selbst, wie ich diese Frage im Garten des Krankenhauses stelle. Und anders als damals, erhalte ich nun eine Antwort – wenn auch nur in meinen Gedanken. ‘Wer sonst...’ Mich selbst zur Ordnung rufend, wende ich mich meinem Sohn zu, der offenbar auf eine Erwiderung warte. “Peter…” Doch er lässt mich nicht weitersprechen – was möglicherweise besser ist, denn ich bin mir nicht sicher, mit welchen Worten ich büßen, die Wunden gutmachen könnte, die ich ihm zugefügt habe.



“Paul und Annie sind heute Nachmittag in die Hütte am See gefahren, damit Paul sich dort erholen kann. Und Kelly besucht noch immer ihre Eltern. Sie... hat sich noch nicht ganz von der Entführung erholt und hat sich vorerst vom Dienst beurlauben lassen.“ Peter tritt zu dem ersten der Regale, die einmal meine Apotheke aufnehmen werden – sollte ich mich dazu entschließen, diesen Teil meines Lebens weiter zu führen. „Das ist im Moment das Beste für alle. Sich von mir fern zu halten, meine ich. Kelly ist es langsam satt, mit jemand zusammen zu sein, der mysteriöse Killer und andere Katastrophen wie ein verdammter Magnet anzieht.“



„Die Rückkehr des Chi’Ru war nicht deine Schuld, mein Sohn.“ Der Themenwechsel macht mich sicherer. „Er benutzte dich nur als einen Köder. Aber er hat Everett Cooper nicht getötet und wurde erneut von uns besiegt. Ich bin sicher, dass deine... Freundin... Kelly mit der Zeit Verständnis finden wird, wenn du ihr erklärst, dass...“



Bitteres Gelächter schneidet meine Worte an und ich stocke, als mir klar wird, dass dieses erschreckende Geräusch von Peter kommt.



„Wie edelmütig“, spottet er. „Spricht da der demütige Shaolinpriester oder mein Vater?“ Peter dreht sich mir ruckartig zu und ich sehe erstaunt die Wut und den Schmerz in seinen Augen. „Macht es dich glücklich, wenn du die Schuld für alles auf dich nehmen kannst?“



“Peter…”



Er kommt mir sehr nahe. „Sieh der Wahrheit ins Gesicht, Dad.“ Sein Zeigefinger, der gegen meine Brust stößt, unterstreicht jedes Wort. Eine fast greifbare Woge an Zorn trifft mich so heftig wie ein Fußtritt in den Bauch. „Es ging niemals um dich. *Ich* war mit allen Opfern bekannt. Und sie sind nur gestorben, weil sie *mich* kannten. Kelly wurde in diese Scheiße verwickelte, weil sie *mich* liebt. Paul wurde fast tot geprügelt – wegen *mir*. Dieser Bastard machte meine Nächte zur reinsten Hölle, mit Alpträumen von denen ich dachte, sie würden mich noch in den Wahnsinn treiben. Ich hatte keine Kontrolle über nichts mehr, er hat mir alles genommen. Er hat... er hat dich fast getötet! Und jetzt kommst du an und willst mir das letzte nehmen, das ich noch habe – meine Verantwortung für dass alles...“



Sich mit den Fingern durch das Haar fahrend, wendet er sich von mir ab und geht auf die Balkontür zu. Einen Moment lang befürchte ich, dass er vor mir wegrennen wird – doch er bleibt stehen, lehnt seine Stirn gegen das kalte, glatte Glas.



Vielleicht zum ersten mal in meinem Leben fehlen mir die Worte. Ja, ich weiß, dass Peter so ist, wie er ist – er gibt sich immer selbst die Schuld an allem. Ich habe ihm bereits gesagt, dass er für nichts von dem verantwortlich zu machen ist, was geschah – doch er schenkt mir keinen Glauben. Vielleicht wird er es, wenn er sich beruhigt hat.



Zögernd folge ich ihm, trete nahe zu ihm und – als er keine Anzeichen von Wiederstand zeigt – lege meine Arme um ihn. Peter bleibt rigide und unnachgiebig in meiner Umarmung. Ich lehne meinen Kopf gegen seinen Rücken, um seinem Herzschlag zu lauschen und schließe meine Augen. Meine Gedanken drehen sich wie wild im Kreis.



Peter löst sich aus meinen Armen und wendet sich mir zu. Ich öffne meine Augen, doch er begegnete meinem Blick nicht, als er nach meinen Händen greift und sie nach unten drückt. „Nein... das funktioniert nicht mehr, Paps“, sagt er. „Nicht dieses Mal... nicht mehr. Ich bin kein Kind mehr und du kannst meine Alpträume nicht mehr mit einer Umarmung oder einen Lied vertreiben.“ Mit einem müden Seufzen bewegt er sich von mir fort und ich fühle eine seltsame Kälte in mir aufsteigen.



Ich drehe meinen Kopf nach ihm, folge ihm nur mit den Augen, als er ziellos durch den Raum schlendert. „Du wirst immer mein Kind sein, Peter.“



„Hör auf damit, Paps. Vergiss es. Das ist vorbei. Du siehst mich immer noch als den Zwölfjährigen an, der ich war, als der Tempel zerstört wurde.“ Er lehnt sich gegen einen Tisch, den ich für meine Apothekerarbeit zu verwenden gedenke und verschränkt die Arme vor der Brust. „Bist du deswegen wieder weggegangen? Weil du anstatt des braven, kleinen Jungen mich gefunden hast? Sieh’ es endlich ein. Er ist tot! Er ist in dieser Nacht im Feuer umgekommen!“



“Nein, Peter – du bist noch immer wie dieser Junge…”



Peter unterbricht mich, in dem er die Hand in einer Geste hebt, die er von mir gelernt hat. „Ich erinnere mich an die Lektion, du musst sie nicht wiederholen. Das ist nicht der richtige Zeit für dein kleines Märchen über den Persischen Fehler, spar es dir für einen anderen Narren auf. Es geht um dich und mich, Paps. Ich bin nicht der Sohn, den du haben wolltest. Ich bin eine Enttäuschung für dich!“ Er schüttelt den Kopf. „Ich war ja so blind, dass ich das nicht früher verstanden habe. Du hast es mir gesagt, du bist nur in diese Stadt gekommen, um Sing Ling zu finden und zu schützen. Um die Ehre unserer Familie wieder her zu stellen. Unser Wiedersehen war nur ein... ein glücklicher Zufall. Aber ich dachte wirklich, du würdest dich an mich gewöhnen. Mich wieder lieben – mich, und nicht das Bild deines kleinen Jungen, das du all die Jahre mit dir rumgeschleppt hast.”



„D-Du...“ Ich unterbreche mich selbst, zwinge meine Stimme unter Kontrolle. „Du irrst dich, Peter. Bitte... deine Erschöpfung lässt dich alles so düster sehen. Ich verstehe jetzt, dass du von mir enttäuscht bist und dass dich meine Abwesenheit verletzt hat. Aber du musst mir glauben... du bist die wichtigste Person in meinem Leben. Als man mir sagte, du wärst umgekommen... ich hatte nicht nur mein Kind in den Flammen verloren... ich hab in dieser Nacht meine Seele verloren. Dich zu finden, hat sie mir zurückgebracht.“



„Leere Worte.“ Peter zeigt noch immer keine Reaktion, und das besorgt mich mehr als seine Wut vor ein paar Minuten. „Du liebst mich nicht“, sagt er leise. „Ich wünschte, du würdest dir selbst zuhören... Vater... du verstehst überhaupt nichts. Ich bin nicht, wie du mich haben willst – und du kümmerst dich nicht darum. Du versuchst mich nur immer in diese nette, kleine Form namens „Peter Caine“ zu pressen. Du...“ Er stockt.



Jedes seiner Worte durchdringt mich wie ein Messer, unfehlbar auf mein Herz zielend, sie reißen mich innerlich in Fetzen. Ich beobachte den Fremden, der das Gesicht meines Sohnes trägt und... bin hilflos. „Das ist nicht wahr. Ich liebe dich, Peter.“ Ich wage nicht, zu ihm zu gehen und versuche ihn mit meinen Gedanken zu erreichen. Doch alles, was ich vorfinde, ist eine massive, schützende Wand, die er um sich errichtet hat, so kalt und unnachgiebig wie Marmor. Es trifft mich wie ein Schock, dass die Verbindung, die so zögerlich seit unserer Wiedersehen gewachsen ist, nicht mehr zu existieren scheint... und dass nicht ich, sondern Peter die Kontrolle darüber hat. Es wird mir klar... was ich schon viel früher hätte verstehen müssen... es ist der Grund, warum ich nur manchmal seine Gedanken und Emotionen so deutlich empfangen konnte, während er zu anderen Zeiten völlig unerreichbar war.



Ich ertrage es nicht länger, ihm so fern zu sein und durchquere den Raum, um sein Gesicht mit beiden Händen zu umschließen. Und dieses Mal weicht er meiner Berührung nicht aus. Er begegnet meinem Blick, doch noch immer kann ich nicht in seinen Augen lesen. Langsam ziehe ich ihn näher zu mir und er lässt es zu, gibt nach, als ich ihn umarme. Erleichterung quillt in mir auf, als er nach einem Moment des Zögerns den Kopf an meine Schulter legt, seine Arme mich unsicher umfassen. Mit Knien, weich von dem emotionalen Sturm, der über mich hinweggefegt ist, ziehe ich ihn mit mir nach unten, bis wir beide auf dem Boden sitzen. Und er erlaubt mir, ihn zu halten, als sich der aufgestaute Ärger, der Kummer über Paul und die Verletzungen, die in meiner Verantwortung liegen, in erschöpften Tränen entladen.



Peter ist voll von Verwirrung, doch mit der Realität meines Kindes in meinen Armen, glaube ich daran, dass wir diese erschreckende Entfremdung zwischen uns überbrücken können. Ich muss einen Weg finden, seine Liebe zurück zu gewinnen – denn ich weiß nur eines, ohne meinen Sohn kann ich nicht weiterleben.





II.



Heute Abend ist Peter angespannt und wachsam. Anstatt zu reden, sitzt er wortlos auf der Plattform und beobachtet jede meiner Bewegungen. Ich bin damit beschäftigt, die getrockneten Blätter einer Heilpflanze von den nicht zu verwendenden Stielen zu streifen. Es ist keine besonders schwierige Aufgabe, auch wenn die zarten Blätter bei mangelnder Sorgfalt leicht zerdrückt werden können.



Ich halte inne, sehe von den Kräutern auf und lenke meine Aufmerksamkeit erneut auf mein Kind. Die Heilpflanze erinnert mich an Peter – so widerspenstig, wie sich die Blätter an ihre Stiele klammern, so hartnäckig klammert sich Peter an seinen Kummer und seinen Schmerz. Den Versuch, ihn davon zu trennen, ohne die äußerste Sorgfalt aufzubringen, könnte ihn mühelos zerstören.



Selbst wenn mich sein sonst unablässiges Verlangen zu reden manchmal ermüdet – heute Abend würde ich seine Worte mit Freude begrüßen und bereitwillig der Beschreibung seiner aktuellen Fälle oder Erlebnissen mit seinen Kollegen lauschen. Doch mehr, als dass er mit Annie telefoniert und von ihr erfahren hatte, dass Pauls Genesung gut voranschritt und sie ihren Urlaub genießen würden, hat er mir noch nicht mitgeteilt. Sein Schweigen hängt wie eine dunkle Gewitterwolke über dem Raum. Ich stelle die Kräuter zur Seite und setze mich neben ihn auf das Podest.



Wir haben noch nicht über die Nacht vor vier Tagen gesprochen, als Peter letztlich, erschöpft von seinem Ausbruch, in meinen Armen einschlief. Ich hielt ihn fest, bis er einige Stunden später aufwachte, voll Scham über das, was er als Schwäche empfand. Er löste sich wortlos von mir, verschwand ins Badezimmer um die Tränenspuren von seinen Wangen zu waschen und verließ mich dann mitten in der Nacht, nachdem er mich auf die Stirn geküsst hatte.



Peter weicht meinem Blick aus, statt dessen start er die aufgerollte Schlafmatte an, die an der Wand lehnt. Bevor er zu mir kam, packte ich meine Sachen für einen kurzen Ausflug in die Wälder außerhalb der Stadt. „Du... du hast vor, weg zu gehen, Paps?“



Seine Stimme klingt brüchig und unsicher, dass es mir wehtut. Ich lege meine Hand über seine, die zu einer Faust geballt ist. „Ich werde nur für zwei Tage weg sein, Peter. Würdest du das nicht einen... Wochenendtrip nennen?“ Mein Versuch, seine Stimmung aufzuhellen, scheitert als ich sehe, wie er blass wird. “Peter?” Alarmiert greife ich nach seinen Schultern, drehe ihn zu mir, damit er mich ansieht. „Was ist los mit dir, mein Sohn?“



“I-Ich fühle mich nicht so gut, Paps. Ich glaube, ich muss... mir wird schlecht... ”



Er schüttelte meine Hände ab, springt von der Plattform und verschwindet ins Badezimmer. Mit wachsender Besorgnis höre ich ihn erbrechen, dann fließt Wasser. Ein paar Minuten später kehrt er zurück. Ein paar feuchte Haarsträhnen umrahmen sein bleiches Gesicht. Ich komme ihm entgegen, berühre seine Wangen, seine Stirn, um zu prüfen, ob er Fieber hat. Seine Haut ist plötzlich glühendheiß und er zittert. „Komm.“ Ich schelte mich selbst für meine Achtlosigkeit, nicht früher bemerkt zu haben, dass er krank ist. Seine unübliche Schweigsamkeit hätte ich alarmieren müssen. Schon als Kind... Ich helfe ihm die Stufen hoch, entrolle die Futonmatte und bringe ihn dazu, dass er sich hinlegt. Peter liegt still, als ich ihm Schuhe, Hemd und seine Jeans ausziehe und in eine Decke wickle. „Versuche ganz ruhig zu sein. Ich werde dir gleich einen Tee bringen, der deinen Magen beruhigt und das Fieber senkt.“ Peter antwortet mir nicht, er nickt nur und schließt die Augen.



Es dauert nur ein paar Minuten, den heilenden Tee zu bereiten und als ich zurückkehre, scheint Peter eingeschlafen zu sein. Schweiß perlt auf seiner Stirn und seinem Oberkörper. Ich hole ein Tuch aus einer Schublade neben der Plattform und trockne damit sein Gesicht. Peters Lider öffnen sich sofort und der verängstigte Ausdruck in seinen Augen verwirrt mich. „Versuch dich aufzusetzen und trink das.“



Peter protestiert nicht, ein sicheres Anzeichen, dass es ihm wirklich nicht gut geht. Er setzt sich auf und ich ziehe die Decke enger um seine Schultern um ihn warm zu halten. Peter greift nach der Tasse, die ich neben ihm abgestellt habe, doch anstelle sie aufzunehmen, stößt er sie über die Kante der Plattform. Reflexartig fange ich sie, bevor sie auf dem Boden zerschellt und der Tee ergießt sich über meine Finger. „Peter?“



Er umschließt sein linkes Handgelenk mit den Fingern der Rechten, einen Ausdruck blanken Erschreckens im Gesicht. „Ich... ich kann mein Finger nicht mehr spüren, Paps. Meine Hand... sie ist taub, ich kann die Finger nicht bewegen!“



Seine Linke zwischen meine Hände nehmen, strecke ich seine gekrümmten Finger aus und versuche den Grund für diese plötzliche Lähmung zu finden. Es scheint alles in Ordnung zu sein. Die Haut ist unverletzt und zeigt eine gesunde, normale Farbe. An Knöcheln und Handgelenk zeigen sich keine Wunden. Ein gezerrter Muskel oder ein überdehntes Band hätte sich lange zuvor bemerkbar gemacht – und wäre in seinen Bewegungen erkennbar gewesen. Ich lasse seine Hand los und drücke ihn sanft zurück, bis er nachgibt und sich wieder hinlegt. „Bitte beruhige dich, Peter. Ich bin sicher, dass es sich nur um eine zeitweilige... Funktionsstörung... handelt. Vielleicht hast du dir das Handgelenkt leicht verstaucht, ohne davon Notiz zu nehmen. Es könnte ein Krampf sein. Die Muskeln in deinem ganzen Arm sind sehr angespannt. Du musst versuchen, locker zu lassen.“ Für einen Moment verlasse ich seine Seite, um die Tasse erneut zu füllen und wähle auf dem Rückweg ein Töpfchen mit einer Creme aus, die entspannend wirkt.



Ich knie hinter ihm und bette seinen Kopf in meinen Schoß. Peter trinkt den Tee protestlos, als ich die Tasse an seine Lippen halte. Ich beuge mich über ihn, küsse ihn auf die Stirn und streiche mit den Fingerspitzen über seine Schläfen, versuche so viel wie möglich von seiner Anspannung und Furcht in mich aufzunehmen. Für den Augenblick ist er wieder mein kleiner Sohn, krank, verängstigt... aber voll Vertrauen darauf, dass ich ihn gesund mache... “Du musst keine Angst haben, Peter. Lass mich deine Hand massieren.” Vorsichtig löse ich den Klammergriff seiner Finger um sein linkes Handgelenk und beginne seinen Arm zu massieren. „Versuche dich zu entspannen, Peter.“ Ich beuge mich tiefer über ihn, um in sein Ohr zu sprechen. „Ich bin da. Ich bin bei dir.“ Ich streife seine Wange mit meiner, bevor ich mich wieder aufrichte und mit der Massage fortfahre.



Peter sagt nichts, doch nach einer Weile spüre ich, wie er sich unter meiner Berührung entspannt. Während ich an den Muskeln seines Armes arbeite, lausche ich auf seine Atmung, die sich in den langsameren Rhythmus des Schlafes verflacht. Als ich mit seinem linken Arm fertig bin und damit anfange, seinen rechten Arm zu massieren, schläft er tief. Voll Wunder betrachte ich dieses unbegreifliche Rätsel, das in meine Obhut gegeben wurde; mein Sohn, das verletzliche Kind unter der äußeren Oberfläche des Mannes – und Angst steigt in mir auf.



* * *



Ich greife über den kleinen Tisch und streiche eine der widerspenstigen Haarsträhnen aus Peters Stirn zurück. Seine Haut ist kühl und trocken, ohne ein Anzeichen von Fieber. Für einen Moment hellen sich seine Augen auf, als ich ihn berühre – dann senkt er den Blick. „Du fühlst dich besser.“



Peter zuckt mit den Schultern. “Yeah, I denke schon.” Er nippt an dem Tee, den ich ihm angeboten habe, obwohl es offensichtlich ist, dass er seine übliche... Koffeindosis... vermisst. „Mein Magen ist leer, aber mir ist nicht mehr übel und auch meine Hand scheint wieder okay zu sein. Was immer du gemacht hast... es hat funktioniert.“



“Dann erlaubst du mir vielleicht, dich später noch einmal zu massieren?” I beobachte meinen Sohn sorgfältig, suche nach Anzeichen, dass er sich bedrängt fühlt. „Heute Abend? Du bist sehr angespannt.“ Es ist alles, was ich ihm geben kann. Ich weiß nicht, wie ich die Wunden in seiner Seele heilen soll, aber ich kann ihn beruhigen, ihm zeigen dass er nicht mehr alleine ist. Peter sieht hastig auf, seine Augen fliegen über mein Gesicht auf der Suche nach... Ich bin mir nicht sicher, was er von mir braucht... Beruhigung, eine Bestätigung von was? Das er mir noch immer vertrauen kann? Das ich nicht verschwinden werde, während er seiner Arbeit nachgeht?



„Aber dein Ausflug?“, fragt er, erneut wegsehend.



„Meine Reise ist nicht von solcher Bedeutung, dass sie nicht auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden kann, Peter. Deine Gesundheit ist weitaus wichtiger. Ich befürchte, du hast diesen Aspekt während meiner Abwesenheit vernachlässigt“, füge ich in einem strengeren Tonfall hinzu.



Ich beobachte, wie er sich auf die Unterlippe beißt. Dann sieht Peter mich an, den Ausdruck seiner Augen hinter halb gesenkten Wimpern verborgen. „Bist du dabei, mich zu bemuttern, Paps?“, fragt er und ein noch unsicheres Lächeln krümmt leicht seine Mundwinkeln. „Bin ich dafür nicht schon zu alt?“



“Wenn es notwendig ist... wird es mir ein Vergnügen sein, dich auch zu... bemuttern.“ Es fällt mir schwer, meine strenge Miene angesichts Peters nun offen gezeigten Zuneigung noch aufrecht zu halten.



Ein Grinsen breitet sich über sein Gesicht aus. „Ich bin wirklich froh, dass du bleibst.“ Schwungvoll steht er auf, umrundet den Tisch und küsst mich auf die Stirn. „Ich muss los, Paps. Danke, dass ich bei dir übernachten durfte. Wir sehen uns heute Abend.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, verlässt er meine Wohnung.



Verwundert lasse ich ihn gehen. Etwas an seinem Verhalten... etwas ist nicht richtig. Er ist nicht in Ordnung. Ich spüre etwas, das ich nicht in Worte fassen kann. Plötzlich wird mir überdeutlich bewusst, wie vorsichtig ich mit meinem rätselhaften, verletzbaren Kind umgehen muss...
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