Abbadon – Diablos Rückkehr

GeschichteÜbernatürlich / P6
Kwai Chang Caine Lo Si Peter Caine
24.04.2014
24.04.2014
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Titel:              Abbadon – Diablos Rückkehr

Autor:            Lady Charena

Serie:              Kung Fu – Im Zeichen des Drachen

Paarung:         Kwai Chang Caine, Diablo, Peter Caine, Lo Si + ein Mönch aus Shambhala

Rating:            Grusel/Crime (PG-15)

Beta:              T’Len

Archiv:           ffp, tostwins



Summe:           Der Magier Diablo aus „Magic Trick“ ist aus dem Gefängnis geflohen und kehrt in der Halloween-Nacht nach Chinatown zurück. Er setzt alles daran, sich für die erlittene Demütigung an Caine zu rächen.



Gewidmet Stephen McHattie: Dank ihm wird Gabriel für immer im dunklen Garten meiner Seele lustwandeln...



Titel/Anmerkung: Abbadon steht in großen, roten Buchstaben an der Wand im Zimmer eines der Opfer von Diablo, der sich selbst als die Verkörperung des Zerstörers sieht. Abbadon ist ein gefallener Engel, der in Offb. 9,11 erwähnte „Engel des Abgrundes“. Er ist der König der schrecklichen Heuschrecken, die nach dem Ertönen der fünften Posaune an Armageddon die Menschheit heimsuchen werden. Die Übersetzung des hebräischen Wortes bedeutet „Vernichtung, Untergang“. (Quelle: www.geisterarchiv.de)



Ich habe nicht die geringste Kenntnis über den Strafvollzug in den 90ern in den USA. Daher ist mein Gefängnis sicherlich zu futuristisch ausgestattet, aber es orientiert sich ohnehin an den Anforderungen dieser Story, nicht an der Realität.



Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.





...they prayed to the heavens above,

that I would never ever come back.



once again there is pain

I bring flames – I bring cold

on this unholy night

coming home again



red drop stain satin so white… (Lordi)



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„Im Buch der Offenbarung benutzten Michael und die anderen Engel einen Drachenschwanz, um Sterne weg zu fegen, damit Satan in den Abgrund stürzen konnte. Was werden Sie in unserem Kampf benutzen, Priester?“ -------Diablo



„Was immer nötig sein wird, um Sie zu bekämpfen.“ ------Caine



„Nein. Sie benutzen alles, was nötig sein wird, um ihre Seele zu retten.“ ----------Diablo

**************************************************





I. Prolog:



Die Zelle 312 im Hochsicherheitstrakt hatte kein Fenster. Ein Quadrat, bestehend aus gleichgrauen Betonwänden - Fußboden und Decke etwas heller im Farbton - und einer Tür mit einem schmalen Sichtschlitz, der durch eine Klappe von außen verschlossen wurde. Jeder Tag begann, wenn das Licht hochgedreht wurde - eine grelle Sonne in einem kleinen, sicher in die Decke verschraubten, Metallkäfig. Und jeder Tag endete, wenn sie wieder zu grauem Zwielicht gedimmt wurde. Sie erlosch nie. Durch eine Schubvorrichtung, ähnlich wie an einem Bank- oder Postschalter, wurde dem Häftling das Essen auf unzerbrechlichem Kunststoffgeschirr gereicht. Eine Ecke war gekachelt und wies eine offene Dusch- und Toilettenvorrichtung, sowie einen Spiegel aus Edelstahl auf. Ein schlichter, zerschrammter Kunststofftisch in der anderen Ecke war am Boden befestigt, der dazugehörige Stuhl lief auf einer Schiene, so dass er sich zwar vor und zurückbewegen ließ, nicht jedoch anheben. Das Bett war eine sicher an der Wand befestigte Pritsche. Alles in diesem Raum war so entworfen, dass es nicht als Waffe dienen konnte – weder gegen einen der Wächter, noch vom Häftling gegen sich selbst. Die Selbstmordrate in diesem Block war die niedrigste. Es gab keine Vorsprünge oder Haken, an denen man eine selbstgeknüpfte Schlinge hätte befestigen können – auch wenn Laken, Handtücher und Kleidung nicht aus reißfestem Stoff gewesen wären – denn selbst der Duschkopf war eine bündig in die Decke eingelassene Düse. Und natürlich waren bei elektronisch verriegelten Türen auf der Innenseite auch keine Klinken mehr vorhanden. Zwar kam gelegentlich vor, dass sich einer der Häftlinge mit den Fingernägeln die Halsschlagader aufriss; versuchte, mit den Zähnen die Pulsadern zu öffnen oder sich den Kopf an der Kante der Edelstahlpritsche einzuschlagen, doch waren diese Verletzungen selten sofort tödlich und die unablässige Videoüberwachung jeder Zelle garantierte rechtzeitige Hilfe.



Der Häftling, der diese Zelle bewohnte, verbrachte dort dreiundzwanzig Stunden des Tages. Eine Stunde lang durfte er sich in einem vergitterten Bereich des Innenhofes bewegen. Meistens fand dies am späten Nachmittag statt, wenn die anderen Häftlinge das Abendessen einnahmen. Es war zu Reibereien zwischen dem Häftling und anderen Gefangenen gekommen, so dass die Anstaltsleitung sich gezwungen sah, ihn unter allen Umständen von den anderen zu trennen. Also drehte der Gefangene seine Runden allein unter dem wachsamen Blick zweier Vollzugsbeamter. Die meiste Zeit jedoch stand er nur da, ungeachtet ob es sonnig war, Regen fiel oder es schneite, und starrte zu dem kleinen Stück Himmel hoch, das zwischen den grauen Mauern, Wach- und Schutzvorrichtungen gerade noch so zu erkennen war. Es hieß, niemand in der Haftanstalt habe ihn je ein Wort sprechen hören, es ging sogar das Gerücht, dass er seit seiner Verhaftung keinen Laut von sich gegeben habe. Seine Anwesenheit allein, das blasse, hochmütige und dabei merkwürdig unbewegte Gesicht, die schwarzen, kalten Augen, hatten bei einigen anderen Häftlingen des Blocks so heftige Reaktionen hervorgerufen, dass er von ihnen hatte getrennt werden müssen. Es schien den Gefangenen nicht zu berühren.



Als Ausgleich für seine beschränkten Bewegungsmöglichkeiten war ihm das Privileg erteilt worden, Bücher und Zeitungen aus der Gefängnisbibliothek zu beziehen, doch er hatte es nie in Anspruch genommen. Er hatte ein Besuchsrecht, doch gab es niemand, der ihn hätte besuchen wollen.



Die Videoaufnahmen zeigten einen Mann, der inmitten des kleinen Vierecks auf dem kalten Boden saß, als würde er auf etwas warten. So still, so bewegungslos, dass sein magerer Körper in der grauen Anstaltskleidung fast mit den Wänden verschmolz.



Der Häftling war einst ein gefeierter und bewunderter Magier gewesen, der Gastspiele in Europa und den USA gab, der Frauen und Männer gleichermaßen betört und erstaunt hatte. Angeklagt und verurteilt wurde er wegen mehrerer Morde an schönen und reichen jungen Frauen, die er sich durch Hypnose willfährig gemacht hatte. Die Geschworenen hatten ihn sofort einstimmig für schuldig befunden, sehr zur offensichtlichen Erleichterung des Pflichtverteidigers, der unverkennbar Angst vor seinem schweigenden Mandanten hatte.



Als er nach dem Urteilsspruch abgeführt wurde, kreuzte sich sein Blick mit dem eines Mannes im Publikum und zum ersten Mal zeigte sich ein dünnes Lächeln auf den schmalen Lippen des Magiers. Er neigte leicht den Kopf, eine Geste, die der ältere Mann mit den halblangen grauen Haaren und der altertümlich anmutenden Kleidung ernst erwiderte.



Der Häftling, der in seiner Zelle wartete, nannte sich nun Abbadon, früher auch bekannt unter dem Namen: Diablo, der Betrüger.







II. Saowen



„Du bist heute noch stiller als sonst.“ Peter blickte seinen Vater prüfend an. „Rede ich zu viel? Störe ich dich bei irgendetwas?“ Während der letzten halben Stunde hatte Caine einsilbiger geantwortet, als es für gewöhnlich seine Art war.



Der Shaolinpriester legte die silberne Flöte beiseite, die er mit einem weichen Tuch gereinigt und poliert hatte. Er stand auf und blickte durch die großen Glastüren, die auf die Terrasse führten in die anbrechende Nacht hinaus. „Du spürst es auch.“ Eine der Türen stand halb offen, der kühle Windzug, der durch sie in den Raum drang, brachte die Kerzen auf dem Altar zum Flackern.



„Spüren? Was?“ Peter zuckte unbehaglich mit den Schultern, für einen Augenblick huschte ein Schatten über sein Gesicht. „Paps, für die obligatorische Geistergeschichte am Halloweenabend bin ich wirklich zu alt.“



„Peter.“



Es war ohne besondere Betonung gesprochen und trotzdem erinnerte es ihn an den enttäuschten Tonfall, den sein Vater manchmal im Tempel anschlug, nachdem Peter mal wieder etwas angestellt hatte. Er stand auf und trat neben den Priester. „Hör’ mal Paps, es ist Halloween, die halbe Stadt spielt verrückt. Es passieren Unfälle, Überfälle, Schlägereien, sogar Morde. Ich kenn’ das alles. Die Leute bilden sich ein, es wäre eine magische Nacht und faseln von Dämonen und Geistern. Es steigen jede Menge Partys bei denen reichlich Alkohol getrunken wird. Ein paar Spinner, die sonst nur bei Vollmond durchdrehen, sind auf den Straßen unterwegs, ganz zu schweigen von all den maskierten Kindern und Erwachsenen. Jeder halbwegs vernünftige Mensch und jeder Polizist ist heilfroh, wenn diese Nacht vorbei ist. Und genau das ist es, was ich spüre. Sonst ist da nichts.“



Caine wandte sich seinem Sohn zu. „Peter – jedes Ritual hat seine Bedeutung, jede Legende einen wahren Ursprung.“ Er legte eine Hand unter Peters Kinn, hob es leicht an, so dass dem jungen Mann nichts anderes übrig blieb, als dem Blick seines Vater stand zu halten. „Du vertraust deinen Instinkten, wenn sie den Polizisten in dir ansprechen. Aber du bist nicht bereit, das auch zu tun, wenn deine Pflichten als Shaolin und Nachkomme von Kwai Chang das gleich von dir fordern.“



Peter befreite sich mit einem Aufstöhnen aus dem Griff seines Vaters. „Keine Lektion in Familiengeschichte heute Abend, okay, Paps?“ Doch als er die Enttäuschung in Caines Augen sah, biss er sich auf die Unterlippe. Er sah kurz zu Boden, als er den Kopf wieder hob, verriet das Gesicht seines Vater keinerlei Emotion mehr. „Ich wollte nicht...“, begann er. „Es ist nicht so, dass ich...“



„Ich verstehe“, unterbrach ihn Caine ruhig. Er wandte sich ab, sah wieder in die Dämmerung hinaus. „Ich werde dich nicht weiter damit belästigen.“



Unsicher berührte Peter seinen Vater am Arm. Caine wandte sich ihm halb zu. „Das ist alles so... schwer für mich. Alles ist so... verwirrend. Mein halbes Leben bin ich mit seltsamen Dingen, mysteriösen Todesfällen, mit von Dämonen besessenen Menschen, Zeitreisen und anderen... irrationalen Sachen konfrontiert worden. Manchmal weiß ich einfach nicht mehr, was ich glauben soll, was wahr ist und was nicht. Ich... ich bin nicht wie du. Ich kann nicht die gleichen Dinge sehen, ich kann nicht die gleichen Dinge verstehen, wie du“, meinte er gequält



Caine sah ihn einen Moment lang ernst an, dann nahm er den Kopf seines einzigen Kindes zwischen beide Hände und küsste ihn auf die Wange. Dann zog er ihn fest an sich. „Es ist gut, Peter“, sagte er leise, wie damals, als unheimliche Drachen unter dem Bett einem siebenjährigen Peter den Schlaf raubten. „Es ist gut, mein Sohn.“



Nach einem Moment löste sich Peter aus der Umarmung seines Vaters, die ihn zugleich verlegen machte und bis ins Innerste wärmte. „Ich... ich muss jetzt gehen. Captain Simms hat uns alle zur Nachtschicht eingeteilt, auf dem Revier wird heute Nacht jeder Mann gebraucht.“



„Sei’ vorsichtig, mein Sohn.“



Peter lächelte. „Keine Bange, Paps. Wir gehen nur zu dritt los, ich werde zusammen mit Jody und Kermit auf der Straße sein.“



„Ah.“ Caine wirkte dadurch nicht sonderlich beruhigt.



„Hör’ mal, wie wäre es, wenn wir morgen früh zusammen frühstücken? Dann kannst du dich selbst davon überzeugen, dass mir nichts passiert ist. Ich hol’ dich ab, wenn meine Schicht vorbei ist. Okay, Paps?“



„Okay,“ wiederholte der Ältere langsam, als wäre er sich über die Aussprache dieses Wortes nicht ganz sicher.



Peter beugte sich vor, küsste seinen Vater auf die Stirn. Er verließ das Loft über die Terrasse, für einige Momente waren seine raschen Schritte noch auf der metallenen Feuerleiter zu hören, dann verschluckte ihn die Dunkelheit und der Lärm der Stadt.



Caine schloss langsam die Glastür und die Kerzen hörten auf zu Flackern. Ihr Licht hatte jedoch nichts tröstliches an sich und die Kälte, die der Shaolinpriester empfand, entstammte nicht dem Wind.



Etwas... Finsteres ; etwas, dem er zuvor begegnet war, befand sich auf dem Weg durch die Nacht.



Caine schloss die Augen, öffnete seine geschulten Sinne weit und sah hinaus in die Dunkelheit.



* * *



Der Wachhabende in der abgeschirmten Videozentrale des Gefängnisses dachte zuerst, seine Augen wären einfach nur vom unablässigen Starren auf die Galerie an Bildschirmen übermüdet, als das Bild aus Zelle 312 unscharf wurde. Er blinzelte. Als es nichts nutzte, verließ er seinen Sitzplatz hinter der Schalttafel im Zentrum des Raumes und klopfte leicht gegen den Monitor, als würde sich die Unschärfe auf einen Wackelkontakt zurückführen lassen. In Zeiten kabelloser Bild- und Datenübertragung war das ungefähr so wirkungsvoll wie das Zücken eines Papiertaschentuchs um einen Grippevirus abzuwehren.



Er kehrte zurück an sein Schaltpult, drehte hier an einem Knopf, schob dort einen Regler ein Stückchen hoch, doch die Unschärfe nahm weiter zu, erstes Schneeflimmern tauchte auf dem Bildschirm auf.



Die Dienstvorschrift besagte, dass beim ersten Anzeichen von Störungen die technische Instandhaltung zu alarmieren war. Da große Teile des Sicherheitssystems des Gefängnisses, unter anderem auch der Schließmechanismus der einzelnen Hochsicherheitszellen, computergestützt waren, war jeder voreilige oder auch unnötige Alarm besser, als das Risiko eines Systemzusammenbruchs einzugehen, der seine Ursachen in den geringsten Störungen bergen konnte. Doch nichts war dem Mann vor den Bildschirm im Moment ferner als die Dienstvorschriften. Er wusste, dass einige der Techniker Väter waren, die sich diesen Abend freigenommen hatten, um ihre Kinder auf der Tour durch die Nachbarschaft nicht alleine zu lassen. Bei den vielen Verrückten, die heutzutage unterwegs waren, eine vernünftige Einstellung. Doch durch zwei unerwartete Krankheitsfälle war die Abteilung nunmehr nur noch mit einer Notmannschaft besetzt, die alle Hände voll zu tun hatten. Wenn er dort wegen eines flimmernden Bildschirms anrief, würden die ihm schön den Marsch blasen.



Er tippte erneut die Nummer der Kamera – 312 – ein und begann den Gefangenen näher heranzuzoomen, während er gleichzeitig ein Diagnoseprogramm startete. Der Mann war nicht neu und auch nicht unerfahren. Es hatte schon Häftlinge gegeben, die so durchgedreht waren, dass sie die Kamera mit Essen – oder schlimmer noch, mit Exkrementen – bewarfen, um sie außer Funktion zu setzen. Doch der Gefangene in 312 saß nur da, genauso reglos wie in den Stunden, die seit Dienstantritt des Wächters vergangen waren. Abgesehen davon, dass er jetzt die Augen offen hatte – und diese rot zu leuchten schienen. Hastig zoomte der Techniker näher an den Häftling. Es war zwar auf seinem Gesicht und seiner Kleidung kein Blut zu sehen, aber vielleicht hatte der Irre versucht, sich die Augen herauszukratzen. Das war alles schon passiert. Sogar hartgesottene Verbrecher, die den größten Teil ihres Lebens hinter Gittern verbracht hatten, verloren manchmal in der Isolation den Verstand.



Wieder verstieß der Mann vor dem Bildschirm gegen eine Dienstvorschrift. Er hätte sofort den für diesen Zellbereich zuständigen wachhabenden Aufseher informieren sollen. In seiner Hast stellte er den Zoom zu hoch ein - das Gesicht und die blutroten Augen des Häftlings, der jetzt direkt in die Kamera zu blicken schien, füllte abrupt den Bildschirm aus, schien ihn förmlich anzuspringen. Fasziniert und angeekelt zugleich starrte der Techniker darauf und nahm die Finger von den Reglern.



Die dünnen Lippen des Magiers verzogen sich zu einem grausamen Lächeln. „Ich will, dass du alles tust, was ich dir befehle.“



Das empfindliche Mikrophon der Kamera nahm keine Silbe davon auf, die Worte erklangen allein im Kopf des Technikers. Seine Augen wurden glasig, sein Gesicht nahm einen normalen, vielleicht etwas dümmlichen Ausdruck an.



Diablo – Abbadon – lächelte.



Der Mann in der Computerzentrale stand auf, trat an einen in die Wand eingelassenen Safe und öffnete ihn mit einer Kombination, die nur ihm bekannt war und die täglich bei Dienstantritt geändert wurde. Nach drei Sekunden ertönte ein kurzes Alarmsignal, das der Techniker durch Eingabe des richtigen Codes abstellte. Er entnahm dem Safe eine Karte, die wie eine gewöhnliche Kreditkarte aussah, wenn man von der fehlenden Beschriftung absah und zog sie durch ein Lesegerät, das an seinem Schaltpult angebracht war. Die Karte enthielt den Berechtigungscode zum Öffnen der Zellentür, welcher ebenfalls jeden Morgen von der Anstaltsleitung neu vergeben wurde. Ein leises Piepen begann, das sich von Sekunde zu Sekunde in der Lautstärke erhöhte. Bevor es zu einem Alarmsignal wurde, brach der Mann es durch die Eingabe seines Kenncodes ab. Auf dem Computerdisplay erschien die Aufforderung, die zu öffnende Zelle zu benennen. Gehorsam tippte der Wächter 3 – 1 – 2 ein und bestätigte erneut. Die routinemäßigen Handgriffe, die er wohl hundertmal jeden Tag vornahm, um einem Wächter das Betreten einer Zelle zu ermöglichen, nahm er ohne Zögern vor.



Obwohl Captain Blaisdell in seinem Bericht besonders auf die hypnotischen Fähigkeiten des Magiers hinwies, hatte niemand in Betracht gezogen, dass er seinen Einfluss auch über eine Kamera und einen Bildschirm ausüben könnte...



Mit einem leisen Klicken öffnete sich die Verriegelung der Zellentür. Abbadon stand auf, wischte sich beiläufig ein Stäubchen von seiner Schulter, so eloquent als trage er den Magieranzug und stieß die Tür auf. Der Korridor war leer. Der Personalmangel erlaubte nicht mehr wie in früheren Zeiten ständige Streifen des Wachpersonals. Heute verließ man sich auf Computer und Kameras. Das rote Leuchten seiner Augen erlosch.



Doch der Mann in der Computerzentrale starrte weiter traumverloren auf die Galerie an Bildschirmen und dachte nicht einmal daran, Alarm auszulösen. Seine Hände lagen untätig auf den Armlehnen seines Sessels.



Mit der Codekarte des Wächters, der ihn nach seinem „Spaziergang“ in die Zelle zurückgebracht hatte, fand Abbadon seinen Weg in die Freiheit unbehindert. Das Öffnen und Schließen jeder Tür mit einer Codekarte wurde registriert, doch niemand überprüfte die Person, welche die Karte durch die Abtaster zog. Unter Abbadons Hypnosebann hatte der Wächter den Verlust des Codeschlüssels nicht bemerkt. Da immer zwei Aufseher den Häftling auf seinen Rundgang begleiteten, hatte einfach der zweite Wächter auf dem Rückweg alle Türen geöffnet oder geschlossen. Manchmal war die modernste Technologie mit den einfachsten Mitteln zu überlisten.



Der Magier trat aus dem hellbeleuchteten Vorplatz des Gefängnisses auf die Straße. Die Jahre der erzwungenen Tatenlosigkeit hatten seine Fähigkeiten in nichts gemindert – im Gegenteil. Ganz in sich ruhend, waren ihm neue Wahrheiten erschlossen worden. Die dort diensttuenden Polizisten stoppten ihn ebenfalls nicht. Abbadons Wille zwang ihnen den Eindruck auf, nicht mehr als einen Schatten an ihrem Wachbüro vorbeigehen zu sehen.



Der Magier bog unbehelligt in eine kleine, lichtlose Seitengasse ein. Aus dem Dunkel lösten sich zwei weißgekleidete Gestalten. Wie er sie instruiert hatte, warteten die beiden Harpyien mit ihren maskenhaft starren Gesichtern, die ihm früher bei seiner Show assistiert hatten, geduldig auf die Rückkehr ihres Meisters. Eine der Frauen trug seinen Magieranzug über dem Arm, die andere hielt das rotschwarze Cape fest umklammert. Er hatte Gefallen gefunden an dieser Kleidung.



Seine beiden Geschöpfe drückten sich zitternd und winselnd aneinander, als Abbadons Lachen klar und grausam in den ungerührten Himmel emporstieg.







III. Weiße Magie und schwarze Magie



Ähnlich einem von der Kette gelassenen wilden Tier, drang der Wind durch die aufgedrückten Glastüren in den Raum. Die Scheiben vibrierten und klirrten in ihrem Rahmen.



Die dicken Meditationskerzen, die ein Viereck um den Priester bildeten, flackerten einmal auf und erloschen. Dunkelheit senkte sich über ihn. Caine öffnete die Augen. Der Wind verschwand so plötzlich, wie er aufgetreten war und der Shambhalameister entzündete die Kerzen mit der reinen Energie seines ch’i neu.



Auf dem alten, geschnitzten Stuhl wie auf einem Thron, saß der Magier. Obwohl die Glastüren wieder ins Schloss gefallen waren, bewegte sich sein Umhang weiterhin leicht, als umgebe ihn ein feiner Luftzug. Der Magier sah sich um und nickte, als fände die Einrichtung des Shaolin seine Billigung. „Ein Magier braucht eine gewisse... Atmosphäre... um sich, finden Sie das nicht auch, Priester?“



„Diablo.“



„Abbadon. Ich dachte mir, es wäre an der Zeit, mir einen neuen – alten – Namen zuzulegen. Gleichförmigkeit ist so... ermüdend.“



„Mit der Annahme dieses Namens maßen Sie sich viel an“, erwiderte Caine und stand langsam auf. Er blieb im Kreis der Kerzen stehen.



Abbadon zuckte mit den Schultern. „Ich habe ihn zuvor benutzt. Sie haben mich damals ein Kind der Hölle genannt, dann sollten Sie auch wissen, dass die Hölle ihre Kinder beschützt.“ Seine Augen glühten rot auf. „Das mit den Kontaktlinsen war übrigens gelogen. Eine alte Gewohnheit von mir.“ Er erhob sich und trat an Caines Arbeitstisch. So unbefangen, als wäre er ein gerngesehener Gast roch er hier an einer Flasche, besah sich dort den Inhalt einer Schale näher und hob bewundernd die Statue an, welche die Energiebahnen des menschlichen Körpers in verschiedenfarbigen Linien demonstrierte. Er wandte Caine den Rücken zu. „Ich war mir nicht sicher, ob ich Sie in Ihrem Zuhause antreffen würde, Priester“, fuhr er im lockeren Plauderton fort. „Müssten Sie heute Nacht nicht eigentlich unterwegs sein, um das Böse zu bekämpfen? Saowen – Samhain – Halloween – so viele Namen... oder erweist sich Ihre weiße Magie den Mächten dieser heiligen Nacht unterlegen?“



„Sie sind zu mir gekommen.“



Abbadon wandte sich ihm zu. „Wir wurden das letzte Mal so ungebührlich von diesem aufdringlichen Polizisten gestört. Wie war noch sein Name? Captain Blaisdell? Ich erinnere mich an seine Aussage vor Gericht. Ja, ich erinnere mich an alles. Auch an... Ihren Sohn, Priester.“ Der Magier machte eine geringschätzige Geste. „Er ist Ihnen nicht sehr ähnlich, Caine. Seine Gedanken zu lesen war ein Kinderspiel. Sein Geist ist ein offenes Buch für jeden, dem es gefällt, darin zu blättern.“ Er schwieg einen Moment, während seine langen, weißen Finger ein Päckchen Spielkarten aus einer der versteckten Taschen des Umhanges zogen und zu mischen begannen. „Ich hatte sehr viel Zeit zum Nachdenken im Gefängnis, Priester. Sie und ich, wir sind uns ähnlich.“



„Ich kann keinerlei Ähnlichkeit zwischen uns entdecken“, erwiderte Caine ruhig.



Mit einer nachlässigen Bewegung des Handgelenks schleuderte Abbadon die Karten in Richtung des Shaolins, der blitzschnell die Arme hob und sie mit den Handflächen abblockte. Doch statt der Karten steckten Wurfmesser zwischen seinen Finger und in seinen Handflächen, als er die Arme sinken ließ. Sie fielen klirrend zu Boden. Ohne sich die Wunden anzusehen, wischte Caine seine blutenden Handflächen an seiner Hose ab.



„Ausgezeichnetes Reaktionsvermögen, wie nicht anders zu erwarten.“ Abbadon zeigte sich unbeeindruckt. „Wir beide beherrschen die Menschen in unserer Umgebung“, nahm er ihr unterbrochenes Gespräch wieder auf. Sie werden geliebt – doch ich werde gefürchtet. Und die Angst ist die stärkere Macht.“ Aus dem Nichts materialisierte eine brennende Kugel in der Hand des Magiers.



„Ein Irrglaube“, warf Caine ein.



„Dann empfinden Sie also in diesem Moment keine Angst vor mir, Priester? Weil Sie sich auf Ihre schwache, weiße Magie verlassen? Kann... Liebe... Sie davor beschützen?“ Er warf die brennende Kugel in die Luft und einen Moment lang schwebte sie wie schwerelos über den beiden Männern. Dann sank sie rasch auf Caine nieder.



Der Priester sprang zur Seite, gleichzeitig traf sein Fuß die Kugel und sandte sie zurück in Richtung des Magiers. Doch statt Abbadon befand sich nur noch weißer Rauch an der Stelle, an der eben noch der Magier gestanden hatte. Die Kugel fiel zu Boden, rollte noch ein Stück, wobei sie eine schwarze, verbrannte Spur auf dem Fußboden hinterließ, bevor sie knisternd erlosch.



„Verzeihen Sie“, erklang es hinter Caine und der Shaolin drehte sich um. „Eine meiner schlechteren Illusionen“, meinte Abbadon. „Ich denke, diese hier ist besser gelungen.“



Er zog einen Zauberstab aus seinem Cape und warf ihn wirbelnd in die Luft. Der schwarze Stab mit den beiden weißen Endstücken drehte sich so schnell, dass er wie ein schwarzes Rad mit einem durchbrochenen, weißen Rand aussah. Plötzlich sprühten ähnlich einem Feuerwerk Funken aus dem Rad und Geschosse trafen Regale, zerschmetterten Gefäße und Schalen, rissen Löcher in die sandfarbenen Wände. Abbadon streckte die Hand aus und der Stab landete auf seiner Handfläche.



Doch der Priester war nicht mehr zu sehen. „Ich benötige keine Magie, um Sie zu bekämpfen. Sie geben vor, ein Dämon zu sein – doch Sie sind nichts als ein... Betrüger. Eine Illusion“, erklang seine Stimme. „Sie bedürfen des Mitleids.“



Der Magier fuhr herum, doch auch hinter ihm war niemand. „Mitleid?“, zischte er. Die Geschosse aus dem wirbelnden Rad hatten auch die Meditationskerzen getroffen – nur eine stand noch. Ihr schwaches Licht reichte jedoch nicht aus, den Raum zu erhellen. „Zeigen Sie sich, Priester!“, forderte er wütend.



„Ich bin hier“, erklang es über ihm. Und noch bevor Abbadon nach oben sehen konnte, lösten sich Caines Beine von den Deckenbalken und trafen ihn gegen die Brust. Der Magier wurde an die gegenüberliegende Wand geschleudert und riss ein Regal um. Behälter aus Glas und Ton zerplatzten auf dem Steinboden und nach Kräuter riechende Staubwolken stiegen auf. Abbadon krümmte sich hustend zusammen. Er konnte weder atmen, noch richtig sehen. Bevor er wieder bei Sinnen war, schlossen sich Caines Finger um seinen Nacken und die Dunkelheit riss ihn mit sich fort.



Caine ließ den bewusstlosen Magier zu Boden sinken. Er wandte sich von Abbadon ab, als hinter ihm ein weißes Licht aufblitzte.



„Ah, mein Freund, ich bedauere sehr, dass wir zu spät gekommen sind, um diese Verwüstung zu verhindern.“ Lo Si stand plötzlich mitten im Raum, das heilige Buch von Shambhala aufgeschlagen in den Händen.



Hinter ihm tauchte ein Mann in einer weißen Robe aus dem Dunkel auf. Er trug eines der kristallenen Amulette um den Hals, das Zeichen der Mönche von Shambhala. Sein Blick war auf den bewusstlosen Magier gerichtet. „Wir werden uns seiner annehmen“, sagte er. „Erneut sind wir Ihnen zu Dank verpflichtet, Kwai Chang Caine.“



Caine verbeugte sich respektvoll vor dem Mönch, die Hand senkrecht vor der Brust. „Ich habe nur meine Pflicht erfüllt. Dafür ist kein Dank erforderlich.“



Der Mönch wechselte einen Blick mit Lo Si und die Seiten des Buches in den Händen des alten Mannes begannen sich zu bewegen. So öffnete sich das magische Buch und zeigte eine Abbildung einer Stadt auf einem hohen Berggipfel. Wieder blitzte das helle Licht auf und als es erlosch, waren sowohl der Mönch als auch Abbadon verschwunden.



Lo Si schlug das Buch zu und klemmte es sich unter den Arm. „Eine bedauerliche Unordnung“, bemerkte er, als Caine ein Tischchen aufrichtete, zwei Kerzen aufsammelte und entzündete. „Du wirst Hilfe brauchen, um sie zu beseitigen.“ Er faltete die knorrigen Hände.



Caine warf dem Alten einen Blick zu. „Ich würde niemals meinen Meister um einen so niederen Dienst bitten“, erwiderte er mit ernster Stimme. Seine Augen funkelten amüsiert.



Lo Si neigte den Kopf, als lausche er auf ein fernes Geräusch. „Ich glaube, du wirst bald Hilfe erhalten“, orakelte er mit einem Grinsen. Dann wandte er sich zum Gehen.



„Lo Si? Wer... ist er? Warum hast du unsere Brüder aus Shambhala um Hilfe gebeten?“



Der Alte schüttelte den Kopf. „Ich habe niemanden um Hilfe gebeten. Ja, ich muss gestehen, ich wusste nicht einmal, dass du dich in Gefahr befandest, mein Freund.“



„Ich.... verstehe“, erwiderte Caine langsam. „Ist er ein Mensch? Oder ein Dämon?“



Lo Si wandte sich zu ihm um. Die Gläser seiner Brille reflektierten die Kerzenflammen, so dass es unmöglich war, den Ausdruck seiner Augen zu erkennen. „Ein Dämon existiert in jedem Menschen.“



Auf der Feuertreppe erklangen Schritte und lachende Stimmen und Caine drehte sich um. Peter tauchte auf der Terrasse auf, hinter sich Kermit und Jody.



„Das war eine ungewöhnlich ruhige Halloween-Nacht und wir dachten, wir schauen mal bei dir vorbei.“ Peters Augen weiteten sich, als er den verwüsteten Raum sah. „Was ist passiert, Paps?“ Sein Blick fiel auf die Blutspuren auf Caines weißer Hose. „Bist du verletzt?“



Auch
Jody und Kermit gaben leise Ausrufe des Schreckens und Erstaunens von sich.


Caine wandte den Kopf, doch Lo Si war nicht mehr da. Er blickte wieder seinen Sohn an und schüttelte den Kopf. „Ich bin unverletzt. Ich denke, man könnte sagen, jemand hat mir... einen Streich gespielt... weil ich keine Süßigkeiten für ihn hatte.“



Peter starrte seinen Vater verständnislos an. Doch anstatt eine Erklärung abzugeben, bückte sich Caine und fing an, die Scherben aufzusammeln. „Werde ich jemals irgend etwas von dem verstehen, was du sagst oder tust?“, fragte er und richtete einen Stuhl auf.



Caine warf ihm über die Schulter einen Blick zu und lächelte. Eine Antwort gab er nicht.



Ende
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