Des Outsiders Entscheidung

GeschichteMystery, Übernatürlich / P16
Corvo Attano Daud Der Outsider
24.04.2014
22.06.2015
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„Nun, Corvo. Du hast das Ende deiner Reise erreicht. Dein Leben ist vorbei und nur noch in Geschichten wird dein Name weitergetragen werden: Als der Mann, der als Mörder der Kaiserin Jessamine Kaldwin beschuldigt und  dafür eingesperrt wurde. Der Folter ausgesetzt entkamst du kurz vor deiner Hinrichtung und hast Rache genommen, um schließlich die Tochter der Kaiserin, Emily Kaldwin, erste ihres Namens, auf den Thron ihrer Mutter zu setzen. Du hast Dunwall mit deinen Taten verändert und mit deiner Hilfe in ein besseres Zeitalter geführt, aber wofür?

Ich habe dir damals mein Zeichen geschenkt, da du mein Interesse geweckt hattest und weil ich sehen wollte, was du mit deinen neuen Fertigkeiten anzustellen vermochtest. Du hast mich mit deiner Auswahl bis zuletzt überrascht. Doch bin ich noch nicht bereit dich gehen zu lassen. Ich will sehen was du mit dem Wissen, dass du dir über deine vergangenen Jahre angesammelt hast, und meinem Zeichen an genau jenem schicksalhaften Augenblick anders gemacht hättest. Deshalb schicke ich dich zurück. Viel Glück, Corvo. Und gute Reise… bis wir uns wiedersehen.“



Corvo erwachte schweißgebadet und saß mit einem Ruck kerzengerade auf dem Bett, an welches er sich nicht erinnerte gelegen zu haben, als der Schlaf ihn geholt hatte. Er japste nach Luft wie ein Ertrinkender und der Raum um ihn herum schwankte sehr, bis er merkte, dass es nicht an seinem Kreislauf lag. Erst nach mehreren langen Sekunden und dem tiefen Einatmen von Luft, welche einen salzigen Beigeschmack aufwies, erkannte er mehr und mehr Details um sich herum und begriff mit einem Mal die Tatsache, dass er sich unter Deck eines Schiffes in einer Kajüte befinden musste. Er hörte das Schlagen von Wellen gegen die Außenmauer des Gefährts sowie das hektische Umherschwirren von Schritten über ihm.

Nachdem sich seine Atmung beruhigt und er sich einigermaßen sicher fühlte, schob er einen seiner Füße unter der dünnen Decke hervor und musste sich eingestehen, dass er auch seinen Körper in anderer Verfassung in Erinnerung hatte. Er war nicht mehr alt und fühlte sich nicht gebrechlich – obwohl er das nie gewesen war -, sondern er strotze vor Kraft. Deshalb erhob er sich ohne auf den Wellengang zu achten von seiner Ruhestätte und ging zu dem kleinen Spiegel hinüber, der an der Wand gegenüber aufgegangen war. Corvo musterte sein Gesicht darin mit äußerster Sorgsam und strich sich eine Strähne seines kohlrabenschwarzen Haares aus dem Gesicht. Nachdenklich fuhr er sich mit der Hand über das stoppelige Kinn und die dunklen Augenlider, die wohl vom mangelnden Schlaf herrührten und hielt inne, als er das Zeichen des Outsiders auf seinem Handrücken erblickte. Gleichzeitig klopfte es an der Tür.

„Lord Corvo“, rief jemand von der anderen Seite: „Seit Ihr wach?“ Er war zusammengezuckt bei dem Geräusch, aber nun seufzte er erleichtert auf. Niemand wusste, dass er das Zeichen trug. „Ja“, antwortete er rasch, wandte sich um und nahm sich seiner Kleidung an, die neben ihm sorgsam in einer Truhe gelagert waren: „Was gibt es?“

„Kapitän Curnow hat mich geschickt, um ihnen mitzuteilen, dass wir in etwa einer halben Stunde in den Hafen von Dunwall einlaufen werden. Wir sind zu Hause, Lord Corvo.“ Zu Hause, dachte er mit einem schmalen Lächeln und zog sich gerade die Socken über die Füße. „Kapitän Curnow erwartet Sie an Deck, sobald Sie fertig sind.“ Corvo richtete sich auf und griff nach seinen Schuhen, wobei er sagte: „Richtet dem Kapitän bitte aus, dass ich gleich zu ihm stoßen werde.“ Mit einem „Natürlich, Lord Corvo“ entfernte sich der Mann vor der Tür und ließ Corvo allein. Dieser trat derweil erneut vor den Spiegel und zog dabei seinen Kragen sauber unter seiner Jacke hervor. Ihm blickte ein ruhiger und ernster Mann entgegen, und er musste dieses Gesicht wahren, bis der Augenblick der Wende gekommen war. Und er musste sich bis dahin etwas überlegen.


An Deck herrschte das rege Treiben der Besatzung, die alles auf das kommende Einfahren in den Hafen vorbereiteten. Corvo trat in das helle Morgenlicht hinaus und atmete tief die salzige Meeresbrise ein, die ihm entgegenschlug. Er genoss zeitweilig die Sonne auf seinem Gesicht, ehe er sich dem Horizont seine Aufmerksamkeit schenkte, an dem sich in seiner vollen Pracht Dunwall erstreckte. Bei seinem umsehen erblickte er auch den Kapitän, der am Bug mit einem seiner Männer stand und ein Gespräch führte, das Corvo teilweise belauschen konnte.

„Wir sind zwei Tage früher zurück als wir eigentlich geplant hatten“, sagte Geoff Curnow gerade und sein Gegenüber nickte zustimmend. „Es ist gut wieder zu Hause zu sein, Sir, auch wenn wir keine guten Nachrichten für die Kaiserin mitbringen“, wandte dieser ein, wobei Corvo nun Gebrauch von seinen Füßen machte und auf die Beiden zuschritt. „Es wird Ihr ein Trost sein, dass wir fast alle Heil wieder zurückgekehrt sind. Vor allem, dass ihr Leibw-“, entgegnete Geoff Curnow in dem Moment, als Corvo neben ihn trat.

„Ah - Guten Morgen, Corvo“, begrüßte Geoff Curnow ihn und drehte sich zu ihm um. „Guten Morgen, Geoff“, erwiderte  er mit einem zusätzlichen Nicken an den Maat, der zurücknickte. „Wir sprachen gerade darüber, wie schön es doch ist, wieder daheim zu sein“, erklärte Curnow und blickte vielsagend auf die Stadt hinaus. „Ja, es ist schön wieder bekannte Gewässer zu erblicken“, stimmte Corvo zu, obwohl die letzte Erinnerung nicht die fremden Häfen der Inseln waren, sondern seine Gemächer im Dunwall Tower…

„Los, kommen sie, Corvo.“ Geoff Curnow fasste ihm sachte am Arm und drehte ihn in Richtung der Boote um, von dem eines bereit war um herabgelassen zu werden. Auf dem kleinen Deck stand bereits ein Wachoffizier. Sie beide betraten ebenfalls das Deck über eine kleine Leiter und zugleich, dass sie sicher standen wurde das Boot über die Seilwinde angehoben. In langsamen Abschnitten wurde es über die Steuerbordseite des Schiffes gehievt und sachte hinabgelassen. Geoff Curnow stand derweil wieder am Rand des kleinen Bootes und gab Handzeichen an seine Mannschaft.

„Ganz ruhig. Genau, aufpassen!“, rief er, wobei sein Blick nach unten gerichtet war. Kurz darauf gab jemand von oben zurück: „Leinen los!“ Mit einer finalen Handbewegung bestätigte der Kapitän und gab zurück: „Leinen sind los. Haben abgelegt.“ Das Boot fiel mit einem platschen ins Wasser und während Curnow wieder auf Corvo zukam, hob der Wachoffizier den Daumen und wandte sich nun dem Steuerrad zu. „Geradewegs zum Dunwall Tower. Lord Corvo hat Nachrichten für die Kaiserin, für die wir weit gereist sind.“

Der Wachoffizier legte einen Hebel um und schon fuhr das Boot gemächlich los. „Eine weite Reise für schlechte Nachrichten. Die Seeleute sagen, auf uns liege ein Fluch. Schwarze Magie.“ Bei diesen Worten blickte Corvo auf den Brief in seiner Hand. Er hatte gut daran getan das Zeichen mit einem Paar Handschuhen zu verdecken. „Alles Aberglaube“, erwiderte Curnow wenig amüsiert: „Wahrscheinlich gibt es inzwischen schon ein Heilmittel für die Seuche.“

Ganz bestimmt nicht, dachte Corvo grimmig und achtete nicht weiter auf die Konversation, sondern sah sich um. Ihm musste etwas einfallen, dringend, wie er Daud und seine Männer von ihrem Vorhaben abbringen konnte. Sollte er sie töten? Er hatte ihn damals verschont, also würde er es heute auch nicht anders machen. Daud hatte bereut, dass er die Kaiserin ermordet hatte. Aber auf ein Gefühl, dass noch nicht eingesetzt hatte, konnte er nicht bauen. Vielleicht konnte er ihm auch ein Angebot machen, ein besseres als Burrows ihm gemacht hatte. Ach, der Meisterspion, entsann sich Corvo. Dem würde er ja auch gleich noch begegnen…


Ohne dass er viel davon mitbekommen hatte, wurde plötzlich die Schleuse geflutet. Curnow stand vor ihm, während das Boot immer weiter nach oben gedrückt wurde. Oben angekommen, wurde zuletzt noch der Steg heruntergelassen. „Die Kaiserin wird schon auf ihre Nachrichten warten, Corvo“, sagte Geoff Curnow noch mit dem Blick über die Schulter und wandte sich dann ab um vorauszugehen. Corvo folgte ihm mit gemischten Gefühlen.

Zu einem musste er die Wut unterdrücken, die er für die nahenden Verräter verspürte, sowie die sehnsuchtsähnliche Regung, die er bei dem Gedanken verspürte, seine Kaiserin nach all den Jahren, die es für ihn darstellten, wiederzusehen. Er ging an ein paar Technikern vorbei, die über die Hydraulik der Maschinen sprachen und dabei Sokolov erwähnten. Ihm war entfallen, dass auch der Künstler an diesem Tag anwesend gewesen war. Vorbei an zwei Wachen, die die Brücke bewachten, ging er aus dem Schatten ins Licht und überhörte fast eine liebliche Stimme.

„Corvo! Du bist zurück!“, rief ihm die kleine Emily entgegen, die auch zugleich auf ihn zu gerannt kam. Aus Reflex ging Corvo in die Hocke und nahm das schwarzhaarige Mädchen ungläubig in die Arme. Auch da kam ihm erst später in den Sinn, woran er sich noch so alles gewöhnen musste, während Emily sich in seine Arme fallen ließ. „Erzähl von deiner Reise, bitte? Gab es Whale?“, fing sie gleich an mit einem Sturm an Worten, die nun noch keine Erwiderung finden sollten. Sie küsste ihn auf die Wange und er hob sie gleich darauf in die Lüfte.

„Warte! Lass uns zuerst Versteck spielen. Ich schließe die Augen, du versteckst dich“, schlug sie mit einem Mal vor und in einem anderen Leben hätte er ihr zugestimmt, doch sie zerstörte ihr Bitte in ihm mit ihren nächsten Sätzen: „Du hast Zeit! Mutter spricht noch mit diesem fiesen alten Meisterspion.“ Corvo seufzte schwer, denn es fiel ihm nicht leicht, die Bitte abzuschlagen. Doch für ihn zählte jede Sekunde. So hob er die Hand und legte sie sachte auf ihr Haar.

„Tut mir leid, Emily, aber ich muss deine Mutter sprechen“, sagte er einfühlend und lächelte sie entschuldigend an. „Aber“, erhob sie den Protest, doch er unterbrach sie: „Wir holen das später nach. Versprochen!“ „Na gut“, entschied sie noch mit wallendem Zorn, jedoch lief sie als Corvo sich erhob die Treppe hinauf, um sich dann neben Sokolov und sein Gemälde zu stellen.

Er folgte ihr, um gleich darauf von Thaddeus Campbell mit einem Handgruß und den Worten „Willkommen daheim, Kaiserlicher Schutzherr“ begrüßt zu werden. Er nickte ihn verkniffen zu, was Campbell nicht weiter bemerkte. „Nicht bewegen, Campbell. Und Sie, Corvo, willkommen zurück, woher sie auch immer kommen“, kam es von Sokolov, der Campbell auf seinem Gemälde darstellte. Corvo hörte dem folgenden Gespräch nicht weiter zu und ging mit Emily weiter hinauf zum Pavillon, wo die Kaiserin Jessamine Kaldwin schon auf ihm wartete. Ganz oben stand Curnow und wartete, während der Meisterspion noch mit Ihr sprach. Emily lief voraus zu ihrer Mutter, doch war sie so gut erzogen, das Gespräch nicht zu unterbrechen.


Derweil kam Corvo ein Gedanke, doch bevor er ihn ausführen konnte, drehte sich die Kaiserin bereits zu ihrer Tochter um, die ihr glücklich berichtete, das Corvo zurückgekehrt sei. „Danke, Emily“, sagte Jessamine zu ihrer Tochter, ehe sie sich noch einmal an Hiram Burrows wandte und befahl: „Lassen Sie uns allein.“ Der Meisterspion verbeugte sich standesgemäß vor ihr. „Wie Sie wünschen, Majestät.“ Damit machte er auf seinen Absätzen kehrt und kam direkt auf ihn zu. „Corvo, zwei Tage zu früh. Voller Überraschungen, wie immer“, meinte er ohne Begrüßung und lächelte aalglatt. Corvo gab keine Miene zum Besten, er blieb ruhig so gut er konnte.

Sobald der Meisterspion an ihm vorbeigegangen war und den Kapitän mit sich genommen hatte, schritt Corvo mit festen Schritten auf seine Kaiserin zu. „Günstige Winde bringen Sie zurück zu mir. Welche Nachrichten bringen Sie?“, empfing ihn die Kaiserin und trotz seines inneren Zwiespaltes reichte er ihr den Brief. Sie griff nach ihm, doch bevor sie ihn öffnen konnte, legte Corvo seine Hände auf die ihren. „Meine Kaiserin, bevor ihr lest müsst ihr mich anhören“, begann er und die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus: „Ihr müsst mir jetzt vertrauen, egal was ich tun werde. Auch wenn ich einfach so vor euch verschwinden werde, es dient eurem Schutz. Sobald ich weg bin wendet euch an Kapitän Curnow und schickt nach zwei Wachen, die euch zum Palast zurückeskortieren.“

Er sah ihre verwirrte Miene und wie seine Worte sie aufbrachten. „Aber, Corvo, ich versteh nicht. Was ist los?“ Aus einem Instinkt heraus nahm er sie in den Arm und flüsterte in ihr Ohr, sodass nur sie und nicht auch Emily ihn hören konnte: „Es wurde jemand geschickt, um euch… umzubringen, meine Kaiserin.“ Corvo spürte, wie sie erschrocken zusammenzuckte und sich an ihn heftete. „Meine Kaiserin, ich muss gehen.“ Damit befreite er sich wieder auf ihrer Umarmung, hielt aber noch kurz inne, da sie noch recht wackelig auf den Beinen schien. „Corvo, wenn dem so ist… dann bleibe ich hier“, sagte sie bestimmt, wenn auch zittrig: „Es wird einen Grund dafür geben, wenn jemand… das will.“

Sie räusperte sich, da sie sich der Anwesenheit ihrer verwirrten Tochter wieder bewusst wurde. Corvo blickte sie mit dunklem Blick an, doch ein Teil von ihm bewunderte sie für diese Stärke in den seltsamsten Augenblicken. „Meine Kaiserin, es gibt keinen rechten Grund dafür.“ Er trat nochmal auf sie zu, um die Bedeutung seiner Worte zu verstärken. „Ruft nach dem Kapitän sobald ich fort bin, aber sagt niemandem, worüber wir gesprochen haben.“ Sie wollte noch die Stimme erheben, doch er sah ihr Anliegen bereits in ihren Augen. „Ich werde wiederkommen.“

Damit wandte er sich endgültig von ihr und Emily ab und sah empor zum Schleusendach, von dem er sich erinnerte, das Daud und seine Männer von dort her damals gekommen waren. Er zog den Handschuh aus und aktivierte die Kraft des Teleportierens, die der Outsider ihm geschenkt hatte und mit einem Satz stand er auf dem Dach. Er hörte noch wie seine Kaiserin wie von ihm empfohlen nach dem Kapitän rief, aber er musste sich nun auf etwas anderes konzentrieren.  Doch als Corvo sich auf dem Dach umsah erwartete ihn bereits eine Überraschung.


***
Ich habe lange darüber nachgedacht, diese "Alternative Geschichte" nicht anzufangen und niederzuschreiben oder gar zu hochzuladen. Aber sie hatte sich stur in meinem Kopf festgesetzt, und nun ist sie hier und ich hoffe, dass das erste Kapitel gut angekommen ist :D

Inspiriert wurde ich durch ViaEstelar auf deviantart mit ihrer Zeichnung bzw. ihrer Alternativen Geschichte:
http://viaestelar.deviantart.com/art/Happy-AU-part-1-409564740

Aber ich will keine deutsche Version dieser wunderschönen Zeichnung niederschreiben, dafür huschen mir andere Gedankengänge durch den Kopf.

Ich habe einige Originalzitate aus dem Spiel verwendet, die ich kursiv markiert habe. Deshalb aber trotzdem nochmal der Hinweis, dass die genannten Figuren sowie Schauplätze nicht mir gehören, sondern den Entwicklerstudios und den kreativen Köpfen dahinter.

Wer jetzt noch Lust hat darf sich gerne an einem vollen Teller Internetgebäck bedienen *Teller vorsichtig abstell*
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