Geschichte: Fanfiction / TV-Serien / Kung-Fu / Heimkehr

Heimkehr

GeschichteFamilie, Übernatürlich / P6
Kwai Chang Caine Peter Caine
22.04.2014
22.04.2014
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Titel: Heimkehr
Autor: Lady Charena
Fandom: Kung Fu – Im Zeichen des Drachen
Paarung: Peter, Caine
Rating: gen, past-series
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe/Hintergrund: Ein Jahr später: Peter fragt sich, was aus seinem Leben geworden ist – und Caine kehrt zurück nach Chinatown.



Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern (Warner, Michael Sloan). Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics von Robbie Williams - Feel







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Come and hold my hand
I wanna contact the living
Not sure I understand
This role I've been given

I sit and talk to God
And he just laughs at my plans
My head speaks a language
I don't understand
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Ein paar Schneeflocken landeten in seinen Haaren, auf seinen Schultern, während er langsam und vorsichtig die Feuertreppe hochkletterte. Das Licht der paar Lampen unten im Hof reichte nicht bis hier herauf und unter der dünnen Schneedecke konnte sich leicht Eis auf den rostbedeckten Stufen gebildet haben.



Erst als Peter fast auf dem oberen Absatz angekommen war, kam ihm der Gedanke, dass die großen Glastüren vielleicht verriegelt sein könnten – sein Vater hatte nie abgeschlossen... aber sein Vater war nicht mehr hier. Es mussten fast drei Monate vergangen sein, seit Peter zuletzt im Loft gewesen war, um nach dem Rechten zu sehen und alles unverändert vorgefunden hatte.



Nicht einmal Staub war in den Räumen zu entdecken, die noch immer so aussahen, als hätte der Priester sie erst vor wenigen Stunden verlassen – und nicht vor gut einem Jahr. Vielleicht sorgte Xiaoli oder Lo Si oder Cheryl dafür, dass Ordnung herrschte.



Ohne den ‚Dschungel’ wirkte der Balkon kahl und größer. Die meisten der Pflanzen hatten ein Winterquartier in einem der hinteren, leerstehenden Räume des Lofts gefunden; einige wenige, besonders empfindliche Exemplare waren im Kofferraum des Stealth in Lo Sis Wohnung umgesiedelt, nachdem er dem alten Mann klar gemacht hatte, dass er weder Talent noch Neigung hatte, sich ein paar Mal die Woche um das Grünzeug zu kümmern. Sicher, hinterher taten ihm seine barschen Worte leid – aber sich zu entschuldigen hätte alles noch schlimmer gemacht. Also ging er Lo Si aus dem Weg, was nicht weiter schwierig war, denn er trieb sich nicht mehr oft in Chinatown herum. Er wusste, dass er den alten Mann bitter enttäuscht hatte – und wäre sein Vater hier, statt irgendwo in Frankreich Phantome zu suchen, hätte er auch ihn enttäuscht. Man sollte eben auch für kleine Gnaden dankbar sein, so blieb ihm wenigstens der stumme Vorwurf in den Augen seines Vaters erspart.



Seine Finger waren klamm, als er gegen die Glastüren drückte, die sich prompt öffneten. Sogar nach all den Jahren verblüffte es ihn erneut für einen Moment, wie jemand so sorglos sein mochte. Sicher, es gab im Loft keine Reichtümer – zumindest nichts, was im volkstümlichen Sinne dieser Beschreibung entsprach, nur für jemanden der auf Kräuter stand war das hier wie die Bank von England – aber er konnte es einfach nicht verstehen. Allerdings hatte er auch schon seit langem aufgegeben, darüber nach zu denken. Manche Dinge nahm man besser so hin, wie sie waren. Peter trat ein, schloss die Türen hastig wieder hinter sich, um die kalte Januarluft auszusperren und rieb die Hände aneinander.



Es war nicht besonders kalt hier drin, offenbar gab es doch eine funktionierende Heizung. Vielleicht übertrug sich die Wärme aus den Lagerhallen unten, in der sich ja zumindest tagsüber Menschen aufhielten. Früher hatte er darüber nie nachgedacht. Ebenso wenig wie er sich gefragt hatte, wie sein Vater eigentlich an Kleidung und Nahrung kam. Manchmal hatte er sogar Geld.



Seit Peter den Polizeidienst quittiert hatte, wusste er, dass es gar nicht so einfach war, ohne regelmäßiges Einkommen in dieser Stadt zu leben. Da er glücklicherweise jedoch nicht besonders wählerisch war, konnte er sich mit diversen Jobs gut über Wasser halten und sogar sein Appartement weiter bezahlen. Und mit der Stelle im Jugendzentrum, die ihm die Bürgermeisterin beschafft hatte, konnte er sich sogar sein Auto noch leisten. Immer zu Fuß zu gehen, wie sein Vater – nein, daran wollte er sich nicht gewöhnen. Das Jugendzentrum... vielleicht konnte er da endlich etwas gutes bewirken. Ein Apotheker würde er ohnehin nie werden und wie es war, sich als alleingelassener Teenager in einer fremden Umgebung zurecht zu finden, wusste er schließlich aus eigener Erfahrung.

Die Bürgermeisterin hatte ihn früher schon gebeten, dort ab und zu auszuhelfen, so hatte er auch Matt kennen gelernt. Und da Amy inzwischen aufs College ging, und er den Tod seiner Frau völlig überwunden hatte, nahm Dom sogar noch ein weiteres Pflegekind auf, so dass Matt nun stolzer „großer Bruder“ war.



Peter spürte, dass er der Arbeit dort eher gewachsen war. Die Jugendlichen, die ins Jugendzentrum kamen – viele davon nicht freiwillig, sondern als Teil ihrer Bewährungsauflagen – hatten einen Drogenhintergrund, Jugendstrafen, waren Ausreißer, misshandelte Kinder, vernachlässigte Kinder, lebten auf der Straße oder waren von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht worden. Seine eigene Vergangenheit machte es ihm möglich, ihre Wut und ihre Ängste zu verstehen; seine Erfahrung im Polizeidienst ermöglichten es ihm, mit ihren Konflikten umzugehen. Und ganz nebenbei hatte er noch all diese jahrhundertealte Shaolinweisheit parat und konnte notfalls die Jungs mit seinem Kung Fu beeindrucken. Major Goldman hatte sogar eine Renovierung der Basketball-Halle in Aussicht gestellt, unter der Bedingung, dass er eine Mannschaft wie auf der Roosevelt High aufstellte.



Da war nur dieser bittere Nachgeschmack, der nicht verschwinden wollte – nichts davon war sein Verdienst. Die Bürgermeisterin fühlte sich einzig seinem Vater und Lo Si verpflichtet. Manchmal stellte er sich vor, wie sie mit Commissioner Kincaid und Captain Simms beratschlagte, wo man einen Ex-Cop-jetzigen-Shaolinpriester am Sinnvollsten unterbringen konnte. Letzten Sommer hatte Kincaid ihm sogar vorgeschlagen, in den Polizeidienst zurück zu kehren, in eine Art Sonderermittlerteam, das Kermit leiten würde und über dessen genaue Aufgaben sich Kincaid nur vage äußerte. Aber er hatte abgelehnt, auch wenn die Versuchung da gewesen wäre. Wieder als Polizist zu arbeiten... nein, das war ein langer Weg gewesen, der ihn dazu geführt hatte, den Dienst aufzugeben. Es war nicht nur die Entscheidung für Shaolin gewesen, sondern eine lange Unzufriedenheit, die er zu oft zu verdrängen versucht hatte. Die starren Regeln; die Vorschriften, die engen Grenzen des Systems und der Gesetze, hatten ihm zu oft die Möglichkeit genommen, den Menschen so zu helfen, wie er es eigentlich gewollt hätte. Aber vielleicht machte er sich da auch selbst etwas vor. Denn nun, da diese Einschränkungen weg waren, was tat er da schon, um den Menschen zu helfen, wie es seine Pflicht gewesen wäre...



Seine Finger kribbelten leicht, als er Streichhölzer aus der Tasche holte und begann, ein paar Kerzen anzuzünden, um Licht in den Raum zu bringen. Er zog seinen Mantel aus und legte ihn über den ordentlich aufgeräumt zurückgelassenen Arbeitstisch.



Peter legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.



Es war still. Natürlich war es spät, schon nach Mitternacht und der Raum ging auf einen verlassenen Hof hinaus, aber trotzdem hätte man Verkehrslärm wahrnehmen müssen. Aber alles was er hörte, war leises, weit entferntes Rauschen in einem Abflussrohr und das Zischen und Gurgeln einer Kerzenflamme, die fast im Wachs erstickte.



Die Gerüche dagegen waren die gleichen, wenn auch weniger stark... fast so etwas wie Schatten von Gerüchen. Aus der Apotheke mit den an der Decke aufgehängten Kräuterbüscheln roch es jedoch nach wie vor würzig und von irgendwoher kam sogar ein Hauch von Weihrauch.



Er öffnete die Augen und sah sich um. Alles war an seinem Platz, nur er fühlte sich, als gehöre er nicht mehr hierher. Ohne die Anwesenheit seines Vaters kam es ihm so vor, als habe er im Loft nichts zu suchen. Er war zu einem Eindringling geworden, einem Fremden.



In den ersten Wochen und Monaten war er oft hier gewesen – meist erst spät am Abend. Wenn er früher kam, schien sich das verblüffenderweise immer schnell herumzusprechen und es tauchten bald nach seiner Ankunft die ersten Menschen auf, die ihn um Hilfe und Rat bitten wollten – wie sie es bei seinem Vater getan hätten. Aber er war nicht wie sein Vater, so sehr er es auch versuchen mochte. Ihm fehlte die Geduld – und zu oft – auch dieses merkwürdig tiefgehende Mitgefühl, dass Caine für alles und jeden aufbrachte. Er war ein lausiger Priester. Sein Vater und Lo Si waren Fossile einer längst vergangenen Ära und sogar hier in Chinatown, wo Fossile noch eine Zuflucht finden konnten, würde die Zeit sie bald endgültig wegspülen.



Er wanderte in den Korridor, warf nur einen flüchtigen Blick in die Apotheke, der Raum war finster und still und unberührt. Er wandte sich ab und trat in das Zimmer, das sein Vater zum Unterrichten und zur Meditation benutzt hatte. Jemand war vor nicht allzu langer Zeit hier gewesen. Im matten Dämmerlicht, das durch die Fenster kam, schimmerten hell vier hohe, dicke Kerzen, die in einem Viereck um eine dünne Bambusmatte aufgestellt waren. Hinter dem Arrangement hatte jemand die Kerzenstumpen am Altar ausgetauscht, auch frische Blumen waren da und als er näher trat, entdeckte er die feine Ascheschicht, die Räucherstäbchen zurückgelassen hatten. Vielleicht von Lo Si. Oder Cheryl kam her, um zu trainieren. In ihrer kleinen Wohnung war kaum Platz dafür und er wusste, dass noch immer eines der kleinen Zimmer, die sich wie in einem Bienenstock um den Hauptraum reihten, für sie bereitstand – wie damals, als nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis sein Vater die Vormundschaft für sie übernommen hatte. Oder vielleicht auch jemand, von dem er überhaupt nichts wusste.



Es gab so wenig, das er über das Leben seines Vaters überhaupt wusste. Er hätte häufiger hier sein müssen, als Paps noch da war.



Eine vergebene Chance mehr auf dem Scherbenhaufen seines Lebens.



Er fühlte sich versucht, sich auf die Matte zu setzen, so zu tun, als wäre er sein Vater – doch es schien ihm unmöglich, zwischen den Kerzen hindurch zu kommen, ohne eine dabei umzuwerfen und womöglich irgendetwas in Brand zu stecken. Er kehrte dem ganzen den Rücken und ging zurück in den Hauptraum.



Erst hier spürte er, wie kalt das leere Meditationszimmer gewesen war. Er verschränkte die Arme vor dem Brustkorb. Vielleicht war es nur die Jahreszeit, die ihm zu schaffen machte – all die Festtage und Feierlichkeiten rund um Weihnachten und das neue Jahr. Carolyn und Todd waren vor einigen Monaten nach Cleveland gezogen und hatten Annie zu sich geholt. Seit Kelly auf dem College und in ein Wohnheim umgezogen war, und da es weiterhin keine Nachricht von Paul gab, in der auf seine baldige Rückkehr zu hoffen blieb, war sie in dem großen Haus der Blaisdells sehr einsam gewesen. In Cleveland hatte sie zumindest ihre Tochter und ihr Enkelkind um sich. Nur zu Weihnachten hatten sie sich alle dort eingefunden. Es war ein bedrücktes Fest gewesen. Pauls und Caines Abwesenheit überschattete alles.



Seine Beziehung mit Jordan war schon Monate zuvor endgültig den Bach runter gegangen. Kermit war wie immer um diese Jahreszeit spurlos verschwunden. Und obwohl er es vielleicht irgendwie hatte kommen sehen, war es für Peter doch ein Schock gewesen, als seine Ex-Verlobte Kelly Blake und Frank Strenlich bei einem Feiertagsbesuch verkündeten, im neuen Jahr zu heiraten – und das Frank seinen drei Kindern aus erster Ehe ein weiteres hinzufügte. Kelly war im vierten Monat schwanger. Er hätte nie gedacht, das Frank in seinem Alter noch mal ein Kind großziehen würde, vor allem, da er nach der Scheidung sehr erleichtert zu sein schien, die Verantwortung für seinen schon fast erwachsenen Nachwuchs seiner Ex-Frau Molly überlassen zu können.



Nach der Trennung von Jordan hatte Peter Sophia kennen gelernt und versucht, für eine Weile alles andere einfach zu vergessen. Seine Verwirrung, seine Wut, seine Einsamkeit. Die Träume, die Erinnerungen, die Visionen. Aber es war nicht lange gutgegangen und irgendwann fielen die ersten bösen Worte. Sophia hielt ihm vor, sich wie ein schmollender Teenager zu benehmen und schlug ihm vor, sie erst wieder anzurufen, wenn er erwachsen geworden war. Danach war er keine feste Beziehung mehr eingegangen und die meisten Begegnungen überdauerten nicht mehr als eine Nacht.



Warum war er eigentlich hergekommen? Um sich wieder vor Augen zu halten, was er niemals erreichen würde? Selbst wenn er es hätte erreichen wollen... Unter den langen Ärmeln seines Hemdes verborgen spürte er die Narben der Brandmale. Sie waren bedeutungslos. Aber hätte er seinen Vater sterben lassen sollen, wenn es nur diesen einen Weg gab, ihn zu retten? Er hätte nicht noch einmal dastehen können und dabei zusehen, wie er stirbt – und dieses Mal ohne die Chance einer wundersamen Wiederkehr.



Da war so vieles passiert in viel zu kurzer Zeit, als dass er wirklich alles begriffen hatte. Selbst jetzt, nach über einem Jahr, verstand er kaum etwas davon, was damals vor sich gegangen war. Offensichtlich sein Fehler, denn weder sein Vater noch Lo Si hatten sich zu weiteren Erklärungen hergegeben. Die Brandmale... es waren nur äußerliche Symbole, nicht wahr? Aber warum wusste er seither Dinge und konnte sich nicht erinnern, wann er sie gelernt hatte? Waren das verschüttete Erinnerung an Tempellektionen als Kind? Sein Vater hatte immer über ein Erbe gesprochen, das er in sich trage. War es das? Aber wie sollte das Wissen seiner Vorfahren in seinen Kopf gelangen? Das klang doch verrückt. Es war alles so verwirrend. Und dann dieses merkwürdige Gefühl, das er manchmal hatte, wenn er mit jemand sprach – als würde er plötzlich wissen, was sein Gegenüber dachte. Er war als Polizist schon darin gut gewesen, zu bemerken, wenn jemand log – doch nun wusste er es mit Sicherheit. Es war anders als die geradezu unheimliche Art, wie sein Vater die Gedanken anderer las. Seither baten ihn Kermit oder Mary-Margaret manchmal, sich einen Verdächtigen anzusehen und mit ihm zu sprechen, um herauszufinden, ob der die Wahrheit sagte. Vielleicht machten sie das aber auch nur aus Mitleid mit ihm. Irgendwie war es einfach, Fremde „zu lesen“, aber sehr schwer, die Motive von Freunden zu erkennen.





*************************

I scare myself to death
That's why I keep on running
Before I've arrived
I can see myself coming
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Peter setzte sich auf die Plattform und zog die Knie hoch, um das Kinn darauf zu stützen, die Arme um seine Beine geschlungen. Da war so etwas wie eine Blockade in seinem Kopf. Eine massive Wand, gegen die er nicht ankam. Er konnte es sich selbst nicht wirklich erklären – aber er hatte zuvor gespürt, dass etwas da war. Eine Art Verbindung zu seinem Vater. Erst als sie verschwunden war, gelangte sie ihm wirklich zu Bewusstsein. Vielleicht hatte er sich aber auch das nur eingebildet...



„Peter.“



Na wunderbar, jetzt bildete er sich auch noch Stimmen ein. Er schloss die Augen. Doch die Stimme kehrte zurück und sprach jetzt mit mehr Nachdruck. Peter sah auf – und sprang von der Plattform. „Vater?“, fragte er ungläubig.



Caine nahm langsam seinen Hut ab, rollte ihn zusammen und schob ihn in seine Tasche. Er nickte und lächelte, streckte beide Hände nach seinem Sohn aus.



Doch Peter stand wie angewurzelt. „Du... du bist wieder da.“



„War ich zu lange weg für eine Umarmung?“ Caine lächelte, aber seine Augen füllten sich mit einem nur allzu bekannten Ausdruck von Sorge.



„NEIN. Natürlich nicht.“ Endlich setzte er sich in Bewegung. Sein Vater schloss ihn in eine feste Umarmung, doch Peter brachte nicht einmal seine Arme hoch, um sie zu erwidern. Er stand einfach nur wie betäubt da.



Caine wich zurück und sah ihn prüfend an. „Wenn ich... dich irgendwie störe...“, begann er zögernd.



Peter riss sich zusammen. Sein Herz schlug noch immer bis zum Hals. „Nein. Nein, natürlich nicht“, wiederholte er. „Außerdem ist das doch schließlich deine Wohnung. Ich... ich war nur hier, um nach dem Rechten zu sehen. Paps, du... du hättest mich wirklich vorwarnen können, dass du wieder hier bist. Seit wann bist du überhaupt in der Stadt? Warum hast du dich nicht bei mir gemeldet?“



Die Augen des älteren Mannes verdunkelten sich für einen Moment – vielleicht war es Enttäuschung, vielleicht Kummer, was sich flüchtig in ihnen widerspiegelte. „Verzeih’ mir, Peter“, sagte er leise. „Ich hatte angenommen...“ Er unterbrach sich, was eigentlich völlig untypisch war. Caine lächelte und legte eine Hand auf Peters Schulter. „Ich bin erst seit ein paar Stunden in der Stadt. Du warst nicht leicht zu finden, mein Sohn. Ich komme eben von deinem Appartement.“



„Wieso musstest du mich überhaupt suchen? Du wusstest doch früher immer ganz genau, wo ich war.“ Peter seufzte leise, seine Schultern sackten etwas nach unten. Es war nicht so, dass er sich nicht freute... aber dieses Wiedersehen hatte doch ein wenig zu plötzlich stattgefunden.



„Du bist jetzt Shaolin, Peter. Selbst für mich ist es nicht einfach, dich zu finden, wenn du nicht gefunden werden willst. Du hast sehr große Fortschritte gemacht.“ Caines Hand wanderte von Peters Schulter, den Arm entlang und schloss sich um sein Handgelenk. „Aber warum versteckst du dich hier?“



Fortschritte? Verdammt, die braunen Augen lasen ihn noch immer mit der selben Leichtigkeit als wäre er drei Jahre alt. Peter zuckte mit den Schultern. „Ich wollte nur... ich brauchte nur ein bisschen Abstand, um über ein paar Dinge nachzudenken. Wie kommst du auf die Idee, ich hätte mich versteckt? Ausgerechnet hier. Hierher kommen die Leute immer noch zuerst. Du erinnerst dich doch noch – Komm’ nach Chinatown, frag’ nach Caine, er wird dir helfen.“



Caine zeigte keine Reaktion auf den Spott in Peters letzten Worten. „Ich war mir nicht sicher, ob ich noch in der Gemeinde willkommen bin. Nach allem, was geschehen ist.“



Peter schüttelte den Kopf. „Lo Si hat mit allen gesprochen. Ich weiß nicht, wie er erklärt hat, dass du für ein paar Tage wie ausgewechselt warst – oder dass es sogar zwei von deiner Sorte gab – aber niemand trägt dir etwas nach. Im Gegenteil, es kommt ständig vor, dass mich jemand nach dir fragt: wo du bist, wie es dir geht, wann du zurückkommst. Schade nur, dass ich das selbst nicht wusste.“ Er schüttelte Caines Griff ab, schob die Hände in die Hosentaschen. „Ich schätze, du hast meine Mutter nicht im Paris gefunden, oder?“



Der Ältere schüttelte traurig den Kopf. „Nein, es war eine vergebliche Suche. Ich konnte das Gebäude finden, in dem das Foto gemacht wurde, aber das Café ist seit über zwanzig Jahren geschlossen, es steht seither leer. Niemand konnte mir etwas darüber sagen. Ich weiß nicht, was es zu bedeuten hat, aber dieses Foto muss eine Fälschung sein. Aber ich musste sicher sein.“ Er senkte den Blick. „In meinem Herzen wusste ich immer, dass Laura tot ist. Ich war bei ihr, als sie starb. Ich hielt sie in meinen Armen und spürte, wie das Leben in ihr schwand... Und dennoch...“



Peter reagierte instinktiv auf den Schmerz in der Stimme seines Vaters und trat näher zu ihm. „Du musstest es versuchen, ich verstehe schon.“ Er legte unsicher eine Hand auf Caines Schulter. „Was hast du dann gemacht?“



Caine blickte auf und wieder huschte Überraschung über seine Züge. „Du weißt nicht...“ Erneut unterbrach er sich. „Ich habe deinen Großvater besucht und bin einige Zeit bei ihm geblieben. Es war nicht einfach – für uns beide nicht – aber ich denke, wir haben uns etwas angenähert. Er hat mir einen Brief an dich mitgegeben.“



„Ich lese ihn später.“ Caine griff nach seiner Tasche, doch Peter stoppte ihn. „Weißt du, es gibt auch in Frankreich Briefkästen und Postämter. Ihr hättet mir den Brief schicken können. Du hättest mir schreiben können, damit ich zumindest weiß, dass es dir gut geht und wo du steckst.“ Er brach ab, rieb sich über den Mund. „Das wollte ich eigentlich gar nicht sagen. Es ist schön, dass du wieder da bist. Wirklich. Das kam nur ein bisschen plötzlich. Eben dachte ich noch an dich und – puff – stehst du vor mir.“



Überraschenderweise war es Caine, der sich nun von seinem Sohn abwandte und an ihm vorbei zu seinem Arbeitstisch trat. Er schob eine Flasche zurecht, rückte den Mörser etwas weiter vom Rand weg in die Mitte. „Du hast also meine Anwesenheit wirklich nicht gespürt.“



„Ich glaube, genau das wollte ich dir gerade klar machen.“



Die Hände des Priesters beschäftigten sich mit einer kleinen Kwan Yin Statue aus Jade. Einst ein Geschenk von Ping Hi, hatte sie nach der Zerstörung des Tempels ihren Weg in diese Stadt gefunden – in Lo Sis Obhut, der sie an Caine zurückgab. Einen Augenblick lang fragte er sich, ob Lo Si das Geheimnis um seine Identität gelüftet und wie Peter wohl darauf reagiert hatte. Er musste mit Lo Si sprechen. Aber das hatte noch Zeit. Zuerst gab es etwas mit seinem Sohn zu klären. „Und jetzt? Kannst du meine Anwesenheit jetzt spüren?“



„Paps! Du stehst vor mir.“



Caine wandte sich zu seinem Sohn um. Peter schwankte zwischen Amüsiertheit und Ärger. Nein, Peter hatte sein Zentrum noch nicht gefunden. „Ich habe dich nicht gefragt, ob du mich sehen kannst, Peter.“



„Was willst du denn sonst von mir hören? Du stehst vor mir, in diesem Raum, in diesem Gebäude. Du bist hier. Wie sonst soll ich es denn ausdrücken? Was soll ich spüren?“ Peter hatte das letzte Wort kaum gesprochen, als er plötzlich das Gefühl hatte, als würde ihm jemand in den Magen schlagen. Die Luft wurde mit einem Zischen aus seinen Lungen gepresst und seine Kehle war wie zugeschnürt, so dass er keine neue hineinbekam. Peter fiel auf die Knie und stützte sich mit den Handflächen ab. Dann war der Druck abrupt weg. Er bekam wieder Luft und sah atemlos auf. Sein Vater kniete neben ihm, und legte beide Hände um seinen Kopf. „Was... was war das denn?“, krächzte Peter. War das eine Täuschung des flackernden Kerzenscheins, oder war der Priester wirklich blass geworden? „Du siehst so schlecht aus, wie ich mich gerade gefühlt habe, Paps.“



„Es tut mir leid, Peter. Ich hatte nicht erwartet, dass du so heftig reagieren würdest.“ Caine half Peter auf die Beine und führte ihn zu einem Stuhl. Er wartete, bis sein Sohn saß, bevor er weitersprach. „Es ist sehr schwierig, dir das zu erklären, Peter. Zudem nahm ich an, dass Erklärungen nicht mehr notwendig sein würden.“ Er ging vor Peter in die Hocke, nahm die Hände seines Sohnes zwischen seine und rieb sie warm. „Du bist jetzt ein Shaolin. Aber du bist auch mehr. Du bist mein Sohn. Es gibt eine spezielle Begabung in unserer Familie, sie ist in manchen Generationen stärker ausgeprägt, als in anderen. Manche Menschen nennen es Telepathie, aber ich kann nicht mit Gewissheit sagen, ob dies der richtige Ausdruck dafür ist. Aber es gibt eine besondere Verbindung zwischen uns. Du hast das am deutlichsten gespürt, als ich dich auf den Kampf mit Clarence vorbereitet habe und dir meine Kraft übertrug. Du hast mich oft gefragt, wie ich dich finden konnte; woher ich wusste, wenn du traurig warst oder verletzt. All dies ermöglicht diese Verbindung zwischen uns. Ich weiß aus den Aufzeichnungen meines Großvaters, dass er diese Gabe besaß. Bei meinem Vater war sie nur sehr schwach ausgeprägt, deshalb hat er bis zu unserer Reise nie erfahren, dass ich noch am Leben bin. Ich habe diese Fähigkeiten jedoch von ihm geerbt und du von mir, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.“ Er stoppte und blickte Peter an, doch der presste nur die Lippen zusammen und bedeutete ihm, weiter zu sprechen. „Es gibt viele Menschen, die diese Fähigkeit haben, jedoch ohne sich dessen überhaupt bewusst zu werden – sie sprechen von Intuition, Glück oder Zufall. Das Training als Shaolin und die mentale Kontrolle, die daraus erwächst, ermöglicht es uns, mit dieser Gabe umzugehen und sie einzusetzen. Während ich in Frankreich war, hattest du diese Verbindung zwischen uns blockiert, so dass ich keine Gedanken und Emotionen von dir empfangen konnte. Ich habe dies akzeptiert; ich weiß, du brauchst Zeit, mit all dem umzugehen, was du gelernt hast. Aber ich hatte mich nie vor dir verschlossen und daher war ich sehr überrascht, dass du so viele Fragen stelltest, von denen ich annahm, du würdest die Antworten bereits kennen.“



Peter schüttelte den Kopf und zog seine Hände aus dem Griff seines Vaters. Er lehnte sich zurück an die Stuhllehne, brachte mehr Distanz zwischen sie. „Ich verstehe kein Wort von dem, was du sagst. Und was hat das überhaupt mit diesem komischen... Anfall oder was auch immer zu tun?“



Caine seufzte und verschränkte die Finger ineinander. „Ich habe das gleiche getan, wie du. Ich habe die Verbindung zwischen uns gebrochen. Verzeih’ mir Peter, ich wusste nicht, dass du körperlich darauf reagieren würdest. Das hätte nicht passieren dürfen.“



„Ich verstehe das alles nicht, Vater.“ Peter drehte den Kopf zur Seite, suchte nach den richtigen Worten. „Diese... Gabe. Diese... Verbindung. Damit kann ich nicht umgehen. Ich habe keine Kontrolle darüber, also kann ich auch nichts daran getan haben. Das verwirrt mich alles nur.“ Sein Vater hob die Hand. „Darf ich?“, fragte er und obwohl sich Peter nicht sicher war, wofür er um Erlaubnis fragte, nickte er. Caines Finger glitten über Akupressurpunkte auf Peters Stirn, seinen Schläfen und er spürte, wie die Anspannung aus seinem Körper verschwand.



„Konzentriere dich auf dein Drittes Auge“, sagte sein Vater leise.



Peter schloss die Augen. Er hatte als Kind diese Übung nie beherrscht, doch im Tao-Tempel war es ihm leicht gefallen. Und nun? Er stellte sich einen Lichtpunkt in der Mitte seiner Stirn vor, und das Licht strahlte nach innen, erhellte seinen Geist. Wärme strahlte von dem Lichtpunkt aus. Doch von einem Moment zum nächsten war alles vorbei und er öffnete die Augen. Die Wärme war noch da, strahlte von der Handfläche seines Vaters aus, die an seiner Stirn lag, die Finger pressten sich leicht gegen seine Kopfhaut. Er blinzelte.



Einen Moment später öffnete auch Caine die Lider und sah ihn an. Verwundert sah Peter die Tränen in den Augen seines Vaters. „Verzeih’ mir, Peter.“



„Wieso...? Was...?“



„Ich habe dich wieder im Stich gelassen. Ich hätte niemals nach Frankreich gehen dürfen und dich alleine lassen. Ich habe mich geirrt.“ Caine ließ die Hand langsam sinken.



Peter schluckte, als er den müden und verwirrten Ausdruck im Gesicht seines Vaters sah. So hatte er ihn noch nie erlebt und das ängstigte ihn. „Geirrt?“, wiederholte er. „Worin?“



„Du hältst deine Fähigkeiten zurück, Peter. Du hast deine Bestimmung nicht akzeptiert, obwohl du die Brandmale angenommen hast.“



„Aber ich...“, Peter protestierte, obwohl etwas in ihm sagte, dass sein Vater recht hatte. „Ich habe akzeptiert, was ich bin. Ich bin Shaolin.“



„Das bist du“, bestätigte sein Vater. Er stand langsam und mühsam auf, wie ein viel älterer Mann. „Aber du hast es nicht akzeptiert. Du hast eine Tür gebaut, Peter – aber du bist nicht bereit, diese Tür zu öffnen und zu sehen, was hinter liegt.“



Er blickte zu seinem Vater auf. „Und was ist, wenn ich es nicht akzeptieren kann?“



„Dann wird diese Tür für immer geschlossen bleiben.“



„Was ist, wenn ich es nicht akzeptieren kann?“, wiederholte Peter.



Caine hob die Schultern. „Ich weiß es nicht“, sagte er leise. „Ich weiß es nicht.“





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There's a hole in my soul
You can see it in my face
It's a real big place

Come and hold my hand
I wanna contact the living
Not sure I understand
This role I've been given
Not sure I understand
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Ende
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