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Voreilige Schlüsse

GeschichteHumor, Horror / P16 / Gen
Cat Valentine Sam Puckett
22.04.2014
10.05.2014
6
8.686
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22.04.2014 1.455
 
Es war nicht die Dunkelheit, welche sie im Inneren der Wohnung erwartete.
Es war auch nicht die Tatsache, dass die Haustür nicht abgeschlossen war und ein Luftzug auf ein offenes Fenster schließen ließ.

Es war die Bedeutung, welche sich aus der Kombination dieser Umstände ergab.
Sie tat es schon wieder.

Einen entnervten Seufzer ausstoßend ließ Sam die Tür ins Schloss fallen und tastete an der Wand entlang, bis ihre Finger den Lichtschalter berührten.
"Du hast fünf Sekunden um das Fenster zu schließen und das verdammte Fernglas wegzupacken!", keifte sie in die Finsternis.

Ein erschrockener Aufschrei und ein Poltern verrieten ihr, dass Cat zumindest letzteres umgehend fallen gelassen hatte. Mit wippendem Fuß wartete Sam darauf, dass sie das Geräusch eines hastig zugeschlagenen Fensters und das bewegen der Vorhänge vernahm, ehe sie das Licht einschaltete.
Eine ins erleuchtete Zimmer blinzelnde und schuldbewusst dreinblickende Cat trat von einem Bein aufs andere. "Oh, Hi Sam!"

"Nix mit "Hi Sam", du hast es schon wieder getan! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du die Nachbarn nicht ausspionieren sollst!"

"Waren gar nicht DIE Nachbarn...", versuchte Cat die Anschuldigung zu umgehen.

"Dann halt wieder nur der eine, das ist doch ganz egal! Die Leute beschweren sich schon, weil sie sich beobachtet fühlen und ich kann’s ihnen nicht mal verdenken!"

Cat trieb sie noch mal in den Irrsinn. Vor geraumer Zeit hatte sich die Rothaarige eine üble Erkältung eingefangen und war seit dem ans Haus gefesselt. Dummerweise war sie nicht für ihre Geduld berühmt und versuchte seit dem sich die Zeit zu vertreiben.
Dazu zählte auch, das auf den Kopf stellen der Wohnung und spontane Fondue-Partys. Was umso merkwürdiger war, da sie seit Ewigkeiten keinen Käse mehr im Haus hatten.
Zeit sich über derartiges Gedanken zu machen, blieb jedoch nicht, da Cat, als sie das Schlimmste überwunden und eine knappe Woche in der Salbei-Hölle verbracht hatte, etwas anderes fand das ihre ganze Aufmerksamkeit fesselte.

Ein Segen, dass dieses Etwas, oder besser gesagt, dieser Jemand keine Ahnung hatte, was sich auf der anderen Straßenseite abspielte.



Eine Woche früher

Cat fing an, in der Sekunde am Rad zu drehen, als der Umzugswagen vorfuhr.

Es war bereits später Abend und die Sonne war längst hinter ein paar hohen Gebäuden verschwunden, als der Kleintransporter mit quietschenden Reifen stoppte und ein paar Möbelpacker den neuen Mieter fragten, wo die Ladung zu verstauen währe.
Dieser hatte sich die Kapuze seines dunklen Trenchcoats tief ins Gesicht gezogen, wohl um den langsam stärker werdenden Regen zu trotzen, während er den Arbeitern Anweisungen gab.
Dies allein hätte wohl nicht ausgereicht um Cats Aufmerksamkeit zu fesseln, wohl jedoch das längliche, einem Sarg in Größe und Form nicht unähnliche Objekt, welches gleich als erstes in Haus getragen wurde.

Andere Möbelstücke folgten und obwohl das Verladen nur zwanzig Minuten in Anspruch nahm, und die Arbeiter nach erhalt ihrer Bezahlung das Feld räumten, glaubte Cat von Stund an, einen Untoten zum Nachbarn zu haben.
Sam erinnerte sich nur zu genau, wie sie an diesem Abend nach Hause gekommen war und eine aufgelöste Cat, mit einer Girlande aus Knoblauchzehen um den Hals dabei war, aus einem alten Stuhlbein einen Pflock zu schnitzen.

Mit wedelnden Armen versuchte Cat ihr die neu gewonnene Erkenntnis beizubringen, obwohl Sam nur jedes dritte, mit sich überschlagender Stimme vorgetragene, Wort verstand.
Am Anfang fand sie das ganze noch halbwegs amüsant, aber als Cat ihr mit Gewalt eine andere Knoblauchkette überstreifen, und ihr mit Hilfe eines Trichters eine Portion Tzatzicki einflößen wollte, schien es ratsam, für heute das weite zu suchen.

Auch in den nächsten Tagen besserte sich ihr Verhalten nicht, im Gegenteil. Sie sahen ihren neuen Nachbarn praktisch nicht, da er wohl größtenteils mit der Einrichtung seiner neuen Wohnung beschäftigt war, was natürlich viel Raum für Spekulationen gab.
Zumindest bis zu dem einen Morgen, als Sam ihn zufällig das Haus verlassen sah. Er schien beschäftigt und ging gerade die Straße herunter zur U-Bahn Haltestelle, so dass Sam sich beeilte, die desorientierte Cat im Pyjama vor das Fenster zu zerren.

"Schau hin! Es ist Tag und der Typ zerfällt nicht zu Staub oder .... glitzert....", bei letzterem erschauerte sie, als sie an diesen furchtbar kitschigen Film dachte.

"Aber... aber...", perplex gaffte Cat dem Mann hinterher. Ob er jetzt jung oder alt war, konnte man nicht sagen, da sie lediglich seinen kahlrasierten Hinterkopf betrachten konnte, aber es schien offensichtlich, dass er entgegen ihrer Meinung ziemlich lebendig war. "Der Sarg..."

"Hast du dich halt geirrt. Los, mach mir Frühstück!"





Das hätte es gewesen sein sollen. Eine weitere fixe Idee der Rothaarigen, die genau so schnell erlosch, wie sie entflammt war. Oh, wie Sam sich das nur gewünscht hätte.
"Siehst du das?! SIEHST DU DAS?!"

"Ich sehe vor allem die Innenseiten meiner Augenlieder, was willst du verdammt?" Sam drehte sich mit dem Gesicht zur Wand und versuchte krampfhaft, wieder in den Schlaf zurückzugleiten.
Hände umfassten ihren linken Fuß und zerrten daran.

"Das musst du dir ansehen! Unser Nachbar, er..."


"Bist du immer noch an der Sache dran?" Sam strampelte kurz, bis sie ihren Fuß befreit hatte. "Bloß weil einer ständig schwarz trägt, macht ihn das noch nicht zum Blutsauger. Und wenn du jetzt wieder den Knofi rausholst, gibt’s die Buttersocke!" Einfach unglaublich, dass sich ihre Obsession sogar noch gesteigert hatte.
"Nein, nein, das mein ich nicht, er ist was viel schlimmeres! Komm schon, siehst dir an!" Sam vernahm ein schmatzendes Geräusch, Sekundenbruchteile bevor sich der mit Spucke befeuchtete Zeigefinger in ihr Ohr bohrte.
In Rekordgeschwindigkeit stand sie schreiend im Bett.  "Niemand verpasst mir einen feuchten Fuzzi!!!"
Mit so ziemlich allem nach der flüchtenden Cat werfend, was ihr unter die Hände kam, nahm sie die Verfolgung auf. Es war lediglich Cat´s Sammelleidenschaft für Stofftiere geschuldet, dass die geschleuderten Objekte keinen ernsthaften Schaden anrichteten.
Erst im Wohnzimmer angekommen ging ihr auf, dass ihre Mitbewohnerin ihr Ziel erreicht hatte, nämlich, sie aus dem Bett und zum Fenster zu locken.

"Kuck doch!" Mit beiden Händen deutete sie auf das Haus von gegenüber, als würde sich dort das Ende der Welt abspielen. Wutentbrannt versuchte Sam zu entscheiden, ob sie einen Blick nach draußen werfen, oder Cat an Ort und Stelle erschlagen sollte.  

Aber ein Gedanke an ihre Vorstrafe ließ sie sich wieder beruhigen.  Sie war beim letzten Mal nur mit knapper Not davongekommen und wenn die Rothaarige unterm Boden war, wer sollte dann die Kaution bezahlen?  
Mit einem Geräusch, welches an einen unpässlichen Oger erinnerte, drehte die sich mühsam beherrschende Sam zum Fenster.  
„Und was genau schau ich mir da an?“

„Bist du blind? Dieses Flackern hinter den Scheiben und hör mal genau hin!“ Tatsächlich war der dürftige Lichtschein von gegenüber geeignet, sich an flackerndes Kerzenlicht erinnert zu fühlen. Mit fahrigen Händen öffnete Cat betont leise die Haustür und legte den Zeigefinger an die Lippen, während Sam mit verschränkten Armen auf was auch immer zu lauschen versuchte.


„…Gloria in profundis Satani. In profundis Satani Gloria….“

Die Stimme war guttural und die gesprochenen Worte wurden mit derartiger Innbrunst vorgetragen, dass sie durch abgekippte Fenster  bis zu ihnen drang.

„…Introibo ad altare dei nostri Satanis…“

„Ich sprech zwar kein Latein, aber er wird wohl irgendwie beten, nehm ich an.“ , seufzte Sam mit einem Schulterzucken.  „Kein Grund, gleich die Kavallerie zu rufen und übrigens auch kein GRUND, MIR EINEN VERDAMMTEN FINGER INS O..“

„Na sicher betet er, aber so oft wie das Wort Satan drin vorkommt, kann da doch was nicht stimmen!“  Ihre Augen waren geweitet und sie kaute auf ihrer Unterlippe.

Mit Daumen und Zeigefinger massierte sich Sam die Schläfen. So etwas kam also dabei heraus, wenn man zu lange bei einer abergläubischen Großmutter wohnte. „Hör mal Kleines, das hier ist Amerika und das bedeutet, man kann so ziemlich alles und jeden anbeten, was man will. Hab selbst schon mal überlegt, den Tempel of Mettwurst in Leben zu rufen.“

„Warum hast du`s nicht?“

„Hab den Messias gegessen.“

„Hm… aber das hier ist was anderes!  Das hier ist etwas… böses. Ich weiß es genau, solche Leute sind gefährlich! Da lief doch kürzlich so was im Fernsehen über Teufelsanbeter und die haben ganz furchtbare Sachen gemacht, wir sollten wirklich die Polizei rufen. „

„So weit kommt’s noch, du bist hier die einzige, die sich merkwürdig verhält und anderen Leuten nachspioniert. Lass es endlich auf sich beruhen und vor allem, lass mich weiterschlafen. „


Hätte sie geahnt, dass dies der Anfang vom Ende gewesen war, sie wäre wohl nicht einfach so wieder ins Bett gegangen. Aber sie dachte, dass Cat es endlich aufgeben und sich die Dinge schon irgendwie regeln würden.

Was für ein Irrtum.
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