Ein Wolf aus Rosen

von baronesse
GeschichteRomanze / P16
Sansa Stark Tyrion Lannister Willas Tyrell
21.04.2014
21.04.2014
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Dies ist mein Beitrag zur letzten Runde des Entweder ... Oder Wettbewerbs von Pooky. Diesmal bin ich wieder in mein Lieblingsfandom abgewandert und hoffe, dass es mir auch hier gelungen ist, alle Vorgaben unterzubringen.

Für den Verlauf der Geschichte sind einige zeitlichen Abfolgen des Canons minimal geändert worden.

o3.o5.: Mit "Ein Wolf aus Rosen" habe ich tatsächlich den Entweder ... Oder-Wettbewerb gewonnen! Vielen Dank an die tolle Organisatorin Pooky!




Ein Wolf aus Rosen



Manchmal ist alles, an das wir uns klammern können, ein Traumbild, wenn die Wirklichkeit zu hässlich wird.

„Ich habe noch nie so schöne Haare gesehen“, murmelt er, die Finger in ihrer rotblonden Mähne vergraben, sein Mund ganz nah an ihrem Nacken. Es ist Frühling in King’s Landing, Frühling in allen sieben Königreichen. Nach dem langen Winter und dem Krieg, den der Schnee und das Eis mit sich brachten, ist es schön, dass die Luft wieder wärmer geworden ist und das Grün zurück in den Götterhain. Sie haben sich diesen Geschmack von Hoffnung in der Luft redlich verdient, findet Sansa und schließt die Augen, während sie seine Lippen auf ihrem Nacken spürt.

In ihrem Magen kribbelt und rumort es, wie damals, als sie die letzten Zitronenküchlein gegessen hat, bevor der Krieg die Zufuhr aus dem Süden abgeschnitten hat und es keine mehr gab. Maegan, die Köchin, hatte extra für Sansa einige Zitronen zurückbehalten, um noch lange Küchlein backen zu können, doch die exotischen Früchte haben es nicht lange vertragen. Sansa erinnert sich noch an das nervöse Flattern, was sie eine Woche begleitet hat.

Es war genauso wie jetzt. Nur diesmal ist er es, der es auslöst, da ist sie sich sicher. Nicht nur, weil sie seitdem nie wieder Zitronenküchlein angerührt hat. Der Geschmack ist ihr für alle Zeiten verübelt. Es ist der feste Glaube, dass sie eines Tages einen Mann wie ihn treffen wird, der sie denken lässt, dass dieses Magenhüpfen einen anderen Grund hat.
‚Ich bin verliebt’, denkt sie und spürt, wie ein Kichern in ihr aufsteigt. Alle Härchen stellen sich auf, als er in ihren Nacken pustet.

„Siehst du das?“, raunt er und sie öffnet die Augen wieder. Einzelne Sonnenstrahlen haben sich auf den Steinboden der Terrasse verirrt und bringen die Luft zum Glitzern. Weiter draußen, im Hof und im Götterhain, flirrt die Luft. Es ist ein warmer Tag, fast heiß, wenn sie ihn mit den nördlichen Temperaturen vergleicht. Eigentlich kann Sansa sich schon gar nicht mehr erinnern, wie es in Winterfell war. Viele Jahre sind seitdem vergangen.

„Ein Reh“, flüstert er, als sie nicht reagiert.
Pflichtschuldig senkt sie den Blick und dann sieht sie es. Am Rande des Abhangs, in der Nähe des Götterhains, steht es und hat den Kopf aufgerichtet, die Ohren fragend in ihre Richtung gespitzt. Bestimmt überlegt es, ob sie Jäger sind und ihm etwas Böses wollen. Dabei jagt niemand im Götterhain, es ist ein heiliger Ort; verlassen, da in King’s Landing nur die wenigsten den alten Göttern folgen. Wie ist das Reh überhaupt hergekommen?

Sansa ist verzaubert von dem Anblick. Wenn der idyllischen, friedlichen Szene noch etwas gefehlt hat, so ist es ein unschuldiges Tier. „Die Baratheons hatten einen Hirsch als Wappentier“, hört sie sich sagen, ganz so, als wäre er ein Maester, der sie nach den Wappen der großen Häuser abfragt. Wie lange es her ist! Die Hälfte der Häuser, über die sie damals gelernt hat, gibt es nicht mehr. Robert Baratheons Tod ist nur der Anfang des Krieges gewesen.

„Wirklich?“, flüstert er und fährt mit den Fingern über ihre Schulter. Das Kleid was sie trägt, ist eine Hommage an den Frühling und lässt viel Haut an der Schulter und dem Hals frei. Gerade so, dass es nicht skandalös ist. Und selbst wenn, Sansa ist eine erwachsene Frau, sie hat achtzehn Namenstage erlebt, sie kann tragen, was sie will. Es gibt keine Mutter mehr, die sie zurechtweisen könnte, keine Septa Mordane, die ihr einen Vortrag über Tugend halten könnte, keine missbillig blickenden Brüder. Sie sind alle tot. Die Familie Baratheon ist nicht die einzige, deren Name von Westeros verschwunden ist.

„Was ist nun eigentlich mit dem Hirsch“, wundert Sansa sich. „Darf eines der neuen Häuser ihn als Wappentier nehmen?“
„Warum nicht?“ Er zuckt nur die Achseln. Selbst so etwas sieht lässig bei ihm aus. Er grinst sie an. „Wenn du wirklich über Wappentiere nachdenken willst, warum dann nicht über unseres?“

„Unseres?“ Sansa wagt es kaum zu fragen, sich umzudrehen, ihm in die Augen zu sehen. So lange hat sie es sich gewünscht, dass sie jetzt kaum glauben kann, dass er da ist. Dass er hinter ihr sitzt und ihre Haare bewundert und ihren Nacken streichelt. Das Kribbeln zieht durch ihren ganzen Körper bis in ihre Lippen, die sie vorsichtig mit dem Finger berührt. Sie ist nervös und müsste es doch nicht.

„Sansa“, lacht er leise. „Wir werden heiraten. Du wirst meine Frau.“
Sie kann es kaum glauben und merkt, dass sie den Atem anhält.
Er achtet nicht darauf. „Nach allem, was sich in Westeros verändert hat, denke ich, dass es angebracht ist, diese Verbindung auch deutlich zu machen. Es gibt mehr als genug Tyrellbanner in diesem Land. Warum suchen wir uns für unser Haus nicht ein neues Wappen aus?“

Sie schließt die Augen. Es ist zu schön, um wahr zu sein. Einst hat sie gedacht, sie wäre die letzte Wölfin und mit ihr würde Haus Stark von Winterfell untergehen. Man hat ihre Familie umgebracht, sie als Geisel gegen ihren Willen verheiratet, aber eines haben sie nie geschafft: ihr den Stolz zu nehmen auf das, was sie ist. Eine Stark, egal was ihr Mann für einen Namen tragen mochte.
Und jetzt kommt der erste Mann, dessen Namen sie wirklich gerne tragen würde, und schlägt ihr vor, das Wappen selbst auszusuchen, eine neue Familie zu gründen.

„Ein Wolf sollte dabei sein“, murmelt sie und tippt sich auf die Unterlippe. Die Starks sind Verräter, mit den Starks hat alles angefangen. Damals, als sie mit ihrem Vater nach King’s Landing gezogen ist, haben sie Lady, ihre Schattenwölfin, umgebracht. Es hätte Sansa eine Warnung sein sollen. Es war nie gut, eine Stark zu sein in der Zeit des Krieges.
Ängstlich schaut sie zu ihm hoch. Er lächelt. „Eine Wölfin“, korrigiert er sie. „Schön und zäh, wie du.“

Sansa nickt, glücklich, dass er damit einverstanden ist.
„Lass uns später den Kopf darüber zerbrechen“, schlägt er vor und steht auf.
„Wo willst du hin?“ Will er sie verlassen? Ist alles, was er gesagt hat, nur Lüge, hat er sie ausspioniert? Sansa merkt, wie ihr Herz rast. All die Intrigen am Hofe haben sich tief in sie eingebrannt und sie weiß, dass sie niemals wieder das naive Mädchen sein wird, das damals nach King’s Landing gekommen ist. Überall sieht sie Lügen, überall Ränkeschmiede. Es fällt ihr schwer zu vertrauen, dass er es ehrlich mit ihr meint.

„Nun, ich entführe meine Verlobte in ihre Gemächer, um ein paar traute Stunden mit ihr zu genießen“, raunt er ihr ins Ohr und grinst. Es ist ein hübsches Grinsen, eines, bei dem er Grübchen auf den Wangen bekommt und was sie an einen anderen jungen Mann erinnert, für den sie einst geschwärmt hat, lange bevor der Krieg ihr sämtliche Illusionen genommen hat.
Er hält ihr den Arm hin, nicht nur als ritterliche Geste. Sansa weiß, dass sie ihm ebenso viel Halt geben wird wie er ihr und steht rasch auf, streicht über ihre Röcke. Dann hakt sie sich unter.

Langsam schreiten sie zur Feste hoch und lassen die malerische Terrasse mit Blick auf den Götterhain hinter sich. Sie passt ihre Schritte seinem Hinken an und verliert kein Wort darüber. Selbst Traumprinzen dürfen kleine Macken haben und Sansa stört es nicht im Geringsten, dass er ein zerschmettertes Schienbein hat. Er hegt keinen Groll deswegen, wie könnte sie es also?

„Wir sind noch nicht verheiratet.“ Törichte Stimmen in ihrem Kopf, warum muss sie dies nun sagen? Sansa will bei ihm sein, sie will seine Nähe genießen. Gleichzeitig hat sie Angst, dass er, der perfekte Prinz, der Mann, der ihre Träume übertrifft, sie als nicht ebenbürtig ansehen könnte. Dass sie als perfekte Braut versagt. Sie ist nicht mehr die unschuldige Sansa Stark, die entsetzt ihre erste Blutung erlebt.

„Ohne den Segen der Götter“, haucht sie atemlos und weiß nicht, über welche Götter sie redet. Die des Nordens? Die Sieben, die kein einziges Mal in Kriegszeiten ihre Gebete erhört haben?
„Wird überschätzt“, er drückt ihre Hand. „Es ist nicht einmal eine Woche, bis wir heiraten. Zerbrich dir nicht den Kopf deswegen.“ Er schenkt ihr einen liebevollen Blick. Wie gern würde sie jetzt seine Finger auf ihrer Wange spüren, aber er braucht seine Konzentration, um das Gleichgewicht zu wahren.

Gemeinsam hinken sie auf die Rote Feste zu. Königin Margaery hat ihnen Gemächer im Erdgeschoss zugewiesen, aus Rücksicht auf sein Bein und weil sie weiß, dass Sansa immer noch gern in den Götterhain wandert, selbst wenn sie offiziell dem Glauben an die Sieben folgt. Die alten Götter sind die Götter der Starks, Götter der Verräter. Lange hat es sich nicht geziemt, offen gegen die Sieben zu reden, und so ist Sansa aus Muße in den Götterhain und zum Beten in die Septe von Baelor gegangen. Noch heute hält sie es so, aus Pflichtbewusstsein und weil ihr Mann ein Mann des Südens sein wird.

Kühle erwartet sie, als sie die großzügigen Gemächer betreten, die sie bald auch offiziell teilen werden. Eine ihrer Dienerinnen hat Lilien in eine Vase gestellt. Ihr süßer Duft weht durchs Zimmer und bringt den Frühling nach drinnen. Dünne Seide hängt vor den Fenstern und wiegt sich im lauen Wind. Für jeden, der draußen vorbei geht, ist die Sicht nach drinnen verborgen. Eine Wache ist dort positioniert, eine weitere vor ihrer Tür. Es mag Frieden sein, aber Sicherheit darf nie überschätzt werden. Nur ein Narr wiegt sich ohne Vorkehrungen in Sicherheit.

Sansa nimmt eine Traube von einer silbernen Platte und isst sie. Ob sie ihnen Wein einschenken soll? Es ist gerade erst Mittag. Cersei Lannister hat das niemals abgehalten, aber Sansa will nicht werden wie die ehemalige Königin. Lieber isst sie noch eine süße Traube.
Er ist weitergegangen und hat sich aufs Bett gesetzt, um sein Bein zu massieren.
„Tut es weh?“, erkundigt Sansa sich. Es ist Jahre her, dass er sich die Verletzung zugezogen hat. Damals war er jünger als Sansa bei ihrer Reise nach King’s Landing.

„Nein, es geht“, lächelt er und zieht sie neben sich. Nervös tastet Sansa auf ihrer Lippe herum. Er zieht ihre Hand weg und küsst sie.
‚Er ist es’, denkt sie und erneut flattern Schmetterlinge durch ihren Magen. Wieso konnte es nicht schon damals so weit sein, als Margaery das erste Mal von ihrem großen Bruder erzählt hat? Wie haben die Lannisters von diesem Plan erfahren, um ihm derart rasch vereiteln zu können? Damals haben sie … ‚Nein.’ Sansa schaudert.

Denk nicht daran. Es ist alles gut. Vergiss die Lannisters, vergiss was passiert.

„Woran denkst du?“, fragt er sie leise und holt sie aus ihren Gedanken.
„Ich … ich habe Angst“, gibt sie zu und spürt, dass Röte in ihre Wangen steigt. Es ist alles gut, er ist hier bei ihr. Sie werden in einer Woche heiraten.

Genau das sagt er ihr auch. „Du brauchst vor nichts Angst zu haben.“ Zärtlich streicht er ihr übers Haar und zieht sie höher aufs Bett. Dort liegen sie nebeneinander, er in feinem Brokat, sie in ihrem Frühlingskleid, dessen Korsett unangenehm in ihre Rippen sticht.
„Das ist doch nicht deine erste Ehe“, spricht er die Worte, die sie am liebsten niemals gehört hätte. Die Schmetterlinge schlagen in Steine um.

„Ich meine“, er richtet sich auf und stützt sich auf einen Ellbogen, sieht Sansa prüfend an, „es ist doch nicht dein erstes Mal?“
Sie kann nur den Kopf schütteln. Natürlich nicht. Sie ist achtzehn Jahre alt und hat die letzten Jahre in King’s Landing verbracht. Alle Unschuld ist längst von ihr abgefallen, dafür haben die Stadt und ihre Bewohner gesorgt.

„Ah gut“, murmelt er und grinst. „Ich habe sagen hören, der Gnom war dazu nicht in der Lage, weil alles an ihm zu klein und missgestaltet war.“
Ein Gerücht, was Sansa zum ersten Mal zu hören bekommt, doch sie ahnt, warum man es bislang nie in ihrer Gegenwart ausgesprochen hat.

Es ist nicht wahr.

Denk nicht dran. Vergiss es.

Er merkt, dass ihr das Gesprächsthema nicht behagt und zieht sie näher. „Tut mir Leid“, entschuldigt er sich bei ihr. „Es sollte dich aufmuntern.“
Sansa glaubt ihm. Warum soll der Mann ihrer Träume etwas anderes im Sinn haben als ihr Bestes? „Er war nicht … er war nicht derart hässlich, wie man sagt“, lügt sie und fragt sich im selben Moment, warum sie es tut. Der Gnom ist genauso hässlich und boshaft gewesen, wie man sagt. All seine Freundlichkeit hat nie verbergen können, dass er ein Lannister war und der Bruder der Königin.

Du denkst schon wieder daran.

Tyrion ist Vergangenheit. Einst mochte man sie mit ihm verheiratet haben, das unschuldige, kleine Mädchen, was nicht wusste, wie ihm geschah und nicht verstand, warum man die Pläne der Tyrells vereitelt und sie dem Gnom zur Frau gegeben hatte.
‚Es ist egal’, denkt Sansa. Sie hat die Ehe überlebt, im Gegensatz zu Tyrion, und seine Familie ist nicht länger an der Macht. Margaery ist jetzt Königin und mit einem Martell aus Dorne verheiratet. Sie regiert gut und gerecht und ist eine Freundin von Sansa. Bald werden sie Schwägerinnen sein, so gut wie Schwestern. Besser als Schwestern, denn Sansas eigene ist seit vielen Jahren verschwunden und Margaery hat von Geburt an nur Brüder.

„Aussehen ist nicht alles“, meint er und streicht über ihre Schultern. „Dennoch schadet es nicht, wenn eine Braut so schön ist wie du.“ Grinsend beugt er sich hinunter und drückt ihr einen Kuss auf die nackte Haut. Sansa hat gar nicht gemerkt, dass das Kleid heruntergerutscht ist. Er hilft noch ein wenig nach und schiebt es weiter zur Seite, so dass das Korsett zum Vorschein kommt.

„Du bist wunderschön, Sansa“, murmelt er und fährt am Rand des Korsetts auf ihrer Haut entlang. Sie ist wieder zurück bei Schmetterlingen im Bauch und Kribbeln im ganzen Körper.
„Du auch. Du bist auch schön“, antwortet Sansa und fühlt sich nach Lachen und Weinen. Wie kann ein Mann nur so schön sein? Und wie kann es ihr nach allem, was sie erlebt hat, immer noch wichtig sein? Sie hat einige schöne Männer kennengelernt, die Monster waren, und hat hässliche Männer, vernarbte, gezeichnete Männer, zurückgewiesen, die sie damals für Monster gehalten hat und die ihr vielleicht geholfen hätten. Der Bluthund hat ihr angeboten sie aus King’s Landing zu bringen. Wo wäre Sansa heute, wenn sie mit ihm gegangen wäre? Was wäre ihr erspart geblieben?

‚Es ist gut, dass es so gekommen ist’, ermahnt sie sich und konzentriert sich auf die Küsse, die leicht wie eine Feder auf ihrer Haut niedergehen. Wenn sie während der Schlacht vom Blackwater nicht in King’s Landing geblieben wäre, hätte sie niemals die Tyrells getroffen. Sie wäre vielleicht zu ihrer Familie gestoßen, bevor man sie ermordet hatte. Vielleicht wäre sie sogar auf der Roten Hochzeit gewesen und eine weitere dort gemeuchelte Stark geworden.

„Schönheit wird überschätzt“, murmelt er in ihren Ausschnitt und Sansa muss lachen. Dass gerade er das sagen muss. Mit der schönsten Schwester der sieben Königreiche und einem Bruder, den sie früher wegen seiner perfekten Erscheinung stets angehimmelt hat. Loras Tyrell, der Ritter der Blumen, ein galanter Ritter, der vor jedem Turnier eine Rose an eine Auserwählte überreichte. Er hat ihr eine Rose geschenkt, als sie frisch in King’s Landing war, an dem Tag, an dem das Turnier zu Ehren ihres Vaters stattfand. Sansa hat es nie vergessen, Loras dagegen schnell.

Sie muss ihm Recht geben. Schönheit ist nicht alles, ihre Bedeutung wird übertrieben.
„Liebe ist auch noch wichtig“, flüstert sie, wagt es kaum, die Worte auszusprechen.
Er hebt seinen Kopf, blickt ihr in die Augen, diese warmen, braunen Augen, die sie ansehen und in sie hinein blicken und mit lächeln, wenn er seine Lippen verzieht. „Ja, Liebe ist auch noch wichtig“, stimmt er ihr zu und küsst sie. Danach reden sie nicht mehr.

Sansa könnte ihm noch tausend Dinge aufzählen, die sie wichtig findet, aber viele davon machen sie traurig. Familie ist wichtig. Manchmal fühlt sie sich einsam, als die letzte der Starks, eine Wölfin ohne ihr Rudel. Einst ist ihr Wahrheit wichtig gewesen, bevor sie gelernt hat, dass Lügen alles sind, was unser Inneres schützt. Lügen können den schmalen Grad zwischen Leben und Sterben ausmachen, oder wieso hat Varys, die Spinne, es so lange geschafft am Hof zu bleiben? Er ist noch immer da, noch immer der Meister der Gerüchte, der einzige, der Sansa ein wenig Angst macht, weil er es geschafft hat, was so viele andere nicht geschafft haben. Am Hof zu überleben, die Könige zu überdauern, die kamen und gingen.

Sie hat nur König Robert kennengelernt, aber Varys war schon in King’s Landing, als der verrückte Aerys auf dem Eisernen Thron saß. Nach Robert kam Joffrey, den Sansa am meisten gehasst und beinahe geheiratet hat. Robert wurde von einem Wildschwein niedergestreckt, Joffrey endete qualvoll an einer Schlachtwunde. Sansa ist nie gewalttätig veranlagt gewesen, doch ihrem einstigen Verlobten hätte sie noch einen weit schlimmeren Tod gegönnt, für das, was er ihr angetan hat.

Jetzt ist Margaery Königin und die Tyrells die Herrscher über die Sieben Königreiche. Es hat sich so vieles geändert. Einzig Varys ist übrig geblieben von jenem Hof, den sie damals kennengelernt hat. Und Sansa selbst. Sie kann sich glücklich schätzen.

‚Ihr Götter, ihr habt mich erhört’, denkt sie, während sie sich liebkosen lässt und eine warme Hand auf ihrem Bauch fühlt. ‚Ihr habt mich durch alle sieben Höllen geschickt, aber letztlich habt ihr mir meine Träume zurückgegeben.’

‚Ich werde Willas Tyrell heiraten. Er wird mir ein guter Mann sein und ich ihm eine gute Ehefrau. Ich liebe ihn von Herzen, er ist schön und gut und freundlich und gebildet und wird mir niemals ein Leid tun.’ Sie kann sich ihm hingeben, weil sie weiß, dass er sie niemals gegen ihren Willen nehmen wird und die Schnelligkeit, mit der sie sich bei ihm fallen lässt, überrascht sie selbst.

„Ein Wolf aus Rosen“, flüstert sie, als er über sie steigt. Das soll ihr Wappen werden, ein Zeichen der Vereinung von Haus Stark und Haus Tyrell. Ein Zeichen ihrer Liebe, ein Zeichen ihrer Stärke.

„Wie bitte?“

Die Stimme, die du vergessen wolltest.

Es prasselt auf sie ein, von allen Seiten stürzen die Bilder auf sie nieder und Sansa ist wieder dreizehn, Joffrey wieder König und der Mann, der über ihr auf dem Bett kniet, ist der Gnom. Tyrion Lannister.

Sie fängt an zu weinen, sie kann nicht anders, als alles wieder da ist. Ihre Angst, zu versagen hat ihr ein Bild vorgegaukelt von einer Wirklichkeit, die niemals Zukunft sein wird. Ja, Margaery wird Königin werden und sie wird an Joffreys Seite regieren, dem sadistischen, irren Joffrey, der nie in der Schlacht gekämpft hat, sondern sich drinnen verkrochen hat, während sein Onkel Tyrion diese grässliche Wunde erhalten hat, die seinen Anblick noch weiter verschlimmert als ohnehin schon.

Sansa kann ihn nicht ansehen, kann nicht seine hässliche Fratze sehen, wo in ihrer Erinnerung noch so deutlich das liebe Gesicht von Willas Tyrell steht. Sie hat immer gewusst, dass es zu schön ist, um wahr zu werden, als Margaery ihr von ihrem älteren Bruder erzählt hat, der Highgarden erben würde und unverheiratet ist. Ein Krüppel, seit bei einem Unfall sein Schienbein zerschmettert wurde, aber ein gebildeter und kluger Mann, ein liebender Bruder, der es gar nicht erwarten kann, Sansa kennenzulernen.

Sie hat sich gefreut, Highgarden zu sehen und Willas kennenzulernen, ist aufgeregt und töricht gewesen. Und hat Dontos, diesem Narren und Verräter, erzählt, dass sie keine weitere Flucht brauchte, weil die Tyrells schon für alles gesorgt haben.

Das ist vor zwei Tagen gewesen. Zwei Tage hat der Traum gedauert, der zu schön war, als dass er jemals Wirklichkeit werden könnte. Sie hat es doch gewusst!
Innerlich schreit sie, während ihr stumm die Tränen herunter rinnen.

Tyrion ist nicht dumm, im Gegenteil, man hält ihn allgemein für listig und mit einer ausgezeichneten Kombinationsgabe gesegnet. Er braucht nicht lange, um sich aus ihren Tränen und den gemurmelten Worten zusammenzureimen, wo seine junge Braut in Gedanken gewesen ist.

„Ein Wolf aus Rosen?“ Ungläubig erhebt er sich, stolpert ein wenig auf dem Bett zurück. Er trägt noch ein Hemd und dafür ist Sansa dankbar. Als ob diese Hochzeitsnacht nicht schon schlimm genug wäre, jetzt hat sie auch noch ihre Illusion zerstört und so sehr sie sich anstrengt, sie bekommt das Bild von Willas nicht zurück, Willas, der sich über sie beugt und sie küsst und ihr dabei hilft, sich in der Wirklichkeit nicht vor Ekel zu übergeben, weil es Tyrion ist, den sie geheiratet hat, Tyrion, den sie nie los geworden ist. Vielleicht wird sie es eines Tages schaffen, doch für die dreizehnjährige Sansa ist alles, was in einigen Jahren ist, viel zu weit weg um ihr Erleichterung zu verschaffen.

Sie tippt sich auf die Unterlippe, nervös, was jetzt passiert. Tyrion hat sie ertappt, sieht aber nicht sauer aus.
„Ich bin ein wenig gekränkt“, murmelt der Gnom, während er zu der Anrichte watschelt und sich Wein einschenkt. „Stell dir meinetwegen deinen strahlenden Ritter vor, wenn es dann leichter wird, aber Loras Tyrell? Er würde eher an mich denken, damit er eine Ehe vollziehen kann, als dir ein guter Bräutigam zu sein!“ Das Lachen klingt bitter und Sansa schrickt zurück.

‚Naiv und dumm, du bist so dumm.’ Reumütig senkt sie den Kopf, als ob sie wirklich an Loras denken wird, wo sie doch von Margaery weiß, dass ihr jüngster Bruder niemals Interesse an ihr zeigen würde. Nicht ohne Grund hat sie ihre Hoffnungen in Willas gesetzt, nicht in den Ritter der Blumen. Es ist das eine, von ihm zu träumen, weil er ihr beim Turnier der Hand eine Rose geschenkt hat, das andere, diesen Traum aufrecht zu erhalten, wo sie weiß, dass er dies vergessen hat und einem Mann hinterher trauert.

So dumm ist Sansa nicht.
Tyrion auch nicht. „Nein, nicht Loras“, bemerkt er. „Ein Wolf aus Rosen, was soll das sein – ein Banner? Was haben sie dir versprochen, dass du ihren Stammhalter heiraten wirst? Wie heißt er gleich?“

„Willas“, murmelt Sansa und merkt, dass ihre Augen brennen. Alles ist so falsch, alles ist so anders.
„Willas“, pflichtet Tyrion ihr bei. „Er dürfte älter als du sein, aber das stört dich sicher nicht. Hauptsache, er sieht gut aus, was?“ Er trinkt einen großen Schluck Wein. „Willas ist ein Krüppel, er kann dir nicht auf einem Schimmel entgegen reiten, aber das weißt du auch. Sie werden dir von ihm erzählt haben, als sie diesen Gedanken in deinen hübschen Kopf gepflanzt haben. Auch das ist dir egal, denn alles, was zählt, ist ja nur das Gesicht, nicht wahr?“

Sansa ist wie vor den Kopf gestoßen. Was hat sie getan, um ihn so in Rage zu bringen? Sie hat diese Hochzeit nie gewollt und keinen Hehl daraus gemacht, als sie und Tyrion in der Septe standen, um vor den Sieben zu schwören, dass sie fortan einander gehören würden. ‚Nein’, hat alles in ihr geschrien, ‚ich will ihm nicht dienen, ich will ihm nicht treu sein, ich will keine Lannister sein!’

Die Götter haben geschwiegen. Das Brautkleid liegt auf der Truhe, der Brautmantel noch davor auf dem Boden. Das einzige, was noch fehlt, ist die Hochzeitsnacht, das, was Sansa so Angst macht, das, was sie am liebsten verdrängt hätte.

„Es ist nicht das, Mylord“, wispert sie und wagt nicht, Tyrion anzusehen, Tyrion, der trinkt und vor dem Bett auf und ab schwankt und sie vorwurfsvoll anstarrt aus diesen ungleichen Augen.
Wieder versteht er instinktiv, was sie meint. „Nein“, murmelt er. „Highgarden hat wohl auch eine Rolle gespielt. Es ist weit weg von King’s Landing.“ Weit weg von Joffrey, weit weg von Cersei, weit weg von ihm.

Sansa muss es nicht aussprechen, sie wissen es beide.

Er schüttet den letzten Rest Wein auf den Boden. „Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass du nicht die einzige bist, die diese Ehe nicht will?“

Verdutzt starrt sie ihn an, die Tränen trocknen auf ihren Wangen. Nur eine einzelne hängt noch in ihren Wimpern. Sie blinzelt sie weg. ‚Nicht die einzige?’ Sie ist eine Stark von Winterfell und nachdem Theon Greyjoy ihre beiden kleinen Brüder verbrannt hat und Arya verschwunden ist, nach der Roten Hochzeit, ist sie die Erbin von Winterfell, der Schlüssel zum Norden. Sie ist jung und man nennt sie schön. Sie ist eine gute Partie, oder nicht?

Tyrion knurrt leise, als er nach seiner Weste sucht. „Ich habe auch Ansprüche, Lady. Ich wünsche mir eine Frau, die mich ansehen kann, eine Frau, die gern mit mir das Bett teilt und keine Angst vor mir hat. Schaut nicht so leidend. Solange Ihr nicht wollt, werde ich Euch nicht anrühren.“

„Wo geht Ihr dann hin?“, wundert Sansa sich.
„In eine andere Kammer“, lautet die lapidare Antwort. „Damit Ihr in Ruhe schlafen könnt.“

Sansa sieht ihm verwundert hinterher und starrt auf die zufallende Tür.

Manchmal klammern wir uns an Trugbilder, weil wir denken, dass die Wirklichkeit zu hässlich ist, und merken nicht, dass wir nur etwas sagen müssten, um die Wirklichkeit zu ändern. Denn manchmal haben wir nicht nur dieses „Manchmal“.
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