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Straight from the heart

von - Leela -
KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
Frank Lemmer Jerry Steiner Lucinda Mikey Randall Parker Lewis
21.04.2014
21.04.2014
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Diese Geschichte gehört zu dem Wettbewerb »Die Liebe« von Thorinstochter. Ich wünsche allen viel Spaß beim Lesen! ^^


Hinweis zum Wettbewerb: Ich richte mich grundsätzlich nach alter Rechtschreibung.


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Straight from the heart

Das Diner! Der Ort, um sich mit Freunden zu treffen, über die Schule zu philosophieren, nette Leute kennenzulernen und das beste Essen der ganzen Stadt zu sich zu nehmen!
      Parker, Mikey und Jerry hatten sich nach der Schule ebenfalls hier bei Hamburgern und Cola eingefunden und waren in bester Stimmung. Das ganze währte solange, bis an einem freien Platz am Tisch, Parker direkt gegenüber, plötzlich Frank Lemmer wie aus dem Nichts erschien und die Freunde zusammenzucken ließ.
      Der beinahe schon vampirhafte Mitschüler der Santo Domingo High School mit den langen, dunklen, zu einem Pferdeschwanz zurückgebundenen Haaren gehörte nicht unbedingt zu den Leuten, die mit großer Begeisterung in der Runde aufgenommen wurden. Vielleicht lag es daran, daß er seine Passion darin gefunden hatte, der treu ergebene Diener der Schuldirektorin zu sein; daran, daß er im gleichen Atemzuge in Ausführung seines Amtes mit wachsender Begeisterung allen anderen Schülern auf der High School das Leben schwermachte; vielleicht lag es aber auch schon allein an dem stechenden Blick seiner dunklen Augen in Kombination mit der immerwährenden Ironie, die seine Züge beherrschte, wenn er sich gerade mit diesem Trio befaßte.
      „Frank!“ begrüßte Parker ihn, fast schon automatisch, und nicht ganz so euphorisch wie einen Pickel. „Was machst du hier?“
      Lemmer sah sich schnell um, dann wechselte seine üblicherweise etwas spöttische Miene in etwas, das die Freunde selten bei ihm sahen: Verzweiflung. Er sah die drei Freunde förmlich flehentlich an, und zu Mikeys Leidwesen rückte er näher an dessen Seite heran, um mit gedämpfter Stimme nur für die drei hörbar verschwörerisch zu erklären: „Ich brauche eure Hilfe!“
      Die drei Freunde wechselten erstaunte Blicke.
      „Unsere Hilfe?“ lachte Mikey. „Dann mußt du ja richtig am Ende sein…“
      „Das bin ich auch!“ bestätigte Lemmer decouragiert. Dann, als wäre es ihm peinlich, brachte er heraus: „Ich brauche Nachhilfe in einem Fach, sonst kriege ich die Arbeit nie fertig.“
      „Oh, da hätte ich jemanden für dich!“ meinte Parker und klopfte Jerry auf die Schulter, der daraufhin nickte.
      Der Musterschüler mit den dunklen Locken, der an der Schule als Geek verschrieen war und in praktisch allen Fächern mit Bestnoten aufwartete, schien - trotz daß es sich hier um Lemmer handelte - ganz in seinem Element. „Es gibt kaum ein Fach, in dem ich Ihnen nicht helfen könnte, Sir! Um was für eine Arbeit geht es denn?“
      Lemmer sah sich noch einmal verunsichert um, um auszuschließen, daß irgend jemand anderes etwas mitbekam. „Ich soll für den Literatur-Kursus eine Ausarbeitung über das Thema »Liebe« schreiben!“ erklärte er.
      Jerry erstarrte förmlich in der Bewegung. „Okay. Da muß ich passen! Was das angeht, bin ich vermutlich der letzte, der Ihnen helfen kann. Da wenden Sie sich besser an Mister Lewis und Mister Randall.“ Er deutete auf seine beiden Freunde neben sich.
      Die beiden Angesprochenen tauschten einen überforderten Blick.
      Mikeys Blick drückte einen stummen Hilferuf aus. Wenn der junge Rebell, dessen erste große Liebe einem Motorrad, und die zweite große Liebe allen übrigen Frauen der Welt galt, sich mit einer Idee nun so gar nicht anfreunden konnte, dann war es, ausgerechnet Frank Lemmer, der irgendwo in der Unterwelt sein Zuhause haben mußte, bei einer Abhandlung zu helfen; egal zu welchem Thema.
      „Ähm… Ich weiß nicht, ob wir dazu so geeignet…“ begann Parker, da spürte er schon Lemmers Hände an seinem Kragen und hielt erschrocken inne, in böser Erwartung, was der andere Schüler mit ihm vorhatte; kurz darauf kniete Lemmer vor ihm vor der Bank und flehte ihn an: „Bitte, Lewis, ihr müßt mir helfen! Ich habe doch so gar keine Ahnung davon, und die Note geht zu einem Großteil in die Gesamtbewertung ein! Wenn ich keine vernünftige Arbeit abliefere, dann bin ich geliefert! Ich bin dir auf ewig zu Dank verpflichtet, wenn du das für mich tust! Was verlangst du? Einen Gutschein für einmal »Nachsitzen ausfallen lassen«, freien Zugang zu den Cheerleaderproben, Aussetzen der Spindmiete für einen Monat…?“
      Parker sah Lemmer perplex an, während seine Gedanken auf Automatik schalteten. ‚Moment mal, »Spindmiete«…? Seit wann haben wir denn so etwas an unserer Schule?’ schoß es ihm durch den Kopf, kurz bevor er süffisant dachte: ‚Freien Zugang zu den Cheerleaderproben habe ich jedenfalls schon!’ Er besann sich schnell wieder auf das wesentliche und erklärte: „Beruhig dich, Frank! Es reicht, wenn du uns einfach in Ruhe läßt, okay?“
      „Wie du willst! Wann können wir anfangen?“
      Der blonde Mädchenschwarm musterte Lemmer erstaunt. Hatte der sonst so nervige Sonderbeauftragte der Direktorin überhaupt begriffen, was er gerade gesagt hatte? ‚Er muß völlig verzweifelt sein…’ dachte er verblüfft.
      Mikey, der die Szene verhalten beobachtet hatte, hatte sich bereits unauffällig auf der anderen Seite des Tisches aus der Bank geschoben und sprang nun auf. „Wie ich sehe, hast du das voll im Griff, Parker! Ich muß ohnehin noch etwas erledigen. Wir sehen uns dann morgen!“
      Parker kam gar nicht mehr so schnell dazu, zu intervenieren, wie Mikey aus dem Diner heraus war. Aber wer wollte sich auch schon mit jemandem auseinandersetzen, von dem man befürchten mußte, daß er sich zum schlafen kopfüber an einem Dachbalken aufhängte?
      Jerry zückte die Schultern. „Ich möchte Sie auch nicht unnötig stören, Sir. Viel Erfolg, Mister Lemmer. Und viel Glück, das werden Sie sicher brauchen!“ Damit folgte der junge Geek seinem Kumpel, und ließ Parker allein mit Lemmer zurück.
      Parker atmete tief durch. ‚So viel zu der Theorie: Freunde sind immer für einen da, wenn man sie braucht!’ Verzagt sah er in Lemmers flehende Augen. „Also gut, fangen wir an!“
      Ein erleichtertes Lächeln huschte über die Miene des dunkel gekleideten jungen Mannes, und enthusiastisch setzte er sich zu Parker in die Bank, zückte seinen Block und einen Stift und sah ihn erwartungsvoll an.
      „Was hast du denn bis jetzt?“ erkundigte sich Parker.
      „Äh… Also…“
      Parker sah auf die oberste Seite des Blocks und las die Überschrift: »Reflektionen über die Liebe«, von Frank Lemmer. „Das klingt doch schon mal gar nicht schlecht!“
      „Das ist das einzige, was ich bislang zu dem Thema zustande gebracht habe!“ erinnerte Lemmer genervt. „Ich glaube kaum, daß ich den Literatur-Kursus damit aus den Socken hauen kann!“
      „Naja, du mußt das ganze jetzt ja nur noch mit Leben füllen! Woran denkst du denn, wenn du an den Begriff »Liebe« denkst?“ setzte Parker an.
      Lemmer versank in Gedanken. Das war eine gute, und gleichermaßen schwere Frage… Seine ersten Gedanken verweilten bei der Schuldirektorin, die er heimlich bewunderte und verehrte. Ja, er war nicht umsonst Sonderbeauftragter von Miss Musso, auch wenn die gewisse Zuneigung, die er zu ihr empfand, eher aus der Ferne praktiziert wurde. Aber er würde sich hüten, das zum Thema seines Referates zu machen, oder gar das vor seinem Mitschüler - der erfahrungsgemäß keine Skrupel haben würde, das irgendwann gegen ihn zu verwenden - auszubreiten. Lemmer schüttelte leicht den für sich den Kopf. Nein, es mußte ein anderes Beispiel her!
      Erst mit Zeitverzögerung bemerkte er, daß Parker vor seinem Gesicht mit den Fingern schnippte. „Frank! Bist du noch unter uns?“
      „Was…? Oh. Ja!“
      „Woran hast du gerade gedacht?“ fragte Parker direkt.
      „Oh… An gar nichts!“ stammelte Lemmer.
      „Komm’ schon, Frank!“ beharrte Parker. „So wird das nie etwas mit deiner Arbeit!“
      Der Schüler in den dunklen Klamotten ließ den Kopf auf die verschränkten Arme sinken. „Ich kann das nicht, Lewis!“ drang es gedämpft daraus hervor.
      „Wieso hast du dir das Thema ausgesucht, wenn du damit nichts anfangen kannst?“ fragte Parker verständnislos.
      „Ich habe es mir nicht ausgesucht!“ zischte Lemmer. „Die Themen wurden verlost! Es hat drei Themen gegeben, und die wurden wahllos den Schülern zugeteilt! Und ich hatte das große »Glück«, daß ich nichts zu dem Thema »Tod« oder »Angst« zu schreiben brauche!“
      Parker stieß die Luft zwischen den Zähnen hervor. Er verstand das Problem, ohne näher darüber nachdenken zu müssen: Beide der anderen Aufgaben hätten Frank Lemmer förmlich perfekt gelegen. „Dann wirst du dich jetzt mit dem Thema auseinandersetzen müssen! Es sei denn, dir ist deine Endnote in Literatur nicht so wichtig!“
      Lemmer verdrehte die Augen. „Danke, Lewis! Das habe ich jetzt gebraucht!“
      Parker setzte sich etwas gemütlicher und fragte dann: „Was hast du denn bislang für Erfahrungen in Bezug auf das Thema Liebe gemacht?“
      Lemmer versank in Gedanken, doch auch einige Augenblicke später, die er in sich gekehrt in die Leere blickte, blieb er die Antwort schuldig.
      „Nicht besonders viel, oder?“ mischte sich die Stimme des smarten Schülers in sein Bewußtsein, womit er bei seinem unvermittelten Schützling ein Schmollen provozierte.
      „Ich bin ja nicht umsonst bei dir gelandet, Lewis!“ gab Lemmer etwas gereizter zurück, als er beabsichtigt hatte.
      Parker schlug innerlich die Hände über dem Kopf zusammen. Ausgerechnet dieser gefühlsfremde Vampir mit dem Hang, andere Schüler zu quälen, sollte sich mit dem Thema Liebe befassen. Das wurde doch nie etwas!
      Plötzlich ging Franks Blick wie erstarrt an Parker vorbei, zum Eingang des Diners.
      Parker bemerkte es irritiert. Automatisch drehte sich der Junge mit dem bunten Hemd um.
      Dort steht sie, Lucinda Morbouse, blasse Haut, umrahmt von tiefschwarzem Haar, in einem langen, schwarzen Kleid, als wäre sie gerade der Schattenwelt entstiegen, mit stechenden dunklen Augen, deren Blick einem direkt in die Seele geht…
      Parker sah Frank mit vor Verblüffung offenstehendem Mund an, der völlig versunken zu der dunklen Schönheit herübersah; und erst einen Moment später, als er Parkers Blick auf sich ruhen spürte, bemerkte Frank zu seinem Unbehagen, daß er seine Gedanken laut ausgesprochen hatte. „Frank, das war phantastisch!“ entfuhr es Parker verblüfft.
      Der Angesprochene registrierte erst im zweiten Anlauf, was sein Gegenüber gesagt hatte und meinte verunsichert: „Meinst du…?“
      „Ja, sicher! – Kennst du sie näher?“
      Franks Blick lag weltenentrückt auf dem Mädchen, das für einen Moment den Lauf seiner Welt anzuhalten schien. Seine Gedanken flossen ein wenig in die Vergangenheit zu ihr, einem Mädchen, daß es geschafft hatte, ihn aus der Bahn zu werfen. Schwarzes Haar, blasse Haut, Bewegungen so anmutig wie die einer untoten Königin… Er hatte sie flüchtig kennengelernt, dabei war es aber bislang geblieben, da er sich nicht weiter vorgewagt hatte. Er hatte sie lange nicht mehr gesehen, doch jetzt waren all diese Gefühle wieder da. Warum war sie ausgerechnet jetzt auf dem Plan erschienen, als hätte es das Schicksal so gewollt…? „Sie spielt Fagott…“ war das einzige, was er in einer seelenvollen Tonlage herauszubringen vermochte.
      Parker musterte den anderen Schüler mit einem faszinierten Lächeln. „Das ist doch schon mal ein guter Anfang! Komm’ schon, schreib’ alles auf, was dir spontan zu ihr einfällt!“ Frank wirkte ein wenig überfordert, so daß Parker etwas vehementer nachsetzte: „Na, mach’ schon!“
      Der große schlanke Schüler wirkte deutlich verunsichert, biß dann aber die Zähne zusammen, überlegte, und begann dazu schreiben.
      Parker rückte zu ihm herum, um mitzulesen. Er kam nicht umhin, daß er vor Neugierde fast platzte.
      Der junge Mann mit der vampirhaften Ausstrahlung überlegte angestrengt nach den richtigen Worten und brachte die ersten, vorsichtigen Gedanken zu Papier. ‚Dunkle Schönheit, die mich gefangen nimmt, ihr Haar so seidig, wie das Netz einer Spinne, die Lippen, in so dunklem rot, daß sie fast schwarz wirken…’ Plötzlich ließ Frank den Stift sinken. „Ich weiß nicht. Was hat denn das alles mit meinem Referat zu tun?“
      „Na, was schon?“ erinnerte Parker. „Du bist ja förmlich verliebt in sie! Was kann es für eine bessere Grundlage geben, um die Liebe zu beschreiben?“
      „Ja, aber das Thema ist ja »Die Liebe«, und nicht »Lucinda«!“ argumentierte Frank.
      „Aber das ist schon mal ein guter Ansatz!“ wandte Parker ein. „Darauf kannst du aufbauen. Du hast schon so viele phantastische Stichpunkte aufgeschrieben! Jetzt gilt es nur, das alles in ein schönes Referat zum Thema Liebe zu verpacken!“
      Frank machte eine hilflose Geste. „Und wie mache ich das?“
      Parker seufzte leicht. „Fang doch erst mal mit dem Thema an: »Was bedeutet Liebe?«“
      Frank schaute noch etwas skeptisch, tat Parker aber den Gefallen und schrieb die Überschrift auf eine neue Seite des Blockes.
      Inzwischen hatte Lucinda sich an den Tresen gesetzt und studierte die Speisekarte. Wie aus weiter Ferne bekam Frank mit, wie Nick, der Barkeeper, sich von der anderen Seite des Tresens zu ihr gesellte und sie nach ihrer Bestellung fragte.
      Parker nutzte den Schwung direkt aus und erklärte: „So, und jetzt nimmst du deine Notizen, und läßt sie einfach auf dich wirken. Und dann versuchst du, sie zu dem Thema umzusetzen. Laß dich einfach von ihr inspirieren!“
      Frank schaute auf seine Notizen, und für eine Weile wirkte es, als schaue er durch sie hindurch. Nach einem Moment Nachdenklichkeit begann er zu schreiben.
      Parker beobachtete ihn und ließ ihn mit seinen Gedanken ganz allein. Er zog sich vorsichtig ein wenig auf die andere Seite der Bank zurück, um seinen »Nachhilfeschüler« nicht zu stören.
      Frank versank derweil in den Federstrichen, die er zu Papier brachte.
      In kleinen Pausen ruhte sein Blick immer wieder fast anbetend auf dem Mädchen in schwarz, das sein Herz erobert hatte. Gerade drehte sie sich um. Ihre langen schwarzen Haare wogten einen Augenblick lang wie ein dunkles Meer. Parker konnte sehen, wie Frank schauderte. Seine Worte flossen immer mehr wie von selbst auf das Papier, immer schneller, als wolle er keinen Gedanken aus den Augen verlieren.
      Parker schmunzelte. Manchmal bedurfte es nur der richtigen Inspiration, um die Geschicke in die richtige Richtung zu lenken. Frank beachtete seinen Lehrmeister mittlerweile schon gar nicht mehr, und so verließ Parker still und leise seinen Platz, ließ Frank mit seinen Gedanken allein und verließ das Diner.

Ein bißchen nervös war Frank schon, als der Tag gekommen war, an dem er sein Referat der Klasse vortragen sollte. Die meisten Schüler, die das gleiche Thema hatten, waren bereits vor ihm dran gewesen, und einige der Texte hatten deutliche Anerkennung und den Beifall der anderen Schüler geerntet. Frank konnte nicht leugnen; sein Mut sank mit jedem neuen Beitrag, der von seinen Mitschülern vorgetragen wurde.
      „So, als nächstes bitte ich Frank Lemmer noch vorne!“
      Frank zuckte unter der Stimme der Lehrerin zusammen, versuchte aber, sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen, als er sein Manuskript nahm und nach vorne ging. Hinter ihm wurde bereits getuschelt und gekichert – das war zu erwarten gewesen. Frank versuchte, es zu ignorieren.
      Miss Cardaille machte eine auffordernde Geste. „Bitte, Frank!“
      Noch mehr verunsichert drehte Frank sich zu der Klasse um, atmete tief durch und sah dann auf sein Werk; klammerte sich förmlich mit dem Blick daran fest, um nicht in die belustigten Gesichter seiner Klasse sehen zu müssen. „»Was ist die Liebe?«, von Frank Lemmer.“ Er räusperte sich kurz.
      Erwartungsvolle, amüsierte Blicke lagen auf dem jungen Mann, der sicher mit allem möglichen anderen, aber nicht mit dem Begriff Liebe in Verbindung gebracht wurde, und erst ein warnender Blick von Miss Cardaille stoppte das leise Getuschel, so daß nun Ruhe einkehrte.
      Frank atmete ein letztes Mal durch und begann:

      „Hier stehe ich, unbedarft, fast jungfräulich, und frage mich: Was ist die Liebe? Was bedeutet sie? Ist sie ein Mythos? Eine Legende? – Denn der ach so süße Wahn, der mir gespiegelt wird, das eigentümliche Gebaren, sobald das andere Geschlecht den Weg kreuzt, ist mir so fremd, daß alle anderen um mich herum lächerlich auf mich wirken. Doch bin es wirklich ich, der nicht normal ist? Vermag ich es nur nicht zu verstehen, was Liebe ist?
      In Gedanken gehe ich, noch über diese Frage nachsinnierend, und will gerade den Kopf über diesen Unsinn schütteln, als mir plötzlich wird, als würde die Atmosphäre sich verändern. Der Korridor, voll mit Menschen, doch sie treten alle in den Hintergrund, als wären sie nicht mehr als Schatten, als ihr ihrer gewahr werde. Dort steht sie, in schwarz und weiß, mit einem Hauch von Rot wie Blut auf ihren Lippen. Und für einen Augenblick scheint sie den Lauf meiner Welt anzuhalten. Nie zuvor habe ich das Mädchen gesehen, und doch ist sie mir jetzt schon näher als jemals jemand zuvor, und als jemals jemand sein wird.
      Ist es ihre blasse Haut, die dem Licht des Mondes gleicht? Oder ihr tiefschwarzes Haar, das ihre schauderhaft süßen Züge umrahmt? Die Bewegungen, so grazil und anmutig wie die einer untoten Königin? Ich kann es nicht beschreiben.
      Mir ist, als würde in der Ferne ein Fagott spielen; die lieblichen Klänge einer Melodie… Ich erkenne sie: »Spiel mir das Lied vom Tod«, es ist mein Lieblingsstück, und als die Töne leise in mein Bewußtsein rieseln, treffen sich unsere Blicke; stechenden schwarze Augen, deren Blick direkt in meine Seele geht, sofern ich eine habe; mein Blick, weltenentrückt auf ihr… Dunkle Schönheit, die mich gefangen nimmt, ihr Haar so seidig, wie das Netz einer Spinne, die Lippen, in so dunklem rot, daß sie fast schwarz wirken…
      Kein Windhauch geht, und doch wogen ihre langen schwarzen Haare wie ein dunkles Meer, fließen ineinander über in das lange, schwarze Kleid, das sie trägt; feine Spitze umschmiegt ihre totenbleiche Haut in einem Kontrast, als wäre sie gerade der Schattenwelt entstiegen. Ich spüre es, wir sind für einander geschaffen, denn die Unterwelt ist auch mein Zuhause; Treffplatz unserer Seelen.
      Nebelschleier scheinen sie zu umfließen und mit eisigen Fingern nach mir zu greifen, und plötzlich sehne ich all das herbei, was mir vorher so völlig unverständlich und unklar, ja, so völlig fremd geblieben ist – Spaziergänge im Mondschein unter dunklen, vertrockneten Ästen eines abgestorbenen Waldes, romantische Umarmungen in den tiefsten Kerkern eines Schlosses, als Bett die Form eines Sarges, den wir uns teilen, bis in alle Ewigkeit… Ich werde immer dein untergebener Diener sein; in alle Ewigkeit, und darüber hinaus…
      Sie geht an mir vorüber, und ein Hauch süßer Moderduft streicht mir entgegen. Bin das wirklich ich, der sich mit verklärtem Blick nach ihr umdreht, ihr nachsieht, bis sie in der Ferne meinem Blick entschwindet? Wie lange stehe ich schon hier? Was geschieht hier mit mir? Sie zieht mich in ihren Bann, und ich kann nichts dagegen tun. Kann es sein, daß es das ist, was Liebe ist…?“

      Die Worte verklangen unter den gebannten Blicken der Schüler. Die Klasse schwieg. Der Applaus, den die anderen Schüler vor ihm für ihre Arbeiten bekommen hatten blieb aus. Nicht mal ein verhaltenes Händeklatschen. Man hätte die legendäre Stecknadel fallen hören können, als die Klasse ihn in purem Erstaunen ansah.
      Nervös wippte Frank auf den Zehen und räusperte sich verlegen.
      Endlich wandte sich Miss Cardaille zu Wort. „Das war… wirklich ergreifend, Frank!“ sagte sie beeindruckt.
      Frank war deutlich verunsichert. „Ist das… ein positives Statement?“
      „Ja, aber sicher!“ erklärte sie mit einem Lachen.
      „Ich war mir nicht so ganz sicher, ob ich das Thema getroffen habe.“ gestand Frank mit gesenktem Blick; er schaffte es noch immer nicht, seiner Lehrerin, oder gar den Schülern, in die Augen zu sehen.
      „Gerade bei dir habe ich den Eindruck, daß du das Thema getroffen hast!“ erklärte Miss Cardaille. „Was sagt denn die Klasse dazu?“
      Frank spürte, wie ihm das Herz in die Hose rutschte. Jetzt würde der Spott nicht mehr aufzuhalten sein, dessen war er sich sicher! Um so überraschter war er, als er nun tosenden, ehrlichen Applaus bekam. „Aber…“ Das war das einzige was er herausbrachte.
      Miss Cardaille lächelte. „Frank, wenn Beifall ausbleibt, heißt das nicht immer, daß das Werk schlecht war. Manchmal ist auch das Gegenteil der Fall! Hättest du einmal von deinem Manuskript aufgesehen, hättest du gesehen, daß du die Gruppe gefesselt hast!“
      Frank fühlte sich nun fast noch überforderter als zu dem Zeitpunkt, da er den Text hatte schreiben müssen, und in seiner Not seinen Widersacher, Parker Lewis, angesprochen hatte. Ein verlegenes Lächeln wurde nun schnell zu einem ehrlichen, fast mit einem Hauch von Stolz.
      Die blonde Lehrerin sah zur Uhr. „Mehr Beiträge werden wir heute nicht mehr schaffen. Aber ich denke, das war auch ein wirklich gelungener Abschluß für die Stunde. Wir hätten jetzt zwar noch zehn Minuten, aber ich möchte die Stunde gerne mit Franks Beitrag ausklingen lassen. Sie dürfen also gehen, wenn Sie möchten!“
      Trotz aller Euphorie über Franks Vortrag ließen sich die Schüler das nicht zwei Mal sagen und verließen zügig das Klassenzimmer.
      „Frank, bleibst du bitte noch einen Moment hier?“ sprach Miss Cardaille den Schüler an, als der schon wieder auf dem Weg zu seinem Platz war, um zusammenzupacken.
      Frank drehte sich mit einem Hauch erneuter Unsicherheit um. „Sicher, Miss Cardaille.“ Während um ihn herum der Klassenraum leerer wurde, ging er nach vorne. Bevor sie etwas sagen konnte, kam er ihr aber zuvor, zu sehr hatten ihn die Zweifel wieder gepackt. „Meinten Sie das wirklich ernst?“ fragte er vorsichtig. „Ich meine, das mit dem ergreifend…“
      „Natürlich meinte ich das ernst!“ erwiderte Miss Cardaille mit einem erstaunten Lächeln, bevor sie erklärte: „Das ist der Grund, warum ich dich noch hierbehalten wollte. Das, was ich dir gerne sagen möchte, kann ich schlecht vor der ganzen Klasse tun. Du hast mich wirklich erstaunt, Frank!“
      „Wie… meinen Sie das?“ erkundigte sich Frank mit verhaltener Neugierde.
      Miss Cardaille blieb ihm gegenüber stehen und sah ihm in die Augen. „Ich habe in den letzten Stunden so viele Beiträge gehört, welche die gewöhnlichen Stilelemente der Liebe enthalten. Oh, sicher, es waren viele dabei, die wirklich gut waren! Aber sie ähneln sich zum Teil alle. Oftmals erweckt es den Eindruck, die Schüler schreiben eher, was sie meinen, daß ich hören möchte, anstatt dem, was sie wirklich bewegt. Bei dir merkt man, daß du dich mit dem Thema befaßt hast, und das geschrieben hast, was aus deinem Herzen kommt. Das war mit Abstand die beste Arbeit, die ich zum Thema bis jetzt gehört habe!“
      Frank sah seine Lehrerin völlig sprachlos an, unfähig etwas zu sagen.
      Miss Cardaille lächelte. „Dein Text war einem speziellen Mädchen gewidmet, nicht wahr?“
      Frank spürte, wie ihm die Verlegenheit in die Wangen schoß. „Bitte lassen Sie das, Miss Cardaille. Verlegenheitsröte paßt nicht in mein Image.“
      Miss Cardaille lachte herzlich. „Das liegt im Auge des Betrachters!“ Dann wurde sie jedoch wieder ernst und fügte abschließend an: „Danke, Frank, für diese wunderbare Arbeit!“
      „Das ist gern geschehen.“ erwiderte er automatisch. Dann nahm auch er seine Sachen, um in die Pause zu gehen. ‚Danke, Parker!’ dachte er bei sich, als er den Klassenraum verließ, und hörte in seinen Gedanken beinahe schon das für den Schüler typische ‚Gar kein Problem’ als Antwort.

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