Eine Lobrede auf die deutsche Sprache

GeschichteAllgemein / P12
18.04.2014
18.04.2014
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Geneigte Zuhörer, verehrtes Publikum,

Alle von Euch kennen sie.
Sie, die unser Leben beeinflusst. Sie, die Allgegenwärtige. Sie, die euch euer Leben lang begleitet.
Wir kennen sie als die Unsichtbare. Die schwer zu Durchschauende. Die Geheimnisvolle.

Sie zieht uns auf, erzieht uns. Sie lehrt uns, uns mittzuteilen. Sie macht uns zu mündigen Bürgern. Sie gibt  unserer Stimme einen Sinn.

Sie, die Erbarmungslose. Sie, das Folterinstrument des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Sie, die Geschändete, die von der Jugend ihrer Unschuld Beraubte.

Sie füllt Bücher, so dick wie die Bibel.
Sie kann Leben ruinieren und Wege in die Zukunft ebnen.

Ich stehe vor euch und versuche Worte zu finden, um sie genügend zu würdigen. Um ihren Charakter, mit all den Facetten die sie besitzt, zu beschreiben. Denn ohne sie wäre ich nichts. Ohne sie wären die Poeten nichts. Ohne sie wären Lehrer arbeitslos und Rotstifte überflüssig.

Mit Sicherheit war es nie Liebe auf den ersten Blick bei mir. Und auch nicht bei euch.
Und mit Sicherheit, wisst ihr auch nicht, von wem ich spreche.

Ich meine die deutsche Sprache – und keine Geringere als sie.
Ich stehe hier und die erste Zeile auf meinem Skript lautet „Eine Lobrede auf deutsche Sprache“. Darunter der Warnhinweis für Allergiker. Spuren von Ironie und Sarkasmus können enthalten sein.
Denn die deutsche Sprache hat ihre Tücken. Und Folterinstrument war kein Spaß.

Als Kind an der Kasse sagt man zu Mama „Kann ich das Eis?“ und presst seine kleinen, babyspeckigen Finger gegen die Kühltruhe. Aber das Eis kriegt man nicht. „Kann ich das Eis haben“, verbessert Mama. Und schiebt ihren Einkaufswagen unbeeindruckt weiter. Kennt ihr das?

Aber die Rache kommt.
Für jedes Eis, das ich nicht bekommen habe, werde ich mich eines Tages rächen.
Im Zug, im Bus, in der Fußgängerzone.

„Darf ich mal?“ Wenn jemand sich an mir vorbeidrängeln will.
Darf ich mal? – ja was denn? Mich zum Kaffee einladen? Mich entführen, ausrauben? An mir vorbei drängeln?
Ich erwarte schon eine präzise Ansage.
Vorher bewegte ich mich keinen Millimeter.

Die Feinheiten der deutschen Sprache sind es, die uns verzweifeln lassen. Die sie zu dem Monster machen, das wir verabscheuen. Von Kindesbeinen an.

Aber: Wir tun ihr Unrecht.

Wir, die Rebellen der deutschen Grammatik. Du. Du. Und sogar du.

Wir sollten sie schätzen. Sie bewundern, für ihre Komplexität.

Aber was tun wir stattdessen?

Wir gehen fremd. Betrügen sie.

Das Schlimmste: Wir leben unsere Affären auch noch öffentlich.

In aller Öffentlichkeit bekennen wir uns dazu –zeigen noch nicht einmal Reue!

Anglizismen versuchen die Weltherrschaft an sich zu reißen – wir lassen es zu.
Wir downloaden und skypen und chatten und appen und chill’n. Und –
-Und wir vergessen, wer uns das Sprechen gelernt hat.

By the way, es ist Inzucht, was wir da treiben. Immerhin sind die Sprachen ja alle miteinander verwandt.

Wir öffnen also breitwillig die Arme für englisches Sprachgut.
Aber das genügt uns nicht.

Nein. Wir wollen unsere Sprache noch mit Füßen treten. Wir wollen sie am Boden sehen. Da unten.

Scheiß auf Rechtschreibung.
Scheiß auf Groß- und Kleinschreibung.
Scheiß auf die ‚Deutschnazis‘, die mit ihren Rotstiften am liebsten Mails und SMS korrigieren würden.

Warum haben wir so eine Scheißegal-Einstellung?

Warum würdigen wir unsere Sprache nicht mehr?

Sie, die uns herrliche Deklinationen und Konjugationen schenkt!
Sie, die uns mit ihren Akkusativpronomen und Deklinationsformen in höchste Ekstase versetzt!

Doch die bittere Wahrheit zeigt: Jeder Tag mit deutscher Rechtschreibung scheint einer zu viel zu sein.

Ich appelliere an euch: Unterlasst die Vergewaltigung der Sprache Goethes und Schillers!

Hört auf, gegen Grammatik anzukämpfen.

Gebt jedem Satz sein deutsches Verb zurück!

Benutzt die Großschreibtaste!

Überwindet euren inneren Schweinehund! Tut es!

Tut es, und sie – die deutsche Sprache - wird euch in ihren Bann ziehen!
So, wie sie es schon mit hunderten Studenten getan hat und tun wird.
Denn es gibt sie. Die Menschen, die sich ganz ihrer annehmen.
Die Menschen, die nicht vor Plusquamperfekt und Konjunktiv  zurückschrecken.

Deutschstudenten, die Hörsäle füllen. Die darauf brennen, die Sprache ganz in sich aufzusaugen.

Gierig wie Aasgeier sich auf Indikative stürzen. Sie an sich reißen. Sie zu Konditionalsätzen machen.
Und dann zufrieden mit ihrem Ergebnis nachhause gegangen worden sein wären-
- Wäre da nicht der Genitiv gewesen, der nach Aufmerksamkeit geschrien hätte.
Denn der Dativ ist dem Genitiv sein Tod.
Aber der kleine Genitiv kann sich nicht wehren.
Wir trampeln gefühllos auf ihm herum.
Wir schlagen ihm ins Gesicht.

Aber es gibt sie: Die Ordnungshüter. Die ihre Rotstifte bedrohlich schwenken.
Den Genitiv zu retten, das ist die Aufgabe des Lehrers. Und nicht dem Lehrer seine Aufgabe.



Wir betrügen die deutsche Sprache also. Wir rächen uns in ihrem Namen. Wir rebellieren gegen sie. Wir rotten ihren Kasus aus.
Und trotzdem – trotzdem ehren wir sie. Trotzdem würdigen wir ihr unsere Gedanken. Und merken es nicht einmal.

Schulaufgabensituation.

Noch zweiunddreißig Minuten bis Abgabe. Weitestgehend leeres Blatt, abzüglich Name, Datum und drei erbärmliche Zeilen. Das letzte Zeichen ein Komma.
Der Stift schwebt minimal über dem Papier.
Es folgt ein D.
Es folgt ein A.
Es folgt ein S.
Pause.
Luftholen.


Gedenkminute für die deutsche Sprache.


Okay gut. Hängen wir noch ein S an. Wird schon passen.
Nach jedem „das“ also halten wir Inne. Aber – und DAS sollten sich alle Lehrer merken – wir tun das nicht etwa um zu überlegen, ob eine Konjunktion oder ein Artikel folgt.
Wir reflektieren in diesen stillen Sekunden einzig und allein die Schönheit und Eleganz unserer Sprache. Wir beten darum, dass sie sich uns offenbart.

Sprache- Unser,
geheiligt werde deine Zeichensetzung,
Deine Eingebung komme.
Deine Regeln geschehen, im Deutschunterricht wie im wahren Leben,
Unser täglicher Kampf mit dir gib uns heute.
Und vergib uns unsere Fehler, wie auch wir vergeben dir.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist die Korrektheit und die Richtigkeit, in Ewigkeit.
Amen.


Sie,  die Tag und Nacht für uns da ist, verdient es, angebetet zu werden.
Sie verdient es, endlich gewürdigt zu werden.
Sie verdient es, dass wir aufhören, sie wie Dreck zu behandeln.

Denn dann, und nur dann, hören unsere Klausuren und Schulaufgaben auf, wie ein Blendax Anti-Belag-Test auszusehen. Nämlich ganz in einheitlichem Rot.


Glaubt mir:
Die deutsche Sprache ist für euch kein schweres Problem.

Denn schwere Probleme gibt’s nicht. Da Probleme keine zu wiegende Masse haben.

Ich glaube euch, wenn ihr sagt: Die deutsche Sprache ist ein schwieriges Problem.

Ansonsten wäre ja auch ein schwerer Bagger schwierig, wenn die Sprache schwer sein kann.

Aber behelft euch.
Gebt nicht auf, wenn Kasus und Tempus mit ihren Reißzähnen an euren Nerven zerren.

Wehrt euch!

Helft mit, rettet die deutsche Sprache!

Denn die Sprache, die wir unser eigenen nennen, braucht Fürsorge.
Damit sie jeden Tag aufs Neue für uns verfügbar ist.

Damit Alltagshelden und Nachtpoeten, Redner und Journalisten, Tagebuchschreiber und Geschichtenerzähler uns weiterhin mit Worten verzaubern können.

Damit auch in Zukunft die drei schönsten Worte der Welt gesprochen werden können.

Damit wir nicht wie im Tim Bendzko sagen müssen:
Mir fehlen die Worte ich
hab die Worte nicht
dir zu sagen was ich fühl'.

Aber wir haben die Worte. Wir haben ein ganzes Meer davon.

Die deutsche Sprache ist für uns der Mittelpunkt unseres Lebens.

Sie, die Allgegenwärtige, Geheimnisvolle, schwer zu Durchschauende.

Sie, der wir früh begegnen und von der wir glauben, sie manchmal einfach ersetzen zu können. Wechseln, wie ein getragenes Paar Socken.

Dabei braucht man unsere Sprache für fast alles.

Hin und wieder geht manches aber auch ohne sie.

Zum Beispiel der Applaus.