Brautschau

von Bihi
GeschichteRomanze / P16
17.04.2014
08.05.2014
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Fitzwilliam Darcy, Miss Caroline Bingley und Mr. und Mrs. John Hurst saßen nach einem ausgiebigen Frühstück noch beisammen und unterhielten sich unter anderem über den abwesenden Hausherrn, Charles Bingley, der 'die Londoner Umgebung' nach Anwesen absuchen wollte. Mr. Darcy war als Berater Hausgast, Miss Bingley führte ihrem unverheirateten Bruder den Haushalt und die Hursts waren aus Bequemlichkeit Hausgäste bei ihrem Schwager und Bruder.
Mr. Darcy war leicht gereizt, ließ sich aber nichts anmerken. Miss Bingley schien sich mit jeder einzelnen Silbe ihres oberflächlichen Geplauders, mit jedem Atemzug und mit jedem Wimpernschlag als Mrs. Darcy empfehlen zu wollten. Sie wäre aber der Position als Herrin von Pemberley nicht angemessen. Ihre Familie war nicht standesgemäß. Vor allem erwartete er sich von seiner zukünftigen Gemahlin mehr als diese hirnlose Lobhudelei, mit der Miss Bingley alles kommentierte, was er tat. Bei seiner Abstammung und seiner wirtschaftlichen Lage konnte er sich leisten, aus Liebe zu heiraten. Miss Bingleys Getue entwickelten in ihm aber eher Abwehr, auch wenn seine Erziehung es ihm nicht gestattete, es deutlich zu zeigen. Außerdem fühlte er sich von ihrem Standesdünkel abgestoßen. Er hatte zwar auch welchen, aber der war gerechtfertigt, stammte er doch mütterlicherseits von den Earls of Derby und väterlicherseits von einer sehr begüterten Familie der Gentry ab. Die Bingleys hingegen waren Neureiche. Der Vater hatte im Norden durch Handel sehr viel Wohlstand erworben, der es seinen Kindern nun ermöglichte, im Süden des Landes ebenfalls wie Leute der Gentry aufzutreten. Das waren eben die modernen Zeiten. Da Charles Bingley nicht so anmaßend war wie seine beiden Schwestern, sondern aufgeschlossen und freundlich, und sich gerne von Mr. Darcy beraten und leiten ließ, hatte sich dennoch eine enge Freundschaft entwickelt, deren Wermutstropfen eindeutig diese Miss Bingley war. Mr. Darcy goss sich noch eine weitere Tasse Kaffee ein, bevor Miss Bingley reagieren und ihm den Dienst tun konnte. Es war ihm nach einer ersten Tasse Kaffee noch vor dem Ankleiden gleichgültig, ob er Kaffee oder Tee trank. Es amüsierte ihn aber, wenn Miss Bingley es ihm gleichtat, obwohl ihr anzusehen war, dass sie das Getränk verabscheute.
Mit ihrer kommissarischen Position als Hausherrin war Miss Bingley vorerst zufrieden. Wenn ihr Bruder noch ihren Wunsch nach einem Herrenhaus erfüllte, von dem aus man schnell in London war, konnte sie es sehr gut aushalten, bis sie Herrin von Pemberley wurde. Natürlich wusste sie, dass sie die Position im Haus des Bruders in der Zukunft an eine Schwägerin abgeben musste. Aber das Problem hatte sie schon – gemeinsam mit ihrer Schwester Louisa, Mrs. John Hurst – sehr elegant gelöst. Mr. Darcy hatte eine kleine Schwester von fünfzehn oder sechzehn Jahren. Wenn Charles erst einmal sah, wie sehr sich seine beiden Schwestern sie zur Schwägerin wünschten, würde er ihnen sicher den Gefallen tun und bei Mr. Darcy um Miss Darcys Hand anhalten. Er ließ sich immer von seinen Schwestern lenken. Selbst wenn sie bis dahin nicht Mrs. Darcy geworden war, Mr. Darcy ließ sich nicht so manipulieren wie ihr Bruder, sah sie keine Schwierigkeiten, die unerfahrene Schwägerin bei der Haushaltsführung zu übergehen. Wenn alles nach Plan lief, würde es aber spätestens in einem Jahr eine Doppelhochzeit geben. Sie trank noch einen Schluck Kaffee und verbarg ihre Grimasse hinter einem Lächeln. Was würde sie nicht für eine Tasse Tee geben, aber Mr. Darcy trank Kaffee, und sie wollte ihre Verbundenheit selbst in kleinsten Dingen zeigen. Nun, sobald Mr. Darcy nach der Post das Haus für seine Geschäfte verließ, konnte sie ja Tee kommen lassen.
Mr. und Mrs. Hurst hatten schlichtere Gedanken. Er fragte sich, warum sein Schwager, der wie er zu den Neureichen gehörte, kein opulenteres Frühstück anbot. Wenn es nach ihm ginge, wären seine Gattin und er jetzt im eigenen Haus bei einem angemessenen Frühstück. Seine Gattin war schön, hatte eine ansehnliche Mitgift eingebracht – und lieferte sich mit ihrer Schwiegermutter einen unterschwelligen Kampf darüber, wer von ihnen beiden die nicht standesgemäße Person im Hause war. Da er nicht so begütert war wie seine Gattin gedacht hatte, war es ihm noch nicht gelungen, eine angemessene Bleibe für seine Mutter zu finden. Von der Mitgift seiner Gattin konnte er laut Ehevertrag nur die Zinsen nutzen, und die reichten eben nicht für einen Hauskauf. Seine Mutter weigerte sich aber, zur Miete zu wohnen, was sie sich von ihrem Witwengeld gut hätte leisten können. So waren die ausgedehnten Besuche bei seinem Schwager ein Weg, den Hausfrieden zu wahren. Gleichzeitig sparte es ihn etwas Geld, das er für diese künftige Ausgabe zurücklegen konnte. Natürlich erwähnte er diese Gedanken nie, da er sich nun in Kreisen bewegte, die von Zinsen und nicht von Arbeit lebten.
Mrs. Hurst dagegen war sich nicht sicher, ob sie sich ärgern sollte, weil sie nur zu Besuch war, oder froh sein konnte, das Frühstück lediglich mit ihrem langweiligen Gatten und nicht auch noch mit dem Drachen von Schwiegermutter einzunehmen. Sie hatte sich von seinem Aussehen und seinen Umgangsformen blenden lassen und seinen Antrag angenommen. Seit der Hochzeit ließen seine Umgangsformen ihr gegenüber zu wünschen übrig. Sein gutes Aussehen würde ihm wohl auch nicht mehr lange erhalten bleiben, wenn er weiterhin so viel aß und sich so wenig bewegte. Mit einem beleibten Langweiler konnte man es ja zur Not aushalten, wenn es genug Zerstreuung gab. Aber sie hatte erst nach der Hochzeit erfahren, dass er bei weitem nicht so begütert war, wie sie gedacht hatte. Ihr Vater hatte sie nicht vorgewarnt. Er glaubte, bei ihrer Mitgift könnte sie sich eine Liebesheirat leisten. Damit hatte er zwar Recht, aber sie hatte diesen gutaussehenden Herrn nur geheiratet, weil sie sich davon einen gesellschaftlichen Aufstieg erwartet hatte.
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