Jeder braucht einen Grund zu leben...

von kwieen64
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16
Lilly Rush Scotty Valens
15.04.2014
15.04.2014
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15.04.2014 1.691
 
Ich nehme hier nicht nur Bezug auf die o.g. Folge, sondern auch auf andere, z.B. 4x24 Stalker, 4x11 The red and the blue oder auf 3x23 Joseph. Ich hoffe, ich schaffe es, euch in die Gefühlswelt von Lilly und Scotty mitzunehmen. Bin sehr gespannt auf eure Reaktionen.

Die Geschichte selbst spielt am Ende der Folge 5x15,  nachdem Lilly die Überlebende Brenda MacDowell befreit hatte und Scotty zwischenzeitlich "John Smith" hinter Schloß und Riegel verfrachtet hat. Beide treffen sich anschließend im Büro wieder.

Hier eine kurze Zusammenfassung von "On the road" (5x15) auf youtube:

http://www.youtube.com/watch?v=EkWBHRdWg6c


„Haben Sie bei ihr hingelangt?“ John Smith, dieser Widerling machte eine Kopfbewegung in Lillys Richtung. „ich wette, Sie möchten schon – ab und zu mal!“ Er fixierte Scotty mit einem bösartig-hämischen Grinsen. Der merkte, wie sein Blutdruck stieg und Adrenalin durch seinen Körper raste. Er war kurz davor, dem Typen an die Gurgel zu gehen.

„Sobald die Hoffnung verloren ist, ist der Tod nur eine Formalität.“ Smith sprach über Colleen, die der Glaube an Gott am Leben gehalten hatte – jedenfalls zu Anfang. Dann hatte sie nach und nach nicht nur Gott, sondern auch ihren Lebenswillen verloren. Aber dann „Klingt als wären Sie damit – vertraut, oder Detective?“ Dieser Ausdruck in seinem Gesicht, während er Lilly die rethorische Frage ins Gesicht spuckte. Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen.


Was hatte ihn an diesen Provokationen so wütend gemacht? Dass dieser Widerling mit seiner Stichelei ins Schwarze getroffen hatte oder dass er selbst so ein Feigling war? Dabei hätte es doch schon genug Gelegenheiten gegeben, bei ihr „hinzulangen“. Aber dafür war sie einfach nicht die Frau – DIE wollte er ganz oder gar nicht. Und sie zeigte ihm mehr als deutlich, dass einer wie er für sie nicht der Richtige war. Sie vertraute ihm zwar ihr Leben an, ließ ihn aber nur ganz selten in ihr Herz und ihre Seele blicken.

„Tut es sehr weh?“ Ja, es tat teuflisch weh zu erfahren, dass sie ihn hintergangen hatte. Nicht seine Hand schmerzte, sondern sein Herz, als ihm klar wurde, was der Grund für ihren Alleingang war und dass der nur sehr peripher mit dem eigentlichen Fall zu tun hatte.

Und dann hatte er einmal wirklich „hingelangt“, aber in einer Situation zwischen überleben und sterben, die nicht im mindesten so war, wie er sie sich erträumt oder gewünscht hatte. So hatte es selbst dieser Smith bestimmt nicht gemeint.


„Scotty, aufwachen!“ schlagartig war er wieder in der Realität angekommen. „Sie schlafen schon im Sitzen ein. Kommen Sie, wir gehen nach Hause und erledigen den Rest später, wenn wir ausgeschlafen sind.“ Sie stand von ihrem Schreibtischstuhl auf und sah ihn auffordernd an. Seufzend erhob auch er sich  und schlurfte hinter ihr her zum Lift. Heute keine Treppen mehr!

Als die Türen sich geschlossen hatten, wollte Scotty den Knopf ins Erdgeschoss drücken, aber Lil hielt seinen Arm in der Bewegung fest, sah ihm tief in die Augen und fragte zögernd: „Was hat Sie eigentlich vorhin so aus der Fassung gebracht? So…“ sie suchte nach Worten „…außer sich habe ich Sie in den ganzen Jahren noch nie erlebt.“ Unsanfter, als es seine Absicht war, riss er sich los. Aber bevor seine Finger den entscheidenden Schalter erreichten, nahm Lilly sanft seine Hände in ihre. Sie kam ganz dicht an sein Ohr – so dicht, dass ihr warmer Atem über seine Wange strich. So dicht, dass er ihren Geruch wie eine Droge einatmete, die ihm jeden klaren Gedanken unmöglich machte. So dicht, dass ihre körperliche Nähe brannte wie Feuer. „Würden Sie nicht gerne mal hinlangen?“ flüsterte sie fast unhörbar und zog seinen Blick mit ihren eisblauen Augen magnetisch an. Nichts auf der Welt wollte er lieber als das! Aber selbst in diesem Augenblick, als er die Chance aller Chancen hatte, war seine Angst größer als sein Begehren. Allein der Gedanke, ihr weh zu tun und sie damit ganz zu verlieren, war ihm so unerträglich, dass er lieber zusah, wenn andere Männer sich nahmen, was er so gerne nur einmal berühren würde.

Die Luft in diesem engen Raum schien 20.000 Volt zu haben. Sie fixierten sich wie Duellanten kurz vor dem Schuss. Nach endlos scheinenden Sekunden der beklommenen Stille, brach Lil endlich das Schweigen. „Entschuldigen Sie meine Aufdringlichkeit.“ Sie wich ein Stück zurück und ließ abrupt seine Hände los, als wären sie glühend heiß.“Entschuldigen Sie, wenn ich da etwas falsch verstanden und Sie in Verlegenheit gebracht habe. Vergessen sie das Ganze einfach.“ Von einer Sekunde auf die andere waren ihre Augen wieder „geschlossen“, das Fenster zu ihrer Seele zugeschnappt. „Wir sollten wirklich etwas schlafen.“ Mit diesen abschließenden Worten drückte sie energisch die Taste „Groundfloor“, die sie ins Foyer und damit in die erlösende Freiheit brachte.

Alles war besser als ausgerechnet mit IHR hier in diesem winzigen Raum gefangen zu sein, der ihm all‘ das schmerzhaft nahe sein ließ, was er niemals berühren durfte. Endlich, der Lift stoppte mit einem lauten „Pling“ und die Türen öffneten sich. Ohne ein Wort des Abschieds, immer noch ihren quälend verführerischen Duft in der Nase und ihre Hände sanft auf seinen spürend, stürzte er nach draußen in den rettenden, kalten Morgen.

Erst an seinem Wagen kramte er in seiner Hosentasche hektisch nach seinem Schlüssel und drehte sich um. Bis auf die wenigen Menschen, die um diese frühe Zeit bereits zur Arbeit unterwegs waren, war alles still. Außer Atem, wie nach einer seiner Verfolgungsjagden, ließ er sich mit weichen Knien auf den Fahrersitz fallen. Seine heftig zitternde Rechte umklammerte immer noch den Autoschlüssel, während er sich mit der anderen Hand über sein schweißnasses Gesicht wischte. Er schloss erschöpft die Augen. Was war das da eben? Wunschtraum oder Wirklichkeit? Hatte er sich das alles in seinem überreizten, übermüdeten Gehirn vielleicht nur eingebildet? Aber dazu waren ihre Nähe, ihr Duft und ihre kühlen, zarten Hände einfach zu echt gewesen!

Mit geschlossenen Augenlidern, um die Tränen über die vergebene, einmalige Chance, die ihm die Kehle zuschnürten, zurück zu drängen, legte er den Kopf auf seine Arme. Schmerzlich wurde ihm noch einmal mit aller Deutlichkeit klar, dass er sie nicht haben sollte. Denn er konnte ihr nicht das garantieren, was sie so sehr verdiente – die bedingungslose, lebenslange Liebe. Das Mindeste, nach allem, was sie schon überstanden hatte, ohne daran zugrunde zu gehen.

Scotty wusste, er war nicht gut für die Frauen, die er bedingungslos liebte. Er brachte kein Glück – zuerst Elissa und jetzt Lil?! „Heiraten ist für uns nicht vorgesehen.“ Das hatte er damals mit einem schrägen Grinsen auf diesem grässlichen Hotelflur gesagt. Aber gemeint hatte er. „DU bist für mich nicht vorgesehen…also bleiben mir nur die schnellen, oberflächlichen One-Night-Stands mit den Charlenes dieser Welt.“ Wie konnte er erwarten, dass sie nach dieser Begegnung umkehrte und er das tun konnte, was sein Herz schon damals so laut geschrien hatte, dass es in seinen Ohren durch diesen Flur gellte. „Ich will nur dich, sonst keine auf dieser ganzen verdammten Welt!“

Schon wie dieses Monstrum, das Frauen zu Tode quälte, über die klügste, sensibelste, schönste, begehrenswerteste – kurz, die perfekteste Frau dieser Welt sprach, brachte ihn an den Rand seiner Selbstbeherrschung. Aber als dieser Smith sie dann noch mit seinen Stichen, die sich tief in ihre ohnehin verwundete Seele bohrten, immer mehr verletzte – da sah er nur noch rot! Erst ihre lauten, fast verzweifelten Rufe und ihr energisches Zupacken, brachten ihn wieder zur Besinnung. „Er muss wieder einsteigen!“ befahl sie, ganz Cop. Was zwischen seiner letzten Gemeinheit und diesem Zeitpunkt passiert war, daran hatte Scotty keine Erinnerung.


Ihm war, als fühlte er Hände, die sich federleicht auf seine zuckenden Schultern legten und ihm beruhigend über den Rücken strichen. Zuletzt hatte ihn seine Mutter nach dem Tod von Elissa weinend in den Armen gehalten und getröstet. Sie war die Einzige, die ihn so sehen durfte. Aber sie konnte unmöglich hier sein.

„Wollen wir es nicht einfach wagen, gemeinsam gegen den Fluch des Unglücks anzutreten? Vertrau‘ dir und mir. Zusammen werden wir ihn besiegen.“ Jetzt hörte er Lillys Stimme sogar schon in seinem verwirrten Geist. Er musste weg hier.

Langsam öffnete er die Augen und hob den Kopf. „Du kannst vor deinen Gefühlen nicht weglaufen. Egal, wie schnell du bist, sie werden dich immer einholen. Lass‘ dir das von einer Expertin auf diesem Gebiet gesagt sein.“ Lil saß auf dem Beifahrersitz und hatte eine Hand behutsam auf seiner Schulter liegen. Zärtlich wischte sie ihm eine Tränenspur von der Wange.

In dem Augenblick, bevor er sich mit glühenden Augen voller besinnungsloser Wut auf Smith gestürzt hatte, da sah sie es wieder… Da war er wieder, wenn auch nur für einen ganz kurzen Moment, der Blick voller tiefer, ehrlicher Liebe und diese Sehnsucht. Diesen Ausdruck in seinen Augen hatte sie schon mehrere Male beobachtet, aber nie richtig zu deuten gewusst. Immer wenn sie von einem Treffen mit einem Mann erzählte, blitzte kurz sein Schmerz, seine Verletzung und die Eifersucht auf jeden, der ihr zu nahe kam, auf. Aber dass diese Liebe so tief, so gewaltig und so lebensbestimmend für ihn war, hatte sie erst heute nacht gespürt.

„Was bringt Sie morgens zum Aufstehen? Jeder braucht was, woran er sich halten kann. Etwas, das ihn an das Leben bindet,“ hatte der Kerl zu ihr gesagt. „Wer sind Sie, wenn der nicht mehr da ist, der Job? Nichts mehr.“ Und jetzt war genau der richtige Zeitpunkt, dieses „Etwas“, das direkt vor ihr saß, zu ergreifen und festzuhalten. Da war sie endlich, die Chance, ihrem Leben auch außerhalb des Jobs einen Sinn zu geben. Einen letzten Versuch musste sie einfach noch wagen.


Sie nahm seine heiße Hand in ihre. „Ich möchte wieder wissen, wofür ich jeden Morgen aufstehe! Ich möchte wieder einen Grund haben zu leben, auch außerhalb des Jobs. Lass‘ uns gemeinsam wissen, wofür wir leben! Glaubst du nicht auch, dass wir es riskieren sollten?“

Er lächelte und nickte.


Ich hoffe, ich konnte euch anrühren.

Ich habe jetzt doch das Originalende wieder hergestellt, weil ich auf Grund des Reviews von sasi noch einmal neu drüber nachgedacht habe. Und sie hat Recht, nicht jede Geschichte braucht eine geschlossenes Ende.

Sollte es euch packen, lasst es mich wenigstens in ein paar wenigen Worten wissen.
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