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Die purpurne Morgenröte

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / Gen
14.04.2014
14.05.2014
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14.04.2014 4.436
 
Einen Moment lang blieb er noch auf dem Weg sitzen und blickte sich um. Was sollte er jetzt tun? Er kratzte sich am Kopf. Langsam rappelte er sich auf und wartete bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. In der Ferne erkannte er nichts, was auf eine Stadt, ein Dorf oder ein Häuschen hingewiesen hätte. Nichts außer einer dunklen Einöde. Also machte er sich auf den Weg entlang zu gehen.

Das Madamal stand mittlerweile hell am Himmel und schien durch die dünnen Wolken, die sich ab und an davor schoben. Er war bereits Stunden unterwegs und die Füße taten ihm weh. Als er nicht mehr konnte fiel er erschöpft auf die Knie und tastete nach dem weichen Graß. Erschöpft wickelte er sich in seinen Umhang und sackte neben der Straße zusammen.



Mit den ersten Strahlen der Praiosscheibe erwache der junge Alrik langsam. Nachdem er sich gestreckt hatte, blickte er sich verschlafen um. Immer noch keine Spur von einem Dorf, wo er sich verpflegen konnte. Sein Magen verkündete seinen Hunger mit einem lauten Knurren. Da er annahm er würde nach Hause fahren, hatte er kein Essen mitgenommen, und mit den 3 Silberstücken und paar Heller, die er in der Tasche hatte, konnte er ohne Wirt oder Bäcker auch nichts anfangen. Er seufzte. Wo sollte er jetzt etwas zu essen bekommen? Obwohl seine Beine noch leicht schmerzten, richtete er sich auf und ging wieder den Weg entlang, denn eine andere Möglichkeit gab es nicht.



Als er wenig später ein kleines Dorf erreichte, stand die Praiosscheibe bereit hoch am Himmel und brannte Erbarmungslos auf seine Haut. An manchen Stellen war sie bereits deutlich gerötet und sein Nacken schmerzte mit jeder Bewegung. Erschöpft ließ er sich im Schatten eines kleines Baumes nieder und betrachtete das Dorf etwas genauer. Die Hütten, die ringsherum verstreut standen, wirkten wie Unterkünfte einfacher Bauern. Manche Türen waren offen, um den frischen Wind Einlass zu gewähren. Hier und da spielten ein paar Kinder, oder unterhielten sich Leute, die ihn hin und wieder musterten. Sein Magen knurrte wieder und diesmal lauter als zuvor. Als er sich gerade aufrichten wollte, um etwas essbares zu finden, hörte er ein Rascheln und kurz darauf merkte er wie etwas hartes auf seinen Kopf fiel. Verwundert rieb er sich die Stelle und blickte nach oben, doch es war nicht zu erkennen außer grüne Blätter. Dann richtete er seine Augen auf das Objekt, das vom Himmel fiel. Es war ein roter Apfel, der jetzt einladend vor ihm lag. Er zögerte nicht lange und griff gierig danach. Die Bissen, die er machte, waren so groß, dass er sich fast den Kiefer verrenkte und innerlich dankte er allen Göttern. Allen 12 natürlich.

„He, tala, das war meiner.“ Rief eine weibliche Stimme. Alrik blickte sich verwundert um, sah aber niemanden neben sich. Er zuckte mit den Achseln und schmatzte weiter vor sich hin. Noch nie hat ihm ein Apfel so gut geschmeckt. „He ich rede mit dir.“ Schon wieder diese Stimme. Der Junge blickte nach oben. Hatte er jetzt den Verstand verloren und hörte Stimmen in seinem Kopf. Da funkelten ihn aus dem Baum zwei helle Augen an. War da jemand? Er blickte genauer hin, doch erkannte neben dem Grün nur diese Augen.

„Zwölf zum Grüße?“ fragte er nach oben wobei er sich albern vorkam. „Du kannst ja doch reden!“ ertönte es und er sah wie diese Augen näher kamen. Mit jedem Finger, den sich die Augen näherten, erkannte Alrik immer mehr die Person die sich im Baum versteckte. Ein liebliches Gesicht kam zum Vorschein, das umrandet wurde von langen blonden Haaren. Als Kleidung trug sie eine Lederrüstung, wie Alrik sie von Geschichten über Elfen her kannte. In der einen Hand hielt sie ein kleinen Jutesack und bewegte sich mit einer Geschmeidigkeit, wie er es noch nie gesehen hatte.

„Entschuldigt, ich wusste nicht das es euer Apfel ist.“ Antwortete Alrik, wobei er immer noch der Meinung war, dass er sich die Person nur einbildete, denn Elfen waren in diesen Gegenden sehr selten. „Wie heißt du, tala?“ fragte ihn die Elfe lächelnd. „Alrik und..“ „HE BURSCHE!“ Schrie jemand von weitem und Alrik blieb der Bissen fast im Hals stecken. Ein kräftiger Mann humpelte auf ihn zu, der einen Gehstock drohend in die Höhe hielt. Als er näher kam baute er sich bedrohlich vor dem Jungen auf.

„Wo haschte denn den Apfel her, Bursche?!“ fragte er Alrik scharf, der seelenruhig weiter vor sich hin schmatzte. Der Mann schien zornig zu sein und das Gesicht wirkte, selbst durch den dicken Bart hindurch äußert angespannt zu sein. Seine kräftigen Oberarme packten nach dem Jungen und zogen ihn hinauf. „Los mach den Mund auf!“ forderte er Alrik auf. „Zwölf zum Gruße! Aus dem Baum natürlich.“ Erwiderte Alrik freundlich, denn er hatte ja durchaus die Wahrheit gesagt. „Ich geb dir gleich Zwölf auf den Hintern!“ brüllte der Mann ihm fast ins Gesicht. „Die einzigen Apfelbäume hier sind bei meinem Hof. Gib zu du hast dir eben einen ganzen Sack voll genommen, ohne dafür zu bezahlen.“ Daraufhin griff der Mann nach Alriks Stoffrucksack und warf die Sachen zu Boden. „He, was fällt euch ein!“ rief Alrik empört und fing an seine Sachen wieder einzusammeln. „Wo sind meine Äpfel, Junge. Und bei Praios rede wahr!“ fauchte ihn der Mann wütend an, wobei er den Finger mahnend zum Himmel erhob. „Ich habe doch gesagt er ist vom Baum gefallen.“ Sagte der Junge, während er seine Sachen wieder in den Rucksack stopfte.

Der Mann hob nun den Blick und verwirrt stocherte er mit seinem Gehstock im Baum herum. „Aua.“ Ertönte es und der Mann schaute angestrengt zwischen die Äste. „Du schon wieder!“ schrie der Mann jetzt und fuchtelte wütend mit dem Stock herum. Alrik blickte auf und sah die Elfe, die zwischen den Blättern Schutz suchte. „Verfluchtes Elfengör! Komm da sofort runter!“ Die Hiebe des Mannes wurden energischer, aber die Elfe wich gekonnt aus. „Ach ihr könnt die auch sehen!“ platzte Alrik verwundert heraus.

„Bei den Göttern natürlich kann ich sie sehen.“ Erwiderte der Mann nur. Das Rascheln über ihren Köpfen wurde lauter und mit einem großen Satz sprang die Elfe aus den Baumkronen hervor und landete nur wenige Schritt entfernt. Dann drehte sie sich den Beiden zu, winckte und sagte: „Wir sehen uns dann Alrik.“ Und lief so schnell sie konnte davon.

Alrik erwiderte unbewusst den Abschiedsgruß der Elfe. Warum, das wusste er selbst nicht so richtig. „Du kanntest sie also!“ hörte er Zähne knirschend hinter sich. Noch bevor er einen anderen Gedanken fassen konnte lief der Junge so schnell er konnte der Elfe hinterher. Wich dabei den Menschen aus, die vom Lärm angelockt wurden. Sprang über einen kleinen Zaun und lief weiter. Immer weiter zu einem kleinen Waldrand, wo er die Elfe noch eben gesehen hatte. Äste peitschten ihm ins Gesicht, Sträucher zerkratzten seine Haut. Ein Ast auf dem unübersichtlichen Boden und er fiel mit dem Kopf voran in hin. Er spürte noch wie er einen kleinen Abhang hinunter rollte und am Ufer eines kleinen Baches zu Stehen kam.

Mit dem Kopf gen Himmel blieb er eine Weile liegen, um seinen Atem wieder zu finden. Er schloss die Augen, Vögel, deren Gesang vom Wind getragen wurde. Das Plätschern des Baches neben ihn. Ein Kichern. Er öffnete vor Schreck die Augen. Da war sie. Ihr Gesicht ganz dicht an dem seien. „AHHH!“ Reflexartig und vor Schreck hob er die Arme und schubste sie von sich fort. „Au…“ ertönte es. „Ich wollte nur wissen ob du noch lebst, tala.“ Alrik blickte zu ihr, noch immer etwas benommen vom Schreck. „Verzeih du hast mich erschreckt.“ Antwortete er und versuchte langsam sich auf seine Knie zu bringen. Er blickte zur Elfe, die von dem Lauf überhaupt nicht erschöpft wirkte. Aber irgendwas missfiel Alrik. Sie hatte weder die typischen Ohren, wie man es von einem Elf erwartet. Und auch sonst war es sehr selten, dass ein Elf alleine unterwegs ist. „Wer bist du?“ fragte Alrik, als er seinen Atem wieder gefunden hatte. Das Mädchen musterte ihn und sagte dann: „Mein Name ist Pfadsucherin.“ Innerlich musste Alrik lachen. Welche Eltern würden ihrem Kind einen solchen Namen geben. „Bist du eine Elfe?“ fragte er vorsichtig. Doch er bekam keine Antwort, sondern sah nur wie sie die gestohlenen Äpfel in ihrem ledernen Rucksack verstaute. Am Rucksack hing ein kleiner Bogen, dessen Griff kunstvoll verarbeitet war.

„Hübscher Bogen. Woher hast du ihn?“ fragte er erneut. Immer noch hüllte sich das Mädchen schweigen. Dann hob sie den Blick und Alrik erkannte eine tiefe Traurigkeit in ihnen. Dann stand sie auf und sagte nur irgendetwas in einer Sprache die Alrik nicht verstand. Dann trat sich durch eines der Gebüsche. „He warte!“ rief Alrik ihr hinterher und kämpfte sich ebenfalls durch das Grün, doch als er auf die andere Seite spähte sah er sie schon nicht mehr. Wütend ging Alrik wieder zum Bach, wo er seinen Beutel hatte liegen lassen. Vielleicht war er ohne sie besser dran, sie hatte ihm das ganze erst eingebrockt.

Er überlegte wohin er gehen sollte. Zurück ins Dorf konnte er auf keinen Fall. Getrieben vom Durst ging er zum Bach und schöpfte mit seinen gefalteten Händen das Wasser. Das kühle Nass lief seine vertrocknete kehle hinunter und er fühlte sich sofort etwas erholter. Es war das beste erst Mal in Nähe des Ufers zu bleiben und Feuerholz zu sammeln. Dachte er laut vor sich hin und so folgte er gemütlich dem Bach stromaufwärts bis er zu einem geeigneten Platz ankam um dort die Nacht zu verbringen. Auf dem Weg sammelte er trockene Stöcke ein um sich später ein Feuer daraus machen zu können. Er hatte schon oft gesehen, wie die Lehrer so Feuer machten und dachte sich, so schwer könne das ja nicht sein.

Das Entzünden des Holzes war weitaus schwieriger, als Alrik gedacht hatte. Egal wie lange er die Stöcke aneinander rieb, das Feuer wollte nicht kommen. Langsam wurde es merklich dunkler im Wald und fluchend warf der Junge das Holz zur Seite. Mürrisch ließ er sich ins Grass fallen und dachte nach. Wohin sollte er gehen? Vor allem was sollte er machen? Für den Besuch einer anderen Akademie war er bereits zu alt und vor allem zu arm. Er könnte als Söldner von Ort zu Ort ziehen. Während seiner Zeit in der Akademie hatte er schon verschiedenste Söldner kennen gelernt. Aber immer von Ort zu Ort ziehen ohne Ziel? Früher hatte er davon geträumt ein berühmter Held zu sein, Mägde zu retten und Abenteuer zu bestehen. Doch dieser Traum war bereits in weite Ferne gerückt.

„Du machst das ja völlig falsch.“ Ertönte es plötzlich neben ihm. Er seufzte. Sie schon wieder. Wieso ging und kam sie einfach wie es ihr beliebte? Er hob den Kopf und sah wie sie mit den Stöcken ein kleines Feuer entzündete. Im schwachen Licht erkannte er, dass ihre Augen leicht gerötet waren. Offensichtlich hatte sie geweint und Alrik hielt es für besser sie nicht darauf anzusprechen. Er wollte sie nicht wieder verjagen, denn offensichtlich konnte sie doch noch von großem Nutzen für ihn sein. Eine Weilen saßen beide schweigend am Feuer und starrten in die Leere. Das Knistern des Feuers wurde übertönt vom Gesang der Eulen, die sich irgendwo in den Bäumen versteckten, und dem gelegentlichen Rascheln des Unterholzes. Jedes Mal schaute sich Alrik nervös um. Das Mädchen bemerkte dies, denn sie setzte sich dichter neben ihn und sagte: „Hab keine Angst hier droht dir keine Gefahr.“ Wortlos blickten sie einander an.

Das plötzliche Knurren von Alrik Magen unterbrach diese kurze Stille. Alrik errötete und das Mädchen fing an zu Lachen. Dann krammte sie etwas aus ihrem Rucksack und hielt es ihm hin. „Nimm.“ Sagte sie und schob ihm den Apfel in die Hand. Sofort machte sich dieser über den Apfel her. „Hab Dank.“ Sagte er mit vollem Mund, wobei er diese Worte unverständlicher hervorbrachte, als er wollte, und dabei vielen vereinzelt Stücke aus seinem Mund zu Boden. Mit kindlichen Augen beobachtete ihn die Elfe, oder der Mensch, Alrik war sich immer noch nicht sicher was sie war.

„Woher kommst du, tala?“ fragte sie, als vom Apfel nicht mehr als nur noch das Kerngehäuse übrig blieb. „Geboren bin ich in Perricum. Aber die meiste Zeit habe ich in der Akademie Schwert und Schild zu Bahilio verbracht.“ Antwortete Alrik. Er wusste nicht ob es klug war nach ihrer Herkunft zu fragen, also schwieg er lieber. „Und was machst du dann hier, ganz alleine?“ fragte das Mädchen weiter. „Nun, ich wurde von der Akademie geworfen, da ich zu faul war, und mein Vater hat mich mitten in der Nacht aus der Kutsche geworfen, weil ich ein Nichtsnutz bin.“ Sagte Alrik trocken. Verwunderung lag in den Augen des Mädchens. Aber da war noch mehr, etwas das Alrik nicht einordnen konnte. Zumal er bei den Göttern kein Menschenkenner war, oder Elfenkenner.

Dann richtete sie wieder den Blick zum Feuer. Nach einiger Zeit, Alrik konnte nicht sagen wie lange, sagte sie schließlich mit trauriger Stimme. „Ich bin eine Halbelfe.“ Alrik hob vor Bewunderung die Augenbrauen. Von Halbelfen hatte sein Bruder ihm einmal erzählt, als er ihn mit seinem Magnus besuchen kam, er selbst hatte aber noch nie einen gesehen. Doch in den Geschichten, von denen ihm sein Bruder berichtete, waren Halbelfen oft böse Geschöpfe, die ihre Magie und Macht missbrauchten. Sicherlich gab es auch Menschen die dies taten, genauso, wie es Elfen, Zwerge und Orks gab, die sich dem Namenlosen verschrieben hatten. Doch Halbelfen werden vor allem wegen ihrer Fremdartigkeit von Menschen gemieden. Vor allem von Elfen wird diese Mischform nicht akzeptiert. Alriks Bruder hatte es ihm erklärt warum dies so ist, jedoch hatte es der Junge damals nicht verstanden.

„Und was machst du dann hier alleine im Wald?“ fragte Alrik vorsichtig. Als er sah, wie sich die Augen des Mädchens wässrig wurden, bereute er diese Frage.

„Meine Sippe hat mich verstoßen….“ Sagte sie mit kaum vernehmbarer Stimme. Im Inneren fühlte er Mitleid für sie und doch Sympathie. Sie war wie er. Beide waren von ihrem Zuhause verstoßen worden. Beide waren alleine, ohne einen Platz im Leben.

„Ich bin müde.“ Sagte sie, nahm ihren Umhang und vergrub ihr Gesicht tief im Stoff. So lag sie dicht neben Alrik, der nachdenklich in der Glut rumstocherte. Oft ertappte er sich dabei, wie sein Blick auf die Halbelfe fiel. Er sah, wie sich der Stoff langsam hob und senkte, hörte ihren leisen Atem. Obwohl er sie kaum kannte, fühlte er sich auf eine Weise mit ihr verbunden, wie er es sonst nur bei seinem Bruder tat. Mit diesen Gedanken war er nicht allein. Träge und hypnotisiert von dem leisen Plätschern des Baches, fielen auch ihm bald die Lieder zu.





Als er am nächsten Morgen erwachte lag er ganz dicht, neben ihr im Graß. Sie hatte den Kopf, anscheinend unwillkürlich, an seine Brust gelehnt, und Alrik hörte ihren leisen Atem. Sie roch nach frischen Blüten. Die Kaputze, in die sie ihren Kopf eingehüllt hatte, bedeckte ihren Kopf nur noch bis zu Hälfte, und die langen Haare lagen ringsherum verstreut. Hin und wieder murmelte sie etwas vor sich hin, zumindest glaubte Alrik, das es Worte waren, doch er verstand sie nicht. Einige Zeit blieb Alrik noch so neben ihr liegen und beobachtete sie still. Unbewusst führte er eine Hand zu ihrem Gesicht und strich ihr die Haare zur Seite. Berührte ihre weiche Haut. Sie rückte näher an ihn heran und hob langsam den Kopf. Mit verschlafenen Augen blickte sie Alrik an. Dann legte sie ihren Arm um ihn und vergrub den Kopf an seiner Brust. Er spürte ihre Wärme.

„Lass uns noch ein wenig hier liegen bleiben.“ Sagte sie mit leiser Stimme. Lange Zeit lagen beide Arm in Arm auf dem Boden des Waldes, und lauschten dem Gesang der Vögel.

„Wohin wirst du gehen?“ fragte Alrik schließlich, wobei er diese Frage selbst nicht beantworten konnte.

„Ich weiss es nicht.“ Antwortete sie zaghaft und hob langsam den Blick. „Du?“ Wobei sie Alrik tief in die Augen schaute. Dieser fing an sich nervös am Kopf zu kratzen. Wohin? Das war in der Tat eine gute Frage.

Dann viel es ihm ein. „Gareth.“ Sagte er plötzlich mit einem breiten Grinsen. „Dort werde ich bestimmt Arbeit finden.“

„Ist das weit?“ fragte ihn das Mädchen.

„Hmmm.. eine Reise von einer Woche gewiss.“ Antwortete Alrik nachdenklich, weil er es selbst nicht genau wusste. Sie legte ihren Kopf wieder zurück und Alrik merkte wie ihre Umarmung fester wurde.

„Da… Darf ich mit dir kommen?“ fragte sie schließlich zögerlich. „Gewiss.“ Entgegnete ihr Alrik mit einem Lächeln und legte seine Hand auf ihren Kopf.



Die folgenden Tage folgten sie dem kleinen Bach und versuchten dabei stehst in Richtung Süden, oder zumindest glaubten sie das es die richtige Richtung ist, zu wandern. Auf dem Weg sammelten sie alles ein was irgendwie essbar erschien, wobei sich die Halbelfe als durchaus erfahrene Sammlerin erwies. Als Alrik den Vorschlag machte, die Pfadsucherin könnte doch mit dem Bogen leicht einen Hasen erlegen könnte, wurde sie grimmig. Zunächst verstand er nicht den Grund dafür, jedoch erklärte sie ihm wenig später, dass sie keinem lebenden Wesen ohne Grund Schaden wolle. Abends lehrte sie ihm wie man ein Feuer machte oder Löcher in der Kleidung reparierte. Die Nacht verbrachten sie eng umschlungen nebeneinander, natürlich nur um sich gegenseitig zu wärmen. Das sagten sie sich zumindest immer. Aber wie die Praiosläufe ins Land gingen und sie immer noch im Wald umherwanderten merkte Alrik, dass es für ihn mehr war als nur ein warmer Rücken in der Nacht, und er war damit nicht allein.



Als er eines morgens aufwachte, noch bevor die ersten Praiosstrahlen durch das Blätterdach schienen, bemerkte er, dass sie ihr Gesicht ganz dicht an das seine gebracht hatte. Ihre Augen funkelten geheimnisvoll und wirkten im schwachen Licht der Glut noch anziehender.

„Dir wachsen Haare aus dem Gesicht.“ Sagte sie leise und strich mit der einen Hand über seinen jugendlichen Flaum.

„Das ist mein Bart.“ Sagte er mit Stolz geschwelter Brust, wobei zu sagen ist das dieser Flaum noch weit davon entfernt war.

„Ich mag ihn nicht.“ Entgegnete sie nur. Alrik strich ihr mit einer Hand die Haare hinter ihre leicht spitz zulaufenden Ohren. „Dafür mag ich deine Ohren.“ Sagte er lächelnd und sah wie sie leicht errötete. Dann legte er die Hand auf ihre Hüfte und zog sie näher zu sich. Sie legte ebenfalls den Arm fester um ihn und schaute ihn erwartungsvoll an. Alrik kannte diesen Blick, er hatte ihn schon oft genug bei seinen anderen Eroberungen gesehen, aber diesmal war es anders. Während er die anderen Mädchen als mehr als Zeitvertreib ansah, hegte er für dieses Mädchen, dass nun in seinen Armen lag, echte Gefühle. Er schloss die Augen und als sich ihre Lippen berührten, merkte er, wie sie seinen Kuss erwiderte. Ein Kuss folgte dem nächsten und hingerissen von der Leidenschaft wanderte seine Hand langsam ihre Hüfte hinab. Dabei strich er sanft über das weiche Leder und als er ihren Po berührte merkte er, wie sie langsam ihr Lippen löste. Er öffnete seine Augen und sah, wie sie ihren Kopf wieder an seine Brust drückte. Wortlos lagen sie da, bis die ersten Praiostrahlen ihr Gesicht bedeckten.

Langsam stand sie auf und blickte sich um. Dann schaute sie wieder Alrik mit einem Lächeln an und sagte: „Ich gehe mich eben im Bach waschen.“ Daraufhin schnappte sie sich ihren ledernen Rucksack und verschwand hinter dem Busch, der ihren Schlafplatz vom Bach trennte. „Wehe du guckst.“ Rief sie noch. Zunächst blieb Alrik ein paar Momente lang im Graß liegen, doch die Neugier war zu groß, und seinen wir doch mal ehrlich, welcher junge Mann würde in diesem Alter nicht versuchen einen Blick auf eine so schöne junge Dame zu erhaschen. Vorsichtig arbeitete er sich zum Gebüsch vor und versuchte die Sicht durch das Gestrauch frei zu machen.

Dann erblickte er sie, wie sie langsam das Wasser über ihre Oberarme laufen ließ. Betrachtete ihren rahjagefälligen Körper, die geschwungenen Rundungen ihres Körpers sowie ihre langen Haare die im Wind tanzten. Vorsichtig schob er noch einen Ast beiseite, um eine besser Aussicht zu bekommen. Mit einem Mal fuhr die Halbhelfe herum und zeigte mit dem Finger auf ihn. Noch bevor er wusste was ihm geschah wurde er von einem grellen Licht geblendet und alles was es sehen konnte war weiß. Vor Panik riss er sich hoch und rieb sich die Augen, drehte sich und verlor die Orientierung. Ein falscher Tritt und er schwankte nach Hinten, verlor das Gleichgewicht und fiel ins Bodenlose. Ein Aufprall auf dem Graß, dann wieder Leere und mit einem Platschen landete er mit dem Hinterkopf voran im kalten Wasser des Baches. Sehen konnte er immer noch nichts.

Dann hörte er Schritte die plätschernd näher kamen.

„Was hast du den in dem Gebüsch gesucht, tala?“ fragte ihn die Halbelfe.

„Frühstück?“ antwortete Alrik nach einiger Zeit, noch benommen vom Sturz.

„Gewiss, Frühstück.“ Entgegnete diese mit einem leicht ironischen Unterton. Dann spürte Alrik ihre Lippen auf den Seinen. „Nicht nochmal machen, ja?“ sagte sie, wobei Alrik hörte, wie sie sich wieder entfernte. Als er wieder etwas sehen konnte richtete er sich auf. Das Mädchen knöpfte gerade ihre Lederweste zu und lächelte ihn an. Er erhob sich und erwiderte das Lächeln wobei sein Kopf leicht errötete.

Als sie ein paar Praiosläufe später endlich den Waldrand erreichten, war es bereits später Nachmittag.  Beide hielten es für das klügste die Nacht noch am Waldrand zu verbringen, bevor sie sich auf den Weg ins nächste Dorf machten. Alrik machte sich daran ein kleines Feuer zu entzünden, während das Mädchen in der Nähe nach Früchten, Wurzeln oder Beeren suchte. Abend legten sie sich, wie in den Praiosläufen davor eng zusammen und in den letzten Nächten war das gemeinsame Einschlafen von einem hingebungsvollem Kuss begleitet. Alrik fühlte sich zum ersten Mal wirklich glücklich, zum ersten wirklich Geliebt und zum ersten Mal hatte er jemanden gefunden, an dessen Seite er bleiben wollte. Mit einem zufriedenen Lächeln schliefen beide ein.



Als er am nächsten Morgen mit den ersten Praiosstrahlen erwachte, war der Platz in seinen Armen leer. Es war nicht das erste Mal, meist war die Halbelfe irgendwo im Wald unterwegs um Feuerholz oder etwas Essbares zu finden. Vielleicht wusch sie sich auch wieder im nahegelegenen Bach. Noch erschöpft von der Wanderung durch den Wald warf er den dunklen Mantel über seine Augen. Wenn sie zurückkam, würde sie ihn schon wecken.

Eine Berührung an der Schulter ließ Alrik wieder erwachen. „Wo ist denn mein morgendlicher Kuss?“ fragte Alrik grinsend.

„Na los, Osgar, gib unserem Burschen wonach er verlangt.“ Sagte eine tiefe, männliche Stimme laut. „Aber sei Gefühlvoll der ist ja noch ein Bübchen.“ Entgegnete eine Zweite und dann folgte hallendes Gelächter. Erschrocken hob Alrik die Kapuze und blickte sich um. Es waren drei Männer mittleren Alters, die einheitliche Waffenröcke trugen und mit Schwertern bewaffnet waren. Zwei von ihnen saßen hoch zu Ross, während der dritte neben Alrik hockte. „Verzeiht ich dachte ihr wäret meine Begleiterin.“ Antwortete Alrik, der sich langsam erhob. „Schon gut.“ Sagte Osgar, der ebenfalls wieder zu seinem Pferd ging. „He Bursche, sag was machst du hier?“ fragte ihn nun einer der Anderen. Die Männer wirkten zwar ungepflegt, jedoch waren sie zu gut ausgerüstet, um einfache Banditen zu sein.

„Ich, das heißt wir sind auf dem Weg nach Gareth.“ Antwortete Alrik wahrheitsgemäß.

„Du und wer?“ fragte nun wieder Osgar, der sich bereits wieder auf seinem Pferd befand. „Meine Begleiterin, Pfadsucher.“ Entgegnete Alrik den Männern, diese musterten ihn von oben bis unten. „Und du bist?“ Alrik fragte sich, warum die Männer so neugierig waren, aber er hielt es besser ihnen zu antworten. Vor allem um Ärger zu vermeiden.

„Alrik Fidian.“ Sie musterten ihn nachdenklich „Könnt ihr mir vielleicht sagen wo ich bin, ich habe die Orientierung verloren.“ Die Männer blickten sich gegenseitig an. Osgar flüsterte dem Mann zu seiner linken etwas zu, was konnte Alrik nicht verstehen.

„Nun gut, wir wollten nur sicherstellen, ob du noch lebst.“ Sagte dieser wenig später. Dann zeigte er mit dem Finger in südlicher Richtung. „Nach Gareth musst du in die Richtung gehen. Wenn du weiter in die andere Richtung gehst, kommst du zum Königreich Andergast.“ Dann nickten sie ihm zu und machten sich wieder auf den Weg. „Habt Dank!“ rief er ihnen fröhlich zu. Dann setzte er sich wieder an die heruntergebrannte Feuerstelle und wartete bis seine Gefährtin wieder zurückkam. Aus Momenten wurden Stunden und immer noch kein Zeichen von ihr. Allein ihr Rucksack lag angelehnt an einen Baum, bis auf den Bogen, der war verschwunden. Er schenkte dem jedoch weniger Beachtung, bisher hatte sie immer den Weg zurück gefunden.

Gegen Abend wuchs jedoch die Sorge in Alrik. Ob ihr etwas zugestoßen war. Er nahm einen Stock zur Hand und baute sich eine improvisierte Fackel daraus. Dann ging er ein paar Schritte in den dunklen Wald hinein, immer die Feuerstelle im Blickwinkel behaltend. Doch weder am Bach, noch in näherer Umgebung fand er Hinweise, die auf sie hinwiesen. „Pfadsucherin!“ rief er in den Wald, doch erhielt keine Antwort. Immer und immer wieder rief er ihren Namen, bis seine Kehle schmerzte. Doch niemand antwortete. Die ganze Nacht blieb er unruhig beim Feuer und blickte bei jedem Rascheln des Unterholzes auf. Irgendwann jedoch war er so erschöpft, dass ihm die Lieder zufielen.

Auf am darauf folgenden Tag war keine Spur der Halbelfe zu sehen, woraufhin Alrik beschloss etwas tiefer im Wald zu suchen. Das einzige was er fand, waren abseits des Baches leichte Fußabdrücke, die jedoch im Unterholz verschwanden und dessen Richtung unmöglich zuzuordnen war. Er beschloss das es das Klügste war am bekannten Ort zu bleiben. Als zwei weitere Praiosläufe vergangen waren, hatte er immer noch keine Spur gefunden.

Wie er nun Abends beim Feuer saß und die letzten Früchte verzehrte überkam ihn eine unglaubliche Traurigkeit. Er war wieder allein. Er vermisste ihr Lachen, ihre Nähe und Abends ihre Zuneigung. Tränen rannen über seine Wangen und tropften lautlos zu Boden. So starrte er die ganze Nacht ins Feuer und als der Morgen anbrach, waren seine Augen gerötet. Er nahm sein Gebetsbuch der Herrin Rondra an sich und riss eine Seite heraus. Dann nahm er den Kohlestift zu Hand und schrieb: Ich werde in Garet auf dich warten, Alrik Fidian. Den Zettel schlug er mit einem Holzstock, so gut er konnte, in den Boden unter einem Baum. Anschließend hob er seine Sachen auf, ging zum Rucksack der Halbelfe. Mit Tränen in den Augen hob er ihn hoch, wobei er den gefalteten Umhang darunter entdeckte. Behutsam und wie einen Schatz nahm er ihn. Er roch immer noch nach ihr. Dann machte er sich langsam auf den Weg, in die Richtung, die ihm der Soldat gestern gezeigt hatte. Oft blickte er zurück, auf eine kleine Gestalt hoffend, die aus dem Wald auftauchte. Doch sooft er sich umdrehte, niemand kam. Niemand rief seinen Namen.
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