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Die purpurne Morgenröte

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / Gen
14.04.2014
14.05.2014
10
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14.04.2014 3.122
 
Kein Stern erhellte die Nacht und auch das Madamal verbarg sein Gesicht hinten den Wolken, aus denen große Regentropfen vielen. Einsam und verlassen stand auf einer kleinen Anhöhe ein Wachposten, dessen Licht in der Ferne flackerte. Die schweren Stiefel des Schattens, der sich dem Wachposten näherte sanken tief in den aufgeweichten Boden ein und die Geräusche wurden vom Plätschern des Regens übertönt.

Der Wachposten war ungefähr drei Schritt hoch und bestand aus nicht viel mehr als einem einfachen Holzdach, das auf vier dicken Pfosten platziert wurde. In der Mitte stand eine kleine Feuerschale, dessen Licht unruhig auf das leicht vermoderte Holz viel. Auf einem kleinen Hocker dicht am Feuer saß ein Soldat, dessen Schwert neben ihm auf dem hölzernen Boden lag. Der Schatten konnte trotz des Regens, das rhythmische Schnarchen der Wache hören. Er beschleunigte seinen Schritt und zog rasch etwas aus einer seiner Tasche. Als er die Wache erreichte, baute er sich hinter dem Soldat auf und hob bedrohlich die Faust. Mit voller Wucht ließ er sie auf den Kopf des Soldaten niederfahren. Ein lauter Knall übertönte den Regen und der Soldat fiel mit der Schulter voran seitlich zu Boden. Mit verschlafener Miene schaute der Soldat hoch zu dem Schatten. Es war ein älterer Mann mit langen braunen Haaren, dessen linkes Auge ergraut war. Er trug ein Gambeson, der bis zu seinen Knien reichte und hielt in der linken Hand einen Lederriemen. Sein Blick ruhte auf den Soldaten, der sich verschlafen die Augen rieb.

„Ist es schon Zeit fürs Frühstück?“ fragte der Soldat und gähnte laut, während er sich desorientiert umschaute. Er war ein junger Mann von 16 Götterläufen und seine blonden Haare waren kurz geschnitten und tanzten im Wind. Auf seinem markanten Kinn wuchs schon der erste Flaun, der noch weit davon entfernt war als Bart bezeichnet zu werden.

„FRÜHSTÜCK???“ Schrie der ältere Mann wutentbrannt aus. „Ich geb dir gleich Frühstück, Alrik!“ Dann griff er mit der rechten Hand an Alriks Oberarm und zog ihn hoch. „Bei den 12 in Alveran! Ich hab wirklich alles Versucht um dir Vernunft und Disziplin beizubringen, aber anscheinend willst du nicht lernen!“ Alrik versuchte sich dem Griff des Mannes zu entziehen, doch es nützte nichts und so zog der Mann den Jungen hinter sich her in den Regen.
„Aber ich habe doch Wache gehalten, so wie ihr wolltet Garion.“ Beschwerte sich der Junge. Da riss der Mann Alrik nach vorne und warf ihn in das matschige Graß. Mit dem Gesicht voran viel der Junge der Länge nach hin und der feuchte Boden tränkte seine Kleidung. Er merkte wie der Wind durch seine nassen Sachen blies und schlagartig fing er an zu frieren. Der ältere Mann umkreiste ihn
und schaute eiskalt in sein matschverdrecktes Gesicht.

„Erstens Bübchen, heiße ich MEISTER Garion für dich. Merk dir das endlich mal! Und meinst du wache zu halten bedeutet einfach so einzuschlafen?“

„Ich habe doc…“ versuchte Alrik sich zu verteidigen.

„Schweig! Was wenn Feinde angegriffen hätten? Meinst du im Krieg machen die Gegner auch Halt, wenn sie sehen, dass du schläfst?“ Meister Garion hielt inne. Er sah, wie Alrik beschämt den Kopf senkte, sah wie sein ganzer Körper vor Kälte zitterte. „Jetzt steh auf bevor Boron dich kommen holt.“ Wortlos gehorchte der Junge. Dann machten sie sich wieder auf zur Akademie, wobei sich
Alrik in seinen wärmenden Umhang vergrub.

Die Akademie lag am Rande eines kleinen Waldes und bestand aus einem Turm aus Stein, dem Haupthaus und dem Übungsplatz. Umgeben wurde sie von einer zwei Schritt hohen Mauer, die ein einzelnes Tor besaß vor der zwei Wachsoldaten standen. Die Soldaten waren ebenfalls Lehrlinge der Akademie, jedoch waren sie deutlich älter als Alrik. Als sie Meister Garion sahen, salutierten sie mit dem traditionellen Rondragruß.

Auf dem Übungsplatz angekommen sagte Meister Garion nur: „Jetzt geh auf dein Zimmer. Und dort bleibst du, bis ich es sage!“ Alrik erkannte, dass es wenig Sinn machen würde jetzt zu widersprechen und fügte sich wortlos. Sein Zimmer lag im Keller des Haupthauses, welches ungefähr 30 Schülern Platz bot. Früher diente das Zimmer als Arrestzelle für widerspenstige Schüler, da Alrik aber die meiste Zeit hier verbrachte und ihn seine Kameraden aus dem Schlafsaal geworfen haben, wurde dies sein neues Heim. Das Zimmer lag in vollkommener Dunkelheit und besaß nicht viel mehr als ein Bett und ein Nachttisch, auf dem ein Gebetsbuch der Herrin Rondra lag. Kein Fenster erhellte den Raum und der Junge umarmte die Dunkelheit, wie einen alten Freund. Er mochte die Dunkelheit, jedoch nicht, weil seine Gedanken böser natur waren, oder er verbotene Dinge anstellte, sondern weil sie ihm das gab, was ihm kaum jemand geben konnte. Es gab niemanden der ihn so gut verstand, außer seinem Bruder und neben ihm gab es niemanden den Alrik mehr traute, als er ihn hätte werfen könne, weder Familie noch Freunde. Denn Freunde, oder Personen die Alrik als Freund angesehen hätte, gab es
für ihn nicht.

Alrik knallte die Tür hinter sich zu und quälte sich aus den nassen Sachen. Erschöpft ließ er sich aufs Bett fallen und kauerte sich unter die Decke. Wortlos starrte er auf die Zimmerdecke. Seine Gedanken wanderten zu seinem Vater, der ihn vor Jahren hierhin geschickt hatte um eine kriegerische Ausbildung zu absolvieren. Alriks Vater war ein wohlhabender Kaufmann, der sein Geld vor allem mit dem Handel von wertvollen Gewürzen, Stoffen und Schmuck verdiente. Während sein Bruder Merian von einem reisenden Magier als „Naturtalent“ bei der Akademie Drakonia empfohlen wurde, war Alrik eher der Taugenichts der Familie. Es machte sich nicht viel daraus Bücher zu lesen, oder zu studieren, sondern verbachte die Zeit lieber mit sinnlosen Taten. Als er jedoch älter wurde und der Vater in ihm keinen würdigen Erben sah schickte er ihn auf die Kriegerakademie in Weiden, wo er lernen solle, was es heißt ein richtiger Mann zu sein. Doch in den Jahren hatte sich sein Verhalten kaum geändert, er war undiszipliniert und verbrachte die meiste Zeit damit, den Küchendamen hübsche Augen zu machen. Er wurde schon oft dafür mit Stubenarrest bestraft, doch das kümmerte ihn nicht mehr sonderlich. Solange sein Vater die Schule bezahlt, würden sie ihn auch weiter unterrichten.

Am nächsten Morgen wurde er durch das Rascheln von Schlüsseln an seiner Tür geweckt. Verschlafen blickte er sich um. „Wer.. Wer da?“ fragte er in die Dunkelheit.

„Befehl von Meister Garion.“ Ertönte es nur hinter der Tür und kurz darauf entfernte sich die Person fröhlich pfeifend und mit kräftigen Schritten. Entmutigt ließ er den Kopf auf das Bett fallen. ‚Beim Namenlosen‘ dachte er sich.
Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn eingesperrt hatten als Bestrafung, und jedes Mal wurden die Zeiten, die er in der Dunkelheit verbringen musste länger. Dabei war es nicht die Dunkelheit die ihn störte, sondern vielmehr die Langeweile, die ihm jedes Mal die Kräfte kostete.

Minuten fühlten sich an wie Stunden. Und Stunden kamen ihm vor wie Tage. Das erneute Rascheln an der Tür riss ihn aus seinen Träumen und ein kleiner Schlitz am Türboden öffnete sich, aus dem Licht in das Zimmer fiel. „Dein Essen, Alrik.“ Hörte er nur eine raue Stimme und sah wie ein Tablett hindurchgeschoben wurde.
Dann schloss sich die Lucke wieder und er blieb wieder alleine. Die Zeit verging und während er im dunklem Zimmer hockte verlor er immer mehr das Gefühl für die Zeit. Bis auf das tägliche Essen kam niemand sonst vorbei. Nur er. Die Stille. Das Tapsen der Mäuse. Das Knarren der Tür.

‚Wie lange ich wohl hier bin?‘ er fing an zu zählen. Doch bald verliefen sich seine Gedanken.
Gingen an einen anderen Ort. Perricum, die Küste, das Meer. Der Geruch des Salzes.

Ein Geräusch. Er sprang aus dem Bett und schlich zu Tür. Da war jemand. „Wer da? Meister Garion?“ Rief er, wobei ihm seine eigene Stimme fremd vorkam.

„Psssst! Ich bin es Alrik.“ Er brauchte einen Moment um die Stimme zu erkennen. Es war Lanaria die Küchenmagd, in die er sich vor einpaar Monden verliebt hatte. Das sagte er ihr zumindest immer, denn im Inneren wusste er, dass dies nicht der Fall ist. In Gedanken malte er sich ihre langen schwarzen Haare aus, den Duft ihrer Haut. Schon oft genug hatte er sich während der Wache davon gemacht, um die Nacht mit ihr zu verbringen.

„Ach du bist es.“ Sagte er schließlich und rutschte mutlos die Tür hinunter. „Wie lange bin ich schon hier?“

„Bis jetzt waren es 4 Praiosläufe.“ Antwortete sie mit besorgter Stimme. „Ich habe gehört wie Meister Garion mit seinen Lehrern über dich gesprochen hat. Sie haben darüber geredet ob sie dich von der Akademie werfen.“

Alrik winkte verächtlich ab. „Das können sie nicht. Solange mein Vater..“ Alrik schreckte auf. Oben wurde eine Tür zugeknallt.

„Ich komme nachher wieder.“ Sagte sie und er hörte wie sich ihre Schritte entfernten. Gelächter hallte durch den Gang und die Stimmen zweier Männer kam auf sein Zimmer zu. Einer der Männer schlug machtvoll mit der Faust gegen die Tür und rief: „He Alrik. Meister Garion will dich sehen. Steh auf.“

Dann folgte lautes Gelächter und die Tür wurde aufgeschlossen. Das Licht blendete ihn und mit einem hämischen Grinsen standen ihn zwei junge Männer gegenüber, die vielleicht gerade einmal einen Götterlauf älter waren als er selbst. Einer der Männer packte ihn und schubste ihn vor sich zur Treppe des Kellers.
Das Sonnenlicht brannte in seinen Augen und er hörte nur Holz, das auf einander knallte und hier und da das Klingen von Stahl. Langsam gewöhnte er sich an das Licht und sah, dass der Übungsplatz voll mit jungen Kriegern war, die fleißig ihre Übungen verrichteten.
„He nicht einschlafen.“ Sagte eine der Wachen und schubste ihn in Richtung von Meister Garion, der etwas abseits stand. Als sie ihn erreichten blickte dieser nur emotionslos auf Alrik und bedeutete den anderen Beiden wieder ihre Übungen aufzunehmen. Für einen Moment herrschte schweigen.

Dann als Alrik das Wort an den Meister richten wollte, sagte dieser: „Wir haben eine Entscheidung getroffen, Alrik.“ Meister Garion seufzte. „Jung. Wir haben alles versucht, aber du willst anscheinend nicht lernen. Und deswegen werden wir dich von der Akademie ausschließen.“ Alrik blickte Garion entgeistert an.
„Das könnt ihr nicht machen. Ich werde mich bessern. Bei den 12 ich verspreche es.“ Verteidigte sich der Junge, doch der Meister schüttelte nur den Kopf. „Dafür ist es zu spät Alrik.“

„Wenn mein Vater davon erfährt…“ stieß Alrik wutentbrannt heraus.

„Drohst du mir Bursche?“ antwortete Garion nur kühl und sah, wie der Junge die Fäuste ballte. „Außerdem ist dein Vater schon unterwegs. Wir erwarten ihn gegen Abend.“ Alrik senkte den Blick. „Geh und pack deine Sachen Bursche. Heute Abend verlässt du diese Akademie.“ Damit wandte sich Garion ab und ließ Alrik allein.


In seinem Zimmer setzte er sich für einen Moment auf das Bett. Es war seine Schuld, dass er gehen musste. Wie sein Vater wohl darauf reagieren würde? Nun für ihn war Alrik sowieso nicht mehr als ein Taugenichts, dessen bloße Anwesenheit ihm nie behagt hatte. Deswegen erwarb der Vater auch einen Platz in einer Akademie, die möglichst weit von Perricum entfernt lag. Doch Alrik wollte nicht
wieder zurück nach Hause. Dort wo er sowieso nur als Ballast und Schande für seinen Vater angesehen wurde.
„Darf ich eintreten?“ fragte eine liebliche Stimme und riss ihn aus seinen Gedanken. Es war Lanaria, die in ihrem hellbraunen Kleid in der Tür stand und nervös an ihren Haaren spielte.
„Ja gewiss.“ Antwortete Alrik nur. Sie setzte sich neben ihn auf das Bett und legte die Hand auf sein Knie.
„Was hat Garion gesagt?“ fragte sie. Er schaffte es nicht ihr in die Augen zu schauen, sondern blickte nur starr zu Boden. „Ich muss die Akademie verlassen.“ Antwortete er schließlich. Er spürte wie sie ihre Hand wegnahm.
„Was wirst du jetzt tun?“ fragte sie mit zitternder Stimme. Er blickte sie lange an und sagte dann. „Komm mit mir.“
„Wie bitte?“ fragte sie entgeistert.
„Komm mit mir nach Perricum. Wir könnten dort zusammen leben.“ Für einen Moment herrschte schweigen. „Und wovon sollen wir leben?“ fragte sie schließlich.
„Ich könnte meinem Vater helfen, oder als Fischer..“ „Du als Fischer?“ dabei schaute sie Alrik an, als ob dieser einen bösen Scherz machen wollte. „Ich könnte auch..“ Wollte er fortfahren, aber sie unterbrach ihn. „Alrik seit dem ich dich kenne hast du noch nie etwas gemacht.“ „Das stimmt nicht ich… habe..“ er überlegte, doch bei den Göttern es fiel ihm nichts ein. Schweigend stand Lanaria auf und ging auf die Tür zu.
„Wenn du es wirklich ernst meinst, dann komm morgen zu mir.“ Sagte sie und drehte sich zu ihm um. Mit glasigen Augen schaute sie ihn an. „Ich hoffe wirklich du kommst.“ Dann ging sie.


Als Alrik mit seinem Sachen aus dem Keller auf den Übungsplatz hervortrat, sah er eine Kutsche durch das Tor fahren. Er kannte diese Kutsche nur zu gut, genauso wie den dicklichen Mann der sich nur versuchte aus der Tür zu zwängen. Sein Vater war in den vergangenen Götterläufen noch dicker geworden, als Alrik ihn in Erinnerung hatte. Der rundliche Körper war eingehüllt in teure Hemden aus Samt, und die Brust ging übergangslos in den Kopf über. Zumindest sah es so aus. Mit den Händen kramte er ein kleines Taschentuch hervor und tupfte sich damit seine Schweißtropfen von der Stirn. Schon von weitem erkannte Alrik die auffälligen Ringe und Ketten aus Silber und Gold, die sein Vater gerne trug. Sie funkelten hell im untergehendem Schein der Praiosscheibe.

Meister Garion eilte ihm entgegen und wies ihm den Weg zu einer kleinen hölzernen Bank. Alrik seufzte und versuchte sich zu beruhigen, während er langsam auf sie zu ging.
„Ach diese Hitze bringt mich noch um.“ Klagte Alriks Vater und strich mit dem Taschentuch über seine Glatze. Dabei war es, obwohl den ganzen Tag die Praiosscheibe schien, relativ mild. „Sagt Meister Garion, wie haltet ihr das bloß aus?“

„Nun mein Herr Fidian, wenn man den ganzen Tag unter der Praiosscheibe umherläuft, gewöhnt man sich schnell daran.“ Alrik verlangsamte seinen Schritt. Er wollte eigentlich gar nicht mit seinem Vater reden. „Sohn komm näher.“ Rief dieser nur und winkte ihn wie einen Diener zu sich. „Was habt ihr so dringendes mit mir zu besprechen, dass ich unbedingt aus Gareth anreisen musste?“ Alrik war verwundert, denn eigentlich lebte sein Vater in Perricum. „Nun um ganz offen zu sprechen Herr Fidian, die Leiterin der Akademie Hildegard von Gerldwalden, ich sowie die führenden Lehrer sind zu dem
Schluss gekommen euren Sohn nicht länger zu unterrichten.“ Entgegnete Meister Garion.
Alriks Vater brach in schallendes Gelächter aus. „Ihr beliebt zu scherzen Meister Garion. Ich weiß Alrik ist etwas schwierig, deswegen übergab ich ihn eurer Akademie, damit er Disziplin lernt. Falls es eine Frage des Geldes ist, so..“
„Nein das ist es nicht.“ Unterbrach ihn Meister Garion, wobei sein Ton scharf und befehlend war. „Euer Sohn meint am Unterricht nicht Anteil nehmen zu müssen. Er schläft regelmäßig während des Wachdienstes ein und was noch schlimmer ist, dass er WÄHREND des Wachdienstes die Zeit lieber den Vergnügungen Rahjas mit irgendwelchen Mägden nachgeht.“

Der Vater blickte wütend auf Alrik, dessen Kopf beschämt zu Boden gesenkt war. „Ist das so?“ sagte der Vater mit vor Zorn bebender Stimme. Ein paar Momente sah er den Jungen anklagend an und sagte dann schließlich.
„Steig in die Kutsche.“ Wortlos gehorchte dieser und auf dem Weg hörte er wie die beiden Männer sich weiter unterhielten. Doch was sie sagten, konnte oder vielmehr wollte er nicht hören.

Als der Vater nach einiger Zeit endlich in die Kutsche stieg schwankte diese unter seinem Gewicht unruhig hin und her. Er setzte sich entgegen der Fahrtrichtung gegenüber seinem Sohn hin und wischte sich wieder den Schweiß von seinem Kopf. Dann klopfte er mit der Faust gegen die Rückwand und die Kutsche setzte sich in Bewegung. Alrik starte aus dem Fenster der kleinen Kutsche und sah, wie die Akademie immer kleiner wurde, bis sie schließlich am Horizont verschwand.

„Kannst du dir eigentlich ausmalen, wie sauer ich auf dich bin?“ begann sein Vater schließlich, doch Alrik starte weiter aus dem Fenster. Die Ohrfeige traf ihn mitten ins Gesicht. „So jetzt hör mir zu Bursche, denn ich bin es langsam leid mit dir!“

Alrik blickte seinen Vater tief in die Augen und rieb sich die schmerzende Wange.
„Du bist eine Schande weißt du das? Nichts kannst du richtig machen. Die Götter haben mich wirklich mit dir gestraft.“ Sein Vater holte Luft und tupfte sich wieder mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Dein Bruder ist so talentiert, wieso kannst du nicht etwas mehr sein wie er?“

Jetzt ging das wieder los. Immer wurde Alrik mit seinem Bruder verglichen. Ja sein Bruder war wesentlich fleißiger als er, dass musste er eingestehen. Nicht das Alrik neidisch darauf wäre, aber er mochte es nicht wenn sein Vater ihn mit seinem Bruder verglich. Was jetzt folgte, waren die üblichen Lobpreisungen für seinen Bruder, welche Alrik schon im Schlaf kannte. Sein Bruder der Gelehrte, der elementum ignis scolasticus, Magus des Feuers und Absolvent des ersten Kreises der Elemente. Alrik hasste seinen Bruder nicht dafür, er mochte ihn, auch wenn er von anderen als Arrogant und egoistisch bezeichnet wurde. Sein Bruder pflegte immer zu sagen: „Geistige Überlegenheit kann schon mal für das ungebildete Volk als Arroganz gesehen werden.“ Alrik hatte bisher nicht ein Wort davon verstanden, aber es hörte sich immer gut an.

„Gut dann wäre das entschieden.“ Sagte sein Vater und diese Worte rissen Alrik aus seinen Gedanken. Die Kutsche hielt an und fragend schaute Alrik nach draußen. Die Dämmerung war bereits angebrochen und die letzten Strahlen der Praiosscheibe erhellten den Himmel. „Was ist entschieden?“ fragte er seinen Vater. Dieser zeigte nur wortlos auf die Tür der Kutsche. Alrik stand auf und öffnete sie, doch als er hinaus blickte, sah er weder ein Dorf, noch eine Taverne in der sie hätten übernachten können.
„Aber…“ fing Alrik an. Doch ein kräftiger Schubs von hinten und er verlor das Gleichgewicht. Mit den Armen rudernd fiel er nach vorne auf den harten Boden des Weges. Ein Schmerz durchfuhr seinen ganzen Körper und benommen hört er die Geräusche der Kutsche hinter sich. Verwirrt und mit schmerzenden Knien versuchte er wieder auf die Beine zu kommen, doch es gelang ihm nicht. Er hob den Blick und sah wie sich die Kutsche rasch entfernte.
Gleich würde sein Vater halt machen und ihn wieder zurückholen, dachte sich der Junge. Und tatsächlich die Kutsche wurde kurz darauf langsamer. Alrik lächelte innerlich und wollte sich gerade erheben. Doch sein Vater hegte keineswegs den Wunsch den Sohn mitzunehmen, sondern warf nur dessen Sack in einem hohen Bogen aus dem Fenster der Kutsche.

Wortlos und auf dem Weg hockend betrachtete Alrik, wie die Kutsche sich weiter entfernte. Dann verschwand sie in der fortschreitenden Dunkelheit. Er war allein. Und besaß nicht viel mehr als die Sachen im Rucksack, der ein paar Schritt entfernt lag, und die paar Silbertaller in seiner Tasche.
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