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„Du bist zu spät!“

von MonaLilly
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteLiebesgeschichte / P6 / Gen
Kim Mr. Faraize Rosalia
13.04.2014
13.04.2014
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Mit einem leichten, erleichterten Seufzen packe ich meine Sachen zusammen. Ich bin mal wieder der Letzte, der die Schule verlässt. Alle anderen sind schon nach Hause gegangen. Wir haben das Klassenzimmer der Zehnten gestrichen. Einige Schüler und ich als Aufsichtsperson. Schließlich musste jemand die Schule nach der Aktion abschließen.
Die letzten hartnäckigen Helfer habe ich vor einer Stunde nach Hause geschickt, anschließend die Pinsel ausgewaschen und das Zimmer grob aufgeräumt. Ein letzter Blick in den Klassenraum und ich bin mir sicher, dass ich mich endlich nach Hause wagen kann, ohne dass die Direktorin am Montag einen Anfall bekommt, wenn sie es sieht.
Auf dem Lehrerparkplatz steht nur noch ein alter blauer VW-Käfer, den ich ansteuere. Er ist rostig und hätte schon längst in die Reparatur gemusst, aber mir bleibt weder das Geld noch die Zeit um irgendwie in das Auto zu investieren. Ich stecke den Schlüssel ins Türschloss, drehe ihn um und trete im nächsten Moment gegen die Tür. Das Schloss geht nicht auf. Zum wiederholten male. Ich schicke nur ein Stoßgebet zum Himmel, dass sich die Beifahrertür öffnen ließe. Mit schnellen Schritten umrunde ich das Auto. Es ist zu dieser Zeit schon dunkel und ich will nur noch nach Hause in mein Bett. Der Schlüssel steckt. Ich halte die Luft an. Er dreht sich. Endlich kann ich meinen Wagen öffnen. Umständlich klettere ich über die Beifahrerseite auf den Fahrersitz und stelle meine Tasche neben mir auf den Sitz. Ich bin nur froh, dass weder Kollegen noch Schüler anwesend sind. Die ganze Situation hätte morgen für viel Gesprächsstoff auf dem Pausenhof, im Lehrerzimmer und den Klassen gesorgt.
Als ich es mir bequem gemacht habe, entdecke ich im Fußraum mein Handy. Es ist eines von denen, mit denen man ein Mord begehen könnte, wie die Schüler sagen würden. Ich wusste, ich habe es irgendwo verloren. Umso glücklicher bin ich nun, es doch noch gefunden zu haben. Ein Blick auf das Display verrät mir, dass meine Frau mich versucht hat zu erreichen. 28 unbeantwortete Anrufe und zwölf ungelesene Nachrichten. Kurz überlege ich, mir zumindest die Nachrichten durch zu lesen, entscheide mich dann aber dagegen. Was es auch ist, es kann sicher noch warten.  
Den Heimweg bis vor meine Haustür erledige ich in dieser gewissen Trance, wenn man etwas jeden Tag macht. Mit meinem ersten Schritt ins Haus merke ich, dass etwa anders ist. Es herrscht Stille. Es ist keine angenehme Stille sondern eher die Art von Stille, die man von dem Momenten in Filmen kennt, bevor etwas schreckliches passiert. Mein Weg führt mich in die Küche, wo meine Frau sitzt. Am Küchentisch, die Arme vor der Brust verschränkt. Ich will sie schon begrüßen, da bemerke ich ihren Blick. Er ist kühl. Das Lachen in ihm, was ich so liebe, fehlt. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und meine Begrüßung bleibt mir im Hals stecken.
„Du bist zu spät!“, sind ihre einzigen Worte.
„Hatte ich dir nicht von der heu...“, will ich ihr erklären, aber sie fällt mir ins Wort.
„Du hättest heute Abend mit mir im Kino sitzen sollen. Denkst du da nicht mal dran, Antoine? Manchmal denke ich, du bist mit deinem Job verheiratet anstatt mit mir.“, beschwert sie sich und ich meine in ihren Augenwinkeln unterdrückte Tränen zu sehen, in ihrer Stimme, die unterdrückte Wut zu hören.
Mir fällt alles wieder ein. Ich hatte tatsächlich ein Date mit ihr. Als Entschädigung, dass ich so wenig Zeit für sie habe. Und ausgerechnet dieses verpasse ich. Ich bin ein schrecklicher Ehemann.
Ich weiche ihren Blick aus. Kann die Anklage darin nicht vertragen.
Ich versuche verzweifelt eine Lösung zu finden.Es muss doch einen Weg geben, einen Kompromiss zu finden. Ich möchte sie nicht enttäuschen. Nicht schon wieder.
„Wir könnten uns doch den Film noch jetzt anschauen. Es läuft eine späte Vorstellung und da morgen Sonntag ist, können wir ausschlafen.“, schlage ich vor.
„Das geht nicht. Der Kleine liegt im Bett und ich habe die Babysitterin nach Hause geschickt.“
Ich bin eine Weile ruhig. Sie auch. Keiner will als erster das Wort ergreifen. Schließlich erlöst uns das Klingeln an der Haustüre. Wir sehen uns an, dann zur Haustür. Keiner will in der jetzigen Stimmung an die Tür gehen. Es klingelt ein zweites mal, was mich schließlich zum Aufgeben drängt.
Ich gehe zur Tür und davor stehen zwei meiner Schülerinnen, Rosa und Kim. Ohne meine Begrüßung abzuwarten, plappern sie los. Kim zuerst.
„Wir haben ihre Brieftasche gefunden.“
„Auf dem Lehrerparkplatz. Wir waren auf dem Weg zu dieser Party.“
„Da ist der Schulhof einfach eine super Abkürzung.“
„Auch wenn wir wissen, dass das eigentlich verboten ist.“
Die beiden überrollen mich mit ihrer Energie fast, stocken dann aber, sehen zuerst mich an, dann einander und schließlich wieder zu mir.
Als sie jetzt wieder anfangen zu reden, sprechen sie langsamer. Es ist diesmal Rosa, die das Wort als Erste ergreift.
„Ist alles in Ordnung mit ihnen?“
„Können wir ihnen helfen?“
Ich schüttele energielos meinen Kopf, entgegne dann: „Ich habe nur ein wenig Streit mit meiner Frau. Aber das sollte euch nicht kümmern.“
„Was ist denn los?“ fragt Rosa.
„Können wir ihnen wirklich nicht helfen?“
„Nur wenn ihr zu dieser Stunde einen Babysitter auftreiben könnt.“ entgegne ich ihnen in einem leicht sarkastischen, stark erschöpften Tonfall.
Kim und Rosa tauschen wieder einen Blick aus, der darauf hindeutet, dass sie einen Plan aushecken.
„Also wären ihre Probleme gelöst, wenn sie jemanden hätten, der auf ihren Kleinen aufpasst?“ will Rosa wissen. Ich nicke nur. Wieder dieser Blick.
„Wir können das übernehmen.“, sagen beide wie aus einem Mund.
„Mädels, dass ist echt nett, aber das müsst ihr nicht machen. Ich will euch nicht von eurer Party abbringen. Und vielleicht wird das auch zu viel für euch.“, versuche ich sie von ihrem Plan anzuhalten.
„Ich habe zwei kleine Geschwister zu Hause. Ich kriege das hin“, entgegnet Kim.
„Sie tun so viel für uns. Es wird Zeit, dass wir uns revanchieren. Außerdem gibt es jedes Wochenende Partys, zu denen wir können.“ fügt Rosa hinzu.

Eine halbe Stunde später stehe ich in Hemd und Jackett in der Tür zum Wohnzimmer. Rosa und Kim sehen vom Sofa zu mir herüber. Meine Klamotten sind ein ungewöhnlicher Anblick für sie.
„Schick sehen sie aus.“ bemerkt Rosa.
Meine Frau dreht sich um und nickt zustimmend.
„Wo sie Recht hat, hat sie Recht.“ bestätigt sie Rosas Kompliment.
Sie steht auf, um mir ein Kuss auf die Wange zu geben. Ein wenig peinlich ist mir dieser private Augenblick schon, aber er ist schon wieder vorbei, als ich zur Haustür gezogen werde.
„Ihr wisst ja über alles Bescheid. Wir sehen uns dann nachher.“ ruft meine Frau noch schnell über die Schulter, bevor die Haustür ins Schloss fällt. Das Geräusch, was sie dabei macht, klingt wie ein Versprechen auf einen wundervollen Abend.
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