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Archangel's Journey

von Andauril
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Gen
Aria T'Loak Commander Shepard David Anderson Garrus "Archangel" Vakarian
11.04.2014
24.05.2014
15
37.220
4
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11.04.2014 1.565
 
Die Normandy war kein reines Menschenschiff. Sie war ein Gemeinschaftsprojekt von Turianern und Menschen, und vielleicht fand Garrus sich deswegen so schnell hier zurecht. Es war gerade vertraut genug, damit er sich wohlfühlen konnte, aber nicht vertraut genug, um sich als Teil der Crew zu fühlen.

Es lag nicht am Design des Schiffes. Es lag an den Menschen.

Nicht alle waren froh ihn auf dem Schiff zu haben. Er hatte Misstrauen oft genug gesehen, um es wieder zu erkennen, selbst auf den fremden Gesichtern von Menschen.

Die Menschenfrau Garrus‘ glaubte, ihr Name war Williams, aber er hätte keine Wette darauf abgeschlossen – beobachtete ihm von anderen Ende der Messe aus mit zusammen gezogenen Augenbrauen.

Garrus ignorierte sie, während er einen der scheußlichen Dextro-Rationsriegel herunterwürgte.

Eine zweite Frau betrat die Messe. Der Commander, Shepard. Ihr Blick zuckte kurz von Williams zu Garrus. „Gibt es ein Problem, Chief?“

Williams schüttelte den Kopf. Garrus war zu unvertraut mit menschlicher Mimik, um zu erkennen, was der Ausdruck auf ihrem Gesicht bedeutete.

Gut“, kommentierte Shepard, und ihre Mimik verriet nichts.

Sie sagte nichts weiter, sondern ging zu ihm hinüber. Sie setzte sich auch nicht, sondern verharrte in bequemer Haltung ein paar Schritte von ihm entfernt.

Wie kommen Sie so zurecht, Garrus? Sie kommen doch zurecht?“

Ich komme zurecht. Danke fürs Fragen.“ Vielleicht hatte sich das etwas zu kurz angebunden angehört. Er fügte schnell hinzu: „Ich bin froh, dass Sie mich haben mitkommen lassen, Commander.“

Ihre Mundwinkel hoben sich ein wenig. Gleichfalls.“

Es war nur ein einzelnes Wort, aber es sorgte dafür, dass ein wenig von dem Gefühl, nicht wirklich dazu zu gehören, verschwand. Seine Mandibeln entspannten sich etwas; es war der winzige Ansatz eines Lächelns.

Ein aufdringliches Trällern riss Garrus aus seinem Schlaf. Mit einem Ruck saß er aufrecht im Bett.

Sein Computer meldete einen Anruf über Extranet, und da … Er schob den Gedanken zur Seite. Er wollte diese Stimme nicht, brauchte sie nicht. Er wollte nicht einmal darüber nachdenken, dass es nie wieder passieren würde. Nicht jetzt.

Immer noch leicht schlaftrunken ließ er sich auf den Stuhl vor seinem Computer sinken. Es würde weiter trällern, so gut kannte er seine Schwester. Solana konnte unglaublich hartnäckig sein, wenn sie etwas wollte.

„Anruf annehmen“, murmelte er.

Halt es kurz.

Zumindest lenkte ihn das vielleicht ab von … von der Sorte Erinnerung, die er gerade am allerwenigsten gebrauchen konnte.

„Endlich! Du hast dich nicht zurückgemeldet …“ Solana verstummte jäh, und Garrus erkannte den Ausdruck von Sorge auf ihrem Gesicht. „Geister, Garrus, du siehst schrecklich aus. Was ist passiert?“

„Nichts. Mir geht’s gut“, versicherte er ihr schnell, aber seine Subharmonischen erzählten etwas anderes.

Er brauchte seinen Visor nicht, um zu erkennen, dass Solana daraufhin seufzte. „Du warst schon immer ein miserabler Lügner, G. Was ist es?“

Er hätte sagen können: Shepard ist tot. Falls sie das nicht bereits wusste, solche Nachrichten verbreiteten sich schnell. Aber stattdessen sagte er: „Ich hab das Training hingeschmissen.“

Vorwürfe konnte er jetzt eher vertragen als Mitleid. Als Verständnis. Solana hatte Shepard nicht gekannt, hatte sie nie getroffen. Sie konnte so tun, als würde sie verstehen. Sie konnte es versuchen.

Aber es änderte nichts daran, dass sie den Verlust nicht nachvollziehen konnte.

„Garrus!“ Solanas Mandibeln zuckten vor Missfallen. „Dad war gerade soweit, es zu akzeptieren. Und du schmeißt hin? Was hast du dir dabei gedacht?“ Der Unterklang in ihrer Stimme verriet ihm, dass sie nicht begeistert war. „Nein, sag nichts. Du hast mal wieder gar nicht nachgedacht. Du …“

„Es war die richtige Entscheidung“, unterbrach er sie, und er war sich bewusst, dass seine Subharmonischen viel mehr aussagten als das.

„Dann hattest du einen Grund. Verstehe.“ Ihre Mandibeln erbebten kurz, unbehaglich. „Natürlich hast du den. Geister, ich wünschte, ich könnte dich zwingen, zu reden. Du siehst nämlich wirklich schrecklich aus, G, und ich kenne dich. Das ist fast derselbe Ausdruck, denn du damals hattest, als Mom … als es anfing.“

„Mir geht’s gut.“

„Nein, verdammt. Lüg mir nicht ins Gesicht, Garrus. Du …“

„Wir sehen uns. Grüß Mom von mir.“ Er beendete den Anruf.

Erneut trällerte der Computer – natürlich versuchte Solana, zu ihm durchzukommen – aber Garrus schaltete ihn einfach ab. Komplett. Das Trällern verstummte.  

Die Stille hatte nichts Befreiendes. Im Gegenteil, sie lastete auf seinen Schultern, nur übertönt von dem Flüstern in seinem Kopf, der Stimme, die nicht schweigen wollte.

Tot, tot, tot.

„Verdammt, Shepard. Was soll ich tun?“

Er bekam keine Antwort, und seine Stimme klang zu laut in der Stille.

Garrus starrte auf den abgeschalteten Computer vor sich und ballte eine Faust. Die Leere in seiner Wohnung war zermalmend. Es fühlte sich falsch an, nur da zu sitzen und zuzusehen, wie alle ihn – und Shepards Warnungen – ignorierten. Es fühlte sich falsch an, hier zu sein.

Ich sollte nicht mehr hier sein.

Niemand hörte ihm zu. Alle taten so, als würden sie es tun, aber keiner nahm ihn ernst. Die Citadel war von einer ganzen Flotte von Geth angegriffen worden, angeführt von einem Schlachtschiff, das kein Geth sein konnte, und trotzdem nahmen sie ihn nicht ernst.

Er hörte Leela Vanalis Worte in seinem Kopf widerhallen: „Es gibt keinen Beweis für die Existenz dieser Reaper. Wie oft hatte er sich das anhören müssen? Wie oft hatte Shepard sich das anhören müssen?

Hier verschwendete er nur seine Zeit.

Ich sollte nicht mehr hier sein.


Er hatte nicht viel bei sich. Seine Mantis, Omni-Tool, eine Handvoll Wechselkleidung. Alles zusammen war fast weniger als Handgepäck und mehr brauchte er nicht.

Garrus trat von einem Beim aufs andere, während er wartete.

Die Citadel verlassen … irgendwohin gehen, wo er das Gefühl hatte, etwas Sinnvolles zu tun … wo er die Stimme zum Schweigen bringen konnte, die ihn verfolgte.

Tot, tot, tot. Sie ist tot. Die Reaper werden kommen und sie ist nicht hier. Tot, tot. Totototot. Du hast versagt, du hast sie enttäuscht.

Garrus presste die Mandibeln fest gegen seine Wangen. Sei still.

Als der Raumliner endlich eintraf und die Aufforderung erklang, an Bord zu gehen, hätte er beinahe erleichtert geseufzt. Er konnte es kaum erwarten, von hier fortzukommen.

Eine Stunde später blickte Garrus aus einem der Fenster des Raumschiffes – ein Militärraumschiff würde sich niemals so große Fenster erlauben, flüsterte es in seinem Kopf, und er war nicht völlig sicher, ob es seine eigenen Überlegungen waren oder die Stimme einer toten Freundin – und beobachtete, wie die Citadel hinter ihm zusammenschrumpfte und im staubigen Nebel und der Dunkelheit des Alls allmählich verschwand.

Ein Teil des Gewichts fiel von ihm ab, doch die sonderbare schwärende Leere in seinem Inneren blieb. Er fühlte sich taub auf eine Art, von der bislang nicht gewusst hatte, dass sie überhaupt existierte.

Tot, tot, tot, wisperte es hinter seiner Stirn, ein ständiges Mantra.

Ein Teil von ihm wollte nicht hinhören, wollte nicht glauben, dass es tatsächlich so war. Der andere Teil – der selbe Teil, der wütend darüber war, wie der Rat und die Spectres, wie beinahe jeder mit der Reaper-Bedrohung umging, der Teil, der seine Augen nicht vor der Wahrheit verschließen konnte und wollte, egal, wie sie aussah – wusste, dass die Stimme recht hatte.

Zumindest hatte er jetzt ein Ziel. Einen Plan.

Sein Vater, seine Schwester hätten ihn verrückt genannt, wenn er ihn laut ausgesprochen hatte. Er konnte es ihnen nicht verübeln. Ab und an fragte er sich, ob er wirklich verrückt geworden war.

Aber es ist den Versuch wert. Und ich schulde ihr das.

Das Mass Relay tauchte im Staubnebel vor ihnen auf und Garrus machte sich bereit für den Moment der Desorientierung, wenn sie das Portal passiert hatten.

Ein plötzlicher Ruck erfasste das Schiff und für einen irritierenden Moment hatte Garrus das Gefühl, an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Der Eindruck schwand nur langsam, aber er wusste, dass sie sich jetzt viele hunderte Lichtjahre von der Citadel entfernt befanden.

„Ankunft in Nos Astra, Illium, in zehn Stunden!“, verkündete eine weibliche Stimme über Interkom. Vermutlich Asari.

Garrus trat vom Fenster zurück und machte sich auf den Weg zu dem winzigen Quartier, dass er auf dem Raumliner gemietet hatte. Es brachte nichts, zehn Stunden lang aus dem Fenster zu starren.

Er war nie geduldig genug dafür gewesen. Seine Mandibeln zuckten in einem kläglichen Schatten eines Lächeln. Geduld war ihr Ding gewesen. Shepard hatte stundenlang warten können, ohne sich zu bewegen, ohne ein Wort zu sagen.

Es sei denn …

Stop!

Die Vergangenheit war vergangen, und so sehr er es wollte, er konnte sie nicht ändern. Aber die Zukunft war noch offen. Darauf würde er sich konzentrieren. Und nur darauf.

Zumindest war es das, was er sich einzureden versuchte.


Nos Astra war auf den ersten Blick typisch Asari. Garrus hatte keine Ahnung, wie er es sonst beschreiben sollte. Die Wolkenkratzer besaßen eine fast schwindelerregende Eleganz, die perfekte Vereinigung von Form und Funktion. Und alles glitzerte und funkelte, aber auf eine unterschwellige Art. Nos Astra war subtil in seiner Makellosigkeit.

Aber unter der schönen Fassade roch Garrus den Hauch der Korruption und die gesetzlose Berührung der Terminus-Systeme. Nos Astra gab sich den Anschein von Glanz, aber die Wahrheit war eine andere.

Er war noch nie zuvor hier gewesen, aber er kannte den Ruf dieser Welt – nicht nur, weil sein Vater sich oft und ausschweifend darüber aufgeregt hatte. Nos Astra war das Tor zu den Terminus Systemen, und deswegen waren die gesetzlichen Regelungen hier lasch.

Es war der genau der Ort, den jemand aufsuchen würde, der so verrückt war, vom Ratssektor aus in die Terminus Systeme reisen zu wollen. Wie er.
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