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Archangel's Journey

von Andauril
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Gen
Aria T'Loak Commander Shepard David Anderson Garrus "Archangel" Vakarian
11.04.2014
24.05.2014
15
37.220
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11.04.2014 1.983
 
Zwei Monate nach dem Angriff der Sovereign auf die Citadel lagen im Präsidium immer noch Trümmer herum und an den Wänden zeigten sich hässliche Einschusslöcher.

Doch jeden Tag fand Garrus ein paar weniger – weniger Einschusslöcher, weniger Schutt, weniger Beweise dafür, was wirklich passiert war. Womit sie es wirklich zu tun gehabt hatten. Die offiziellen Berichte sagten, dass die Sovereign einfach ein großes Schiff unter Sarens Kommando gewesen war. Kein Wort darüber, dass das Schiff intelligent gewesen war und nur eines von vielen seiner Art, die darauf lauerten, die gesamte Zivilisation in der Galaxis auszulöschen.

Er konnte damit leben, dass die Zivilisten nicht erfuhren, was wirklich passiert war, aber nicht damit, wie die sogenannten Autoritäten damit umgingen.

Das war ein Grund, warum er beschlossen hatte, auf die Erwartungen seines Vaters keinen Wert mehr zu legen und das Spezialtraining zu absolvieren. Mit etwas Glück machten sie ihn zum nächsten Spectre, und dann musste der Rat ihm zuhören. Der andere Grund war Shepard.

Das Training war hart. Spectre wurde man nicht mal eben zwischendurch. Jeder einzelne war handverlesen und hatte sich besonders hervorgetan. Freie Zeit hatte er kaum noch, so wie jetzt eben.

Der Trainer war selbst ein Spectre, eine herrische Asari namens Leela Vanali, und sie hatte einen scharfen Blick. Wer nicht standhielt, wurde aus dem Programm geworfen. Das waren in den letzten Wochen einige gewesen.

Garrus hatte ihr bis jetzt keinen Grund zur Klage geliefert.

Während er an der großen Kroganerstatue im Präsidium vorbeiging, fragte er sich, wie Shepard ihn einschätzen würde, wäre sie jetzt hier. Er traute ihr zu, noch kritischer zu sein als diese Asari.

Seit zwei Wochen hatte er nichts mehr von ihr gehört. Sie war mit der Normandy irgendwo da draußen und jagte Geth. Als er das letzte Mal mit ihr gesprochen hatte, war sie darüber nicht glücklich gewesen, und Garrus verstand nur zu gut, warum.

Es war wieder ein Beweis dafür, dass die Gefahr geleugnet wurde, statt sie ernst zu nehmen.

Die Menschen hatten eine Redewendung für den Zustand, den sie gerade erlebten: Die Ruhe vor dem Sturm.

Die Gefahr war real, aber niemand wollte ohne Beweise reagieren. Und die Sovereign war offenbar nicht Beweis genug. Wie er das hasste …

In dem Augenblick meldete sich Garrus‘ Komlink. Seltsam. Für heute war er mit dem Training fertig …

„Vakarian“, meldete er sich, misstrauisch.

Es gab keine Begrüßung, nur: „Hier ist Anderson. Gut, dass ich Sie erreiche! Ich muss Sie in meinem Büro sprechen. Es ist dringend.“

Garrus hielt abrupt inne. Ihm gefiel der Tonfall des anderen nicht. Es war dieser typische „Ich habe schlechte Nachrichten“-Tonfall, der sich bei jeder Spezies ähnlich anhörte.

Außerdem wird man nicht jeden Tag vor ein Ratsmitglied zitiert.

„Bin unterwegs“, antwortete Garrus mit einem flauen Gefühl im Magen.

Der Weg zu Andersons Büro kam ihm gleichzeitig länger und kürzer vor als er eigentlich sein sollte. Seltsam, wie sich die eigene Wahrnehmung verzerrte, wenn die eigene Fantasie begann, verrückt zu spielen.

Die Fahrt mit dem Lift bis fast zur Spitze des Citadel-Turms dauerte länger als in seiner Erinnerung.

Zu Andersons Büro zu gelangen, dauerte noch länger. Für eine gefühlte Ewigkeit musste er still stehen, damit ein Scanner ihn abtasten konnte, nur um dann zu hören zu bekommen, dass er keine Freigabe für diesen Bereich besaß.

Er überlegte gerade, ob er trotzdem weitergehen sollte, als die VI-Stimme endlich sagte: „Freigabe erteilt.“

Andersons Büro zu finden war der leichteste Teil der Übung. Es stand in leuchtenden Schriftzeichen direkt über der Tür, die beständig durch alle gängigen Dialekte des Ratssektors wechselten.

Die Tür öffnete sich. Er musste nicht einmal das Panel aktivieren.

Ihm blieb nur ein Augenblick, um zu registrieren, dass Andersons Büro – obwohl geräumig – viel weniger luxuriös und protzig eingerichtet war, als er gedacht hätte. Das einzige, was es an Luxus zu bieten hatte, war ein Panoramablick auf das Präsidium mitsamt Balkon.

„Mr. Vakarian“, grüßte Anderson ihn, mit derselben „Schlechte Neuigkeiten“-Stimme wie über Komlink. Der Mann sah übel aus. Der Ausdruck in seinem Gesicht war mehr als beunruhigend.

Oh, oh … nicht gut.

Garrus hatte es nur selten bedauert, dass er während seiner Zeit auf der Normandy gelernt hatte, die menschliche Mimik zu interpretieren. Jetzt tat er es. Der Ausdruck auf Andersons Gesicht machte ihn nervös.

„Ich muss Ihnen etwas mitteilen.“

Garrus‘ Visor zeigte an, dass Andersons Atem tatsächlich zitterte, als der Mensch Luft holte.

Das machte ihn erst recht nervös. Anderson war ihm nie wie der Typ vorgekommen, der sich leicht aus der Ruhe bringen ließ. Oder leicht erschüttern.

„Wir haben einen Notruf von der Normandy erhalten“, begann Anderson und seine Stimme brauchte keine Subharmonischen, um seinen Schock zu übermitteln.

Notsignal … Normandy … Denk rational, Garrus. Es muss nicht heißen, dass …

„Was ist passiert?“ Seine Subharmonischen verrieten deutlich seine Besorgnis.

„Die Normandy wurde angegriffen“, antwortete Anderson, und klang alt. Sehr alt. „Und laut allem, was ich erfahren habe, völlig zerstört.“

„Was ist mit Shepard?“ Sie muss überlebt haben.

Andersons Blick war der eines Vaters, der sein Kind verloren hatte. „Sie ist tot. Anscheinend hat sie dabei geholfen, das Schiff zu evakuieren, und schaffte es deswegen nicht mehr rechtzeitig.“

Garrus schwieg. Er konnte nicht antworten. In seinen Ohren rauschte es.

In seinem Kopf widerholten sich immer wieder dieselben Worte: Sie ist tot. Sie ist tot.

Tot.

Nein!

„Vielleicht hat sie es doch noch geschafft. Vielleicht wurden nur noch nicht alle Rettungskapseln …“

„Wir haben sofort auf den Notruf reagiert und das ganze Areal abgesucht. Shepard ist nicht unter den Überlebenden.“ Anderson seufzte. „Es tut mir leid.“

Garrus glaubte ihm das, aber es half nicht. Es half nicht gegen die Stimme, die die ganze Zeit tot, tot, tot flüsterte. Es half nicht gegen den ohnmächtigen Zorn, der auf einmal in ihm aufstieg. Er wollte irgendetwas schlagen. Lange, bis es kaputt ging.

Es dauerte lange, bis er es endlich fertig brachte, wieder etwas zu sagen. „Das ist Ihre Schuld! Sie haben Sie auf dumme, sinnlose Missionen geschickt, und jetzt haben die Geth sie …“

„Sie haben Recht, aber es waren nicht die Geth. Wir wissen nicht, wer die Normandy angegriffen hat. Aber es waren nicht die Geth, können es nicht gewesen sein.“ Anderson schüttelte den Kopf. „Und ich weiß, was Sie jetzt denken, aber die Reaper waren es auch nicht.“

Garrus hatte keine Antwort. Er nickte einfach nur, und Anderson entließ ihn.

Draußen auf dem Gang kehrte die Stimme wieder zurück. Tot, tot, sie ist tot, tot, wisperte sie in seinem Kopf. Sie verfolgte ihn, genau wie die Schuldgefühle. Wenn er da gewesen wäre … Wenn er auf der Normandy geblieben wäre … Er hätte sie in eine dieser Rettungskapseln gestopft, egal wie sehr sie sich gewehrt hätte.

Er hätte dort sein müssen.

Jetzt war sie tot – tot, tot, tot, wisperte die Stimme in seinem Kopf – und er hatte nicht einmal die Gelegenheit gehabt, sich zu verabschieden.

Er hatte das heftige Bedürfnis, den Schäden im Präsidium ein paar weitere hinzuzufügen. Egal, was das bedeutete. Der Gedanke an hemmungslosen Vandalismus war auf einmal sehr verlockend.

Auf dem Weg zu einer der Rapid Transit Stellen rammte er seine Faust in eines der Geländer um den Präsidiumsteich.

Tot, tot, tot, wisperte die Stimme in seinem Kopf.


Garrus brauchte ein paar Sekunden, um sein Gleichgewicht wieder zu erlangen. Ihm schwirrte der Kopf von ein paar Drinks zu viel. Das war vielleicht nicht das beste Verhalten für einen angehenden Spectre, aber wenn es Vanali nicht passte, sollte sie ihn eben aus dem Programm werfen.

Seine kleine Wohnung in den Bezirken wirkte seltsam leer. Und es half auch nicht gerade, dass alles im Moment etwas verschwommen aussah. Fast hätte er sie übersehen, die leuchtende Schrift, die ihm sagte, dass während seiner Abwesenheit irgendjemand bei ihm angerufen hatte.

Immer noch leicht unsicher auf den Beinen – vielleicht waren es auch mehr als nur ein paar Drinks zu viel gewesen … – ließ Garrus sich auf den Stuhl vor dem Computer fallen und brummte ein „Anruf abhören!“

Auf dem Bildschirm entstand ein Bild von Solana.

„Du wolltest dich eigentlich melden, schon vergessen? Zur Abwechslung wäre es ganz angenehm, wenn du daran denkst. Du musst Vater nicht noch mehr gegen dich aufbringen, großer Bruder. Ruf mich bitte zurück, sobald du das hier abhörst. Wir meinen es nicht böse mit dir, G.“

Aber Garrus dachte nicht daran, zurück zu rufen. Wie er seine kleine Schwester kannte, würde sie ihn auf den ersten Blick durchschauen – selbst über Extranet – und er wollte nicht darüber reden. Oder sich erklären.

Er schaltete den Computer aus.

Sein Schädel schwirrte noch immer. Und es wurde nicht besser, ganz im Gegenteil. Eindeutig zu viele Drinks.

Er stand auf und machte sich auf Richtung Bett. Vielleicht hatte er genug Alkohol intus, um jeden Gedanken abzuschalten, jedes verdammte Schuldgefühl, jede Erinnerung an …

Das Schwirren in seinem Kopf übertönte das lähmende Flüstern in seinem Kopf, als er sich aufs Bett warf, immer noch angezogen.

Fast.


Er schoss daneben. Es war eigentlich unmöglich, er hätte treffen müssen, trotzdem ging der Schuss daneben und traf die Wand anstatt des sich rasch bewegenden Hologramms.

Aus irgendeinem Grund ärgerte Garrus sich nicht darüber.

„Die Geisel ist tot, und Ihre Informationen sind verloren“, informierte ihn Leela Vanalis Stimme, und auch ohne Subharmonische hörte er Enttäuschung heraus.

Garrus antwortete nicht. Es war egal.

Er hörte Vanali seufzen, während die holografische Umgebung sich um sie beide auflöste und sie ihn mit zwei raschen Schritten umrundete.

Ihr Blick war herausfordernd und verlangte eine Erklärung. „Was ist los mit Ihnen, Vakarian?“, fragte sie. „Sie sind in den letzten Wochen unter ihrem Potenzial geblieben, machen Fehler … das war dritte Fehler heute.“

Egal. Es ist egal. Aber das sagte er nicht.

Die Asari-Spectre stieß einen Seufzer aus, der mehr als nur ein bisschen Gereiztheit verriet. „Ich kann Sie aus dem Programm werfen, Vakarian. Eigentlich will ich das nicht tun, weil ich weiß, was sie können – sie waren einer der besten Kanditaten –  aber ich werde es, wenn Sie sich nicht sofort zusammen reißen und darüber hinwegkommen, was immer es ist. Ich habe Ihnen diese Schlampigkeit jetzt lange genug durchgehen lassen.“

Das war zu viel. Er hatte nichts gegen Vanali – nicht wirklich – aber sie war nicht Shepard, sie würde niemals Shepard sein. Und sie hatte nicht das verdammte Recht dazu, das von ihm zu verlangen.

„Die Reaper werden keine Geiseln nehmen!“ Shepard hätte das gewusst. „Ich hätte nicht darauf setzen sollen, dass sie die Sache ernst nehmen.“

Vanali presste die Lippen aufeinander. Ihr Blick war kühl und determiniert, als sie ihm antwortete: „Es gibt keinen Beweis für die Existenz dieser Reaper. Gerade Sie, als ehemaliger C-Sec, müssten wissen, dass …“

„Richtig. Wenn Sie etwas nicht sehen können, existiert es nicht.“ Seine Frustration beschränkte sich mehr länger auf seine Subharmonischen. Noch seine Wut.

„So ist es nicht, Vakarian …“

„Ich weiß, wovon ich spreche. Shepard wusste es. Sovereign war nicht bloß ein Schiff. Die Reaper sind real und wenn der Rat das nicht sehen will – wenn die Spectres das nicht sehen wollen! – dann verdienen Sie mich nicht. Dann haben sie Shepard nicht verdient.“ Er warf ihr das Präzisionsgewehr vor die Füße.

Er wandte sich ab und verließ die Trainingsräume, während Vanalis Stimme hinter ihm herrief: „Sie begehen einen Fehler, Vakarian!“

Es war ihm egal. Er hörte nicht einmal richtig hin.

Er war all das leid. All die Ignoranz und die Verleugnung von Tatsachen, von Beweisen! Es machte ihn wütend, wütender als er es damals gewesen war, als Pallin Dr. Saleon entkommen ließ. Shepard verdiente das nicht. Sie verdiente es nicht, dass man ihre Verdienste herabwürdigte und ihre Warnungen ignorierte.

Sie hätte gewollt, dass endlich Bewegung in diesen politischen Morast kam, dass Vorbereitungen getroffen wurden, damit die Reaper sie nicht unvorbereitet überfallen konnten.

Es war schlimm genug, dass sie tot war – tot, tot, tot, wisperte die Stimme in seinem Kopf … – aber wie der Rat, die Spectres, wie alle damit umgingen, das war zu viel.

Garrus wurde das Gefühl nicht los, hier seine Zeit zu verschwenden.

Und es überraschte ihn, wie leer die Galaxis ihm vorkam ohne den ersten menschlichen Spectre.
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