Scharade

GeschichteHumor, Familie / P12 Slash
08.04.2014
29.11.2014
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08.04.2014 1.398
 
„Ich habe meine Mutter eingeladen.“

„Du hast was?“ Beinahe schrie ich ihm die Worte entgegen und geschlagen sackte Olli in sich zusammen. „Was hätte ich denn machen sollen?“, verteidigte er sich matt.
Mir fiel auf Anhieb eine ganze Reihe von Dingen ein, die ich mit dieser Frau gerne gemacht hätte, aber den Großteil davon behielt ich lieber für mich.

„Ihr gesagt, dass du im Urlaub bist?“, war das Einzige, was ich wagte aus den Untiefen meiner verdorbenen Gedanken an die Oberfläche zu befördern.
Er schüttelte den Kopf und ließ ihn anschließend auf seine Arme sinken. Sie hat mich mit der Idee quasi überfahren, so schnell ist mir einfach keine Ausrede eingefallen“, gab er zu.


Na ganz toll! Wie konnte ich auch nur eine Sekunde annehmen, dass dieser gutmütige Trottel zu strategischem Widerstand in der Lage war?

„Und nur, weil deine werte Frau Mutter sich nach all den Jahren mal wieder bei dir blicken lässt denkst du, ich lass dich aus unserem Zimmer ausziehen? Vergiss es!“, konstatierte ich und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Flaschen klirrten.
Zufrieden registrierte ich, wie er zusammen zuckte.
„Christian, bitte, es ist doch nur für eine Woche!“
Eine Woche konnte verdammt lang sein, wenn man sie allein verbringen musste. Wenn man das Objekt seiner Begierde dann noch den lieben langen Tag vor der Nase hatte, wurde daraus schnell ein gefühlter Monat. Ach was redete ich, ein ganzes Jahr!
„Warum?“, verlangte ich zu wissen. Er sollte nicht denken, dass ich mich so schnell geschlagen gab!

„Du weißt doch, wie sie ist“, verteidigte Olli seine Entscheidung.
Ich vermied es, ihn darauf hinzuweisen, dass dies aus offensichtlichen Gründen nicht der Fall war.
„Na und? Was kümmert uns das? Wir haben sie nicht eingeladen!“, echauffierte ich mich trotzdem.

Dass wir dieses Problem besser wie zwei erwachsene Menschen angehen sollten, kümmerte mich für den Moment wenig. Ich konnte sie, auch ohne sie zu kennen, nicht leiden und er sollte sich in diesem Punkt besser keinen Illusionen hingeben!
Ich hatte einen Standpunkt, und war bereit, ihn zu verteidigen!
Doch es nützte nichts, das Kind war bereits in den Brunnen gefallen. Henriette würde kommen, ob ich einen Aufstand machte, oder nicht. Ich wusste es in dem Moment, in dem ich das entschlossene Funkeln in seinen Augen sah...
"Wenn du mich liebst, findest du dich besser damit ab!"


- Da war er, der verbale Todesstoß! Was hatte ich diesem niederträchtigen Argument, welches genau genommen keines war, groß entgegen zu setzen?

Meine Stimmung sank in den Keller, als mich zudem ein unangenehmer Gedanke beschlich: „Sie weiß gar nichts von mir, hab ich Recht?“ die Vorstellung verursachte ein unangenehmes Ziehen in meiner Magengegend.
„Man, ich hab seit mehr als fünf Jahren nichts mehr von ihr gehört, wie um alles in der Welt soll sie etwas von uns wissen?“, begehrte Olli auf.
Nun gut, der Schmerz ließ umgehend nach, nicht aber meine Wut. Immerhin hatte er nicht die Absicht, diesen Zustand in näherer Zukunft zu ändern! 

"Wieso willst du ihr überhaupt dieses Lügenmärchen auftischen?", wollte ich wissen. Zurecht wie ich fand. Outingprobleme waren so gar nicht das, was zu Olli passen wollte.
"Ich will doch nur, dass sie nicht gleich von Anfang an Ärger macht", gab er widerwillig zu. Anscheinend sah er die Sache zumindest im Kern genauso.

"Wenn sie Ärger macht, werfen wir sie einfach raus", schlug ich pragmatisch vor.

Dumme Idee, wie ich schnell feststellte. Er bedachte mich mit einem Blick, den ich nie wieder in meinem Leben an ihm sehen wollte.

"Sie ist meine Mutter" warf er noch hinterher und mein Widerstand löste sich in Schall und Rauch auf.
"Also schön, aber ins Gästezimmer ziehst du nicht. Jedenfalls nicht wirklich!“, stellte ich klar. Niemand, und schon gar nicht Ollis Mutter würde mich dazu veranlassen, auch nur eine Nacht in getrennten Betten zu verbringen!


Natürlich sollte es anders kommen: Die Diskussion endete damit, dass ich mich in sämtlichen Punkten geschlagen gab, damit er nicht in Tränen ausbrach.
- Und weil er mir versprach, zu tun, was immer ich auch wollte, um die Sache im Anschluss wieder gut zu machen.
Er sollte bloß nicht denken, dass er die nachfolgende Woche dazu kam, das Schlafzimmer zu verlassen!

Grimmig in mich hinein grinsend schleifte ich ihn nun eben dort hin, um das obligatorische Abschiedsszenario doch noch in Angriff zu nehmen. Die Umstände hatten sich geändert und niemand sollte behaupten, dass ich nicht im Stande war, mich anzupassen!
Unnötig zu erwähnen, dass er nicht wagte, zu protestieren...

***

„Und denk dran wir wohnen nur zusammen. Keine Begrüßungsküsse, keine peinlichen Liebesschwüre und vor allem, fass mir nicht ständig an den Hintern!“ instruierte er mich ein weiteres Mal, während wir wie die Orgelpfeifen vor der geschlossenen Wohnungstür standen und auf Henriettes Ankunft warteten.
Gekränkt zog ich meine Hand zurück. Ich war einmal mehr nicht sicher, ob das Ganze eine so gute Idee war.
„Aber ansehen darf ich dich schon noch, oder?“, fragte ich schnippisch zurück. „Zumindest, wenn ich mit dir rede“, fügte ich kleinlaut hinzu, als ich seinen mörderischen Blick ein zweites Mal innerhalb von 24 Stunden zu sehen bekam. „Benimm dich einfach ganz natürlich“, knurrte er.
Ich schnaubte. „Wenn ich mich natürlich benehme, verlässt sie nach zehn Minuten schreiend die Wohnung und lässt sich für die nächsten fünf Jahre wieder nicht blicken.“


Das klang eigentlich sehr verlockend. Sollte ich ihn vielleicht einfach beim Wort nehmen?

„Du weißt, was ich meine“, machte er umgehend meine Überlegung zunichte. „Stell dir einfach vor, ich wäre Gregor.“
„Üarg“, entfuhr es mir, als ich daran dachte, was wir vor nicht ganz einer Stunde getan hatten. Der Umstand, mir statt Olli meinen Bruder dabei vorzustellen, bescherte mir umgehend einen schwer nieder zu ringenden Brechreiz.

„Jetzt reiß dich doch einfach mal zusammen!“ Olli schien mehr und mehr mit den Nerven am Ende. Ich konnte nicht widerstehen und zerrte ihn in meine Arme.
Er wehrte sich tapfer, aber ich stellte triumphierend fest, dass ich die größeren Kraftreserven mobilisieren konnte. Nach einer Weile entspannte er sich schließlich.
„Das wird schon!“ Aufmunternd tätschelte ich ihm den Rücken.
„Ich weiß nicht“, nuschelte er gegen meine Schulter.
„Wir sind stark, wir schaffen das“, flüsterte ich ihm ins Ohr und knabberte im Anschluss vorsichtig daran, was letztendlich dazu führte, dass wir vollkommen unbekleidet waren, als es schließlich an der Tür klingelte.

Er schafft es einfach nie, mir zu widerstehen, dachte ich erfreut.

„Shit“, fluchte Olli leise, während er panisch nach seinen Klamotten suchte. Ich tat es ihm gemächlicher gleich und konnte ich mir dabei ein Grinsen nicht verkneifen.
„Verschwinde!“, wies er mich an, und wedelte wild mit einer Hand vor meiner Nase herum, während er mir mit der anderen ein paar Socken in die Arme drückte, die er wohl für meine hielt. Mir kam die Szene seltsam vertraut vor, nur waren momentan die Rollen ein klein wenig vertauscht.

Gerade als ich mich abwenden wollte, klingelte es erneut.
„Bin schon unterwegs“, schrie Olli so laut, dass mir vor Schreck um ein Haar mein Klamottenknäuel aus der Hand gefallen wäre.


Die folgenden Minuten verbrachte ich nackt auf meinem Bett, während ich krampfhaft versuchte, einen gewaltigen Lachanfall in den Griff zu bekommen.
„Ich will gar nicht wissen, bei was ich dich hier gerade unterbreche!“
Hastig setzte ich mich auf.
Das Lachen blieb mir im Halse stecken, als ich meinen Bruder erkannte, der direkt vor meinem Bett Position bezogen hatte.
„Was machst du denn hier?“, keuchte ich erschrocken und bedeckte mich notdürftig mit meinem neuen weißen Hemd.
„Gib dir keine Mühe, daran bin ich mit Sicherheit nicht interessiert!“, stellte er umgehend klar.
„Sicher nicht“, erwiderte ich matt und kratzte mich am Kopf.
„Ich wollte dir nur unsere Schlüssel vorbei bringen, damit ihr hin und wieder mal nach dem Rechten sehen könnt.“

Ach ja, die verspätete Hochzeitsreise. Hatte ich in dem ganzen Chaos vollkommen vergessen.

„Warum hast du sie nicht Olli gegeben?“, wollte ich wissen.
Gregor hob eine Augenbraue. „Hast du dir den mal angesehen? Er rennt wie ein Irrer durch die Gegend, redet wirres Zeug und, es kann sein, dass ich mich täusche, aber er war ein wenig grün im Gesicht.“
Ernst sah er mich an. „Ich hoffe nicht, dass du für seinen Zustand verantwortlich bist!"

Manchmal hatte ich wirklich den Eindruck, er hatte ihn lieber als mich!
„Du kannst ganz beruhigt sein, diesmal hat er sich den Schlamassel ganz allein eingebrockt“, murmelte ich beleidigt und stieg in meine Jeans.
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