Autorisierte Übersetzung || The Ages of Man

GeschichteDrama, Angst / P18
Catarina von Schwarzschild Nicolaus
07.04.2014
07.04.2014
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07.04.2014 7.168
 
P18 wegen seelischen und physischen Missbrauch, Gewalt und Sprache.

Hey Leute!
Was macht man, wenn man keine Zeit und noch einige Stories zum weiterschreiben hat? Genau, man veröffentlicht eine neue! ;) Bei mir lag die Story noch irgendwo in den Dateien herum und da ich das OK der Autorin habe, dachte ich mir, dass ich sie ja mal raushauen könnte. Es ist eine wirklich, wirklich tolle Story, sonst hätte ich sie nie übersetzt.

Ich bin in der Serie sowie in der Büchern ein großer Fan von Klaus und Katherine. Hier handelt es sich aber um die Bücherversion, in der die Beziehung der beiden komplett anders ist, als in der Serie. Klaus ist hier um die 6.000 Jahre alt, nie ein Hybrid und nie menschlich. Und ja, die beiden werden hier auch genauso heißen: Klaus und Katherine. Ich weiß nicht, wer so dämlich war und ihre Namen in der deutschen Version in Catherina und Nicolaus abzuändern (ich kenne die deutschen Ausgaben aus eben genannten Gründen nicht, aber das müssten die Namen sein).

Die Faszination geht hier bei von der vollkommen kranken Beziehung der beiden aus. Wie die Autorin es so treffend ausgedrückt hat: "Er hat sie wie Scheiße behandelt, aber wollte trotzdem die Salvatores für Katherines Ermordung tot sehen."
Hier kommt noch mal die Warnung: das Rating ist nicht umsonst!

Auch ist das hier nicht mein Werk, sondern das von dance-at-bougival. ( http://archiveofourown.org/users/dance_at_bougival/pseuds/dance_at_bougival )

Wir freuen uns auf Eure Reviews! :)


Noch ein bisschen Wortschatz zum besseren Verständniss:

Doge: Oberhaupt einer italienischen Republik
Ovid: römischer Dichter
Milano: Mailand
Kassettendecke: getafelte Decke mit kastenförmigen Vertiefungen (googelt's einfach ;))

Außerdem habe ich das unsägliche Swartzschild ins angemessene Schwarzschild, sowie Gudren in Gudrun und das englische Jezebel ins das deutsche Isebel geändert.

Jetzt aber viel Spaß beim Lesen!







The Ages of Man









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Akt I: Gold

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In der blauen Dämmerung sitzt ein Mann alleine,  in dem kleinen, heruntergekommenen Zimmer und wartet.

Blut bildet eine Lache zu seinen Füßen von einer offenen Kehle ein Stück entfernt, es ist dickflüssig, beißender Geruch steigt in seine Nase und Kopf mit Gedanken an Fleisch und Sehnen, Knochen und Knorpel. Er hört nicht darauf, beendet nicht sein Mahl, sondern öffnet nur den Mund, lässt den kleinen Hauch seinen Hals hinunter, während er eine Hand über die andere legt. Auf der Fensterbank tickt ein kleines, hölzernes Gerät, flüstert in einer mechanischen Stimme.

Tick, tock.

I am a clock.


Unter dem großen Eichenbaum, eine Meile entfernt, stoppt ein Hase und schnuppert an den hervorstehenden Wurzeln. Der Trunkenbold in der Hütte nebenan hat gerade seine Frau so hart mit dem Handrücken geschlagen, dass ihre Füße den Boden verlassen haben. Ihr Kind weint. Ein Paar von Möchtegern-Liebhaber  trifft sich am Brunnen und der Junge flüstert Eide, die er nie halten wird und das Mädchen schwärmt. Eine Schlange windet sich einen Baum hoch, dreißig Meilen weit weg, ihr Mund geöffnet und bereit zuzuschlagen, ein unwissentlicher Spatz zwitschert auf dem Zweig vor ihr.

Weit weg, hinter dem Wald, jenseits der goldenen Ländereien, hoch in einem Schloss auf dem Hügel, werden die Atemzüge des Mädchens von Sekunde zu Sekunde immer kürzer. Ihre Zofe weint.

Nicht mehr lange  denkt her.

Die Tochter des Barons steht kurz vorm Tod.

_

Die Zofe kommt um Mitternacht.

Sie klopft einmal an der Tür und tritt ein.

Der Raum ist dunkel, nur teilweise durch eine kleine Kerze in der Ecke des Raumes beleuchtet, die schwach flackert, keucht. Die Frau schluckt hörbar und ihre Finger ballen sich. Er kann den Gestank ihrer Angst riechen, überwältigend und berauschend in dem kleinen, geschlossenen Raum.

"Du bist sehr mutig." sagt er sanft, schnurrt. Ihr Puls steigt sprunghaft in ihrer Kehle an - er kann es von hieraus sehen, kann ihr Blut rauschen hören, kann das Pochen ihres Herzens durch die Schichten aus Fleisch und Knochen hören. "Die meisten würden nicht wagen, das zu versuchen, was du gerade machst."

Die Sprache ist seltsam. Sie knirscht auf der Zunge, die Klänge immer noch fremd und guttural auch nach Jahren seines Aufenthalts. Er erniedrigt sich nicht mit den verkürzten Vokalen und verfälschten Artikulation der Leibeigenen und Bauern, sondern modelliert seine Stimme in die des Adels - verschmitzt und leicht, elegant, vorbehalten.

In der Ecke summt das Gerät vor sich hin.

Tick, tock.

I am a clock.


Die Frau ist dick um die Mitte herum, die Augen durch viele Dienstjahre verschlissen, die Lippen zu einer dünnen Linie gezogen. Sie richtet sich auf. "Die meisten lieben nicht so, wie ich liebe."

Er lacht, leise und sanft, sieht zu, wie die Frau erzittert. Er steht auf.

Er überragt sie; sie kommt kaum bis zu seiner Brust. Er lässt sich kommen, für das erste Mal, aus dem Schatten, bis das schwache Licht seine hellen blauen Augen trifft. Tod  hatten die Ostländer ihn genannt. Sensenmann der Seelen.  Die Frau nimmt einen tiefen Atemzug und es ist ein physisches Ding; er nimmt es auf und atmet es ein. Es nährt.

"Oh, ich habe es gehört." sagt er und sie erschaudert, er kann es verfolgen, die Bewegung der Wirbelsäule, die geringe Schwingung der Knochen, einer nach dem anderen, tick, tick, tick.  "Deine kleine, fragile Herrin. Ans Bed gebunden, leidend, nach alledem könnte sie heute Abend tot sein."

"Wir haben alles versucht." flüstert die Magd. "Wir haben sie bluten lassen, wir haben sie gereinigt, wir haben ihr pulverisierte Juwelen eingeflößt. Wir haben die besten Ärzte der Christenheit beauftragt; wir haben Mystiker und Priester befragt. Alle von ihnen - sie sagen mir, dass mein liebes Mädchen sterben wird. Sie sagen mir, dass es keine Hoffnung gibt. Sie sagen mir, dass sie schwach ist."

Er rückt näher. Die Frau zittert, aber bewegt sich nicht. "Und was willst du von mir?"

Sie stoppt, sammelt all ihren Mut. "Sie nennen dich den Teufel." flüstert sie. "Sie nennen dich böse. Sie sagen, dass du ein Mörder und eine Bestie bist, Satans Mann. Aber sie sagen, dass du sie heilen kannst."

Sein Lachen kommt als bloßer Atem heraus. "Ich bin kein Arzt, Weib. Ich gehe nicht mit Art der Medizin hausieren, die eure Priester verschreiben."

Die Frau verhärtet ihren Mund. "Ich weiß."

Er lächelt runter zu ihr, beobachtet wie sie zusammenzuckt. Er hat gewusst, dass sie kommen würde. Er weiß es immer.

"Bring mich zu dem Mädchen."

Er schließt nicht die Tür. Hinter ihm folgt ihm das Ticken des Gerät durch den Wald.

_

Die Frau führt ihn durch die Quartiere der Bediensteten.

Seine Zunge berührt seine Lippen und seine Augen flackern, nach oben, durch die Dunkelheit des Ganges, hinter der Umdrehung der schmalen Treppe, und er kann sie hören. Inmitten der leisen Geräusche duzender Lungen, die im Schlaf ein- und ausatmen, trotz des Schnarchens des Barons, durch die alten Mauern, hört er ihr Herz.

Es wird schwächer. Schwächer und schwächer als die Sekunden vorbeiziehen und er fährt sich mit der Zunge über seine Unterlippe, schmeckt Blut und Staub und die süße Fäulnis ihres Todes.

Tick tock.

I am a clock.


"Hier", flüstert die Magd, als sie zur zweiten Etage aufsteigen. Sie öffnet, stillschweigend, eine Reihe von schweren Holztüren, hinein in goldenes Licht.

Er schürzt die Lippen und duckt sich, um herein zu gehen.

Der Klang ihres Herzschlags füllt seinen Ohren, und er stößt einen Atem aus, als er sie sieht.

"Meine Liebe," murmelt er. "Mein liebes Mädchen."

Sie ist dünn. Das ist das Erste, was er bemerkt, die Höhlen ihrer Wangen, den scharfen Winkel, in dem ihre Wangenknochen hervorstehen, ihr kleines Kinn, die Zerbrechlichkeit ihrer skelettartigen Handgelenke, versehenen mit blauen Adern. Er fährt mit seinem Blick entlang ihrer Länge, das kleine Bündel aus Haut und Knochen, und seine Augen stoppen an der kleinen Höhle ihrer Kehle, am beschleunigten Puls unter der Haut, an der geschmeidigen Kurve, wo ihr Schwanenhals auf ihren scharfen Kiefer trifft.

"Gudrun?" flüstert sie leise, und ihre Stimme ist nur ein Krächzen. Seine Lippen kräuseln sich, er verabscheut Schwäche. "Gudrun, wer ist das?"

Die Magd ist kurz davor zu weinen. Er verabscheut auch das. "Er wird Euch besser fühlen lassen, mein Täubchen. Er wird Euch heilen."

Sie schaut zu ihm auf und ihre Augen sind blau, fast so blau wie seine. Vertrauensvoll und zerbrechlich und hell und Götter.  Er will sie aus dem weißen Gesicht kratzen. "Seid Ihr also ein Arzt, mein Herr?"

Er tritt vor, einen langen Schritt, seine Beine scheinen den Raum zwischen ihnen zu verschlingen. Hinter ihm, lässt die Zofe ein kleines Geräusch raus. Er ignoriert es. "So etwas in der Art." Er dreht sich nicht um. "Verschwinde."

"Nein -" protestiert die Tochter des Barons in ihrem Krächzen einer Stimme. "Gudrun, bitte, lass mich nicht alleine -"

"Wir hatten eine Abmachung." Er sagt leise. "Ehre sie, oder sie stirbt."

"Du kannst nicht -"

"Ich werde ihr die Kehle in einer Sekunde herausreißen, meine liebe Gudrun,", sagt er leichthin. "Wenn du uns nicht verlässt."

Und dann sind sie alleine.

Sie schrumpft in sich zusammen, das Mädchen. Rollt in sich zusammen, bis sie nichts ist als eine ganz kleines Bisschen am breiten Kopfkissen, in ihrem breiten Bett. Er setzt sich.

Er bemerkt dann, zum ersten Mal, den überwältigenden Duft ihres Todes. Er atmet und inhaliert den Duft ihres verdünnenden Blutes, ihr sterbendes Fleisch, ihr schwindender Atem. Er kann ihren Tod schmecken, fühlt es in sich selbst, als wäre es sein eigener, er will es in seinen Händen halten, ihren Tod in seine Haut prägen.

"Wollt Ihr mich umbringen?", flüstert sie. "Ich hörte die Diener reden. Sie sagten, ich wäre besser tot. Seid Ihr hier, um mich zu töten?"

Er schaut nach unten, faltet seine langen Finger übereinander. "Das hängt davon ab, meine Liebe. Willst du sterben?"

Eine langanhaltende Stille. Er hört, wie aus großer Entfernung, das Pfeifen der dünnen Luft rauf und runter ihre Luftröhre, wirbelt in ihrer schwachen Lunge. Und dann endlich, atmet die Tochter des Barons, am Rande des Todes, die Worte aus, auf die er gewartet hat.

"Nein", flüstert sie. "Ich will leben."

Er sagt nichts, wartet.

"Ich will heiraten", krächzt sie. "Ich will große, starke Söhne bekommen. Ich möchte meinen eigenen Haushalt führen, ich will meinen Mann glücklich machen. Ich möchte alt werden. Bitte -", Ihre Stimme bricht. "Bitte, mein Herr, ich will nicht sterben."

Er selbst erinnert sich nicht, jemals etwas anders außer Blut und Fleisch und Tod gewollt zu haben. Er selbst erinnert sich nicht, jemals zufrieden gewesen zu sein, erinnert sich nicht, etwas anderes als hungrig gewesen zu sein. Er greift nach vorne, wickelt eine Strähne des goldenen Haars um einen langen Finger.

"Ich kann dir das nicht geben." sagt er, ein Finger verweilt neben ihrem welkenden Fleisch. "Ich kann dir nichts davon geben."

Ihre Augen füllen sich mit Tränen. "Warum seid Ihr dann hier?"

Er lächelt ironisch. "Ich bin hier, weil deine Magd zu mir gekommen ist." Er lehnt sich nahe zu ihr, atmet die Worte in ihre Haut, prägt das sterbende Mädchen mit sich selbst. "Ich kann dir keinen Ehemann oder ein Haushalt oder Söhne geben, ich kann dir nichts davon geben. Aber ich kann dir das Leben geben, Katherine von Schwarzschild. Ich kann dir Blut und Macht und Ehre geben, kann dir eine Ewigkeit der Jugend, der Schönheit geben - ich kann dir die Zeit selbst geben. Ich kann dir diese Sekunde, diese Minute, diese Stunde, und alle kommenden Stunden geben, bis du so alt bist wie ich, wenn du es wünscht."

Er lehnt sich näher, bis er ihren flachen Atem auf seiner toten Haut spüren, bis er sie ganz einatmet. "Tust du es, Katherine? Wünscht du es?"

Ihre Lippen zittern, und er kann die Schwingung ihres zitternden Rückgrats an ihm fühlen. Ihre Finger ballen sich. "Wie ist dein Name?"

Er überlegt es sich für einen Moment. "Klaus."

Ihr Atem kommt scharf und schnell, und er fühlt einen vagen Stich der Überraschung, als sie ihre kleinen, schwachen Hände in den Kragen seines dicken Mantels vergräbt. Sie zieht ihn nahe zu sich. "Heile mich." sagt sie. "Bring mich in Ordnung."

Er lächelt; willigt ein.

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Am nächsten Morgen richtet die Tochter des Barons sich auf und es ist Farbe in ihren Augen.

Unter ihrem Fenster sitzt eine Krähe in einem Baum, ihre blauen Augen funkeln vergnügt.


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Akt II: Silver

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Er ist in einen konstanten Zustand der Jahre, Stunden und Sekunden miteinbezogen.

Tick tock, stimmt das Gerät an und er öffnet seine Augen in purer Dunkelheit, trocknendes Blut an den Rändern seiner Lippen. Er hat begonnen zu verblassen, spät, hat damit begonnen, diesen Zustand schärfer zu fühlen als je zuvor. Es gibt Stellen in seinem Gedächtnis, an die er sich nicht erinnern kann, ganze Jahre, Jahrzehnte, die verlorenen gegangen sind, doch er hat er nie den Zusammenfall eines Reiches, das Blut und den Rost des Falles vergessen -

Er ist alt; so viel weiß er.
Er erinnert sich an eine bronzene Axt, das kehlige Lachen einer Frau, tausende Schiffe setzen ihre Segel aufgrund der Laune eines einzigen Mädchens, eine mazedonische Brut, erinnert sich, an der Toren einer antiken Stadt zu kämpfen, sein totes Fleisch singt für Blut, für Zerstörung, für die süße Fäulnis von denen die Lieder singen. Er erinnert sich an den Fall der Zeit, aber er erinnert sich nicht an den Aufstieg seines Lebens.

Er erinnert sich an den Ruf des Blutes des sterbenden Mädchens. Er erinnert sich an die blaue Ader an ihrem Hals. Er erinnert sich an ihren Tod, wie ein Spritzer kaltes Wasser, wie Erwachen, wie Klarheit.

Er tut, was er schon seit Jahrhunderten getan hat. Er wartet.

_

Sie kommt im Herbst zurück in das kleine deutsche Dorf.

Die Blätter sind rot,  ganze Wälder in Flammen mit falscher Wärme, der Wind schärfer und kälter und beißend. Sie kommt in einer dunklen Kapuze und einem schweren Kleid und da sind Tränenspuren auf ihren blassen Wangen.

"Du bist hier." ist das Erste, was sie sagt. "Ich habe gehofft, oh, Klaus, ich habe gehofft, dass du noch hier sein würdest und nicht in irgendeiner Ecke der Welt wandern würdest, ich habe um dich gehofft - ich brauche dich, ich brauche deine Hilfe, ich muss - "

Er starrt sie regungslos an und sie verstummt.

"Ich bin hier", sagt er schließlich, als sie so aussieht, als ob sie gerade unter der Last des Schweigens zusammenfallen würde. Er genießt es, er hat vergessen, wie es war, jemanden zu erschaffen, hat vergessen, wie es war, das Leben eines anderen auf der Zunge zu halten. "Und so bist du. Ich gab dir das Leben, Katherine von Schwarzschild, aus einer momentanen Laune heraus. Du bist sehr dumm, mich wieder aufzusuchen."

"Ich habe Gudrun verlassen.", flüstert sie. "Ich habe meinen Vater verlassen. Er glaubt, dass ich tot bin. I-Ich nehme an, dass ich es bin. Ich glaube, ich bin tot."

Er blinzelt sie an, die schweren Lider fallen und seine Lippen kräuseln sich. Im Nu ist er vor ihr, beugt sich über ihren zitternden Umriss, der kaum seine Brust erreicht, und entblößt seine Zähne. Sie stinkt nach menschlichem Schweiß, Tränen, Herzschmerz, nach dicker, sterblicher Wärme. "Du hast jemanden verwandelt, nicht wahr?" murmelt er und seine Stimme hingegen ist leicht. Sie ist kühl und fest. "Ich kann sie an dir riechen. Du stinkst danach, Mädchen."

Für die längste Zeit sagt sie nichts, ihre Unterlippe zitterte, als er sie umkreist, sein Atem zischt durch seine zusammengebissenen Zähne. Und dann -

"Ich habe sie verwandelt, weil ich sie liebte." sagt sie schließlich, ihre Stimme nur ein Flüstern. "Ich dachte, wir könnten eine Ewigkeit zusammen verbringen, wir drei, ich dachte, wir würden glücklich sein und jung und für immer zusammen. Ich dachte -"

Für einen Augenblick sieht er rot. Er ist plötzlich erinnert, an Blutdurst, an seine Axt, brüllend aus voller Kehle für den trojanischen Prinzen. Er kommt und hat das Mädchen am Hals gegen die Wand seiner Hütte, ihre Augen zusammengekniffen vor Schmerz.

"Du stinkst nach Schwäche, weißt du das?" zischt er scharf. "Du stinkst nach Schweineblut und Rinderblut und menschlichem Schweiß." Er neigt seinen Kopf nah an sie, so dass sein Atem die Haut unter ihrem Ohr streichelt . "Ich wähle meine Kreationen sehr sorgfältig, Katherine von Schwarzschild. Ich habe noch nie einen Erschaffenen von mir leben lassen, der schwach ist. Ich habe noch nie entartetes Blut erlaubt; menschliche Schwäche, etwas Geringeres.  Und du, Mädchen, du bist schwach."

Sie windet sich in seinen Griff, aber er ist Eisen, er ist Stahl, er ist die Erde selbst. Sie würgt einen Ton heraus, halb animalisch, kaum verständlich.

Schwach. Du bist schwach.

Er lässt sie so hart los, dass sie auf den Boden fällt, würgend mit einer Hand an ihrer rötenden Kehle, am Abdruck seiner Hand. Seine Brust ist seltsam fest, als er sieht, wie sie sich in sich zusammenrollt, ihre Hände krallen sich in ihre Haut, nach Atem ringend.

"Was hast du gesagt?" fragt er ruhig.

Ihre Finger graben sich in den Boden, ihre Nägel gefüllt mit Dreck. Durch den Klang ihres Würgens, flüstert sie "Du bist schwach."

Er schreitet nach vorne, lange Beine verschlingen den Raum zwischen ihnen und packt sie an den Haaren, entblößt ihre lange Kehle. "Noch einmal", zischt er. "Was hast du gesagt."

"Du bist schwach!" schreit sie ihn an, ihre Stimme rau und kehlig, krallte sich durch ihre keuchenden Lungen. "Du bist -  du bist  schwach. Mein ganzes Leben habe ich gesagt bekommen, dass die - arme kleine Katherine, die Tochter des Barons, nicht länger als sechszehn leben wird."

"Ich bin es nicht." Sie sieht zu ihm auf, mit blitzenden Augen. Ihre Stimme ist leise und ruhig, atemlos. "Ich habe sie aus Liebe verwandelt, ich war verliebt,  ich bin es -  aber ich nehme an, dass du das auch nie hattest, ich nehme an, dass du noch nie etwas hattest, und wer ist hier jetzt der Schwache, Klaus, wer ist schwächer -", sie lacht, wahnsinnig, verrückt. "Ich oder du? Ich bin nicht derjenige, der sich in einem Dorf verschanzt, ich bin nicht der Vampir, der Jagd auf dumme Bauernmädchen zum Abendessen macht, ich bin nicht der, der in einer schmutzigen Hütte lebt, der Menschen für eine Münze oder zwei in Monster verwandelt -", sie grinst ihn an. "Wer ist jetzt schwach, huh, Klaus? Wer ist jetzt schwach?"

Er schwört, für einen Moment, dass er wieder die Axt in seiner Hand fühlt.

Er stürzt auf sie; er reißt ihre Kehle heraus.

_

Er befindet sich am Fuße des Bettes, beobachtete sie still, als sie erwacht.

Ihr Hals ist roh und blutig, Reste seiner Zähne in ihren Hals, durch die Arterien und Kapillaren reißend. Erst jetzt beginnt es, allmählich wieder zusammen zu wachsen.

"Geh weg von mir." flüstert sie leise.

"Komm, Liebes." sagt er regungslos. Er hatte einst Königshöfe besucht, hatte Hatschepsut und Nofretete und Theodora persönlich besucht. Er erinnert sich, wie man charmant ist. "Das ist keine passendes Aussehen für dich."

"Töte mich." sagt sie leise. "Töte mich jetzt. Ich habe keinen Grund mehr zu leben und ist es nicht das, wofür du mich aufsparst? Wirst du mich nicht töten?" Sie schließt die Augen. "Tu es."

Er fühlt ein Aufflackern der Irritation in seiner Brust, aber er zwingt sie nieder. Du bist schwach ringt ihre Stimme in seinem Kopf und er erinnert sich, dass es oft das eingefangene Tier ist, das am härtesten kämpft, eine Chance im Kampf hat. "Hör auf mit diesem Unsinn." sagt er und gestikuliert hinter ihm ein Mädchen zu sich. Ein Zimmermädchen aus der Burg, die nicht vermisst werden wird. "Trink."

"Nein!"

Seine Zähne schließen sich an der Innenseite seiner Wange. "Du hast vorhin zu mir gesagt, dass du nicht schwach bist." sagt er leise. "Du hast zu mir gesagt, dass du leben willst. Hat sich das geändert?"

Sie zittert, schweigt.

"Nur die Schwachen sterben." murmelt er, rückt näher. "Nur die Schwachen hören auf zu glauben, zu begieren, zu wollen. Und wie du vorhin gesagt haben, Mädchen, du bist nicht schwach. Ich habe keine Sympathie für Schwäche."

"Warum tust du das?", flüstert sie. "Warum tust du mir das an? Warum hast du das getan?"

Er weiß, sie redet nicht über das Zimmermädchen, noch von der Mahlzeit ihres Blutes, die er sich erlaubt hat. Sie spricht über das erste Mal, dass er seine Lippen auf ihren Hals gepresst hat, sie spricht über das erste Mal, dass er sie getötet hat.

"Ich habe dich gerettet, weil ich den Mut deiner Zofe bewundert habe.", antwortet er. "Ich habe dich erneut gerettet, weil ich deinen bewundere."

Sie starrt blicklos an die Decke. Ihre Wangen sind nass. "Und wenn ich mich gegen deine Unternehmen weigere?"

Er verpasst keinen Herzschlag. "Dann werde ich dich töten." antwortet er leicht. "Ich werde dich foltern, wie kein Mensch jemals gefoltert werden sollte. Ich werde dich zum Schreien und Weinen bringen, bis du deine Entscheidung mit jeder Faser deines Seins bereust. Und dann werde ich deine verstümmelte Leiche an der Tür deines Vaters ablegen und ihm sagen, zu was du geworden bist, zu was ich gezwungen war zu tun, um das Dorf von seinem Dämonen zu befreien, bis er auf dich mit Abscheu blickt, bis der eigene Vater auf deinen toten Körper spuckt. Und dann werde ich ihn töten. "

Nach einer langen Zeit setzt sie sich auf. Ihre Augen sind kalt, ihre Augen sind leer. Sie beißt dem Mädchen in die Kehle ohne einen zweiten Gedanken.

Er lehnt sich zurück und beobachtet, wie sie das heiße Blut schluckt, beobachtet die Bewegung ihres langen Halses. Er stößt einen leisen Ton der Befriedigung aus.

"Setz ihr ein Ende.", sagt er. "Trink sie blutleer."

Sie tut es und lässt die Leiche auf den Boden fallen, schließt ihre Augen in Ekstase. Er steht auf, langsam klatschend, und kommt vor ihr zum Stehen.

"Gut." sagt er ihr und sie zuckt zusammen, als er eine Hand an ihre Wange erhebt. "Gut, Katherine."

Er wischt das Blut von ihrem Kinn, von ihren Lippen. Für eine kleine Sekunde, einen Hauch von einem Augenblick, fühlt er die Hitze ihrer Zunge an seinem Daumen.


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Akt III: Bronze
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Er nimmt sie mit nach Venedig.

("Es ist so nah" hatte sie geflüstert, als ihr Schiff in den Grand Canal gefahren war. "Es ist so nah."

Seine Fänge waren in seinem Mund gewachsen und der Griff seines Arm um ihre Hüfte war enger geworden, seine Finger hatten Blutergüsse in ihre Haut gegraben, blau und schwarz und violett, in seinen Schattierungen. Seine andere Hand hatte über ihren Puls an der Kehle gestreichelt und er hatte harsch geflüstert "Ruhig."

Sie hatte zu ihm hinauf gesehen, diese großen blauen Augen.
"Du hast gesagt, dass du ein Gentleman seien würdest. Stefan hätte mich nie so zum Schweigen gebracht, er hätte mich reden lassen. Er hat geliebt, mich reden zu hören."

"Stefan hat dich verlassen. Stefan hielt dich für tot und hat sein eigenes Schwert gegen sein Bruder gerichtet." hatte er erwidert. "Oder hast du auch das vergessen?"

Sie hatte sich auf die Lippe gebissen.)

Er stellt sie dem Adel der Stadt als seine Frau vor; als seine Schwester; als seine Geliebte. Katherine, trotz ihrer mädchenhaften Dummheiten und naiven Getue, hat die Theatralik eines Schauspielers an sich, versteht mit Lächeln zu verzaubern und mit Grübchen zu töten.

Sie sind auf einem Ball im Palast des Doges, als ihm das Kinderspiel lästig wird.

Heute Nacht ist ihr Name Catherina und sie ist eine gepriesene Kurtisane aus Milano, ein Mädchen bekannt für ihre goldene Schönheit und ihr Wissen der Klassiker, für ihre hohe, reine Stimme und ihre Rezitationen über Ovid. Er ist ein Edelman aus Frankreich und seine Augen sind scharf und gnadenlos.

Er nippt langsam an seinem Wein, lehnt sich an den riesigen Kamin, während er sie ansieht. Sie ist prächtig heute Nacht; das er hat sichergestellt. Die feinsten goldenen Kleider, die besten Sapphire. Man behält keinen Singvogel, wenn er nicht zu seinem Käfig passt.

Er sieht sie vom anderen Ende des Raumes aus, wie sie ihren Kopf vor Lachen zurückwirft, die lange, weiße Kehle entblößt, und er erinnert sich, ungebeten, die selbe Haut brechend unter seinen Fängen, wie Poetik, wie Gott. Er hört ihr Blut summen, lauter als das Gelächter und Geschwätze, und für einen Moment hält die Welt inne. Für einen Moment schmeckt er noch einmal ihren Tod in seinem Mund; fragt sich, nicht zum ersten Mal, wie es wäre, diesen weißen Hals in seine Hände zu nehmen und zu drehen.

Das hölzerne Gerät summt in seiner Tasche. Er rüttelte sich selbst aus seiner Trance.

Tick tock.

I am a clock.


Bevor er blinzeln kann, ist er an ihrer Seite und starrt in die Augen des anderen Mannes.

(Das sollte ihn beunruhigen. Das ist nicht etwas, dass man auf die leichte Schulter nehmen sollte, er war zum Vergessen zurückgekehrt, er war zur Leere zurückgekehrt, er hat -)

"Verschwinde." sagt er.

Er ist gefährlich nah, ihr Rücken streift seine Brust, während er zusieht, wie der andere Mann geht, jeder Muskel in seinem Körper angespannt. Er gräbt seine Finger in ihr Fleisch, in den Knochen ihrer Hüfte.

"Was machst du?" fragt sie kalt und er lächelt in das Gold ihres Haares. Er hat der naiven, kleinen Katherine gelernt, kalt zu sein, siehst du. "Bist du des Wahnsinns?"

"Pass auf, wie du mit mir redest."  haucht er in ihr Ohr und sie erschaudert. Bevor sie protestieren kann, gehen sie, er fegt mit ihr die golden Korridore des Palastes des Doge entlang, raus zur ihrer kleinen Gondel.

(Dies ist etwas, an das sie sich später nicht mehr erinnern wird, wenn sie gelassen auf ihm sitzt, ein Pfahl in ihrer Hand.

Sie hatte gelächelt.)

_

Er fickt sie gegen die Wand in ihrem Palazzo.

Sie gibt kein Ton von sich, ihre Zähne sinken in ihre Lippen, nehmen Blut; ihre Hände in sein Haar geklammert.

Es ist grausam. Der Sex, den sie haben, ist brutal und grenzwertig barbarisch - er liebkost nicht auf die Weise, wie ihre Salvatores liebkost hatten. Er ist nicht sanft, er fragt nicht, bevor er seine Fänge in ihre steigende Brust vergräbt. Er drückt seine Finger hart genug in ihr Fleisch, um sie zum Schreien zu bringen, nicht nur vor Schmerz und hinterlässt schwarze Abdrücke und blaue Abdrücke in ihrer milchigen Haut. Sie kratzt ihre Nägel in langen, roten Streifen seinen Rücken hinunter und manchmal, manchmal fühlt sie die Knochen seiner Wirbelsäule unter ihren Fingern.

Er nimmt ihr Blut und trinkt von ihr, als er kommt.

(Eine Bestie  flüstern die Zofen hinter vorgehalten Händen. Sie liegt mit dem Teufel persönlich. )

Öfters schlafen sie zusammen in einem Bett, als dass sie es nicht tun.

Brokart und Kasettendecke am Himmelbett; die besten Seidenlaken und mit seinem Siegel bestickt; er zahlt nur für das Beste. Sie schläft an seiner Seite, eingerollt, und ihre Augen flackern, bevor sie endlich dem Schlaf nachgeben. Eines Nachts beobachtet er sie, sieht seine kostbare, gebrochene Puppe an, die er gefunden hat und nicht richtig zusammensetzen kann und wundert sich über ihren Tod, über das kleine, mechanische Gerät auf seinem Nachttisch, über ihre Haut, lebend und voll unter seinen Händen trotz ihres Todes. Nachts, unter dem Schutz dunkler Sterne und der Stille des Kanals unterhalb seines Fensters, ist die einzige Zeit, in der er sich erlaubt, sich zu fürchten.

Tick tock,  summt das Gerät. I am a clock.

Er beobachtet sie, beobachtet die Neigung ihrer Kehle, beobachtet das Keuchen dieser rosafarbenen Lippen, beobachtet das Flattern ihrer Augen unter ihren Lidern, beobachtet das Flattern ihrer goldenen Wimpern auf ihren Wangen. Er dreht sich und streicht eine Haarsträhne zurück, seine Hand kommt auf ihrer Kehle zu Ruh. Sie rührt sich nicht.

Ich könnte dich so leicht töten,  denkt er und denkt über ihr Blut, dass seine Bettlaken rot befleckt, denkt über ein rotes Lächeln an ihrer Haut. Der Gedanke ist nicht vollkommen unbefriedigend.

Wenn ich dich töten würde, würde ich wach bleiben?  fragt er sich. Wenn ich dich töten würde, würde ich fallen?

Jede Nacht ist ein Sprung des Glaubens, seine Augen zu schließen. Er hat den Aufstieg und den Fall von Reichen und den Sturz von Königen gesehen, er war alt, als Menschen ihre tierköpfigen Götter anbeteten, als die Mauern von Sumer zusammen fielen, als die hebräischen Juden der alten Zeit begannen, nur einem Herrn zu dienen. Er ist so alt, wie das Konzept selbst; er denkt, voll Ironie, seine Augen schließend, dass endlich, in seinen alten Jahren, er eine Gottheit gefunden hat, an die er glauben kann. Eine Gottheit, die er gebrauchen kann.

Er schlingt seine Hand fest um ihr Handgelenk, fest genug, um es zu brechen, und schließt seine Augen. Das ist seine eigene Form des Gebets.

_

Er bringt sie zu all den großartigen Städten Europas; zu all den Ruinen der Antike.

In gefallenen Städten, in abgelegenen Grüften, in einsamen Wüsten, erzählt er ihr Geschichten, von Armeen, von Äxten, von Propheten, die fasten, vierzig Tage lang mit Sand in ihren Augen, in der Hoffnung mit Gott zu sprechen. Er erzählt ihr von Ur, vom hängenden Babylon, von Solomon dem Großen, von Priesterinnen und bösen Frauen in elfenbeinernen Türmen und bunten Schleiern.

"Haben sie keine Namen?" fragt sie ihn eines Nachts. Sie sind alleine in den Ruinen einer Stadt von Sand und Zeit verschluckt; von der Erde selbst. Über ihnen, öffnet sich der Himmel, Morgen und Morgen aus samtenen Blau, besetzt mit Sternen. "Haben die bösen Frauen keine Namen?"

Er lacht, leise und weich. "Wie hättest du sie genannt, Liebes?"

Sie zuckt mit den Schultern. "Isebel, so sagte Gudrun, Isebel und Salome und die Königin von Sheba. Sie sagte, dass sie alle in die Hölle kamen." Sie blickt ihn an. "Hast du sie getroffen?"

Sein Mund verdreht sich; kein richtiges Lächeln. Die Wahrheit ist, dass er sich nicht wirklich erinnert. Es ist ein physisches Ding; über die Jahrzehnte, die Jahrhunderte, die Jahrtausende mühsam, sich einfach zu erinnern.  Gesichter verschwimmen und Körper verschwimmen und Blut verschwimmt, von Kupfer über Wein zu Salzwasser, er kann sich nicht an alle erinnern. Und wenn er sich nicht an Blut erinnert, dann erinnert er sich an nichts.

"Vielleicht" antwortet er. "Und spielt das eine Rolle?"

Sie schaut zum Himmel hinauf. "Ich vermute es." sagt sie. "Ich würde gerne jemanden treffen, der berühmt seien wird. Eines Tages würde ich gerne ein Buch finden, mit einem vertrauten Namen, und sagen 'einst kannte ich sie'."

Er streicht eine Hand über die Linie ihrer Kehle. Ihr Schaudern ist beinah nicht zu spüren; sie hat Kontrolle gelernt, hat gelernt, ihre Torheit wie eine Rüstung zu tragen.

"Einst gab es einen Baum hier," sagt er "die größte Eiche innerhalb fünfzig Meilen. Sie stand hoch und unbeweglich in dem Garten, in der Mitte des Palastes. Und oh, was für ein Palast es gewesen war, meine Liebe - golden und verschwenderisch und mit Marmor und eingelassenen Juwelen in der Mauer. Die Zeichnungen in den Wänden brauchten tausende Männer über dutzende Jahre, um sie zu herzustellen. Des Königs Lieblingskonkubine besuchte den Baum jeden Tag; sang jeden Tag zu seinen Ästen, um sie zum Wachsen zu bringen, sang zu den Blättern, um sie das ganze Jahr grün zu halten."

Sie ist still, ihre Augen weit, ihr Kinn in seiner Hand.

"Man sagte, dass das Singen der Konkubine den Baum unsterblich machte." lächelt er zu ihr runter. Es ist mehr ein Verdrehen der Lippen; er hat vergessen, wie man wahrhaft lächelt. Hat es vergessen, genauso wie er das Kommen und Gehen der Jahre, der Jahreszeiten vergessen hat. "Man sagte, dass der Baum nie zu existieren aufhören würde, nie fallen würde, selbst wenn das Königreich um ihn herum fällt."

Er wickelt eine Strähne ihres goldenen Haares um einen langen Finger, sieht zu, wie sie in eine perfekte Locke fällt. "Und das Königreich fiel." flüstert er ihr zu, seine Stimme scharf und nah. "Die Tore wurden umgewälzt, der König ermordet, die Frauen vergewaltigt und der Palast ausgeplündert. Und ich habe die Konkubine am Stamm ihres Baumes getötet." lächelt er sie an, streicht mit einem Daumen über ihre Wange. "Ich habe sie dort ausbluten lassen und habe sie dort zurück gelassen, zwischen den Ästen, und nun schau - "

Er deutet mit einer Hand über die abgenutzte, kahle Landschaft, über die sanften Wüstenhügel und all den blanken Stücken von Sandstein, die aus der Erde schauen, wie alte, hartnäckig gelbe Zähne. "Nun ist der Palast verschwunden. Der Name des Königs vergessen. Niemand wird sich an es erinnern; niemand wird sich an seine Lage erinnern. Der Baum ist fort. Und ich bin immer noch hier."

Seine Hand wird fester um ihre Haut. "Das, was nicht unsterblich ist, wird niemals  unsterblich sein." sagt er. "Schau nur, meine Liebe, die Mauern fielen zusammen und die Ungeheuer der Erde fraßen von den Überresten der Schlacht, tranken das Blut vom Sand. All die Epik und Poetik haben eine Stadt nicht vor ihrem Verfall geschützt. Trotz aller Absichten auf Unsterblichkeit kam der Tod und fraß und nun ist es nicht mehr."

"Jedoch nicht ich." flüstert Katherine. "Ich werde für immer leben. Ich werde bleiben. Ich werde nie wieder sterben."

Es sind Momente wie diese, die ihn daran erinnern, wieso er sie nicht schon getötet hat. Er drückt ein Kuss in ihr Haar.

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"Ich will zurück gehen." sagt sie eines Nachts. "Ich will zurück nach Florenz gehen."

Er wird ruhig, nimmt jedoch das Buch in seinen Händen nicht runter.

Sie kommt näher; sie war schon immer mutig. Töricht. "Ich will zurück gehen. Ich will Stefan."

Er legt sein Buch beiseite und faltet seine Hände übereinander. "Du willst das jetzt?"

Ihre Lippen beben. "Ich bin - " Ihre Stimme zittert. "Ich bin müde des Tötens. Ich bin müde des Todes. Ich will nach Florenz gehen."

Tick  summt das Gerät in seiner Tasche, als ob es ihn an seine Anwesenheit erinnern möchte. "Und was hat dieses neu gefundene Verlangen entfunkt, meine Liebe?" fragt er leicht. "Du schienst gestern keine Abneigung gegen Blut zu hegen, als ich dich mit deinem Geschenk beschenkt habe."

Ein schönes Mädchen, eine schöne, dunkelhaarige, spanische Frau mit einer Rose in ihrem Haar. Er sieht, wie ihre Wangen sich röten. Sie hatten sie blutleer getrunken, hatten neben der Leiche des Mädchens gefickt.

"Ich habe Neuigkeiten." flüstert sie. "Er ist in Florenz. Es hat mehr als ein Jahrhundert gedauert. Er ist zurückgekehrt."

"Ist er?" bemerkt er. "Und wie, denkst du, wird er die Nachrichten von dir aufnehmen? Wie wird er dich aufnehmen? Denkst du, er wird das Mädchen Willkommen heißen, für das er seinen Bruder ermordet hat? Denkst du, dass er dich in seine Arme nehmen wird und dich küssen wird und mit dir Liebe machen wird?"

Sie antwortet nicht.

Er steht auf und sie hebt ihr Kinn. "Nein," knurrt er. "Wird er nicht."

"Mir ist egal, was du sagst." sagt sie leise. "Ich habe mit dir gelebt - nein, ich bin von dir eingesperrt  worden, viel zu lange. Ich habe viel zu lange getötet und geschlachtet und mich für dich schmutzig gemacht. Gott wird auf mich hinabschauen und mich für das verurteilen, was ich bin-"

In einem Wimpernschlag hat er sie an der Kehle, Lippen an ihrem Ohr. "Ich habe dich aufsteigen lassen" zischt er. "Ich habe dich zu einer Gottheit, einer Königin unter Frauen gemacht. Ich habe dir Unsterblichkeit geschenkt und diese Jungen  haben dein Geschenk genommen und dir ins Gesicht gespuckt."

"Du hast mir nichts gegeben." beißt sie mit ihrem Kinn in seiner Hand heraus. Er kann die Bewegung des Kiefers unter seinen Fingern spüren. "Du hast dir mich als ein Geschenk selbst überreicht."

Er schlägt sie so hart, dass sie auf den Boden fällt und sich für einen Moment lang nicht bewegt, dann entfährt ihr ein erstickendes, hässliches Lachen.

Er lässt sie dort, das Lachen folgt jedem Schritt, den er nimmt.

I am a clock,  summt das Gerät in seiner Tasche.


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Akt IV: Age of Heroes

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(Sie entscheidet sich, ihn zu töten.

Sie ändert ihre Entscheidung gelegentlich, wenn er mit etwas mehr als Grausamkeit lächelt, wenn er sie ohne Zähne küsst, wenn er ihr Blut nimmt, doch dann an der Wunde leckt. Sie ändert ihre Entscheidung manchmal - aber er gibt ihr immer einen Grund, sich zurück zu entscheiden.

Sie stellt selbst einen Pfahl her, versteckt in ihrem Ärmel. Und nun hat ihr Lächeln keine Grenzen, hat seine eigenen Grübchen.)

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Das ausgehungerte Weinen in den Straßen wandelt sich in Schreie; die Unzufriedenheit in Wut und die hallende Schreie nach Brot, Brot  verwandeln sich in Blut, Blut, wir wollen Blut!

Er hat schon immer den Fall eines Reiches geliebt; das Ende eines Zeitalters.

Die Edelfrauen sind stolz - er liebt auch dies - und die Edelmänner eitel, sie alle weich geworden über die Jahre des einfachen Lebens, die Abwesenheit von Blut. Er weiß, es macht einen schwach und nutzlos, wenn es eine längere Abwesenheit von Knorpel, von Knochen gibt.

Er nimmt sein kleines, goldenes Haustier dorthin, nah des Frühlingsende, der Beginn eines quälend heißen Sommers, im Jahre 1789. Er kleidet sie in Pastellfarben und Spitze, mit weichem Haar und roten Lippen, aber er selbst trägt die Kleidung der Armee, gibt vor, die zivilisierte Art der Nomaden zu sein. An den Abenden liegt es an ihm, ein rotes Band um ihren Hals zu binden, genau an der Stelle, wo ihr der Hals durchtrennt werden würde, und denkt, dass diese Linie irgendwie verziert werden sollte; sollte sprudeln und die Tasse überlaufen sollte.

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"Liebst du mich?" fragt sie ihn, ziemlich ernst, und die Menschenmasse vor den Toren ihres Palais wachsen. Er entfacht gerade eine Kerze und seine Hand wird ruhig.

Er dreht sich nicht herum, sondern legt nur das Streichholz beiseite. Sie riecht nach ihrem eigenen personalisierten Duft von der Parfümerie an der Seine, nach Rouge, nach Puder, darunter riecht sie nach Kupfer von Blut.
"Das kommt darauf an." sagt er langsam, jedes Wort lang gezogen. "Ich habe kein Verlangen, dir Sonetts zu schreiben, wenn es das ist was du meinst, meine Liebe. Nicht zu schwärmen und verwünscht sein wie Narr "

"Aber liebst du mich?" fragt sie erneut, ihre Stimme fest.
Er schürzt seine Lippen; sie fragt nach Liebe, wie eine Königin nach einem Herzen fragt. Wie gut für die Salvatores denkt er. Keiner von ihnen ist aus dem selben Holz geschnitzt; keiner von ihnen war dazu bestimmt, Jäger zu werden.
"Würdest du zu mir kommen, wenn ich dich bräuchte? Würdest du mich retten? Würdest du meinen Tod rächen, wenn ich sterben würde? Würdest du für mich sterben?"

"Ich würde für nichts sterben." antwortet er. "Nicht einmal für mich selbst. Ich bin ohne Tod und ich werde es so beibehalten."

Eine lange Stille.

"Also nicht." sagt sie endlich, ruhig. Er spannt sich an, erwartet von ihr einen Wutanfall zu bekommen, zu schreien, zu brüllen wie ein beleidigtes Kind. Seine Zähne knirschen, er hat kein Kind großgezogen.

Doch sie lehnt sich zurück in ihren Stuhl um ihr Buch zu lesen. Ihr Puls ist gleichmäßig, er kann es im Hinteren seiner Kehle fühlen, und er schluckt. Sie redet nicht mehr, als ob es eine simple Angelegenheit wäre, welches Brot sie die Mägde anordnen sollten, zu kaufen, als ob sie auf diese Wörter gewartet hätte -

Sie schaut auf, kaum eine Sekunde später, er hat beide Hände auf den Armlehnen, und ihre Gesichter sind auf gleicher Höhe.

"Du gehörst mir." sagt er. "Ich habe dich geschaffen, ich habe dich getötet, ich habe dich in diese Welt zurückgebracht. Das ist die Wahrheit und das Ende hiervon; sprich nicht mit mir über Liebe. Wir sind keine Kinder."

(Stefan hätte gesagt, dass er mich liebt. Stefan wäre auf seine Knie gegangen. Stefan hätte die Wörter gesagt.

Sie fühlt ein großes Gewicht von sich abfallen, als ob er sie befreit hätte. Die Türen des Käfigs sind offen, darauf wartend, dass der Vogel in ihm hinaus fliegt.)

Sie küsst ihn und hört nicht auf, als er ruhig wird. Ihre Zähne beißen in seine Lippe und sie leckt das Blut wie eine Katze die Milch. Ihm entfährt ein kleines Keuchen.  

Er fühlt ihr Lächeln an seinem Mund. Seine Hände vergraben sich in ihrem Haar und ziehen.

(Sie prägt sich seinen Umriss ein, seinen Geschmack - seinen Atem, seine Zunge, seinen Mund. Sie zieht ihn zu sich in den Stuhl und legt eine kleine weiße Hand über sein Herz.

Sie denkt hier. Sie denkt, x markiert die Stelle. )

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Seine Lippen zucken als er die Spitze des gebrechlichen Pfahls gegen seine Brust spürt.

Ein hübsches Spiel, denkt er. Wir sind Unsterbliche, die mit dem Tod spielen.

Ihr Haar, lang und blond, erreicht beinah ihre Schenkel, und fällt wie ein Vorhang um sein Gesicht, duftend und weich.
Wie eine Taufe, wie eine Segnung - er war dabei, als diese beiden bekannt wurden. Als der Kuss der Pfahls näher kommt, muss er sich in die Wange beißen, um sein Lachen zu stoppen.

"Shh." flüstert sie ihm zu, drückt ihre kleine, warme Hand gegen seine Kehle.  Er kämpft gegen den Drang an, sich aus ihrem Griff zu winden - nicht dort, nein, nein - und drückt sich nah an ihn, so dass ihre Lippen beinahe seine streifen.

"Wusstest du, dass du im Schlaf redest?" flüstert sie und er erstarrt unter ihr. Seine Augen flattern unter ihren Lidern; er kann spüren, wie sich ihre Lippen zu einen Lächeln verziehen. Sie hat dieses Lächeln von ihm gelernt. "Tick, tock." lacht sie sanft und er öffnet seine Augen zu spät, bewegt sich zu langsam -

Der Pfahl kommt nach Hause.

Er keucht, schreckt hoch, fühlt seine Adern verhärten, absterben, aber er ist nicht tot, er ist der Untote, der Sensenmann, der Mann ohne Ende -

"You are a clock." lacht sie und lacht und lacht.

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Am nächsten Tag stürmen die Bauern die Bastille und sie tanzt in den Straßen, ihre Füße blutig und zerschnitten von Steinen und Glas.

Sie dreht sich und lacht dem Himmel zu.
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