Wochenendausflug

von Jari
GeschichteAllgemein / P12
Trenton "Trent" Aloysius Kalamack
07.04.2014
07.04.2014
1
1671
 
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Na, wer hat Band 12 schon gelesen? Hände hoch *g* Diese kleine Geschichte war der Versuch, mir die letzten Tage bis zu seinem Erscheinen zu verkürzen …

Wochenendausflug

Trenton Kalamack drehte sich vor dem Spiegel nach rechts, dann nach links, bevor er sich diesem wieder mit dem Gesicht zuwandte und eine Grimasse zog. Der graue Sakko spannte ein wenig um die Schultern. Höchstwahrscheinlich gab es genug Frauen, die ihn mit derlei betonten Schultern für noch attraktiver hielten, doch die eine Frau, um die es am dritten Sonntag eines jeden Monats ging, mußte ihn unbedingt für jugendlich, noch besser für keinen Tag älter seit dem ersten Besuch halten. Doch so sehr er sich auch bemühte, schaffte er es nicht, daß die letzten 10 Jahre spurlos an ihm vorbeigingen.

Im Gehen griff er nach seinem Handy und verfaßte eine SMS an seinen Maßschneider mit dem Inhalt, drei Anzüge von aschgrauer, drei Ausrufezeichen, Farbe in Auftrag geben zu wollen. Die Farbe war von äußerster Wichtigkeit. Nicht, daß der Schneider wieder mit taubengrauem und schiefergrauem Stoff auftauchte, wie es in der Vergangenheit schon einmal geschehen war.

Der Anzug war wichtig. Genauso wichtig wie der Strohhut, den Trenton von seinem Haken nahm und unschlüssig in der Hand drehte. Draußen regnete es in Strömen. Vielleicht sollte er ihn dieses eine Mal einfach vergessen. Aber nein, das Risiko war zu groß. Er mußte ihn ja noch nicht aufsetzen.

Auf seinem Weg nach unten begegnete Trenton keiner Menschenseele. Offiziell würde natürlich keiner seiner Angestellten zugeben, daß sie ihm an diesem einen Tag im Monat aus dem Weg gingen, inoffiziell wußte er selbstverständlich Bescheid. Nicht einmal von Quen war etwas zu sehen oder zu hören. Obwohl der Sicherheitschef ganz bestimmt nicht weit entfernt war. Trenton konnte seine Präsenz so deutlich spüren, als stünde er direkt hinter ihm.

Vor der Einsamkeit und Stille flüchtete er in die Küche.

Dort wartete bereits Maggie auf ihn. Bei der Köchin handelte es sich um die vermutlich einzige Person, die ihn nicht mied. Einerseits, weil sie nicht in sämtliche Einzelheiten eingeweiht war, andererseits weil es sich bei Trenton für sie noch immer um einen Jungen handelte, der ihrer Pflege und Fürsorge bedurfte, und möglicherweise auch, weil sei eine Frau war, die bereit war noch am Tage des Weltuntergangs die Schönheit der Erde zu sehen. Vor ihr stand bereits der obligatorische Picknickkorb. „Guten Morgen, Mr. Kalamack.“

„Morgen, Maggie.“ Trenton schloß die Tür hinter sich, griff nach einem Apfel auf der Anrichte und biß hinein. Der süße Saft schaffte es nicht gänzlich, den bitteren Geschmack in seinem Mund zu vertreiben. Wenigstens verdrängte er das flaue Gefühl in seinem Magen. Als von dem Apfel nicht mehr als der Stil übrig war, griff er nach dem Henkel des Korbs. Er mußte nicht hineinsehen, um zu wissen, was enthalten war. Der Inhalt hatte sich in all den Jahren nie verändert. „Erdbeerquark?“ Es war eine rein rhetorische Frage. Maggie hatte den Quark noch nie vergessen.

„Selbstverständlich“, entgegnete die Köchin. „Es ist die perfekte Zeit für frische Erdbeeren.“

Trenton lächelte leicht. Mitte November, Regen – genau die richtige Zeit für Erdbeeren. Er vermutete, daß Magie bei einer Erdbeerknappheit in den Gewächshäusern der Kalamacks sonstwo hinreisen würde, um die roten Früchte für diesen einen Tag im Monat frisch vom Feld zu pflücken.

„Danke. Ich mache mich dann auf den Weg. Bis heute Abend.“

In der Tiefgarage begrüßte Trenton das Porsche 911 Jubiläums-Modell mit der Schönheit, wie sie nur ein Neuwagen ausstrahlen konnte. Er verstaute Picknickkorb und Sonnenhut im Fußraum des Beifahrersitzes und startete den Wagen. Bei dem graphitgrauen Flitzer handelte es sich um seine neueste Errungenschaft, und er freute sich bereits darauf, die 400 PS auszureizen. Wenn es etwas Positives an diesem Tag gab, dann die Tatsache, daß er nicht gefahren wurde und sich niemand darum scherte, ob er sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielt.

Auf dem Highway verspürte er ein unangenehmes Ziehen im Nacken. Ein sicheres Anzeichen dafür, daß Quen ihm folgte. Probeweise warf er einen Blick in den Rückspiegel. Hinter ihm fuhr eine Familienkutsche mit Vater, Mutter und drei Kindern auf der Rückbank. Weiter entfernt ein VW Beetle. Er konnte den Fahrer nicht erkennen, doch glaubte Trenton nicht, daß sich der Sicherheitsbeauftragte in ein solches Fahrzeug begab.

Irgendwann, beschloß Trenton, werde ich Quen herausfordern und eine andere Strecke fahren. Doch nicht heute.

Er drückte das Gaspedal durch und beschleunigte den Porsche, bis von etwaigen Verfolgern nichts mehr zu sehen war. Sollte Quen doch versuchen, einem solchen Gefährt nachzukommen.

Schneller als ihm lieb war, erreichte Trenton seinen Zielort vor den Toren Cincinnatis. Gelegen in einer malerischen Kulisse aus grünen Hügeln war an dem altmodischen Herrenhaus nichts, was es zu fürchten galt. Genau genommen war es sogar recht hübsch mit der in freundlichem Gelb gestrichenen Fassade, den großen Fenster und dem parkähnlichen Garten, durch den ein Kiesweg wie eine neugierige Schlange kroch. Dennoch verkrampfte sich Trentons Herz bei dessen Anblick zu einem leblosen Klumpen. Wie sehr er das Gebäude doch haßte, aber es gab keine andere Möglichkeit. Nicht mehr. Er atmete tief durch, sagte in Gedanken das griechische Alphabet rückwärts auf und stieg aus.

Das Knirschen des nassen Kieses unter seinen Schuhen war fast genauso enervierend wie die Tatsache, daß es nicht möglich war direkt vor dem Eingang zu halten.

Der Türsteher von der Statur eines Preisboxers sprang beiseite und riß die Tür auf, als er erkannte, wer sich da näherte. Ansonsten waren die Sicherheitsvorschriften fast ebenso hoch wie bei Kalamack Inc.. Für Trenton bestand kein Zweifel daran, daß niemand außer ihm das Gebäude betrat oder verließ ohne einer gründlichen Überprüfung seiner Person durchzogen zu werden.

Im Eingangsbereich drückte er sich den Strohhut auf das feuchte Haar. Die hinter dem Empfangstresen sitzenden und über irgendeinen Unsinn schnatternden zwei Frauen warfen ihm einen kurzen Blick zu und winkten ihn desinteressiert weiter. Kein Wunder – in all den Jahren hatte er kaum ein Dutzend Worte mit ihnen gewechselt.

Trenton beschloß, die Unausweichlichkeit seines Besuchs noch einen weiteren verzweifelten Augenblick hinauszuzögern und nicht mit dem Aufzug zu fahren.

Das Treppenhaus roch nach Zitronenscheuermilch und Alte-Leute-Essen. Trenton rümpfte die Nase. Er haßte diese Mischung so sehr, daß es in sämtlichen, ihm gehörenden Gebäuden verboten war mit irgend etwas nach Zitrone riechendem zu putzen.

Mit dem Verlassen des in sterilem Weiß gehaltenen Treppenhauses schien es, als würde er in eine gänzlich andere Welt eintreten. An den mit Mahagoni verkleideten Wänden hingen stilvolle Lampen, die ein gedämpftes Licht spendeten, und zusammen mit dem an die Fenster prasselnden Regen eine gemütliche Atmosphäre erschufen. Es hätte ein Ort sein können, an dem Trenton gerne Zeit verbrachte, wenn nicht ein im Flur vergessener Rollstuhl und die an strategisch günstigen Stellen angebrachten Haltegriffe einen Hinweis darauf boten, wer die Bewohner, der zu beiden Seiten des Flures gelegenen Zimmer, waren.

Trenton beschleunigte seine Schritte. Plötzlich konnte es ihm nicht schnell genug gehen, den Besuch hinter sich zu bringen.

Auf seinem Weg zu Zimmer Nr. 310 lag ein offener Aufenthaltsraum. Bei gutem Wetter war dieser zumeist leer. An diesem Nachmittag saßen dort zwei Frauen, die Trenton zumindest vom Sehen her kannte. Beide waren eifrig über Stickarbeiten gebeugt. Zwischen ihnen stand ein Teearrangement, bestehend aus zwei filigranen Porzellantassen, einer mit Blumenmuster verzierten Kanne, welcher der angenehme Geruch nach Earl Grey entströmte, und ein Teller mit Keksen. Unwillkürlich ärgerte sich Trenton darüber, daß er nicht eine von diesen liebreizend aussehenden Damen besuchen durfte. Bestimmt würden sie ihn in die Wange kneifen, ihm versichern, wie gut er sich entwickelt hatte, und ihn mit Keksen füttern.

Als er sich ihnen näherte, hob eine der Frauen ihren mit grauen Locken übersäten Kopf. „Oh, schau mal, Berta, Hardy Krüger ist wieder da.“

Die andere ließ ihre Handarbeit sinken und schenkte ihm ein zahnloses Lächeln.

Trenton fand, er habe so viel Ähnlichkeit mit Hardy Krüger wie ein Pixie mit einem Vampir, aber wenn es den Damen Spaß machte, ihn für einen Schauspieler aus ihrer Jugend zu halten, … bitteschön. Im Vorbeigehen lupfte er seinen Hut. „Ladies.“

In seinem Rücken erklang Gekicher wie von kleinen Mädchen, die sich noch immer irgendwo in den altersschwachen Körpern der Frauen verbargen.

Vor Zimmer 310 atmete er ein letztes Mal durch, klopfte an und trat ohne Aufforderung dazu ein.

Keine der Lampen war eingeschaltet. Es dauerte einen Moment, bis sich Trentons Augen an das diffuse Licht gewöhnt hatten und sie sah. Tief zusammengekauert wie ein schutzsuchendes Tier saß sie in einem Sessel und starrte durch das bodentiefe Fenster hinaus in den Gartenbereich.

Durch das Zuschlagen der Tür wurde sie auf ihren Besucher aufmerksam und drehte sich zu Trenton herum. In den fast das gesamte Gesicht einnehmenden Augen stand kein Erkennen. Keine Freude über sein Erscheinen. Nichts.

Warum tat er sich das überhaupt noch an?

Als Trenton sich zum Gehen wenden wollte, begann sie mit hoher, wohlklingender Stimme zu singen. Ein altes elfisches Kinderlied, das sämtliche Bewohner, Mitarbeiter oder Besucher des Sanatoriums als Spinnerei einer in ihrer eigenen Welt lebenden Frau abgetan hätten, und der Grund war, warum Trenton immer und immer wieder zurückkehrte.

Er überbrückte die Distanz zwischen sich und der Frau, kniete sich neben sie auf den Boden und nahm eine ihrer Hände. „Hallo Mutter.“
Review schreiben