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The Previous Generation

von Capsuna
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Belle OC (Own Character) Papa
06.04.2014
02.06.2014
5
9.786
 
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Dieses Kapitel
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06.04.2014 3.779
 
12 Jahre später:

Belle saß auf einer der Schaukeln des Spielplatzes neben Fuma’s Haus und wartete. Hin und wieder stieß sie sich von dem großen, schwarzen Koffer ab, der neben ihr im Sand stand, sodass sie leicht hin und her pendelte. Sie saß bestimmt schon eine Ewigkeit dort, was sie allerdings schon beim Erreichen des Spielplatzes erwartet hatte, da sie mehr als anderthalb Stunden vor dem vereinbarten Termin losgefahren war. Sie zwang sich, ruhig ein- und auszuatmen, aber es gelang ihr nicht, sie war immer noch stockwütend. Seit Libraria gestorben war und der Chef des Stationshauses nun auch das Sorgerecht über alle Stationshauskinder und damit auch sie hatte, hatte sich ihr Zuhause in eine Hölle verwandelt. Die erste Änderung, mit der er bei ihr angekommen war, war, dass sie sich nicht mehr mit Calor treffen durfte, weil er ein Frachtwaggon war. Calor war ein Wärmetransporter, Belle’s erste große Liebe und sie waren nun schon ein paar Monate zusammen. Der Schlafwagen war sich sicher, in ihm ihren Traumzug gefunden zu haben. Aber laut der Regeländerung durften sich Personenzüge nicht mehr mit männlichen Waggons treffen, da sie “dazu bestimmt sind, ihre TraumLOK zu finden, was durch solche Handlungen behindert wird”. Wie sie ihn dafür hasste! Gleich am Tag darauf war sie deswegen abgehauen und bei ihrem besten Freund Jarru untergekommen. Sie hatte erst überlegt, zu Calor zu fliehen, allerdings wäre das genau das, womit der Chef des Stationshauses rechnen würde. Fuma war ihre zweite Wahl gewesen - aber auch die kannte er. Da Jarru ein Bremswagen war, also selbst ein männlicher Waggon und sein Vater und Bruder dementsprechend auch, musste sie die drei nicht lange davon überzeugen, dass die Regeländerung alles andere als hinnehmbar war. Genau viereinhalb Tage hatte es geklappt. Sie wurde in dem reinen Bremswagenhaushalt aufgenommen wie ein Familienmitglied, konnte sich wieder mit Calor treffen und generell wieder all das tun, was sie vorher gedurft hatte, wenn sie ihren Teil der Hausarbeit erledigte. Viereinhalb Tage - dann fiel dem Chef des Stationshauses ein, dass Fuma, die immer alles über Belle wusste, ja eine Katze hatte, die sie über alles liebte. Kaltherzig wurde das Tier entführt und erst wieder freigegeben, als der Rauchwaggon Belle’s Aufenthaltort verraten hatte. Belle machte ihr deswegen keine Vorwürfe. Sie hätte sich selbst für das Tier geopfert, einerseits, da sie wusste, wie sehr ihre beste Freundin daran hing, andererseits, weil sie wusste, was mit dem letzten Haustier passiert war, das von der Stationshausleitung eingesackt wurde. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken daran. Als er sie dann schließlich gefunden hatte, hatte er sie gepackt und mit sich gezerrt. Sie hatte nach ihm geschlagen, getreten, gebissen und geschrien, aber nichts hatte geholfen, der Kerl schien aus Stahl gemacht zu sein. “Wo bringst du mich hin?!”, hatte sie ihn immer wieder angebrüllt, bis er zurückgerufen hatte: “Weißt du, was mit Hunden passiert, die weglaufen?? Sie kriegen ein Halsband, auf der ihre Adresse steht! Allerdings wäre ein Halsband nicht das Richtige für dich, nein, für dich brauchen wir etwas, was du garantiert nie wieder loswerden kannst!!” Mit den Worten hatte er sie in einen Laden gezerrt, in dem man sich Tattoos stechen lassen konnte. Ihr kamen immer noch die Tränen, wenn sie an die Schmerzen zurückdachte und an ihr verunstaltetes Dekolletée. Direkt unter ihren Schlüsselbeinen prangten die Buchstaben “SP”, die allgemein als offizielle Abkürzung für “Stationshaus Personenzüge”  galten. Groß, fett, schwarz und fast zehn Zentimeter lang. Das konnte man nicht mit Make-Up überdecken, egal, wie dick man es auftrug.
Seit diesem Tag hatte sie auch Calor nicht mehr gesehen. Sie vermisste ihn ununterbrochen und wünschte sich auch jetzt, er würde zufällig vorbeikommen. Sie stieß sich erneut deprimiert von ihrem Koffer ab.

Eine Weile später kam Fuma aus ihrem Haus. Sie hatte ebenfalls einen Koffer in der Hand und eine Tasche um ihre Schulter gehängt, als sie auf den Schlafwagen zufuhr: “Hey, Belle! Sitzt du da schon lange?” “Ja, schon über eine Stunde.” “Was?! Hatten wir nicht halb zwei ausgemacht?” “Das schon, aber ich bin eher abgehauen. Ich halte es Zuhause einfach nicht mehr aus!” “Warum hast du nicht angeklingelt? Wir hätten drinnen zusammen irgendwas machen können.” “Tut mir Leid, ich wollte alleine sein”, sie seufzte und fügte dann schnell, “jetzt ist diese Allein-Sein-Phase aber um”, hinzu, als sie bemerkte, dass Fuma langsam zurückwich. Sofort kam der Rauchwaggon wieder näher und setzte sich ihr gegenüber auf ihren Koffer: “Wie spät ist es jetzt?” “Zwanzig nach.” “Sehr gut. Dann kommt Jarru ja gleich und wir können endlich los.” “Endlich? Freust du dich darauf?” “Jaaa … warum denn nicht? Endlich mal was Neues! Es geht nach Endgor - ins Internat! Da lernt man dann die ganzen spannenden Sachen! Wir werden auf Personenzüge spezialisierten Unterricht bekommen, da bin ich schon richtig gespannt drauf! Außerdem wohnen wir dann quasi zusammen!” “Ach ja! Hast du auch den Brief bekommen?” “Ja.” “Welches Zimmer steht bei dir?” “Zimmer 216, glaub ich … warte, ich schau nach”, sie holte einen Zettel aus ihrer Tasche, “ja, Zimmer 216.” “Ja! Wir sind im selben Zimmer!” “Yuhuu! … Aber warte, das sind doch immer Dreierzimmer, oder?” “Ja, leider … Starlight, stell dir vor, Blanche kommt mit uns auf ein Zimmer!” “Oh nein, bitte nicht! Nicht diese dämliche Tussi! … Wobei, ich bin mir fast sicher, wenn das passiert, geht sie sich beschweren und zieht dann freiwillig in ein anderes Zimmer um.” “Na, hoffentlich.”
“Hey, Mädels!” Die beiden drehten sich um. “Hallo Jarru!”, riefen sie gleichzeitig, standen auf und kamen ihm entgegen. Zu dritt machten sie sich auf den Weg zum Internat. “Du musst meinen Vater mal anrufen und ihm sagen, wie es dir geht”, meinte Jarru zu Belle, “der macht sich die ganze Zeit Sorgen um dich, weil du ihm alle erdenklichen Schauergeschichten über das Stationshaus erzählt hast!” “Ja, ich wollte schließlich, dass ich bei euch bleiben kann!” “Ich weiß, aber er denkt jetzt, dass dir da sonst was angetan wird, dass du da in der Hölle bist oder so.” “Bin ich ja auch.” “Jaaa, schon, aber nicht die Art Hölle, die sich mein Vater ausgemalt hat.” “Ist ja auch egal, jetzt ziehen wir doch sowieso für eine Weile aus”, meinte Fuma, “lass uns dieses Thema doch endlich begraben, das geht mir langsam auf die Nerven.” “Starlight, tut mir Leid, aber es ist nun mal mein  Leben!”, antwortete Belle gereizt. “Jahaa, jetzt reg dich doch nicht so auf!” “Tu ich doch gar nicht, du regst dich auf!” “Leute!”, rief Jarru, “hört beide auf! Was ist los mit euch heute?” “Ich brauch ‘ne Zigarette.” “Ich bin müde.” Fuma kramte in ihrer Tasche rum auf der Suche nach ihrer Zigarettenpackung und Belle gähnte. Jarru rollte mit den Augen. Seit ein paar Monaten wurden die Phasenprobleme bei seinen Freundinnen immer stärker. (Starlight-Wikipedia-Artikel über mein StEx-Universum: Phase: Kurz, bevor ein Zug erwachsen wird, kommt er in seine Phase (hauptsächlich Personenzüge sind betroffen, kann jedoch auch bei anderen Zügen auftreten). Das Verhalten der Züge verändert sich dabei je nach Art in ihr Extrem. Beispiele: Speisewagen essen wesentlich mehr, Rauchwagen rauchen wesentlich mehr, Schlafwagen müssen wesentlich mehr/länger schlafen etc. Wenn sie das nicht tun, reagiert der Körper äußerst empfindlich bzw. gereizt auf jegliche Umwelteinflüsse, vgl. Entzugszeit bei einer Sucht. Das Durchlaufen dieser Phase bereitet den Waggon innerlich auf seine spätere Aufgabe vor.)

Ein paar Stunden später. Fuma und Belle hievten erschöpft ihre Koffer die Treppen hinauf auf der Suche nach Zimmer 216. “Ich hab mir das Internat irgendwie nie so groß vorgestellt”, meinte Fuma keuchend, “aber das ist ja, als ob …” “Da hinten!”, rief Belle und zeigte in einen Gang, “wir sind da!” Fuma sah in die Richtung, in die ihre Freundin zeigte und lächelte erschöpft: “Endlich.” Die beiden verließen das Treppenhaus und fuhren bis zum Ende des Ganges, wo neben einer abgenutzten Holztür auf einem vergilbten, kleinen Schild die Zahl 216 prangte. “Meinst du, Blanche ist schon drin?”, fragte Belle leise, damit der Zug oder die Züge, die eventuell schon in dem Zimmer waren, sie nicht hören konnten. “Du glaubst wirklich, Blanche ist mit uns auf einem Zimmer?”, fragte Fuma genau so leise zurück. “Das wäre doch nur logisch. Sie ist auch ein Schlafwagen, wie ich, sie kommt auch aus Airotkiv …” “Belle, bitte hör auf, dauernd so realistisch zu sein. Ich will nicht mit Blanche auf ein Zimmer. Wir müssen jetzt einfach hoffen.” “Okay, dann mach die Tür auf.” “Du stehst doch davor.” Belle rollte zur Seite: “Jetzt nicht mehr.” “Mach doch einfach die Tür auf.” “Nein, mach du auf.” “Nein, ich mach das nicht.”, der Rauchwaggon schüttelte den Kopf. “Warum nicht?” “Wenn da wirklich Blanche drin ist, werden das die schrecklichsten Jahre unseres Lebens und die fangen an, wenn wir die Tür geöffnet haben. Und ich will nicht die Tür zu den schrecklichsten Jahren unseres Lebens öffnen.” “Ich auch nicht.” “Aber irgendeiner von uns muss es tun.” “Wir könnten Jarru fragen.” Das ist doch voll bescheuert!”, lachte Fuma, “erstens wissen wir gar nicht, wo der ist und zweitens, was sollen wir ihm dann sagen? Machst du mal bitte unsere Zimmertür für uns auf, wir trauen uns nicht?” “Stimmt”, lachte Belle, “das wär echt peinlich!” “Also”, Fuma wurde wieder ernst, “mach die Tür auf.” Belle hörte augenblicklich auf zu lachen: “Nein.” “Dann müssen wir sie wohl zusammen aufmachen.” “Okay.” Die beiden Personenzüge legten beide eine Hand auf die Türklinke und sahen sich an. “Na dann los”, meinte Fuma, “drei...” “..zwei..” “..eins..” “..jetzt!” Mit einem Ruck öffneten sie die Tür und staunten nicht schlecht, als sie sahen, dass es noch komplett leer war. Dann fingen die beiden an zu lachen. Belle stieß ihre Freundin an: “Wir sind so doof!” Diese konnte sich vor Lachen kaum noch auf den Rädern halten.
Schließlich traten die beiden dann aber doch ein. Hinter ihnen fiel die Tür wieder ins Schloss. Sie sahen sich um. Drei Betten standen an drei Wänden des Zimmers. An der vierten Wand stand ein großer Schrank und ein Schreibtisch. Alle Möbel waren aus dunklem Holz und sahen etwas wurmstichig aus. Zudem waren die Metallscharniere komplett gerostet und die vielen Generationen an Zügen, die hier bereits gelebt hatten, hatten eindeutig ihre Spuren hinterlassen. So waren die Betten entweder aus Langeweile mit Schere oder Messer angeritzt oder sie waren angemalt oder beides. An der rechten Seite des Schranks klebten ein paar alte Kaugummis. Fuma verzog ihr Gesicht leicht angewidert. “Ich nehm das Bett am Fenster!”, sagte Belle schnell und ließ sich auf das Bett ihrer Wahl fallen, “dann kann ich nachts rausgucken und die Sterne beobachten.” Fuma schüttelte den Kopf. Die Leidenschaft ihrer Freundin für die Sterne hatte sie noch nie verstanden: “Gut, dann nehm ich das hier gegenüber vom Schrank”, damit ließ sie sich auch erschöpft auf eins der Betten fallen. “Was machen wir jetzt?”, fragte Belle. “Auf Blanche warten … oder wir können schonmal unsere Sachen in den Schrank räumen.” “Aber ich liege hier gerade so schön …”, sie drehte sich zur Seite. “Ja, aber wir sollten den Großteil des Schranks schonmal reservieren, bevor Blanche kommt und uns den ganzen Platz wegnimmt”, entschlossen stand Fuma auf und öffnete ihren Koffer. “Belle?”, fragte sie, als sie mit ein paar T-Shirts zum Schrank rollte, “stehst du auf?” Keine Antwort. “Belle?!” Fuma wartete eine Weile, als danach jedoch immer noch keine Antwort kam, stöhnte sie genervt und meinte: “Och, komm schon. Es ist fünf Uhr nachmittags und du pennst schon wieder?!”, sie seufzte, “na, dann mach ich das eben alleine. Dann bist du mir aber was schuldig.” Mit den Worten leerte Fuma ihren Koffer und den ihrer besten Freundin und füllte den Schrank fast komplett.
Ungefähr eine halbe Stunde war sie damit beschäftigt, dann setzte sie sich wieder auf ihre Bettkante und wartete darauf, dass irgendwas passierte. Belle sollte aufwachen oder das Waggonmädchen, welches in dem dritten Bett schlafen würde, sollte endlich kommen. Der Rauchwagen hoffte immer noch inständig, dass es nicht Blanche war. Belle drehte sich währenddessen auf ihre andere Seite und schlief seelenruhig weiter.

Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und Fuma sah überrascht auf. Ein Personenzug mit einem runden, freundlichen Gesicht, das von blonden Locken umrahmt wurde, sah sie mit himmelblauen Augen strahlend an: “Hallo! Das Schild an der Tür stimmt doch, Zimmer 216, hab ich Recht?” “Ja...”, antwortete Fuma misstrauisch. “Super! Dann hab ich euch endlich gefunden!”, die Blondine zog entschlossen ihren Koffer hinter sich her ins Zimmer, stellte ihn in der Mitte ab, rollte auf Fuma zu und streckte ihr eine kleine, aber gepflegte Hand hin, “ich bin Chiba Cedaweng, ein Speisewagen. Wir drei Hübschen werden uns demnächst wohl ein Zimmer teilen müssen”, sie kicherte. Fuma lächelte sie an, während ihr ein Stein vom Herzen fiel: “Das ist ja toll!”, sie schüttelte ihre Hand, “ich bin Fuma, ein Rauchwaggon. Und das da”, sie wies mit dem Kopf auf das Bett unterm Fenster, “ist Belle, meine beste Freundin. Sie ist ein Schlafwagen.” “Oh, sieht man.” Fuma lachte. Chiba sah sie etwas entgeistert an und flüsterte: “Sollten wir nicht leise sein, wenn sie schläft?” “Ach, die wacht nicht auf, bevor man die schüttelt, glaub mir.” “Okay. … Habt ihr schon angefangen, den Schrank einzuräumen?” “Ja, ich war eigentlich fertig … aber ich glaube, wir müssen dir noch ein bisschen Platz machen, sonst …” Es klopfte an der Tür. “Ja?”, riefen Fuma und Chiba gleichzeitig. Die Tür ging auf und ein Frachtwagen kam herein: “Hallo.” “Hallo Calor”, antwortete Fuma freundlich, rollte zu Belle und schüttelte sie, “Be-elle! Aufwachen! Calor ist hier!” Sie blinzelte und sah den Raucherwagen verschlafen an: “Was?” “Calor ist uns besuchen gekommen. Ich dachte, das würde dich interessieren.” Belle war sofort hellwach: “Wirklich? Wo ist er?” “Hier”, lächelte Calor. Der Schlafwagen stand auf, fuhr auf ihn zu und fiel ihm um den Hals: “Ich hab dich so vermisst!” Der Wärmetransporter küsste sie: “Ich dich auch.” “Ein Frachtwagen?”, fragte Chiba leise und etwas überrascht. Eine Weile lagen die beiden sich einfach nur in den Armen, dann fragte Calor: “Seh ich dich heute Abend? Wir könnten hinaus auf die Gleise fahren, bis die Sonne untergegangen ist, wie früher.” Belle strahlte ihn an und nickte: “Das wäre wirklich schön. Um acht beim Eingang?” “Okay. Dann bis später”, er küsste sie ein letztes Mal, ließ sie dann los, drehte sich um und fuhr aus dem Zimmer. Belle sah ihm verträumt nach.
Fuma grinste: “Awww, unsere kleine Belle ist wieder glücklich. Schau mal, wie sie strahlt.” “Ein Frachtwagen?!”, wiederholte Chiba ihre Frage. Belle sah sie etwas komisch an: “Ja, warum nicht?” “Naja, weil … ach, ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt! Tut mir Leid, ich bin Chiba, ich bin mit euch auf einem Zimmer.” “Ja?”, auch Belle reagierte auf diese Information sehr erleichtert, “ist ja toll, du scheinst nett zu sein. Und was hast du jetzt genau gegen Frachtwagen?” Der Schlafwagen verschränkte die Arme. “Naja, also …”, Chiba sah sich nervös um. Sie wollte es sich nicht mit einem Personenzug verscherzen, mit dem sie sich die nächste Zeit ein Zimmer teilen musste: “Ich kenn Calor natürlich nicht, aber du weißt doch bestimmt auch, was man über Frachtwaggons sagt und das Personenzüge … naja … was besseres verdient haben.” Belle starrte sie entgeistert an. “A-Aber das heißt ja nicht, dass Calor auch so sein muss!”, sagte Chiba schnell, “er ist bestimmt total nett!” “Ist ja gut”, beruhigte Fuma den Speisewagen, “sie wird deswegen schon nicht gleich …” Belle rollte eingeschnappt zu ihrem Bett, setzte sich darauf und zog beleidigt ihre Knie zu ihrer Brust, um dann ihr Kinn darauf abzulegen und Chiba wütend anzufunkeln. “...sauer auf dich sein”, beendete Fuma ihren Satz. Chiba rollte Belle hinterher: “Es tut mir Leid, Belle! Ich hab das nicht so gemeint, ich …” “Warum haben alle irgendwas gegen Calor?! Ihr seht doch, dass er anders ist!” Chiba setzte sich an das Fußende des Bettes: “Hör zu, es tut mir Leid, ja? Es ist einfach so, dass ich noch nie einen Personenzug getroffen habe, der mit einem Frachtwagen zusammen ist, deswegen weiß ich nicht, was ich sagen soll.” “Calor ist mein Traumzug!”, meinte Belle, die nicht den Entschuldigungsversuch von Chiba nicht wirklich mitgekriegt hatte, “und das wird auch immer so bleiben.” “Okay, ich hab's verstanden”, Chiba nickte und streckte dem Schlafwagen ihre Hand hin, “Freunde?” Belle knurrte kurz, dann lächelte sie aber doch. Sie griff nach Chiba's Hand und schüttelte sie: “Freunde.” Chiba lächelte erleichtert.

Ein paar Stunden später. Belle schaute erneut in den Spiegel und das bestimmt schon zum hundertsten Mal in den letzten zehn Minuten. “Geht das so?”, fragte sie die anderen beiden und zeigte dabei auf ihre Haare, die sie offen trug, sodass ihr ihre dunkelbraunen Locken bis auf die Schultern fielen. Ihren Ponny, der ihr normaler Weise schräg ins Gesicht fiel, hatte sie mit einer Haarklammer hochgesteckt. (Und ja, ich weiß, dass die Londoner Original-Belle keinen Ponny hatte, aber die Rede ist hier von Belle als Jugendliche bzw junge Erwachsene, nicht von Belle als die gestandene Frau, die Rusty und Dinah wieder auf die Räder hilft. Und niemand hat pro Leben nur eine Frisur ;) ) “Jahaa”, antwortete Fuma etwas genervt, da der Schlafwagen diese Frage auch bestimmt schon zum hundertsten Mal stellte. “Was hast du denn?”, fragte Chiba den Rauchwagen, “das ist doch voll romantisch! Du siehst wunderschön aus”, sagte sie zu Belle, “ihr zwei werdet heute bestimmt einen tollen Abend haben.” Belle lächelte erleichtert. “Was ich habe?”, wiederholte Fuma Chiba's Frage, “Belle und Calor sind doch schon längst zusammen. Er wird sich heute Abend sowieso über sie freuen, egal, ob sie sich dazu besonders schick macht oder nicht. Und dieses Hin- und Hergewusel von ihr nervt mich gerade etwas.” Der Rauchwagen stand auf, öffnete das Fenster, zog eine Zigarette aus ihrem Ausschnitt, zündete diese an und fing an zu rauchen. Belle nahm das mit einem kurzen Blick aus den Augenwinkeln zur Kenntnis und wandte sich wieder ihrer Frisur zu, Chiba starrte sie jedoch eine Weile an. Schließlich fragte sie: “Darfst du das überhaupt?” Fuma zuckte mit den Schultern: “Die werden sich schon melden, wenn nicht.” “Ich fahr dann jetzt”, sagte Belle, “bis später.” “Viel Spaß!”, riefen die beiden anderen ihr hinterher.
Als der Schlafwagen weg war, wurde es zunächst still im Zimmer der drei Personenzüge. Fuma rauchte weiter an ihrer Zigarette und Chiba beobachtete sie, während sie überlegte, wie sie ein Gespräch anfangen konnte. Vor einer Stunde war Abendessen gewesen und da hatte sie sich auch noch richtig gut mit den beiden verstanden. Sie hatte sich wieder mit Belle vertragen und Jarru kennengelernt, der ein guter Freund der beiden zu sein schien. Aber im Moment wollte ihr einfach kein Gesprächsthema einfallen und Fuma erleichterte ihr diese Aufgabe durch ihr Schweigen auch nicht. Ein Windzug streifte den etwas molligen Speisewagen. “Könntest du vielleicht das Fenster schließen?”, fragte sie daraufhin ihre Zimmergenossin, “mir wird kalt.” “Okay”, Fuma drückte ihre Zigarette auf der Fensterbank aus und warf sie achtlos aus dem Fenster. Dann schloss sie dieses und setzte sich zu Chiba auf ihr Bett: “Keine Ahnung.” Der Speisewagen sah sie verwirrt an: “Wie, keine Ahnung?” “Na, dir steht die Frage doch ins Gesicht geschrieben.” “Was für eine Frage?” “Die Frage: Wie beende ich dieses unangenehme Schweigen?” Chiba lachte: “Ja, da hast du Recht!” “Hm.” Wieder Schweigen. “Sag mal”, sagte Chiba und bekam dabei den Gesichtsausdruck, den sie immer hatte, wenn es um Klatsch und Tratsch ging, “was ist eigentlich mit dir und Jarru?” “Was soll mit uns sein?” “Na … ihr scheint euch ja sehr … nahe zu stehen.” Fuma zuckte mit den Schultern: “Ja.” “Und?” “Wie, und?” “Na, was schon?! Läuft da was?” “Was?!”, Fuma lachte, “nein! Wir sind Freunde, das ist alles!” Chiba grinste: “Ach, wirklich?” “Najaaa, ich weiß nicht. Wir haben beschlossen, wenn wir irgendwann beide vierzig und immer noch single sind, dann heiraten wir, aber wir sind definitiv keins von den Paaren wie zum Beispiel Calor und Belle.” “Hättest du das gerne?” Der Rauchwaggon zuckte wieder mit den Schultern: “Hm, ich hätte nichts dagegen. Verknallt bin ich aber auch nicht.” “Sicher?”, grinste Chiba. “Sicher. Ganz sicher. Wie sieht's eigentlich bei dir aus?” “Bei mir?” “Ja. Freund?” “Nein. Der letzte war ein Arschloch. Aber das ist schon eine Weile her.” “Oh. Auf was stehst du denn so?”, grinste Fuma, “dann kann Belle dich verkuppeln, wenn ich ihr das erzähle, die macht sowas gerne.” Chiba lachte: “Okay! Also für mich muss es unbedingt eine Lok sein”, grinste sie, “ja, am besten wäre natürlich eine Diesellok. Groß, muskulös, gutaussehend … so eine richtig klassische Traumlok halt!” “Wem's gefällt...” “Auf jeden Fall! Ich hab hier sogar schon jemanden gefunden, der dem entspricht!” “Wirklich?” “Ja! Ich hab ihn am Eingang getroffen, als ich hier angekommen bin..”, sie sah verträumt nach oben, “er heißt Oilslick. Sehr groß, sehr muskulös, tolle, schwarze Haare und diese Augen! Er ist so heiß!” “Oilslick? Der war bei mir auf der Grundschule.” “Ja? Wie ist er denn so?” “Ich mag den nicht. Er hat Belle und manchmal auch mich immer geärgert, zumindest in den ersten Jahren.” “Oh. Macht er das immer noch?” “Nein, in letzter Zeit hab ich überhaupt nichts mehr von ihm gehört.” “Vielleicht hat er sich ja geändert”, lächelte Chiba hoffnungsvoll. “Vielleicht...” “Hoffe ich doch!”, sie grinste,  “ach, ich freu mich schon voll auf die nächsten Jahre!”

Währenddessen saßen Belle und Calor auf einer Bank auf einem öffentlichen Platz und sahen dem Sonnenuntergang zu. Der Wärmetransporter hatte seinen Arm um seine Freundin gelegt, die ihrerseits ihren Kopf auf seine Schulter gelegt hatte und sich keinen besseren Ort vorstellen konnte. Calor drehte seinen Kopf zu ihr um und küsste sie auf die Stirn: “Ich hab dich wirklich vermisst. Ich hab ständig versucht, dich zu erreichen, aber absolut nichts hat funktioniert.” “Das ist wegen dieser doofen Regelung gewesen. Das Telefon vom Stationshaus wurde so eingestellt, dass alle Anrufe vom Frachthof direkt abgebrochen werden.” “Aber ich bin noch nichtmal durchgekommen, als ich es an einer Telefonzelle versucht habe.” “Hast du die neue Telefonnummer versucht, die unser Stationshaus-Chef an den Frachthof durchgegeben hat?” “Ja, natürlich, ich bin doch nicht blöd.” “Die hat der sich ausgedacht. Das Telefon hat nie seine Nummer gewechselt.” “Was? Das war Sabotage?” “Ja, klar. Alles nur, damit wir keinen Kontakt mehr haben.” “Der Typ ist ein Idiot. Aber jetzt hab ich dich ja zum Glück wieder”, er küsste sie. Sie lächelte ihn verträumt an: “Ich liebe dich.” “Ich dich auch.” Belle schloss die Augen und genoss die Wärme, die der Wärmetransporter ausstrahlte. Dieser bemerkte das und seufzte leicht, denn nun würde er entweder hier mit ihr übernachten oder sie zurück ins Internat tragen müssen – wenn seine Freundin abends einmal eingeschlafen war, war sie kaum noch wach zu kriegen.
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So, Kapitel 4 ist schon vorbei und noch immer nichts von Papa, den ich euch in der Kurzbeschreibung versprochen hab xD Aber der kommt noch, keine Sorge ;) Das war jetzt auch der letzte Zeitsprung, versprochen ;))
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