„Promise me, Ned“

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12
Eddard "Ned" Stark
05.04.2014
05.04.2014
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Beitrag zum Wettbewerb Die Geheimnisse von Westeros und eine mögliche Antwort auf die Frage „Wer ist Jon Snows Mutter und was passierte damals am Tower of Joy?“. Die Kurzgeschichte ist genau 2750 Wörter lang.
Alle in dieser Geschichte auftretenden Charaktere sind das geistige Eigentum des großartigen George R.R. Martin.

Die Rechtschreibprüfung wurde mit dem konservativen Prüfstil des Duden-Rechtschreibprogramms für Open Office vorgenommen, bei welchem die alte Schreibweise verwendet wird, sofern diese auch nach den Regeln zulässig ist.


                                                                                                   


„Promise me, Ned“



„Versprich es mir, Ned“, war alles, was er in der Dunkelheit seiner Zelle tief unter der Roten Festung denken konnte. Sein Bein pochte unerträglich, das Gefühl machte ihn fast wahnsinnig. In seinen Fieberträumen sah er immer wieder Lyanna vor sich. Seine kleine Schwester bei dem Turnier von Harrenhal im Jahr des falschen Frühlings, seine kleine Schwester in dem Augenblick, in dem jedes Lächeln erstarb, seine kleine Schwester in einem Bett aus Blut und Winterrosen.

„Versprich es mir, Ned“, hatte sie zu ihm gesagt. Und er hatte es versprochen. Dafür hatte er sogar seinen König betrogen. Und seine eigene Frau.

Eddard Stark hatte seine kleine Schwester über alles geliebt. Er hatte ihr ihren letzten Wunsch nicht abschlagen können.

Auch fünfzehn Jahre später sah er sie auf ihrem Bett aus Blut und Winterrosen noch so deutlich vor sich als wäre es gestern gewesen. Er erinnerte sich an den Duft der Blumen, die den Geruch von Blut und Tod nicht hatten überdecken können. Er erinnerte sich an den elendigen Anblick, den seine Schwester ihm geboten hatte, daran wie ihre Hand die Seine umklammert gehalten hatte – und an das Versprechen.

Ned war gerade Lord von Winterfell geworden, nachdem der verrückte König Aerys seinen Vater und seinen Bruder Brandon hatte hinrichten lassen. Er hatte gerade die Frau geheiratet, die eigentlich Brandon versprochen gewesen war, als Roberts Rebellion ein Ende gefunden und sein Freund den Eisernen Thron bestiegen hatte. Er war erst achtzehn gewesen, zu jung um ein Erbe anzutreten, das ihm nicht bestimmt gewesen war. Der Eddard von damals war jünger und impulsiver als der von heute gewesen. Doch er hatte auch damals schon die Werte Rechtschaffenheit, Ehre und Verantwortung gelebt, die sein Vater ihn und seine Brüder gelehrt hatte.

Voll Zorn war er daher damals in die Roten Berge von Dorne geeilt, um seine Schwester aus dem Tower of Joy zu befreien, wo Rhaegar Targaryen sie einige Monate nach dem legendären Turnier von Harrenhal eingesperrt hatte. Neds kleine Lyanna, die seinem Freund Robert versprochen gewesen war, der daraufhin dem Eisernen Thron den Krieg erklärt hatte. Lyannas Entführer war mit seiner Armee zum Trident geritten, um sich Robert entgegenzustellen und seine Rebellion niederzuschlagen. Der Usurpator hatte den Prinzen jedoch in einem Zweikampf durch einen Schlag mit seinem mächtigen Kriegshammer getötet. Es hieß, durch den Schlag wären die Rubine in Rhaegars Brustpanzer herausgeschlagen und von der Strömung des Tridents fortgespült worden, doch Eddard hatte lieber glauben wollen, es wären Blutstropfen gewesen.

Durch den Kampf verwundet hatte Robert getobt, weil er Eddard nicht in die Roten Berge begleiten konnte. „Bring sie mir zurück“, hatte er zu Ned gesagt. „Egal, was dieser verdammte Bastard ihr angetan hat, ich will sie zurück. Selbst, wenn sie nur noch in Stücken ist.“

„Das werde ich“, hatte Ned ihm versprochen. „Bau du in der Zwischenzeit dein Reich auf, dann wird sie deine Königin sein.“

Und so war Ned allein mit sechs seiner Gefolgsleute nach Dorne geritten. Howland Reed, Lord Willam Dustin, Ethan Glover, Marty Cassel, Theo Wull und Ser Mark Ryswell hatten bereits seinem Vater gedient und Eddard während Roberts Rebellion treue Dienste erwiesen. Was auch immer er in Dorne vorfinden würde, wusste er, dass er sich auf seine Männer verlassen konnte.

Ned erinnerte sich an die Ungeduld, die er während ihrer Reise verspürt hatte. Und an die Furcht vor dem, was er dort finden würde. König Aerys war wahnsinnig gewesen. Mit Lyannas Entführung hatte sein Sohn bewiesen, dass er den gleichen Wahnsinn in sich trug. Ned hatte sich nicht ausmalen wollen, was Rhaegar seiner kleinen Schwester angetan haben mochte. Robert war fest davon überzeugt gewesen, dass der Targaryen Prinz sie vergewaltigt hatte und er sie in diesem einsamen Turm gefangen hielt, um sich wieder und wieder an ihr zu vergehen. Die bloße Vorstellung hatte Ned Übelkeit bereitet und sein Bestreben, Lyanna zu befreien, gesteigert.

Als Eddard Stark und seine Leute den Pass in den Roten Bergen erreicht hatten, war der Turm nur von drei Männern der Königsgarde bewacht gewesen: Ser Arthur Dayne, Ser Oswell Whent und Lord Commander Gerold Hightower. Die übrigen seiner Männer hatte Rhaegar in den Krieg geführt, wo sie entweder gefallen oder gefangen genommen waren. Obwohl sie Ned und seine Leute in der Überzahl gewesen waren, hatten diese drei Weißmäntel erbitterten Widerstand geleistet, als er verlangt hatte, dass sie ihm seine Schwester aushändigten. Es war zu einem Kampf gekommen, in dem sämtliche Beteiligten bis auf Ned und Howland Reed ums Leben gekommen waren.

Für Neds Geschmack hatte jener Kampf viel zu lange gedauert. Seine Unruhe hatte bereits in dem Moment seinen Höhepunkt erreicht, als der Tower of Joy erstmals zwischen den Gipfeln der Roten Berge aufgetaucht war.


Und dann war es endlich soweit gewesen …


Ned stürmte die letzten Stufen zum Turmzimmer hinauf und stieß die Tür auf. Für einen Moment hielt er inne, geblendet von der plötzlichen Helligkeit. Er fand sich in einem hellen, lichtdurchfluteten Raum mit Fenstern in alle Himmelsrichtungen wieder. Eines dieser Fenster war weit geöffnet. Darunter erblickte Eddard auf mehreren niedrigen Tischen Vasen mit Sträußen von Winterrosen, die einen betörenden Geruch verströmten. Wie auch immer es gelungen war, sie nach Dorne zu bringen – der Teppich, aus blauen Blütenblättern, der sich um die Vasen gebildet hatte, zeugte davon, dass den Blumen das heiße Wüstenklima nicht bekam.

Doch unter dem Duft von Lyannas Lieblingsblumen roch er noch etwas anderes. Etwas viel Entsetzlicheres, das er in diesem Krieg viel zu oft gerochen hatte. Etwas, das er im Gegensatz zu den Blumen nicht mit seiner Schwester in Verbindung bringen wollte.

Blut.

Lyanna lag in einem Bett, das viel zu groß für sie war. Auf ihrem Laken hatte sich eine Blutlache ausgebreitet. Ihr Gesicht war bleich, ihre Wangen eingefallen, ihre Augen lagen in dunklen Höhlen. Auf ihrer Stirn hatte sich ein Schweißfilm gebildet und ihr dunkles Haar klebte an ihrem Kopf. Ihr Anblick versetzte Eddard einen unwillkürlichen Stich. Was war mit dem wilden und ungebändigten Mädchen geschehen?

Als ihre Blicke sich begegneten, huschte der Anflug eines Lächelns über Lyannas Gesicht und in ihren Augen leuchtete für einen kurzen Moment dieser einzigartige abenteuerlustige Glanz, den Eddard nur von ihr kannte.

„Ned.“

Ihre Stimme war kaum mehr ein Flüstern. Sie hatte nichts mehr von der Lebhaftigkeit des Mädchens, das er in Erinnerung hatte.

Und da wusste er, sie würde sterben.

In nur wenigen Schritten war er bei ihr.

„Lyanna“, sagte er. Er streckte eine Hand nach ihr aus und strich die schweißnassen Haare aus ihrer Stirn, die fiebrig glühte. „Was hat dieser verdammte Bastard dir angetan?“

„Nichts, Ned.“

„Das nennst du nichts?“, entfuhr es ihm. Entsetzt betrachtete er die blutdurchtränkten Laken. Er war sicher, sie würde verbluten. „Du brauchst einen Maester!“ Ein Teil von ihm verfluchte sich, weil er nicht daran gedacht hatte, Luwin mitzubringen. Bei seinem Aufbruch war Ned so voll Zorn gewesen, dass er nicht einmal auf die Idee gekommen war, er könne einen Maester brauchen. Doch der Maester von Winterfell war alt und hätte ihre Reise nur verzögert und Ned hätte seine Schwester nicht sterbend vorgefunden, weil sie bereits tot gewesen wäre.

Es war zu spät.

„Rhaegar wusste es nicht, als er ging“, wisperte sie. „Sonst hätte er mir einen Maester geschickt. Als ich es herausfand, war er schon fort.“

„Was wusste er nicht?“, verlangte Eddard zu wissen. War dieser Targaryen-Bastard so sehr dem Wahnsinn verfallen gewesen, dass er nicht einmal bemerkt hatte, was er Lyanna antat? War das vielleicht der Grund, warum seine Schwester ihren Entführer in Schutz nahm? Im Krieg hatte Ned genug Gräueltaten gesehen, um diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen.

Lyanna antwortete nicht. Ihr Blick huschte unstet durch das Zimmer. „Wo ist er?“, wisperte sie.

„Wer?“

„Rhaegar.“

„Rhaegar ist tot“, sagte Eddard hart. „Robert hat ihn getötet.“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Nein“, flüsterte sie. „Nicht Rhaegar. Er war so ein guter Kämpfer, er hat das Turnier gewonnen. Er hat gesagt, mein Anblick hätte ihn erst so gut gemacht.“

„Er hat dir weh getan!“, sagte Ned zornig.

Stumme Tränen rannten über Lyannas farblose Wangen. „Er hat mich geliebt.“

„Er hat dich entführt!“

„Ich bin freiwillig mit ihm gegangen, Ned. Weil ich ihn geliebt habe.“

Nein!, dachte Ned ohnmächtig, als seine Welt ins Wanken geriet. Das kann nicht sein! Lyanna war Robert versprochen gewesen, Rhaegar hatte Elia von Dorne zur Frau gehabt. Es passte nicht in Neds Auffassung von Ehe und Ehre, sich mit jemandem einzulassen, mit dem man nicht verheiratet war. Als er daran zurückdachte, was man sich über den Kampf von Robert und dem Targaryen-Sprössling erzählte, kam er jedoch nicht umhin zu glauben, dass Rhaegar seine Schwester wirklich geliebt hatte.

Er war mit ihrem Namen auf den Lippen gestorben.

Und Lyanna hatte ihn geliebt. Seit dem Tag, an dem ihr der Prinz den Kranz aus Winterrosen geschenkt und sie seine Königin der Liebe und der Schönheit genannt hatte und jedes Lächeln erstorben war.

Lange Zeit hatte Eddard Stark geglaubt, Rhaegar Targaryen hätte Lyannas Namen mit seinem letzten Atemzug gesprochen, weil er ihre Entführung im Augenblick seines Todes bereut hatte. Doch als er sah, wie mit Lyannas Tränen das Leben aus ihr zu weichen schien, kam Ned nicht umhin zu glauben, dass da tatsächlich Liebe gewesen war. Und mit dieser Erkenntnis wich auch sein Zorn.

„Ned.“ Er sah auf. Das Gesicht seiner Schwester war schmerzverzerrt. „Ich wollte Robert nie. Er hat etwas, das mir nicht gefiel. Aber Rhaegar … er war einfach so wunderbar. Er liebte Bücher und Musik. Und Blumen. Er hat mich auf Händen getragen, Ned. So wie die Ritter in den Geschichten.“

Eddard wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er spürte instinktiv, dass Lyannas Worte die Wahrheit waren. Mit einem Mal fühlte er sich schuldig, weil er Rhaegar gehasst hatte. Hätte er die Wahrheit gekannt, hätte er Robert von seinem Krieg abhalten können und niemand hätte sterben müssen. Er bedauerte, dass diese Liebe, die seiner kleinen Schwester alles bedeutet hatte, ein so tragisches Ende gefunden hatte. Er schluckte.

Wie sollte er den beiden ihre Gefühle verübeln? Ihr Verhältnis mochte gegen jeden Anstand verstoßen haben, doch Liebe war kein Verbrechen. Was wenn Rhaegar unglücklich mit seiner Frau gewesen war, so wie Lyanna Robert nicht hatte heiraten wollen? Eddard hätte ihm das nicht einmal verübeln können. Er selbst hatte gerade eine Frau geheiratet, die eigentlich seinem Bruder versprochen gewesen war. Seinem gutaussehenden, charmanten Bruder. Aber Brandon war tot und nun war Ned der Lord von Winterfell. Und damit war Catelyn mit ihm verheiratet worden. Die Enttäuschung in ihren Augen, als er am Tag ihrer Hochzeit den Mantel mit dem Schattenwolf von Winterfell über ihre Schultern gelegt hatte, versetzte ihm auch Monate später noch einen Stich.

„Unsere Zeit war nur kurz, aber sie war die schönste meines Lebens.“ Lyanna tat einen zitternden Atemzug. „Du denkst, er hätte mich entführt und mich hier eingesperrt und mit seinen Worten geblendet.“ Ned wollte widersprechen, doch sie schnitt ihm unerwartet scharf das Wort ab. „Aber das hat er nicht. Wir wollten zusammen sein. Er ließ ein paar Männer seiner Königsgarde hier, um mich zu beschützen.“

Und ich habe sie getötet …

„Ned.“ Lyannas Finger umklammerten seine mit einem Griff von einer Festigkeit, die ihn unwillkürlich an das kleine wilde Mädchen in ihr erinnerte, das er so innig geliebt hatte. „Du musst mir etwas versprechen.“

„Alles, was du willst“, sagte er sanft.

„Du musst es mir wirklich versprechen.“ Sie drückte seine Hand fester. „Es ist sehr wichtig.“

In ihren Augen lag eine plötzliche Furcht, die Ned verstörte.

„Versprich es mir, Ned“, wiederholte sie, ihre Stimme kaum mehr ein Flüstern.

„Was, Lyanna?“, fragte er alarmiert von der plötzlichen Dringlichkeit in ihrer Stimme. „Was soll ich dir versprechen?“

Ihr Blick wanderte zu einem winzigen Bett unter dem Fenster, das er zuvor zwischen den Sträußen von Winterrosen nicht bemerkt hatte. Eine Wiege. Darin lag ein winziges Baby mit dichtem schwarzen Haar und schlief.

„Du musst ihn beschützen. Er ist vielleicht der Letzte. Niemand darf von seiner Existenz wissen, bis es an der Zeit ist. Versprich es mir, Ned.“

Und dann begriff Eddard.

„Ich verspreche es, Lyanna.“

Ein warmer Luftstrom wehte durch das Fenster und wirbelte die lösen Blütenblätter auf dem Boden auf. Ned fröstelte unwillkürlich.

Als er sich wieder seiner Schwester zuwandte, war das Leben in ihren Augen erloschen. Doch statt Furcht war nun ein friedlicher Ausdruck auf ihrem Gesicht, fast schon ein seliges Lächeln. Ein paar blaue Blütenblätter waren auf ihren Körper geregnet, als der Windstoß verebbt war. Doch sie konnten nicht über die Wahrheit hinwegtäuschen.

„Nein“, brachte er fassungslos hervor. „Lyanna.“

„Lyanna!“

Nur verschwommen erinnerte sich Ned daran, wie Howland Reed ihn irgendwann gefunden und seine Finger vorsichtig aus denen seiner Schwester gelöst hatte. In seiner Erinnerung waren dabei schwarze Rosenblätter aus ihrer Hand gefallen, aber das konnte nicht sein. Es gab keine schwarzen Rosen. Vielleicht war es auch nur ein Streich, den ihm sein von Fieber erfasster Geist in der Dunkelheit seiner Kerkerzelle spielte.

Nachdem er sehr viel später wieder zu sich gekommen war, hatte Lord Eddard befohlen, den Tower of Joy abzureißen. Er wollte, dass dieser Ort von der Landkarte getilgt wurde. Der Turm war für ihn zu einem Symbol für Lyannas Leid und ihrem qualvollen Tod geworden - beides war völlig unnötig gewesen. Aus den Steinen hatte er Gräber für die acht Männer bauen lassen, die bei dem kurzen Kampf gefallen waren. Lyanna hatte er jedoch zurück nach Winterfell gebracht, wo er sie in der Familiengruft in einem Bett aus Winterrosen beigesetzt hatte. Ihrem kleinen Sohn hatte er einen Bastardnamen gegeben, doch er hatte ihn geliebt und aufgezogen, als wäre es sein eigener. Obwohl Catelyn ihm seinen vermeintlichen Seitensprung nie ganz verziehen hatte und sie einander über die Jahre lieben gelernt hatten, hatte er es nicht über sich bringen können, ihr die Wahrheit zu sagen.

„Jon ist von meinem Blut“, war alles, was er ihr je zu der Herkunft des Jungen gesagt hatte. „Es spielt keine Rolle, wer seine Mutter war.“

Eddard Stark wusste, als eine Tully waren Familie und Ehre tief in Catelyn verwurzelt. Er hätte ihr sein Geheimnis anvertrauen können, sie hätte verstanden. Aber Jon war wichtig. Zu wichtig. So wie die anderen beiden Targaryens, die irgendwo jenseits der Meerenge im Exil lebten.

Und so hatte er all die Jahre geschwiegen und hatte er sein Versprechen gehalten.

In der Dunkelheit seiner Zelle erkannte Ned, er würde dieses Geheimnis mit in den Tod nehmen. Er galt als Verräter, weil er die Abscheulichkeit, welche Cersei mit ihrem Zwillingsbruder hervorgebracht hatte, nicht als König akzeptierte. Stattdessen hatte er Roberts älteren Bruder Stannis als dessen Nachfolger auf den Thron benannt. Insgeheim wusste Eddard jedoch, weder Stannis noch sein jüngerer Bruder Renly noch einer von Roberts zahlreichen Bastarden war der wahre Erbe des Eisenthrons. Und wenn es nach ihm ging, auch nicht die beiden jüngeren Geschwister Rhaegars. Der wahre Thronfolger war weit oben im Norden an der Mauer.

Du musst ihn beschützen. Er ist vielleicht der Letzte. Niemand darf von seiner Existenz wissen, bis es an der Zeit ist. Versprich es mir.

Versprich es mir, Ned.

Eddard unterdrückte ein Seufzen. Würde er sich weiterhin weigern, Joffrey als den neuen König anzuerkennen, würde er sterben. Sich öffentlich als Verräter zu bekennen, widerstrebte ihm indes nicht weniger. So oder so würde er als Verräter in die Geschichte der Sieben Königreiche eingehen. Legte er jedoch ein Geständnis ab, so würde ihm gestattet sein, das Schwarz zu nehmen. Ned wusste, wie auch er entschied, würde er niemals zurück nach Winterfell und seiner Familie kehren können.

Doch indem er sich der Nachtwache anschloss, konnte er das Versprechen halten, das er seiner sterbenden Schwester gegeben hatte.

Und so erklärte Eddard Stark schließlich auf dem Platz vor der Großen Sept von Baelor vor dem König, seinem Gefolge und unzähligen Zuschauern, dass er ein Verräter war. Doch kaum, dass er die Worte gesprochen hatte und der neue König Ilyn Payne den Befehl gab, erkannte er, sich geirrt zu haben. Nicht einmal das Einhalten eines Versprechens würde ihn in seinem Leben noch vergönnt sein. Jon würde weiterhin auf sich allein gestellt sein. Und unwissend.

„Versprich es mir, Ned“, war alles, was er denken konnte, als jemand seinen Kopf nach unten drückte und der kalte, valyrische Stahl seines Großschwertes Ice, mit dem er so oft Gerechtigkeit hatte walten lassen, seinen Nacken berührte. Nicht seine geliebte Frau oder seine Kinder, nicht einmal Sansa, die sich die Seele aus dem Leib schrie - es war seine kleine Schwester Lyanna, an die er dachte. Lyanna und Winterrosen.


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