The 1. Poetry Slam - Goethe vs. Schiller (Teil1)

von Lemmy
GeschichteAllgemein / P12
05.04.2014
05.04.2014
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Lesehinweis: Die Geschichte ist wie ein Theaterstück zu lesen. Alles in eckiger Klammer [] sind Handlungsabläufe.


[Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller treffen sich auf der Straße, Goethe ist gerade von seiner Italienreise zurückgekommen und hält ein Libretto von Die Räuber in der Hand und fährt Schiller an.]

„Wenn ich das schon hör,
Stehlen, morden, huren, balgen
Heißt bei uns nur Zeit zerstreuen
Überall hört man´s die Burschen widerkäuen
Morgen hängen wir am Galgen,
drum lasst uns heute lustig sein.
Erst Morgen? Gestern plagte mich das Lüstlein
Dir mit Faustes Kraft einzudrücken dein Visier,
Ein freies Leben führen wir,
ein Leben voller Wonne,
der Wald ist unser Nachtquartier,
Zwerge werfen große Schatten, steht tief die kulturelle Sonne,
hier beweist sich Platos Kritik an Terpsichore,
ich reihe mich ein, kommen deine Verse mir zu Ohre´.“

[Friedrich Schiller hält ein Libretto von Die Leiden des jungen Werthers in der Hand und gibt pampig Antwort.]

„Mein Stück kann deines allemal umwerben,
les´ ich Sätze wie:
Das ich des Glückes hätte teilhaftig werden, für dich zu sterben.
Da greift sich doch manche Witwe an die Brust,
beklagt sie ihren Mann und dann ihren Sohn als Verlust.
Lotte, für dich mich hinzugeben.
Lotte? Ach da bitte ich doch, klingt Amalia mehr nach Liebesleben.
Es schlägt zwölfe, so sei es denn,
Lotte! Lotte lebe wohl. Lebe wohl!
Solche Abgedroschenheit lässt sich nur ertragen mit Alkohol,
selbst Erato lässt verzweifelt den Kopf auf das Pulte knallen,
Ein Nachbar sah den Blick vom Pulver und hört den Schuss fallen;
Da aber alles stille blieb, achtete er nicht weiter drauf.
Bei dir stirbt kümmerlich und einsam dein Protagonist,
in meinem Stück weiß Karl Moor was Sturm-und-Drängen ist.“

[Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe werden handgreiflich. Sie schlagen sich gegenseitig mit den zusammengerollten Libretti. Vom Radau gestört und angelockt kommt Immanuel Kant und unterbricht den Streit]

„Was soll das für ein Krach,
es ist nach zwölf, wir wollen schlafen,
bei dem Radau wird selbst ein Toter wach.
Könnt ihr beiden Hähne euren Streit nicht begraben,
ihr beide seid vom gleichen Schlag, Schriftsteller,
gebt Ruhe und dankt dem Herr Gott für seine Gaben.
Verstehen kann ich euch,
der Mann ist leicht zu erforschen,
die Frau verrät ihre Geheimnisse nicht!
Reicht euch die Hände, diskutiert im Stillen,
handelt so, dass die Maxime eures Willen,
jederzeit zugleich als Prinzip einer
allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.
Wir sind doch alle des einen Vaters Söhne.“

[Schiller und Goethe halten inne. Der, aus Königsberg stammende Immanuel ist einen Moment irritiert. Goethe und Schiller nehmen den Philosophen in die Mitte, beide legen ihren Arm über seine Schulter. Goethe spricht zu ihm im väterlichen Ton]

Goethe: „Jungchen, wir haben uns doch nicht gestritten,
für dich mag dies so scheinen,
doch so einer wie du hat nie den Pegasus geritten,
deinem Erkenntnisvermögen ist es geschuldet,
dass einer wie du, eine Diskussion unter Geistesheroen,
als Zank ansieht und dies zur nächtlichen Stunde nicht duldet.“
Schiller: „Recht spricht der Tattergreis,
          einen Dialog sieht nur der als Streit,
          der nicht um das Thema weiß.
          Tatsächlich verhielt es sich vielmehr so,          
          dass dein Mangel an Erfahrung dich glauben lies,
          wir wären wie Feuer und Stroh.“
Kant: „A priori oder was?
          Ihr seid wirklich kein feiner Umgang,
          wendet ihr doch meine Erkenntnistheorie gegen links,
          kleidet euch mit meinen Gedanken als Umhang,
          damit ich glauben solle,
          es verhielte sich so wie du und er es wolle.“
Goethe: „Da jetzt ist der Groschen gefallen,
          jetzt hat er es endlich begriffen,
          geh nur heim,
          esse er seine Königsberger Klopse,
          und achte darauf,
          dass ich ihm keine weiteren Gedanke mopse.“

[Kant stapft wütend und unter dem Gelächter der beiden Schriftsteller von dannen. Schiller und Goethe vertragen sich wieder. Um die Uneinigkeit darüber zu schlichten wer der bessere Poet ist, tragen sie einen Dichterwettstreit aus. Tags darauf ist eine Bühne errichtet, Publikum hat sich eingefunden. Im Publikum sitzen einige bekannte Philosophen und Dichter. Schiller lässt Goethe, als dem älteren, den Vortritt.]

„Zum Geleit möchte ich dem geneigten Publikum,
einige erklärende Worte geben.
Ich halte diesen Grünspan für außerordentlich dumm,
mich rief er einen Tattergreis, habt Nachsicht mit dem Junker,
er ist noch jung, schickt ihn nicht gleich zum Henker,
legitimiert seine Provokationen mit cogito ergo sum,
[In der ersten Reihe springt Rene Decartes auf, jubelt und klatscht]
Doch sein Antlitz gleich einem Esel, dreht man diesen um.
Um nun diesen Streit beizulegen,
bedienen wir uns einem intellektuellem Gefecht,
wer wird wen vom Platze fegen?
Dies entscheidet das Volk, denn nur die öffentliche Meinung ist gerecht.
Nun gestattete mir mein Kontrahent,
den nur allzu gerechtfertigten Vortritt,
ich bringe nun eines meiner Gedichte, welches ihr alle kennt.
[Goethe hält inne. Baut Spannung auf und referiert dann theatralisch]
Ene mene miste,
es krabelt in der Kiste,
ene mene meck,
und du bist weg!“

[Das Publikum applaudiert verhalten. Aus dem Publikum springt Erwin Schrödinger auf, hält seine Katzenreisekiste hoch und gibt eine Bewertung ab]

„Das ist ja wohl ein schwacher Einstieg,
zudem ist es ein Plagiat meiner Forschung,
das Schmücken mit fremden Federn nennt der Leistung,
erhofft er sich mit meiner Katze seinen Sieg.“

[Einige Sitznachbern von Schrödinger nehmen angewidert Abstand von ihm, weil er schon wieder seine tote und bereits verwesende Katze mit auf eine öffentliche Veranstaltung genommen hat. Schiller betritt die Bühne.]

„Da habt ihr es, vom Alter gezeichnet und,
ich rede nicht nur von seinem ergrauten Haupt,
dass er sich mit solchen Späßen auf die Bühne traut,
er soll schweigen, verbietet ihm den Mund!
Gestattet mir nun euch zu umschmeicheln,
euch mit niveauvoller Poesie zu streicheln.
[Schiller hält inne. Baut Spannung auf und referiert dann theatralisch]
Piep, piep, piep
Wir haben uns alle lieb.
Jeder isst so viel er kann,
nur nicht seinen Nebenmann,
und wir nehmen es ganz genau,
auch nicht seine Nebenfrau.“

[Das Publikum scheint kurz nachzudenken, applaudiert dann zögerlich. Im Publikum sitzen Sokrates und seine Frau Xanthippe die sich über den Dichterwettstreit unterhalten.]

Xanthippe: „Damit das auch dir klar wird,
          es war deine Idee zu dieser Soiree zu gehen,
          während der da oben eine literarische Missgestalt gebiert,
          langweile ich mich zu Tode.“
Sokrates: „Schweig, du hast doch kein Gespür für das Schöne,
          hier präsentiert sich Zeitgeist und Mode,
          du hörst nun mal nicht auf die leisen Töne.“

[Nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist, holt Goethe tief Luft und beginnt.]

„Nun wage ich mich, verehrte Zuhörer,
mit meinem nächsten Vers sie zu provozieren,
hört weg ihr Pedanten und Verschwörer,
zarte Geschlechter brauchen sich nicht zu genieren.
[Goethe holt Luft, baut Spannung auf und referiert.]
Maikäfer flieg,
Vater ist im Krieg,
Mutter ist im Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt.“

[Einige lachen, einer der letzten Preußen springt auf und schlägt seinem Sitznachbarn, der laut lacht, ins Gesicht. Es entwickelt sich eine Massenschlägerei.]
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