Dein

von Yumicho
GeschichteDrama, Angst / P18 Slash
Alexander Hephaestion
03.04.2014
03.04.2014
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„Richtet ihn hin.“

Alexanders Worte hallten in der plötzlich aufgekeimten Stille des Saals wider, prallten an den steinernen Wänden ab und brachen mit voller Kraft über Hephaistion herein.

Sein Blick, den er zuvor dem Boden entgegen gehalten hatte, schnellte zu seinem König hinüber, ein Ausdruck völligen Entsetzens in seinen blauen Iriden.

Ein Raunen ging durch den Raum, selbst Cassander und  Kleitos, die ihn in Position hielten, lockerten augenblicklich ihren Griff.

Sein eigenes Herz setzte aus, sekundenlang, er konnte es nicht mehr in seiner Brust schlagen fühlen.

Das konnte nicht wahr sein. Das durfte es nicht. Alexander konnte seine Worte nicht ernst meinen.

Hephaistion, der auf dem Boden kniete, beide Arme hinter seinem Rücken festgebunden, mit drei fremden Händen an seinen Schultern, die ihn hielten, einer in seinem Nacken, seinen Kopf hinabdrückend, konnte nicht mehr atmen. Alexander, sein geliebter Alexander, dem er sein eigenes Leben anvertraut und geschworen hatte, ihm bis zum Ende aller Tage zu folgen, ließ ihn hinrichten.



~wenige Stunden vorher~



Es war ein wunderschöner Morgen, die Sonne schien auf Babylon hinab und machte allen Anschein, als würde sie nur für den König höchstpersönlich aufgegangen sein, es war warm, bereits in den frühen Morgenstunden und keine einzige Wolke war am Himmel zu sehen.

Hephaistion strich Bukephalos, dem er gerade eine extra Ladung frischen Futters gegeben hatte, über die Nüstern und lachte sanft, als er ein kurzes Schnauben des schwarzen Pferdes als Antwort erhielt.

Es war Alexanders siebenundzwanzigster Geburtstag und alles sollte perfekt werden. Hephaistion selbst hatte den Großteil der Planung des Festes übernommen – nur so konnte er schließlich sicher sein, dass nicht gepfuscht wurde. Ein großes Bankett wurde veranstaltet, er hatte sogar dafür gesorgt, die erlesensten Speisen aufzutischen, die der König am liebsten mochte.

Ein Lächeln umspielte Hephaistions Lippen, als er sich mit einem letzten Blick auf Alexanders treuen Begleiter abwandte und die Ställe verließ. Er hatte noch einiges zu erledigen und musste sich beeilen, um rechtzeitig fertig zu werden, denn er wollte seinen König nicht warten lassen.

Insbesondere nicht an seinem Geburtstag – wo er doch eine besondere Überraschung für ihn geplant hatte.



~Gegenwart~



„Alexander, das kannst du nicht tun.“ Kleitos fand seine Stimme als erster wieder.

Hephaistion wandte ihm seinen Kopf zu, die Panik in seinem Blick hatte sich etwas gelegt, denn mittlerweile war er sich sicher, dass das nur ein Scherz sein konnte. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Es war sicher ein schlechter Scherz, von allen geplant, um Hephaistion eins auszuwischen – damit Alexander sich köstlich amüsieren konnte. Etwas anderes wollte ihm nicht in den Kopf.

„Hephaistion ist dein treuster Freund, treuer als wir alle, du kannst nicht –“ Doch weiter kam er nicht, Alexanders forsche Stimme unterbrach ihn rücksichtslos, die Wut klar und deutlich in ihr verankert.

„Sag mir nicht, was ich zu tun habe! Er hat mich verraten und nun wird er dafür bezahlen! Hinfort mit ihm!“

Mit einer wirschen Handbewegung deutete der König zur Tür und Hephaistion konnte sehen, wie Cassander und Kleitos sich verunsicherte Blicke zuwarfen, doch letzten Endes schluckte Kleitos hörbar hinter ihm und zog ihn auf die Beine. Schließlich konnte er sich seinem König unmöglich widersetzen.

„Alexander“, versuchte der schwarzhaarige General es auf ein Neues und der Verurteilte empfand für einen Moment tiefe Zuneigung dem anderen Mann gegenüber, denn er war der einzige, der wirklich Einspruch erhoben hatte.

Sein Blick traf auf Alexanders, in dessen Augen eine Wut lag, von der Hephaistion nicht wusste, dass er sie ihm gegenüber empfinden konnte – und da wusste er, dass das alles andere als ein schlechter Scherz war, sondern die harte Realität.

Er fügte sich seinem Schicksal und ging vor Kleitos her, der ihn wider Erwarten nicht grob behandelte, sondern langsam, fast schon behutsam vor sich her schob und ihm, vermutlich beruhigend, mit dem Daumen über die Schulter rieb, doch Hephaistions Augen klebten an Alexander, der ihn keine einzige Sekunde lang mehr ansah, auch dann nicht, als sich die Tür hinter ihm und Kleitos schloss.



~wenige Stunden vorher~



Hephaistion richtete gerade die letzten Weinkelche und arrangierte die Tischdekoration, bestehend aus einigen Pflanzen und Obst, als hinter ihm die Tür aufging und Alexander hereinkam, ein breites Lächeln auf den Lippen.

Es steckte den Braunhaarigen augenblicklich an und er drehte sich um, um mit geöffneten Armen auf seinen Freund zuzugehen und ihn in eine warme Umarmung zu schließen, sobald sie sich nahe genug waren. Er vergrub sein Gesicht in der Halsbeuge seines Königs und atmete tief seinen Duft ein, während sich eine seiner Hände in dessen Haar vergrub und er mit der anderen über seinen Rücken strich.

„Ich wünsche dir alles nur erdenklich Gute zum Geburtstag, Alexander.“ Er spürte, wie sein Gegenüber ihn wie zur Antwort fest an sich drückte, bevor sie voneinander abließen und sich wieder in die Augen sehen konnten.

Auf Alexanders Gesicht lag ein entspannter Ausdruck, er schien sich auf das bevorstehende Fest zu freuen und Hephaistion konnte es ihm nicht verdenken: der König liebte derartige Zusammentreffen nicht besonders formeller Art. So konnte er wenigstens für einen Abend vergessen, wer er war und sich entspannen.

„Ich danke dir, mein Hephaistion“, erwiderte Alexander nach einigen Momenten und strich dem Braunhaarigen zärtlich mit den Fingerspitzen über die Wange, bevor er eine Traube nahm und sie genüsslich zwischen den Zähnen zerbiss.

„Ich wollte nur sehen, wie weit du mit den Vorbereitungen bist, aber offensichtlich ist alles fertig. Fehle nur noch ich.“ Er grinste breit und nickte anerkennend, während er den Blick durch den Saal gleiten ließ und an Hephaistions Gesicht hängen blieb, der ihn zufrieden ansah.

„Dann kann es ja losgehen, sobald es Abend wird. Ich freue mich.“ Und mit einem letzten Lächeln ließ der König seinen Freund zurück, der ihm mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen nachsah. Das würde ein toller Abend werden.



~Gegenwart~



Dass sich alles so schlagartig ändern würde, damit hatte Hephaistion nicht rechnen können. Er ließ regungs- und emotionslos alles mit sich geschehen, wehrte sich nicht einmal ansatzweise, als Kleitos damit begann, ihn an einem Pfahl in einem der Räume nahe des königlichen Gemachs zu binden.

Er hatte diesen Raum noch nie von innen gesehen und nun wusste er auch warum. Er hatte sich glücklich schätzen können, nicht in der Position zu sein um, gefoltert zu werden zu können – doch nun wurde ihm ein noch viel schlimmeres Schicksal zuteil.

„Hephaistion, es tut mir leid“, hörte er auf einmal Kleitos' Stimme, leise und voll ehrlichem Bedauern, seine Augen blickten traurig in seine eigenen blauen. „Ich will das nicht tun, aber du weißt, ich kann mich nicht... widersetzen...“

Hephaistion konnte deutlich sehen, dass es dem Anderen nicht gefiel, sich bei ihm zu entschuldigen oder gar zu rechtfertigen, doch noch unangenehmer war die Tatsache, dass Hephaistion sterben würde. Auch, wenn sie nie ein gutes Verhältnis hatten, das ging selbst dem unnahbaren Kleitos sehr zu Herzen, das konnte er sehen. Deshalb lächelte er seinen Gegenüber an und nickte. Woher er die Stärke dazu nahm, das wusste er selbst nicht.

„Ich weiß. Er ist dein König, genauso wie er meiner ist. Wir haben seinen Befehl zu akzeptieren, das wissen wir beide.“

Auf Kleitos' Gesicht legte sich ein Schatten und Hephaistion erwartete fast schon, dass er ihm an den Kopf warf, wie er sich denn damit zufrieden geben konnte, doch noch bevor der Schwarzhaarige seinen Mund öffnen konnte, stürmte Alexander höchstpersönlich in den Raum, seine Augen funkelten zornig im fahlen Licht der Kerzen und er bedeutete Kleitos, den Raum zu verlassen, was dieser mit einem letzten, tief traurigen Blick auf Hephaistion auch tat.

Danach herrschte komplette Stille im Raum und Hephaistion wartete. Auf sein Ende.



~wenige Augenblicke vorher~



Das Fest war bereits in vollem Gange und alle Anwesenden amüsierten sich prächtig, allen voran Alexander selbst. Es war eine gefühlte Ewigkeit her, dass er das letzte Mal so ausgelassen gelacht hatte, dass seine Augen regelrecht vor Freude strahlten.

Hephaistion saß einige Plätze von ihm entfernt auf weichen Kissen, die zuvor von ihm persönlich hier und dort auf dem Boden verteilt worden waren und betrachtete ihn, sein Lachen und wie er den Kopf in den Nacken warf, nachdem Kleitos ihm etwas ins Ohr geflüstert hatte. Ein kurzes Stechen zuckte durch Hephaistions Brust und er wandte beschämt den Blick ab, schüttelte kurz den Kopf.

Er wüsste nur zu gerne, was Kleitos zu erzählen hatte, dass es Alexander, der sonst nicht so leicht dermaßen zu begeistern war, zumindest nicht von jemand anderem als Hephaistion selbst, so zum Lachen brachte. Doch die Eifersucht, die plötzlich in ihm aufkeimte, war trotz dessen nicht gerechtfertigt. Immerhin freute er sich für seinen König, dass er einen solchen schönen Geburtstag feierte.

Als Hephaistion aus dem Augenwinkel heraus sah, wie Alexander seinen Weinkelch an den Mund führte, wurde ihm sein eigener Durst bewusst und er griff nach seinem eigenen Kelch, doch noch bevor irgendetwas geschehen konnte, wurden auf einmal Stimmen um ihren Tisch herum laut.

Überrascht ließ er die Hand, die den Kelch hielt, wieder sinken und drehte sich um. Einer der Krieger, den Hephaistion vom Sehen her kannte, dessen Name ihm aber entfallen war, hatte seinen Weinkelch fallen lassen und lag nun zusammen gekrümmt auf dem Boden, die Hände hielt er vor den Bauch und krampfte seine Finger in den Stoff seiner Kleidung.

„Was ist passiert?“, hörte er kurz darauf Alexanders Stimme durch den Saal rufen und er tat es seinem König nach, aufzuspringen und zu dem Geschädigten zu hasten.

„Wie es aussieht, wurde er vergiftet“, erwiderte Ptolemaios und sein Blick glitt zu dem frischen Weinkrug, der wenige Minuten vorher erst von einem der Diener hereingetragen wurde. Bisher war der junge Mann der einzige, der davon getrunken zu haben schien.

„Vergiftet?“, keuchte Alexander und sein Blick zuckte zurück zu seinem Platz, wo sein Becher – glücklicherweise – noch unberührt stand. „Aber... wie kann das sein?“

Hephaistions Augen weiteten sich in Unglauben und Schock, als ihm bewusst wurde, was das bedeutete: jemand hatte versucht, den König zu ermorden. Den anderen ging es augenscheinlich gut und der vergiftete Krug wurde ausschließlich an den Tisch getragen, an dem Alexander seinen Platz hatte.

„Bei den Göttern...“, wisperte Hephaistion und er berührte Alexander vorsichtig am Arm, welcher sich sogleich zu ihm umdrehte und ihn besorgt ansah. „Hast du –“, setzte er an, doch der Braunhaarige beruhigte ihn gleich mit einem knappen Kopfschütteln. Nein, er hatte nicht davon getrunken.

Alexanders Züge entspannten sich sogleich merklich, doch der Ausdruck hielt nicht lange an, denn Cassander beugte sich zu ihm vor und wisperte ihm etwas ins Ohr, das er kaum verstehen konnte, lediglich seinen eigenen Namen konnte er vernehmen. Eine Sekunde später starrten ihn diejenigen, die in unmittelbarer Nähe saßen, aus emotionslosen Gesichtern an, auch Alexander, auf dessen Gesicht sich jedoch Unglauben und Entsetzen breit machten.

„Nein, das ist eines deiner Hirngespinste, Cassander“, erwiderte der König grob und schüttelte dessen Hand ab, die sich auf seine Schulter gelegt hatte.

„Ich denke nicht“, zischte der General zurück und blickte von Alexander zurück zu Hephaistion, der immer noch starr da saß und nicht wusste, was sich vor ihm abspielte. „Schließlich ist Hephaistion derjenige gewesen, der Zugang zu allem hatte und das Fest vorbereitet hat.“

Auf Cassanders Worte hin verzog Alexander das Gesicht und schüttelte den Kopf, wandte sich ärgerlich zu seinem Untergebenen um. „Sag das noch einmal und ich werde dich –“ Doch er konnte nicht aussprechen, Cassander unterbrach ihn wirsch und lachte höhnisch. „Was denn, töten? So, wie Hephaistion es mit dir, mit uns allen versucht hat?“



~Gegenwart~



Die Minuten verstrichen so unglaublich langsam und dehnten sich wie zäher Gummi, denn sie kamen Hephaistion vor wie Stunden.

Er wagte es nicht, seine Augen zu heben und hielt den Kopf demütig gesenkt, doch er konnte Alexanders Blick praktisch auf sich spüren – seine Haut reagierte fast schon physisch darauf, es fühlte sich an, als würde er von tausenden Nadeln durchbohrt. Alexanders schwerer Atem machte dies nicht unbedingt besser.

„Warum?“

Dieses einzige Wort, in den Raum geworfen von seinem König höchstpersönlich, ließ den Braunhaarigen erschaudern. Das durfte nicht wahr sein. Alexander glaubte wirklich, er hätte etwas damit zu tun? Hielt er wirklich so wenig von ihm, dachte er tatsächlich, er könnte so etwas auch nur planen?

Hephaistion würde eher sein eigenes Leben geben. Aus diesem Grund stand er jetzt hier, gefesselt und dem Tode geweiht – und wehrte sich nicht, kämpfte nicht dagegen an.

Denn noch mehr als die Angst davor, getötet zu werden, schmerzte die Tatsache, dass Alexander ihm nicht vertraute. All die Jahre ihrer Freundschaft, ihrer gemeinsamen Zeit... war das alles gelogen? Hatte Alexander ihm nie vertraut und war ihm von vornherein mit Vorsicht entgegen getreten? Anders konnte er sich das nicht erklären. Woher sonst sollte nun ganz plötzlich all das Misstrauen kommen?

Hephaistion schluckte und rang mit den Tränen, kämpfte sie allerdings zurück, noch bevor sie sich in seinen Augen bilden konnten. Er wollte gerade den Mund öffnen, um etwas auf Alexanders Frage zu erwidern, doch noch bevor er sich sammeln und seine Stimme finden konnte, hörte er auf einmal ein metallisches Geräusch, wie das Ziehen einer Klinge.

Nein.

In jeglicher Bewegung erstarrend, hielt er sogar den Atem an. Nichts rührte sich, bis Alexander einen Schritt auf ihn zu kam.

„Ich habe dich gefragt, warum du versucht hast, mich zu töten!“ Die Stimme des Königs dröhnte durch den Raum und Hephaistion zuckte derart heftig zusammen, als hätte er ihn geschlagen.

Es hätte nichts schlimmeres geben können, als diese Frage.

Gepeinigt schloss er die Augen und senkte seinen Kopf sogar noch tiefer, bis sein Nacken schmerzte. Das Seil schnitt sich tief in seine Handgelenke und seine Beine drohten nachzugeben.

Er war sich sicher, dass seine Stimme zittern würde, würde er jetzt den Mund öffnen und jegliches Zeichen der Schwäche würde Alexanders Zorn auf ihn nur noch mehr schüren, das wusste er. Deshalb regte er sich nicht mehr und stand wie zu einer Steinsäule erstarrt vor seinem König, der immer noch bebend vor ihm stand.



~wenige Augenblicke vorher~



Hephaistion konnte nicht anders als kurz aufzulachen. Das war doch absurd.

„Das ist doch nicht dein Ernst, Cassander.“ Er blickte aus zu Schlitzen verengten Augen zu dem Anderen hinüber, der immer noch halb über Alexander gebeugt dastand.

Das Röcheln des vergifteten Mannes ebbte langsam ab, ein Arzt würde nichts mehr ausrichten können und dennoch wurde der schlaffe Körper eilig von zwei Männern weggetragen, in Richtung der Tür. Hephaistion sah ihnen für einen Moment besorgt nach, bevor sein Blick wieder zu Cassander glitt, der ob Alexanders zweifelndem Gesichtsausdruck breit grinste.

„Selbstverständlich ist das mein Ernst“, zischte er zurück und sein Griff, den er mit seiner rechten Hand auf Alexanders Schulter ausübte, verstärkte sich ein wenig. „Schließlich bist du in der Tat der einzige, der Zugang zu den Weinfässern hatte. Und versuch nicht, mir weiszumachen, einer der Bediensteten würde es sich zutrauen, den König vergiften zu wollen!“

Hephaistion schüttelte daraufhin lediglich seinen Kopf, ein fast schon gequält amüsierter Ausdruck lag auf seinem Gesicht.

„Alexander“, seufzte er und tat einen Schritt auf seinen Freund zu, „das glaubst du ihm doch nicht, oder... etwa doch?“ Er zögerte und seine Stimme schwankte gen Ende hin ein wenig, da Alexander einen Schritt zurückgetreten war. Der Braunhaarige blieb augenblicklich stehen und ließ seine Hand sinken, die er zuvor erhoben hatte, um Alexander beschwichtigend am Arm zu berühren.

Das durfte nicht wahr sein.

„Alexander!“ Hephaistion erhob seine Stimme und sah fassungslos zu dem Mann hinüber, der ihm alles bedeutete. Er glaubte doch wohl nicht wirklich, dass er etwas damit zu tun hatte? Er, der ihn über alles liebte und ihm stets treu ergeben war, egal, in welcher Situation?

„Cassander hat Recht“, murmelte Alexander und in seinen Augen erglomm etwas, das Hephaistion bis ins Mark ging: verzweifelte Wut. „Du warst derjenige, der den Wein beschaffen hat. Niemand sonst hatte Zugang dazu.“

Der König sah Hephaistion mit einer Mischung aus Vorsicht, Zweifel und unschätzbarer Wut an, dass ihm ganz anders wurde. Doch als er seine nächsten Worte aussprach, wollte Hephaistion schreien.

„Nehmt ihn fest.“

Alexander wandte sich von ihm ab und während Cassander und Kleitos, Letzterer widerstrebend und Ersterer mit einem unverkennbar zufriedenem Ausdruck auf dem Gesicht, auf ihn zukamen, ihm die Arme schmerzhaft auf den Rücken legten und festbanden, dachte der blauäugige Mann, ihm würden die Beine nachgeben und er müsste stürzen, direkt vor Alexander auf den Boden.

Er konnte fühlen, wie sich ein unsagbarer Schmerz in seinem Körper breit machte, zuerst sein Herz zerdrückte und dann all seine Glieder lähmte. Ihm wurde kalt und sein Herzschlag hallte ihm laut in den Ohren wider.

„Nein“, wisperte er und schüttelte den Kopf, versuchte, sich gegen die Fesseln zu wehren und spürte, wie ihm die Panik die Luft abschnürte. Doch er kam nicht dazu, Cassanders Hände von sich abzuschütteln, denn noch bevor er sich bewegen konnte, dröhnte bereits Alexanders zorneserfüllte Stimme durch den Saal.

„Richtet ihn hin.“



~Gegenwart~



„Warum wehrst du dich nicht?!“, schrie Alexander, den Dolch in der einen Hand, mit der anderen umfasste er Hephaistions Kehle und drückte zu. Blanker Wahnsinn stand ihm in den Augen geschrieben, aber auch ein Hauch von Verzweiflung, Verständnislosigkeit. Da war auch noch etwas anderes, doch Hephaistion vermochte der Emotion keinen Namen zu geben.

Er schloss für einen Moment die Augen, versuchte zu atmen, doch er scheiterte und röchelte kläglich, bevor er seine Augen wieder öffnete und aus seinem kalten Blau fest in das warme Braun seines Gegenübers blickte. Ohne ein einziges Mal wegzusehen, während der Andere ihm die Luft abdrückte. Selbstsicherheit und Ruhe standen in seinen Zügen geschrieben, trotz der Panik, die tief in seinem Inneren wütete.

Aber durfte sie Alexander nicht zeigen. Denn er war unschuldig und vertraute Alexanders Urteil. Was er bestimmte, würde geschehen. Ungeachtet der Konsequenzen.

Alexanders Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig und er ließ von ihm ab, presste sich eine Hand über das Gesicht.

„Warum stehst du so reglos da und lässt alles mit dir ergehen, egal was ich mache?!“ Seine Stimme überschlug sich und er drehte sich fassungslos wieder zu dem Gefesselten um, der Dolch blitzte gefährlich in seiner Hand auf, die Klinge blank poliert und bereit, ein Leben zu nehmen.

Doch es war Hephaistion gleichgültig, er hatte einen Entschluss gefasst. Er hob seinen Kopf, den er zuvor gesenkt hatte und lehnte ihn an den Pfahl hinter sich, an den er von Kleitos gefesselt worden war und sah Alexander in die Augen, ohne seinen Blick auch nur für einen Moment abzuwenden.

„Weil du mein König bist“, antwortete er dann auf Alexanders Frage, seine Stimme fest und ruhig. Kein einziges Mal überschlug sie sich, nicht während seiner ganzen Rede.

„Ich habe geschworen, dir zu dienen und zur Seite zu stehen, so lange ich lebe. Ich habe dir sogar mein Leben versprochen. Und wenn du es jetzt nehmen willst, dann tu es.“

Hephaistion neigte seinen Kopf zur Seite, eine Geste völliger Unterwerfung. „Nimm, was dir gehört.“

So stand er regungslos da, die Augen geschlossen – und nichts regte sich, nichts war zu hören. Fast schon erwartete er, gleich die kühle Klinge an seiner Kehle zu spüren, wie sie tief in sein Fleisch schnitt und damit das Fließen des Blutes über seine erhitzte Haut auslöste, das bereits allzu bald sein Leben beenden würde.
Doch nichts dergleichen geschah.

Die Sekunden verstrichen und sie kamen ihm vor wie Minuten. Nach einer halben Ewigkeit öffnete Hephaistion zögernd die Augen und blinzelte einige Male, bevor er es wagte, den Blick zu heben und seinen König anzusehen. Er hatte nicht mit dem gerechnet, was sich seinen Augen darbot.

Alexander stand wenige Schritte von ihm entfernt regungslos da, seine Augen klebten regelrecht an Hephaistion und starrten ihn an, Entsetzen und Fassungslosigkeit, vielleicht auch Verständnislosigkeit, deutlich in ihnen lesbar. Der Dolch in seiner rechten Hand zitterte unbeherrscht und die Finger seiner Linken krampften sich in den Stoff seines Chitons. Fast unmerklich begann er, den Kopf zu schütteln und sein Mund öffnete und schloss sich einige Male, klar in dem Versuch, etwas zu sagen, doch offensichtlich fehlten ihm die Worte.

Hephaistion fühlte sich schlagartig unwohl, denn trotz der obskuren Situation, in der er sich befand, wollte er nicht, dass Alexander sich so verhielt, sprachlos, seiner eigenen verbalen Fähigkeiten beraubt. Er räusperte sich, sein Hals schmerzte ein wenig nach Alexanders Würgen, doch er zwang sich, zu sprechen.

„Ich weiß nicht, was ich getan habe, um dein Vertrauen in mich so zu brechen“, begann er, seine Stimme leise und kaum hörbar, doch er wusste, dass Alexander ihn verstehen konnte. Scheinbar hörte er auch den Schmerz und die Enttäuschung aus seiner Stimme heraus, denn sein Blick wurde schlagartig weicher und seine Augenbrauen zogen sich auf diese ihm so typische Art und Weise zusammen, die Hephaistion so sehr an ihm liebte. Es erinnerte ihn an seinen Alexander von früher, als sie noch Kinder waren und ihre Freundschaft unbefleckt, ohne den Druck der Verantwortung, die nun auf Alexander dem König lastete. Doch diesen Alexander gab es nicht mehr, vor allen Dingen nicht für ihn, Hephaistion, selbst, das wusste er nun. Sein Alexander war verschwunden und zurück geblieben war der eiskalte Mann, der ihn töten wollte.

„Doch du sollst wissen“, fuhr er fort, nachdem er sich wieder gesammelt hatte, „dass ich niemals einen derartigen Versuch unternehmen würde, dir zu schaden. Egal in welcher Hinsicht. Allein der Gedanke daran, du könntest nicht länger sein, schnürt mir die Brust ab und ich habe das Gefühl, kläglich verenden zu müssen. Nicht nur, weil ich ohne dich nichts bin. Nicht nur, weil du mein König bist. Sondern weil ich dich liebe, Alexander, schon seit ich als kleiner Junge herkam.“

Hephaistion schloss die Augen und ließ sich langsam an dem Pfahl hinuntergleiten, so gut es ging ohne sich die Arme allzu schmerzhaft zu verrenken, bis er auf dem Boden kniete und in Demut den Kopf senkte. Alexanders scharfes Einatmen sagte ihm, dass der andere verstand, was er tat.

Um seinen Worten noch mehr Ausdruck zu verleihen, wechselte er in die formale Anrede, von der er wusste, dass Alexander sie aus seinem Mund nie hören konnte, ohne dass es sich falsch anfühlte, weil er nie ein König für Hephaistion gewesen war, nicht eine Sekunde lang. Er war so viel mehr als das und tief in seinem Inneren wusste er das.

„Ihr, mein König, seid alles für mich. Ihr seid von höherem Wert als mein eigenes Leben und ich habe geschworen, das Eure mit dem meinen zu beschützen, komme was wolle.“

„Hephaistion“, hörte er Alexander einwerfen und als er den Kopf hoch, traf sein Blick auf die Wärme, auf die er so lange in den fremden Augen gewartet hatte, die ihm doch bekannter waren als seine eigenen. Doch er ließ Alexander nicht aussprechen.

„Deshalb bitte ich um Eure Vergebung, auch wenn ich weiß, dass mir das nicht zusteht. Ich ertrage den Gedanken nicht, dass ich Euer Vertrauen derart verletzt habe. Ich war jahrelang Euer treu ergebener General, stets an Eurer Seite und ich hätte mir mehr als alles andere gewünscht, es bis zum Ende meiner Tage bleiben zu dürfen. Doch meine Dienste waren nicht gut genug und ich akzeptiere Euren Wunsch, mich angemessen dafür zu bestrafen.“

Als Alexander auf ihn zu kam, einen Ausdruck auf seinen Zügen, den Hephaistion beim besten Willen nicht lesen konnte, senkte er ergeben den Blick und schluckte.
Dies war nun also das Ende. Sein Ende. Doch es war in Ordnung. Wenn er nun sterben sollte, dann würde dies durch die Hand seines besten Freundes, seines Geliebten und wichtigsten Menschen geschehen. Und das konnte er ertragen.

Wenige Sekunden später spürte er die Wärme, die von Alexanders Körper ausging, als dieser sich vor ihm hinkniete und scheinbar ansah. Doch Hephaistion erwiderte seinen Blick nicht, er spürte lediglich, wie Alexanders Atem sein Gesicht streifte, wie er sich über ihn beugte... und ihm die Fesseln durchtrennte, die seine Arme hinter seinem Rücken festhielten.

Ein überraschtes Keuchen entfuhr dem Braunhaarigen, als er ungläubig seine Arme nach vorne bewegte und sich über die schmerzenden Handgelenke rieb. Noch bevor er seinen Blick heben konnte, begann Alexander zu sprechen.

„Ich hätte wissen sollen, dass deine Treue und Liebe mir gegenüber unerschütterlich sind. Es hätte mir niemals auch nur in den Sinn kommen dürfen, an dir zu zweifeln und ich verabscheue mich dafür, dass es doch geschehen ist. Es tut mir leid, Hephaistion. Ich ersuche deine Vergebung, nicht du hast zu bitten.“

Hephaistions Augen weiteten sich in Schock, als der König seine rechte Hand in die seine nahm,sie zu seinem Mund führte und einen sanften Kuss auf seine Fingerknöchel drückte, zum Zeichen seiner Demut. Doch dies war nicht richtig, Alexander war der König und er …

„Alexander, nein.“ Er entzog ihm mit einer sanften Bewegung die Hand und schüttelte den Kopf, während er zurückwich und aufstand. Seine Schultern hingen tief, als würde die ganze Last der Welt auf ihnen liegen und vielleicht war dem auch so, denn Alexander war seine Welt, er war alles für ihn und der Vertrauensbruch lastete schwer auf ihm.

„Ihr seid der König und ich bin nur ein General unter vielen. Ihr würdet nicht vor einem anderen niederknien, nun bitte ich Euch darum, es auch nicht vor mir zu tun. Es ist nicht rechtens.“

Er begegnete Alexanders Blick, in dessen Augen eine unglaublich tiefe Traurigkeit lag und wandte sein eigenes Gesicht ab, nicht in der Lage, ihm noch länger standzuhalten.

„Hephaistion, bitte...“, begann der blonde Mann, doch der angesprochene schüttelte vehement den Kopf.

„Nein. Wenn es nicht in Eurem Ermessen liegt, mein Leben zu beenden, so danke ich Euch. Doch ich werde nicht weiterhin in Eurem Dienst stehen können, nicht mit dem Wissen, Euch dermaßen enttäuscht zu haben. Verzeiht mir.“

Und mit diesen Worten wandte er sich um und wollte gehen, doch Alexanders Finger schlossen sich um sein Handgelenk und hielten ihn zurück.

„Ich weiß, dass ich mich habe manipulieren lassen. Ich hätte Cassander niemals glauben, nicht einmal zuhören dürfen. Er ist es nicht einmal wert, deinen Namen zu nennen“, erklärte sich der König, der immer noch vor ihm auf dem Boden kniete, doch Hephaistion wollte das alles nicht hören. Er hatte sein Herz vor Alexander niedergelegt und seine Gefühle wurden ganz klar nicht auf diese Art erwidert, wie er es sich gerne gewünscht hätte – warum also hielt Alexander ihn noch zurück und setzte ihn noch länger dieser quälenden Schmach aus?

„Denn du bist nicht bloß ein General unter vielen, Hephaistion“, fuhr er fort und seine nächsten Worte ließen den Braunhaarigen in seinen Versuchen, sich aus Alexanders Griff zu befreien, inne halten.

„Du bist Hephaistion, mein bester Freund seit Kindesjahren an. In dir liegt mein ganzes Vertrauen, mein ganzer Glauben... ohne dich bin ich nichts. Du bist der Fels in der Brandung und warst stets an meiner Seite, wann immer ich drohte, den Verstand zu verlieren... und jedes Mal hast du mich davor bewahrt. Du bist alles für mich, Hephaistion. Alles.“

Hephaistion spürte, wie ihm alles Blut aus dem Gesicht wich, als ihm das Gewicht der Worte bewusst wurde, die sein König ihm da gerade entgegen brachte. Er spürte ein leichtes Ziehen an seiner Hand und als er sich zu seinem Liebsten umwandte, kniete dieser immer noch und küsste abermals seinen Handrücken.

„Mein Patroklos.“

Hephaistion konnte nicht verhindern, dass ihm für einen kurzen Moment die Beine nachgaben und er zu Alexander auf den Boden sank, sein Gesicht vorsichtig in seine Hände nahm und in die braunen Augen sah, die ihm so zärtlich entgegen blickten, dass er es kaum aushielt.

„Alexander, ich...“, begann er, doch Alexander schüttelte den Kopf und brachte ihn so zum Schweigen.

„Jahrelang habe ich mich zurückgehalten und versucht, an meine Pflichten als König zu denken, doch zu wissen, dass meine Gefühle in dir ihr Echo finden... niemals hätte ich damit gerechnet.“

Der Braunhaarige schloss die Augen und lehnte seine Stirn gegen Alexanders, überwältigt von der Wende der Geschehnisse. Wenige Augenblicke zuvor hatte er bereits mit seinem Leben abgeschlossen und nun schien Alexander, den er schon sein Leben lang liebte, seine Gefühle zu erwidern – es kam ihm vor wie im Traum, viel zu surreal. Er war fast schon der Überzeugung, dass Morpheus' Arme ihn umschlungen hielten, doch dafür fühlten sich Alexanders Lippen auf seinem Mund, die ihn aus seinen Gedanken rissen, viel zu echt an.

Seine Augen weiteten sich in Unglauben und als Alexander wieder von ihm abließ, ihm in die Augen sah und seine nächsten Worte mit solch einer Zärtlichkeit aussprach, dass es Hephaistion fast das Herz zerriss, konnte er die Tränen nicht mehr zurückhalten und er spürte sie heiß in seinen Augen brennen.

„Ich liebe dich, Hephaistion.“
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