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Schwarze Federn

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16
03.04.2014
03.04.2014
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Dieser OS wird in den kommenden Tagen noch einmal überarbeitet. Ich habe den Abgabetermin um eine Viertelstunde überzogen und werde noch einiges ändern müssen, Reviews werden daher mit Freude entgegen genommen und Kritik auch gerne umgesetzt.
Die Vorgabe für die aktuelle Runde war das folgende Bild, das ich von DementedCorvus bekam. Das Bild ist sehr viel düsterer als das, was ich mir normalerweise gerne ansehe und überraschenderweise hat etwas in mir begierig auf die Gelegenheit reagiert und sich diese Geschichte ausgedacht. Der Rest von mir ist sehr überrascht, was für Seiten da in mir schlummern. Ich bin froh, in dieser meiner ersten Runde Puzzlegeschichten schon so viel Neues entdeckt zu haben (obwohl ich mir selbst damit unschöne Träume bereitet habe).
Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, das hier zu lesen.

WARNUNG: Es gibt eine Stelle, die einen schwachen Magen beunruhigen könnte, wie mir gesagt wurde. Falls das so ist – sie ist sehr kurz, keine Gewaltbeschreibung und hoffentlich kein Grund, jetzt wegzuklicken.

~*~


Der Regen hatte nicht das Leben, die letzte Segnung der heiß ersehnten Ernte gebracht, sondern den Tod.
Er prasselte auf ihren Körper ein, die einzelnen Tropfen waren so schnell, dass sie sich wie Hagelkörner anfühlten und mit jedem Aufprall eine winzige Wunde zu reißen schienen. Es war, als konzentrierte er sich nur auf sie, als würde der Wind aus allen Richtungen blasen, um den Regen gegen ihren Körper zu peitschen. Der Boden zu ihren Füßen war schon längst weggeschwemmt, die festgetretene Erde durch Schlamm ersetzt worden, der langsam von der leichten Anhöhe, auf der das Gemeindehaus stand, herunterfloss. Unter ihren bloßen Zehen erkannte sie nichts mehr. Der stetige Regen hatte alles weggewaschen, Fußspuren, Blut und Federn, als wäre alles dasselbe und alles unwichtig. Nur die Schmerzen blieben noch, die konnte der Regen nicht wegwaschen, stattdessen schlug er auf ihre Haut ein, als versuchte er, neue Wunden zu schlagen. Die Haare waren ihr ins Gesicht geschwemmt worden, aber sie konnte sie nicht wegwischen. Der Regen schlug auf jede Verletzung ein, als wolle er ihr zeigen, dass es ohnedies bald vorbei sein würde.
Und dennoch lebte sie noch.
Dieser Gedanke war neu. Bisher hatte sie nur darüber nachgedacht, wie lange es noch dauern würde. Wann die Sonne wieder untergehen oder wann die Vögel trotz Regen aus ihren Verstecken kommen oder wann sie sterben würde. Aber der Gedanke, dass sie all das bisher überlebt hatte, war ihr noch nicht gekommen.
Müde blinzelnd hob sie den Kopf. Nein, die Bewegung auf dem Dach hatte sie sich nur eingebildet. Die Vögel waren den Regen geflohen. Damit half er ihr sogar schon ein zweites Mal – der Hunger war da und brüllte in ihrem Bauch, aber wenigstens war sie noch nicht verdurstet. Ihre Augen glitten zu dem leeren Balken einige Meter von ihr entfernt und sie dachte an den Räuber. Sie hatten sie genau wie ihn aufgehängt, an einem Haus, mit weit ausgebreiteten Armen – die Fesseln um die Arme geschlungen, damit sie nicht erstickte – und viel zu weit vom nächsten Fensterbrett entfernt, um sich selbst zu retten. Und es würde auch niemand sonst mehr für sie tun.
Wieder fiel ihr Kopf nach unten, begleitet von einem Knacken im Genick, das sie mehr spüren als über den Regen hören konnte. Ihr Genick… natürlich war es nicht gebrochen, was ihr aber beinahe wie ein Hohn vorkam. Immerhin hatte ihr eigener Körper beinahe mehr Schaden an sich angerichtet als alles andere.
Ihr Geist war eine andere Sache.
Wieder durchflutete sie der Hass, ließ heiße Ströme durch ihren Körper laufen. Was für ein Wunder, dass ihr Herz dazu noch in der Lage war. Ihrem betäubten Kopf war es egal. Nein, nicht egal – aber so schlimm, dass sie es schon lange ausgeblendet hatte.
„Was hast du denn da auf dem Rücken?“
Damit hatte es begonnen, mit Leons unschuldiger Frage. Sanft und leicht besorgt hatte er geklungen und auch Katja hatte sich Sorgen gemacht, als sie die Arme verrenkt und die kleinen Erhebungen knapp unter ihren Schulterblättern gespürt hatte.
Beulen bedeuteten nichts Gutes – sie standen für die Pest oder zumindest Abszesse, die zum Tod führen konnten. Zwar versicherte er ihr, dass die Haut keine unnatürliche Färbung aufwies, aber dennoch… Sorgen hatten sie sich beide gemacht.
Vor ihr sprudelte plötzlich etwas über eine kleine Stiege, die zu der Tür eines Wohnhauses geführt hatte. Führte, das Haus stand ja noch. Aber mittlerweile war es unbewohnt, seit ganzen zwei Tagen schon. Was das Wasser am Fuße der Treppe umdrehte, war… weiß.
Es war nicht nötig, den Kopf weiter zu heben. Es gab nur noch eine Sache, die weiß war. Die sauberen Häuser waren schlamm- und schmutzbespritzt, der Regen hatte bei einigen selbst einen Teil der Farbe abgewaschen – vielleicht lag es aber auch nur an dem schlechten Licht, das alles grauer scheinen ließ – und nur eine Sache hatte das Wasser freigelegt, indem er die schützende Schicht darüber mit seinen harten Schlägen langsam abspülte: Der Schädel drehte sich langsam, ehe er, auf dem Kopf liegend, auf der untersten Stufe liegen blieb.
Natürlich war er nicht wirklich freigelegt, aber genug, um mehr Knochen als Gesicht erkennen zu lassen. Immerhin, ein kleiner Trost, ohne Gesicht konnte sie die Person nicht erkennen – und der Kopf sah nach einem Erwachsenen aus.
In den letzten Tagen hatte sie gelernt, Alter an Körper- und Kopfgröße abzuschätzen.
Irgendwann waren die Beulen so groß gewesen, dass sie nicht mehr auf dem Rücken schlafen konnte. Ihre Schultern hatten geschmerzt und wenn sie Marie aufgehoben hatte, war ein Stich durch ihren gesamten Oberkörper gefahren.
Leon hatte ihr nicht helfen können. Das war das erste Mal gewesen; seit sie verheiratet worden waren, hatte er sich um sie so liebevoll gekümmert und immerzu versucht, ihr jede Arbeit leichter zu machen. Vom ersten Tag an hatte er ihr gesagt, er würde sie beschützen – erst aus Pflichtbewusstsein und später aus Liebe.
Dieses Mal jedoch hatte er nur über ihre unversehrte Haut streichen und ihr sagen können, dass die Masse darunter hart wie Stein war. Katja hatte ihren Kopf schnell genug gedreht, um auf seinem Gesicht den Ausdruck von Verzweiflung zu sehen.
Ein Arzt hätte die Abszesse vermutlich aufgeschnitten und was immer darunter war, ausgebrannt. Aber sie hatten einfach nicht das Geld dafür gehabt. Und noch waren die Schmerzen nicht so groß gewesen, als dass sie sich von Leon helfen lassen hätte.
Sie hoffte, dass die Vögel sich nicht zu bald wieder auf Futtersuche machen würden. Die erste Krähe hatte ihr eine unschöne Wunde im Oberarm verpasst, ehe sie jemanden davon überzeugt hatte, den Vogel mit einem Steinwurf zu vertreiben. Das Werfen war schwierig gewesen und der Stein hatte ihre Schulter getroffen. Aber der Vogel war geflohen.
Oh, sie hoffte so sehr, dass die Vögel sich an den Toten auf den Feldern gütlich taten und nicht versuchten, sie zu fressen. Als wäre sie ein Stück Aas. Wertlos und weggeworfen, in einer leeren Stadt, die den Sonnenschein bereits vergessen hatte und den Vögeln zum Fraß vorgeworfen. Sollten sie sich doch auf den Feldern vor der Stadt niederlassen, dort gab es genug zu fressen und bestimmt roch es für die Tiere auch appetitlicher als sie. Doch sie wusste nicht, ob die Krähen überhaupt riechen konnten.
Vielleicht machte es ihnen ja auch einfach nur Spaß, anderen Tieren die Augen auszupicken und sie dann sterben zu lassen. Vielleicht war das Aas, das sie fraßen, ja nur Abfallprodukt ihrer Freude am Schmerz anderer. In diesem Fall würden die Vögel wohl irgendwann zu ihr zurückkommen.
Irgendwie faszinierte es sie, dass die Vögel das einzige waren, wovor sie sich fürchtete. Wenn man bedachte, wer jetzt in dieser Stadt herrschte, waren Vögel doch ein Witz. Ein Nichts. Ein scharfer Schnabel war alles, was sie hatten. Und die Fähigkeit, davonzufliegen…
Hatte sie gestern noch vor etwas anderem Angst gehabt? Sie erinnerte sich nicht mehr. Gestern, das war vor dem Sonnenaufgang (und der Furcht, dass der Regen aufhören und die Krähen wiederkommen könnten) und der Nacht, die ihr gehört hatte, gewesen. Gestern, das war der Tag des Kennenlernens und Probierens gewesen. Gestern waren die Schmerzen noch stärker gewesen, aber die Angst vor Entzündungen oder Eiter noch nicht so groß. Ja. Das war etwas, wovor sie gestern noch Angst gehabt hatte. Heute war sie sich ziemlich sicher, dass der stetige Regen jede Verunreinigung aus ihren Verletzungen gespült hatte.
Vorgestern, ja, da hatte sie Angst gehabt. Es war furchtbar, daran zurückzudenken, aber noch furchtbarer war die Tatsache, dass sie dabei kaum noch etwas fühlte. Die Emotionen und Gedanken, die mit diesem einen Tag zu tun hatten, waren… abgestorben. Wie so vieles andere.
Es war verrückt, dass sie heute nur mehr Angst hatte vor Krähen, aber alles andere war egal geworden. Und das, was sie vor drei Tagen noch weinen und schreien hatte lassen… daran konnte sie sich kaum  noch erinnern. Zu viel war seither geschrieen worden. Es war ihr egal. Es kam ihr nicht einmal mehr schlimm vor, was mit ihr geschehen war. Alles von damals war egal, seit sie hier hing.
Natürlich spürte sie die Schmerzen noch in ihrem Rücken, in ihren Schultern und an anderen Stellen… aber es war egal. Die Welt, die sie kannte, war zerstört worden. Die Schmerzen hatten sie blind für die furchtbaren Dinge gemacht, die man ihr noch drei Tage zuvor angetan hatte. Alles war egal, wenn man begann, seinen Körper nicht mehr zu spüren, weil man die Schmerzen ausblendete.
Die Beulen waren noch größer geworden, aber mittlerweile langgezogen und es hatte sich angefühlt, als würden sie nicht in ihrem Rücken wachsen, sondern aus ihm heraus. Was sie für Eiter gehalten hatten, war so hart und eindeutig in seiner Form, dass es eigentlich nur Knochen sein konnten. Die Haut darüber war trocken und zarter geworden und je länger die merkwürdigen Fortsätze geworden waren, desto stärker wurden die Schmerzen in ihren Schultern, bis sie ihre Haltung verändert und durch die Schonhaltung auch noch Schmerzen im unteren Rückenbereich bekommen hatte.
Leon hatte die Hausarbeit übernommen, ihr das Kind angelegt und seine gewohnte Schicht abgearbeitet, sie liebte ihn dafür noch mehr als zuvor. Aber sie hatte nicht mehr mithelfen können und irgendwann nicht einmal mehr das Bett verlassen. Ihren Rücken hatte sie ihm nicht mehr ohne Kleidung gezeigt, aber sie hatte die vage Vermutung, dass er dennoch mehr als sie erkannt hatte.
Und dann hatte Petar, ihr Nachbar, ein Pferd gekauft. Katja wusste nicht, was Leon ihm angeboten hatte, aber er hatte es ausleihen dürfen.
Und das war das Ende gewesen. Als eindeutig wurde, dass sie nicht mehr reiten konnte, hatte Leon Marie zur Nachbarin gebracht, war auf das Pferd gestiegen und hatte ihr geschworen, einen Arzt zu finden.
In der darauffolgenden Nacht hatten ihre Knochen dem Druck nachgegeben.
Jemand kam um die Ecke, etwas Schwarzes in den Händen. Sie wusste, was es war. Eine Krähe. Nur das Wer überraschte sie.
Der Bürgermeister machte ihr seine Aufwartung im strömenden Regen, kaum 72 Stunden, nachdem er auf ihr gelegen und ihre Arme festgehalten hatte.
Sie hatte aufs Geradewohl ein paar Erwachsene auf die Suche nach noch lebenden Tieren geschickt, damit sie etwas zu essen hatte. Dass der Bürgermeister darunter gewesen war, war ein interessanter Zufall.
Was sollte sie jetzt tun? Angestrengt starrte sie zu ihm hinunter, auf die zusammengesunkene Gestalt unter ihren Füßen. Warum nur hatten sie sie so hoch aufhängen müssen? Es wäre alles so viel einfacher gewesen, wenn man sie gleich umgebracht oder nicht an ihren ausgebreiteten Armen aufgehängt oder sie nicht so weit von der nächsten Fensterbank entfernt drapiert hätte. Alles wäre besser gewesen.
Alles wäre weniger schlimm gewesen als das.
Der Bürgermeister war mit dem Vogel beschäftigt, versuchte, die nassen, schwarzen Federn zu rupfen. Seine Finger gehorchten ihm nur teilweise. Es dauerte lange, so lange, bis er endlich die meisten Federn entfernt hatte. Irgendwann war es ihr zu dumm und sie beschloss, die Krähe zu essen. Egal, in welcher Form, sei es mit Federn oder mit Schnabel. Sie musste essen.
Warum sie essen wollte, wenn sie doch eigentlich auf ihren Tod wartete, war ihr selbst nicht ganz verständlich. Was hatte sie sich dabei gedacht, als sie ihre ehemaligen Mitbewohner auf die Suche nach essen geschickt hatte? Ums Überleben war es ihr nicht gegangen, sie hatte nur ihren Hunger stillen wollen. Aber jetzt stellte sich die Frage, ob sie vielleicht doch leben wollte. Als die Kämpfe unter ihr getobt hatten, hatte niemand daran gedacht, einen Pfeil auf sie abzuschießen. Was nach ihrem Tod passiert wäre, wusste sie natürlich nicht, aber es wäre für ihre ehemaligen Mitmenschen wohl kaum schlimmer gekommen, wenn sie sie getötet hätten.
Es dauerte einige Minuten, bis der Mann unter ihr verstanden hatte, was sie von ihm wollte. Irgendwann hatte sie ihn aber dorthin manövriert, wo ein Wurf in ihren Augen am wahrscheinlichsten war. Seine Arme waren bestimmt auch schwächer geworden, also ließ sie ihn sehr knapp, beinahe unter sich, stehen. Der rechte Fuß trat nach hinten. Sein Körper bewegte sich wie in einer Erinnerung, mit der Rechten holte er Schwung und warf den toten Vogel nach ihr.
Sie konnte ihr Glück kaum fassen, als er auf ihren Kopf zuflog und sie ihn sogar mit dem Mund auffangen konnte, der Körper seitlich zwischen ihren Zähnen hing. Wenn es einmal glückte, würden sie es wieder schaffen. Sie würde noch ein paar Tage überleben können. Jetzt aber spürte sie nur nasse, noch lauwarme Federn in ihrem Mund. Es kostete Überwindung, aber sie schob den Vogel mit Lippen und Zunge so weit hinein, wie sie konnte. Dann biss sie zu.
Die Nachbarin hatte sie auf dem Bett gefunden, mit weiß aufgerissenen Augen, verschwitzt, keuchend. Und unter dem Nachthemd… da war etwas zu erahnen gewesen, das die törichte Frau nicht benennen hatte können.
Und selbst hier hätte die Gemeinde noch gerettet werden können – hätte die arme, erschrockene Frau nicht zu schreien begonnen.
Wenigstens Petar – möge es ihm gut ergehen – hatte richtig reagiert und sich mitsamt Kind auf seinen Ochsenkarren gesetzt. Bestimmt hatte er Marie damit das Leben gerettet, dass er Leon hinterher gefahren war.
Und eine Stunde später war Katja in einer Zelle gelegen, nackt, mit gebrochenen Schultern und schwarz befiederten Flügeln, die aus der hellen Haut auf ihrem Rücken sprossen. Hier hatte sie bereits beinahe aufgegeben – aber dann war die Befragung gekommen, ob sie eine Hexe oder mit dem Teufel anderweitig im Bunde wäre, und während dieser Zeit hatte sie gelernt, zu hassen.
Die Schmerzen in ihrer Schulter waren schwer zu übertreffen gewesen, aber als sie ihr die Flügel gebrochen, sie geschlagen und irgendwann alle einmal alleine zu ihr gekommen waren, waren sie nebensächlich geworden.
Was konnte sie denn dafür? Sie hatte diese Flügel nicht gewollt, der Veränderung nicht gewollt, die immer noch stattfand (denn jetzt spürte sie den Schmerz ihre Rippen entlang kriechen), hatte nichts getan und lag doch jetzt hier, zerbrochen, gebrochen und fühlte alle Emotionen langsam aus sich heraus fließen.
Der Hass war erst gekommen, als sie die Schwingen auf ihrem Rücken abhackten. Die Verletzung war wohl kaum schwerwiegender als die anderen, aber… irgendetwas in ihr war in diesem Moment erwacht, etwas, das zu diesen Flügeln gehört hatte und jetzt nur noch Hass auf die Menschen fühlte.
Bis sie den Vogel auf einen blutigen Haufen, von dem sie nichts mehr abbeißen konnte, reduziert hatte, dauerte es lang. Mehrmals warf die verkrümmte Gestalt unter ihr daneben – was ihre Schuld war – oder der Vogel war so glitschig, dass sie ihn fallen ließ. Vielleicht waren es auch ihre Instinkte; alles ekelte sie vor diesem Akt, aber gleichzeitig wusste sie, dass es ihre einzige Chance war.
Alles war egal, warum also nicht auch der furchtbare Geschmack in ihrem Mund?
Blut.
Blut schmeckte fürchterlich, so wie Eisen roch, das schon viele Menschen in der Hand gehabt hatten, so wie die Schlüssel zum Gemeindehaus oder eine vielbenutzte Schere. Aber in dieser Stadt war sie wohl die Letzte, die den Geschmack von Blut kennen lernte, also konnte sie sich darüber wohl kaum beschweren.
Warum nur hatten sie so schreien müssen? Warum hatten sie nicht sie für die Geschehnisse verantwortlich gemacht und getötet? Warum hatten sie ihre Arme so viel besser verschnüren müssen als die des Räubers, der bereits ein paar Tage vor ihrer Bestrafung gestorben war?
Immerhin war sein Verbrechen doch viel schlimmer gewesen. Aber nein, sie war die Einzige, die man entgegen dem üblichen Brauch nicht erst nach dem Tod als Warnung aufgehängt hatte.
Als man sie aufgehängt hatte, waren die Schwingen zu ihren Füßen gelegen, sodass sie sie eine Zeitlang ganz gut sehen hatte können. Aber dann war die Nacht gekommen und der Regen und mit dem Regen der Schlamm. Die langen, schwarzen Federn waren geknickt und schmutzig gewesen, es hatte nicht wie etwas ehemals Lebendiges ausgesehen, sondern eher wie ein Kinderspielzeug; etwas Künstliches, Zusammengebautes. Und irgendwann hatte der Schlamm sie verdeckt oder fortgespült.
Aber sie hatten zu etwas gehört, das jetzt in ihr lebte, und mochte ihr Geist auch gebrochen sein, das neue Ich in ihr war es nicht.
Als der Morgen graute, fiel ihr Blick durch den Regenschleier auf den toten Mann, der in ihrem Gesichtsfeld hing und… das Etwas in ihr streckte seine Klauen aus.
Wie merkwürdig es war, jetzt über das Ende nachzudenken.
Als sie verstanden hatte, dass sie den Leichnam dazu bringen konnte, sich zu bewegen, war alles so leicht geworden. Der Hass war durch ihren Körper geströmt und hatte ihr den Weg gewiesen.
Nicht, dass es schwierig gewesen wäre. Man hatte ihn ja nur befestigt, nicht gefesselt wie sie, und seine Arme hatten sich relativ leicht aus den Seilen gewunden. Jede Bewegung hatte man wohl als Wind ausgelegt, falls überhaupt jemand zu dem Toten gesehen und sich nicht an der leidenden Lebenden ergötzt hatte. Bis er in die Tiefe gestürzt war.
Danach hatte es ein wenig gedauert, bis irgendjemand gefunden war, um die Leiche zu beseitigen – danach aber war es so schnell gegangen. Der Räuber hatte ihm ein Loch in den Hals gebissen und war danach den Fliehenden hinterhergelaufen. Sobald der Totengräber verblutet gewesen war… hatte sie ihm befohlen, sich ebenfalls auf die Suche nach Leben zu machen.
Mittlerweile war sie sich aber nicht mehr sicher, ob dieser erste Befehl wieder rückgängig gemacht werden konnte. Ja, sie hatte versucht, einen Mann im Wald lebendig einfangen zu lassen, aber ihrem Ruf gefolgt war sein toter Körper.
Ob Leon wohl zurückkommen würde? Sie bezweifelte es nicht und hoffte es doch nicht. Bestimmt war jemand geflohen und hatte die Städter gewarnt. Vielleicht hielten Petar und er sich gegenseitig auf, ehe sie losgehen konnten. Bestimmt würde er sich nicht trauen, sein Kind in Gefahr zu bringen oder es zu einer Vollwaise zu machen.
An diesem zweiten Tag hatte sie alles Leben in der Stadt vernichten lassen. Alles Tote gehörte ihr, alles Lebende würde bald ihr gehören. Erst in den Stunden nach den Schreien hatte sie wirklich verstanden, was sie getan hatte. Aber selbst da hatte sie es wieder verdrängen können, mit dem mittlerweile vertrauten Gefühl. Der Hass war stärker als Angst, Schmerzen und Kälte. Er wärmte und lenkte von den Schmerzen ab und wo er war, war die Angst verschwunden.
Bis sie erkannt hatte, dass die Toten sie nicht herunterholen konnten. Keiner von ihnen brachte es fertig, die Leiter zu tragen, so gut konnte sie es ihnen nicht erklären.
Ironie des Schicksals. Hätte sie ein paar am Leben gelassen, so hätten sie sie unter Drohungen bestimmt befreit. Sie würde an Hass sterben, an demselben Hass, der sie gerettet hatte vor dem Aufgeben. Hätten sie sie umgebracht, wären sie jetzt alle noch am Leben.
Dabei stellte sich die Frage, was mit ihr nach ihrem Tod geschehen würde. Würde sie sich immer noch steuern können, wie all die anderen? Oder wären sie dann anführerlos, frei, sich weitere Gefährten zu holen? Aber warum sollten sie das tun? Es waren Leichen, tote Menschen. Alles, was ihnen innewohnte, kam von ihr und wenn es sie nicht mehr gab, würde es auch die Magie nicht mehr geben.
Irgendwie waren sie ihr lieber als die Menschen, die sie einmal gewesen waren. Nun war sie die Königin, ob mit oder ohne ihre Schwingen, und die Stadt war bereit, ihren dunklen Reigen für sie zu tanzen.
Ob sie sich von Krähen ernähren konnte oder ob sie sterben würde… im Moment war es egal. Vielleicht würde Leon kommen und sie retten und sie könnten gemeinsam über den Kadaver herrschen, der einmal ihre Gemeinde gewesen war. Vielleicht würde sie sich irgendwann selbst in eine Krähe verwandeln.
Eigentlich gab es nur eine Sache, die sie wirklich noch beschäftigte, jetzt, wo sie mit dem Tod und Sterben und Morden und Hassen abgeschlossen hatte.
Wenn sie starb, würde ihr größtes Bedauern nicht einmal mehr der Familie gelten, die sie zurückließ, sondern der unbeantworteten Frage nach dem Warum.
Aber sie wusste ja, Leon würde kommen und sie retten und ihr dunkler König werden, in einem Land, in dem die Krähen sich gütlich tun konnten und ein kleines Mädchen irgendwann einmal mit ihnen fliegen würde.
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