Schmetterlingsregen

von Owllover
GeschichteRomanze, Tragödie / P12
02.04.2014
02.04.2014
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Wispernd hauchte der Wind mir die langen lockigen Haare aus dem Gesicht. Mein Blick war auf den kühlen See gerichtet welcher sich im Sommerwind leicht kräuselte. Ich wollte irgendetwas spüren, irgendetwas, schmerz, Hoffnung, irgendetwas. Doch da tat sich nichts, ich fühlte nichts außer der klaffenden Leere welche sich wie eine eisige Klaue um mein Herz geschlungen hatte, wie eine innige Umarmung zweier verliebter.
Welcher Wochentag war es noch gleich?
Mittwoch oder doch schon Freitag. Ich hatte vollkommen das Zeitgefühl verloren. Die Zeit rann durch meine Hände wie Wasser. Doch vielleicht wollte ich genau das erreichen. Ich wollte das Wasser nicht in einem Behälter aufsammeln, ich wollte dass es verschwand, dass es in den Boden sickerte.
Meine Eltern schienen nicht einmal bemerkt zu haben dass ich nicht mehr da war. Ich seufzte leise, ließ meinen Blick erneut auf den See schweifen. Ich liebte es am See zu sein, meine Eltern hatten damals als ich noch klein war ein kleines Haus hier gekauft. Ich liebte dieses Häuschen seitdem wir das erste Mal hier gewesen waren. Es war ganz in Holz verkleidet und das Dach reichte bis auf den Boden, es erschein mir damals wie ein kleines Hexenhäuschen. Mein Hexenhäuschen. Ich hatte früh damit angefangen hier Zuflucht zu suchen. Besser gesagt seitdem ich auf dem Gymnasium war und meine Eltern angefangen hatten so viel zu arbeiten, als das Desaster seinen Lauf nahm. Hatten sie wohl jemals gesehen wie schlecht es mir ging?
Den Schmerz in meinen Augen gesehen. Ich bezweifelte es stark. Sie waren viel zu sehr mit sich selber beschäftigt, mit ihrer Arbeit und damit sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.
Ich drehte langsam meinen Kopf um als ich ein leises Geräusch vernehmen konnte. Kellin. Ich lächelte leicht ganz leicht es war fast bloß ein zucken mit den Mundwinkeln. »Hallo Hazel« wisperte er leise. Ich schloss die Augen und spürte wie der Wind seine Worte zu meinen Ohren trugen. Seine Stimme war immer so weich und zutraulich. Wenn man sich mit ihm unterhielt hatte man stets da Gefühl das man ihn schon seit Lebzeiten kannte. Ich erwiderte seine Begrüßung nicht, er setzte sich einfach Wortlos neben mich. »Wie geht es dir?« fragte er und blickte mich fragend von der Seite an. Ich hob meinen Blick »Gut« log ich und setzte ein Lächeln auf meine Lippen.
Aus den Augenwinkeln sah ich dieses tief traurige Lächeln auf seinen Lippen. Wusste er dass ich log, oder wagte er es nicht weiter nach zu haken. »Hazel, du kannst dich nicht ewig hinter irgendwelchen Lügen verstecken« sagte er leise. Ich hielt einen Moment inne und spürte wie sich mein Herzschlag beschleunigte. Das kam ausgerechnet aus dem Mund von Kellin. »Also, was das angeht bist du ja wohl Spitzenreiter. Du bist wie ein Geist. Ich kenne kaum etwas über dich du erzählst mir das du hier lebst, hast mir jedoch nie gezeigt wo. Du hast keine Eltern, keine Schule…« kam es über meine Lippen. Es klang wie ein Vorwurf, doch es sollte das genaue Gegenteil sein. Es war viel mehr eine Feststellung. Kellin seufzte leise. Er streckte seine Hand aus und strich mir eine braune Strähne aus dem Gesicht. Unsere Blicke trafen sich und ich spürte wie mein Herz aufhörte zu schlagen. Er hatte diesen Blick diese blauen Augen welche mich an die Wellen des Ozeans erinnerten. »Jeder will die Wahrheit wissen, aber keiner will sie wahrhaben« flüsterte er und verstummte. Er ließ von mir ab und ließ seinen Blick auf den See schweifen.
Kellin erschien mir manchmal wie ein Buch mit sieben Siegeln. Was war er nur für ein Junge?
»Ich will die Wahrheit aber wahrhaben« sagte ich hartnäckig und rückte näher an ihn ran. Ich konnte ihn riechen, Kellin roch immer nach Meer, nach der salzigen Luft, nach Freiheit. Er wandte seinen Blick wieder zu mir. »Warum reden wir nicht mal über dich? « sagte er wiederwillig um meiner Frage aus dem Weg zu gehen. Ich ließ die Schultern hängen, er war so ein Sturrkopf. »Ich weiß nicht, ich denke wir reden fast immer über mich. Ich bin nicht wirklich interessant« sagte ich mit einem gleichgültigen Ton. Er griff nach meiner Hand und ich spürte wie sich seine Hand um meine Schloss. »Doch, du bist unheimlich interessant« wiedersprach er mir und lächelte. Langsam schob er meinen Ärmel hoch. Ich spannte alle meine Muskeln an und versuchte mich aus seinem Griff zu lösen. Er war nicht aggressiv oder gewaltvoll, doch sein Griff war fest und es war unmöglich sich aus diesem Lösen zu können. »Hör auf damit« sagte ich scharf und versuchte mich abermals aus seinem Griff zu befreien. Doch es war zu spät. Trauer lag in seinen tiefblauen Augen, als würde ein Orkan durch den Ozean wüten und alles durchwühlen. »Ich finde schon dass du eine sehr interessante Person bist« erwähnte er. Ich ließ meinen Arm locker, entspannte meine Muskeln. Er fragte nicht nach dem Warum, versuchte mich nicht davon zu überzeugen dass ich damit aufhören sollte. Er strich lediglich mit seinen Fingerkuppen über die Narben. » Beantworte mir nur eine Frage…« begann er langsam und blickte mir tief in die Augen »Wie kann sich ein Mensch ohne Hemmungen selber verletzten?«
Ich löste mich aus seinem Griff und rückte ein Stück von ihm weg. Es war doch wie ich es gedacht hatte. Ich seufzte und erwiderte seinen Blick. »Ich weiß es nicht« knurrte ich durch zusammengebissene Zähne. Ich drehte mich von ihm weg und spürte wie meine Augen heiß wurden. Verzweifelt versuchte ich die Tränen zu verbergen. »Ich auch nicht« hauchte er leise.
Die Sonne ging unter, der Horizont schien sie zu verschlucken. Ich sagte nichts starrte bloß mit leerem Blick auf den See und die untergehende Sonne. »Vielleicht sollten wir jetzt nach Hause gehen« brach Kellin das schweigen. Was sollte das heißen?
Was sollte wir bedeuten. Wollte er dass ich mit ihm kam oder wollte er mich begleiten?
Es war mir egal, ich nickte einfach und nahm dankend seine Hand entgegen. Wortlos folgten wir einem schmalen Pfad aus Sand. Ich spürte wie sich die feinen Steinchen zwischen meine Zehen bohrten. Ich folgte dem Jungen, bis mir bewusst wurde das er mich zu meinem zu Hause gebracht hatte. Ich wollte nicht dass er ging, ich sehnte mich nach Gesellschaft, ich sehnte mich nach seiner Gesellschaft. »Kann ich bleiben?« fragte er, als könnte er meine Gedanken förmlich lesen. »Natürlich« antwortete ich erleichtert und warf einen kurzen Blick in seine Augen. Wortlos schloss ich die Tür auf. Mein kleines Haus, mein Heim, meine Zuflucht. Ich vergewisserte mich nicht das Kellin noch hinter mir war, ich ging einfach davon aus. Ich hörte wie die Tür mit einem Klack ins Schloss fiel. »Es ist schön hier« sagte Kellin. Sein Ton war freundlich, neugierig. Ich drehte mich zu ihm um. Erst jetzt konnte ich damit beginnen ihn richtig zu betrachten. Er sah aus wie immer, trotzdem war er doch immer anders wenn wir uns sahen. Er hatte dieses Schulterlange braune Haar und dieses Eisblauen Augen. Seine Lippen waren schmal, er war gut gebaut. Muskulös, jedoch nicht zu durchtrainiert. Er hatte bemerkt das ich ihn gemustert hatte er lachte beschämt und schob sich an mir vorbei. »Danke« es war alles was ich in diesem Moment sagen konnte, alles was ich in diesem Moment über meine Lippen bringen konnte. Ich folgte ihm wie ein Schatten. Beobachtete ihn wie er sich umsah. Die Bilder an der Wand betrachtete. »Schöne Bilder« sagte er und lächelte mir zu. »Hast du die gemacht?« fragte er. Sein Blick war schlagartig hell geworden. Ich nickte. »Italien nicht wahr?« fragte er erneut und deutete wieder auf das Bild. Wieder ein nicken von meiner Seite.
Ich erinnerte mich an die salzige Meeresluft, an das kreischen der Möwen. Ich liebte Italien, eines meiner Lieblingsländer. Warum, das wusste ich nicht, manche Dinge konnte und musste man nicht begründen.
Kellin kam auf mich zu und nahm meine Hände in die seine. »Du bist wunderschön, Hazel« wisperte er. Ich spürte wie die röte in mein Gesicht fuhr. Er kam näher, so nahm das ich seinen kühlen Atem auf meiner Haut spüren konnte. »Versprich mir eins. Wenn du dich jemals wieder verletzten willst, dann hol mich, nimm meinen Arm, sieh mir in die Augen und dann tu es so oft wie du es bei mir tun würdest« säuselte er. Ich schluckte, versuchte einen dicken Klos in meinem Hals verschwinden zu lassen. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. »Kellin« seufzte ich. Meine Stimme klang erstickt. Erneut schossen mir Tränen in die Augen. Er gab mir einen sanften Kuss auf die Lippen, so sanft das man es kaum spüren konnte. »Versprich es mir einfach« sagte er monoton. Er nahm mich in den Arm, schlang seine Arme um mich und drückte mich beherzt. Dann drehte er sich um und ging. Ich sagte nichts, bewegte mich nicht. Erwartete er von mir, das ich ihn aufhalten wollte?
Ich konnte nicht, ich stand da wie angewurzelt, meine Beine wie Blei. Was war gerade geschehen…