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Abschied

von Jaderegen
KurzgeschichteFamilie, Übernatürlich / P12
02.04.2014
02.04.2014
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Liebe Leser,

willkommen zu meiner neuen Puzzlegeschichte. In dieser Runde hat die Vorgabe daraus bestanden, sich aus zwei Bildern eines rauszusuchen und dieses in einen Fantasyoneshot einzubinden. Ich habe mich für das hier von AuctrixMundi entschieden - vielen Dank für die tolle Vorlage.

Als kleines Gimmick habe mich mich dazu entschlossen, die Vorgaben der beiden letzten Runden (13 und 14), bei denen ich nicht dazu gekommen bin, einen Beitrag abzuliefern, ebenfalls noch mit einzubauen - diese sind:
- zwei Charaktereigenschaften (impulsiv und weise)
- fünf Stichpunkte (Pyramide, lauernd, Fluchtreflex, Verschwendung, verlogen - im Text sind sie durch kursive Schrift gekennzeichnet)

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und bin gespannt, ob jemand einen der Bezüge zu anderen Texten wiedererkennt. *gg*

Liebe Grüße!
Jade

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Abschied

„Wenn du bis zum Abendessen nicht zurück bist, bekommen wir beide richtig Ärger miteinander, Madame!“

Noch immer hallten die Worte ihrer Mutter Sylvia Zenkov in Zoes Gedanken nach, obwohl sie sich schon längst außer Reichweite und im beruhigenden Grün des Waldes befand, getrieben von einem starken Fluchtreflex, der sie immer näher zu ihrem persönlichen Rückzugsort, den sie vor Jahren beim Umherstreunen im Wald entdeckt hatte, leitete: Zwei Bäume, deren Wurzeln zum Teil vom Wasser der Spree unterspült waren, umgeben von Dickicht und fernab jeder Zivilisation und damit einhergehender Hektik. Hierher kam die 16-Jährige immer, wenn sie Ruhe zum Nachdenken brauchte … oder das Bedürfnis zum völlig offenen Reden hatte.

„Schon wieder gestritten“, begann sie, kaum nachdem sie sich auf ihrem Lieblingsplatz im Schneidersitz niedergelassen hatte. Eine hörbare Antwort bekam sie nie, wusste jedoch sicher, dass ihr Gemütszustand durchaus wahrgenommen wurde und spürte die manchmal durchaus tröstende Präsenz der Wesen, die an diesem Ort lebten. Zoes Finger glitten über den Boden, befühlten Gras und Wurzeln, bohrten sich in die oberste Erdschicht, während sie über den Verlauf der letzten Wochen sinnierte.

Sylvia und sie hatten sich immer wunderbar verstanden, ernsthafte Probleme zwischen ihnen waren so gut wie nie aufgetreten und falls doch, schnell lösbar gewesen. Auch Patricia, Zoes rund zehn Jahre ältere, extrem abenteuerlustige Schwester, hatte sich perfekt in das Bild eingefügt. Die drei Zenkov-Frauen hatten nichts vermisst, auch wenn es für Sylvia und Patricia sicherlich nicht leicht gewesen war, über das alleine gelassen werden von dem männlichen Teil der Familie  hinwegzukommen. Zoe resultierte aus dem Versuch ihrer Eltern, die Ehe doch noch zu retten, hatte ihren Vater jedoch nie kennen gelernt, was laut Patricia durchaus positiv war, denn so brauchte die Jüngere nicht selbst festzustellen, wie verlogen dieser Mann eigentlich war, auch wenn Zoe argwöhnte, dass dieses Statement aufgrund von Selbstschutz und Schuldzuweisungen ziemlich übertrieben war.

„Ach Trisha ...“ Das Mädchen schniefte leise. Seit ihre Schwester vor ein paar Monaten verschwunden war, lief daheim nichts mehr seinen gewohnten Gang. Zunächst hatte ihre Mutter versucht stark zu sein, daran zu glauben, dass es einfach technisch bedingte Kommunikationsschwierigkeiten gegeben hatte, aber seit klar geworden war, dass auch Patricias Begleiterinnen nicht mehr erreicht werden können, gingen alle davon aus, dass die Studentinnen während ihrem Trip in die Dominikanische Republik tatsächlich verschollen waren.

Zoe nahm die Anwesenheit ihrer unsichtbaren Gesellschaft unterschwellig wahr, spürte deren Warten auf die noch nicht ausgesprochene Frage, geradezu lauernd, beinahe beängstigend. Manchmal wusste sie selbst nicht, was sie von diesen Wesen halten sollte, sie erschienen ihr beinahe gleichsam impulsiv wie auch weise.

Ersteres, weil sie auf Stimmungen und Gedanken reagierten und dabei auch gerne einmal Bilder schickten, die Zoe nicht unbedingt hätte sehen wollen - zum Beispiel jene, die gezeigt hatten, wie sie Menschen zuzusetzen vermochten, die ihre Lebensräume (die sich nicht nur in der Natur, sondern an allen möglichen Orten befanden) unerlaubt betraten. Eine Freundschaft, wenn man es denn so nennen wollte, mit ihnen war demnach nicht besonders sicher, denn ihre Gunst konnte man sich schnell verspielen.

Zweiteres, die offensichtliche Weisheit, war für Zoe jedoch das entscheidende Argument, den Kontakt zu den Geistern immer wieder zu suchen. Denn dadurch war es ihr möglich, eine klare Antwort auf ihre Frage zu bekommen.
„Lebt sie noch?“, wisperte sie beinahe tonlos.

Sogleich sah sie verschiedenste Dinge vor ihrem inneren Auge: Eine einsame Insel mit weißem Strand. Patricia, wie sie mit zwei jungen Frauen am Lagerfeuer saß, einer von ihnen eine Kette mit einem Muschelanhänger zeigte und erklärte, dass diese ein Geschenk für ihre Schwester sein solle. Eine weitere Frau, die mit einem erlegten Kleintier zu den anderen zurückkehrte. Das Meer, auf dem weit und breit kein Schiff zu sehen war.

Durch das Ausbleiben weiterer Eindrücke wurde Zoe abrupt ins Hier und Jetzt zurückgerissen. Sie fuhr sich mit der linken Hand fahrig über die Wange, um die Tränen beiseite zu wischen, dankte Gott dafür, dass Patricia offenbar noch lebte. Natürlich wusste sie nicht, ob das, was die immateriellen Wesen ihr zeigten, der Wahrheit entsprach, aber was sollte sie anderes tun, außer sich darauf zu verlassen? Eine Lüge für möglich zu halten, würde das letzte bisschen Hoffnung zerstören.

Ihrer Mutter erzählte sie nichts davon, diese würde ihr ohnehin nicht glauben und allenfalls böse auf sie werden, wie so oft in letzter Zeit. Da wäre jedes Gespräch darüber eine reine Verschwendung von Zeit. Sylvia hatte ihre eigene Methode, mit dem Verlust umzugehen: Abgesehen davon, Zoe strengste Vorschriften zu machen, hatte sie sich extrem in ihre Arbeit gestürzt, was der Grund dafür war, warum sie beide in den nächsten Tagen mit einem Umzug nach Bonn beschäftigt sein würden - Sylvia war eine wichtige Position im bekannten Museum 'Haus der Geschichte' angeboten worden.

Zoe war fassungslos darüber, dass sie tatsächlich wegziehen würden, für sie erschien das wie der Versuch, irgendwo anders ein neues Leben anzufangen und alles hinter sich zu lassen. Was bedeutete, auch ihren eigenen Rückzugsort an der Spree so bald nicht wieder zu sehen. Das einzige, was sie in Bonn wirklich interessierte, war das Herausfinden, ob es dort ebenfalls Geister gab, was bestätigen würde, dass jene überall auf der Erde lebten und eine Art kollektives Bewusstsein besaßen, denn wie sonst sollten die von dieser Gegend sehen können, wie es um Patricia stand?

„Ich muss langsam los ...“, sprach Zoe nach einer ganzen Weile in die Ruhe um sie herum. Nach dem Streit von heute Mittag wollte sie ihrer Mutter nicht noch einen Grund für neuen Ärger liefern. Ein letztes Mal legte sie sich in Bauchlage flach auf den Boden, so nah am Fluss, dass ihr Kopf über diesem hing. Sie betrachtete das Teenagergesicht, das ihr entgegen blickte und berührte ihr eigenes Spiegelbild, schöpfte Wasser mit der Hand und ließ es wieder zurück plätschern.

Langsam rappelte sie sich auf und ließ ihren Blick noch einmal über die Umgebung gleiten. Er blieb an einem aus Stöcken zusammengesteckten Gebilde auf dem Boden nahe einer großen Baumwurzel hängen und Zoes Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. Da hatte sie vor einer Weile versucht, eine Pyramide nachzubauen, aber das Ganze erinnerte eher an ein Tipi. Das Mädchen zog sein Handy aus der Tasche, um das fragwürdige Kunstwerk festzuhalten, bevor es sich schließlich über einen Trampelpfad durch das Dickicht zurück zu den Wanderwegen, die es zu dem bald nicht mehr ihnen gehörenden Haus führten, zu begab.

Schweren Herzens ließ Zoe ihren Lieblingsplatz sowie seine übernatürlichen Bewohner hinter sich zurück, trat den Heimweg an und bangte vor der ungewissen Zukunft.
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