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Die Zeit heilt alle Wunden, doch Narben bleiben ewig.

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
31.03.2014
07.04.2014
3
7.594
1
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7 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
31.03.2014 3.093
 
Guten Abend, liebe Leute! :)

Ich melde mich mit einem neues Kapitel zurück und bedanke mich erstmal bei LucyLynn für ihr Review! :) Schön, dass du dabei bleibst.

Ich will nicht lange um den heißen Brei herum reden, deshalb geht es jetzt auch los. ;)

~~~~*~~~~

Kapitel 3


Als ich eine halbe Stunde später in unserem großen Bett lag und den Nachthimmel durch das geöffnete Fenster betrachtete,  da wusste ich schon, dass an geruhsamen Schlaf nicht zu denken war. Und das, obwohl jede Faser meines Körpers nach dem heiß ersehnten Schlaf lechzte. In Gedanken ließ ich die Geschehnisse des Tages Revue passieren. Adam. Mein armer Adam lag nun allein in seinem sterilen Krankenhauszimmer. Im Krankenhaus war es um diese Uhrzeit vermutlich recht still, sodass nur die vertrauten Schritte der Krankenschwestern, die ihre nächtlichen Rundgänge durchführten und nach den Patienten sahen, im Flur verhallten. Immer wieder kreisten meine sorgenvollen Gedanken um ihn- ob er wohl gerade auch an mich dachte und sich ebenso vorstellte, wie ich einsam in unserem Bett  wach liege? Ob er zu den Sternen sah? Mh, nein. Wahrscheinlicher war es, dass er noch immer schlief. Sein Körper ist nach der Dosis Gift jedes Mal sehr geschwächt. Hoffentlich geht es ihm den Umständen entsprechend gut. Ich wusste jedoch, dass er im Krankenhaus gut aufgehoben war. Auch wenn ich es schaffte, die genervte Stationsschwester an den Rand des Wahnsinns zu treiben, so konnte ich mich doch darauf verlassen, dass sie ihre Arbeit gewissenhaft ausführte und Acht auf meinen Verlobten gab. Diese Tatsache beruhigte mich zwar nicht vollständig, aber wenigstens soweit, dass ich keinen halben Nervenzusammenbruch bekam (so, wie zum Beispiel bei seinem ersten Chemo- Termin).

Ich seufzte, drehte mich im Bett herum, um eine angenehmere Position zu finden und tastete automatisch auf die andere Bettseite. Leere und Kälte war alles, war sich spüren konnte. Wenngleich ich öfters allein einschlief und aufwachte, da Adam manchmal bis spät in Nacht in seinem Arbeitszimmer über Bauplänen und anderen Dokumenten brütete, oder schon recht früh im Architekturbüro sein musste, so war diese Situation eine vollkommen andere. Er war nicht im Büro, er kämpfte im Krankenhaus um sein Leben.
Adam war schon immer ein Arbeitstier und Perfektionist gewesen, gab er einmal sogar selbst zu, doch wusste ich auch, wie sehr er es verabscheute mich zeitweise so lang allein zu lassen.
Seit Adams Diagnose arbeitete er viel von zu Hause aus- nur zu wichtigen Besprechungen und Baustellenbesuchen machte er sich auf den Weg in die Londoner Innenstadt-  da er sich durch die Nebenwirkungen der Chemotherapie selten wohl fühlte. Seinem Arbeitgeber schmeckte die momentane Situation ganz und gar nicht, zumal Adam als Chefarchitekt das beste Pferd im Stall war und sein ständiges Fehlen im Büro auch für Adams Kollegen ein Ärgernis darstellte (Achtung: Bevorzugung!). Nach seinem Zustand fragte dort niemand. In all den Monaten, in denen Adam nun schon krank war, ist es noch nicht einmal vorgekommen, dass sich jemand aus seiner Firma persönlich oder wenigstens telefonisch nach seinem Befinden erkundigt hat. Ich würde jetzt gern sagen, dass sie sich zurückhielten, weil sie nicht wussten, wie sie mit seiner Krankheit umzugehen hatten, aber die bittere Wahrheit war: es war seinen Kollegen schlichtweg egal.

Erneut wandte ich mich um, wollte die verlassene Bettseite nicht mehr sehen und ließ meine Gedanken zu Georgina schweifen. Ihr Besuch hatte keinesfalls freudige Kunde gebracht. Sechs Jahre nach Will hatte sich der Tod nun auch seine Mutter einverleibt. Das war schon schrecklich genug und dann noch Georginas mentale Verfassung dazu…Ich schluckte hart. Wieder ein Sorgenkind mehr.
Doch, so ging es mir schon nach Georginas Verabschiedung durch den Kopf, hatte Camilla jetzt die erhoffte Erlösung gefunden. Mit ihrem selbst gewählten Tod hatte sie sich letzen Endes auch von ihrer Schuld befreit. Obwohl sie weder Schuld an Wills tragischen Unfall, noch an dessen Tod hatte. Sie hatte alles Erdenkliche getan, um ihren Sohn trotz seiner Behinderung ein angenehmes Leben zu ermöglichen, doch es hat einfach nicht gereicht. So wie ich sie in Ansätzen kennen gelernt hatte, hat sie seinen Entschluss nie akzeptiert- sie hat ihn nur toleriert, weil Will es als einzigen Ausweg für sich selbst sah. Mrs. Traynor hat ihm diesen Wunsch erfüllt, weil sie im Endeffekt nichts anderes tun konnte. Hätte sie ihr Versprechen nicht eingelöst, dann hätte Will eine andere Möglichkeit gefunden. Da war sie sich sicher. Und obwohl mich die Nachricht ihres Todes sehr traurig stimmte, so freute ich mich auf eine seltsame Weise. Auch wenn es vielleicht makaber und für manchen Menschen absurd klang, aber vielleicht war sie jetzt wieder mit Will vereint, den sie so sehr geliebt hatte, es ihm aber doch nie so richtig zeigen konnte. Eigentlich glaubte ich nicht an ein Leben nach dem Tod, die bittere Realität war im Gegensatz dazu aber weniger tröstend.

Nach gefühlten Stunden des nicht- schlafen- könnens schlug ich die Bettdecke zurück, schwang meine Beine über die Bettkante und machte mich auf den Weg zu der dunkelbraunen Kommode, die gleich gegenüber dem Bett an der Wand stand. Zitternd umfassten meine Finger den Messinggriff und schoben die Schublade ganz  heraus. Zwischen zahlreichen Sockenknäulen und verschiedenfarbigen Strumpfhosen (natürlich waren auch meine Heiligtümer, die schwarz- gelb- gestreiften dabei). Ich musste nicht lange wühlen, denn nach nur ein paar Mal Tasten zog ich ein Foto aus der Schublade heraus. Die Schublade wurde geschlossen und ich setzte mich mit der Fotografie aufs Bett. Ich drehte es leicht zum Fenster, damit ich es im kalten, blassen Mondlicht besser betrachten konnte und erkannte mich selbst darauf. Ich kniete neben Will an seinem Rollstuhl, trug dabei einen Bikini. Ich war nass, gerade den Fluten entstiegen und feiner, beigefarbener Sand glitzerte im untergehenden Sonnenlicht wie Diamanten an meinen Füßen. Will warf mir ein glückliches Lächeln zu und mir stand im Moment der Aufnahme der Mund offen, als ob ich ihm gerade von etwas erzählte. Nathan hatte das Foto heimlich geschossen, als wir unseren gemeinsamen Urlaub in Mauritius verbrachten.
Im Haus war es totenstill, nur mein neuerliches Schniefen hallte durch die heimeligen Mauern. Innerlich schalt ich mich eine Idiotin. Ich weinte… schon wieder. Rücklings ließ ich mich in die Laken sinken, was mein Bett mit einem verächtlichen Knarzen quittierte. Nach und nach rollten immer mehr Tränen der Trauer über meine Schläfen, bis sie im Haaransatz versiegten. Auch nach sechs Jahren war der Schmerz noch immer präsent.

Es gab Tage, da dachte ich immerzu an Will und dann gab es jene seltenen Tage, an denen ich überhaupt nicht an ihn dachte. Doch die Emotionen, wenn ich sein Gesicht in einem Traum oder beiläufigen Erinnerungsfetzen sah, überfluteten meinen Kopf wie ein tödlicher Tsunami, der alles Leben zum Stillstand brachte. In solchen Momenten war ich einfach nicht mehr fähig, mich auf etwas anderes als auf Will zu konzentrieren. Das war durchaus ein Problem, da es mich auf Arbeit wirklich einschränkte. Diese Erinnerungen kamen manchmal so unwillkürlich und so plötzlich, dass ich mich mit der Schere schnitt, wenn ich gerade an einem Kostüm arbeitete oder Applikationen an der falschen Stelle auf einen teuren Stoff nähte. Und immer wieder fragte ich mich, warum ich nach sechs Jahren noch immer nicht richtig damit umgehen konnte. Ich wollte es doch, hatte alles versucht, aber ich bekam es nicht wirklich auf die Reihe. Es war zum verrückt werden! Zwei oder drei Jahre nach Wills Tod meinte ich sehr gut mit der Sache umgehen zu können, ich hatte mich damit abgefunden, dass ich die Situation nicht hatte ändern können und hatte zumindest teilweise mit den Erlebnissen Frieden geschlossen. Doch seit einiger Zeit- eigentlich seit Adam krank war- war alles wieder viel schlimmer geworden. Aber warum assoziierte ich Adam immer wieder mit Will? Ihre Situationen waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Will wollte sterben- Adam will unbedingt am Leben bleiben, auch wenn er den Kampf eventuell verlor.

Wenn es von Zeit zu Zeit schier unerträglich wurde,  half manchmal ein einfacher Anruf bei Georgina. Ihr konnte ich alles erzählen, denn sie tat nichts mit einer einfachen Handbewegung ab (wie viele, die dachten ich sei nun vollkommen durchgeknallt, z.B. Treena- der erzählte ich daher schon gar nichts mehr) und sie nahm meine Sorgen und Ängste auch in Bezug auf Adam sehr wohl ernst. Auch wenn ich es nie für möglich gehalten hätte, waren Wills Schwester und ich über die Jahre zu guten Freundinnen geworden. Sie hatte damals im Dignitas- Zentrum den ersten Schritt auf mich zugemacht- mir war zwar immer noch schleierhaft warum- aber es war der Anfang eines zarten Freundschaftsbandes gewesen, dass bis heute Bestand hatte. Auf Georgina konnte ich mich immer verlassen und ich denke, dass auch sie die Freundschaft zu mir genoss, in Anbetracht dessen, welche reichen und verwöhnten Hohlbirnen sie sonst zu ihrem Freundeskreis zählte. Das war wohl das ‚schreckliche‘ Los einer reichen Erbin. Ich schlug eine Brücke zu ihrer Vergangenheit und verstand, was sie tief im Inneren bewegte. Man könnte fast meinen, wir therapierten uns durch unsere Anwesenheit gegenseitig. Es tat unheimlich gut sie an meiner Seite zu wissen.
Ich streckte meine rechte Hand der Zimmerdecke entgegen, sodass das Foto nun einige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt war, während ich es wieder eingehend studierte. Ich konnte mich noch ganz genau erinnern, wie ich es erhalten habe.

****

Das sorgsam getrimmte Gras gab keinen Laut von sich, als ich langsam den Weg zur Kapelle einschlug. Heute war der Tag, vor dem ich mich die letzten zwei Wochen so sehr gefürchtet hatte. Denn heute war Wills Beerdigung. Mrs Traynor hatte mir einen Brief zukommen lassen, indem sie mir Ort und Zeit mitteilte, mit dem Vermerk, dass mein Kommen ‚höchst wünschenswert‘ sei. Trotzdem hatte ich seltsamerweise Zweifel, ob ich wirklich auftauchen sollte. Ich gehörte schließlich nicht zur Familie und war zudem auch noch ihre Angestellte gewesen. Was würde nur Wills Verwandtschaft sagen, wenn die bezahlte Gesellschafterin zur Beerdigung kommt, die darüber hinaus nur sechs Monate beschäftigt gewesen war? Keiner von diesen Leuten würde vermuten, dass ich Will vermutlich näher gestanden hatte, als so manche von ihnen. Und doch hatte ich mich am Ende dazu entschieden zur Beerdigung zu gehen, weil ich meinte, Will hätte es sicherlich so gewollt. Ich wollte ihm ein letztes Mal „Lebewohl“ sagen.  Nachdem ich etliche schön gestaltete Gräber passiert hatte, durchquerte ich nun die Eingangstür der kleinen Kapelle, die im hinteren Teil des Friedhofs gelegen war. Ich blieb stehen und fühlte mich etwas verunsichert, als ich die Stuhlreihen betrachtete, die vor dem reich verzierten Altar aufgestellt waren. Auf manchen Stühlen saßen schon vereinzelt Leute, die ich nicht kannte (aber wohl zu Wills Familie und Freundeskreis gehörten) und einige von ihnen musterten mich kritisch, ja beinahe abschätzig. Na toll, das fing ja schon mal gut an. Kurz blickte ich an mir herunter. Trug ich etwa unangemessene Kleidung? Eine schwarze Stoffhose, eine elegante schwarze Bluse und dazu passende, einfache Schuhe hatte ich mir von meinem letzten Monatslohn noch gekauft. Wohl auch in weiser Voraussicht, dass ich sie bald brauchen würde. Hm, nein, an der Kleidung konnte es schon mal nicht liegen.

Ich beschloss, mich nicht von deren Blicken beirren zu lassen und sah mich nach jemanden um, den ich eventuell kannte und der mir darüber hinaus das Gefühl vermitteln konnte, dass ich hier an der richtigen Trauerfeier teilnahm. Dann hörte ich jemanden meinen Namen rufen. Erschrocken drehte ich mich um. Etwas entfernt von mir erkannte ich Mrs. Traynor. Ich ging auf sie zu, begrüßte sie und die Richterin tat es mir gleich. Für einen Augenblick ließ ich meine Augen etwas länger auf ihrer Gestalt ruhen. Camilla Traynor sah um Jahre gealtert aus. Von der stolzen und starken Frau war beinahe nichts mehr übrig. Sie trug ein schickes schwarzes Kostüm, doch es schien ihr nun zu groß zu sein. Die letzten Monate hatten deutliche Spuren des Verlustes auf ihrem Gesicht hinterlassen. Ein Verlust, den keine Mutter je vergessen oder gar verkraften könnte.
„Es freut mich, dass Sie es einrichten konnten“, sagte sie mit müder Stimme, spielte nervös an ihrer Goldkette und schob sich dann an mir vorbei. Keine Sekunde später legte sich eine zarte Hand auf meine Schulter. Es war Georgina.
Die Dunkelhaarige kämpfte sichtlich mit den Tränen. „Hallo, Louisa. Schön, dass du da bist.“ Sie schniefte und ich legte ein schiefes Lächeln auf. Was sollte ich auch sagen? Wenn ich in ihr Gesicht sah, könnte ich sofort anfangen wie ein Schlosshund zu heulen. Ich blieb stumm wie ein Fisch. Die Tränen schluckte ich tapfer herunter, da ich vermutete, dass ich während der Trauerfeier noch genug davon vergießen würde. Fest umklammerte ich meine kleine Tasche, die im Gegensatz zu meinem Outfit in vielen knallbunten Farben gehalten war. Ok, doch etwas unangemessen. Will hätte das sicherlich zum Lachen gebracht.
„Lass uns reingehen. Es wird wohl gleich beginnen.“ Ich tat wie geheißen und folgte Wills Schwester ins Innere der Kapelle, wo sie mir einen Platz in der ersten Stuhlreihe zuteilte. Der Stuhl war hart und ungemütlich und ich fragte mich plötzlich, ob das vielleicht so gewollt war, damit es den Leuten hier noch mieser ging. Prompt schämte ich mich für diesen Gedanken.

Innerhalb von zehn Minuten füllten sich die restlichen Stühle. Mein Herz raste und mir wurde übel bei dem Gedanken, dass in der schönen, dunklen Urne mit der Goldschrift mein geliebter Will steckte. Eigentlich wollte ich mir den Altar gar nicht so genau ansehen, aber ich saß so nahe, dass ich gar nicht anders konnte. Hübscher Blumenschmuck prangte an den Seiten, in der Mitte stand die Urne, daneben ein großes Porträt von Will, dass vor seinem Unfall entstanden sein muss. Der Will auf dem Foto lächelte mir entgegen, fit, attraktiv und sonnengebräunt und es führte mir wieder erschreckend klar vor Augen, welchen schweren Verlust alle hier in diesem Raum erlitten hatten. Auch wenn dieser Will nicht der war, den ich kennen gelernt und in den ich mich verliebt hatte. Er war ein anderer, aber dennoch die gleiche Person. In meinen Augenwinkeln brannte es bereits verdächtig und ich musste mich schwer zurückhalten, nicht in Tränen auszubrechen. Das alles war schon zu viel für mich. Ich befand mich am Rand dessen, was ich ertragen konnte und ich fühlte mich nicht bereit dafür. Ich wollte ihn nicht endgültig gehen lassen, obwohl ich wusste, dass es dafür schon zu spät war. Es war bereits vorbei. Das hier war der allerletzte Salut. Georgina hatte links neben mir Platz genommen, gleich rechts saß nun zu meinem Erstaunen Nathan. Als er mich nun neben sich erkannte, schenkte er mir ein aufmunterndes Lächeln, welches ich leider nicht erwidern konnte, so gern ich auch gewollt hätte. Dann begann die Trauerfeier.

Ich konnte hinterher überhaupt nicht mehr sagen, was der geistliche Redner alles über Will und sein Leben erzählt hatte. Die Worte schienen nicht für meine Ohren bestimmt zu sein. Es war, als hätte sich ein Schleier über mich gelegt, der alle Stimmen und Geräusche von mir abschirmte. Nur ab und zu fing ich Namen, diverse Wortfetzen und Orte, an den er gewesen sein musste, auf. Ich hatte die ganze Zeit nur auf das Foto vor mir gestarrt, stumm geweint und mir in Gedanken  ausgemalt, wie mein Leben hätte verlaufen können, wenn Will seine Meinung geändert hätte. Diese Qual war wohl das furchtbarste überhaupt. Um mich herum ertönte lautes Schluchzen und Schniefen. Hinter mir weinte Wills Ex- Freundin Alicia herzzerreißend in ihr Taschentuch, während Rupert versuchte sie irgendwie zu trösten. Er hatte sie in den Arm genommen und schützend an sich gezogen. Wie gern würde ich jetzt in auf seinem Schoß sitzen, seinem Atem auf meiner Haut spüren, von dem ich immer eine Gänsehaut bekommen hatte, und ihn küssen. Nur noch ein einziges Mal. Die Erkenntnis, dass das nie wieder der Fall sein würde, durchbohrte mein Herz wie ein glühendes Schwert. Es tat so unheimlich weh, dass ich fast schören könnte innerlich zu verbrennen. Den Kopf nach links drehend erblickte ich Mrs. Traynor (gleich links neben ihr hatte Mr. Traynor Platz genommen). Sie saß da, stocksteif mit einer versteinerten Miene, die jegliche Emotionen abwies. Nur die Tränen, die über ihre  Wangen rannen zeigten an, dass sie überhaupt etwas fühlte. Nathan war furchtbar ruhig neben mir. Vielleicht war er ja schon öfter auf Beerdigungen von seinen Patienten gewesen?

Nachdem ich Will an seinem Grab die letzte Ehre erwiesen und ihm mit einem stummen „Ich liebe dich“ eine Blume in das ordentlich ausgehobene Erdloch geworfen hatte, war ich schon auf dem Weg nach Hause, als mich eine Stimme zum Anhalten bat. Mit einem genervten Seufzen drehte ich mich um, sah Georgina auf mich zueilen und fragte mich ärgerlich, was sie denn noch wolle. Ich war jetzt einfach nicht in der Lage noch irgendwen aus dem Hause Traynor zu ertragen. Alles was ich wollte, war endlich meine Ruhe zu haben. Ich wollte allein sein, heulen und in Selbstmitleid zerfließen. Punkt!
„Louisa.“ Georgina kam schnaufend zum Stehen. „Magst du nicht noch mit zu uns zum Essen kommen? Es gibt ein kleines Büffet zu Wills Ehren und halt den üblichen…Plausch.“
„Nein, tut mir leid. Aber ich möchte jetzt gern allein sein.“ Auf den 'üblichen Plausch', wie Georgina es so schön formulierte, hatte ich nun absolut keine Lust. Keine Sekunde länger wollte ich in seinem Haus, wohlmöglich noch im Anbau stehen, wo so viele Erinnerungen erbarmungslos auf mich einpreschten.  
Ihr kleines Lächeln fiel in sich zusammen wie ein wackeliges Kartenhaus. „Oh, ok. Schade.“
„Tut mir leid“, wiederholte ich, als müsste ich mich in irgendeiner Weise für meine Abfuhr rechtfertigen.                                                                                                                            
„Schon gut. Achso!“ Sie hielt einen Brief in die Höhe. „Den soll ich dir von Nathan geben.“ Ich sah an ihr vorbei zur umstehenden Trauergemeinde und konnte ihn nirgends mehr entdecken. Wahrscheinlich-
„Die Arbeit ruft. Er muss zu seinem neuen Patienten.“, meinte Georgina hastig und vervollständigte somit meine Gedanken. Natürlich. Das Leben geht schließlich weiter.                
Mit zitternden Händen nahm ich ihr den Brief ab und besah ihn mir genauer. Vorn auf dem weißen Umschlag stand mein Name in Druckbuchstaben geschrieben.
„Danke.“  

Wir verabschiedeten uns etwas ungeschickt und als Georgina wieder bei ihrem Eltern angekommen war, öffnete ich den Brief. Ich zog ein Foto heraus, auf dem Will und ich zu sehen waren. In unserem letzten gemeinsamen Urlaub. Vorsichtig drehte ich das Bild herum, in der Hoffnung auf eine Botschaft zu stoßen. Ich wurde nicht enttäuscht. In derselben Schrift, mit der auch mein Name auf dem Umschlag geschrieben war, stand dort:


Falls du mal in Erinnerungen schwelgen willst.
Nathan


Darunter befand sich noch eine Telefonnummer.

****

Will hatte einmal zu mir gesagt, dass er nicht wolle, dass ich an ihn gefesselt bin- an sein Dasein im Rollstuhl und den damit verbunden Einschränkungen. Was würde er wohl dazu sagen, wenn er wüsste, dass mein Leben nun mehr denn je in Ketten lag?

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