Die Zeit heilt alle Wunden, doch Narben bleiben ewig.

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
31.03.2014
07.04.2014
3
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Dieses Kapitel
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Hallo! :)

Schön, dass ihr euch hierher gefunden habt.

Vor ein paar Tagen las ich "Ein ganzes halbes Jahr" von Jojo Moyes und ich kann gar nicht angemessen ausdrücken, wie sehr mich dieses Buch berührt hat. Diese unkonventionelle Liebesgeschichte ist so bittersüß wie das Leben selbst. Es ist eine Mischung aus Trauer, Unbehagen, Glück, Entzücken und Liebe und allen anderen Gefühlen, die ein kleines, emotionales Herzchen wie meines in sich tragen kann. Ich habe beim Lesen wirklich gelacht und geweint und nach und nach bildete sich in meinem Kopf die Idee für eine Fortsetzung. Ich habe einfach überlegt, was mit Louisa nach dem Buch passiert sein könnte und wie es ihr ohne Will in ihrem neuen Leben so erging.
Ja, das Ergebnis könnt ihr ja gleich lesen. ^^

Ich bin offen für Kritik und Verbesserungsvorschläge, für Lob sowieso. ;)

Disclaimer: Mir gehören weder die Charaktere noch die Handlung des Buches "Ein ganzes halbes Jahr". Alles ist Jojo Moyes geistiges Eigentum. Nur Adam und Louisas weiterführendes Leben habe ich dazu erdacht. Ich verdiene mt dieser Geschichte kein Geld.

Warnung: Die Story enthält Spoiler und Hinweise zu "Ein ganzes halbes Jahr". Wer das Buch also noch nicht gelesen hat und sich überraschen lassen will, sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen.

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit. :)


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Kapitel 1



„Warum passiert das? Warum jetzt? Warum ausgerechnet mir? Warum er?“

Fragen über Fragen häuften sich in meinem Kopf, überschlugen sich in schwindelerregendem Tempo, die jeder Achterbahn ernsthafte Konkurrenz machen könnte, aber die passenden Antworten wollten auch nach langem Grübeln nicht zum Vorschein kommen. Seufzend massierte ich mir die schmerzenden Schläfen. Meine kalten Finger waren eine Wohltat für die erhitzte Haut und doch wusste ich, dass sich das drückende Gefühl nicht so schnell vertreiben lassen würde. Aber im Moment war es das einzige was ich tun konnte, um einen Migräneanfall vorzubeugen.
Ich lehnte mich schwerfällig in dem unbequemen und abgewetzten Sessel zurück, legte den Kopf auf der Rückenlehne ab und schloss für ein paar Minuten die Augen. Meine Augenlider schirmten das helle Sonnenlicht ab, das an diesem herrlichen Sommertag in das Zimmer drang. Das leise Rauschen des Windes, der durch die saftig grünen Baumkronen sauste, beherrschte den Raum und brachte die weißen Leinenvorhänge am geöffneten Fenster zum flattern. Wenn ich die Augen geöffnet hätte, dann hätte ich wohl gesehen, wie grelle Lichtpunkte auf seiner Bettdecke tanzten, so hypnotisch, dass ich vermutlich stundenlang dabei zugeschaut hätte. Aber meine Lider blieben geschlossen. Sie fühlten sich so schwer und träge an, als würden Bleigewichte auf ihnen liegen und sie so daran hindern, die Schönheit der Welt zu erblicken. Es machte mir dennoch nichts aus.  
Im Augenblick wünschte ich mir, ich wäre an einem anderen Ort. Ein Ort, an dem mir alles vertraut vorkam, auch nach Jahren. Eben jener Ort, der mir am Anfang, als ich ihn zum ersten Mal betrat, einen Schrecken eingejagt hatte und der mir nun trotz aller Vorkommnisse ein Gefühl von Sehnsucht vermitteln konnte. Dieser eine Ort, an dem mich meine Gedanken in letzter Zeit immer häufiger brachten. Der Anbau…Ich fühlte mich schlecht bei dem Gedanken daran. Ich saß am Krankenbett meines Verlobten, der in der weißen, gestärkten Krankenhausbettwäsche beinahe versank und dabei so schwach und hilflos wirkte, dass es einem schon fast unwirklich erschien. Und was tat ich? Ich ließ meine Gedanken um einen anderen Mann kreisen, der schon seit beinahe sechs Jahren kein Teil mehr meines Lebens war und trotzdem immer noch permanent in dieses eindrang.
Adams Anblick in diesem Bett, sein bleiches und eingefallenes Gesicht- all das hätte zu viel sein müssen. Der Schmerz der Vergangenheit, der von Tag zu Tag mehr unter der Oberfläche zu brodeln begann, hätte die Wunden, die immer noch nicht gänzlich verheilt waren, wieder erbarmungslos aufreißen müssen. Aber jetzt…da war einfach nichts. Innerlich spürte ich eine Leere, die kaum zu beschreiben war. Ging das überhaupt? Konnte man einfach gar nichts mehr fühlen?  Nein, tief im Inneren wusste ich, dass dies nicht passieren konnte. Der Mensch befand sich ständig in irgendeinem Gemütszustand, ob nun bewusst oder unbewusst. Aber beim besten Willen fiel mir zu meinem keine richtige Bezeichnung ein. Es nahm schon beinahe tragikomische Züge an.

Dieser Tag bildete wieder einmal einen der traurigen Höhepunkte der letzten Monate. Nachdem Adam die Diagnose Leukämie erhalten hatte, stand unser gemeinsames Leben, welches sich auf Beständigkeit, Sicherheit, Liebe und Vertrauen gestützt hatte, auf dem Kopf. Eine alltägliche Routine war zu einem unerreichbaren Wunschtraum geworden. Zwischen zahlreichen Untersuchungen, Blutbildbesprechungen, einer Knochenmarkspende und Chemotherapien, die in regelmäßigen Zyklen abliefen, war die Normalität inklusive unserer Beziehung auf der Strecke geblieben. Einfach alles wurde durch Adams Erkrankung erschwert, der Krebs hatte sich zu dem hässlichen Monster entwickelt, welches unser Leben auffraß, unsere Kraft aussaugte und sich auch noch nach den allerletzten Reserven die Finger leckte. Der seltsame Gesichtsausdruck des Onkologen, der vor einer halben Stunde das Zimmer verlassen hatte, verbesserte die ganze Sache nicht. Er hatte versucht einen aufmunternden Blick aufzusetzen, der jedoch von ihm abfiel, als er sich von uns abwandte. Die Maskerade war dahin und der Aufmunterung machte Sorge und Mitleid Platz. Ich hatte es genau gesehen, obwohl er versucht hatte genau das tunlichst zu vermeiden.
Adam schlief jetzt und ich war ein wenig froh darüber. So hatte ich etwas Zeit, mir über die Zukunft Gedanken zu machen. Wenn es denn eine gemeinsame Zukunft geben würde. Zurzeit war ich mir in dieser Hinsicht überhaupt nicht mehr sicher. In meiner Bauchgegend grummelte es verdächtig und versuchte mich daran zu erinnern, wann ich das letzte Mal etwas gegessen hatte. Genau wie die Hoffnung, so schwand auch mein Hunger von Tag zu Tag. Ich merkte es nur daran, dass meine Kleidung zu weit wurde. Selbst meine geliebten gelb-schwarz gestreiften Strumpfhosen, die ich wie den kostbarsten Schatz auf Erden hütete, schlackerten nur noch formlos um meine Beine.
Was würde passieren, sollte er sterben? Ich wäre wieder allein. Könnte ich solch einen Schicksalsschlag noch einmal verkraften? Ich wollte Adam auf keinen Fall verlieren und wenn ich alles dafür geben müsste. Das letzte Mal hatte es mich fast um den Verstand gebracht.

*****

„Will…“

Nachdem ich damals aus seinem Bett gestiegen war, seinen kalten, toten Körper wiederwillig verlassen musste, kam die Taubheit. Wie gelähmt sackte ich nach ein paar Schritten im Flur des Schweizer Dignitas- Zentrums zusammen, erreichte den Boden mit weniger Härte als erwartet und verharrte regungslos. Der Sturz kam so schnell, dass selbst wenn ich gewollt hätte, gar nicht die Kraft besaß ihn zu verhindern. Da lag ich nun, regelrecht erbärmlich und die Tränen rannen mir in Sturzbächen über die Wangen, benetzten den glatten Linoleumbelag und bildeten so zunehmend eine kleine Pfütze, welche meine wirren Haare tränkte. Die Personen, die an mir vorübergingen, mitleidig zu mir herabschauten und im Flüsterton tuschelten, beachtete ich nicht. Sie waren mir im Moment herzlich egal. Sollten sie mir doch allesamt den Buckel runterrutschen!
Ich haderte mit mir und allem, was in der letzten Stunde geschehen war. Es fühlte sich so unwirklich an aber der stechende Schmerz, der meine verkrampften Eingeweide zu verbrennen drohte, belehrte mich eines besseren. Das hier war kein simpler Albtraum, den man nach dem Aufwachen einfach und sorglos abschütteln konnte, sondern die bittere Realität.
„Was hatte ich mir nur dabei gedacht hierher zu kommen?“, fragte ich mich immer wieder im Stillen und versuchte krampfhaft eine Antwort zu finden, die meine beißenden Herzschmerzen lindern würde. Warum war ich hier? Ich hatte den letzten Wunsch des Mannes respektiert, den ich geliebt habe…den ich nach wie vor liebte. Schon als ich im Flugzeug gesessen hatte, wurde mir allmählich immer bewusster, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich Will zu Gesicht bekam. Doch  hätte es mich mein Leben lang verfolgt, wenn ich heute nicht zu ihm gekommen wäre, sein Haar gestreichelt und ihm in die herrlich grauen Augen geschaut hätte. Nur noch einmal seine Lippen geküsst hätte… Ich hatte mich verabschieden können, auch wenn es dermaßen schmerzhaft gewesen ist, dass ich mich wohl nicht so schnell davon erholen würde.
„Louisa“, rief mich eine leise Stimme, die klang, als wäre sie meilenweit entfernt. Nach ein paar Mal blinzeln sah ich wie durch einen Schleier, dass es Georgina Traynor war, die sich neben mir auf den Boden gehockt hatte. Will‘s Schwester. Sie sah fertig aus, ihr sorgsam aufgelegtes Make- Up war teilweise total verschmiert. „Komm, steh auf.“ Sie ergriff meine Hand, zog mich auf meine wackeligen Beine und reichte mir ein Taschentuch, welches sie eilig aus ihrer dunkelbraunen Designerhandtasche gefischt hatte (Louis Vuitton meinte es wohl gut mit mir). Ungeschickt wischte ich mir damit über die Augen, während ich versuchte meine stoßweise gehende Atmung zu beruhigen. Wie in Zeitlupe führte sie mich zu einer nahegelegenen Sitzgruppe, die glücklicherweise leer war und ließen uns darauf  nieder. Für eine Weile herrschte Stille, bis Georgina zum reden ansetzte.
„Es tut mir leid, Louisa“, sagte sie und vermied es vehement mir in die Augen zu sehen. Stattdessen betrachtete sie ihre schicken Pumps.
„Was tut dir leid?“ Meine Stimme klang heiser und brüchig, so als hätte ich nach Jahren des Schweigens wieder ein Wort heraus gebracht.
„Bis zuletzt habe ich angenommen, dass es dir um Will’s Vermögen geht- das du den Job nur deshalb angenommen hast. Aber ich habe mich schrecklich geirrt. Als ich dich vorhin bei ihm gesehen habe…seinen zärtlichen und zugleich tieftraurigen Blick, als du ihn fest im Arm hieltest. Du wolltest ihn einfach nicht gehen lassen.“ Sie legte eine kurze Pause ein, schniefte undamenhaft und errötete, als ob sie sich ins Gedächtnis rief, dass es sich für eine Person aus einer höheren Gesellschaftsschicht nicht ziemte, sich derart ‚gehen zu lassen‘. „Und da wurde mir auf einmal klar, dass ich vollkommen falsch lag. Ich muss gestehen, dass ich mich sehr für meine Gedanken schäme. Ich habe mich so in dir getäuscht, Louisa und es tut mir aufrichtig leid.“ Wieder eine Pause. Um uns herum war es still. Die Flure schienen wie ausgestorben, kein Mensch war mehr zu sehen. „Du…du hast meinen Bruder sehr geliebt, oder?“  
Starr blickte ich zu Boden, nickte schwach. Mehr ging einfach nicht. Der immer größer werdende Kloß, der sich in meinem Hals gebildet hatte, schnürte mir die Luft zum atmen ab. Heiße, salzige Tränen liefen über mein Gesicht. Meine Wangen brannten, als würden sie einem Säureangriff standhalten müssen und den Kampf obendrein auch noch verlieren. Mit einem Elan, der mich selbst überraschte, raffte ich mich auf, strich die Falten meines Kleides glatt und eilte schnellen Schrittes aus dem Gebäude. Draußen erwartete mich Regen und ich störte mich nicht daran, dass ich auf dem Weg Richtung Hauptstraße klatschnass wurde. Irgendwann schaffte ich es ein Taxi anzuhalten. Dem Fahrer erklärte ich langsam und deutlich, in welches Hotel ich musste und hoffte inständig, dass seine Englischkenntnisse ausreichten um meinen Erklärungen zu folgen. Der bärtige Mann, ich schätzte ihn auf Ende fünfzig, beäugte skeptisch die Stoffsitze seines Wagens, die sich mit dem Regenwasser aus meinem Kleid vollsogen. Ich ignorierte seinen Blick gekonnt, dann drehte er sich leise in seinen Bart brummend um und ließ den Wagen an.


*****

Blitzschnell öffnete ich die Augen, als sich Adam unruhig in seinem Bett regte. Auf seiner Stirn stand der Schweiß und sein stockender Atem ließ seinen gesamten Oberkörper erzittern. An solchen Tagen döste er meistens nur vor sich hin, ein quälender Zustand zwischen Wachen und Schlafen, während das hoffentlich lebensrettende Gift durch einen Schlauch in seine Adern gepumpt wurde. Die Übelkeit die damit einherging, wurde eisern mit Medikamenten niedergekämpft, trotzdem hatte eine nette Krankenschwester eine Schüssel für den Fall der Fälle hier gelassen. Auch wenn er es nicht aussprach, so wusste ich, dass ihn vor jedem stationären Chemotermin die Angst packte. Ich sah es an seinem Gesicht, welches sich gespenstisch veränderte und seine Gefühle nur allzu offen darlegte, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Doch ich ließ ihn nie aus den Augen. Zu groß war die Furcht etwas zu verpassen, eine Gefühlsregung, ein Zucken in seinen Gesichtszügen oder eine Verspannung in seiner ohnehin schon kraftlosen Körperhaltung, die kund taten, dass ihm unwohl war. Ich wollte ihm Linderung verschaffen und alles dafür tun, dass es ihm gut ging. Nach Wills Tod hatte ich mir geschworen, nie wieder etwas unversucht zu lassen, sollte ein geliebter Mensch je in eine vergleichbare Situation kommen.

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