Mit Schirm, Charme und Melone Episode 4

GeschichteKrimi / P12
31.03.2014
31.03.2014
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The reunited Avengers - Episode 4
Der Märchenmörder/ The wolf and the huntsman

Der Wind treibt den Schnee durch die Straßen Londons. An diesem Sonntagvormittag sind nicht allzu viele Menschen unterwegs, und die die es dennoch sind, kämpfen mit mürrischen Mienen gegen den Sturm an und versuchen sich mit hochgezogenen Schultern vor der Kälte zu schützen.
Ein Mann mittleren Alters in dunklem Mantel, Schal und Seidenhut läuft behende die Stufen zum britischen Museum hoch. Der heulende Wind scheint ihm kaum etwas auszumachen. Er löst eine Eintrittskarte und begibt sich ohne Weiteres ins Obergeschoss. Dort eilt er durch die Gänge, ohne für eines der Exponate auch nur einen Blick übrig zu haben. Dabei sieht er ständig über seine Schulter, als fürchte er, jemand könnte ihm folgen.
Es sind kaum Besucher im Museum, niemandem fällt der Mann auf. Ab und zu schaut dieser um eine Vitrine herum oder in einen Raum hinein, so als suche er jemanden. Das Geräusch seiner Schritte auf dem polierten Parkettboden hallt unnatürlich laut. Hin und wieder bleibt er stehen, um zu lauschen, dann setzt er seine Suche fort.
Schließlich gelangt er zu einem kleinen abseits gelegenen Raum, in dem ägyptische Skarabäen ausgestellt werden. Der Raum wird noch seltener als alle Übrigen besucht, und die Beleuchtung dort ist gedämpft, denn die Schaukästen haben alle eine eigene Innenbeleuchtung.
"Steed?" flüstert der Mann ins Halbdunkel. Keine Antwort.
"Steed, sind Sie hier?"
Da bewegt sich etwas im Schatten der gegenüberliegenden Wand. Der Mann geht mit zwei Schritten drauf zu und bleibt dann stehen. Ein fremder Mann in einem Jägerkostüm, wie aus einer Märchenaufführung für Kinder, steht direkt vor ihm und hat eine altmodische Armbrust erhoben. Er zielt damit auf die Brust seines Gegenüber. Diesem verschlägt es vor Schreck die Sprache. Bevor er sich entscheiden kann, ob er wegrennen oder um Hilfe rufen soll, löst sich auch schon der Pfeil mit einem leisen Pling aus der Armbrust und bohrt sich durch den Wintermantel in den Körper des Mannes. Der stößt noch einmal die Luft aus, dann sinkt er auf die Knie und fällt vornüber.
Der Jäger verschwindet lautlos aus dem Zimmer.
Zwei Minuten später erscheint ein weiterer Mann in Mantel und Hut. Es ist Steed. Rasch kniet er bei dem Toten nieder, dreht ihn auf den Rücken und fühlt nach dem Puls. Er kann keinen mehr feststellen. Er beugt sich über den liegenden Mann, da schlägt dieser plötzlich die Augen auf. Er erkennt Steed und bewegt die Lippen, um etwas zu sagen.
"Mantisse, was ist geschehen?"
Der Mann am Boden keucht leise. Steed beugt sich so weit über ihn, dass sein Ohr fast dessen Mund berührt. Mit letzter Kraft und fast stimmlos krächzt der Mann namens Mantisse Steed ins Ohr:
"Der, der Wolf... Steed... der Wolf und... die böse... Stiefmutter."
Dann fällt sein Kopf zur Seite. Nun ist er wirklich tot.
Steed richtet sich mit nachdenklichem Gesicht auf. Dann blickt er auf Mantisse und schließt dessen starre Augen.

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"It´s Christmastime so let´s be jolly - lalalalaa lalalalaaa..."
Steeds leicht belegter Barriton dringt über den Hausflur, kurz darauf öffnet sich die Wohnungstür und er tritt ein, Schnee auf den Schultern und den Schuhen. Sein Blick gleitet durch den Wohnraum, stockt, als er das lodernde Kaminfeuer wahrnimmt und dann noch einmal als er die zusammengeringelte Gestalt auf dem Sofa erblickt.
"Mrs. Peel! Was um alles in der Welt machen Sie denn hier? Sollten Sie nicht gerade jetzt gemütlich im Schoße der Familie in Peels Manor sitzen, den Baum schmücken und Geschenke einwickeln?"
Die Angesprochene hebt den Blick und schaut Steed mit einem geradezu waidwunden Ausdruck an und sagt zunächst gar nichts. In der Hand hält sie eine runde Glastasse, in der sich eine weißgelbliche Flüssigkeit befindet. Dann hebt sie die Tasse in Steeds Richtung und fragt mit etwas schwerer Zunge:
"Mmögen Sie auch einen Eierpunsch, Sssteed?"
Jetzt entdeckt er auch das Punschgefäß, welches auf dem niedrigen Couchtisch auf einem Rechauld steht. Er legt Hut, Schirm und Mantel ab, nähert sich und leistet der Einladung Folge. Er schenkt sich ein Glas Punsch ein, schnuppert kurz daran, hustet und probiert einen Schluck.
"Donnerwetter, Mrs. Peel, haben Sie den gemischt? Der bringt ja meine tote Großmutter wieder auf die Beine!"
Mrs. Peel hebt erneut ihre Tasse.
"Prost Omi."
"Seit wann sind Sie wieder hier, wenn die Frage erlaubt ist?"
"Seit heute nnachmittag um sswei. Sie waren nich da."
"Nein", gibt er zu, "Weihnachtsfeier im Ministerium, schrecklich langweilig, selbst die Sekretärinnen. Ich weiß nicht, die sind auch nicht mehr wie früher."
"Wem sagen Sie das..."
Steed setzt sich neben seine Mitbewohnerin und setzt sein teilnahmsvollstes Gesicht auf.
"Also, raus mit der Sprache. Was war los in Peels Manor?"
Mrs. Peel holt tief Luft und als sie spricht, tut sie es anscheinend zu ihrem Glas.
"Also, ich kam dort an..."
"Sie kamen an", echot Steed ermutigend.
"Und parkte meinen Wagen genau neben dem neuen Auto von meinm Sssohn."
"Was hat er sich gekauft", erkundigt er sich freundlich interessiert.
Ein tieftrauriger Blick streift ihn.
"Einen beigen Volvo K-Kombi. Sch-tellen Sie sich das vor, Ssteed. Mein Sohn fährt einen beigen Volvo Kom-kom..."
"Kombi", ergänzt er hilfsbereit. Langsam schwant ihm die Wahrheit, wenn auch noch nicht in ihrem ganzen schrecklichen Ausmaß.
"Und dann kam Sssusan."
"Ihre Schwiegertochter."
"Sie nennt mich "Mommy"",stellt Mrs. Peel mit Grabesstimme fest. "Mommy! Ich habe ihr mehrmals angeboten, mich Emma ssu nennen aber nein!"
Die Tasse mit Eierpunsch vollführt eine gefährliche Kurve.
"Aber das Schlimmse... das Schlimmse is, wie sie sich anssieht: Schl...Schlubbenbluse, so mit Schleife, Sie wissen schon... knielanger Schlabberberrock, Häckelpulli und - Sssteed", sie schaut ihm tief und verschwörerisch in die Augen und dämpft die Stimme, "weiße Söckchen dazu."
Steed macht ein entsprechend schockiertes Gesicht.
"Nein!"
"Doch", stellt Mrs. Peel entschieden fest und trinkt darauf erstmal einen Schluck. Dann wendet sie sich erneut in vertraulichem Tonfall an ihn.
"Ssteed, ich habe schon viel in meinem Leben getragen als ich jung war... da war der Minirock in..."
Steed schaut erinnerungsselig in das Kaminfeuer.
"Ach ja..."
"Ich habe Leder getragen..."
"Wie gut ich das noch weiß."
"Und habe mich fffür das Minis-Minisserium als Rrobin Hood, O-Oliver Twist und als Lllebedame verkleidet..."
"Das Vaterland wird Ihnen ewig dankbar sein."
"Aber nie", und jetzt kommt die Tasse Steeds Hemdbrust gefährlich nahe, doch er bewahrt Ruhe, "niemals habe ich weiße Söckchen zum Schlllaberrock getragen. Niemals!"
"Das wäre doch völlig unter Ihrer Würde gewesen", bekräftigt Steed und genehmigt sich selbst noch einen Schluck.
"Ssteed", Mrs. Peels Kopf fährt herum und landet fast auf seiner Schulter. Ihr Augen haben einen fragenden und zugleich gequälten Ausdruck.
"Sssein Sie ehrlich... Halten Sie mich für ein verrückte Alte, für eine peinliche Person?"
"Mrs. Peel", Steed legt den freien Arm auf die Couchlehne, um nicht plumpvertraulich zu wirken, doch seine Gesprächspartnerin ist ohnehin schon mehr oder weniger gegen ihn gerutscht. "Als Sie mich vor ein paar Monaten auf dieser Party trafen, da war ich ein fast pensionierter Staatsdiener mit einem Titel, den ich bekam, weil ich keine Kinder habe, die ihn erben könnten und einer gestrigen Wohnung. Ich war auf dem besten Wege in eine Depression, die sich gewaschen hatte. Dann traf ich auf Sie und die Sonne ging noch einmal in meinem Leben auf. Ihr Lachen und wie charmant Sie das Glas hielten..."
Er verliert sich ein wenig in der Erinnerung. Mrs. Peel lächelt schief.
"Sie sin´ süß, Ssteed", stellt sie lächelnd fest und dann ein wenig zusammenhanglos, "ich liebe nu´ mal Sportwagen, schon immer. Haben wir je einen beigen Wagen besessen?"
Sie runzelt angestrengt die Stirn.
"Nein", lacht Steed auf, "das ist wohl nicht unsere Farbe. - Und Schleifenblusen habe ich Sie nur zu Bleistiftröcken tragen sehen, und die waren bestimmt nicht schlabberig."
"Sehen Sie", Mrs. Peel hat sich innerlich wieder etwas beruhigt. Steed begreift, dass da mehr im Spiel gewesen sein muss als ein langweiliges Auto und eine seltsam gewandete Susan, doch er forscht nicht weiter nach. Dann bemerkt er, dass seine Mitbewohnerin ganz entspannt und entgültig an seine Brust gerutscht ist. Er kann gerade noch ihre Punschtasse abfangen, da ist sie auch schon eingeschlafen. Er gestattet sich einen kurzen Blick auf ihr schlafendes Antlitz, und mit einem Mal sieht er die junge Mrs. Peel wieder vor sich.
Den Rest des Abends verbringt er da wo er ist, schaut ins Kaminfeuer und lässt Bilder vergangener Zeiten vor seinem geistigen Auge Revue passieren.

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Am nächsten Vormittag sind Steed und Mrs. Peel mit dem Zug auf dem Weg nach Norden. Der Weihnachtsverkehr hat schon stattgefunden und so haben sie ein erster Klasse Coupé für sich allein. Ihr Gepäck befindet sich auf den Ablagen über ihren Köpfen und draußen tobt gerade ein Schneesturm über die englische Landschaft hinweg. Der Zug ruckelt gemütlich dahin, Steed studiert die Times, und Emma schaut in den Sturm hinaus.
Beide haben an diesem Morgen kein Wort über den vorangegangenen Abend verloren und auch nicht über die Tatsache, dass Mrs. Peel am Morgen in ihrem Bett in ihrer Unterwäsche erwacht ist und keine Ahnung hat, wie sie dort hingekommen ist. Steed hat sie einfach nur gefragt, ob sie ihn dienstlich für einen Auftrag nach Norfolk begleiten möchten und sie hat zugestimmt und einen Koffer gepackt. Nun sitzt sie ihm also in einem kuscheligen Fakefurmantel in schwarzweiß mit dazu passendem Muff gegenüber, hat bereits zwei Aspirin zu sich genommen und trinkt ab und zu einen Schluck Mineralwasser aus einer kleinen Flasche.
"Ich habe noch nie etwas von Wendermain gehört", sagt sie nach einer Weile.
Steed lässt die Zeitung sinken.
"Da geht es Ihnen wie den meisten Menschen", antwortet er freundlich, "ich musste auch auf der Landkarte nachsehen. Doch Agent Mantisse hatte bemerkenswerterweise ein gelöstes Bahnticket nach Wendermain in seiner Westentasche als ich ihn fand."
"Darf ich daraus schließen, dass Agent Mantisse nicht mehr unter uns weilt?" Mrs. Steed hebt die Augenbrauen, was ihr ihr Kopf sogleich übel nimmt.
"Sie dürfen. Noch bemerkenswerter als diese Bahnkarte waren allerdings seine letzten Worte an mich. Sie lauteten "der Wolf und die böse Stiefmutter"."
"Klingt wie aus einem Märchen", bemerkt sie.
"In der Tat. Ich habe mich also über Wendermain einmal schlau gemacht und festgestellt, dass es dort vor allem viel Landschaft und mitten darin ein Märchenhotel gibt."
"Was ist ein Märchenhotel?" Auch Stirnrunzeln mag ihr Kopf heute nicht.
Statt einer Antwort reicht Steed ihr einen Prospekt zu, den er aus seiner Mantelinnentasche gezogen hat. Mrs. Peel klappt ihn auf und liest halblaut:
"The Fairytale-Hotel. Erleben Sie romantische Tage inmitten der unberührten Schönheit der Wälder Norfolks und lassen Sie sich von uns in die Welt der Märchen der Gebrüder Grimm entführen. - Wird das Hotel von Deutschen geführt?"
Steed nimmt den Prospekt wieder an sich.
"Nein, der Inhaber ist Engländer. Aber diese Märchen sind ja überall beliebt. - Und wir beide, meine Liebe, werden inkognito als Ehepaar ein romantisches Weihnachtswochenende dort verleben. Ich habe schon eine Suite gebucht."
Nicht einmal ein Kater kann nun Mrs. Peels Augenbraue davon abhalten, nach oben zu zucken.
"Ach, haben Sie das."
"Ja, und ich bin Ihnen für Ihre Begleitung sehr dankbar. Das gibt eine viel bessere Tarnung ab, als wenn schon wieder ein einzelner Herr dort einchecken würde."
"Sie gehen also davon aus, dass Agent Mantisse dort war, auf etwas stieß und darob diese schnöde Welt für immer verlassen verlassen musste?"
"Allerdings", Steeds Gesicht wird nun ernst und er dämpft seine Stimme als er fortfährt:
"Sie haben vielleicht in letzter Zeit aus den Nachrichten erfahren, dass es zu Spannungen zwischen den Supermächten und England gekommen ist. Schuld daran sind Vorfälle, bei denen russische oder amerikanische Satelliten gestört und manipuliert wurden."
"Es hat doch sogar so etwas wie einen Zusammenstoß zwischen einem russischen und einem anderen Satelliten gegeben..."
"Der russische kam plötzlich von seiner Flugbahn ab und verwandelte sich in teuren Weltraumschrott", fährt Steed düster fort. "Man hat natürlich sofort Nachforschungen angestellt: die Störungen erfolgten von britischem Boden aus. Irgendwer stört die Programmierungen der Satelliten und löst Chaos und großen Unmut aus. Das ganze diplomatische Corps läuft sozusagen auf Rollschuhen. Und der Humor der Russen ist sogar noch begrenzter als der der Amerikaner."
"Und Agent Mantisse glaubte also einen Hinweis daraf gefunden zu haben, wo sich diese Störstation befindet?"
Steed nickt.
"Und wer sie betreibt. Er hatte mich kurz zuvor kontaktiert und bat um ein Treffen. Doch bevor er mir sagen konnte, was er herausgefunden hatte, erschoss ihn jemand mit einer Armbrust."
"Wie originell."
"Ja, man wird der ewigen kleinkalibrigen Waffen irgendwann einmal überdrüssig."
Steed schaut auf seine Uhr und überlegt, ob es nicht Zeit für eine schöne Tasse Tee sei. Mrs. Peel stimmt ihm zu und Steed holt eine große, altmodische Reisetasche, die nicht ganz zu dem übrigen Gepäck passt, von der Ablage. Mrs. Peel macht groß Augen und lacht dann auf:
"Du meine Güte, Steed, Sie haben sie immer noch!"
Steed zaubert eine Teekanne, eine Gebäcketagere, Tassen, Zuckerdose und überhaupt einen kompletten Elf-Uhr-Tee daraus hervor.
"Na, ruft das alte Erinnerungen wach?" Er lächelt sie über den improvisierten Teetisch hinweg an. Sie greift nach der dampfenden Kanne und schenkt Steed und sich Tee ein.
"Unser Auftrag in Little Bazeley. Da sind wir auch mit dem Zug hingefahren. Erinnern Sie sich an den Gasthof? Die Zimmer waren grauenhaft."
Steed nimmt sich einen Keks.
"Das wird diesesmal hoffentlich anders sein."

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"Meine Herren, wie haben die ersten Erfolge zu verbuchen. Und wenn Sie die Nachrichten der letzten Tage verfolgt haben, werden Sie mir zustimmen."
Zustimmendes Gemurmel erhebt sich am Konferenztisch ob dieser Worte eines ausgesprochen korpulenten Mannes mittleren Alters, der am Kopfende sitzt und die fünf weiteren Teilnehmer aus Froschaugen fixiert.
Es ist eine kleine Konferenz in einem kleinen, fensterlosen, schalldichten und absolut abhörsicheren Konferenzraum, tief unter der Erde, doch die anwesenden Herren verfügen zusammengenommen über mehr Geld, als so manches europäisches Land.
"Sie werden bald die ersten Anfragen bekommen, da bin ich sicher", fährt der Dicke fort, "doch ich rate Ihnen dringend, sich noch zu keinen Zusagen verleiten zu lassen. Denken Sie an den Profit. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, und die Nachfrage wird schon bald enorm steigen. Also halten Sie sich bedeckt."
Wieder allgemeine Zustimmung. Man könnte den Eindruck bekommen, die Bestätigung der Anderen rührt von deren Wunsch her, möglichst schnell wieder aus diesem Raum heraus zu kommen, denn die Klimaanlage läuft auf vollen Touren und hier drinnen ist es kaum wärmer als draußen. Dem Einzigen, dem das nichts ausmacht, ist der Vorsitzende.
"Ich nehme an, Sie haben alle Ihre Refugien für den Ernstfall?" Er sieht mit seinen Froschaugen forschend in die Runde, und alle nickten. Der Franzose links vor ihm trinkt gerade seine dritte Tasse Kaffee in der Hoffnung, so dem Erfrierungstod zu entgehen.
"Wir werden bald eine weitere Aktion starten".
Der dicke Mann spricht zwar perfektes Englisch, doch man kann, wenn man genau hinhört, einen leichten Akzent feststellen. Tatsächlich ist er gebürtiger Niederländer, auch wenn er dort schon lange nicht mehr wohnt.
"Ich denke, diese Aktion wird nicht ohne Folgen bleiben, also halten Sie sich bereit. Bald geht das Bieten los."
Er lacht auf und die anderen folgen höflich seinem Beispiel. Dann fragt einer mit stark südamerikanischen Akzent:
"Was ist aus dem Spion geworden?"
Der dicke Mann winkt in milder Belustigung ab.
"Er wurde fachgerecht entsorgt. Dafür hat man seine Leute."
Dann wird er durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen und im nächsten Moment öffnet sich diese und ein Mann mit einem Buckel schaut herein. Er trägt ein rotes Wams, eine grüne Strumpfhose, eine orangefarbene Halskrause und eine ebenfalls organgefarbene Zipfelmütze auf dem Kopf. Nichts könnte gegensätzlicher zu der sachlichen Einrichtung des Konferenzraumes und der anzugtragenden Teilnehmer wirken, doch niemand lässt sich von dem Anblick des Buckligen, der nur stumm auf sein Handgelenk tippt, aus der Ruhe bringen.
"Ah, Stevens, ja, meine Herren, ich denke es ist Zeit, wir haben soweit alles besprochen."
Der Niederländer strahlt in die Runde.
"Sie können sich jetzt zum Aufwärmen ins Dampfbad begeben, wie wäre es?"

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Zur gleichen Zeit befinden sich Steed und Mrs. Peel an der Rezeption des Fairytale-Hotels und werden von einer Gretel im rosafarbenen Dirndl mit beeindruckendem Dekolleté willkommen geheißen.
"Sie sind etwas früh dran, Mr. und Mrs. Macanzie", mit geübten Fingern greift sie nach dem falschen Reisepass, den ihr Steed vorgelegt hat, während er den Eintrag im Gästebuch vervollständigt. "Wie wäre es, wenn Sie noch einen Drink in der Jägersmannlounge zu sich nähmen, Ihre Zimmer werden im Handumdrehen für Sie bereit stehen."
"Was meinst du, Schatz", fragt Steed gutgelaunt, "nehmen wir noch einen Drink in der Jägersmannlounge?"
"Warum nicht, Liebling." Mrs. Peel dreht an ihrem nagelneuen Ehering, der aus der Aservatenkammer des Geheimdienstes stammt und lässt ihren Blick über die Inneneinrichtung des Etablissements schweifen.
Hier sieht alles aus, als wäre es frisch aus dem Schwarzwald importiert worden: mächtige Deckenbalken mit Schnitzereien, urige Bodendielen, schwere Türstürze auch mit Schnitzereien und dunkle Eichenholzkassettentüren. Es fehlt auch nicht an Kuckucksuhren oder an Panelen mit Märchenmotiven. Von außen erfreut das Haus den Betrachter mit Fachwerkoptik vermischt mit Zuckerbäckerelementen, als habe die Hexe aus dem Märchen auch noch ein Wörtchen mitzureden gehabt.
Jetzt lehnt sich die blond bezopfte Gretel, die selbst längst über dreißig sein muss, zu Steed über den Eichentresen und fragt mit blauäugigem Augenaufschlag:
"Möchten Sie, dass wir Ihnen für heute abend einen Tisch im Restaurant bestellen?"
Mrs. Peels Augen verengen sich, als Gretels Dekolleté sich auf die Platte zu ergießen droht.
"Ähh", macht Steed und schaut seine frischgebackene bessere Hälfte hilfesuchend an. Offenbar hat er ein wenig den Faden verloren.
"Nicht schwindelfrei, Darling", fragt diese honigsüß.
Ein langer Blick ist die Antwort. Dann Steed mit frischer Stimme zu Gretel:
"Ja, danke, das wäre wirklich zauberhaft, nicht wahr, Schatz." Er legt den Kugelschreiber hin, ergreift Mrs. Peels Arm und führt sie dem hölzernen Schild folgend in die Jägersmannlounge. Gretel sieht den beiden einen kurzen Augenblick lang hinterher, dann klappt sie das Gästebuch zu und schnipst nach dem buckligen Mann im Rumpelstielzchenkostüm.
"Bring das Gepäck auf 207, Stevens. Und sag Daisy, dass sie sich beeilen soll."

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In der Jägersmannlounge herrscht um diese Zeit nicht allzu viel Betrieb. Steed zieht einen Clubsessel für Emma zurecht, damit sie sich setzen kann. Dann geht er hinüber zu der krustigen Bar und bestellt beim Jägersmann dahinter zwei heiße Punsch. Einen Moment lang schaut er etwas irritiert in die Glasaugen eines ausgestopften Keilerkopfs, der direkt über dem Regal mit Gläsern und Flaschen hängt. Dann lässt er den Blick durch die Runde schweifen und stockt. Etwas später kehrt er an den Tisch zurück.
"Hier sind wir richtig", raunt er und plaziert den Punsch vor Mrs. Peel. "Lauter liebe alte Bekannte."
Mrs. Peel sieht sich nun selbst suchend um. Steed erhebt sein Glas und beide stoßen an.
"Cheers. - Sehen Sie den Mann mit dem dunklen Teint an der Bar dort links?"
"Hmhm."
"Rodrigo Gonzales - Waffenhändler aus Kolumbien."
"Weite Reise, um Weihnachten mal ganz in Ruhe im Schnee zu verbringen."
"Sie sagen es."
In diesem Augenblick dreht sich ein weiterer Mann von der Bar weg und schickt sich am, mit seinem Glas in der Hand die Bar zu verlassen, als sein Blick auf Steed fällt. Dieser sieht genau in diesem Moment hoch und stockt ebenfalls. Da es für alle anderen jetzt nur allzu deutlich wird, dass sich die beiden erkannt haben, ergreift Steed die Flucht nach vorn, strahlt und ruft laut "Geroge" durch den Raum.
Der andere Mann lächelt nun unsicher. Steed erhebt sich, breitet die Arme aus und setzt noch eine Spur überschwänglicher hinzu:
"George, mein alter Freund, wie geht es Dir? Wir haben uns ja seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Komm, setz dich zu uns."
Er führt den anderen etwas vierschrötigen Mann, der gut einen Kopf größer ist als er selbst zum Tisch hinüber.
"Emma, meine Liebe, erlaubst du, dass ich dir meinen alten Freund George Miller vorstelle."
Mrs. Peel und der Mann reichen sich artig die Hand, Steed zieht einen weiteren Sessel heran und der Mann setzt sich.
"John, das ist ja eine Überraschung", bringt er schließlich hervor und dann im Flüsterton:
"Woher wissen Sie, dass ich als George Miller eingecheckt bin?"
Steed lässt sein Glas gegen das des Anderen stoßen und trinkt einen Schluck, bevor er ebenfalls flüsternd antwortet:
"So heißen Sie doch immer unterwegs. Sie reisen allein, trinken Whisky und nennen sich "Miller". Tragen Sie doch gleich Ihren CIA-Ausweis offen am Revers."
Und dann lauter:
"Du liebe Zeit, George, wie lange ist das jetzt her?"
Die Übrigen im Raum beachten die beiden Männer längst nicht mehr. Zwei alte Schulfreunde, die sich bei einem Glas in der Bar treffen und über alte Zeiten schwatzen sind so aufregend nicht.
"Also was ist hier los", fordert Steed sein Gegenüber auf. Er nickt fast unmerklich zur Bar hinüber. "Das reinste Klassentreffen, was? Wer ist noch hier außer Gonzales?"
Der Amerikaner schaut sich unbehaglich um.
"Eben ist Dupont abgereist. DER Dupont."
"Hmmm", macht Steed und trinkt einen weiteren Schluck. "Also daher weht der Wind? Und jetzt spielen wir Räuber und Gendarm, ja? Wenn Sie hier sind, ist doch auch die Gegenseite vertreten, oder? Auch allein unterwegs und Wodka trinkend?"
Der Amerikaner lacht etwas zu laut.
"Immer noch der alte John, wie in der Schule", und dann deutlich gedämpfter: "Von wegen allein! Mit einem jungen Mädchen, dass seine Tochter sein könnte."
Steed schmunzelt.
"Hat der KGB am Ende einen besseren Spesensatz als die CIA?"
Er hat aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrgenommen und fragt nun laut:
"Und bleibst du auch über Weihnachten hier, alter Freund?"
Da tritt auch schon Gretel im Dirndl auf Steed und Emma zu und verkündet, dass ihre Suite bezugsfertig sei. Sie lässt den Zimmerschlüssel von ihrem Finger baumeln, wirft Steed einen Blick voller unterwürfiger Servilität zu und fragt:
"Möchten Sie, das ich Sie hinauf führe?"
Mrs. Peel schnappt nach dem Schlüssel.
"Danke, wir werden es schon finden", und schenkt der Dame ihr schmallippigstes Lächeln.
"Zweiter Stock, rechts", informiert sie Gretel noch, dann zieht sie sich zurück.
"Jetzt zweifelt bestimmt keiner mehr daran, dass wir verheiratet sind, meine Liebe", raunt Steed Emma zu und führt sie aus dem Raum.

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Im Büro des Hotelmanagers ist von der bunten Märchenwelt nicht viel zu spüren. Hier herrscht klare Sachlichkeit. Montgomery Wise sitzt hinter seinem Schreibtisch und kontrolliert Abrechnungen, als die Gretel-Rezeptionistin hereinkommt und ihm einen Kaffee bringt. Er schaut kurz hoch und lächelt.
"Nun, Schatz, alles in Ordnung im Märchenwald?"
Sie schlüpft aus ihren Pumps und lässt sich in einen Sessel fallen.
"Alles prima, nur die Schuhe bringen mich um."
"Du siehst umwerfend aus in diesem Dirndel. Schade, dass ich arbeiten muss."
Sie lächeln einander verschwörerisch zu.
"Danke, ich becirce auch alle alten Knacker reihenweise. Und ihre Frauen schäumen."
Sie lacht auf. Er schaut sie streng über seine Goldrandbrille hinweg an.
"Übertreib es nicht, Dolores. Wir können hier keinen Krieg gebrauchen."
"Keine Bange", winkt sie gelassen ab. "Ein bißchen Eifersucht facht die Glut wieder an, wirst sehen." Dann wird sie ernst. "Was für eine Konferenz haben wir heute noch?"
Jetzt lacht er auf.
"Irgendwelche Typen aus der Branche für saisonale Dekorationen. Die haben wirklich Angst, die Konkurrenz könnte sie bespitzeln. Streng geheim."
Er legt den Finger an die Lippen. Dann in nüchternerem Ton:
"Ist heute vormittag alles glatt gelaufen?"
"Alles bestens. Der Franzose hat schon ausgecheckt."
"Von mir aus kann der Rest auch verschwinden, vor allem der Niederländer. Der ist mir unheimlich. Habe noch niemanden gekannt, der im Dezember ein Zimmer ohne Heizung wollte."
"Wenn´s weiter nichts ist", erwidert sie und schwingt sich aus dem Sessel auf. Sie steigt wieder in ihre Schuhe, umrundet den Schreibtisch, gibt ihrem Mann einen Kuss und verschwindet aus dem Raum.

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"Das glaube ich jetzt nicht, das soll wohl ein Scherz sein!"
Steed steht fassungslos im Hotelzimmer.
"Was wollen Sie", erklärt seine Begleitung betont munter und ihre Stimme bebt vor unterdrückter Heiterkeit, "das ist eben die "Brüderlein-und-Schwesterlein-Suite"."
Er dreht sich zu ihr um und jetzt kann sie wirklich nicht mehr an sich halten und prustet los.
Die beiden haben soeben ihr Zimmer betreten. Ihre Koffer sind schon vor ihnen angekommen und geöffnet worden, das Feuer im Kamin lodert, ein Körbchen mit Lebkuchen steht als Willkommensgruß auf einem kleinen Tisch. Die Fenster haben niedliche Butzenscheiben, im Zimmer stehen knuddelige Sessel, an den Wänden Grimm´sche Radierungen von einem Mädchen in Begleitung eines Rehs - und außerdem gibt es dort zwei niedliche Einzelbetten, jeweils mit Baldachin und karierter Bettwäsche, Lichtjahre von einander getrennt und dazwischen eine hölzerne Kommode, auf der sich ein Pappschild mit den freundlichen Worten "Wenn Sie eine Wärmflasche benötigen, klingeln Sie bitte nach dem Hausdiener" befindet.
"Möchten Sie lieber im Osten", Mrs. Peels ausgestreckter Arm wandert weit nach rechts hinüber, "oder fern im Westen schlafen? - Schatz", fügt sie nach einer Pause bösartig hinzu und schlägt die Beine elegant übereinander.
Steed macht ein Gesicht, als hätte er einen Schlag unvorbereitet in die Magengrube erhalten.
"Mrs. Peel", flüstert er eindringlich, "ich hatte für ein Ehepaar ein romantisches Zimmer gebucht. Die können schließlich nicht wissen, dass wir nur so tun. Ist das deren Vorstellung von Romantik? Und dann noch dieser", er deutet auf das Pappschild, "uncharmante, unsensible Hinweis!"
Mrs. Peel bekommt sich kaum noch mehr ein vor lauter Frohsinn. Steed betrachtet sie und ähnlich wie am Abend zuvor, erkennt er mit blitzartiger, schmerzlicher Deutlichkeit die junge Emma Peel von früher wieder. Er kann nichts dagegen tun, dass seine Wut schmilzt und seine Stimme sehr viel sanfter wird, als er fortfährt:
"Wenn die mich schon für einen senilen Tattergreis halten, so nehme ich es ihnen doch übel, dass sie nicht wenigsten Ihnen mehr Respekt erweisen."
Er sieht sich nochmals um.
"Nichtmal eine Bar, denke ich. Dafür Lebkuchen, wahrscheinlich extra weich und gebissschonend."
Mrs. Peel kichert immer noch mit Tränen in den Augen.
"Ach, Steed, wenn Sie mich nicht hätten", erklärt sie, zieht den Verschluss ihrer Reisetasche auf und fördert eine Flasche Champagner zu Tage. "Vielleicht finden wir wenigstens Gläser, sonst nehmen wir die Zahnbecher."
Doch Steeds Mehrzweckreisetasche hat auch das zu bieten. Merklich besänftigt schenkt er beide Gläser voll und reicht eines Mrs. Peel. Die beiden stoßen an und trinken einen Schluck. Nach einer Weile fragt sie:
"Was haben Sie jetzt vor?"
Steed überlegt kurz.
"Ich werde mich mal im Hotel weiter umsehen."
"Dann werde ich das Wellness-Angebot nutzen. Die haben hier Massage und Dampfbad."
"Nur zu", lächelt Steed. "Das romantische Dinner beginnt um acht, da haben Sie viel Zeit. Und danach..."
"...spielen wir eine gepflegte Runde Monopoly", ergänzt Mrs. Peel augenzwinkernd.

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Kurze Zeit später wird Mrs. Peel fachmännisch durchgeknetet und mit viel Mandelöl eingerieben. Heiße Steine werden auf ihrem Rücken platziert und wieder fortgenommen und gedämpft hört sie das Kommen und Gehen im Dampfbad und im Ruhebereich.
Währenddessen huscht ein sportlich gekleiderter Steed die Hintertreppe, die eigentlich dem Personal vorbehalten ist, hinunter, und eine halbe Stunde später ist er schon gut darüber im Bilde, wo die hauseigene Wäscherei untergebracht ist, wo die Küche und wo es zum Ping-Pong-Raum geht. Aus dem Büro des Managers hört er eine gedämpfte männliche Stimme und schließt ganz richtig daraus, dass dieser gerade dort ein Telefonat führt. Er nutzt eine Pause Gretels an der Rezeption dazu, das Gästebuch zu mopsen und rasch durchzusehen. Die darin enthaltenen Einträge überraschen ihn nicht wirklich, sondern bestätigen allenfalls, was er ohnehin schon angenommen hat.
In der Bar herrscht immer noch gedämpfter Betrieb, der Fernsehraum ist leer, ebenso das Restaurant, das sowieso erst um sieben Uhr abends öffnet. Die Tische dort sind bereits frisch eingedeckt. Bisher lässt nichts auf irgendwelche Unregelmäßigkeiten schließen. Er drückt sich ein wenig im Rezeptionsbereich herum und sammelt eine Menge Infobroschüren über mögliche Freizeitangebote. Das Telefon klingelt zwar ein paarmal, aber das scheinen keine aufregenden Gespräche zu sein.
Dann allerdings geschieht etwas, dass ihn schon eher in Alarmbereitschaft versetzt. Wie aus dem Nichts erscheinen plötzlich in der Lobby mehrere informell gekleidete Damen und Herren, die einer Gruppe anzugehören scheinen und offenbar gerade eine Versammlung hatten. Jeder von ihnen trägt eine Tüte mit Broschüren und albernem Werbematerial über Ostereier bei sich. Steed hat keinen Konferenzraum gesehen, es gibt auch kein Hinweisschild darauf.
Kurzentschlossen begibt er sich unbemerkt in die Richtung, aus der seiner Ansicht nach die Leute kamen und findet sich in einer geschlossenen Nische wieder, die wie eine ganz normale Garderobe wirkt. Zwei Regenmäntel und ein vergessener Regenschirm befinden sich dort. Steed kratzt sich einen Moment lang ratlos am Kopf. Dann beginnen seine Hände die Wände und die Schnitzereien abzusuchen. Seine Finger drücken und schieben herum und plötzlich macht es "klack" und die Rückwand dieser Nische rutscht geräuschlos zur Seite. Dahinter kommt eine Fahrstuhltür zum Vorschein. Sekunden später ist Steed darin verschwunden und die Nischenwand ist wieder an ihren Platz gerückt.
Mrs. Peel ist inzwischen ins Dampfbad handtuchumwunden übergewechselt und hat dort ein junges russisches Mädchen gesehen, welches bei ihrem Anblick gleich das Weite suchte. Offenbar ist der gesammte Wellnessbereich zu dieser Zeit nur für Damen reserviert, denn es sind keine Herren anwesend. Mrs. Peel macht es sich bequem.
Steed befindet sich nun in einem unterirdischen Korridor, der sich seiner Schätzung nach noch unter dem offiziellen Keller befindet und von dem insgesamt drei Konferenzräume abgehen. Steed selbst hat genug Erfahrung in seinem Leben mit Konferenzräumen gesammelt, um sofort die Qualität dieser hier zu erkennen. Auch die zuckersüße Dekoration fehlt hier, gerade mal ein wenig Eiche, um gediegen zu wirken. Im Augenblick sind alle Räume leer aber an den Türkarten kann er ablesen, dass die Damen und Herren wohl dem britischen Dekorationsgewerbe angehörten. Weitaus interessanter ist eine andere Türkarte, die eine bereits vergangene Versammlung am Vormittag als "Konferenz der metallverarbeitenden Industrie unter dem Vorsitz von Wolf van der Straam" ausweist. Steed macht große Augen für einen Moment. Der Name nötigt sogar ihm Respekt ab. Und der Hinweis auf die "metallverarbeitende Industrie"... Ja, so könnte man es auch nennen.
Mrs. Peel ist sich nun sicher, dass der Ruhebereich mehr oder weniger leer ist und erhebt sich soeben von der gefliesten Bank, als ein neuerlicher Dampfstrom ihr komplett die Sicht raubt. Sie versucht dennoch zur Tür zu gelangen, da packen sie auch schon starke Männerarme von hinten. Normalerweise würde sie sofort um sich schlagen und treten, doch sie muss ihr Handtuch festhalten und in dieser Sekunde der Überlegung, ob nun der Schicklichkeit oder der Sicherheit der Vorzug gegeben werden sollte, wird ihr auch schon ein Lappen mit einem nur allzu bekannten süßlichen Duft vor die Nase gepresst. Bewusstlos sinkt sie in die Arme ihres Angreifers.
Als sie wieder zu sich kommt, sitzt sie auf einem Lehnstuhl in einem fremden Zimmer, welches kreisrund ist, und ihr gegenüber steht ein grimmig dreinblickender Herr im schwarzen Rollkragenpulli und Sporthose, der eine Waffe in der Hand hält.
"Nun, Mrs. Peel, sind Sie wieder wach?"
Seine Art, das "r" zu rollen, verrät sofort seine Herkunft. Mrs. Peel rückt indigniert ihr Badetuch zurecht.
"Wenn Sie mich auf einen Drink einladen wollten, hätten Sie einfach fragen können", gibt sie zurück.
Der Russe lacht auf.
"Da wäre mir vielleicht Ihr charmanter Begleiter in die Quere gekommen, meinen Sie nicht? Wo ist Steed überhaupt?"
"Woher soll ich das wissen", faucht sie zurück. "Ich weiß ja nicht einmal, wo ich bin."
"Wo bleiben nur meine Manieren", amüsiert sich ihr Gegenüber und deutet eine Verbeugung an. "Gestatten, Kardov, Piotr Kardov, zu Ihren Diensten. Und das", das junge russische Mädchen aus dem Dampfbad erscheint nun auf der Bildfläche in einem rosa Bademantel, "ist Oxana Jaletzka."
"Angenehm", wahrt Mrs. Peel die Form. "Ich nehme an, Sie beide sind dienstlich hier."
"Genau wie Sie, Mrs. Peel. Seit wann arbeiten Sie eigentlich wieder für den britischen Geheimdienst? Ich bin sicher, man hat Sie dort vermisst."
"Zu freundlich aber eigentlich begleite ich nur Steed."
"Ahh, zur Tarnung, ich verstehe, sehr geschickt."
Der Russe gießt Wodka in drei Gläser und reicht eines Mrs. Peel.
"Mrs. Peel, wer lässt unsere Satelliten abstürzen und warum? Das ist hier die 100.000-Rubel-Frage und die hätte ich gern von ihnen beantwortet."
"Das möchten wir wohl alle gern wissen", gibt sie zurück und trinkt einen winzigen Schluck, "Sie, Steed und dieser sogenannte Mr. Miller."
"Armstrong", nickt er, "ja, ich sah ihn mit Ihnen beiden in der Bar. Aber ich glaube Ihnen nicht. Die Störungen gehen von britischem Territorium aus, und was die Amerikaner bisher verloren haben, ist bestenfalls Altmetall. Aber unser Satellit..."
Er unterbricht sich, um nicht zuviel auszuplaudern. Mrs. Peel glaubt seine Gedanken lesen zu können. Er glaubt an eine Konspiration zwischen den Westmächten mit dem Ziel, die Russen zu sabotieren. Daher seine Wut und die Entführung. Und wenn sie ihm nicht die Antworten liefern kann, die er hören möchte, wird er sehr wahrscheinlich bald äußerst unangenehm werden. Jedenfalls hat er die Waffe nicht einen Augenblick sinken lassen.
Mrs. Peel sieht sich um. Die Kleine im Bademantel ist gerade im angrenzenden Bad verschwunden. Sie verwünscht dieses Badetuch. Kardov steht lässig vor ihr, in einer Hand den Wodka, in der anderen die Waffe. Er fixiert sie. Sie muss ihn irgendwie überrumpeln. Erneut sieht sie sich um. An den Wänden befinden sich lauter naive Malereien von einer Frau mit sehr langem Haar, und im Gegensatz zu ihrer eigenen Suite, gibt es hier ein rundes Doppelbett. Etwas geschmacklos, findet sie.
"Ich sehe, Sie haben das Rapunzelzimmer bekommen", bemerkt sie im Pauderton und nickt zum Bett hinüber.
"Wie?" Durch den Themawechsel verwirrt, schaut der sich der Russe kurz um. In der nächsten Sekunde fliegt ihm auch schon sein Wodkaglas um die Ohren. Reflexartig schießt er, doch Emma sitzt längst nicht mehr im Sessel, der jetzt ein Loch hat, sondern schlägt ihm gegen den anderen Arm und dann in den Magen. Die Waffe fliegt hinter die Kommode und der Russe hustet und stolpert dann zurück, weil Emmas Handkante ihn ein wenig unsauber erwischt hat. Während sie das blöde Handtuch nochmal feststeckt, nimmt er jetzt geduckt Anlauf und springt ein wenig plump auf sie zu. Sie weicht aus und tritt ihm in den Rücken. Das Handtuch rutscht schon wieder. Sie versucht, zur Tür zu hasten, da hat er sich auch schon wieder umgedreht und geht erneut auf sie los. Diesesmal versucht er sie an den nackten Schultern zu packen und herumzuschleudert, doch das Ganze fällt etwas schwächlich aus, weil sie ihm ihre Finger in die Augen sticht.
Sie bekommt einige erlesene russische Flüche zu hören und dann noch mehr, als sie ihm gegen das Knie und eine alte Schussverletzung tritt. Sie wartet nicht darauf, dass er sich erholt, sondern flieht aus dem Rapunzelzimmer und mit wehendem Handtuch barfuß eine Wendeltreppe hinab. Ein Herr im Abendanzug macht ihr grinsend Platz. Emma wirft ihm einen tödlichen Blick zu und rauscht dann in den Korridor im zweiten Stock.

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"Das Dampfbad und Ihr Training mit dem KGB sind Ihnen wunderbar bekommen, meine Liebe, Ihr Teint strahlt heute abend geradezu."
Steed und Emma sitzen sich im Restaurant bei einer Waldpilzessenz und einem trockenen Roten gegenüber. Sie trägt ein goldenes Abendjäckchen über einem kleinen Schwarzen, er einen dunklen dreiteiligen Anzug mit eleganter Krawatte und Krawattennadel. Mrs. Peel weiß, dass diese Nadel fotografieren kann, sie hat sie ihm selbst einmal geschenkt.
"Wo waren Sie eigentlich als ich Sie brauchte?" Sie blickt ihn streng über ihren Suppenlöffel hinweg an.
"Ich war tief unter der Erde. Hier werden abhörsichere Konferenzräume angeboten, wußten Sie das? Heute morgen fand dort eine höchst interessante Versammlung statt, und ich wette meine Melone, dass Freund Gonzales mit von der Partie war. Den Vorsitz hatte der ehrenwerte Wolf van der Straam, Waffenhändler seines Zeichens und ohne festen Wohnsitz, weil ich kein Land aufnehmen will. Jetzt kommt die Preisfrage: Warum hält van der Straam mitten im Nirgendwo von Norfolk in einem Märchenhotel eine abhörsichere Konferenz ab? Was gibt es genau hier so Interessantes für ihn?"
Mrs. Peel ist fertig mit der Suppe und schiebt die leere Schale ein wenig von sich.
"Wenn Sie die Antwort wissen, vergessen Sie sich nicht, sie Freund Kardov mitzuteilen, der ist schon ganz begierig darauf."
"Das kann ich mir vorstellen. - Wenn mich nicht alles täuscht, kommt er dort drüben gerade mit seiner Begleitung."
Mrs. Peel schaut über ihre Schulter hinweg in die Richtung, in die Steed guckt, und tatsächlich betreten dort der Russe im Anzug und seine Freundin in einem rückenfreien Silberlamékleid das Restaurant. Kardov hinkt ein wenig und nickt Steed und Mrs. Peel steif zu.
"Der Ärmste scheint so viel Sport gar nicht mehr gewohnt zu sein", stellt Steed schadenfroh fest.
Der Hauptgang wird aufgetragen: Rebhuhn in Kräutersauce mit grünen Erbsen und Pommes Dauphin.
"Hm, das sieht ja köstlich aus", lobt Steed dem Kellner gegenüber, der sich lächelnd wieder verzieht.
In diesem Moment kommt die junge Russin zu ihnen an den Tisch, um sich das Salz auszuleihen und lässt dabei einen zusammengefalteten Zettel neben Steeds Teller fallen.
"Treffen um halb zwölf bei den Ställen", steht dadrauf. Steed lässt den Zettel verschwinden.
"Kardov zieht diesesmal eine schriftliche Verabredung vor", teilt er seiner Tischdame mit.
Steed nickt Kardov kurz zu, um seine Zustimmung mitzuteilen.

Etwas später an diesem Abend steht Steed rauchend draußen neben den Ställen. Aus dem Inneren kann man die Pferde scharren und schnauben hören, fünfzig Meter vor ihm beginnt schon der Wald und hinter ihm ragt der Rapunzelturm in den Nachthimmel auf. Oben im Zimmer von Kardov ist Licht. Mrs. Peel ist in der Bar geblieben, die junge Russin ebenfalls.
Steed geht auf und ab, sieht auf die Uhr und dann hoch zum Turm. In diesem Moment fliegt das Fenster weit auf und aufgeregte Stimmen sind zu hören. Es klingt wie ein Kampf, eine Gestalt erscheint im Rahmen, beugt sich weit nach hinten, verschwindet kurz wieder und dann stürzt jemand mit einem langgezogenen Schrei aus dem Turmfenster. Steed kann gerade noch rechtzeitig zur Seite springen, da schlägt der Körper des KGB-Mannes neben ihm auf dem Betonboden auf. In diesem Moment wird das Turmfenster geschlossen.
Mrs. Peel wartet auf ihn, als er in die Lounge zurückkehrt. Die Russin fehlt.
"Wo ist sie hin", erkundigt sich Steed bei seiner Begleitung.
Diese schaut auf.
"Keine Ahnung, sie ist gerade aufgestanden und rausgegangen, kurz bevor Sie gekommen sind."
"Dann kann sie es nicht sein."
Er macht dem Jäger hinter dem Tresen ein Zeichen.
"Was kann sie nicht sein?" Mrs. Peel nippt an einem Martini.
"Die böse Stiefmutter... Kardov wurde eben aus dem Fenster befördert und ich bin mir ganz sicher eine Frau gesehen zu haben."

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"Mrs. Macanzie, Ihr Mann hat uns wegen des Zimmers angesprochen."
Mrs. Peel schenkt am nächsten Morgen nach einer sonst sehr ruhigen Nacht wiederwillig Gretel am Empfang ihre Aufmerksamkeit.
"Er sagt, sie hätten gern ein etwas romantischeres Zimmer, obwohl", und hier wird Gretels Ton eindeutig ein wenig schnippisch, "ich finde, dass die "Brüderlein-und-Schwesterlein-Suite" viel Ambiente hat. Gerade unsere älteren Gäste fühlen sich dort immer sehr wohl."
In diesem Moment passiert etwas in Emma. Eigentlich sind ihr die getrennten Betten gar nicht so unwillkommen, denn sie sorgen dafür, dass keine peinliche Situation entsteht, aber von diesem nicht mehr ganz taufrischen Busenwunder als "älterer Gast" bezeichnet zu werden und durch die Blume gesagt zu bekommen, dass man ja wohl für bestimmte Dinge zu alt sei, dass ist zu viel.
Mrs. Peel setzt ein Lächeln auf, dass normalerweise Mördern und Bombenlegern vorbehalten ist, beugt sich zum Tresen hin und erwidert:
"Mein Mann und ich mögen in Ihren Augen vielleicht alt sein, aber wir sind doch nicht tot."
Gretel zuckt leicht zusammen, als Mrs. Peel ergänzt:
"Wir benötigen auch keine Wärmflaschen, aber ein Ehebett, eine Flasche Champagner und zwei Gläser dazu wären nett."
"Nun", Gretel blättert pikiert im Anmeldebuch, "wir hätten da noch eventuell das Hänsel-und-Gretel-Zimmer..."
"Haben wir vielleicht auch literarische Vorbilder, die nicht miteinander blutsverwandt sind", fragt Mrs. Peel spitz.

Etwas später begegnet sie Steed beim Frühstück. Er strahlt sie an:
"Guten Morgen, meine Liebe, das Hotel stellt uns doch ein anderes Zimmer zur Verfügung."
Mrs. Peels Zorn verraucht und das übliche ironische Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht.
"Ach, tatsächlich?"
"Und außerdem habe ich schon zwei Pferde für uns heute vormittag reservieren lassen, sie werden gerade gesattelt."
Nun ist sie wirklich erstaunt.
"Pferde? Wir wollen ausreiten?"
"Auf jeden Fall. Es soll hier einen herrlichen Märchenwald geben, so mit Figuren." Und in gedämpfterem Ton: "Ich will mir mal die Gegend ein wenig genauer ansehen. Ich wette, dass wir uns ganz in der Nähe dieser Satellitenstörstation befinden. - Finden Sie nicht auch, dass Kardov äußerst diskret beseitigt worden ist. Heute morgen war nicht mal mehr ein Fleck auf dem Beton zu sehen und das Zimmer wird gerade aufgeräumt. Keine Ahnung, wo die kleine Russin hin ist."
Mrs. Peel sieht sich ein wenig unbehaglich um. Es sind wenig Leute im Speiseraum.
"Haben Sie Ihren Amerikaner wieder gesehen?"
"Flüchtig", erwidert Steed. "Wenn ich nicht eine Frau gesehen hätte, würde ich ihn ja verdächtigen."
"Wo ist eigentlich dieser geheimnisvolle Niederländer ohne Wohnsitz?"
Steed köpft sein Ei.
"Oh, der wird wohl auf irgendeinem Zimmer speisen. Der zeigt sich nur sehr ungern in der Öffentlichkeit. Und bei seinen Ausmaßen wäre er auch eine allzu leichte Zielscheibe. Darüber hinaus habe ich gehört, dass er keine normale Zimmertemperatur verträgt, irgend etwas mit dem Herzen, glaube ich."
"Der Mann, für den die Kryotechnik erfunden wurde?"
Steed lächelt schief.
"So ungefähr."

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Man sieht das innere einer Art Kommandozentrale: helle Schaltpulte, eingebaute Computertastaturen und eine Menge Monitore, dafür aber keine Fenster. Der Raum ist hell erleuchtet und ziemlich kalt. Auf einem ledernen, drehbaren Bürosessel sitzt Wolf van der Straam und programmiert. Er ist völlig allein im Raum und sehr konzentriert. Die Eingangstür gleitet mit einem leisen Zischen zur Seite und herein kommt der Barkeeper im Jägersmannkostüm.
"Ah, Fellows", bemerkt der Holländer, ohne groß aufzusehen. "Bringen Sie Neuigkeiten oder nur mein Mineralwasser?"
"Sowohl als auch", antwortet der Barmann, dessen Verkleidung hier drinnen ein wenig grotesk wirkt.
"Gab es noch Ärger mit dem Russen", erkundigt sich van der Straam, die Augen nicht von den Monitoren lassend.
"Nein", der Barmann stellt eine Flasche Wasser und ein Glas in Reichweite des Niederländers. "Obwohl es für den Vorfall einen Zeugen geben könnte. Was machen wir mit dem anderen Agenten?"
Van der Straam zuckt gelassen mit den massigen Schultern. Er trägt in diesem kalten Raum nur ein weißes Oberhemd, welches am Kragen auch noch aufgeknöpft ist.
"Was wohl, wir beseitigen ihn. Wenn´s geht, weit weg vom Haus. Vielleicht irgendwo im Wald. Lockt ihn raus."
"Das dürfte kein Problem sein", antwortet Fellows mit dünnem Lächeln, "er zieht sich schon für seinen Vormittagssport um."
"Na, umso besser. Heute Nacht muss alles auf den Punkt genau klappen. Schick besser den Buckligen mit einem Gewehr los. Der kann das erledigen, sein Fehlen fällt nicht so auf."
Fellows lacht.
"Geht klar. Also dann... bis zum Lunch."
Wieder zischt die Tür, als der Barmann geht. Van der Straam tippt weiter.

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"Wie geht es mit den geliehenen Stiefeln", erkundigt sich Steed besorgt bei seiner Partnerin.
Die beiden sitzen im leichten Trab zu Pferde und sind gerade im Begriff, das Grundstück zu verlassen. Steed hat ganz deutlich das Gefühl, dass sie beobachtet werden, doch er zwingt sich dazu, sich nicht umzudrehen.
"Oh, ganz gut, für diesen Ausritt werden sie es tun."
Mrs. Peel tätschelt ihren Grauschimmel liebevoll.
"Das war eine gute Idee von Ihnen, Steed, es tut gut, wieder einmal im Satte zu sitzen. Und die Luft ist herrlich."
Sie begeben sich in den Wald und sehen einen Wegweiser, der zum Märchenpfad führt. In stummen Einverständnis schlagen sie den Weg dorthin ein. Die Hufe ihrer Pferde machen kaum ein Geräusch im Schnee, nur ab und zu hört man das eine oder andere Tier schnauben. Nach fünf Minuten kommen sie an einer lebensgroßen Cinderella-Figur vorbei, der der schöne Prinz gerade einen Schuh anpasst. Schnee liegt auf allen Figuren aber irgendwelche Spuren sind nicht zu sehen.
"Wir scheinen die Ersten zu sein, die hier lang kommen", bemerkt Mrs. Peel leichthin. "Was genau hoffen Sie hier eigentlich zu finden, Steed?" Sie sieht zu ihm hinüber. "Ein Wegweiser, auf dem "Störstation" steht?"
Sie lacht und Steed schmunzelt dezent, dann antwortet er in gedämpftem Tonfall:
"Spotten Sie ruhig, mein Liebe, so Unrecht haben Sie gar nicht."
Er hält sein Pferd an und wendet, so dass sie das Hotel in der Ferne vor sich sehen.
"Dieser Fachwerk/Hexenhaus-Stil täuscht nur allzu leicht über die Tatsache hinweg, dass das Gebäude im zweiten Weltkrieg als eine Art Kaserne diente. Sogar eine richtiggehende Bastion war das, wenn man den Gerüchten trauen darf. Damals natürlich noch ohne Fachwerk und Deckenbalken."
"Das ist alles nur Fassade", staunt sie.
"Oder Camouflage, wie man in Militärkreisen sagt."
Steed wendet erneut und gibt seinem Pferd leicht die Sporen. Die beiden traben weiter.
"Und wenn es eine Kaserne war, dann..."
"...gibt es auch Bunker", vollendet Mrs. Peel den Satz für ihn.
"Daher die schalldichten und abhörsicheren Konferenzräume tief unter der Erde. Es wird auch weitere Räume und Gänge geben, da bin ich sicher. Und wer kennt die besser als der Besitzer dieses Etablissements. Nein, ich bin sicher, mit diesen Märchen soll uns nur Sand in die Augen gestreut werden. Also Augen offen halten, ob Sie hier irgendwo ein Gebäude oder eine Erhebung sehen, die nicht natürlichen Ursprungs ist."
"Müsste man nicht wenigstens eine Antenne sehen, wenn man damit Satelliten im All beeinflussen kann?"
"Nun", überlegt Steed und schenkt dem Ensemble von Rotkäppchen und dem bösen Wolf einen scharfen Seitenblick, "die Technik ist voran geschritten. Eine Parabolantenne vielleicht, aber vermutlich gut getarnt. Z.B. in einem dichten Eibengehölz."
"Davon gibt es hier reichlich", erwidert sie und schaut sich in der verschneiten Landschaft um.

Genau zu diesem Zeitpunkt klappt eine Kunststofffigur, die einen Felsen mit vielen Geißlein darstellt nahezu lautlos auf und enthüllt eine halbrunde schüsselförmige Antenne. Die Schüssel dreht sich ein wenig hin und her, dann scheint sie die korrekte Position erreicht zu haben, rastet ein und die beiden Hälften der Märchenplastik schließen es erneut ein.

Inzwischen sind Steed und Mrs. Peel mit ihren Pferden in einen scharfen Galopp gefallen, dass die Schneebrocken hinter ihnen hochfliegen. In diesem Augenblick nimmt Steed eine seltsame Bewegung aus dem Augenwinkel wahr und ruft laut "Brrrrr".
"Was ist los", fragt Mrs. Peel erstaunt.
Steed deutet nach links hinüber, wo junge Kiefern ein fast undurchdringliches Dickicht bilden.
"Ich dachte, ich habe dort jemanden entlang huschen sehen, eine gebückte Gestalt."
Beide spähen angestrengt in die Richtung, können jedoch nichts erkennen.
"Unmöglich wäre es nicht", gibt sie in leisem Ton zu. "Die Bäume dort sind eine wunderbare Tarnung."
Steed nickt ernst.
"Hoffen wir, dass unsere Tarnung noch besteht."
Und erneut geben sie ihren Tieren die Sporen und galoppieren weiter. Sie sind gerade im Begriff eine kleine Anhöhe zu passieren, als ein Schuss die Stille des Waldes zerreißt. Eine Krähe fliegt laut zeternd auf. Es gibt einen dumpfen Schlag, als Steed in den Schnee fällt. Neben ihm gleitet Emma zu Boden. Beide robben sich durch niedriges, kahles Gesträuch vorwärts. Dann verharren sie muchsmäuschenstill und warten.
Da folgt auch schon ein zweiter Schuss und ein langgezogener Schrei ertönt.
Steed hat reflexartig den Arm über Mrs. Peel gelegt und ihren Kopf herunter gedrückt.
"Das galt nicht uns", raunt er ihr zu.
Sie taucht mit Schnee im Gesicht wieder auf und spuckt diesen aus.
"Nein, aber jemand wurde eben getroffen. Sie hatten Recht, Steed, da war wer in der Schonung."
Beide sehen sich um.
"Wenn Sie mich fragen, kamen der Schuss und der Schrei von dort drüben", und er zeigt nach rechts.
"Da liegt laut Wegweiser die Wolfsschlucht."
Steed sieht auf. Die Pferde stehen etwas abseits, machen jedoch keine Anstalten wegzulaufen.
"Dann wollen wir mal wieder aufsitzen und vorsichtig zur Wolfsschlucht reiten."
Die sogenannte Wolfsschlucht ist einfach nur ein Bruch in der Landschaft. Steed und Emma reiten seitlich darauf zu. Alles scheint ruhig, nichts bewegt sich.
"Steed! Da unten, da ist etwas."
Sie zeigt mit ausgestrecktem Finger auf ein seltsamen Bündel, was in der Senke auf einem Felsen liegt. Steed ist schon vom Pferd geglitten und reicht ihr die Zügel.
"Halten Sie mal. Ich pirsche mich voran und sehe nach. Falls Sie jemanden sehen, geben Sie mir ein Zeichen."
"Ich kann einen ganz passablen Schrei eines Auerhahns", informiert sie ihn.
"Na, dann Waidmanns Heil."
Steed beginnt, behende über die schroffen und teilweise verschneiten, vereisten Felsen abwärts zu klettern. Mrs. Peel behält die Gegend im Augen, doch nichts rührt sich. Als Steed nach ungefähr zehn Minuten wieder bei ihr ist, weiß er zu berichten:
"Es ist Armstrong. Also Miller, wie er sich nannte. Mausetot, glatter Blattschuss."
Er nimmt ihr die Zügel aus der Hand, wirft sie seinem Pferd über den Hals und sitzt auf.
"Mir scheint, die Jagdsaison auf Agenten hat hier begonnen."
Beide wenden ihre Pferde.
"Es wird Zeit, ein Wort mit unserem Wirt zu wechseln."

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"Mr. Wise, hören Sie auf, hier den Unwissenden zu spielen. Ihr amerikanischer Gast liegt erschossen im Wald und gestern fiel ein russischer Agent aus dem Turmzimmer! Verdammt nochmal, machen Sie endlich den Mund auf!"
Es rumst als Steeds Faust auf die Eichenholztischplatte niedersaust. Montgomery Wise sitzt bleich in seinem Sessel dahinter. Steed steht ihm direkt gegenüber, beide Hände auf den Tisch gestützt.
"Ich schwöre Ihnen, Mr. Macanzie oder Steed, ich weiß nichts davon, dass jemand aus dem Fenster gefallen ist. Mr. Kardov ist abgereist..."
"Abgereist, ja, in die ewigen Jagdgründe. Ich stand direkt daneben. Wo ist die Leiche geblieben? Wer hat die weggeschafft?"
Schweiß bildet sich auf Mr. Wises Stirn. Er wirkt aufgelöst und ratlos. Seit Steed in sein Büro ohne Voranmeldung gestürmt ist, versteht er gar nichts mehr.
"Keine Ahnung", stammelt er, "woher... woher soll ich das wissen..."
"Wo ist Wolf van der Straam", fragt Steed nun leise und eindringlich.
Jetzt wird die Hautfarbe von Wise ausgesprochen ungesund.
"Woher wissen Sie..."
"Er ist hier im Hotel, doch man bekommt ihn nie zu sehen. Also wo ist er und was macht er den ganzen Tag? Sie wollen mir doch wohl nicht etwa einreden, dass er wandern geht. Nun?"
Steed verliert die Geduld. Mit einem Satz ist er um den Schreibtisch herum und hat den Manager am Kragen aus seinem Sessel hochgehoben, dass dem allmählich die Luft knapp wird.
"Er... er hat ein Zimmer hier, das ist wahr", krächzt Wise aus Steeds Klammergriff, "und ein Büro im Keller und..."
"... eine Satellitenstörstation? Haben Sie ihm die auch großzügigerweise eingerichtet?"
Er stößt Wise zurück in den Sessel, der ein bißchen zurückrollt. Wise holt pfeifend Luft.
"Was haben Sie eingentlich alle mit diesen Satelliten", schnauft er.
"Wieso alle?"
Wise versucht, seine Kleider zu ordnen.
"Ihr russischer Freund war deswegen gestern auch schon hier, ich habe kein Wort verstanden. Aber er war sehr insistierend", setzt er indigniert hinzu.
Steed kann sich ein grimmiges Lächeln nicht verkneifen. Er kann sich lebhaft vorstellen, dass der KGB sehr "insistierend" sein kann, vor allem wenn jemand sowjetische Satelliten abschießt.
"Zurück zu van der Straam", verlangt Steed und setzt sich vor Wise auf die Tischkante. "Ist der hier im Hause geheimer Dauergast?"
"Sozusagen", gesteht Wise, "meistens ist aber gar nicht da. Er hat aber ein Zimmer für alle Fälle. Er hat doch keine Staatsangehörigkeit und muss daher immer unterwegs sein. Aber wenn er hier in England ist, wohnt er hier. Wie gesagt, er hat auch ein Büro und darf die Konferenzräume benutzen. Er bringt uns eine Menge Geld, was glauben Sie, wie schwierig es ist, so ein Hotel im Nirgendwo gewinnbringend zu führen! Es ist vermutlich nicht legal, was wir machen aber wem schadet das denn?"
Steed ist allmählich davon überzeugt, dass Wise wirklich keine Ahnung hat, was im Hause vorgeht. Doch Unwissenheit schützt vor gar nichts und so antwortet er mit wohlberechneter Brutalität:
"Es schadet Ihrem Land, Mr. Wise. Und der Sowjetunion und den vereinigten Staaten, Deutschland vermutlich auch, Frankreich... mir fallen bestimmt noch ein paar Staaten ein. Wenn es nämlich dank van der Straat zu einem dritten Weltkrieg, zu einem Atomkrieg kommt, dann werden Sie merken, wem das schadet."
"Wieso... wieso Atomkrieg", haucht Wise nun grau im Gesicht.
"Weil Ihr Gast Satelliten von britischem Boden aus beeinflusst und stört, so dass sie miteinander kollidieren. Sehen Sie keine Nachrichten? Van der Straam ist Waffenhändler, und die Gentlemen mit denen er sich gestern vormittag getroffen hat, sind es auch. Wenn also jemand am Krieg gewinnt, dann diese Leute. Was..."
Ein Geräusch an der Tür lässt Steed innehalten und herumfahren. Er legt den Zeigefinger an die Lippen und bedeutet Wise, still zu sein. Mit ein paar langen Schritten ist er an der Tür und reißt sie auf. Herein gestolpert kommt der bucklige Hausdiener in seinem Rumpelstilzchenkostüm.
"Na, wen haben wir denn hier?"
Entschlossen packt Steed den Lauscher am Kragen und schleift ihn hinüber zum Schreibtisch. Rumpelstilzchen wehrt sich wütend, ganz wie sein literarisches Vorbild, dennoch kann er es nicht verhindern, dass Steed ihm den Arm auf den Rücken dreht und ihm mit der anderen Hand den Kopf auf die Tischplatte drückt, so dass ein paar Sachen herunter fallen.
Mr. Wise fährt aus seinem Sessel entsetzt auf.
"Also raus mit der Sprache, mein Freund", presst Steed zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, denn Rumpelstilzchen tritt und windet sich, was das Zeug hält.
"Warst du das da draußen mit dem Gewehr bei der Wolfsschlucht? Ich habe eine gebückte Gestalt gesehen, könnte aber auch eine bucklige gewesen sein. Na los, rede schon!"
Steed verstärkt den Druck auf den verdrehten Arm und der Bucklige schreit auf. Mr. Wise scheint einer Ohnmacht nahe. Der Widerstand lässt allmählich nach und der Bucklige keucht mit dem Gesicht im Stempelkissen.
"Okay, gut, ich gebe es zu, ich war es."
Steed lässt los und der Bucklige richtet sich ein wenig auf.
"Stevens, wieso hast du auf den Amerikaner geschossen", fragt sein Arbeitgeber entsetzt.
"Musste es tun", grummelt dieser, "hat zuviel rumgeschnüffelt sagte..."
Der Rest des Satzes geht in einem Röcheln unter, der Bucklige geht in die Knie. Blut strömt aus seiner Kehle. Ein hölzerner Pfeil hat sich quer durch seinen Hals gebohrt. Stevens bricht tot auf dem Teppich zusammen. Wise ist sogar zu entsetzt, um zu schreien. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er auf den Leichnam.
Steed hingegen ist zur Tür gehechtet und schaut aus der Deckung des Türsturzes um die Ecke, doch nichts und niemand ist zu sehen. Er geht ein Stück den Flur runter, die Rezeption ist leer, aus der Bar dringen gedämpfte Stimmen, dort sind Gäste. Steed öffnet kurz die Tür und schaut in die Runde. Der Barmann steht hinter dem Tresen und poliert Gläser. Steed kehrt zurück in das Büro des Managers.
"Nichts zu sehen", berichtet er. "Das war ein Meisterschuss."
"Großer Gott", bringt Mr. Wise heraus.
"Sie lassen ihn am besten diskret wegräumen", Steed nickt zu dem Toten auf dem Teppich. "Und dann kümmern wir uns um van der Straam."
"Er wird nicht da sein, das ist er nie um diese Uhrzeit. - Mr. Steed, bitte, lassen Sie mich das machen", Wise hebt beschwörend die Hände. "Wir... wir treffen uns nachher, sagen wir um elf hier in meinem Büro, einverstanden? Wir haben heute abend noch die Weihnachtsparty hier im Hause."
"Nimmt van der Straam daran auch teil?"
"Er nimmt nie an irgendetwas teil", informiert ihn der Manager. "Er hat Angst, dass man ein Attentat auf ihn verüben könnte, sagt er. Darum speist er auch immer in seinem Zimmer, wenn er da ist."
Steed runzelt die Stirn.
"Sie sagen, er kommt und geht. Aber man sieht ihn niemals. Verraten Sie mir doch mal, wie es ein so massiger Mensch fertig bringt, sich ständig unsichtbar zu machen!"
Der Manager windet sich ein bißchen.
"Zu unseren Leistungen gehört auch, dass wir ihm die Möglichkeit bieten, ungesehen zu kommen und gehen. Es gibt einen separaten Ausgang."
Steed nickt. So etwas hat er sich schon gedacht. Er schaut zu Wise auf.
"Um Punkt elf Uhr, hier."

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"Na, Steed, was sagen Sie?"
Mrs. Peel steht in der Mitte des Zimmers und zeigt lächelnd um sich. Das ganze Zimmer ist über und über mit Rosen dekoriert: Rosenmuster auf den Vorhängen, der Tagesdecke, den Sesseln, aber ansonsten hat es alles, was es haben soll: es gibt einen kleinen Kamin, sogar eine Minibar und ein großes Bett mit altmodischem Baldachin auf vier gedechselten Säulen.
Steed nickt anerkennend. Dann prüft er kurz, ob auch alle seine Sachen mitgekommen sind und hält inne vor zwei großen, flachen Kartons auf dem Bett.
"Was ist das?"
"Offenbar unsere Kostüme für die abendliche Weihnachtsparty."
"Etwa passend zum Zimmer", fragt Steed und öffnet die erste der beiden Schachteln.
Mrs. Peel lacht auf.
"Keine Angst, sie müssen nicht als Dornröschen erscheinen."
"Da bin ich aber froh."
Er lässt sich in einen der Sessel fallen und nimmt von ihr dankbar einen Drink entgegen.
"Wie war Ihr Gespräch mit Wise", erkundigt sie sich.
Steed schildert ihr, was vorgefallen ist.
"Haben Sie Wise so davon kommen lassen?"
Steed macht eine unbestimmt Handbewegung und trinkt noch einen Schluck.
"Was sollte ich tun? Van der Straam ist nicht in seinem Zimmer, ich habe es noch selbst überprüft. Er kann überall sein."
"Im Wellnessbereich vielleicht?"
"Eher unwahrscheinlich", winkt Steed ab, "er verträgt keine Wärme, wie ich Ihnen erzählte und hat zudem eine paranoide Angst vor anderen Menschen und deren Absichten. Ebenso wenig wird er in der Bar oder heute abend auf der Party anzutreffen sein."
"Dann wäre die finnische Sauna da draußen ja ideal für ihn", wirft Mrs. Peel ein und zeigt aus dem Fenster. Steed beeilt sich, zu ihr zu kommen. Sie deutet auf ein kleines würfelförmiges Gebäude nahe beim Haus.
"Ich habe das Zimmermädchen gefragt, das unsere Sachen hinüber getragen hat. Diese Sauna ist ganz selten in Betrieb. Und Sie sehen es auch heute: kein Dampf, kein Rauch."
"Hm, das werde ich mir noch ansehen, falls Wise mir um elf keine Antworten bieten kann. - Ich glaube nicht, dass das die Störstation ist, wenn es doch ab und zu in Betrieb ist, aber es könnte natürlich einen Zugang haben. Ich kann mir sogar vorstellen, dass das der separate Ausgang ist, von dem Wise sprach. Würde erklären, warum sie die Sauna zur Zeit nicht beheitzen."
Steed schaut auf seine Uhr.
"Und jetzt sollten wir machen, dass wir in unsere Kostüme kommen, meine Liebe. Sie wollen doch das rauschende Fest nicht verpassen."

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Paare drehen sich auf der Tanzfläche zu den jazzigen Klängen einer Band. Das Licht ist gedämpft, es gibt ein kaltes Buffet, Champagner und jede Menge Coctails, gemixt vom Jägersmann, der hier im Restaurant, welches man für diese Festivität umgeräumt hat, hinter einer improvisierten Bar steht. Selbst Gretel hat sich dem Anlass entsprechend in Schale geworfen und gibt nun in einem langen gestreiften Kleid die schöne Müllerstochter. Wise selbst huscht hin und her und wirft ab und zu Steed verstohlene Blicke zu.
Dieser tanzt mit Mrs. Peel, er in einem rot-goldenen Wams, einer Pluderhose und einem keck sitzenden Pelzhut mit roter Feder, sie in einem türkis-silbernen Kleid mit Spitzhut und Schleier.
"An Ihren neuen Bart muss ich mich erst gewöhnen", bemerkt sie gerade zu ihm und weicht seinem neuen, falschen Gesichtsschmuck aus.
"Nehmen Sie es sportlich, meine Teure", antwortet Steed, "der echte König Drosselbart hatte eigentlich keinen auffälligen Bart sondern eine ungeheure Nase, wenn ich mich recht erinnere."
Sie lacht.
"Und Sie sind also die gute Fee? Dann sagen Sie mir doch mal, was Sie sehen."
Mrs. Peel lässt ihren Blick unauffällig über Steeds Schulter schweifen.
"Ich sehe Mr. Gonzales mit jemandem tanzen, der eine ungeheure Perrücke auf dem Kopf trägt. Die anderen Leute kenne ich nicht. Der Barmann steht hinter der Bar und..."
"...hat uns alle im Blick, ich weiß. Das scheint überhaupt seine Hauptaufgabe zu sein."
"Mr. Wise ist die ganze Zeit wie ein Irrlicht herum gegeistert, jetzt habe ich ihn allerdings schon seit einigen Minuten nicht mehr gesehen."
"Nicht besonders gesellig für einen Gastwirt, nicht wahr?"
Mrs. Peel beobachtet weiter.
"Aber die Rezeptionistin macht die Honneurs."
"Sie ist seine Frau, ich habe ihr Namensschild gelesen - Dolores Wise. Ich finde sie sehr interessant."
"Ach ja?"
"Oh ja, ich glaube, sie mimt nur die naive Blondine, aber ihre Augen sind dabei die ganze Zeit über eiskalt und berechnend. Glauben Sie mir, meine Liebe, in meinem vertanen Leben habe ich gelernt, eine echte Naive von einer Schauspielerin zu unterscheiden. Und außerdem..."
Die Kapelle schwenkt über in eine Rumba und Steed und Emma folgen.
"...wenn Wise tatsächlich weder etwas von den Aktivitäten seines niederländischen Gasts ahnte noch an den Morden an Kardov und Armstrong beteiligt war..."
"Vergessen Sie Agent Mantisse im Britischen Museum nicht", wirft Mrs. Peel ein und macht eine Drehung vor Steed.
"Genau, Mantisse. Und nicht zu vergessen der Bucklige... und das war Wise auf keinen Fall. Also, wenn er da nicht mitdrinhängt, dann aber doch zumindest seine Frau. Sie können mir nicht erzählen, dass van der Straam hier irgendwo eine komplette Station eingerichtet hat und keiner der Eigentümer etwas davon weiß."
Die beiden tanzen eine vorbildliche Prommenade.
"Sie meinen, Wise ist der Strohmann in der Geschichte?"
Beide machen eine Drehung und gehen wieder in die Tanzhaltung.
"Er eignet sich vorzüglich für diese Rolle: Strohmann und im Ernstfall Sündenbock, vor allem, solange er keine Ahnung hat, was wirklich gespielt wird."
Mrs. Peel geht an Steeds linker Hand in der Fan, kommt zurück und tanzt einen Spotturn.
"Wenn ich gleich zu meinem Rendez-vous mit Wise verschwinde, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie hier die Augen offen halten würden."
Kurz darauf verlassen die beiden die Tanzfläche, holen sich je ein Getränk beim Jägersmann an der Bar und vertreten sich dann ein wenig die Beine. Steed schlüpft unbemerkt aus dem Raum, Mrs. Peel kehr allein an ihren Tisch zurück.
Wie eine Katze huscht er ungesehen über den Flur und biegt dann zum Büro des Managers ab. Er klopft kurz an und tritt ein. Wise sitzt am Schreibtisch, die Schreibtischlampe brennt. Steed hat schon eine Bemerkung auf den Lippen, als ihm die seltsame Haltung des Mannes auffällt. Er tritt näher. Wises Augen stehen offen, der Blick ist starr, der Unterkiefer herunter geklappt, die Arme hängen schlaff herab.
Steed ist um den Stuhl herumgegangen, legt dem Mann den Finger an die Halsschlagader. Dann schaut er sich um. Auf dem Schreibtisch steht ein Glas mit Tee. Steed riecht daran und verzieht das Gesicht. Da ertönen Schritte auf dem Flur. Er huscht zur Wand und drückt sich in den Schatten, doch die Schritte gehen vorbei. Steed nutzt die Gelegenheit, das Büro ungesehen zu verlassen und den Partyraum wieder zu betreten, wobei er sich alle Mühe gibt, wie jemand zu wirken, der nur eben mal die Hände waschen war.
Mrs. Peel zieht fragend eine Augenbrauen hoch als sie Ihren Tanzpartner erblickt. Er setzt sich zu ihr.
"Wise ist tot", flüstert er, " Vergiftet. Zyankali, wenn ich raten müsste."
"Und was tun wir nun?"
Steed zuckt mit den Schultern.
"Zwei heiße Schokoladen bestellen und dann ziehen wir uns zurück, bevor wir auch zur Zielscheibe werden."

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"Du kannst froh sein, dass ich dir das abgenommen habe und das weißt du auch. Wie lange wolltest du die Sache noch so laufen lassen? Montgomery war ein Risiko, jeden Tag. Und heute wurde er von diesem Kerl mit der Nase drauf gestoßen. Was hätte ich denn tun sollen?"
Die Party ist vorbei, die Band hat eingepackt und die meisten Gäste sind auf ihren Zimmern. Im Büro des toten Managers, dessen Leichnam nicht länger das Ambiente verunstaltet, stehen sich seine frischgebackene Witwe und der Jägersmann aus der Bar gegenüber. Letzterer ist ein wenig aufgebracht. Mrs. Wise hat nichts mehr von der charmant-naiven Gretel an sich. Sie hat die Hände in die Seiten gestemmt und funkelt den Jäger böse an.
"Du hättest ihn nicht unbedingt heute erledigen müssen. Langsam wissen wir vor Toten nicht mehr wohin."
"Ach, und was war mit dieser Verabredung, die er mit dem Typen hatte, das ist wohl uninteressant. Ich denke, die heutige Nacht ist so wichtig. Wie macht sich denn da ein herumschnüffelnder britischer Agent auf der Szene, hm?"
"Er wird nicht mehr lange auf der Szene sein. Er und seine Liebste haben das Dornröschenzimmer bekommen und du weißt, was das bedeutet. - Aber Montgomerys Verschwinden wird auch hier im Haus auffallen. Was soll ich denn den Zimmermädchen erzählen? Dass er mich verlassen hat?"
Der Jägersmann grinst schief.
"Warum denn nicht? Käme doch gar nicht so ungelegen."
Dann umwölkt sich seine Stirn von neuem.
"Weil wir gerade davon sprechen... du und der Holländer, ihr plant doch da kein krummes Ding, oder?"
"Wovon redest du denn jetzt schon wieder? Bist du jetzt völlig übergeschnappt?"
Mit einer verblüffend schnellen Handbewegung packt der Jägersmann die Gretel bei den langen Haaren, dass sie vor Überraschung aufquiekt.
"Ich bin nicht bescheuert, hörst du", zischt er ihr zu, während er ihren Kopf zu sich heranzieht. "Ich bin nicht dein harmloser Montgomery. Wenn ich merke, dass du etwas mit diesem... diesem menschlichen Wasserbett hast, dann gnade dir Gott, verstanden?"
Er lässt sie wieder ruckartig los und sie taumelt ein wenig zurück. Zornesröte steigt ihr ins Gesicht.
"Pass du lieber auf, dass du die Sache mit diesem Agenten nicht vergeigst, dann ist schon alles ganz prima. Der darf nämlich nicht einmal in die Nähe der Station kommen und nach Möglichkeit auch nicht den morgigen Tag erleben. Wieviele von denen werden wohl noch kommen, obwohl...", sie lächelt ein kaltes schiefes Lächeln, "ab morgen dürften die großen Nationen Anderes zu tun haben."
Auch er lächelt. Er kann die Verachtung in ihrem Blick nicht erkennen, dazu ist er zu dumm, zu gierig und zu kurzsichtig. Er glaubt allen Ernstes in seinem kleinkarierten Verstand, dass sie mit ihm anstelle von Montgomery Wise dieses alberne Märchenhotel weiterführen wierd. Er sieht sich als respektabler Hotelier und hat dabei völlig übersehen, dass es wohl kaum jemand geben wird, der hier noch Urlaub machen wird, wenn die Welt erst im dritten Weltkrieg versinkt. Ja, er ahnt nicht einmal, dass dieses Hotel selbst nicht mehr lange bestehen wird, sobald Wolf van der Straam die Räumlichkeiten und vor allem die Funkstation nicht mehr benötigt.
Mrs. Wise wird dann unter einem anderen Namen mit ihrem steinreichen Geliebten an einem sicheren Ort ein wunderbares Leben führen. So denkt sich das zumindest Mrs. Wise.
Ob allerdings ein mit allen Wassern gewaschener und vollkommen gewissenloser Mann wie Wolf van der Straam tatsächlich eine für ihn gefährliche Zeugin am Leben lassen wird, ist ungewiss...

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Zur gleichen Zeit haben Steed und Emma im Dornröschenzimmer ihre heißen Schokoladen ausgetrunken und sie ist im Bad verschwunden. Steed nutzt die Zeit und schürt das Feuer im Kamin, sorgt für gute Luft im Raum und wirft sich selbst im Vorbeigehen einen kritischen Blick im Spiegel zu.
Er ist In der Tat nicht mehr der Allerjüngste, doch alles in allem eine passable sportliche Erscheinung, selbst im Seidenpyjama.
Die Rosenbettwäsche ist natürlich eine Zumutung, doch glücklicherweise ist es halbdunkel im Zimmer. Zwei Gläser und etwas Trinkbares auf dem Nachttisch platziert, und Steed schlüpft unter die Decke. Da geht auch schon die Badezimmertür auf, und Mrs. Peel erscheint.
Steeds Herz macht einen Satz: sie sieht atemberaubend aus - und beweist einmal mehr absolute Stilsicherheit in jeder Situation. Ihr langes schwarzes Seidennachthemd mit dezentem Spitzeneinsatz am Dekolleté und den hauchdünnen Trägern weht leicht bei jedem Schritt der Trägerin, und ihr kastanienbraunes Haar glänzt im Feuerschein.
Mrs. Peel lächelt ein wenig selbstironisch. Sie weiß ganz genau, dass sie diese Situation mit herauf beschworen hat, als sie Gretel gegenüber die Fassung verlor. Doch sie wäre nicht sie, wenn sie etwas bereuen würde. Und sie kennt Steed nun wirklich sehr lange - und besser, als sie ihrem Mann gegenüber je zugegeben hat.
Steed schlägt die Decke zurück, wobei auch seine Mundwinkel ein ganz feines ironisches Lächeln umspielt, und sie steigt zu ihm auf eine fast halbrund gestopfte Matratze.
"Kalte Füße, meine Teure?"
"Und wie! Der Boden ist wie Eis, trotz der Dielen. Darunter ist garantiert Beton."
Er reicht ihr ein gefülltes Glas.
"Cheers."
Sie stoßen an, sehen sich an, trinken einen Schluck. Dann noch einen. Dann nimmt er ihr das Glas wieder ab, und sie rutscht etwas tiefer in die Kissen und in seinen Arm, den er um sie gelegt hat. Zuvorkommend wärmt er ihre Füße ohne mit der Wimper zu zucken. So eine Agentenausbildung hat eben auch ihr Gutes. Das Feuer knistert im Kamin, Emma entspannt sich, Steed Schatten fällt auf sie. Ein wenig später schweift ihr vertäumter Blick nach oben zum Baldachin - und lässt sie stutzen.
"John."
"Hm?"
"Da oben."
Er dreht den Kopf und folgt mit den Augen ihrem Zeigefinger.
"Ist es normal, dass die Erde vorher bebt?"
Tatsächlich, die Volants des Baldachins zittern leicht und ein ganz leises Knirschen ist zu hören. Im nächsten Moment hat Steed Emma auch schon schwungvoll aus dem Bett gestoßen und er selbst ist zur anderen Seite weggehechtet. Keine Sekunde zu früh, denn schon kommt mit tödlicher Lautlosigkeit der gesamte Baldachin herunter und zerschlägt mit einem einzigen lauten Krachen das ganze Bett. Eine Wolke von Staub, Splittern und Federn erhebt sich und Steed muss husten.
"Steed, alles in Ordnung?"
Mrs. Peel ist aufgesprungen und saust um die Bescherung herum. Auch Steed erhebt sich.
"Mir geht es gut, danke."
Er schaut nach oben. Die Bettpfosten stehen noch, wenn auch schräg. In der Decke sind leere Schraubenlöcher zu erkennen.
"Hm, das erinnert mich an mein Bett auf Schloss De`ath aber diese Variante ist noch tödlicher."
Er klopft auf den am Boden liegenden Baldachin.
"Beton mit Stoff verkleidet", erklärt er. "Die Betonplatte hängt in der Decke, die Pfosten sind nur Staffage. Bei Bedarf wird dann die Verschraubung vermutlich im Fußboden im Zimmer darüber gelöst und - rums - die Gäste sind geplättet."
"Entsetzlich", murmelt Emma. Sie hat die Arme um sich geschlungen. Da ertönen Schritte auf dem Korridor. Flugs hat Steed seinen Revolver aus dem Nachtkasten genommen und drängt sich mit Emma hinter einen Vorhang in Deckung.
Die Tür öffnet sich und herein kommt auf leisen Sohlen der Barmann, nun ohne Verkleidung. Ohne sichtliche Überraschung tritt er zu den Überresten des Bettes und schaut darauf hinab.
"Wirklich eine ganz reizende Weihnachtsüberraschung."
Steed ist hinter ihn getreten und drückt ihm die Mündung der Waffe in den Rücken. Der Barmann zuckt zusammen und hebt die Hände in die Höhe.
"Die Runde ging ja wohl an uns", stellt Steed grimmig lächelnd fest und verlangt, "und jetzt, mein Freund, bringen Sie mich mal ganz schnell zu Ihrem Boss."
"Zu wem?" Der Barmann stellt sich dumm, doch Steed ist noch ein wenig verstimmt ob des gestörten Schäferstündchens und rammt ihm die Waffe recht unsanft in die Rippen.
"Zu Mr. van der Straam, mein Bester. Auf geht´s."
Im Hinausgehen wirft sich Steed noch seinen Morgenrock über und setzt sich groteskerweise seine Melone auf, und den Barmann vor sich hertreibend, verlässt er das Zimmer.

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In Mr. van der Straams Zimmer herrscht die übliche Eiseskälte als Steed und der Barmann eintreten. Der Bewohner selbst ruht vollständig angezogen auf einer Art Chaiselong und erfrischt sich mit Weintrauben. Als er seine ungebetenen Gäste bemerkt, schaut er überrascht und verärgert auf.
"Was soll das?"
"Mr. van der Straam, erfreut Ihre Bekanntschaft zu machen", Steed stößt den Barmann grob von sich, der daraufhin durch das Zimmer stolpert.
"Sie sind eine schwer zu fassende Persönlichkeit, Mr. van der Straam. Und ich fürchte, Ihre Aktivitäten stoßen nicht überall auf Gegenliebe."
Steed hat jetzt den Revolver auf den Holländer gerichtet, lässt aber den Barmann nicht aus den Augen. Die Zimmertür hat er hinter sich zugeworfen.
"Was wollen Sie", der Niederländer spricht leicht akzentuiert.
Steed tritt einen Schritt näher auf ihn zu.
"Ich will Ihre Satellitenstörstation besichtigen, Mr. van der Straam, von der aus Sie die künstlichen Erdtrabanten verschiedener Nationen beeinflussen in der Hoffnung auf einen neuen Krieg. Und jetzt erheben Sie sich freundlicherweise."
Van der Straam setzt sich stöhnen auf. In diesem Moment schleicht ein Schatten von hinten heran und zieht Steed eins mit einer Alabasterfigur über. Dieser fällt leblos zu Boden.
"Gut gemacht, Dolly", lobt van der Straam. Er steht auf und geht zum dem am Boden liegenden Steed hin, tritt ihn kräftig in den Bauch und lacht.
"Der ist hin." Dann wendet er sich dem Barmann zu.
"Was war mit dem Bett?"
"Hat nicht funktioniert", berichtet dieser widerwillig. "Die beiden waren nicht drin."
"Heißt das, die Frau lebt auch noch?"
Van der Straam sieht ungehalten aus. Dann winkt er Mrs. Wise zu sich.
"Du erledigst die Frau. Aber diesesmal gründlich. Nimm seine Waffe. Und wir", er sieht den Barmann scharf an, "bringen den hier erstmal in die Station. Ich will ihn nicht hier rumliegen haben. Wir schaffen ihn nachher fort, nachdem wir das Wichtigste erledigt haben."
Die Frau bückt sich nach der Waffe und lässt sie in die Tasche ihres Bademantels gleiten. Van der Straam bedeutet ihr mit einer Kopfbewegung, sich auf den Weg zu machen.
"Und komm gleich zu uns, wenn du fertig bist."

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In der Zwischenzeit hat sich Mrs. Peel umgezogen und trägt nun einen chicen Einteiler mit Leopardenmuster, den ihre Schwiegertochter niemals zu Gesicht bekommen wird. Sie kontrolliert gerade ihr Äußeres im Spiegel, als sie abermals Schritte auf dem Gang hört. Sie lauscht, doch es sind eindeutig die Schritte einer Frau in klappernden Hauspantöffelchen. Mrs. Peel huscht hinter der Tür in Deckung, da öffnet sich diese auch schon und ein Frauenarm mit einer Waffe in der Hand wird sichtbar.
Mit aller Kraft schlägt Mrs. Peel auf den Arm. Ein Schuss löst sich und die Waffe fällt zu Boden. Die Frau fährt herum und steht nun im Zimmer. Mrs. Peel gibt der Tür einen Stoß, so dass sie ins Schloss fällt und macht sich zum Angriff bereit. Dolores Wise, der Schusswaffe beraubt, sieht sich hektisch nach einem Ersatz um, da wird sie auch schon zurück gestoßen. Sie stößt schmerzhaft mit dem Rücken gegen eine Kommode, doch schon greift sie an und versucht, Mrs. Peel in die Haare zu greifen. Diese fässt ihr Handgelend, dreht es und zwingt ihre Gegnerin in eine Art Rolle rückwärts. Mrs. Wise schlägt schwer auf dem Boden auf und tritt nun ihrerseits Mrs. Peel in die Beine. Auch Mrs. Peel geht zu Boden und kurz darauf rollen beide Frauen mit einander ringend über die Dielen. Dann gelingt es Mrs. Peel eine Hand frei zu bekommen, sie greift ihre Gegnerin in die Haare und schlägt deren Kopf auf den Boden. Mrs. Wise verliert das Bewußtsein.
Emma rappelt sich auf, sucht Steeds Waffe und steckt sie in die Tasche ihres Overalls. Dann verlässt sie das Zimmer. Auf dem Flur ist alles ruhig, doch irgendwo meint sie, das Geräusch eines Fahrstuhls zu vernehmen, der in die Tiefe fährt. Sie läuft die Treppe hinab, ohne jemandem zu begegnen. Auch im Erdgeschoss hat der Fahrstuhl nicht angehalten, doch jetzt ist das Geräusch verstummt. Mrs. Peel zieht daraus ihre eigenen Schlussfolgerungen und verlässt das Hotel durch die Hintertür.
Lautlos pirscht sie über den finsteren Hof, an den Ställen vorbei in Richtung der stillgelegten finnischen Sauna. Bezeichnenderweise ist diese unverschlossen. Emma schlüpft hinein. Drinnen holt sie eine kleine aber durchaus starke Taschenlampe hervor und leuchtet damit um sich. Alles sieht auf den ersten Blick wie eine normale leere Sauna aus, doch dann iste ein Geräusch zu hören. Es kommt aus der Tiefe, aus dem Boden und klingt wie gedämpftes Gemurmel. Mrs. Peel kniet sich hin und leuchtet den Boden ab, tastet herum, bis ihre Finger auf einen im Holz verborgenen metallenen Gegenstand treffen: ein Griff. Sie zieht kräftig daran und hebt eine Falltür an. Eine Leiter führt hinab in einen beleuchteten Gang, und jetzt kann sie das Geräusch von Stimmen und Schritten auch deutlicher hören.
Kurz darauf steht Mrs. Peel in dem unterirdischen Gang und kann in der Ferne zwei Gestalten ausmachen, die etwas zwischen sich tragen, das an eine Guy-Fawkes-Puppe erinnert. Lautlos schleicht sie hinterher.

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In der Satellitenstörstation angekommen, lassen die beiden Männer ihre Last achtlos auf den Boden fallen. Der dicke Holländer schnauft wie eine Dampflock, körperliche Betätigung ist nicht sein Fachgebiet. Er wischt sich mit einem Tuch den Schweiß vom Gesicht und wuchtet sich in einen Sessel an einem bestimmten Schaltpult.
"Setz dich da drüben hin", fordert er seinen Komplicen auf, "wir müssen uns ein bißchen beeilen, die Satelliten erreichen jeden Moment die kritische Position."
Der Barmann tut wie ihm geheißen, doch kaum hat er seinen Platz eingenommen, gleitet die Tür zur Seite und eine Frauenstimme befiehlt:
"Finger von den Tastaturen, meine Herren."
Beide Männer fahren herum und sehen Mrs. Peel in der Tür stehen. Der Barmann stürzt sich ohne Rücksicht auf Verluste sogleich auf sie. Die beiden ringen verbissen miteinander, ein Schuss löst sich aus der Waffe und saust als Querschläger durch den Raum.
"Passt auf ihr Idioten", ruft der Holländer wütend, als die Kugel einen Monitor durchschlägt.
Mrs. Peel muss den Revolver fallen lassen, doch als sich der Barmann danach bücken will, bekommt er ihren Fuß gegen die Brust und stolpert hustend zurück. Die Pistole rutscht noch weiter über den Betonboden, und nun wirft sich Mrs. Peel mit dem Mut der Verzweiflung auf den Barmann. Gemeinsam prallen sie gegen ein Schaltpult und drücken dabei wahllos auf irgendwelche Knöpfe und Schalter. Der Holländer flucht lästerlich.
Währenddessen kommt Bewegung in die am Boden liegende Leiche. Steed greift nach der Waffe und richtet sich auf. Genau in diesem Moment bekommt der Barmann Mrs. Peels Handkante zu spüren und sinkt bewußtlos zusammen.
"So, mein Freund, die Party ist vorbei", Steed hält dem Holländer die Waffe an den Hals.
Dieser nimmt langsam die Hände von der Computertastatur.
"Steed", strahlt Mrs. Peel ihn an. "Wo ist denn Ihre Melone geblieben?"
"Im Zimmer dieses Herren", gibt Steed zurück, "sie hat den Schlag abgefangen, mit dem Gretel mich ins Jenseits befördern wollte. Ich hatte gleich so ein seltsames Gefühl, nachdem uns fast der Baldachin auf den Kopf gefallen wäre..."
"Checken wir aus?" Mrs. Peel streicht sich das Haar zurück.
"Aber unbedingt", nickt Steed ernst, "gleich nachdem ich unsere Freunde gegen Quittung abgeliefert habe."

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Ein festlich geschmückter Weihnachtsbaum erstrahlt in hellem Licht. Das Kaminfeuer brennt. Links und Rechts vom Kaminsims hängt je eine rot-weiß-geringelte Wollsocke, die mit Süßigkeiten gefüllt ist. Direkt vor dem Kamin auf dem Teppich und auf diversen Kissen hingestreckt liegt Mrs. Peel, hat die Augen geschlossen und gibt seltsame Laute von sich, die man als eine Mischung zwischen Stöhnen und Knurren beschreiben könnte. Steed sitzt vor ihr und hält einen ihrer Füße in der Hand und massiert diesen hingebungsvoll.
"Da ist aber jemand verspannt", bemerkt er und drückt den Daumen in ihr Fußgewölbe, woraufhin sie einen Ton wie "aruuh" ausstößt.
Die beiden befinden sich in ihrem eigenen weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer.
"Das ist ja auch kein Wunder", gibt sie zurück, "Weihnachten ist eben immer furchtbar stressig. Die Verwandten..."
"...die lieben Freunde, die man eigentlich gar nicht mehr sehen wollte..."
"...der viele Punsch..."
"...vor allem Ihrer", ergänzt er schmunzelnd. "Wo haben Sie eigentlich das Rezept her. - Anderer Fuß, bitte."
Sie wechselt die Füße.
"Von meiner Großtante Agatha."
"Wusste gar nicht, dass Sie eine haben."
"Hatte", verbessert sie, "sie starb mit 92 nach einem Zechgelage. Aber zuvor trank sie noch meinen Onkel unter den Tisch."
Steed lacht leise auf.
"Bewundernswerte alte Dame."
Er massiert eine Weile weiter, Emma genießt. Dann fragt sie:
"Steed?"
"Ja, meine Teure."
"Wir haben überhaupt nichts zu Essen im Haus, fällt mir gerde ein. Und es ist Feiertag. Und morgen auch. Wir werden verhungern."
"Und in Jahren und Jahren wird man unsere zusammengefallenen Skelette vor dem Kamin finden - und alle werden die falschen Schlüsse daraus ziehen. - Tja, Sir Julian, der das dankbare Vaterland repräsentiert, hat uns zum Weihnachtsessen der Führungskräfte des Ministeriums eingeladen."
"Wie großzügig von ihm."
"Nicht wahr... und wer alles dort sein wird..."
"In schwarzen Anzügen und Coctailkleidern..."
"Es wird eine überaus festliche Atmosphäre sein."
"Mit elend langen Reden."
"Und einem chronisch trockenen Truthahn. - Wir könnten natürlich auch einfach in dieses neue kleine Bistro gehen und den Kellner für einen guten Tisch mit einer Fünf-Pfund-Note bestechen."
Ein verständnisinniges Lächeln breitet sich auf Mrs. Peels Gesicht aus.
"Ich glaube, ich habe zufällig eine Fünf-Pfund-Note im Portemonaie."
"Und ich", erklärt Steed augenzwinkernd, "die Telefonnummer des Bistros."

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Zur Erklärung:
In diese Episode wird zu Anfang auf die Episode "Stadt ohne Rückkehr" bezug genommen, in der Steed und Emma tatsächlich einmal mit dem Zug zum Einsatzort fahren und in dem Steed seiner Partnerin während dieser Fahrt einen kompletten englischen Tee aus der Reisetasche kredenzt. Später wird noch auf "Das schottische Schloss" angespielt, in welchem auch ein Betthimmel als Mordinstrument zum Einsatz kommt. Dass Mrs. Peel Steed einmal eine fotografierende Krawattennadel geschenkt hat, kommt in "2:1=2" ans Tageslicht.
Eigentlich müsste sich vom zeitlichen Ablauf hier diese Episode vor der dritten befinden, doch die Inspiration wollte es anders.
Da man zu Weihnachten einmal Mensch sein darf, dürfen in dieser Episode Steed und Emma auch einmal ein paar Gefühle zeigen, ob nun für einander oder allgemeiner Natur. Also darf Emma einen sitzen haben und Steed auch mal ein ganz klein wenig aus sich heraus gehen - bevor der Betthimmel das gleiche tut.
Außerdem wollte ich mit der Nebenhandlung dieser Episode ein kleines Statement setzen, nämlich dass Abenteuer, Spaß, Liebe oder Romantik Menschen jeden Alters widerfahren können. Selbst Schönheit ist absolut relativ und liegt immer im Auge des Betrachters.
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