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Das Leiden einer Königin

von Itsuka
KurzgeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P12
31.03.2014
31.03.2014
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Wie immer geht ein großes Dankeschön an die allerliebste MsVanue fürs schnelle und gründliche Korrigieren.


Puzzlegeschichten #15

Schreibe einen One-Shot zu diesem Bild.


Das Leiden einer Königin


»Komm mit mir.«

Ich schließe die Augen und lehne mich an die weiße, harte Wand des Pavillons. Diese drei kleinen Wörter, so unrealistisch ihre Umsetzung auch sein mag, jagen wohlige Schauer über meinen Rücken. Ich wünschte nur, ich könnte sie wahr machen. Ich wünschte, ich könnte aufstehen, nach seiner Hand greifen und mit diesem Mann zusammen meiner Aufgabe und gleichzeitig meinem Leid den Rücken zuwenden. Aber das kann ich nicht, so sehr ich es auch will. Ich sehne mich danach. Ich leide.

Als ich meine Augen langsam wieder öffne, ist er weg und mit ihm auch all meine Träume und Hoffnungen. Meine Lippen verziehen sich zu einem kleinen, traurigen Lächeln, als die altbekannte Einsamkeit, mit der ich mein Leben verbringe, wieder Besitz von mir ergreift und mich frösteln lässt. Mein allgegenwärtiges Leid frisst sich wieder in mich ein, als hätte es die wenigen Momente mit dem Elfenmann Damian nie gegeben. Ich versuche, die Tränen wegzuwischen, aber es hört nie auf. Zu sehr bin ich gefangen in dieser Welt, zu viel ist es, was mein Leben zu einer Qual macht. Ich habe es nicht verdient. Ich nicht und auch kein anderer; aber einen Ausweg gibt es für mich nicht. Ich leide.

Das Summen meiner Welt und die Gedanken all seiner Bewohner werden bald wieder zu einem montonen Nebengeräusch. Barfuß, wie ich es immer bin, schlendere ich durch den Park, der sich mein Zuhause nennt, bis ich an seinem hinteren Ende angekommen bin und ihn durch ein kleines Tor verlasse. Schon immer habe ich diesen Weg genommen, um einen Spaziergang durch die Weiten meiner Heimat machen zu können. Vorne sind die Wächter und ist die Stadt und sind all diese Elfen, die mich anlächeln, als wäre ihre Welt wunderschön. Das halte ich nicht aus, gerade jetzt nicht. Deshalb meide ich die Stadt und wandere stattdessen langsam einen kleinen, mit Gras bewachsenen Hügel hinauf. Ich spüre das harte Gras unter meinen Füßen und genieße das Gefühl von Leben um mich herum. Ich wünschte, ich könnte es bedingungslos genießen, aber das kann ich nicht.

Ich gehe und gehe immer geradeaus. Ich weiß ganz genau, wo ich hin will, und meine Füße finden den Weg von ganz alleine. Oft genug schon bin ich ihn gegangen, gelaufen, gestolpert, jedes Mal, wenn ich überwältigt war vor Freude, Glück, Trauer oder Wut. Heute ist es alles zusammen; ich kann mich nicht entscheiden, was davon überwiegt. Ich bin einfach voller Emotionen an diesem Tag. Dabei bin ich geboren, um neutral zu sein. Eine neutrale Elfenkönigin. Das bin ich. Weiß und schön und still und sanft und von jedem respektiert. Ich sollte alle glücklich machen und jeder sollte mich glücklich machen. Aber so funktioniert keine der Welten, nicht unsere und auch nicht die Menschenwelt. Man kann nicht immer nur fröhlich sein, nicht immer nur Glück, Freude und Genuss empfinden. Ich leide.

Die Elfen, deren Gedanken ich kenne, glauben, Leid sei nur ein Gefühl der Menschen. Natürlich denken sie das, denn sie selbst empfinden nur die Scheinheiligkeit des Zaubers, der über ihnen liegt. Bei dem Gedanken daran ist es meine Wut, die den Rest meiner Gefühle verdeckt und mich für einen Moment alles wie durch einen Schleier sehen lässt. Jener Zauber, den die Ersten Elfen auf ihre Nachfahren gelegt haben, damit diese nicht leiden und jedes Leid, das sie sehen, sofort vergessen. Wenn sie nur wüssten, wie sehr ich leide – wenn sie wüssten, dass die Tränen auf  meinen Wangen nicht aus Freude, sondern Trauer vergossen werden. Wenn sie es wüssten, würden sie etwas tun? Nein. Sie lieben den Frieden, dem sie ausgesetzt sind, sie lieben das Vergessen, das, was ihnen angetan wurde. Ich leide.

»Vanda.«

Ich bleibe stehen, als von irgendwoher mein Name ertönt und schließe meine Augen. Das Gras unter mir ist feuchten Blättern gewichen und die Luft riecht nach Wald und Bäumen. Ich fühle das Leben um mich herum, das ächzt und knarrt und sich mir entgegenstreckt, in der Hoffnung, mich so umarmen zu können. Die Bäume rufen meinen Namen, weinen und schluchzen ihn, wollen mich trösten und mir ein bisschen Last abnehmen. Ich wünschte, das würde funktionieren.

Die Lichtung, auf der ich stehe, ist nur mir bekannt. Hier leben die Könige, die vor mir dieser Welt gedient haben, als Bäume weiter. Hier wurde ich eingeschult, hier wurde mir alles erklärt, hier wurde ich geboren. Hier verbringe ich Zeit, in der Hoffnung, etwas weniger traurig zu sein, wenn ich wieder gehe. Bis jetzt hat es aber nie funktioniert. Hier leide ich aber nicht alleine; hier leiden Hunderte von Bäumen mit mir, senken ihre Kronen zu mir herab und versuchen so, mir ihr Anteil zu zeigen. Sie sprechen mit mir und suchen nach einer Antwort, die sie noch nicht gefunden haben; sie lachen mit mir, wenn ich es nötig habe und weinen, wenn ich es tue. Sie sind meine einzigen Freunde auf dieser Welt. Die Einzigen, die alles wissen und die mich verstehen. Sie sind meine Familie.

»Vanda.«

Wieder mein Name. Ich lasse mich auf dem mit Blumen und verfärbten Blättern übersähten Boden nieder und lege meinen Kopf in den Nacken, um die Bäume betrachten zu können, die sich respektvoll vor mir verneigen. Auch ihre Gedanken kann ich hören, aber sie sind klarer und geordneter als andere; sachlicher auch und weniger emotional. Sie vermissen die Emotionen, die ich jetzt verspüre, und das ist etwas, was ich nicht nachvollziehen kann. Aber ich leide und sie nicht. Ich wünschte, ich würde zu ihnen gehören. Ich wünschte, ich müsste nicht mehr durchhalten, ein sinnloses Leben leben und leiden.

Ich rolle mich auf dem harten, kalten Boden ein. Ich kann spüren, wie Tränen über meine Wangen kullern, mehr und mehr, die ich nie aufhalten kann. Äste berühren mich, wollen mir zeigen, dass ich nicht alleine bin, sagen mir, halt durch, kleine Königin und wir sind da, immer. Aber sie können mir nicht geben, was ich brauche und will. Sie können nur mein Leid für eine Weile lindern.

Ich will Damians Komm mit mir noch einmal hören.

Und dann will ich ihm folgen können; bis ich endlich Glück empfinden kann.

Ich will die Elfen hinter mir lassen, denen ich nicht helfen kann.

Ich will nicht mehr leiden und nicht mehr weinen.

Ich will lachen. Mich im Kreis drehen. Ich will lieben.

Ich will die Elfen im Stich lassen, denn ich bin doch nichts anderes als eine selbstsüchtige Königin, die sich ihr Leben nicht ausgesucht hat.

Aber stattdessen leide ich weiter.

Und werde es mein ganzes Leben lang tun.


Geschichten, die im selben  Universum spielen, sind Menschelfengedanken und Vandas Tränen.
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