Was das Leben wertvoll macht

KurzgeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P12
31.03.2014
31.03.2014
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Hab ich es jetzt auch endlich geschafft. Dies ist der Beitrag zum Wettbewerb "Der Tod".
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Der junge Engel Luzifer ging hungrig durch einen dichten Wald. Er wusste nicht, wo er gelandet war, noch wo sein großer Bruder war oder ob er überhaupt noch lebte. Diese Vorstellung zog sein Herz zusammen. Sein Niisan durfte nicht tot sein, sonst hatte er doch niemanden mehr und es wäre seine Schuld. Der Angriff war ja auch seine Schuld. Wäre er doch nur nie in den Wald gelaufen, dann wäre die magische Barriere noch da und diese Wesen hätten nicht ihre Welt zerstört. Es war alles seine Schuld und jetzt musste er dafür büßen.

Ängstliche Schreie rissen ihn aus den trübsinnigen Gedanken. Zuerst dachte er, dass das nur Einbildung sei, weil er schon so lange allein unterwegs war und keine Seele – ob mit guten oder mit schlechten Absichten – traf, aber dann hörte er ihn wieder, diesmal lauter und er lief in die Richtung aus der der Schrei kam. Das Adrenalin schoss durch seinen Körper und gab ihm die nötige Kraft. Auf seinem Weg entdeckte er mehrere Kinder, die von einer Bande finsterer Gestalten eingekesselt wurden. Ohne zu überlegen griff der Engel die Kerle an und befreite die Kinder, welche er vor den Räubern abschirmte. Man merkte, dass es einmal normale Bauern gewesen waren, denn sie griffen ihn sehr unkoordiniert an und so konnte Luzifer wenigstens gewährleisten, dass den Kindern nichts geschah.

Die Kinder landeten durch die Magie des Engels vor ihrem zu Hause, wo Kokoshi – ihre Mutter – gerade wie ein aufgescheuchtes Huhn durch den Garten ging und nach ihnen rief.

„Okasan!“, rief das jüngste Kind total am Heulen und lief auf die Frau mit den schulterlangen, weißen Haaren zu.
Kokoshi sah sich aufgeschreckt nach der Stimme um und breitete ihre Arme aus, als sie ihr jüngstes Kind aufgelöst auf sich zulaufen sah. Auch ihre beiden anderen Kinder sah sie, welche ihr entgegenkamen. Sie umarmte alle.

Weil Luzifer zu schwach war, um sein Feuer zu nutzen, musste er ihre Angriffe mit seinen bloßen Händen abwehren, wodurch der Engel einige blutende Schnitte abbekam. Ihm wurde schwindelig und sein Körper machte auch nicht richtig mit. Er konnte sich ja kaum noch auf den Beinen halten und ein Schlag in den Magen ließ ihn – nach Luft röchelnd und sich den Bauch haltend – auf die Knie sinken. Seine Gegner umzingelten ihn. Ihr Anführer ging auf ihn zu, packte ihn grob an den Haaren und zog seinen Kopf nach oben. Der Engel spuckte dem Anführer ins Gesicht und erntete dafür einen Faustschlag in seines, wobei ihm die Lippe aufplatzte.

„Du frecher Bengel, ich werde dir Respekt vor Älteren lehren!“, fauchte der Ältere wütend, rammte ihm sein Wakizashi in die Schulter und zog es bis nach oben durch den Knochen. Der Engel schrie vor Schmerz laut auf und sein Blut spritzte.

„Das hast du davon, du dummer Junge!“

Luzifer atmete stöhnend vor Schmerz aus und gab sich Mühe nicht das Bewusstsein zu verlieren, dabei half es nicht, dass vor seinen Augen alles verschwamm. Ein schmerzvoller Stich in seiner Brust ließ ihn aufstöhnen. Als er losgelassen wurde, sackte er benommen zur Seite und sah sein eigenes Blut in den Schnee sickern.

Werde ich jetzt sterben? Dachte er, bevor er dann sein Bewusstsein verlor.


Der Engel war fast eingeschneit, als er von einem in dunkelblauen Sachen gekleideten Mann gefunden wurde. Dieser war so Einiges gewohnt, so verwunderten ihn die Verletzungen des Kindes nicht wirklich und leider auch das junge Alter nicht.

„Wieso musstest du so jung sterben?“, fragte er.

Der Mann zog seinen Mantel aus und legte ihn auf den Körper des fast toten Körpers. Er stockte in der Bewegung, als er den warmen Atem ganz leicht an seiner Hand gespürt hatte, als er das Gesicht des Kindes bedecken wollte. Daher hielt er in der Bewegung inne und legte eine Hand knapp über den Mund des Jungen. Nach einigen Sekunden Verzögerung spürte er wieder den warmen Atemhauch. Erleichtert atmete der Mann aus, wickelte den Jungen in seine Jacke ein und nahm ihn auf seine Arme, wobei er die dunklen Flügel bemerkte, welche aus Luzifers Rücken ragten.

„Du scheinst kein Mensch zu sein, Kleiner. Aber das ist nicht schlimm. Ich bin ja auch keiner und so werde ich dir auch nichts tun.“, sagte der Mann zu dem Bewusstlosen und verwandelte sich. Seine Ohren wurden kleiner und kleiner, bis sie ganz weg waren und auf seinem Kopf wuchsen schwarze Fuchsohren. Die blauen Iris färbten sich gelb, mit weißen Sprenkeln und vier Fuchsschwänze wuchsen – knapp oberhalb seines Hinterns – aus seinem Rücken. In seinem Gesicht bildeten sich Schnurrhaare und auch seine Zähne schärften sich. So schnell er in seiner wahren Gestalt laufen konnte, so schnell lief er auch zu sich nach Hause, wobei er aufpassen musste, dass er den Bewusstlosen nicht fallen ließ.


Vor seinem zu Hause angekommen wurde er langsamer und ging durch das Dimensionstor. Wenn sein Anwesen von „Außen“ wie ein verwittertes Haus aussah, so sah es in seiner Dimension aus wie ein japanischer Tempel. Der Tempel hatte drei Stockwerke und das vom Schnee weiß gefärbte Dach ragte dem Sonnenaufgang entgegen.

Schnell ging er in den Tempel und traf auf seine Frau, welche gerade aus einem der Kinderzimmer kam und lächelte, als sie ihn sah, aber als sie dann das Bündel in seinen Armen sah, da stockte ihr der Atem.

„Wir müssen ihn schnell behandeln. Er wäre fast erfroren.“, sagte er gehetzt.

Sie nickte und gemeinsam gingen sie in eines der beiden freien Zimmer, wo der Kitsune den Jungen auf das Bett legte und ihm seinen Mantel auszog, welcher so mit Blut vollgesogen war, dass er ihn wegschmeißen konnte, aber das war ihr geringstes Problem. Ihr größtes Problem war die Menge an Blut, die das Kind verloren hatte und die Verletzungen, die diesem zugefügt wurden. Die rechte Schulter war einmal durchgerissen und die zweite Wunde war ein Stich in den rechten Lungenflügel, weshalb der Junge so keuchend und mit Schmerz atmete. Die Frau machte sich daran die Wunden zu Säubern und  fing dann an das Kind zu behandeln.

„Bei den Wunden und dem hohen Blutverlust wundert es mich, dass der Junge noch lebt.“, sagte sie beim Behandeln.

„Mich auch. Kriegst du ihn wieder hin?“, fragte er nach einiger Zeit besorgt.

„Ja.“, sagte sie ungläubig. „Er hat einen ähnlichen Körperbau, wie ein Mensch, außer die Flügel. Was er ist kann ich aber nicht erahnen. Ich denke, dass müssen wir ihn später selber fragen. Er scheint auch Blut nachzubilden, wenn er so viel verloren hat, dass sein Körper in Lebensgefahr schwebt. Mich besorgt nur der Schnitt in den rechten Lungenflügel. In der Lunge habe ich es verheilt, aber er wird trotzdem Atemprobleme haben. Den Rest konnte ich nicht mit meiner Magie heilen, weil sein Körper zu schwach ist. Aber er ist stabil.“

Sie beschwor ein Schutz – und Warnbann um das Bett, falls der Junge Atemprobleme, oder andere Probleme bekam. Das saubere Tuch wrang sie in dem von ihrem Mann gewechseltem Wasser aus und tupfte noch einmal das blasse Gesicht ab.

„Kokoshi, leg dich hin. Wir werden deinen Lehrling bei ihm lassen. Er wollte doch immer eine Chance haben seine Fähigkeiten zu beweisen und die hat er jetzt.“ Als er ihren besorgten Blick sah, fügte er noch an. „Gib Akira die Chance. Er ist ein guter Schüler, dass hast du doch selbst gesagt. Wenn du ihm die Chance nicht gibst, dann fühlt er sich verraten und ist wieder wütend auf dich.“

„Das Kind ist mein Patient.“, sagte sie.

„Akira wird dir Bescheid sagen, dass weißt du. Du kannst ihm doch vertrauen und ich sehe doch, wie müde du bist. Wenn du zu erschöpft bist, dann hilft das niemanden weiter.“

Kokoshi biss sich auf die Unterlippe. Der Kitsune legte einen seiner Schwänze um ihre Schulter und mit einem Zauber rief er nach dem Lehrling. Es dauerte einige Minuten und dann erschien ein junger Mann in den Raum und verbeugte sich leicht vor den Beiden, wobei seine roten Haare in sein Gesicht fielen und er sie wegstrich..

„Was kann ich tun, Meisterin?“, fragte er auch gleich.

„Achte bitte auf den Jungen. Ich habe einen Schutz – und Warnbann um das Bett gelegt,“, erklärte sie und reichte ihm die Pergamentrolle, wo sie die Verletzungen dokumentiert hat. Er entrollte sie, las sich alles mehrmals durch und sah seine Meisterin dann ungläubig an.

„Bei den Verletzungen müsste der Junge doch tot sein.“, sagte er.

„Sieh ihn dir an. Er ist kein Wesen, welches wir kennen.“, sagte der Kitsune.

Akira drehte sich um und sah zuerst den blassen Jungen im Bett und dann bemerkte er die hellen Flügel, die schlaff vom Bett hingen. Er ging zum Bett und berührte fasziniert die Flügel. Sie fühlten sich weich an. Er drehte sich wieder um.

„Ich werde auf ihn achten. Ihr seht müde aus, Meisterin.“, sagte der junge Mann und setzte sich an das Krankenbett.


Luzifer fühlte seinen Körper brennen, als er zum ersten Mal aufwachte. Er konnte nur Schemen um sich herum wahrnehmen und spürte, wie ihm etwas an den Mund gehalten wurde und eine lauwarme Flüssigkeit in seinem Mund floss und seinen Hals hinabglitt, bevor ihn wieder das Bewusstsein entglitt.


Das nächste Mal, als der junge Engel erwachte, da fühlte sich sein Körper nicht mehr so brennend heiß an, aber ihm war trotzdem noch ziemlich warm. Seine Kehle war staubtrocken. Diesmal konnte er seine Umgebung besser erkennen. Er sah einen jungen Mann mit langen, roten Haaren, welcher an seinem Bett stand und gerade wieder dabei war, mit einem feuchten Lappen sein Gesicht abzutupfen.

„Du bist wach. Hast du Durst?“, fragte er sanft.

Luzifer versuchte zu sprechen, doch kam nur ein Krächzen über seine spröden Lippen. Kokoshi holte eine Tasse vom kleinen Tisch und kam damit zu ihm. Sie hielt es ihm an die leicht geöffneten Lippen und goss ihm vorsichtig den lauwarmen Tee in den Mund. Er schluckte.

„Du bist über dem Berg. Wir dachten schon, dass das Fieber dich hinrafft, da es die Verletzungen ja schon überlebten.“, sagte er.

„Wo bin ich?“, krächzte der Engel.

„Du bist auf dem Anwesen der Kumeran´s.“, erklärte Akira seinem Patienten und als er den immer noch fragenden Blick des Jüngeren sah, da fügte er an. „Wir sind hier in Japan, aber in einer anderen Dimension von diesem Land.“

Luzifer sah ihn immer noch aus fiebrigen Augen verständnislos an.

„Du scheinst wohl gar nicht von hier zu kommen. Und müde siehst du auch aus.“, meinte der junge Mann. „Wie ist dein Name?“

„Luzifer.“, kam es gekrächzt als Antwort.

„Ungewöhnlicher Name. Ich bin Akira. Was bist du für ein Wesen? Ein Mensch bist du nicht.“

„Engel.“, kam es nur noch ganz leise von den blassen Lippen.

Akira sah, dass der Junge schon zu müde war, um noch auf eine Frage antworten zu können, also beließ er es dabei.

Er stellte die Tasse auf den Tisch, tauchte den Lappen in das kühle Wasser und wrang ihn noch einmal aus. Als er wieder zum Bett ging, sah er, wie seinem Patienten schon fast wieder zu fielen. Nur mit Mühe konnte der Jüngere sich wach halten, dass sah man ihm an. Akira tupfte dem Jungen den Schweiß von der Stirn.


Als das Fieber weg war und auch die Wunden verheilt waren konnte Luzifer endlich aufstehen. Er hatte jeden Tag einen Kräutertee und Medizin zu trinken bekommen, damit er keine Atembeschwerden bekam. Sie hatten ihm erklärt, dass er noch leichte Probleme beim Atmen haben würde, sich das aber nach ner Zeit legen würde. Er hatte den Tod knapp überlebt. Zwischendurch hatte er immer wieder Besuch von den Kindern seiner Pfleger gehabt, welche zufälligerweise die Kinder waren, welche er vor den Räubern gerettet hatte.


Akira – sein Pfleger – und Kokoshi kamen in sein Zimmer und untersuchten ihn noch ein letztes Mal. Kokoshi nickte und sah den Engel an.

„Du brauchst keine Medizin mehr.“, sagte sie.

„Kann ich denn jetzt gehen?“, fragte Luzifer.

„Kannst du aufstehen?“, fragte Akira ruhig.

Der Engel saß schon, also schwang er seine Beine über das Bett und stand auf, wobei seine Beine zitterten. Als er einen Fuß nach vorne setzen wollte, da wäre er fast zu Boden gefallen, wenn er nicht unter den Armen festgehalten worden wäre.

„Das wird wohl noch eine Weile auf sich warten müssen. So wirst du hier nicht wegkommen.“, sagte Kokoshi.

„Aber ich muss Niisan suchen. Er macht sich sicher auch Sorgen um mich.“, sagte Luzifer besorgt. Akira half ihm zurück auf das Bett.

„Du kannst dich kaum bewegen. Ich habe – als ich dich behandelt habe, da habe ich ein Bild in deiner Tasche gefunden.“, sagte die Heilerin und fischte aus ihrer Tasche einen verknickten Zettel, welchen sie entfaltete und dem Jungen zeigte.

Luzifer sah sich erst das Bild an und streckte dann die Hand nach dem Bild. Das war ein Bild, welches kurz vor dem Angriff gemacht worden war. Seine Familie war darauf abgebildet. Seine Mutter, sein Vater, sein Bruder und er selber. Für dieses Bild hatten sie lange gespart. Luzifer strich vorsichtig über die Gesichter und eine Träne rann seine Wange entlang. Mit dem Zeigefinger tippte er auf Gabriel´s Gesicht und zeigte es so den Anderen.

„Das ist mein großer Bruder. Wir wurden angegriffen und unsere Eltern wurden getötet. Mein Bruder hat mich gerettet und seit ich auf der Erde, wie ihr die Welt nennt, gelandet bin, seitdem habe ich ihn nicht wieder gesehen und ich vermisse ihn.“, erklärte der kleine Engel traurig.

„Wir werden ihn suchen. Ich schicke Joung und Haran ihn zu suchen.“, bot Kokoshi an.

„Ja.“ Er nickte mehrmals, lächelnd.

Sie schickte nach den Genannten und kurz darauf erschienen zwei Gestalten in dem Raum. Den Beiden wurde das Bild gezeigt und sofort brachen sie auf.


„Niisan! Niisan! Bitte, wach auf! Bitte!“, hörte Gabriel die geschluchzten Worte seines kleinen Bruder´s, als er es endlich schaffte aus der Bewusstlosigkeit aufzuwachen und er spürte einen vom Weinen bebenden Körper auf seiner Brust. Zärtlich legte er seine Hand auf den zitternden Leib und streichelte seinem kleinen Bruder über den zitternden Rücken.

„Lass mich nicht allein! Nie wieder!“, schluchzte das kleine Bündel Engel tränenerstickt.

Luzifer hatte sich lange zusammengerissen, aber als sein Bruder nach einer Woche nicht aufwachen wollte, da war der Damm gebrochen und er hatte angefangen zu Weinen und keiner hatte ihn Trösten, oder auch nur von seinem Bruder wegzerren können. Doch nachdem sein Bruder ihm anfing über den Rücken zu streichen, so beruhigte der Jüngere sich langsam.

„Ich versprech es, Kleiner!“, sagte Gabriel.



Okasan heißt Mutter
Niisan heißt großer Bruder
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