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Sammlung von Song Fiction (OS) & Gedichten zu Metusa Songs

SongficDrama, Schmerz/Trost / P16
28.03.2014
28.11.2017
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1.398
 
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28.03.2014 1.165
 
Alinas Blick schweifte durch ein großes Büro in dem zwei Schreibtische standen. Das Büro war so leer ohne Marika. Alina dachte zurück. Noch vor wenigen Wochen schien alles in Ordnung. Sie schluckte schwer. Warum nur? Warum Marika? Warum nicht die blöde Kuh aus der Personalabteilung oder dieser Idiot, der sie jeden Morgen anmachte? Warum hatte es ausgerechnet ihre beste Freundin erwischt? Sie schluckte die Tränen herunter und öffnete eine Schublade. Sie nahm einen Brief heraus und steckte ihn in die Tasche. Wieder und wieder hörte sie Marikas Worte „Ich hab gelebt“, in ihrem Kopf. Diese Worte, die Marika so oft sagte um  Alina und sich selbst Mut zu machen. Alinas Blick schweifte noch einmal durch das Büro, bevor sie die Tür öffnete und das Büro verließ. Sie stieg in ihr Auto und fuhr zum Krankenhaus.


„Hallo Alina!“, begrüßte Marika´s Mutter sie freudig. Alina nickte ihr sanft lächelnd zu und umarmte die alte Frau, die ihr seit Kindertagen ein Mutterersatz war. „Ich lasse euch dann mal alleine. Bis heute Abend, Schatz“, sagte die alte Frau und gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn. „Bis nachher“, gab Marika zurück. Ihre Stimme war schwach und sie zwang sich zu einem Lächeln. Kaum war ihre Mutter hinaus gegangen, wurden Marikas Lippen wieder zu einem dünnen, feinen Strich. Es tat Alina weh, ihre beste Freundin, die fast wie eine Schwester für sie war, so zu sehen.  


„Hast du den Brief?“, fragte Marika leise. Alina nickte nur und fischte den Umschlag aus ihrer Tasche. Marika lächelte sie an und nahm ihr den Brief ab. „Was ist das?“, fragte Alina nun, die es vor Neugier nicht mehr aushielt. Marika sah sie ernst an. „Ein Abschiedsbrief“, flüsterte sie und Alinas Augen weiteten sich unter ihren Worten. Ihr Mund stand offen, doch Marika sah sie nur Emotionslos an. „Ich werde sterben. Früher oder später werde ich sterben“, sagte Marika nun. Alina spürte die Tränen über ihre Wangen laufen. Marika griff nach ihrer Hand und drückte sie. „Du wirst leben, für uns beide“, erklang die schwache Stimme von Marika. „Wir werden zusammen leben! Du lässt dich doch von so einem Scheiß nicht unterkriegen!“, bestimmte Alina sauer. Marika lächelte und in ihren Augen erkannte man den Schmerz. „Ich habe mich damit abgefunden. Wieso kannst du es nicht einfach auch, Alina?“ Marika´s Stimme klang schmerzverzerrt und traurig. Alina senkte den Blick und starrte auf den Boden. Sie wollte nicht vor Marika weinen, doch es fiel ihr sehr schwer, ihre Tränen zurück zu halten.


Marika griff nach Alinas Kinn und hob behutsam ihren Kopf. Sie lächelte Alina an und diese erwiderte ihr lächeln. Sie umarmten sich. Marika öffnete die Schublade am Nachttisch und holte ein kleines Büchlein heraus. „Das habe ich für dich geschrieben. Bitte lies es erst, wenn ich gegangen bin.“ Alina nahm Marika das Büchlein aus der Hand und nickte.  


An diesem Tag blieb Alina länger als sonst bei Marika. Sie lachten viel, erzählten sich Geschichten aus der Kindheit, hörten Musik und irgendwann kam auch Marika´s Mutter dazu.


„Die Besuchszeit ist leider vorbei“, informierte sie eine Schwester und Alina nickte. Sie verabschiedete sich von Marika und ihrer Mutter. „Bis Morgen“, sagte Marika ihr in ihre Umarmung hinein.  „Bis Morgen“, erwiderte Alina und küsste ihre Freundin auf die Stirn. Auch Marika´s Mutter verabschiedete sich von Alina.


Alina fühlte sich unwohl, als sie das Krankenhaus verließ und in ihren Wagen stieg. Ihr Blick wanderte zum kleinen Büchlein, welches ein Stück aus ihrer Tasche schaute. Instinktiv fasste sie sich an die Kette, die sie von Marika zum 16. Geburtstag bekommen hatte.


Am nächsten Morgen wurde sie vom lauten Klingeln ihres Handys wach. Sie sah auf das Display und fing an zu weinen. Sie musste nicht dran gehen um zu wissen, was der Anrufer ihr mitteilen wollte. Es war Marika´s Mutter.


Es klopfte an ihre Tür und ihr Vater trat ein. Ohne ein Wort setzte er sich neben Alina und umarmte sie. Er hielt sie fest, während Alina weinte. Sie gab ihm das Büchlein. Er schlug die erste Seite auf und las seiner Tochter vor.

„Ich hab gewonnen und verloren,
Ich hab gestürzt, ich hab erkoren
hab gezaudert, hab gewagt,
gab manche Antwort, suchte Rat.“


Er zeigte seiner Tochter die erste Seite, die mit vielen Bildern gestaltet war.
Es waren Bilder von Marika und Alina beim Fußball, bei verschiedenen Wettbewerben und in den Sprechkreisen ihrer alten Schule.
Er schlug um auf die nächste Seite und las weiter.

„Ich war faul, ich war bemüht,
war voller Lob und hab gerügt.
Ich war treu und hab betrogen,
Sprach die Wahrheit, hab gelogen.“


Wieder reichte er seiner Tochter das Büchlein.
Alina sah auf ein Zeugnis von Marika, dass sie zerschnitten und um den Text geklebt hatte.
Außerdem sah sie ein Bild von Marika und ihrem Ex-Freund. Alinas Gedanken wanderten in die Vergangenheit, bis ihr Vater sie mit den nächsten Worten aus ihren schweren Gedanken riss.

„Ich hab gelebt!“

Viele Bilder waren auf dieser Seite zu sehen. Bilder von Marika und ihren Freunden.  
Auch von Alina waren viele Bilder auf dieser Seite. So ging es immer weiter.

Alina achtete garnicht mehr darauf was ihr Vater las und welche Bilder er ihr zeigte. Erst als die Stimme ihres Vaters wieder lauter wurde, hörte Alina wieder zu.

„Was ist mit dir mein alter Freund,
hast dich ein Leben lang gescheut,
warst stets konform und angepasst,
auf deinen guten Ruf bedacht.“


Er reichte ihr das Büchlein und sie sah viele Bilder von sich selbst.
Wie Alina sich nicht traute den Bungee-Jumping-Turm hinauf zu gehen,
wie sie sich hinter Marika immer etwas versteckte.
Sie sah sich selbst als das Mauerblümchen, was sie wohl auch war. Ihr Vater las die nächsten Zeilen leise, aber bestimmt.

„Hast du gelebt?“

Danach verstummte er und reichte ihr das Büchlein.
„Die letzten Worte sind nur für dich gedacht“, sagte er leise und stand auf. Er verließ das Zimmer seiner Tochter und schloss die Tür.
Alina schaute auf das Büchlein.

„Liebste Alina,

sollte dein Vater dir diesen Text vorgelesen haben, so bitte ich ihn nun dir dieses Buch zurück zu geben. Die nächsten Zeilen sind nur für dich bestimmt.
Ich hab alles gemacht, was ich machen wollte. Ich habe gewiss viele Fehler gemacht, doch ich kann sagen:
Ich hab gelebt!

Ich hab nie das gemacht, was alle anderen getan haben.
Ich bin oft angestoßen, aber:  
Ich hab gelebt!

Ich bereue nichts in meinem Leben. Garnichts. Und du?
Wenn du wüsstest, dass du bald sterben wirst, würdest du etwas bereuen?
Hast du gelebt?

Noch hast du die Chance. Verändere dein Leben. Mach das, was du möchtest! Du musst dein Leben leben, Alina. Nur du.

Ich möchte, dass du, wenn du zu mir in den Himmel kommst, glücklich bist und nichts bereust. Das ist mein letzter Wunsch an dich.

Und vergiss nicht. Ich bin immer bei dir.
Ich werde dich nie allein lassen.

Ich liebe dich,
dein Engel Marika“


Alina ließ das Büchlein sinken und spürte die Tränen über ihre Wange laufen…  "Hab ich gelebt?", fragte sie sich leise.
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