Schuss ins Herz

von Cocinelle
GeschichteKrimi, Familie / P16
27.03.2014
22.08.2015
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27.03.2014 1.437
 
Es war noch früh am Morgen, die Sonne kam gerade über den Horizont, als die Crew des Küstenwachschiffs Albatros 2 sich schon zum Auslaufen bereit machte. Der ganz normale Beginn einer Patroullienfahrt. Saskia Berg, die erste Offizierin war fast ein bisschen enttäuscht, dass Kapitän Holger Ehlers seine Grippe so schnell auskuriert hatte, denn das bedeutete, dass sie nicht mehr gemeinsam mit ihrem Freund Thure auslaufen konnte.
Aber dafür war auch ihre Freundin, Bootsfrau Alex Johansson wieder aus dem Urlaub zurück und natürlich freute sie sich, dass der Kapitän nicht ernsthaft krank gewesen war. Außerdem war Thure zwar momentan einem anderen Schiff zugeteilt, doch dieses lag nach einer schweren Havarie in der Werft und die Reparatur würde noch Wochen dauern. Also würde er gar nicht auslaufen können, sondern in Neustadt und damit in ihrer Nähe bleiben. Das war schon einmal ein großer Vorteil, denn normalerweise war es sehr schwierig für sie, Zeit gemeinsam zu verbringen wenn sie auf unterschiedlichen Schiffen eingesetzt waren. Sosehr Saskia Kapitän Ehlers auch schätzte, freute sie sich daher immer besonders auf die Einsätze, bei denen er von Thure vertreten wurde.
„Es ist wirklich ein schöner Morgen heute“, dachte sie, als sie sich auf den Weg zum Hafen machte. Sie blieb einen Augenblick stehen und sah zu, wie sich die Sonne als glutroter Ball in den blauen Frühlingshimmel erhob. Dann ging sie zielstrebig weiter Richtung Anlegestelle. Außer ihr schien noch niemand da zu sein, deshalb beschloss sie, noch etwas zu warten, bevor sie an Bord ging. Sie ließ ihren Blick über das Meer schweifen, und dankte dem Schicksal, dass sie hier eine zweite Heimat gefunden hatte.

Da legten sich auf einmal zwei starke Arme von hinten um sie. „Thure!“, rief Saskia glücklich und drehte sich zu ihm herum. „Was machst du denn hier?“
„Ich bin gerade auf dem Weg in die Werft, um zu sehen ob meine Leute schon mit der Arbeit angefangen haben, da habe ich gesehen, dass ihr noch gar nicht weg seid.“
„Die anderen müssten eigentlich jeden Moment kommen, dann geht es los.“
„Nun, dann sollten wir die Zeit noch nutzen“, sagte Thure und lächelte verschmitzt. Er beugte sich nach vorn und küsste seine Freundin sanft auf den Mund. Saskia schlang ihm die Arme um den Hals und erwiderte den Kuss inbrünstig. Sie waren so ineinander versunken, dass sie nicht mitbekamen, wie die anderen Crewmitglieder nach und nach ankamen und an Bord gingen. Schließlich rief Holger: „Frau Berg, kommen Sie bitte auf die Brücke. Wir wollen ablegen.“
Erschrocken löste Saskia sich von Thure und sah den Kapitän verlegen an. „Ja, natürlich. Ich komme.“ Sie warf Thure noch einen verliebten Blick zu, dann folgte sie Holger auf die Brücke.

„Alex!“, rief Saskia, als sie die Brücke betrat und umarmte die Freundin. „Schön, dass du wieder da bist. Jetzt erzähl mal, wie war dein Urlaub?“ „Wunderbar, ich bin mit ein paar Freunden nach Holland zum Segeln gefahren. Endlich mal wieder auf dem Meer sein, ohne immer die Augen nach irgendwelchen Vorkommnissen offenzuhalten.“
„Du bist doch verrückt“, kommentierte Saskia. „Das Meer hast du jeden Tag bei der Arbeit. Reizt es dich nicht, mal etwas ganz anderes zu sehen?“
„Was meinst du denn damit?“
„Wolltest du zum Beispiel nie die Berge sehen?“
„Ich war früher mit meinen Eltern öfter in den Bergen gewesen, aber es hat mir ehrlich gesagt nicht besonders gefallen. Ich liebe halt einfach das Meer, die frische Seeluft, den Wind und all das.“
„Ich mag das Meer ja auch, sonst wäre ich wohl kaum bei der Küstenwache, aber es zieht mich auch immer wieder in die Berge zurück. Manchmal vermisse ich sie doch sehr. Naja, was solls. Ich werde mal einen Kontrollgang machen.“
Nachdenklich blickte Alex Saskia hinterher. Ihr wurde bewusst, dass sie kaum etwas darüber wusste, wo und wie ihre Freundin aufgewachsen war. Generell erzählte Saskia nie etwas aus ihrer Kindheit. Alex nahm sich vor, sie heute nach Feierabend zu Kalle einzuladen und ein wenig mit ihr zu plaudern.

Sie waren etwa eineinhalb Stunden unterwegs, als Alex plötzlich nach dem Fernglas griff. „Kapitän? Schauen Sie mal dort drüben. Dieses Segelboot treibt direkt in unserer Fahrrinne. Es scheint niemand an Deck zu sein.“ Holger ergriff nun seinerseits das Fernglas und sagte: „Es scheint führerlos zu sein. Frau Berg, funken Sie es an. Der Name des Bootes ist Isabella.“ Saskia ging zum Funkgerät. „Isabella für Küstenwache, bitte kommen“, wiederholte sie einige Male, doch es kam keine Reaktion. „Irgendetwas stimmt da nicht. Kontrollboot klarmachen!“, rief Holger und sagte zu Saskia: „Frau Berg, Sie kommen mit.“

Während der Kapitän mit seiner ersten Offizierin zur Segeljacht übersetzte betrat Kai mit einem Tablett voll Kaffee die Brücke. „Na endlich“, rief Marten Feddersen, der Maschinist. „Das wurde ja mal Zeit. Meine Kaffeemaschine hat heute morgen den Geist aufgegeben und bevor ich nicht mindestens einen halben Liter Kaffee getrunken habe, bin ich zu nichts zu gebrauchen.“ Schon hatte er nach einer Tasse gegriffen. Alex sah ihn lachend an. „Deswegen bist du heute morgen so brummig. Ich hab mich schon gefragt, welche Laus dir denn über die Leber gelaufen ist.“
„Jaja, Alex unsere gute Seele. Kaum bist du wieder zurück kümmerst du dich schon wieder um alle unsere Problemchen“, neckte Kai sie. „Pass bloß auf was du sagst, sonst hast du gleich eine ganze Ladung Kaffee auf dem Hemd hängen“, erwiderte Alex. Doch sie wusste, dass er es nicht böse meinte. Sie hatte eben ein Helfersyndrom und ein ebenso ausgeprägtes Harmoniebedürfnis.

Holger und Saskia hatten mittlerweile die Isabella erreicht, doch noch immer rührte sich nichts. Auch auf ihre Rufe reagierte niemand. Lautlos gingen sie an Bord und begannen das Deck abzusuchen. Sie konnten jedoch nichts verdächtiges entdecken. Nachdem sie sich vergewissert hatten, dass niemand an Deck war, gingen sie hinunter. Mit erhobenen Waffen durchsuchten sie den Innenraum. „Sehen Sie dort hinten nach“, sagte Holger und wies in den hinteren Teil des Bootes. „Ich gehe hier vorn in die Kajüte.“

Als Saskia sich der Tür näherte, die in einen kleinen Verschlag neben der Kajüte führte, hörte sie ein Geräusch, das aus diesem Raum kam. Sie zog ihre Waffe und öffnete mit geübten Bewegungen die Tür. Mit vorgehaltener Pistole betrat sie den Raum. Doch dann ließ sie die Waffe erschrocken sinken. In der Ecke kauerte ein kleiner Junge, etwa fünf Jahre alt und sah sie verschreckt an. Dabei presste er einen Plüschhasen fest an sich. Saskia steckte ihre Waffe ein und näherte sich ihm vorsichtig. „Na, wer bist du denn?“, fragte sie leise. Der Junge zuckte zusammen und fixierte die Waffe, die nun an Saskias Gürtel hing. „Keine Angst, ich tu dir nichts. Schau, ich lege sie weg.“ Sie griff nach der Pistole, entleerte das Magazin und legte sie auf eine Kommode an der Seite. Dann ging sie einen weiteren Schritt auf den Jungen zu. Dieser regte sich noch immer nicht, sondern starrte sie nur mit aufgerissenen Augen an. Etwa einen halben Meter vor ihm stoppte Saskia und ging in die Hocke. Mit ruhiger Stimme sagte sie: „Ich bin Saskia und ich möchte dir helfen. Verrätst du mir auch deinen Namen?“ Das Kind schien einen Moment lang zu überlegen, dann flüsterte es kaum hörbar: „Felix.“ „Das ist aber ein schöner Name“, erwiderte Saskia. „Und dein Hase, wie heißt der?“ „Puschel.“ Saskia merkte, dass der Kleine ihr langsam zu vertrauen begann. „Und bist du ganz alleine hier?“, wollte sie nun wissen. Felix schüttelte den Kopf. „Wer ist denn noch da?“ Felix hob seinen Hasen hoch. Saskia lächelte. „Natürlich, Puschel ist da. Und sonst noch jemand?“ Das Kind runzelte die Stirn, nickte dann heftig und deutete wild gestikulierend auf die Tür. Saskia drehte sich herum, konnte jedoch nichts erkennen. „Dort drüben ist noch jemand?“, fragte sie und wandte sich wieder Felix zu. Sie erschrak, als sie den entsetzten, fast panischen Gesichtsausdruck des Jungen sah. Irgendetwas musste ihm eine schreckliche Angst eingejagt haben. Sie streckte die Hand aus, doch Felix wich vor ihr zurück.

In diesem Moment rief Holger: „Frau Berg, kommen Sie bitte mal hier rüber.“ Saskia zog ihre Hand zurück und sagte zu Felix. „Ich bin gleich wieder zurück. Versprochen.“ Dann ging sie zu Holger hinüber. Als sie die Kajüte betrat, setzte sie gerade an, um dem Kapitän von Felix zu berichten, da fiel ihr Blick auf das Bett. Ihr stockte der Atem und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. „Oh nein“, flüsterte sie. Das Ehepaar war offenbar im Schlaf erschossen worden. Vor lauter Blut waren zwar keine Einschusswunden zu erkennen, doch die beiden waren eindeutig durch einen gezielten Schuss getötet worden. Das Paar war jung, etwa Anfang dreißig, und es gab keinen Zweifel, dass es die Eltern des kleinen Felix waren. Irgendjemand hatte ihn auf brutalste Art zum Waisen gemacht.
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