The Magic of Aldcrest

MitmachgeschichteAbenteuer, Romanze / P16 Slash
Engel & Dämonen Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Geister & Gespenster Ritter & Krieger Zauberer & Hexen
26.03.2014
27.04.2019
117
799405
28
Alle Kapitel
440 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
Dieses Kapitel wurde von drei fantastischen Schreiberinnen verfasst, denen es irgendwann zu dumm wurde mit den fehlenden Updates und die die Sache gemeinschaftlich kurzerhand selbst in die Hand genommen haben. Hier sind natürlich die wundervollen üblichen Verdächtigen zu nennen ItsQueenB, Feder Traeumerin und rabenmaedchen.



Die Nacht war für manche Aldcrest-Schüler länger gewesen als für andere. Manche waren wie Tote in einen Schlaf erschöpften Schlaf gefallen, mitgenommen von den Ereignissen des Vortags, andere hatten sich noch bis in die frühen Morgenstunden herumgewälzt. Doch gnadenlos erhob sich die Sonne am Montag Morgen, kündigte einen neuen noch immer recht kühlen Frühlingstag über dem Internat an und widerwillig erhoben sich Jungen und Mädchen aus ihren Betten. Der Tag heute hatte etwas verheißungsoll-dramatisches. Das Wochenende hatten sie alle einander ausweichen können. Hatten sich in ihren Zimmern verkriechen können, die Essenszeiten abpassen und sich völlig abkapseln können. Heute war Ende mit dem Versteckspiel. Heute hieß es Unterricht. Und nicht nur auf der sozialen Ebene bedeutete dieser Tag einen Wendepunkt. Was die Schüler allesamt noch nicht wissen konnten, war, dass heute ein neues Regime greifen würde. Die Herrschaft an der Schule hatte gewechselt und die Macht lag nicht mehr allein bei Wyn. Auch wenn bei ihr die Änderungen am Deutlichsten spürbar waren:

Wenn es etwas gab, was alle Schüler und Lehrer von Aldcrest wussten, dann war es die Tatsache, dass man die Schuldirektorin nicht vor ihrer dritten, am besten sogar vor ihrer vierten Tasse Kaffee ansprach. Jene Regelung galt für jeden, für alles und 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Auch, während des Wochenendes. Niemand legte sich mit der Schuldirektorin an, niemand betrat ihr Büro ohne nicht vorher dreimal laut angeklopft zu haben. Ein immerwährendes Muster, welches sogar die Neulinge und Jüngsten an der Schule kannten.
Doch seit diesem Montag, der stillschweigenden Einführung der neuen Methodiken schien selbst jenes Gesetz, jenes unerschütterliche, beinahe von der magischen Natur gegebene Gesetz außer Kraft getreten zu sein. Im Direktorat und im Lehrerzimmer herrschten dicke Luft und Wyn, sonst schon genug pyromanisch veranlagt und kaum ansprechbar war in den letzten Tagen noch weniger umgänglich geworden.
Wer ihr jetzt auf dem Gang begegnete, machte ohne große Worte Platz für die wild schnaubende Führungskraft, die mit brennendem Blick jeden anschnauzte, der es auch nur wagte, sie schief anzusehen. Den Grund dafür kannte spätestens zum Mittag jeder. Jeder, der die Gerüchteküche verfolgte. Jeder, der nicht wenigstens einmal die Ohren aufsperrte und dem Geflüster der Lehrer lauschte. Oder wahlweise jenen, die lebend aus dem Büro von Wyn kamen. Man sagte, es wüte ein Drache im Raum der Schuldirektorin. Ein Drache, der sich kaum zügeln ließ. Und selbst Mr. Whitman, nunmehr leitende Kraft im Internat und der Schule, gab klein bei, wenn die Hexe ihrer Wut freien Lauf ließ. Munkelte man auch, dass selbst die neu gekaufte Kaffeemaschine eigens für jene schwere Zeit beschafft wurden war und die Mülleimer im Büro der Direktorin aus feuerfestem, schwerem Stahl bestanden, so hatte doch niemand eine Ahnung von dem gänzlichen Chaos, welches sich hinter der Tür von Wyn abspielte.

Im Großen und Ganzen konnte selbst Mr. Whitman sagen, dass sich das Desaster in Grenzen hielt. In Grenzen, welche das Büro der Direktorin nicht verließen. Auf seinem Tisch lagen fein säuberlich die neuen Anordnungen des Rates, die er gründlich durchging und ohne jeglichen Schaden zu nehmen zurück an eben jenen Rat gingen. Doch hinter verschlossenen Pforten, hinter denen der Drache wütete, sah es ganz anders aus. Tassen stapelten sich auf einer Seite von Wyns Schreibtisch und gaben sich die Hand mit zerknüllten Notizen und kleinen Aschehäufchen. Irgendwo, inmitten des ganzen Chaos standen kleine, leere Pfefferminzlikörflaschen herum und auf dem Teppich tummelten sich nacheinander größer werdende Brandflecken. Die sonst halbwegs ordentlich nebeneinander aufgestellten Ordner im Regal hinter dem Schreibtisch lagen im Raum verstreut, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Und irgendwo, inmitten jenes Schlachtfeldes, saß Wyn. An einer Zigarette ziehend und die Tür taxierend, als hätte sie nichts besseres zu tun, als jedem aufzulauern, der wagte, ihr Reich zu betreten. Bisher war der Umstand, sie bei ihrer Kaffeepause zu stören, einem Todesurteil gleich. Jetzt war es bereits so, dass ein leises Husten vor der Tür reichte.

Ja, Wyn war gereizt. Mehr als gereizt. Und dies bekamen nicht nur die Lehrer und Schüler zu spüren, sondern auch zu Hause war schon seit Sonntag dicke Luft. Es lag nicht an Ben und Isa, das wusste Wyn. Aber die Wut, die sich in ihr aufgestaut hatte, brach selbst im trauten Heim aus. Und immer öfter griff die Darrenforth-McLainne zu einer Zigarette oder schüttete sich Likör in den Kaffee. Dass dies nicht ewig so weiter gehen konnte, war ihr klar. Doch wenigstens so lange, bis sich das Gefühl legte, jeden abmurksen zu müssen, der ihr in den Weg kam.

Nicht nur in den Etagen der Ältesten dieser Schule war die Stimmung brodelnd. Scheinbar vermochte selbst der Ruhetag nicht die Reibereien zwischen den Schülern zu lösen, oder wenigstens etwas abzuschwächen. Beinahe war es so,  als schaukelten sich die streitenden Parteien in die Höhe. Besonders sah man dies an Sky und Cadie, deren Auseinandersetzungen sich von Beleidigungen über leichte Handgreiflichkeiten bewegten und kaum einer wagte, sich zwischen die beiden zu stellen, aus Angst, ein Mitopfer der streitenden Mädchen zu werden.
Vermochten sich auch hier Parteien zu bilden, so schien es doch, als habe Cadie mehr Befürworter auf ihrer Seite, denn selbst Alex, mit dem Sky zwar noch im Klinsch lag, jedoch die Hoffnung auf Versöhnung bestand, schwieg sich bei Auseinandersetzungen aus, ergriff nicht einmal Partei für seine einstmals beste Freundin. Ein Umstand, den die Orlow mit wachsender Wut und Trauer, Unsicherheit, entgegen sah. Nicht, dass sie sich nicht selbst verteidigen konnte. Das war es nicht. Zudem waren es oftmals nur kleine, spitze Bemerkungen seitens der Pinkhaarigen und doch musste Sky immer mehr schlucken. „Kakadu.“ war noch die harmloseste unter den Bezeichnungen, was das Mädchen langsam aber sicher übersah. Doch schlimmer waren die Versuche der Lehrer, jenes Problem zwischen den beiden Kontrahentinnen aus dem Weg zu schaffen, die nicht nur Zoff unter sich hatten, sondern auch den Jahrgang erneut spalteten.

Ja, auch die Lehrer bemühten sich die Konflikte unter den Schülern zu lösen, bei manchen mit geringem, bei anderen mit noch geringerem Erfolg. Cadie und Sky waren da das Paradebeispiel, das dem Lehrkörper seine Machtlosigkeit gegen den geballten Hass zwischen den Schülern aufzeigte. Beim Frühstück ging es schon los:

„Rutsch mal, Kakadu.“ Cadie schob sich mit ihrem Tablett in Richtung des Puddings an Sky vorbei, die die Lippen aufeinander presste, die erste Bemerkung herunter schluckte, ehe sie bereits beim zweiten Satz zurück fauchte. „Mach dich doch mal nicht so fett hier.“
„Beweg du doch deinen fetten Arsch woanders hin!“ keifte die Orlow zurück und ballte die Hände, die noch immer ihre Tasse mit Milchkaffee hielten.
„Wow, jetzt bin ich aber getroffen.“ Seelenruhig nahm Cadie ihren Pudding, musterte Sky von oben bis unten. „Hast du das Teil aus der Altkleidersammlung, sag mal?“ Ihr Blick blieb an dem Shirt von der Brünetten hängen, die die Zähne zusammen biss.
„Dasselbe könnte ich mich jedes Mal bei deinen Klamotten fragen.“
Cadie zog die Stirn kraus, dann grinste sie. „Na ja, wenigstens passen mir meine Klamotten. Kein Wunder, dass Alex lieber die Klappe hält, wenn er dich sieht.“
In Sky verkrampfte sich alles. Es war der wunde Punkt, der alles zusammenschlagen ließ. Mit einer ruckartigen Bewegung kippte sie Cadie den warmen Tee über ihr Oberteil, völlig wütend darüber, was sie gesagt hatte. Doch jene verzog nicht einmal das Gesicht.
„Bist du fertig?“
Sky wollte schon zu einer Schüssel mit Pudding greifen, da schritt Mr. Lavender ein, der für den heutigen Tag die Aufsicht hatte. „Schluss jetzt! Orlow! Lennox! In mein Büro!“
Beide sahen sich mit finsterem Blick an. Cadie drückte im Vorbeigehen Charity ihren Pudding in die Hand, die den beiden mit blassem Gesicht nachsah. „Hier. Iss den für mich mit.“ Die Lennox grinste, dann verließ sie mit Mr. Lavender und Sky die Mensa.

~*~


Bedrückt blieb Charity mit dem Pudding in der Hand zurück und starrte Cadie hinterher. Liam beobachtete sie aus dem Augenwinkel, als er mit Evelyn in die Kantine trat. Kurz erwog er, etwas zu sagen, verwarf den Gedanken dann jedoch. Er hatte Charity am Sonntag noch einmal getroffen, doch konnte er nicht ahnen, dass es danach zum Streit zwischen den beiden Freundinnen gekommen war. Auch Liam war überfordert mit dem ganzen Chaos. Und irgendwie hatte er in letzter Zeit sowieso wenigstens nachträglich das Gefühl, er machte alles verkehrt. So auch gestern, am Sonntag, als er Charity und Cadie auf dem Gang traf.
Der Bastelnachmittag hatte seine Spuren hinterlassen. Wie eine Welle war er über den Schülern zusammengebrochen, hatte neue und alte Feindschaften aufleben lassen, zu einer gebrochenen Nase geführt, aber auch Zusammenhalt gezeigt.
Auch wenn die Lehrer seitdem am Rad drehten, zwanghaft versuchten, das Wasser aufzuhalten, sah Liam die Ereignisse gelassen. Er war in keinen Streit wirklich involviert gewesen, musste über die Eskalation sogar leicht grinsen. Manchmal kamen ihm die Schüler nicht wie Menschen, sondern viel eher wie wildgewordene Tiere vor.

Wenn er an Cadie und Skys Prügelei zurück dachte, schien seine Theorie nur bestätigt.
Vergeblich hatte Liam am Sonntag an der Tür seiner Schwester geklopft, um dieser die wenigen Süßigkeiten, die seit dem letzten Päckchen ihrer Mutter noch übrig waren, abzustauben.
Gerade als er den Mädchentrakt wieder verlassen wollte, kamen ihm Cadie und Charity entgegen. Erstere sah immer noch leicht mitgenommen aus, ihr Auge wechselte langsam von violett zu grün und die Schwellung schien zurück zu gehen.
Auch Charity wirkte erschöpft und unterbrach augenblicklich ihr Gespräch mit der Freundin, als sie Liam erblickte. Innerhalb weniger Minuten hatte sich der Schatten der Schüchternheit wieder über ihr Gesicht gelegt.
Liam hob grüßend die Hand. „Hey Mädels!“
Einige Meter von Charity entfernt blieb er stehen. Er wusste inzwischen, wie schnell er sie durch ein falsches Worte, eine plötzliche Bewegung verschrecken konnte. Manchmal erinnerte sie Liam an ein zartes, kleines Reh.
Der leichte Duft nach Vanille drang zu ihm herüber und für diesen Moment schaltete Liam die daneben stehende Cadie vollkommen aus, betrachtete nur Charitys blondes, langes Haar. Zu gerne hätte er eine Strähne in die Hand genommen, sie um die Finger gezwirbelt. Doch er widerstand dem Drang.

„Wie geht es dir?“
Allein diese Frage machte Charity bereits sprachlos. Kein Wort kam über ihre Lippen.
Hatte Liam bei ihrer letzten Unterhaltung noch geglaubt, es geschafft zu haben, das Mädchen aus der Reserve zu locken, hatten sie nun wieder einen Schritt zurück gemacht, standen wieder ganz am Anfang. Nicht einmal ein „Hallo“ auf dem Gang schien möglich.
Der Junge, der sonst kaum Hemmungen hatte, den Mund auf zu machen, wagte einen letzten Schritt, der ihn mehr Überwindung kostete, als es bei einem anderen Mädchen je der Fall gewesen war. Vielleicht, weil er wusste, was auf dem Spiel stand.
„Deine Haare sehen heute wirklich schön aus.“
Fast wie die einer Elfe, ging es ihm durch den Kopf.
Erst als Cadie leise auflachte, wurde Liam sich ihrer Anwesenheit wieder bewusst.
Im Gegensatz zu ihr, lachte Charity nicht. Viel eher machte sie den Eindruck, am liebsten weglaufen zu wollen. Auch Cadie bemerkte dies, hakte sich bei der Freundin ein und verabschiedete sich von ihm.
„Mach’s gut Liam!“
Charity schwieg.
Liam selbst musste sich regelrecht dazu zwingen, den beiden zuzulächeln und einen Fuß vor den anderen, Richtung Ausgang, zu setzen.
Der Flur wurde von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne in ein seltsames Licht getaucht. Staub tanzte, hatte etwas Leichtes, Lustiges an sich. Doch Liam war nicht nach Lachen zu mute. Viel lieber würde er laut aufschreien, auch wenn er dafür nicht der Typ war.
Das Bewusstsein, aus ihm unerklärlichen Gründen, den passenden Zeitpunkt vertan zu haben, legte sich wie ein schwerer Stein in seine Magengrube.

~*~


Wenigstens stand Liam mit dieser Überforderung am Sonntag Abend nicht ganz alleine da. Charity schien da keine Ausnahme zu machen. Cadie zog die Freundin automatisch in das Zimmer, welches sie sich mit Blair teilte. Wollte sie doch die Situation umgehen, erneut auf Sky zu treffen. Denn würde das passieren, würde Cadie sich nicht zurückhalten können, das wusste sie sicher.
Glücklicherweise war Blair jedoch nicht da und Cadie drückte Charity auf das Bett. Neben ihr ließ sie sich nieder, streifte die Schuhe ab und steckte die Füße unter die geblümte Bettdecke.
Charrie tat es ihr gleich.
Hier gab es gar keine Chance, Stille aufkommen zu lassen, ergriff Cadie doch gleich das Wort.
„Also ganz ehrlich! Charrie, das ging doch mal gar nicht!“
Die Angesprochene schaute betroffen zu Boden.
„Ich weiß ja, dass du schüchtern bist und bei Jungs kaum den Mund aufkriegst, aber das eben?“
Charity begann, nervös an der Bettdecke herum zu zupfen, strich diese dann wieder glatt und wiederholte das Prozedere.
„Liam ist jetzt zwar nicht gerade mein Typ und ich bin auch kein Romantik-Freak wie du, aber sogar ich fand sein Kompliment süß. Doch statt dich zu freuen, gibst du keinen Ton von dir! Ich dachte, ihr würdet euch ganz gut verstehen?“
„Tun wir auch“, kam es stockend von Charity.
„Aber…?“
„Aber ich habe Angst!“
Hatte die Blonde die letzten Tage extrem damit zu kämpfen gehabt, sich dies einzugestehen, fiel es ihr auf einmal ganz leicht, es auszusprechen. Denn so war es. Sie hatte Angst.
„Angst? Wovor? Also da find ich Angel deutlich angsteinflößender!“, grinste Cadie.

Damit hatte sie einen wunden Punkt getroffen. Charity schwieg wieder.
„Ach komm schon! War nur ein Scherz. Also, wovor hast du Angst?“
„Enttäuscht zu werden.“
„Aha! Jetzt kommen wir der Sache schon ein Stück näher. Lass mich raten, da gab es mal einen anderen Jungen?“
Es überraschte Charity immer wieder aufs Neue, dass Cadie es in solchen Situationen schaffte, ernst zu bleiben. Wenn es darauf ankam, war Cadie eine Freundin, die man sich besser nicht wünschen konnte.
Charrie nickte.
„Jetzt lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase zieh’n, Mädel!“ Cadie wuschelte ihr durch die Haare. Und Charity überwand sich und erzählte, was ihr schon viel zu lange auf dem Herzen lag.

„Ich war etwa 15, als ich mich zum ersten Mal mit einem Jungen, Alec, aus meiner Parallelklasse traf. Ich weiß noch genau, was für einen wundervollen Nachmittag wir hatten. Ich fühlte mich sehr wohl mit ihm, war vermutlich viel zu schnell bis über beide Ohren in ihn verschossen. Aber wenn ich ehrlich bin dachte ich damals, das beruhe auf Gegenseitigkeit.“
„Ich ahne Böses!“, unterbrach sie Cadie.
Charity nickte. „Als ich am nächsten Tag in die Schule kam, war ich natürlich so blöd und lief gleich zu ihm hin. Da hatte er aber nur irritierende Blicke für mich übrig und zog das Ganze ins Lächerliche. Ich würde da viel zu viel rein interpretieren, wir wären doch nicht automatisch zusammen, wenn wir mal Spaß gehabt hätten.“
„Was für ein Arschloch!“, murmelte Cadie.
„Als wäre das damals für mich nicht schon schlimm genug, interpretierten seine Freunde das vollkommen falsch.“
„Scheiße! Die dachten, ihr hättet es miteinander getrieben!“
Bei dieser ordinären Wortwahl errötete Charity. Ihre Stimme bebte, als sie weiter erzählte.
„Genau. Und dann fing das Gerede an. Ich will die Wörter nicht wiederholen, aber es war schlimm. Bis auf meine damaligen Freunde glaubte mir niemand. Überall war ich nur die Dorfmatratze. Alle lachten sie über mich, Alec am Lautesten.“
Eine einzelne Träne rollte Charity übers Gesicht. Mitfühlend nahm Cadie sie in den Arm, strich ihr über das helle Haar.
„Es wurde irgendwann so schlimm, dass ich die Schule wechseln musste und nach Aldcrest kam“, schloss sie ihre Erzählung.
„Alec, was ist das auch schon für ein Name? Dieses miese Schwein, so ein Wich…“
„Cadie! Lass gut sein!“, unterbrach Charity sie und wischte sich die Träne aus dem Gesicht.
Sie lehnte ihren Kopf an die Schulter ihrer Freundin, schloss die Augen und lauschte einfach nur auf deren Atem.
Doch Cadie konnte nicht lange den Mund halten.
„Und deshalb hast du jetzt Angst, dass Liam genauso wäre?“
Ein stummes Nicken.
„Mensch Charrie, du Dödel! Dann musst du mir aber mal erklären, wieso du dann allen Ernstes Angel schmachtende Blicke hinterher wirfst?“
Charity stöhnte auf.
„Nicht schon wieder!“
„Doch, das muss jetzt sein! Ich versteh’s nämlich einfach nicht. Ich kann dir nicht versprechen, dass Liam ein Engel ist, aber definitiv mehr Engel als unser Angel.“
Bei diesen Worten musste sogar Charrie wieder lachen.
„Naja, also irgendwie hab ich das Gefühl, dass ich mich immer nur in die bösen Jungs verliebe.“
„Ach nee? Angel als Bad Boy? Das hätte ich jetzt aber nicht gedacht.“
Wieder ein Lachen. Langsam gelang es Cadie, die Situation aufzulockern.
„Ich habe das Gefühl, er hat dieses ganz spezielle Charisma, wirkt irgendwie anziehend. Und eigentlich sieht er doch schon ziemlich gut aus, oder?“
Cadie beugte sich nur über die Bettkante und deutete Würgereize an.
„Weißt du, mir tut es immer so wahnsinnig leid, wenn ich Liam gegenüber so doof bin. Aber in dem Moment bekomme ich kein Wort raus. Es ist, als ob mir die Angst die Kehle zuschnüren würde. Und dann ist da immer noch die Hoffnung.“
„Nicht dein Ernst?! Charrie, es tut mir echt leid, aber ich glaube, jemand muss dir hier mal den Unterschied zwischen Träumerei und Realität zeigen. Ich weiß, du siehst in jedem das Gute und hast auch bei Angel die Hoffnung nicht aufgegeben. Aber ganz ehrlich? Der Typ ist ein hoffnungsloser Fall. Genauso ein Vollidiot wie dein Alec! Also wenn du dir nochmal das Herz brechen lassen willst, dann von Angel, aber nicht von Liam. So wie ich die Sache sehe, meint der es nämlich ernst mit dir!“
Das saß. Auf solch eine Direktheit war Charity nicht vorbereitet gewesen, auch wenn sie sich das bei Cadie hätte denken können.
Eine weitere Träne fand ihren Weg auf die blasse Wange des Mädchens.
Cadie strich ihr noch einmal aufmunternd über den Arm. „Denk mal drüber nach!“
Und ließ Charity alleine.

~*~


Besagter Vollidiot hatte natürlich keine Ahnung von dem Gespräch der beiden Mädchen und auch ganz andere Probleme. Denn am Montag direkt nach dem Frühstück wurde der Junge von dem Duo DeLuce und DelDesincourt abgefangen.
„Mein Büro, Sullivan, jetzt.“
„Ich esse...“
„Jetzt nicht mehr. Los, Abmarsch, aber pronto.“

Angel war nicht der Einzige, der in das schwer zugekabelte Büro von DelDesincourt zitiert wurde. Denn als der Junge den Raum betrat, musste er feststellen, dass man auch die Woods hierherbefohlen hatte. Alle beide. Und irgendwie hatte Angel Sullivan da schon das Gefühl, dass heute ein beschissener Tag werden würde. Sogar für seine pessimistischen Einschätzungen.

Vielleicht sei an dieser Stelle angemerkt, dass letztendlich doch ein Großteil der Lehrer kapituliert hatte angesichts der Ausmaße, die dieser Zank der Schüler angenommen hatte. Die Dritte war verflucht. Es hatte in all den Jahren nicht einen Jahrgang gegeben, der sich so sehr in den Haaren lag wie diese Klassenstufe.
„Der Arschloch-Jahrgang“, nannte Lady Wentworth es.
„Der Sullivan-Jahrgang“, nannte Dingeldey es.
„Hab ich doch gesagt“, knurrte Wentworth.

Es war wohl nicht Sullivan allein Schuld an der Misere. Es machte wohl eher die Kombi aus. Aber Angel war schon eines der Hauptprobleme. Und so hatten DelDesincourt und DeLuce beschlossen, den Kampf aufzunehmen.
„Wir sind hier, um uns über euren Streit am Samstag zu unterhalten“, begann DeLuce, der heute den guten Cop mimte.
John Wood und Angel Sullivan musterten sich, als wollten sie sich gleich umbringen. Doch überraschend schritt die Schwester ein.
„Es war ein Missverständnis“, erklärte Erin ruhig. „Das ist schon aus der Welt geräumt.“
Kurz blieb es still. Selbst John war angesichts dieser Eröffnung  verstört.

„Ein Missverständnis?“ DelDesincourts Augenbraue wanderte über den Rand der Sonnenbrille. „Hältst du mich für blöd, Wood?“
„Selbstverständlich nicht, Sir. Ich versichere Ihnen allerdings, es gibt kein Problem.“
DelDesincourt musterte Angel skeptisch. „Das heißt, Sullivan hat dich nicht beleidigt?“
„Nein.“
„Und du, Sullivan? Sie hat dich also nicht geschubst?“
„Ne, bin gestolpert.“
Stille trat in dem kleinen Klassenzimmer ein. DelDesincourt und DeLuce starrten auf das Duo, die beide wiederum tunlichst den Blick auf den jeweils anderen vermeiden und sich bemühten, keine allzugroße Abneigung öffentlich zu zeigen.
„Erpresst er dich?“, fragte John seine Schwester. „Hat er dich bedroht, wen du ihn verpfeifst?“
„Was? Nein! Ich hab dir gesagt, John, es war ein Missverständnis.“
Wieder blieb es still.

„Tja, das… freut uns sehr“, brach der italienische Referendar schließlich leicht überfordert das Schweigen. DelDesincourt dagegen traute dem Frieden nicht ganz.
„Dann reicht euch die Hand“, forderte er die beiden auf. „Nur zur Sicherheit, damit auch keine bösen Schwingungen im Raum sind.“
Angel und Erin erstarrten. DelDesincourt verschränkte die Arme. Doch dann drehte sich Erin um, sah auf und streckte Angel ihre Hand hin. Man sah, dass er die Zähne zusammenbiss. Doch auch er streckte seine Hand aus, nahm Erins Kleinere und schüttelte sie zweimal alibiweise. Beeindruckt schob sich DelDesincourt die Sonnenbrille in die Haare.
„Fein, ihr seid entlassen. Abmarsch. Alle drei.“

„Na, schön, dass sich wenigstens einer dieser Konflikte als Missverständnis herausgestellt hat“, freute sich DeLuce in endloser Naivität, der den Fall schon mental zu den Akten legte.
„Naah“, machte DelDesincourt. „Da ist was faul. Das stinkt zum Himmel. Aber für den Moment ist mir das lieber, als wenn sie offen dem anderen die Kehle rausreißen.“

Draußen auf dem Gang gingen Angel und die Woods umgehend getrennte Wege. Wäre man beiden gefolgt, hätte man gesehen, dass sich beide, Angel und Erin, mit verzogenen Gesichtern die Hand am Stoff ihrer Schuluniform abwischten.


~*~


„Ich bin wirklich enttäuscht von Ihnen. Von Ihnen beiden.“ Lavender musterte die Mädchen, die vor seinem Tisch standen. „Ich hatte gehofft, dass Sie ihre Streitigkeiten wie halbwegs Erwachsene klären. Stattdessen muss ich eine erneute Auseinandersetzung zwischen Ihnen erleben.“ Der sonst so freundliche Henry Lavender legte eine ernste Miene an den Tag.
„Sie hat angefangen, als ...“ begann Sky.
„Lüg hier nicht rum, Kakadu.“
„Hör auf, mich Kakadu zu nennen!“
„SCHLUSS JETZT!“ Mr. Lavender erhob sich, verschränkte die Hände hinter seinem Rücken. „Sie werden hiermit beide zum Nachsitzen verdonnert. Heute Nachmittag. Punkt Vier Uhr in Raum 4.03. Und wehe, ich höre von weiteren Auseinandersetzungen zwischen Ihnen beiden, ist das klar?“
Zerknirscht nickten die beiden Mädchen, warfen sich jedoch einen giftigen Blick zu. „Gut. Dann gehen Sie jetzt. Der Unterricht müsste gleich beginnen.“ Mr. Lavender führte sie aus dem Büro, warf ihnen einen letzten , strengen Blick zu, dann schloss er die Tür.
„Das ist alles deine Schuld!“ fauchte Sky Cadie an, die nur lässig mit den Schultern zuckte, sich abwandte.
„Bleib gefälligst stehen!“ Die Brünette packte die Kontrahentin an der Schulter, doch diese griff nach ihrer Hand und drückte sie in einem schmerzhaften Winkel von sich.
„Hör auf, Kakadu. Du tust dir nur wieder weh.“ Und damit ließ Cadie sie stehen. Leise pfeifend schritt sie von dannen. Als wäre nie etwas gewesen.

~*~


Auch im Unterricht war es heute stiller geworden. Man wollte die Lehrer nicht noch weiter reizen. Vor allem die winzige Miss Hayato kochte noch immer vor Wut über die Zustände vor zwei Tagen. Und nicht einmal die wunderschön geschwungenen As von Grangorias oder Lilia Graus perfekt erledigte Hausaufgaben konnten heute ihre Laune heben.

Riley, Ben, Rory und Evelyn teilten sich eine Bankreihe. PJ hockte auf der anderen Seite des Raumes mit Ishan, wo er immer wieder skeptische Blicke zu der Vierer-Gruppe herüberwarf.
„Junge… du machst mich bekloppt“, murmelte Ishan, dem das Gehampel ganz offensichtlich auf den Senkel ging. Auch seine Gelassenheit war nicht unendlich.
„Sie hat seit dem Gebastel nicht mehr mit mir geredet“, flüsterte PJ, um die wild gewordene Japanerin nicht aufzustören. „Sie ist am Samstag weg und jetzt… keine Ahnung.“
Ishan rieb sich die Schläfen. „Die werden Mädchenkram beredet haben.“
„Weil Darrenforth ja auch so ein Mädchen ist.“
„Kumpel, ich sags die im Guten, du siehst Gespenster.“
„Tu ich das?“
Ishan passte Miss Hayatos Rundgang durch das Klassenzimmer ab, ehe er sich auf seinem Stuhl herum zu Pharrell drehte.
„Was weiß ich, ob du Gespenster siehst. Keine Ahnung. Aber tut ja letztendlich nichts zur Sache. Blooms ist deine Freundin und nicht die von Darrenforth. Und selbst, wenn da wirklich was ist, Darrenforth ist anständig. Das da...“ Ishan deutete auf die Vierergruppe. „Das da ist gut. Die haben sich übers Wochenende ausgeheult, bekabbelt und die haben sich alle wieder lieb. Sei mir nicht böse, Black Jack, aber deine Freundin hat grad emotional einen an der Klatsche und das sieht sogar ein Blinder. Aber wenn das das...“ Wieder wedelte er mit der Hand. „Wenn das Freundschaftsdings funktioniert, dann funktioniert auch Blooms wieder. Lass Darrenforth und die Mädels das flicken. Was Besseres kannst du dir nicht wünschen. Sie kommt wieder. Und wenn nicht… damit beschäftigen wir uns, wenn es nachweislich so weit ist.“
PJ nickte.
„Gut, und jetzt sei ein braves PJ und lass uns mal vierundzwanzig Stunden über irgendwas anderes reden. Autos. Klima-Debatte. Die Farbe rosa. Irgendwas, okay? Aber mach mal Pause.“ Ishan fixierte ihn mit flehendem Blick. „Gib MIR Pause.“
Es war das erste Mal seit Samstag, dass PJ wieder grinste. Und das Grinsen auch fühlte.
„Okay“, sagte er und duckte sich, als Sensei Hayato mit einer zusammengerollten Zeitung in seine Richtung schlug.

~*~


Noch nie hatte es Cadie mit der Pünktlichkeit gehabt. Ihr Motto war: „Chillax. Der Stress kommt von allein.“ Und auch am heutigen Tage ging sie jenem Motto nach. Mochte Mr. Lavender auch Punkt vier Uhr gesagt haben, so war Cadie erst eine Viertelstunde später an der Tür zum Raum 4.03, klopfte nicht einmal und stürmte einfach in den Raum. Ein seltsames Bild bot sich ihr, welches sie im nächsten Moment in Lachen versetzten. Sky, die scheinbar pünktlich gekommen war, wurde von Mr. Lavender festgehalten, balancierte auf einem Stuhl und versuchte, einige an der Decke klebenden Kaugummis abzukratzen. Die Blicke, die sie von den beiden bekam, war unbezahlbar.
„Lachen Sie nicht, Miss Lennox, sondern kommen Sie her.“
Cadie folgte Lavenders Aufforderung, der Sky losließ, auf die Decke deutete. „Ich werde jetzt einfach mal nichts zu der Verspätung sagen ...“
„ … das hat sie doch mit Absicht gemacht“, warf Sky ein, doch achtete Lavender nicht auf sie.
„Ihre und Miss Orlows Aufgabe wird es sein, die Kaugummis, die die Erstklässler so gern an die Decke kleben, herunter zu kratzen. Wie Sie sehen, haben Sie beide damit genug zu tun. Am besten, sie wechseln sich mit Miss Orlow ab. Einer kratzt, der andere hält denjenigen. Und nach einer halben Stunde wechseln Sie.“
„Und wie lange müssen wir das machen?“, hakte Sky nach.
Mr. Lavender zog die Stirn kraus, lächelte. „Bis die Decke sauber ist.“
Sky stöhnte auf, blickte skeptisch zu Cadie. „Muss das sein?“
Und wieder war da nur ein Lächeln auf dem Gesicht des Lehrers. „Ja. Muss es.“

Natürlich war es der Plan des Kollegiums, so den Streit zwischen Sky und Cadie zu beenden. Eine kleine Diskussion hatte die Idee von Mr. Lavender ausgelöst, dem mit Skepsis gegenüber getreten wurden war, als er von seinem Plan erzählte.
„Sicher, dass das funktioniert?“ Krystal sah den höchst motivierten Lehrer an, der leicht nickte.
„Natürlich. Vertrauen Sie mir.“ Mr. Lavender strahlte. „Was die Damen angeht, da bin ich mir immer sicher.“
„Sie haben keine Ahnung, auf welche Teufelsbrut Sie sich da einlassen“, knurrte Miss Hayato von einer anderen Ecke des Lehrerzimmers aus. „Sie werden sich noch wundern.“
„Ach Quatsch. Ich glaube, dass das Sky und Cadie schon hinbekommen.“
Niemand der Kollegen nahm dem Neuling die Hoffnung. Und doch wussten alle, dass dies nur schief gehen konnte. Und damit hatten sie mehr als Recht.

~*~


„Boah, pass doch auf!“
„Was ist denn jetzt wieder?“
„Du hättest mir fast einen Kaugummi in die Haare fallen lassen!“ Sky knurrte leise, am liebsten hätte sie Cadie einfach den Stuhl herunterfallen lassen, doch hielt sie sich noch zurück.
„Würde dir keinen Abbruch tun“, gab die Pinkhaarige von sich, beinahe fröhlich schon.
„Pass auf, dass du dir nichts brichst.“
„ … ich weiß deine Fürsorge zu schätzen, Kakadu.“
Die Angesprochene mahlte leicht mit den Zähnen. Als ein nächster Kaugummi haarscharf an ihr vorbeiflog, krallte sie ihre Nägel in Cadies Beine, die jedoch desinteressiert tat.
„Ich glaube, du bist gleich dran, Hawai.“
„Ich glaube, ich lasse dich gleich mal fallen und lasse es wie einen Unfall aussehen!“
„Trau dich.“
Sky starrte finster hinauf, dann trat sie einen Schritt zurück. Cadie sprang vom Stuhl, ließ ihren Nacken knacken. „Los. Du bist dran.“
„Wer sagt das?“, giftete die Orlow zurück.
„Ich.“ Cadie besaß wirklich viel Selbstbewusstsein. Genug für eine ganze Gruppe. Doch hier biss sie auf Granit.
„Vergiss es.“ Die Hawaiianerin verschränkte die Arme. „Ich lasse mich von dir nicht herum kommandieren.“
„Du bist echt zu blöd, um Herumkommandieren von einer Aufforderung zu unterscheiden, kann das sein?“ Es klang so gehässig, dass Sky die Faust ballte.
„Willst du noch eine drauf, Lennox?“
„Trau dich“, wiederholte diese, verschränkte grinsend die Arme.
Sky hob bereits die Faust, doch in diesem Moment ging die Tür auf und Mr. Lavender trat ein, sah auf das Szenario, welches sich ihm bot, schüttelte den Kopf. „Ich sehe, wir werden morgen das Nachsitzen fortsetzen müssen.“
„Aber es ist doch gar nichts passiert!“ Sky sah den Lehrer entgeistert an.
„Sie wollten doch gerade zuschlagen, Miss Orlow, oder nicht?“
Das Mädchen schluckte und der Lehrer seufzte. „Für heute sind sie entlassen. Gehen Sie. Na los.“

~*~


Jeder, der Alex kannte, wusste, dass er ein ruhiger, freundlicher Junge war, der kaum ein böses Wort gegen jemanden erhob, für Ruhe und Balance in einer Gruppe war. Doch im Moment schien nichts so zu sein, wie sonst. In Alex brodelte es leicht. Er zeigte es nicht ganz deutlich, doch sah man es ihm an. Er war nicht wütend. Auf niemanden. Eigentlich. Doch das Bild, wie Sky damals auf dem Bett von Caido gesessen und mit ihm so vertraulich gesprochen hatte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Und auch, wenn er versuchte, weiterhin nett zu seinem Zimmergenossen zu sein, fiel es ihm zunehmend schwerer, ein Lächeln aufzubringen. Mehr noch nagte es an ihm, dass Sky scheinbar im Moment mehr in die Streitigkeiten mit Cadie verwickelt war, statt mit ihm zu reden. Ein wenig, so schien es ihm, ging Sky ihrem besten Freund aus dem Weg. Auch, wenn sie sprachen, schien sie distanzierter als sonst. Etwas, das ihm einen Stich in das Herz versetzte. Er wollte sich gern mit ihr vertragen, hielt sich aus den Auseinandersetzungen mit Cadie aus diesem Grunde heraus, wollte nicht noch Öl ins Feuer gießen. Doch schien all dies der falsche Weg zu sein. Sky war kratzbürstig, selbst Alex gegenüber. Etwas, das diesem nicht gänzlich unbekannt, jedoch noch nie so gehäuft aufgetreten war. Mit seinen Gedanken war Alex nicht allein, denn selbst Liam fiel es auf, der jedoch immer wieder ein aufmunterndes Wort für ihn übrig hatte.
„Das wird schon wieder." meinte der Green, klopfte seinem Kumpel auf die Schulter. „Beiß die Zähne zusammen und sprich mit ihr. Das renkt sich schon wieder ein."
„Sicher?" Alex war sich da unsicher.
„Klar. Frauen. Du weißt doch: Die ticken da ein wenig anders als wir", zog er Alex auf, der leicht lächelte.
„Hast Recht. Das wird bestimmt wieder."
Doch als Alex an diesem Abend von einer freiwilligen Theaterprobe mit Ben und Evelyn zurückkam, da saß Sky auf Caidos Bett, mit ihm leise sprechend und verstummte, als er den Raum betrat. Die beiden Freunde sahen sich einen Moment an und Alex sah, wie Wut in Skys Blick flammte, schluckte nur. „Sorry. Ich lass euch mal allein." Und ehe jemand etwas sagen konnte, entschwand er aus dem Raum, ließ sie allein. Und innerlich da fühlte Alex etwas reißen. Ohne wirklich zu verstehen, was er selbst fühlte.
Eine ganze Weile starrte Sky auf die Tür, die wieder ins Schloss gefallen war. Das leise Klicken hallte noch nach und doch schien es, als würde auch in Sky eine Tür zufallen. Sie schluckte hart, während die Wut sich in etwas anderes wandelte. Etwas, dass Sky schon seit langer Zeit nicht mehr verspürt hatte. Einsamkeit. Sie sah, wie selbst Alex sie mied und das biss an ihrem Vertrauen in die Welt. Eine Stimme riss sie aus den Gedanken.
„Alles in Ordnung?“ Caido neigte sachte den Kopf, in seinem Gesicht zeichnete sich ehrliche Sorge ab.
„Ja. Ja, es ist alles okay.“ Sie lächelte.
„Ähm ... wo waren wir?“
Caido schmunzelte. „Du wolltest mir von dem letzten Unterrichtsthema erzählen, Biologie."
„Ach ja ...“ Sie sammelte sich. „Das ... ähm ...“ Sky hatte den Faden verloren. Zu viel ging ihr im Kopf herum.
„ ... du musst nicht.“ Caido lehnte sich zurück. Er merkte sehr wohl, dass etwas nicht stimmte.
„Tut mir Leid ... Ist viel los im Moment."
„Magst du drüber reden?“, hakte der junge Mann nach und Sky schluckte erneut.
„Ich ... Ich weiß nicht ...“
„Du musst nicht.“ Er lächelte. „Aber manchmal hilft es.“
Sky gab sich einen Ruck. „Ich hasse es, wie Cadie immer und immer wieder Streit sucht.“
Caido runzelte die Stirn. „Ich habe davon gehört ... Gehst du dem denn nicht aus dem Weg?“
Die Brünette druckste herum. „Ich ... Nein. Nein, irgendwie nicht ...“
Er schmunzelte. „ ... das klingt, als würdest du ebenso Streit suchen.“
Sie fuhr sich durch das Haar. „Ja ... okay. Ich suche auch Streit. Aber sie fängt ständig an und provoziert mich!“
Caido nickte. „Und warum hasst ihr euch so?“
Sky seufzte leise. Die Erinnerungen, die hochkamen, schmerzten. „Ist eine lange Geschichte.“
Der Junge neben ihr schwieg. Wartete.
„Ich ... ich will einfach nur, dass sie sich entschuldigt! Dass sie mich in Ruhe lässt! Diese blöde Kuh!“
„Was hat sie denn getan?“
„Sie hat meinen Hasen getötet!“ Skys Stimme wurde lauter. „Und leugnet es auch noch!“
„Glaubst du denn, dass sie es wirklich war?“
„Natürlich!“ Voller Überzeugung sah die Orlow drein.
„Und was lässt dich zu diesem Schluss kommen?“
Kurz fasste Sky ihre Geschichte und Caido nickte schließlich. „Aber es gibt keine Beweise.“
„Ja ... schon. Aber trotzdem!“ Sie verschränkte trotzig die Arme und der Giranegro runzelte die Stirn.
„Da ist noch mehr, oder?“
Sky schluckte. „Na ja, Alex und ich ... also, ich glaube, er geht mir aus dem Weg.“
„Hm ...“ Caido strich sich einige lange Strähnen hinter das Ohr. „Ich denke, das wird sich schon wieder einrenken.“ Er strahlte Ruhe aus und Sky sah skeptisch drein.
„Sicher?“
„Ja, natürlich.“ Er lächelte. „Streit geschieht, auch unter Freunden. Sprecht miteinander. Dann wird das schon wieder.“
Sky nickte. „Danke. Wirklich.“
„Kein Problem. Du kannst jederzeit zu mir kommen.“

Wenigstens ein Freund schien Sky in all diesem Wirrwarr an Gefühlen noch zu bleiben. Einen, den sie gerade erst kennen gelernt hatte und dem sie sich doch irgendwie verbunden fühlte. Sky wusste nicht, was sie ohne Caido getan hätte. Vermutlich wäre sie durchgedreht. Hätte Cadie abgemurkst. Okay, das konnte auch immer noch passieren.
Als Sky auf dem Weg in ihr Zimmer war und sich durch die dunklen Gänge schob, vibrierte plötzlich ihr Handy. Für einen kurzen hoffnungsvollen Moment dachte Sky, es wäre Alex, der endlich wieder mit ihr reden wollte. Doch die Nummer auf dem Display war eine andere.
„Dad? Was ist los?“
Irgendetwas stimmte nicht. Sky hörte es schon an der Tonlage.
„Es geht um Mum, oder?“, flüsterte sie.

~*~


Dämmrig war die Umgebung um das Internat herum, düster der Wald selbst, der sich am Rand des Grundstückes erstreckte, dicht und mit Dornen besetzt nach jedem zu Greifen schien, der in seine Nähe kam. Nicht viele wagten sich allein die die unbekannten Gefilde, doch war Gran ein ständiger Besucher dieses mysteriösen Ortes. Mit ruhigen Schritten und klarem Blick legte er den Weg vom Schulgebäude zum Wald zurück, zu dem es ihn ständig zog. Es war wohl die Atmosphäre, das Unbekannte, was ihn reizte. Was ihn immer tiefer und länger in den Wald trieb.
Seit jeher war Grangorias ein neugieriger Junge, der die Finger nicht von dem Feuer lassen konnte, welches seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Und für ihn war der Wald dem Feuer gleich. Unerforscht und voller unerwarteter Dinge, die es zu entdecken galt. Und etwas, das wusste Gran, lauerte in dem Wald.

Es war ein kribbelndes Gefühl auf seiner Haut, jedes Mal wenn er ins Unterholz verschwand. Manchmal war es auch nur ein Gefühl. Manchmal ein fremder Geruch. Doch etwas war da draußen. Etwas, dass Gran nicht zuordnen konnte. Auf der Suche nach einer Spur ging Gran die Pfade des Waldes entlang, genoss die Stille, die ihn hier erwartete und lauschte dem leisen Zwitschern der Vögel, die im Geäst der Bäume saßen. Kühl war es noch, doch der Frühling hatte Einzug gehalten und es roch nach frischem Gras, Tau und Kräutern. Der Junge atmete tief durch, spürte, dass die Nacht bald anbrechen würde und hob einen Ast an, ehe er unter ihm hindurch ging. Friedlich war es hier und Gran fühlte sich wohl in diesem grünen Reich, obgleich es viele, tödlich Gefahren barg. Gran wusste sich jedoch zu wehren. Es war nicht das erste Mal, dass er die Pfade verließ, durch die Bäume hindurch wandelte, die Nase in den Wind gestreckt. Er war sich sicher, dass in diesem Wald mehr lauerte, es mehr gab, als das, was sich ihm bisher gezeigt hatte.

Der Drachenjunge schloss die Augen, sensibilisierte seinen Geruchssinn, verharrte. Er konnte die Nässe des Mooses riechen, die feuchte Erde, den Geruch eines Tieres vernehmen und … da war noch etwas anderes. Er öffnete die Augen, schritt jener Spur nach. In ihm kribbelte die Erwartung, doch lag ein kleiner Marsch vor ihm. Dichter und dichter wurde der Wald, dunkler und dunkler die Umgebung. Die Nacht lag über den Baumwipfeln, Wolken zogen am Himmel vorbei, trübten das Mondlicht, welches nicht einmal bis zum Waldboden drang. Gran konnte sich allein auf seine Sinne verlassen. Und plötzlich lichteten sich die Bäume. Leise raschelte das Gras auf der Lichtung, die sich ihm eröffnete.
Eine Eule flog über ihn hinweg und ihr Schatten huschte über dem Boden, als das Mondlicht durch die Wolken brach. Ein leichter Wind brachte die losen Blätter zum Tanzen und Gran kniff die Augen zusammen, spitzte die Ohren, als ein fremder Geruch sich unter die Düfte des Waldes mischten. Sein Blick glitt über die Lichtung, suchten nach der Quelle, doch fanden im ersten Moment nichts. Es schien alles normal zu sein. Die Vorsicht war dem jungen Drachen geboten, denn im Wald konnten noch immer Einhörner und andere Wesen lauern. Prüfend warf der Kortha einen Blick über seine Schulter, doch nichts als Finsternis erblickte er.
Das Rascheln ließ seine Sinne wachsamer werden. Ein Knacken vor ihm lenkte die Aufmerksamkeit in jene Richtung. Irrte er, oder war dort doch etwas? Gran spannte sich an, sein blasses Antlitz, sein rotes Haar glänzte im Mondlicht. Wie ein Raubtier verharrte er, mit flachem Atem und ruhigem Herzen. Dann sah er es. Eine Bewegung. Vor ihm in der Dunkelheit.
Ein weiterer Ast knackte. Gran hielt den Atem an, beugte sich leicht vor. Bereit, zu zu schlagen, sollte ihn etwas angreifen. Und doch … Er erstarrte.

Etwas formte sich aus der Dunkelheit. Etwas blitzte auf. Augen. Ja, es waren Augen. Gelb, wachsam. Ein leises, gurrendes Fauchen ertönte und auch Gran knurrte leise. Was auch immer da aus der Nacht auf die Lichtung treten wollte, es war groß genug, dem Jungen bis zur Brust zu reichen. Langsam schob sich eine krallenbesetzte Pfote ins Mondlicht, spitze, lange Zähne blitzten im Dunkeln auf. Gran wartete. Das Fell dieses Wesens konnte er nicht bestimmen, doch der Kopf, der sich ins Helle schob glich dem eines Luchses. Auch der Körperbau. Nur … etwas war seltsam. Der Kopf war länglicher, die Ohren größer, zerfetzt. Glimmend waren die Augen, der Schweif des Tieres peitschte. Und eine kleine, blaue Flamme, die ins grünliche sich verfärbte blitzte auf. Gran schluckte hart, verharrte. Es war wohl das seltsamste Wesen, was er je gesehen hatte. Und das eigenartigste an jenem waren die leicht verzweigten Hörner auf dem Kopf des Tieres, von denen etwas herunter hing. Was es war, konnte Gran nicht sagen. Der Geruch, der immer penetranter wurde, ließ ihn erschaudern. Es roch nach Tanne, nach Kraut, nach Moder. Langsam kam es näher, fauchte erneut. Nur noch wenige Schritte war das Wesen von ihm entfernt. Und Gran machte sich bereit zum Kampf. Näher. Näher. Immer näher. Es knurrte.

„Gran!“ Ein Rascheln erklang hinter ihm und er sah nach hinten, bemerkte er, wie Lauren auf ihn zutrat.
„Was machst du h …“ Laurens Stimme brach als ihr Blick hinter Gran fiel. „Was zum …?!“
Gran fuhr herum, doch als ihr Blick auf das Wesen fiel, sah er nur noch, wie Schatten über den Boden krochen, in den Wald verschwanden.
Gran schluckte. „Was zum Teufel war das?“
„Ich weiß es nicht“, murmelte Lauren. „Aber wir sollten von hier verschwinden.“

~*~


„Was macht eigentlich dein Auge? Ich meine, ist das okay?“ Besorgt musterte Charity ihre Freundin und inspizierte sorgfältig Cadies Gesicht. Am Samstag nach Sensei Hayatos Eingriff in das Chaos hatte man Sky auf die Krankenstation gebracht, um ihre gebrochene Nase zu behandeln, und Cadie war der Blondine auf ihr Zimmer gefolgt. Die Erschöpfung war ihr da schon deutlich anzusehen, und innerlich schüttelte Charity nur immer wieder den Kopf. Warum mussten sich dauernd alle streiten? Klar, das Konfliktpotenzial lag bei den Schülern weit über dem Durchschnitt, schon allein wegen der Erfahrungen, die sie in der Vergangenheit nicht zuletzt aufgrund ihrer Gaben gemacht hatten. Auf sie wirkte es jedoch, als würde nahezu jeder Einzelne es darauf anlegen, Kleinkriege und Schlägereien heraufzubeschwören.

Wenigstens eine Sorge konnte Charity streichen: Das Auge war über das Wochenende erneut wie von Zauberhand geheilt. Nicht, dass es sie davon abhielt, nachzufragen. Seufzend ließ sich Cadie auf Charries Bett fallen und schloss die Augen für einen Moment. Der gesamte Tag war anstrengend gewesen und klang noch in den beiden nach. Und Cadies Worte zu ihren Gefühlen… Charity konnte sie nicht vergessen.
„Kennst du dieses eklige Gefühl, wenn ein blauer Fleck so dermaßen wehtut, dass es die ganze Zeit pocht und du deinen Herzschlag ganz weit weg von der Brust an der völlig falschen Stelle spürst?“
Charity gab nur ein mitleidendes „Mhm“ von sich. Zwar wollte sie weder für Sky noch für Cadie Partei ergreifen, da sich ihrer Meinung nach beide viel zu kindisch und unverantwortlich verhalten hatten, aber Schmerzen wünschte sie dennoch keinem.
„Tja, so fühlt sich das zum Glück nicht an.“ Cadie grinste matt, bevor sie ein ausgiebiges Gähnen von sich gab. „Ich bin einfach nur müde…“ Von einer plötzlichen Energie ergriffen, als wolle sie ihre letzten Worte sofort wieder revidieren, saß sie in der nächsten Sekunde wieder aufrecht auf der Bettkante und empörte sich lautstark über den „Kakadu“.
„Ich meine, ganz im Ernst, was ist denn falsch gelaufen bei der? Ich hab sie lediglich gebeten aus dem Weg zu gehen und sie rammt mir gleich die Arme in den Bauch. Was zur Hölle ist bitte ihr Problem?“
„Naja, du bist auch nicht unbedingt immer die Umgänglichste…“, murmelte Charity kaum hörbar, als ginge sie selbst davon aus, dass man sie ohnehin überhören und übergehen würde.
Doch dieses Mal war es anders. Hellhörig lauschte Cadie auf und tiefe Falten gruben sich in ihre Stirn, ihr Blick bekam etwas Düsteres. „Wie meinst du das?“
„Eben so, wie ich es gesagt habe.“ Seufzend zuckte die Blondine mit den Schultern und ließ sich neben Cadie auf dem Bett nieder. „Du handelst auch oft etwas … impulsiv und voreilig. Handgreiflichkeiten muss man ja zum Beispiel nicht gleich mit Gewalt beantworten.“
„Ich soll mir das also einfach gefallen lassen?“ Schnaubend schüttelte sie den Kopf und ihre pinken Haare wirbelten durch die Luft. „Nee, lass mal, sonst ende ich noch wie du als Fußabtreter, der die ganze ätzende Arbeit für alle übernimmt und im Gegenzug nicht mal ein Danke bekommt.“
Nachdenklich senkte Charrie den Kopf. Sie fühlte sich plötzlich stark an Erin erinnert. Obwohl die Irin von Angel hartnäckig und pausenlos schikaniert wurde, hat sie sich nicht unterkriegen lassen, ganz im Gegenteil. Sie war standhaft geblieben und hat letzten Endes auch zu ihrem Selbstbewusstsein zurück gefunden. Und Angels Wunden erneut aufgerissen. Kurz verdüsterte sich Charitys Miene, dann zwang sie ihre Gedanken, zum ursprünglichen Thema zurückzukehren.

„Ich helfe anderen Menschen eben gerne, einfach nur weil es schön anzusehen ist, wenn es ihnen besser geht und sie sich freuen, über was auch immer. Aber du lenkst vom eigentlichen Problem ab“, machte sie Cadie sanft, jedoch bestimmt aufmerksam.
Gereizt verdrehte die Jüngere die Augen und schüttelte den Kopf. „Du willst, dass ich Verantwortung übernehme, hab ich recht? Wahrscheinlich soll ich mich bei Fräulein Kakadu auch noch entschuldigen, ich hab ja ihrem spitzen Ellenbogen im Weg gestanden.“ Ein verächtliches Schnauben ertönte, doch anstatt auf ihren Sarkasmus einzugehen, blieb Charity ruhig.
„Das wäre schon mal ein guter Anfang, ja“, lächelte sie sanftmütig. „Sky ist auch nur ein Mensch. Wenn du den ersten Schritt machst und zeigst, dass du offen bist für eine Aussöhnung, wird sie das Angebot letztlich annehmen. Das einzige, was dir im Weg steht, ist dein Stolz“, schloss sie mit einem leichten Lachen.
Für einige Sekunden starrte Cadie sie wortlos an. Ihr Blick wirkte perplex, eine Mischung aus Schock und Ungläubigkeit, doch alles, was sie am Ende sagte, war: „Du redest so viel, wenn man mit dir alleine ist. Wieso nicht auch sonst? Du bist ja ganz offensichtlich nicht dumm. Zeig das.“
Erneut zuckte Charity mit den Schultern. „Keine Ahnung, halt so. Aber du lenkst schon wieder ab.“
„Maaan, Charrie!“, murrte Cadie widerwillig. „Du weißt doch ganz genau, dass ich mich nicht bei Sky entschuldigen werde. Sie hat mich zuerst blöd angemacht, da soll sie auch bitte den ersten Schritt tun.“
„Es zeugt von auch von Stärke, seinen Stolz mal runterzuschlucken.“
„Aus welchem Film hast du das jetzt zitiert?“
„Ähh… Könnte aus Game of Thrones sein… Ist ja auch egal. Jetzt beweg deinen Hintern und bring das wieder in Ordnung!“ Mit einem leichten Lachen, aber dennoch mit einem Gesichtsausdruck, der zeigte, wie ernst es ihr war, sprang sie auf und versuchte, Cadie ebenfalls vom Bett zu zerren.
„Ich will aber nicht!“, quengelte sie übertrieben.
„Himmel, du weißt schon, dass du dich gerade wie eine Drei-Jährige aufführst, die ihr Gemüse nicht essen will, oder?“
„Apropos, Essen wäre jetzt auch eine gute Idee!“
„Ich geh jetzt zu Sky.“
„Bitte, mach doch!“
„Und sag ihr, dass dir alles unverzeihlich leid tut und du alles tun würdest, um deine Schuld zu begleichen.“
„Wehe…“
„Selbstverständlich hast du Lust, ihr die nächsten drei Monate deinen Nachtisch zu überlassen, das ist doch gar keine Frage!“
„Ich warne dich…“
„Hauptgang auch? Cadie, wow, ich wusste ja gar nicht, dass du so viel Spaß am Fasten hast.“
„Ich hasse dich.“
„Komm jetzt einfach.“
Mit einem triumphierenden Grinsen auf den Lippen hielt Charity ihrer Freundin die Tür auf, die sich schließlich mit einem grimmigen Blick geschlagen gab. „Das wird noch Konsequenzen für dich haben.“
„War das auch aus Game of Thrones?“

Unwirsch klopfte Cadie an Skys Zimmertür und wippte ungeduldig auf ihren Fußballen vor und zurück. Die beiden Mädchen warteten eine ganze Weile, doch niemand öffnete ihnen.
„Toll, sie ist nicht da, lass uns wieder gehen.“ Erleichtert wollte sich Cadie bereits wegdrehen und in Richtung Mensa stapfen, doch Charity hielt sie zurück.
„Jetzt warte doch mal.“ Seufzend klopfte sie erneut, viel vorsichtiger als Cadie zuvor. Wieder kam keine Antwort und kurz entschlossen drückte Charity schließlich die Klinke, um zu überprüfen, ob überhaupt abgesperrt war. Die Tür schwang widerstandslos auf.
Eigentlich war es nicht ihre Art, einfach in fremde Zimmer zu rennen, doch als sie durch den geöffneten Spalt ein leises Schluchzen vernahm, wollte sie das nicht ignorieren. Langsam trat sie in das, für ihren Geschmack, viel zu unordentliche Zimmer und bemerkte schnell Sky, die mit dem Rücken zu ihnen auf der Bettkante saß.
„Sky…“, machte Charrie leise und näherte sich der Dunkelhaarigen vorsichtig.
Überrascht wirbelte Sky herum und starrte die beiden Mädchen zuerst irritiert, dann zornig an.
„Was macht ihr hier?“, schrie sie und Tränen rannen ihr über das aufgequollene Gesicht. Allem Anschein nach hatte sie zuvor bereits eine ganze Menge vergossen. Geräuschlos tropften sie auf die feuerfarbene Handyhülle, die sie mit beiden Händen fest umklammerte. Ihr ganzer Körper zitterte, ob Wut der Auslöser war, konnte Charity nicht mit Bestimmtheit sagen. Sie sah nur, dass es zunahm und schlimmer wurde.
„Hey, ganz ruhig!“ Hastig griff sie nach Skys Schultern und suchte ihren Blick. „Ganz ruhig bleiben. Was ist denn passiert?“
Ärgerlich schlug die Hawaiianerin ihre Hand weg und schniefte laut. „Das geht euch überhaupt nichts an. Verschwindet einfach wieder.“ Sie wollte stark und selbstbewusst wirken, sie wollte nicht mehr dieses zerbrechliche Ding von früher sein, doch ihre Stimme machte nicht mit. Sie zeigte ihre Schwäche und ihre Verletzlichkeit. Auf die Wut flossen nur noch mehr Tränen.
„Siehst du, ich hab dir doch gesagt, dass das eine fürchterliche Idee ist“, stöhnte Cadie jetzt und verdrehte genervt die Augen.
„Sei einfach mal still!“, fuhr Charrie sie überraschend scharf an, bevor sie sich wieder an Sky wandte. „Magst du uns nicht einfach sagen, was los ist?“
Schnaubend schüttelte diese den Kopf. „Die da“ Anklagend deutete sie auf Cadie. „hat mir gestern die Nase gebrochen. Und Kaugummi in die Haare geworfen. Du glaubst doch nicht im Ernst, ich hätte jetzt Bock auf ein nettes Gespräch, oder?“
„Freilich hast du das. Eigentlich waren sogar Tee und Kekse eingeplant“, schoss Cadie bissig zurück.
„Sehr gut, ich hätte gerade richtig Lust auf eine große Kanne Leck-mich-am-Arsch“, fauchte Sky und sprang zornig auf, bereit, ihre Meinung erneut mit Fäusten zu bekräftigen.
„Haltet jetzt beide eure Klappen!“, rief Charity laut, viel zu laut im Vergleich zu dem sonst so schüchternen und zurückhaltenden Mädchen. Aber es wirkte und die beiden Streithähne starrten sie verstummt an. „Danke. Also, erstens: Wir sind hier, weil Cadie sich entschuldigen möchte. Diese dummen Kommentare und Sprüche die ganze Zeit tun ihr leid und das hat sie jetzt endlich eingesehen. Nicht wahr, Cadie?“
„Ja…“, grummelte diese wenig überzeugend. Dann atmete sie jedoch tief ein, schloss kurz die Augen und zauberte schließlich sogar einen authentischen Reueblick auf ihr Gesicht. „Es tut mir wirklich leid, auch wenn du mir das jetzt vielleicht nicht glaubst.“
Bevor Sky ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen etwas zweifellos Fieses erwidern konnte, fuhr Charity schnell das Gespräch fort. „Ich verstehe auch, dass du bestimmt nicht mit uns darüber reden willst, aber wenn irgendetwas passiert ist, wäre ich sehr froh, dir helfen zu können.“ Ihre Stimme war sanft und eindringlich und vermutlich war es diese Mischung, die Sky letztlich resigniert aufseufzen und sich zurück aufs Bett fallen ließ.
„Es geht um meine Mutter“, begann sie und bedeutete Cadie mit einem Blick der Versöhnung, sie solle sich ebenfalls setzen. Charrie ließ sich den beiden gegenüber auf dem Fußboden im Schneidersitz nieder. „Sie liegt seit einem halben Jahr im Koma und gerade haben die Ärzte angerufen und haben gesagt, sie sei mehrfach kollabiert und habe höchstens noch ein paar Wochen…“ Zitternd schlang sie sich die Arme um den Körper und versuchte tunlichst, die Fassung zu behalten.
„Ich will sie nicht verlieren“, wisperte sie tonlos und für einen Moment konnte man die bodenlose Angst in ihrem Blick erkennen.
Review schreiben
'