The Magic of Aldcrest

MitmachgeschichteAbenteuer, Romanze / P16 Slash
Engel & Dämonen Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Geister & Gespenster Ritter & Krieger Zauberer & Hexen
26.03.2014
18.06.2019
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Dieses Kapitel
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Dank einer fleißigen Gastautorin ging es diesmal sehr viel schneller mit dem Upload: Ein Kapitel zum Abschluss von Autorin rabenmaedchen :) Danke, Ives

Wenn es eines gab, dass Wyn hasste, dann war es Unordnung, die sie nicht fabriziert hatte. Und lautes Gebrüll, das nicht aus ihrem Munde kam. Und Inkompetenz, die nicht von ihr her rührte. Doch was Wyn am aller aller meisten hasste, war das Chaos durch höhere Mächte, während sie nicht einmal in ihrem eigenen Territorium war. In diesem Falle betraf dies IHR Internat. Mit IHREN Schülern. Und IHREM Personal. Während SIE nicht da gewesen war. Und dies brachte die Schulleiterin zum Kochen, die seit letzter Nacht nach Abriss des Geisterstromes und dem Versiegen des Abyss noch immer dabei war die Gefolgschaft der Bildungseinrichtung zur Ordnung zu rufen und aufzuräumen. Nun. Wyn selbst natürlich räumte nicht auf. Dazu konnte sie andere bringen. Doch das Befehligen an sich machte die Oberhexe wahnsinnig. Es war nervig, kräftezerrend und jemand musste dafür Buße tun, dass ihr Kaffee langsam zur Neige ging. Und da es zu viele Verletzte und Geschwächte gab, konnte Wyn niemanden mit dem Auftrag des Besorgens dieses Heißgetränkes beauftragen. Zum Kotzen war das. Wer hatte überhaupt dafür gesorgt, dass hier so ein Chaos ausbrach? Wer war für diese Schandtat verantwortlich, dass sie jetzt keinen Kaffee in den Händen hielt? Wer, verdammte Axt?!

Wyn schnaubte, raste durch die Gänge der Schule, scheuchte mal hier und mal da eine Person aus dem Weg oder rannte sie einfach über den Haufen. Es war ihr scheibenhonigverdammt egal, wer Schuld an dem ganzen Schlamassel trug. Er sollte nur dafür sorgen, dass er ihr nicht unter die Augen trat. Oder noch schlimmer. Sie ansprach. Wyn war geladen. So richtig. Selbst Ben ging ihr aus dem Weg, spürte er sehr wohl, wann seine Mutter tödlich werden konnte. Woran dies lag? Nicht nur an der teils zerstörten Schule, an den aufgeregten Schülern oder dem noch immer zugeschneiten Aldcrest. Nein. Es lag an den Anrufen, die Wyn täglich von besorgten Eltern erhielt. Eltern, die wissen wollten, was geschehen war. Elten, die wissen wollten, wie es ihren Kindern ging. Eltern, die ihr Vorwürfe machten und ihr mit der Schulaufsichtsbehörde drohten. Eltern, die ihr Drohbriefe schrieben und sagten, wenn keine Erklärung käme, würde man die Kinder von der Schule nehmen. Wyn verbrannte die Briefe in der Regel und würgte die Anrufer ab. Etwas anderes blieb ihr nicht übrig. Oder besser wäre gesagt, dass sie keine Lust hatte, sich mit diesen nervtötenden Erzeugern herum zu schlagen. Sie war schon ausgelastet genug mit der Suche nach Kaffee. Und dem Gejammer der Schüler und des Referendars Lucas … Lucius … Lu .. Ach, mit dem verdammten Referendar eben! Himmel noch eins! Wo war dieser verdammte Kaffeeautomat, wenn man ihn mal brauchte? Wyn erinnerte sich noch gut, dass er im ersten Stock des Gebäudes stand. Sehr gut sogar. Und ihre Nase war in Aussicht auf das braune, dampfende Getränk auf scharf gestellt, witternd.

Einer Büffelherde gleich bahnte sich die Schuldirektorin den Weg die Treppen hinunter, eine Staubwolke hinter sich herziehend. Da. Da war er! Der Kaffeeautomat! Der geliebte Kaffeeautomat! Wyn grinste bereits triumphierend, blieb mit quietschenden Sohlen vor dem Gerät stehen, holte aus, um den Knopf zum Start zu betätigen, als es ihr auffiel. Das kleine Schildchen, dass wohl jemand darauf geklebt hatte.
Defekt.
D. E. F. E. K. T.
Langsam sank die Hand Wyns und die Stimmung um sie herum wurde eisig. An den Fenstern um sie herum bildeten sich bereits Eiszapfen und  -blumen und der Schatten über dem Gesicht der Oberhexe wurde länger, während es in ihren braunen Augen zu flackern begann, einem Höllenfeuer nicht unähnlich.
Defekt … Wyn wusste in diesem Moment nur eines. Derjenige, der für das Geisterchaos verantwortlich war, würde leiden. Sehr. Leiden.

~*~

Erleichterung. Das war es, was Sky verspürte, als Alex mit einem tapferen Lächeln aus dem Krankenzimmer trat und sie in die Arme schloss. Erleichterung, Wärme und die Zuneigung zu ihrem besten Freund. Die Angst wich und Tränen bahnten sich ihren Weg, als sie Alex immer fester an sich drückte, der leicht stöhnte. „Vorsicht ...“ murmelte der Junge leise, löste sich von der Hawaiianerin, die entschuldigend drein sah.
„Geht´s … dir gut?“ murmelte sie, noch ein wenig durch den Wind von den letzten Stunden.
„J-Ja … schon ...“ Alex blickte zuversichtlich drein.
„Tut es sehr weh?“ Skys Sorge wuchs mit jedem Augenblick mehr. Und auch leise Vorwürfe regten sich in ihr, dass sie hätte besser auf ihn aufpassen können. Doch all dies wurde im Keim erstickt, als Alex auf zwei Verbände deutete, abwinkte.
„Nein. Nur leichte Blessuren … Wie geht’s dir?“
Sky schluckte. „Ist … ich weiß nicht …. Mir geht’s gut … Also … soweit man das eben beurteilen kann ...“ Sie lachte nervös, schluckte. Kramte in ihren Taschen. „Ich … ich dachte, du hast Hunger ...“ Mit diesen Worten zog sie ein Sandwich hervor, reichte es Alex.
„ … danke. Echt.“ Er zögerte, dann griff er danach. „Ist nicht von den Diabolischen Schwestern, keine Angst. Leslie hat´s gemacht.“ beruhigte ihn Sky und beide sahen sich für einen Moment an, ehe sie los kicherten und Alex einen Bissen tat.
„War … echt krass das alles, oder?“ kam es schließlich von Alex, der durch den Gang sah, wo noch immer besorgte, verängstigte Schüler und aufgeregte Lehrer liefen.
„Ja … war es ...“ Sky schüttelte sich. Es würde lange dauern, bis die beiden vergessen würden, was geschehen war. Doch gemeinsam konnten sie sich aus dem Loch ziehen. Gemeinsam konnten Sky und Alex zurück in den Alltag finden. Zu den üblichen Problemen. Und den üblichen Ärgernissen. Zusammen. Und egal, was da draußen noch lauerte. Es konnte nichts mehr an dem Vertrauen der beiden in sich und in dem jeweils anderen rütteln. Gar nichts.

~*~

Sein mächtiger Kopf ruhte auf dem kalten Schnee, der unaufhaltsam fiel und die Landschaft in ein einziges Weiß verwandelte. Müdigkeit spiegelte sich in seinen gelblichen Augen mit den schlitzartigen Pupillen, die leicht hin und her sprangen und dem Tanz der Flocken folgte. Leicht spürte er die Vibrationen, die durch die Erde gingen und ihm sagten, dass noch immer die pure Hektik im Orte Aldcrest und der Umgebung herrschte. Und dann war da dieses leichtes Zittern des Erdbodens, welche ihn aufsehen und in das Gesicht eines Mädchens blicken ließ, welches er kannte. Wie ein Schatten trat sie auf die Lichtung, auf der er lag, halb unter dem Schnee versteckt und doch nicht zu übersehen. Ihre leicht abweisende Haltung, ihrer sturer Blick, das abstehende kurze Haar. Ja. Er erinnerte sich an sie und ohne Hast erhob sich der Drache, der auf einer Lichtung im Wald hinter dem Internat verharrte.
„Man sucht dich bereits.“ erklang die Stimme von Lauren Magnuss, die die Arme verschränkte, wohl nicht ganz zufrieden mit der Wahl der Botin zufrieden war. Er reagierte nicht sofort, musterte sie nur, während seine Schuppen leise raschelten, die Flügel die Luft zerschnitten, als er sie ausstreckte. Grau wie Granit war sein Aussehen. Grau und glänzend. Im Mondlicht, so wusste der Drache, schimmerte sein diamantharter Panzer wie ergrauter Perlmutt, doch verschwendete er keinen weiteren Gedanken daran. Es war der Kampf, die Wache, die noch frisch in seiner Erinnerung aufblitzte. Er war nicht von der Seite von Lauren gewichen, hatte mit ihr zusammen das Schloss bewacht und die Reste der Angst und des Adrenalins der vergangenen Nacht pulsierten noch immer durch die Adern des Kolloss. Seine Größe jedoch beeindruckte die Werwölfin nicht, deren Augenbrauen langsam, ungeduldig, in die Höhe gingen.
„Gran … Kommst du nun langsam zurück, oder nicht?“ Er schüttelte das mächtige Haupt, sah zum Himmel. So lange schon sehnte er sich danach, am Tage zu fliegen. Und seit der gestrigen Nacht sah es Grangorias Korthas nicht mehr ein, sich zu verstecken. Er war hier. Und er wollte die Freiheit schmecken, die Luft spüren und die Weite des Himmels mit seinem Sein ertasten. Seine Zeit war gekommen. Und Lauren schien dies, obgleich des entnervten Seufzens, zu verstehen.
Die Magnuss winkte ab. „Ich sage einfach, bei dir dauert´s noch ne Weile ...“ Dann wandte sie sich ab, stiefelte durch den Schnee zurück. Gran war zufrieden und mit einem letzten Ruck schüttelte er den Schnee ab, der sich auf seinem Leibe niederlegen wollte und schnellte in die Höhe. Der Himmel erwartete ihn. Und die Freiheit …

~*~

Lauren war müde und genervt. Zu viel Trubel zerrte an ihren Nerven und sie freute sich bereits seit dem Ende dieser seltsamen Situation auf ihre Hütte und die Einsamkeit, die darin auf sie wartete. Doch musste sie noch einige Schüler ausfindig machen und zurück zum Internat schicken. Wohl waren einige von Wyns Schäfchen abhanden gekommen und jene hatte den Wolf persönlich zur Suche verdonnert. Etwas, dass die Magnuss nicht befürwortete. Doch Ärger nach dem ganzen Stress der letzten Nacht wollte sie gern vermeiden.

Nur noch fetzenweise erinnerte sich die 109-Jährige, was geschehen war und seltsamerweise blitzte immer wieder Johns Gesicht und ein paar giftgrüne Augen in ihrem Verstand auf. Doch verwischten die Reize an Gerüchen, Geräuschen und der bleibenden Erinnerung an die Kälte der letzten Nacht immer wieder diese Bilder, was Lauren mürrisch machten. Sich überhaupt an etwas zu erinnern, was in der Zeit in ihrer Wolfsgestalt  geschehen war, war ein Kunststück für sich und mit etwas mehr Übung würde sie es schon irgendwann einmal hinbekommen. Ganz bestimmt sogar. Lauren stiefelte weiter durch den hohen Schnee, die Nase in den Wind haltend. Gern wäre sie jetzt im Warmen, fern von all dem Lauten und dem Hektischen, doch war ihr dies nach Anweisung von Wyn nicht möglich. Und so hielt die Wölfin durch, würde die verloren gegangenen Schüler finden und zurück treiben. Etwas anderes blieb ihr schließlich nicht übrig. Und ein wenig … ein klein wenig nur … War Lauren froh, etwas tun zu können.

~*~

Zusammen gerollt lag Erin auf der Matratze in ihrem Zimmer und starrte an die Wand. Vor einiger Zeit war ihr Bruder hier gewesen, leise mit ihr gesprochen und ihre Hand genommen. Er war den Tränen nahe gewesen, das hatte sie gespürt. Doch er riss sich zusammen. Ihretwegen. Was genau geschehen war, konnte die junge Wood nicht sagen. Nur Fetzen waren übrig geblieben von der Zeit, die nicht einmal ihr zu gehören schien. Wie erschlagen fühlte sich die Irin, deren Kopf pochte wie nach einer langen, durch gezechten Nacht. Verschwommen nur nahm sie die Bilder wahr, sah sie, was geschehen war und doch erschien es Erin nicht glaubhaft. Genauso wenig glaubhaft, wie die Erzählungen ihres Bruder waren. Doch glaubte sie ihm, egal, wie seltsam seine Erklärungen waren.

Geister … Ein Geist war in ihr gewesen und noch immer erschütterte es Erin, was dieser in ihrem Körper hatte anstellen können. Ab und an war es ihr erlaubt gewesen, mitzubekommen, was diese Tote getan hatte. Und dies war nicht gerade etwas, dass Erin befürworteten konnte. Es widerte sie förmlich an, was geschehen war. Was sie hatte mitbekommen. Und es gab wohl viele Gespräche, die Erin führen musste. Oder zumindest … eines.

Die Rothaarige schluckte, fuhr sich über die Augen. Müde war sie. Ausgelaugt. Erschlagen. Ihr tat der Körper weh, doch machte dies nicht Erin fertig. Nein. Und sie wusste, dass es eine Weile dauern würde, bis sie wieder klar bei Verstand sein konnte. Nach Tagen der inneren Ohnmacht würden Wochen der Erholung folgen. Doch Erin würde dies schaffen. Sie war nicht allein. John war bei ihr. John würde immer für sie da sein. Und in schwachen Momenten würde sie zu ihm gehen. Sonst wollte es Erin allein schaffen, denn stark war das Mädchen im Inneren.
Doch jetzt … jetzt brauchte sie Hilfe. Hilfe, um weiter über ihren Schatten springen zu können. Hilfe, wieder zu ihrer Standfestigkeit zu finden. Und in den Ferien, die nunmehr anstanden, würde sie die finden. In einer ihr vertrauten Umgebung. Ihres Zuhauses. Der Küste von Irland.

~*~

Bedrückende Stille lag im Raum und alle Anwesenden spürten es. Riley. Rory. Ben. Kein Einstieg würde all dies entschuldigen, was Riley empfand. Immer wieder huschten ihre Blicke zu ihrer besten Freundin und ihrem besten Freund. Und auch, wenn sie wusste, dass beide ihr verziehen, so konnte sich Riley doch ihr Verhalten selbst nicht entschuldigen. Abwechselnd hatten Rory und Ben ihr erzählt, was alles geschehen war. Und mit jedem Wort weiter, war Riley blasser und blasser geworden. Nach Stunden im Krankenzimmer und dem mürrischen Geschwafel von Mrs. Morris war die Ruhe wohltuend für Rileys Seele, die doch mehr als geschunden war. Müde war sie. Angeschlagen. Doch konnte dieses Gespräch nicht auf sich warten. Mit einem tiefen Seufzen wagte die Blooms endlich, zu sprechen.
„Ich … Es gibt keine Entschuldigung, was geschehen ist. Was ….“ Rileys Blick fiel auf die Blutspur auf dem Teppich und nunmehr wich alle Farbe aus ihrem Gesicht. Vermochte der Anblick sie bereits beim Eintreten in ihr Zimmer in Starre zu versetzen, trieb es ihr jetzt die Galle hoch, nach allem, was sie erfahren hatte.
„Du musst dich für gar nichts entschuldigen, Riles. Das weißt du! Du kannst rein gar nichts dafür!“ Ben gestikulierte wild mit den Händen. Wie er es immer tat, wenn er aufgewühlt war.
„Er hat Recht.“ pflichtete ihm Rory bei, die die Hand ihrer Freundin drückte. „Es war nicht deine Schuld. Es waren diese Geister, die hier ihr Unwesen getrieben haben.“
Ben nickte. „Genau.“
Riley schluckte, entzog Rory ihre Hand und vergrub das Gesicht darin. Schluchzte. „Ich wollte das nicht. Ich wollte das echt nicht.“ Das sonst so taffe Mädchen war am Rande eines Nervenzusammenbruches. Und ohne Worte nahmen Ben und Rory sie in den Arm.
„Das wissen wir ...“ murmelte die Brünette leise. „Das wissen wir wirklich. Aber es ist vorbei Riley! Es ist vorbei. Und keiner … wirklich keiner … macht dir einen Vorwurf!“
Ben nickte. In diesem Punkte waren sich er und Rory einig. Beide waren sie erleichtert, dass sie ihre Freundin unbeschadet und bei vollem Bewusstsein zurück hatten. Und beide waren sich einig, dass, was auch immer sie vorher gegeneinander gehabt hatten, aus der Welt geschafft war. Die Gefahr war vorüber. Riley war wieder bei ihnen. Und nichts anderes zählte. Nichts anderes. Sie waren hier. Zu dritt. Und Rory und Ben begruben die Fehde, die so sinnlos in beider Augen nunmehr erschien. Sie sahen in die Zukunft. Zu dritt. Und beide würden sie Riley wieder auf die Beine helfen. Ihre Zweifel nehmen. Schließlich … waren sie Freunde.

~*~

Sie war gereizt. Mehr als gereizt. Immer wieder fauchte Blair die Krankenschwester an, die ihr das scheußliche Zeug  verabreichen wollte, sie möge doch einfach das Zeug nehmen und sich damit ihre hässliche Visage wegätzen. Das Mädchen wollte niemanden sehen. Niemanden! Was geschehen war, hatte man ihr nur stichpunktartig erzählt und nicht wirklich schlau war sie aus diesem Gebrabbel geworden. Doch die jetzige Situation war einfach nur zum Kotzen. Seit ihrem Erwachen befand sich Blair im Krankenzimmer mit ungefähr 20 anderen Schülern. Und ausgerechnet sie lag neben Elijah Morgan. Gerade neben ihm.
Schweigend nahm dieser sein Schicksal hin, doch Blair konnte es sich nicht nehmen, ihm ab und zu einen gezischten Kommentar zu zu flüstern. Doch diese wurden geflissentlich ignoriert, sodass es der Dewatcher alsbald zu langweilig wurde und sie stattdessen die Krankenschwester unter die Lupe nahm, sie innerlich zerpflückte. Vermochte am Morgen auch noch das Kommen und Gehen interessant gewesen sein, so war Blair doch jetzt langweilig. Aus dem Augenwinkel bedachte sie Elijah eines bösen Blickes, doch dieser steckte die Nase in ein Buch. Angeschlagen sah er aus, doch gab er keinen Mucks von sich. Wohl dachte er bereits wieder an seine Arbeit. Etwas, dass Blair nicht zu verstehen wagte. Ihr lag es fern, sich nach einem solchen Schlamassel schon wieder in die Akten zu stürzen. Doch dies war nicht ihre Sache. Blair  drehte dem Streber entschieden den Rücken zu. Sollte er doch machen, was er wollte. Sie hatte ihre Rache nicht vergessen. Ganz bestimmt nicht.

~*~

Elijah war froh, dass Derra ihm das Buch aus seiner Tasche mitgebracht hatte, denn sein Geist wollte einfach nicht ruhig sein. Immer wieder raste sein Verstand, suchte nach Fehlern, nach Schwächen in seinem System. Nach etwas, dass er verkehrt gemacht und nun besser machen konnte. Doch selbst Derra war der Ansicht, dass niemand hatte dieses Chaos verhindern können. Niemand. Nicht einmal er, der doch so vorausschauend war.
Elijah seufzte, blätterte eine Seite weiter, vergrub sich oberflächlich in die Lektüre und war innerlich doch weit weg. Er dachte an die vergangene Nacht, an all die Verletzten, an die Vorfälle und die Folgen. Natürlich würden einige Eltern ihre Kinder von der Schule nehmen und es würde viele Beschwerden geben. Auch er und Derra würden genug zu tun haben. Doch mit der vielen Arbeit würde auch der Alltag nach Aldcrest zurück kehren. Etwas, dass er brauchte. Und das die Schüler brauchten. Da war sich der Morgan sicher. Mochte auch jetzt noch sein Verstand auf Hochtouren laufen, versuchen, Gefahren zu erkennen und zu bannen, so würde er doch in wenigen Tagen wieder auf Akten und Unterlagen geprägt sein.

Leicht pochten Elijahs Schläfen und die Verletzungen brannten und er klappte das Buch zu, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Ein wenig Ruhe konnte er sich noch gönnen. Ein wenig nur. Dann würde er beginnen, die Beschwerden an Wyn abzuarbeiten.

~*~

Eigentlich hätte Derra in Arbeit ersticken müssen, doch hatte er Abstand zur Arbeit genommen. Es gab wichtiger Dinge in diesem Moment. Noch immer flüsterte in dem Araber die Angst um seine Freundin. Die Sorge. Doch versuchte er, seine Emotionen zu zügeln. Er musste jetzt für das Mädchen an seiner Seite da sein. Verwirrt war die Rolands, was der Schülervertreter nur zu gut verstehen konnte. Seit Stunden schon saßen sie im Zimmer von Derra, in den Armen liegend und über die letzten Stunden nachdenkend. Beide waren sie müde, beide angespannt. Die ganze Zeit über schon schwieg die Blonde in den Armen des jungen Mannes und auch dieser wollte keinen Ton sagen.
Es war eine Stille Übereinkunft zwischen den beiden. Eine gar seltene Übereinkunft. Derra strich über die blonden Haare, über das blasse Gesicht der Rolands, über ihre Arme, ihren Körper. Er roch ihren Duft, spürte ihren Atem auf der Haut und hoffte, dies alles nicht noch einmal durchmachen zu müssen.
„Alles okay?“ Derra beugte sich leicht vor, küsste Janessas Stirn, die sachte nickte. „Ich liebe dich. Ich liebe dich wirklich.“ Und wieder schwieg Janessa. Doch Derra schob es auf die Müdigkeit. Er war müde. Körperlich. Seelisch. Und so ging es wohl auch dem Mädchen in seinen Armen. Müde. Innerlich. Äußerlich. Einfach nur … müde.

~*~

Schweigend saßen PJ und Ishan auf ihren Betten in ihrem Zimmer. Von draußen hörte man einige Rufe von Erstklässlern, doch sonst blieb es still. Ziemlich still.
„War ganz schön krasser Mist, oder?“ Ishan holte eine Packung Nüsse hervor, hielt PJ die Tüte hin, der jedoch abwinkte.
„Ja. War es.“ Er nickte, fuhr sich über das Gesicht. Noch immer sah er Riley vor sich, wie sie langsam aus ihrer … Trance … erwachte. Aus diesem verdammt schlimmen Alptraum.
„Wie geht’s dir?“ Ishan musterte seinen Zimmergenossen, der zögerte.
„Ich hatte … Schiss. Ehrlich. Um …“
„Um Riley.“ Schlussfolgerte Ishan und der Junge neben ihm nickte.
„Ja … Ich dachte erst, sie hätte … unser … Ach, das ist doch jetzt nicht mehr wichtig …“ murmelte PJ, fuhr sich durch das Haar.
„Erzähl doch einfach.“
PJ seufzte erneut. „Ich dachte, sie hätte unser Date vergessen … Aber das ist doch … jetzt nicht wichtig.“
Ishan beugte sich vor. „Dir ist es doch wichtig, oder?“
Der Jackson wandte sich vor der Antwort, doch letztendlich gab er sie. „Ja, ist es. Sie … gibt mir noch ne Chance, weißt du? Aber ich hielt es für … also für nicht angebracht. Jetzt. Wegen … der ganze Sache.“
Ishan nickte, hob die Faust und PJ schlug ein. „Bleib dran. Egal, was geschehen ist. Sei für sie da. Und … sie will doch ein Date, oder?“
PJ nickte. „Aber ich warte noch. Bis … es ihr besser geht.“
Der Sakar nickte. „Ist ne gute Idee.“ War es wohl.

~*~

Mit rotem Gesicht und einem leisen Schnaufen setzte sich Ryan an seinen PC und starrte auf den leeren Bildschirm, in dessen schwarzer Oberfläche sich sein Gesicht spiegelte. Rot waren seine Wangen und die kleinen Schweinsaugen blitzten beinahe trotzig dem eigenen Sein entgegen. Obwohl er müde war, obwohl es bessere Dinge zu tun gab, hatte sich Ryan fort geschlichen und nahm nunmehr seinen geliebten Controller in die Hand, streckte die Finger nach dem Power-Knopf seines Computers.
Doch zögerte er. Zum ersten Mal zögerte der Vollzeitnerd, sich seiner virtuellen Welt hinzugeben. Zum ersten Mal sagte sein Hirn,sein Verstand etwas anderes. Etwas, worauf seine Mutter wohl unglaublich stolz sein würde. Ihr Sohn dachte einmal nicht allein an das Spielen, ans Zocken, an das Flüchten aus der Realität. Und auch Ryan irritierte dies. Mit gekrauster Stirn lehnte er sich in seinem übergroßen Drehstuhl zurück, starrte weiter auf sein Spiegelbild, dann auf die Chipstüte in seiner Hand, die er langsam weg legte. Ihm schlug die letzte Nacht noch ziemlich auf den Magen und der Appetit verschwand bei den Erinnerungen an die Stunden des Terrors, die er hatte durchleben müssen.

Ja, zum ersten Mal verging Ryan die Luft auf Virtualität und Fett und er wog sich im wirklich Sein. Etwas, dass neu für ihn war. Und doch nicht gänzlich neu. Er kannte dieses Bug mit Namen „Realität“, aber er mied ihn, wo es ging. Die Realität zeigte ihm mehr Fehler auf, als das von Viren zerfressene Battle Front 4, Sonder-Special-Edition mit Bonus Level. Und dies machte Ryan wohl am meisten zu schaffen. Er wusste, dass er nie eine Freundin haben würde. Dass er nie beliebt sein würde. Dass er nie wirklich viele Freunde haben würde. Aber das war ihm immer egal gewesen. Und egal, wie stark der Kloß im Hals war, er würde sich nicht ändern. Niemals. Die Bilder verdrängend, die schon wieder ihren Weg bahnten, griff er erneut zum Controller und fuhr den PC hoch. Wurde Zeit, einigen Orks in den Arsch zu treten.

~*~

Ihm war schlecht. Zum Kotzen schlecht. Am liebsten würde Angel eine Zigarette rauchen, doch er bekam nicht einmal wirklich den Mund auf. Stark verschlechterte sich sein Zustand und von dem, was er mitbekam, gefiel ihm wahrscheinlich im wachen Zustand nicht einmal die Hälfte. Es wurde hell und dunkel und Sirenen drangen durch den Nebel der aufkeimenden Bewusstlosigkeit. Er spürte, wie man ihn von einem Ort zum anderen schob, wie man ihn ansprach und er doch nicht wirklich in der Lage war, zu antworten. Nur eines war ihm klar, selbst in seinem dämmrigen Zustand: diese dämlichen Weiber waren Schuld an allem. Keine Ahnung, wie die eine hieß. Die kleine Blonde … War ihm auch verdammt egal. Diese dämlichen Ziegen sollten ihm bloß fern bleiben. Vor allem Wood. Vor allem diese rothaarige Teufelin. Angel stöhnte leise, dann spürte er, wie ihm etwas auf das Gesicht gedrückt wurde und seine Sinne schwanden. Verdammte Wood …

~*~

Charity fühlte sich mies. Richtig mies. Es war, als habe man ihr Inneres nach Außen gekehrt und dabei ihr schlechtes Gewissen an die Wand gepinnt. Sie wollte einfach nur noch verschwinden. Für immer. Was auch immer alles geschehen war, Charity fühlte sich dafür verantwortlich. Sie fühlte sich schuldig. Dabei hatte selbst Wyn in ihrer wortkargen, kratzbürstigen Art gesagt, dass dies nicht der Fall sein müsste. Doch es war ihr egal. Sie war schuld. Sie war schwach gewesen. Und das Hochgefühl, als sie endlich wieder die Herrschaft über ihren Körper erlangt hatte, war vorüber. Sie war schuld. Sie allein. Sie …

Ein Klopfen an der Tür unterbrach Charitys Gedankenfluss und leise schniefend bat sie, denjenigen, der vor ihrer Zimmertür stand, herein. Sie sah sicherlich so aus, wie sie sich fühlte. Wie ein Häufchen Elend, das auf ihrem Bett hockte und verheulte Augen vorwies. Charity versuchte ein Lächeln, als sie merkte, dass es Cadie war, die eintrat, doch sie brach nur erneut in Tränen aus.
„Hey hey hey. Psssscht. Ist doch gut.“ Die Pink Lady setzte sich zu der Blonden, nahm sie in den Arm, strich ihr sanft über den Rücken. „Ist doch vorbei.“ Charity schniefte, ihre blauen Augen blitzten wie nasse Saphire.
„E-E-Es t-t-t-tut m-m-m-mir Le-Le-Leid.“ Cadie seufzte, verpasste ihr eine sachte Kopfnuss, was die Blonde irritiert innehalten ließ.
„Ist nicht deine Schuld. Wie oft denn noch? Was passiert ist, ist nicht die Schuld der Besessenen … So, wie ich das verstanden habe, kann man eh nichts dagegen machen, wenn einer von einem Geist kontrolliert wird.“ Cadie zuckte die Schulter. „Also. Schwamm drüber.“ Sie kramte in ihrer Tasche, zog einen Schokoriegel hervor und stopfte ihn Charity in den Mund. „So. Hier. Hab gehört, Schokolade hilft“, grinste die Lennox, streckte sich und ließ ihre Knöchel knacken. „Und kein Selbstmitleid mehr, sonst haue ich dich, klar?“
Charity schluckte, nickte brav.
„Schön.“ Cadie sprang auf. „Lass mal gucken, ob wir noch irgendwo helfen können, okay? Dir geht’s doch ganz gut, oder?“
Wieder ein Nicken.
„Dann los. Na komm schon! Go go go! Die Welt muss gerettet werden, Miss Charity Von Sie-Haben-da-Schokolade-an-der-Wange.“
Charity kicherte, erhob sich. Es tat gut, Cadie an der Seite zu wissen. Sehr sogar.
„Ist denn alles gut bei dir?“ murmelte die Blonde, musterte ihre neu gewonnene Freundin, die das Haar zurück warf.
„Na klar … Und jetzt: los los los! Das Batmobil wartet!“ Damit riss die Pinkhaarige die Tür auf, schob die Blonde raus. Es gab schließlich noch Schurken zu fassen und Chaos zu beseitigen …

~*~

Liam fühlte sich, als hätte ein Pferd ihn getreten. Dreimal. Stark hintereinander. Und als wäre dann noch ein Bulldozer über ihn drüber gewalzt. Er wusste nicht wirklich, was geschehen war. Aber er wusste nur, dass Evie sich komisch benahm, seit er aus dem … komischen Zustand erwacht war. Zum Beispiel jetzt gerade tat sie es wieder. Sie benahm sich komisch. Er musste doch nur ins Krankenhaus, um da zur Beobachtung zu bleiben und sie wich ihm nicht von der Seite, bedachte ihn eines sorgenvollen Blickes, was ihm fast schon gruselig erschien.
„ … du ziehst ein komisches Gesicht ...“ Liam verzog selbst das Antlitz. „Ungefähr so.“
Evie schluckte, unterdrückte den Impuls, ihm eine zu knallen, murmelte nur. „Du bist doof.“ Und der Ton sagte Liam, dass er lieber keine Scherze mehr machen sollte.
„Und du solltest mal frische Sachen anziehen. Du müffelst“, zog er seine Schwester auf, bekam einen leichten Knuff gegen die Schulter. „Aua … Hey. Verhaust du deinen Bruder, obwohl er schon auf einer Bahre auf dem Weg ins Krankenhaus liegt.“
Evie verschränkte die Arme. „Ja. Tue ich!“ Dann schniefte sie leise. Egal, was geschehen war. Es schien sie ganz schön mitgenommen zu haben. Liam seufzte leise.
„Pass auf … Du hältst hier die Stellung und ich … halte im Krankenhaus die Stellung, okay?“ Seine Schwester nickte tapfer, drückte ihn vorsichtig.
„Pass auf dich auf, okay?“
Liam nickte. „Du auch auf dich.“ Dann wurde er in den Krankenwagen verfrachtet und Evelyn verschwand aus seinem Blickfeld. Es würde schon alles gut werden. Bestimmt.

~*~

Qualm erfüllte den Raum und verdunkelte ihn auf seine Weise. Immer neue Rauchschwaden schoben sich durch den Nebel, der sich bereits unter der Zimmerdecke sammelte und dabei immer neue Formen bildete. Tate lag mit dem Rücken auf seiner Couch, einen Joint im Mundwinkel und in die Weite des Zimmers blickend. Der Hunter versuchte, auf seine eigene Art und Weise mit der Situation klar zu kommen und endlich wieder runter zu kommen.
Kiffen. Er brauchte dies in diesem Moment. Nicht, weil er süchtig nach dem Zeug war. Nein. Er musste sich abkapseln. Er musste wieder zur Ruhe kommen und zurück zu seiner Selbst finden. Was genau im Moment im Internat los war, konnte Tate nicht sagen, denn er war nach Legung des ersten Trubels nach Hause gegangen. Ihm war es nichts, zwischen Krankenwagen, weinenden Kids und aufgeregten Lehrern zu stehen. Oder zu sitzen. Weckte zu viele schlechte Erinnerungen.
Ein erneuter Zug von dem Glimmstingel sorgte dafür, dass auch die letzten Sorgen von ihm abfielen und er wieder in der Schwebe hing. Morgen … morgen war auch noch ein Tag, um sich mit all dem Stress auseinander zu setzen. Morgen war auch noch ein Tag, Ganz bestimmt.

Gerade, als Tate den letzten Zug an dem Joint nahm, klingelte es an seiner Tür und der junge Mann erhob sich, öffnete. Grinste ein wenig neben der Spur, als er den Blauschopf vor der Tür sah.
„ … dachte mir, dass de kommst.“ Damit ließ er seinen Besucher ein …

~*~

Wenn man es auf einen Punkt und sieben verschiedenen Sprachen ausdrücken könnte, wäre das Wort, das zu übersetzt werden müsste und passend auf Manuela Livres Zustand zuträfe, miserabel. Die Ärzte räumten ihr in dem Moment, in dem der Krankenwagen vorfuhr nicht allzu viele Chancen ein, denn stark war das Sprachgenie Aldcrests von seelischen und körperlichen Belangen betroffen. Die Diagnose selbst konnte noch nicht getroffen werden, doch Wyn war sich sicher, dass sie eine Menge Ärger mit Manuelas Eltern haben würde, die bereits auf der Fahrt ins Krankenhaus in ein künstliches Koma versetzt werden musste, um ihren Zustand zu stabiliseren. Ob die junge Französin es schaffen würde, lag in der Schwebe, doch Wyn hegte keinen Zweifel, dass die Familie sich darum kümmern würde, dass das Mädchen die beste, ärztliche Behandlung bekäme, die es gibt. Und sie den höchsten Ärger aller Ärgernisse. Und wohl einen sehr guten Anwalt auf ihre Fersen geheftet werden würde. Wyn war not amused. Aber Manuela würde es wohl auch nicht sein, wenn sie erwachte. So, wie man es Wyn versicherte, könnte es passieren, dass die 17 Jährige einige Dinge während ihres künstlichen Schlafes vergaß … Doch man würde sehen. Und hoffen.

~*~

Valentin DelDesincourt war froh, wenn die Aufräumarbeiten im Internat endlich vorbei waren und er sich in die verdienten Ferien stürzen konnte. Mit dem einen oder anderen Leckerbissen. Dem Referendar zum Beispiel. Um eine Nacht schon war Valentin betrogen wurden. Jetzt wollte er sie wieder haben. Und Luca war dem nicht abgeneigt. Dafür würde der DelDesincourt schon sorgen. Er konnte ja … sehr überzeugend sein.

Elles Desire war unbehelligt von allem, was geschehen war. Der Sturm, der Kampf, die Geister. All das war an ihr vorbeigezogen. Eine neue Meisterleistung der Lehrerin, die selig lächelnd durch die Gänge tänzelte und mal hier und mal da ein aufmunterndes Wort für Schüler und Kollegenschaft hatte. Doch so wirklich verstand sie nicht, was geschehen war. Ihre Gedanken kreisten um Dinge, die viel wichtiger waren, als eine zerstörte Schule. Die Umwelt nämlich. In drei Tagen gab es eine WWF-Versammlung in Amsterdam, bei der Elles unbedingt dabei sein musste. Natürlich nur wegen der Versammlung. Wegen nichts anderem …


Wenn es wichtiger Probleme gab, als die Umwelt retten, dann war es, seine Hauspantoffeln zu finden. Seit Stunden schon suchte Elphyrus Dingeldey danach. Und wo ihn die Suche hinverschlagen hatte, konnte der Professor nun wirklich nicht sagen. Nur mit seiner Unterhose und seinem Umhang bewaffnet, stand er irgendwo im Nirgendwo. Es war kalt und er sah nichts, außer Bäumen, Sträuchern und Schnee. Wohl war er inmitten des Aldcrest'schen Waldes gelandet. Das war ärgerlich. Aber nicht abänderbar. Und Elphyrus wollte dem ganzen etwas Gutes abgewinnen. Ein Schatten überflog ihn und der alte Herr sah nach oben. Oh. Eine fliegende Echse. Sehr schön, sehr schön. Ein guter Tag für einen Ausflug, fand der Professor.


Es war nicht so, als hätte Ludwig Fouet nichts von all dem Theater mitbekommen, dass sich innerhalb und außerhalb der Schule zusammen gezogen hatte. Doch lag es ihm fern, sich die Hände daran schmutzig zu machen. Schließlich gab es wichtigeres. Seine Katze zum Beispiel, die sich beinahe an einem Fellknäuel verschluckt hatte, weil sie der ganze Lärm und diese negativen Schwingungen aufgeregt hatte. Und Fouet war nicht gewillt die Gesundheit seiner Katze aufs Spiel zu setzen. Ganz und gar nicht. Außerdem war es eine gute Übung für die Schüler. Und bei seinem Glück waren vielleicht sogar welche von diesen Drecksbälgern drauf gegangen. Na ja … Hoffen konnte man ja immer.

Nichts von alldem wissend saß Krystal Wentworth in einem blutroten, Samt bezogenen Sessel und starrte in die Gesichter ihrer Familie. Garstige, geliebte Familie. Sie genoss die Zeit. Und nicht einmal Wyns Bitte, sich zu beeilen und sofort zur Schule zurück zu kehren, würde sie dazu bewegen, sie jetzt zu verlassen. Dafür war die Spannung im Moment zu greifbar. Zu … intensiv. Krystal grinste … und legte einen weiteren Pokerchip in die Runde. Oh ja. Sie war am Gewinnen.


Der einzigen, der nicht zum Lachen zumute war, war Miss Morris. Die hatte alle Hände voll zu tun, um die Plagen am Leben zu erhalten. Und wer dankte es ihr? Niemand! Undankbares Pack! Eines Tages würde sie schon noch ihre Gehaltserhöhung durchbekommen. Ganz sicher sogar. Entweder das … Oder hier würden die Schüler umfallen wie tote Fliegen. Da konnte sich die liebe Direktorin sicher sein. Miss Morris stand immer zu ihrem Wort. Und ihren Drohungen. Immer.

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Auch Ace wusste, dass es früher oder später an seiner Pforte klopfen würde. Doch noch … hatte er Ruhe. Und das war auch gut so. Die Mädels, die sich gerade zu zweit in seinem Bett räkelten, wollten schließlich seine Aufmerksamkeit. Und diese wollte er ihnen nicht verwehren. Ace war nicht der Typ, der in der Vergangenheit lebte. Das, was letzte Nacht geschehen war, war geschehen. Jetzt hieß es für ihn: Nach vorne sehen. Und was half da besser, als zwei heiße Mädels in Satinlaken? Er grinste in sich rein, als sie nach ihm riefen und kam gemächlich durch das Zimmer auf sie zu. Morgen würde er ihren Namen nicht mehr wissen, doch es war egal. Er wusste, das früher oder später die Damen eh wieder hier bei ihm landen würden, egal, wie oft er ihnen das Herz brach. Dies war nicht Aces Milieu. Tränen zu trocknen. Sie wussten, auf was sie sich einließen. Und in einigen Stunden schon wäre es eine neue Eroberung, die in seinem Bette verweilte. Oder auf seinem Stuhl. Und eine Antwort von ihm forderte....

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Eigentlich war Heath nicht der Typ, der sich allzu viel Gedanken um andere Dinge machte, als um seine eigene Stellung mit und ohne Shirt. Doch heute war es anders. Heute nagten die letzten Stunden an ihm und Heath hing den trüben und mit Angst behafteten Erinnerungen nach. An all die durchgedrehten Schüler, an all die Gewalt und all das Geschrei. Er erinnerte sich an die Furcht, die er empfunden  und auch den Mut, den er aufzubringen gewagt hatte. Doch würden ihn die Schreie, die Bilder und die Taten dieser Besessenen noch ewig in seinen Träumen verfolgen, egal, wie groß seine Tapferkeit auch gewesen sein vermochte.
Doch Heath schluckte all die Furcht herunter, all die negativen Gefühle. Manchmal war es doch eben nicht so verkehrt, an naive Dinge zu denken. Wie er zum Beispiel seine Muskeln spielen ließ. Im Glanze der Sonne. Es war ein Gedanke, der ihm angenehmer schien. Sehr viel angenehmer … als Blut … und Verletzungen … und … Heath schüttelte sich, drückte die Handballen auf die Augen. Er musste hier raus. Sofort. Sonst würde er noch durchdrehen.

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Es kam nicht oft vor, dass man Lilia Grau aus der Fassung brachte. Doch dieser Vorfall hatte es definitiv geschafft. Stumm und selbst in ihrem Kopf die bissigen Bemerkungen verblassend, saß die 15 Jährige im Zimmer des Anwesens der Familie und grübelte über das Vergangene nach. Sehr setzten ihr die Bilder der letzten Nacht zu, zerrten die Erlebnisse an ihren Nerven. Doch Lilia Grau gab sich dem Gefühl der Erschlagenheit nicht hin. Nein. Sie verharrte nur einen Moment in sich selbst, ehe der Zynismus sich alsbald wieder auf ihrem Gesich tzeigen würde. In ihrer Stimme ein Heim fand. Lilia war nicht dazu geboren, sich dem Schicksal zu ergeben. Das war sie noch nie. Doch jetzt … Jetzt brauchte sie einen Moment der Schwäche und der inneren Müdigkeit. Nur jetzt. Nur einen Augenblick. Denn sonst, so wusste sie, würde der Zynismus und die Stärke niemals zu ihr zurückfinden. Mit einem Seufzen sah die Rothaarige in das Schneegestöber hinaus, das langsam abklang und fragte sich, was wohl noch alles geschehen würde. Welche Hürden sie wohl noch zu nehmen wagte. Und hoffte inständig, nicht doch eines Tages zu zerbrechen …

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Fern des Schlosses und inmitten des abklingenden Sturmes, zwischen all den Häusern, deren Fensterläden geschlossen waren, schwebte einem Nebelschwaden gleich die Gestalt der unbekannten Helferin. Die Kälte nicht mehr spürend und auch allem Leben fern, lag doch ein Hauch von Zufriedenheit in der Luft, die leicht flimmerte. Vesper Pladderfield spürte, wie die Wärme des Jenseits an ihr zog und sie doch noch nicht bereit war, zu gehen. Vermochte sie auch in diesem Sturme zu helfen, so war doch das Gefühl noch in ihr, dass dies noch nicht alles war, was sie tun konnte. Es gab noch mehr. Viel mehr. Die Hoffnung in ihr entflammte  mehr, denn eine Person hatte sie vernehmen können. Eine Person war es gewesen, die ihre Botschaft verstanden und die Gefahr hatte bannen können. So lange war die Tote geduldig gewesen und nunmehr war das Opfer ihrer ewigen Ruhe endlich vom Schicksal anerkannt wurden. Endlich. Wenn Vesper noch hätte atmen können, hätte sie geseufzt. Doch war ihr dies unmöglich. So wendete sie sich nur ab von dem Ort, in dem sie so lange verharrt hatte, Es gab Dinge, die sie tun konnte. Und da gab ihr Kraft. Sehr viel Kraft. Der Glaube in sich selbst und denen, die sie sehen konnten, bemächtigen sie einer festeren Gestalt, einer gewissen Präsenz. Und mit jedem Meter mehr, den sie sich von ihrem einstigen Gefängnis entfernte, wurden ihre Konturen sichtbarer, bis zum Schluss das Antlitz einer jungen Frau zu erkennen war, die in einen langen Mantel gehüllt durch den Schnee stapfte. Spuren hinterließ Vesper Pladderfield keine, wie sehr sie auch das Geräusch des knackenden Schnees vermisste. Und nicht nur dies. Doch in Vesper Blick lag keine Reue, kein Verlangen nach etwas, dass sie nicht mehr haben konnte. In den einst braunen Augen war Stolz zu sehen. Und dem Willen, noch ein wenig in das Sein dieser Welt einzugreifen.
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