Gefühle des Verrates, verloren in einer einsamen Sommernacht

von Myera
KurzgeschichteFamilie, Tragödie / P6
Hei Pai
24.03.2014
24.03.2014
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Gefühle des Verrates, verloren in einer einsamen Sommernacht


„Hei?“  Es war Pai, die ihn rief; sie war aufgestanden und stand nun in der Tür der kleinen Hütte, die ihnen auf diesem Auftrag als Unterschlupf diente. Sie sah müde aus. Ihre offenen Haare waren zerzaust, die blauen Augen halb geschlossen und schlafumwölkt.

Sie sah ihn, kam näher und setzte sich neben ihn.

„Kannst du wieder nicht schlafen?“

Hei antwortete nicht, sondern deutete nur ein Nicken an. Pai lehnte sich gegen ihn, woraufhin er einen Arm um sie legte.

„Was ist es diesmal?“, fragte sie leise. Hei schloss die Augen.

„Nichts Bestimmtes“, antwortete er ebenso leise. Immerhin wollten sie Amber und Aaron nicht wecken, die beide diesmal mit ihnen diese Mission durchführten und die beide in der Hütte schliefen. „Das Übliche.“

Pai seufzte und drückte ihren Kopf fester gegen seine Schulter. „Du musst schlafen, Bruder.“

Hei lächelte matt. „Ich weiß.“

Pai wollte noch etwas sagen, aber sie zögerte. Hei stieß sie sanft an.

„Keine Geheimnisse voreinander“, erinnerte er sie sanft. Es war einfacher, sich auf sie zu konzentrieren als auf die Dinge, die ihn fast jede Nacht um den Schlaf brachten. „Du bist die Einzige, der ich hier vertrauen kann.“

Pai erwiderte darauf nichts, sondern betrachtete nur nachdenklich den Himmel. „Was fasziniert dich so an ihnen, Hei?“

Hei folgte ihrem Blick. „Ich weiß nicht.“ Pai lachte leise.

„Das ist so typisch du, Bruder“, sagte sie, „und das, obwohl du findest, dass sie nur Illusionen sind, die es nicht wert sind, betrachtet zu werden.“

Hei wollte darauf nicht antworten. Das war ihm vor vier Jahren einmal heraus gerutscht. Damals war er so unglaublich wütend auf diesen falschen Himmel gewesen, weil sich dadurch alles verändert hatte – seine Eltern, Pai, und natürlich er selbst. Für einen dreizehnjährigen war es zu schwer zu ertragen gewesen.

Aber jetzt war er siebzehn und kam besser damit klar.

Also sagte er nichts darauf, sondern drückte sie nur fester und wechselte das Thema. „Du solltest wieder ins Bett gehen“, sagte er ausweichend. „Wenn du schlafen kannst, solltest du es tun.“

Er konnte nicht sehen, dass Pai lächelte, aber er wusste es auch so. Selbst jetzt, da sie ein Contractor war und theoretisch nichts mehr fühlen sollte, verstanden sie sich auch ohne Worte. Hei war dankbar, dass es noch so war; alles andere hätte ihm vielleicht den Verstand geraubt. „Ich schlafe genug, wenn sich mein Contract Payment aktiviert.“

Hei schwieg. Er hasste es, wenn sie ihn daran erinnerte, dass sie anders war – dass sie kein Mensch mehr war und er in jenen Momenten, in denen sie wegdriftete, nichts anderes tun konnte, als sie im Arm zu halten und zu hoffen, dass er sie beschützen konnte, wenn es so weit kam.

Und dass sie irgendwo tief im Inneren noch Xing war, seine kleine Schwester, die naiv genug gewesen war, an Sternschnuppen zu glauben.

„Habe ich dich verärgert?“, fragte Pai leise, aber nicht ängstlich. Lediglich neutral. Hei vermisste die Emotionen in ihrer Stimme. Manchmal klangen sie noch durch, aber das wurde seltener und seltener. Hei fürchtete den Tag, an dem sie nicht einmal mehr ihm gegenüber irgendetwas fühlen würde.

Und natürlich den Tag, an dem Hei vergessen würde, was es hieß, sich wie ein Mensch zu fühlen.

„Du doch nicht“, antwortete er ebenso leise. Es war, als würde das hier – einer der seltenen Momente, in denen sie wirklich allein und ungestört waren – sie wieder ein wenig zusammen bringen. Manchmal hatte Hei das Gefühl, dass sich Pai immer weiter von ihm entfernte, mit jedem Tag, an dem sie jemanden tötete, ein wenig mehr. Solche Momente wie dieser hier waren selten, auch wenn Hei die Angst im Nacken saß. Morgen konnte ein Tag sein, an dem sie getötet wurden oder einer von ihnen irgendwie von der Gruppe getrennt wurde. Es war nicht so, dass Hei nicht allein zurecht kam, aber er würde es nicht ertragen, Pai zu verlieren.

„Was ist dann los?“, fragte sie. Hei sah zum Himmel.

„Nichts“, log er. „Ich...“

„Du hast Heimweh“, stellte Pai ruhig fest. Hei bemühte sich, damit ihm keine Tränen in die Augen stiegen. Er weinte nicht, nicht einmal jetzt, und vor allem nicht vor Pai.

„Ein wenig“, gab er zu. „Vermisst du es nicht auch manchmal?“

„Nein“, sagte Pai. Hei wusste, dass das nicht ihre Schuld war; sie war ein Contractor und als solcher verhielt sie sich eben gefühlskalt. Trotzdem hasste er sie in diesem Moment ein klein wenig dafür. „So etwas bringt uns nicht weiter.“

„Ich weiß.“

„Du machst dich nur selbst fertig.“

„Ich weiß.“ Pai seufzte.

„Du hättest niemals hierher kommen sollen. Du bist hier völlig fehl am Platz.“

Hei antwortete nicht darauf. Sie wussten beide, dass es die Wahrheit war, und sie wussten auch, dass es für Veränderungen viel zu spät war. Ganz oder gar nicht, dachte Hei, denn wenn er gehen wollte, würde er das schon in einem Leichensack tun müssen.

„Du bist nicht hierfür geschaffen, Bruder“, sagte Pai sanft. Hei lachte humorlos.

„Aber du, ja?“ Er merkte, wie Pai mit den Schultern zuckte. Es machte ihn unfassbar wütend, dass sie das tat. Es fehlte nicht viel und er würde sie anschreien.

Aber was würde er brüllen? Gib mir Xing zurück? Sei wieder meine Schwester? Mach, dass alles wieder normal wird?  Das war dumm, und Hei wusste das. Also schluckte er seinen Zorn hinunter. Schließlich konnte Pai nichts dafür.

„Ich bin ein Contractor“, sagte sie. „Natürlich komme ich besser damit klar, Leute zu töten.“

„Ich weiß“, antwortete er. Am liebsten hätte er ihr alles gesagt, was er dachte. Seine Zweifel, seine Ängste, seine Wünsche. Er wollte mit ihr ehrlich reden und wissen, dass sie ihn verstand. Er wollte, dass sie wieder ein Mensch wurde, dass er mit ihr gehen konnte und wieder am Teich bei ihnen zu Hause den Himmel beobachten konnte.  

Aber natürlich war er nicht so dumm zu glauben, dass das funktionieren würde.

Und doch...

„Pai...“, begann er leise und zögerlich. Es war vollkommen still hier draußen, und Hei hatte das Gefühl, dass seine Stimme unangenehm weit trug. „Hast du nicht schon einmal...“ Er stockte und befeuchtete sich die Lippen. „... Ich meine... denkst du nicht auch manchmal daran, zu gehen...?“

Pai schwieg unangenehm lange. Hei wusste, dass er das nicht hätte sagen dürfen, aber er hatte es nicht zurück halten können. Zu lange schon hatten sich diese Worte in seinem Kopf festgesetzt. Er musste sie aussprechen, sonst würde er irgendwann den Verstand verlieren.

„Du solltest so etwas nicht sagen“, sagte Pai schließlich leise, ihre Stimme mehr ein Hauch als ein Flüstern.

„Aber...“

„Sei still“, befahl sie ihm ungewohnt streng. Hei biss sich auf die Lippen. Erneut stieg Ärger in ihm auf. Wie kam sie dazu, ihm Befehle zu erteilen? Er war der Ältere, verdammt! „Du solltest so etwas nicht aussprechen. Wer weiß, wer zuhören könnte?“ Sie drückte sich noch stärker an ihn, und Hei bemerkte erstaunt, dass sie ein wenig zitterte. Fast glaubte er so etwas wie Angst in ihren Worten zu erkennen, aber das konnte nicht sein. Es war unmöglich.

„Du musst mehr auf dich aufpassen“, sagte sie schließlich.

„Pai, ist das alles, was du dazu sagen willst?“, fragte Hei nun ebenso leise wie sie.

„Ja.“ Sie schwieg kurz. „Das sind Dinge, die für dich nicht realisierbar sind“, begann sie langsam. „Mach dir keine Sorgen. Irgendwann wird alles besser.“

„Wie meinst du das?“

„Vertrau mir einfach.“

„Pai...

„Du vertraust mir doch?“

Hei lag es auf der Zunge, dass er Xing vertraut hatte – nicht Pai. Pai war nicht Xing, und deswegen war es nicht dasselbe. Aber er verkniff es sich. Er wusste, dass Pai ihn beschützen würde, so wie er sie beschützte. Sie waren trotz allem Geschwister und Pai würde ihn nicht in Gefahr bringen. Das waren die Dinge, die Hei ganz genau wusste.

„Ja.“

„Gut.“ Schweigen kehrte ein, und Hei wollte am liebsten fragen, wie sie das meinte – was sie vorhatte und ob es bald geschehen würde. Aber sie würde nichts sagen, niemals – nicht, wenn sie sich vorgenommen hatte, es vor ihm geheim zu halten.

Und vielleicht war es auch besser so.

So saßen sie eine Weile da und beobachteten die Sterne.

„Ich glaube“, sagte Pai irgendwann, „wir sollten schlafen gehen.“

„Geh doch“, antwortete Hei, obwohl er nicht wollte, dass sie ging. Sie sollte bei ihm bleiben – für immer, wenn es ging. Aber das war reines Wunschdenken. Er konnte sie nicht an sich binden, weil es bei ihr im Kopf eine Veränderung gegeben hatte, die familiäre Bande und die Liebe, die sie füreinander empfanden, für unwichtig erklärt hatte.

Hei hatte keine Chance gegen die Logik, und er hasste Pai dafür.

„Nicht ohne dich“, sagte sie in jenem Ton, der sein Herz Hoffnung fassen ließ, es hätte sich nichts verändert – sie wäre immer noch die Pai, die ihn ansah, als wäre er der klügste Mensch auf der Welt, die Pai, die früher einmal ein naives kleines Mädchen namens Xing gewesen war.

Es war so leicht zu glauben, dass sie immer noch sie selbst war.

„Du musst ausgeruht sein“, fügte sie dann hinzu und machte damit alles kaputt. Hei spürte, wie Zorn in ihm aufwallte, weil sie seine Hoffnungen einfach so zerstört hatte. Aber er inzwischen gut darin, seine Gefühle zu verbergen, und Pai konnte nicht mehr so gut verstehen, wie er sich fühlte. Die Ironie dieser Situation hätte ihn fast zum Lachen gebracht – nur die Tatsache, dass Pai war, wie sie war, half ihm, seine negativen, unlogischen Gefühle vor ihr zu verstecken.

Ja, das Schicksal war schon ein mieser Verräter.

„Du weißt, dass ich damit keine Probleme habe“, wehrte er ihre logischen Gründe ab. Es stimmte auch: Es war nicht das erste Mal, dass er eine Nacht durchmachte, weil er nicht oder kaum schlafen konnte. Bisher war alles glatt gegangen. Bisher hatte er sich zusammen reißen können und Bestleistungen erbracht.

Allerdings hatte Pai wirklich Recht. Je öfter er das hier tat, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass er eines Tages einen Fehler machen würde. Vielleicht würde es Pai sogar interessieren, wenn er starb. Wenigstens, dachte er böse, wäre sie dann gezwungen, sich zu überlegen, wie sie allein mit ihrem Contract Payment zurecht kam.

Er sollte nicht so gemein sein, aber manchmal konnte er nicht anders. Wenigstens war es nur in seinem Kopf, das konnte sie nicht verletzen.

Und wenn eines Tages deine Erinnerungen alles sind, was von ihr bleibt? Dann ist sie auch nur in deinem Kopf, ist es dann auch nicht mehr schlimm?

Hei schluckte und verdrängte die fiese Stimme seines Gewissens. Plötzlich war es nicht mehr angenehm kühl, sondern zu kalt, nicht mehr angenehm ruhig, sondern unerträglich still. Er glaubte, wenn er weiter so mit ihr sitzen müsste, würde er explodieren.

Es tat einfach so weh, sie im Arm zu halten und zu wissen, dass das nicht mehr seine Xing war.

Pai löste sich aus seiner Umarmung und stand auf, ging aber nicht wieder hinein, sondern stellte sich nur vor ihn und sah auf ihn hinunter. „Bitte“, sagte sie, und in ihren Augen blitzte ein Funke ihres alten Selbst auf.

Hei betrachtete sie, wie sie da stand und sich gegen den dunklen Nachthimmel kaum abhob. Er stellte fest, dass er sie nicht hasste – sie niemals hassen könnte, egal, wie sehr sie sich verändert hatte. Irgendwo da drin war sie immer noch Xing.

„Warum?“

„Weil ich ohne dich nicht schlafen kann“, antwortete sie ehrlich. Vielleicht log sie auch, aber das war Hei egal. Er war bereits so weit, dass er nach jedem Strohhalm griff. „Bruder.“

Also stand Hei auf und folgte ihr in die Hütte. Amber und Aaron (ein junger Kerl, der erst vor kurzem zu ihnen versetzt worden war) schliefen immer noch, und Hei folgte Pai so leise wie möglich zu dem Bett, dass sie sich teilten.

Sie schlüpften unter die Bettdecke, legten sich so hin, wie sie es als Kinder immer gemacht hatten: Die Gesichter einander zugewandt, die Hände aneinander gelegt und die Füße verknotet. Hei schloss kurz die Augen und stellte sich vor, es wäre wieder wie früher. Die Vorstellung war so schön, dass es beinahe weh tat, als er die Augen wieder öffnete und Pais emotionslose Augen sah.

„Hei?“, wisperte sie. Hei antwortete nicht, sondern sah sie nur an. Sie klang wieder wie früher, als hätte es nur diese Nähe gebraucht, damit sie wieder so wurde. Verzweifelt wünschte Hei sich, dass er sie ewig so festhalten könnte.

„Du bleibst doch immer bei mir, oder?“

Heis Lächeln war diesmal sogar echt.

„Immer.“











AN: Ich kann nichts dafür, der OS macht mich traurig, und trotzdem musste ich ihn unbedingt schreiben...

Info: Wer es nicht weiß: Xing ist Pais Name, den sie vor der Verwandlung zum Contractor hatte. Hei erwähnt ihn in der vorletzten Folge, als er sie im Gate sieht.

Wie ihr vielleicht bemerkt habt, spielt es kurz vor der Schließung es Heaven's Gate zu einem Zeitpunkt, an dem Pai schon weiß, dass sie das Heavens Gate schließen und verschwinden wird. Hei ist hier noch ziemlich menschlich. Ich fand, Heis Gefühle bezüglich Pais Verwandlung zu einem Contractor kamen ein wenig zu kurz. Daher dieser OS, so mal zwischendurch.
Ich hoffe, der Os war ganz okay :)
Man liest sich :)
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