Die letzte Stunde der Nacht

von Jaybird
GeschichteRomanze, Angst / P12 Slash
24.03.2014
24.03.2014
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Die letzte Stunde der Nacht ist angebrochen und Jason sitzt auf der Fensterbank. Draußen ist es still, so still wie es in einer Stadt wie dieser sein kann zumindest. Das Fenster ist offen und er sitzt mehr draußen als drinnen, die Beine baumeln über dem Nichts. Unter seinen Füßen, viele, viele Stockwerke schlängelt sich die leere Straße durch das Ghetto. Die Straßenlaternen geben noch immer ihr bleiches Licht von sich, doch bald wird sie niemand mehr brauchen, denn der Himmel wird an den Rändern bereits heller. Zwischen seinen Finger glimmt der Stummel einer Zigarette unbemerkt vor sich hin. Er hat nicht ein einziges Mal daran gezogen seit er sie sich angesteckt hat. Der Wind weht ihm den kalten, beißenden Rauch ins Gesicht und es brennt in seinen Augen. Er hat keine Jacke an, hat keinen Wurfhaken oder irgendetwas Ähnliches einstecken. Würde er auch nur ein wenig rutschen, würde er das Gleichgewicht verlieren, gäbe es nichts, das ihn daran hindert in seinen Tod zu stürzen. Er hat keine Angst davor. Es verlangt ihn allerdings auch nicht mehr danach zu fallen, sich in die Leere zu schwingen und zu warten, bis der harte Asphalt ihn erlöst. Er hat mit dem Gedanken gespielt, mehr als nur einmal. Er stand schon gefährlich nah an der Klippe. Es ist besser geworden, seit er sich dieses Team gesucht hat. Doch Kory und Roy sind nicht hier sondern irgendwo anders, vermutlich noch immer auf der Insel, auf der er Kory damals fand. Warum er hier ist, in Gotham, das weiß er selbst nicht. Vielleicht weil diese Stadt noch immer sein zu Hause ist, vielleicht weil sie nach ihm ruft, wann immer er nicht hier ist, obwohl er niemals zugeben würde, dass er sie irgendwie vermisst. Er glaubt nicht, dass er sie vermisst, doch jedes Mal wenn er zurückkommt in diese vertrauten Straßen, diese Viertel, die ihn mit harter Hand großzogen, fühlt es sich an, als würde er noch immer hierher gehören. Er schnipst den Stummel seiner Zigarette in den Abgrund unter ihm und zündet sich eine neue an, nur um sie zwischen seinen kalten Fingern zu halten und zu ignorieren.

Er spürt eine Präsenz in dem nun nicht mehr leeren Zimmer hinter ihm. Er weiß nicht, wie lange der andere schon in der Wohnung war aber er weiß, dass es eine ganze Weile sein muss. Jason fragt sich, ob Bruce diesmal den Mut finden wird, ihn anzusprechen oder ob er wieder verschwinden wird ohne ein einziges Wort gesagt zu haben, wie er es die letzten Male getan hat. Es interessiert ihn nicht. Er fragt nicht, wie es kommt, dass der andere ihn immer wieder findet, denn wie naiv wäre es zu denken, dass Bruce seine Spur wirklich verliert, wann immer er sein Bestes tut, zu verschwinden. Die Zigarette brennt langsam ab und die Sonne erhebt sich allmählich über den Horizont. Sie färbt die Dächer der Hochhäuser rot und golden. Bruce tritt näher an ihn heran, es ist eine konstante Präsenz in seinem Rücken, die er nicht ignorieren kann, aber Jason dreht sich nicht um. Sie haben dieses Spiel zuvor gespielt und er wird nicht derjenige sein, der verliert. Nicht heute.

‚Ich wünschte du würdest mit dem Rauchen aufhören‘. Das hat er an anderen Tagen gesagt, doch es ist nur eine andere Art zu sagen: ‚Ich wünschte du würdest nicht so leben, wie du es tust‘ oder ‚Ich wünschte du würdest sie nicht umbringen‘. Heute sagt er gar nichts. Er hat nichts gesagt, seit dem Vorfall in Äthiopien. Er war einfach nur da, ganz als würde er seine Gesellschaft suchen. Heute ist anders. Heute dreht sich Jason nicht um.

„Es tut mir leid.“ Keine Erklärung folgt. Jason weiß nicht, wofür er sich entschuldigt. Vielleicht dafür, dass er ihn nicht hatte retten können, vielleicht dafür, dass er ihn nicht gerecht hat. Vielleicht dafür, dass er ihn einfach ersetzt hat oder vielleicht für das, was nach Damians Tod passiert ist. Jason zuckt mit den Schultern. Sie wissen beide, dass es nicht genug ist, sie wissen beide, dass es nichts von dem rückgängig machen kann, was sie getan und gesagt haben. Dafür ist es jetzt zu spät. Vor nicht allzu langer Zeit hätte er sich jetzt umgedreht, hätte Bruce angeschrien, ihn vielleicht sogar angegriffen mit dem Messer, das auf seinem Nachttisch liegt, oder den Pistolen die unter seinem Kissen ruhen. Doch die Leere in seinem Herzen ist jetzt größer als die Wut und der Kloß in seinem Hals löst sich in ätzende Säure auf, als er darauf wartet, dass weitere Worte folgen und die Stille um sie her vertreiben.

Vielleicht wird Bruce jetzt gehen. Vielleicht war das wirklich alles, wofür er hier ist, wofür er die letzten Tage hier war: Um sich zu entschuldigen. Doch irgendetwas muss sich verändert haben, denn Bruce lehnt sich gegen das Fenster neben ihm. Er sieht nach draußen auf die kalte, schmutzige Fassade des anderen Gebäudes, doch eigentlich ruht sein Blick auf etwas ganz anderem, etwas, das weit entfernt ist. „Es ist zu spät, um dich um eine zweite Chance zu bitten, ich weiß.“ Es ist nicht das Bitten, das er versucht hat, als Jason nach Jahren von den Toten zu ihm zurückgekehrt ist, wütend und verletzt. Es ist nicht das: ‚Ich kann dir helfen!‘ das er so oft versucht hat. Das hier ist schlimmer…

„Ich kann dir keine geben.“ Da ist eine Stimme in seinem Kopf, eine leise Stimme, die ihm einflüstert, dass, hätte Bruce nur etwas früher gefragt, er wohl ohne Zögern ‚Ja‘ gesagt hätte zu einer zweiten Chance. Und vielleicht ist es das Fehlen seiner Freunde, vielleicht ist es aber auch die Stadt, die ihn verletzlich macht, denn er lehnt sich leicht zurück und legt den Kopf schief. Er beobachtet immer noch den Sonnenaufgang, wie sich die Sonne langsam über die Grenzen des Himmels schiebt, auf keinen Fall sieht er den Mann an, der neben ihm steht. „Ich kann das nicht nochmal machen.“ Und er weiß, dass Bruce ganz genau versteht, was er sagt: Dass er nicht die Jahre des Teamworks meint, die Tage und Nächte, die sie zusammen verbracht haben. Wovon er spricht ist das Ende des ganzen. In seinen Worten liegt die Wahrheit, dass er kein zweites Mal damit fertig werden könnte, dass Bruce ihn auf diese Art und Weise verlässt, ihn auf diese Art und Weise verrät.
Das letzte Mal, als es passiert ist, hat es ihn in Stücke gerissen, er ist sicher, dass er den Weg zurück zu den Lebenden kein zweites Mal finden kann.
Und ganz als hätte er nichts Besseres zu tun mit seinem Tag, steht Bruce dort, ohne ein weiteres Wort zu sagen…

„Nächstes Mal werde ich dich nicht fallen lassen.“

Die Straßenlaternen flackern und erlöschen, der Himmel ist ein leichtes Pastellblau und da ist eine warme Hand auf seiner Schulter. Und es ist nicht diese schwere, erwartende Berührung, an die er sich aus seiner Zeit als Robin erinnert, es ist eine leichte, fragende Berührung, ganz als wäre Bruce sich nicht sicher, ob er überhaupt das Recht hat, ihn zu berühren. Es ist eine Frage, die er noch nicht beantworten kann. Er ist noch nicht bereit dazu. Doch vielleicht wird er das eines Tages sein und vielleicht, auch wenn er niemals wieder in der Lage sein wird, diesem Mann zu vertrauen, vielleicht wird er sich eines Tages wieder in diese Berührung lehnen können und lernen, diesen Mann so zu lieben, wie er ihn geliebt hat, bevor die Nacht hereingebrochen ist.

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Link zum Original: http://chekov-in-a-dress.tumblr.com/post/79891790954/jasons-sitting-on-the-windowsill-in-the-last-hour-of#note
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