Wenn Engel weinen

KurzgeschichteDrama, Tragödie / P18
23.03.2014
23.03.2014
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Wenn Engel weinen


Raus.
Fort.
Flucht.
Mal wieder.
Doch diesmal - entgültig.
Schneller, schneller, verlasse diesen kalten unmenschlichen Ort.
Sie lehnte sich zurück, schloß die Augen, wollte die letzten Häuser der verhaßten Stadt nicht sehen.
Sie wünschte sich, daß endlich dieses Zittern aufhörte und der Zug beschleunigt.
Versuchte, sich schöne Bilder vorzustellen, es fiel ihr schwer, doch sie zwang sich mit fest zusammengekniffenen Augen.
Ich werde mit Rhea durch die große Stadt ziehen, wunderbare, ferne Gerüche, tausende Lichter, Farben, Autolärm, S-Bahn-Rattern und Technoklänge - das alles erwartet mich in ein paar Stunden.
Sie stellte sich vorbeihastende Gesichter vor, einen azurblauen Postkartenhimmel und Schäfchenwolken, darunter der Helikopter eines großen TV-Senders und wie sie dabei über den langen, breiten Boulevard flannierte. Auf jeder seite Neues zu entdecken…
Sie öffnete die Augen.
Endlich hatte der Zug die Stadt hinter sich gelassen.
Sie zog ihr Handy aus dem Rucksack und versuchte erneut ihre Freundin Rhea zu erreichen, die ja noch nicht einmal wußte, was passiert war und daß Inga auf dem Weg zu ihr war. Doch es war wie immer unmöglich Rhea zu erreichen, weder daheim, noch über Handy. Ihre drei Kurznachrichten waren bisher unbeanwortet geblieben.
Allerdings war das ihre geringste Sorge.
Sie kannte den Weg vom Hauptbahnhof mit der S-Bahn zu Rhea und selbst wenn sie dort vor verschlossener Tür stehen würde, so war sie sich doch sicher, daß Rhea früher oder später heim kommen würde. Schließlich war morgen Montag und Rhea zur Arbeit müssen.
Inga lächelte zagthaft, kuschelte sich in ihre Jacke.
Alles, was sie in den vergangenen Tagen erlebt hatte, hatte sie völlig erschöpft.
Sie schloß die Augen, spürte nicht, wie der Zug ihrem Ziel entgegenraste, nicht er wie im Hauptbahnhof hielt und wieder anfuhr. Erst als der Zug durch einen Vorort fuhr, kam sie zu sich.
Mit einem Ruck war sie auf den Beinen, packte ihr Habe und eilte zur Tür. Nach einigen Minuten kam der Zug quietschend zum Stehen. Inga riß die schwere Tür auf und sprang samt Gepäck auf den Bahnsteig.
Eilende Menschen, selbst an einem Sonntag, die den Bahnhof verließen. Sie schaute sich die Anzeigentafel auf dem gegenüberliegenden Gleis an, wollte wissen, ob ein Zug zurück in Richtung Hauptbahnhof fuhr. Doch alle schienen in andere Richtungen zu fahren. Seufzend hob sie ihre Tasche an und lief zum Ausgang, die Treppe hinunter in den Tunnel und die Treppen wieder hinauf. Sie hoffte, draußen eine Straßenbahn- oder Bushaltestelle zu finden. Doch es gab nur einen Taxistand, an dem keine Taxis standen. Das war ihr gleichgültig, denn für ein Taxi hatte sie nicht genug Geld.
Langsam begann es zu dämmern, die Straßenlaternen schalteten sich ein.
Inga lief weiter, links die Straße hinunter auf der Suche nach einer Haltestelle. Doch nach einer halben Stunde hatte sie noch immer keine gefunden. Die Tragegurte der Tasche schnürten ihre Hände selbst nach mehrmaligem Wechseln, außerdem schien die Tasche immer schwerer zu werden.
Inzwischen war es dunkel und ihre Schritte langsamer geworden.
Da vorne entdeckte sie eine Bank, ging darauf zu, setzte sich und ließ die Tasche neben sich fallen. Sie versuchte erneut Rhea zu erreichen. Daheim meldete sich der Anrufbeantworter, auf ihrem Handy die Mailbox.
Wie war so etwas möglich?
Schritte, neben ihr.
Inga sah auf und entdeckte eine Gestalt mit breiten Schultern und langem dunklen Mantel. Die Gestalt schien sie nicht zu bemerken. Wortlos setzte sie sich auf die Bank, die Hände tief in den Taschen verborgen. Inga warf einen vorsichtigen Blick zur Seite.
Ein junger Mann, mit schwarzem Haar, schmalen Augen und fahlen Lippen saß neben ihr. Inga wollte ihn ansprechen, ihn nach der nächsten Haltestelle fragen, doch sein verschlossenes Gesicht schreckte sie ab.
Noch immer hatte er sie nicht bemerkt, den Blick starr geradeaus gerichtet, tief versunken in Gedanken oder vielleicht sogar nicht anwesend…
Einen Augenblick hielt sie den Atem an und spürte, wie sie eine Gänsehaut an Armen und Beinen bekam. Ihr Verstand sagte ihr die Beine in die Hand zu nehmen und auf der Stelle hier zu verschwinden… denn gruselig war diese Situation schon.
Eine sanfte Brise kam von hinten, streifte ihr Haar und wehte ihr den schweren Duft von Rosen in die Nase. Ein Garten mit vielen Blumen vor allem Rosen befindet sich direkt hinter mir, ging es ihr durch den Kopf. Sie drehte sich langsam um, sah aber nichts weiter als eine hohe Mauer.
Ihr Nachbar rührte sich noch immer nicht.
Inga vernahm ein leises elektronisches Piepen. Leise aber permanent, bis ihr bewußt wurde, daß es ihr Handy war. Peinlich berührt zog sie es aus der Jackentasche. Das Display leuchtete im grünen Neonlicht und zeigte ihr an, daß der Akku leer war.
Sie schaltete das Gerät und ließ es wieder in der Jackentasche verschwinden.
Das nervige Piepen hatte den Mann neben ihr aus seiner Lethargie gerissen.
Er sah sie mit finsterem Blick aus den schmalen Augen an. Ein zagthaftes und so schmerzliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
"Oh, es tut mir leid, ich… das war nicht meine Absicht… ich…"
"Schon in Ordnung", antwortete er und sie stellte fest, daß seine sanfte herzliche Stimme absolut nicht zu seinem finsterem Gesichtsausdruck paßte.
"Ich habe eine Bus- oder Straßenbahnhaltestelle gesucht."
"Es gibt eine in der Nähe, hundert Meter weiter", antwortete er, zog ein Päckchen Zigaretten aus der Manteltasche, steckte sich eine an und rauchte schweigend.
"Ich fürchte, hier im Vorort fährt der Bus abends nicht mehr sooft. Besonders nicht sonntags."
"Ich werde mal nachsehen", erwiderte sie, hob ihr Gepäck auf, " auf Wiedersehen."
Bevor sie die Straße überquerte, sah sie ihn kurz an. Er lächelte, nahm einen Zug von seiner Zigarette und bleis den Rauch in die Luft.
Es waren noch etwa dreißig Meter bis zu der Haltestelle, als ein Bus die Straße herunter an ihr vorbei fuhr. Oh nein, das darf doch nicht wahr sein!
Sie fing an zu rennen, erreichte die Haltestelle, als der Bus schon wieder angefahren war.
Die Tasche fallen lassend, warf Inga einen Blick auf den Fahrplan und stellte fest, daß der nächste Bus erst in einer Stunde fuhr. Sie hockte sich auf die schmale Metallbank und spielte mit dem Gedanken, zum Bahnhof zurück zu laufen. Doch wenn dort kein Zug zurück zum Hauptbahnhof fuhr, würde sie vermutlich den letzten Bus verpassen und die Nacht auf einer Bank verbringen.
Was für gräßliche Tage dies doch waren - und die Hoffnung, hier endlich ein bißchen Ruhe zu finden und vielleicht irgendwann einmal darüber nachdenken zu können, wie es weitergehen könnte schwand dahin.
Zurück?
Nein, niemals mehr…

Bremsen quietschten und rissen sie aus ihren Gedanken.
Ein kleiner schwarzer Ford hielt in der Bustasche.
Inga sah auf.
Der junge Mann von vorhin stieg aus,
"Fährt kein Bus mehr?"
"Doch. In einer Stunde."
"Und Sie wollen solange warten?"
"Hab keine andere Wahl", erwiderte sie resignierend.
"Vielleicht kann ich Sie ja fahren. Welche Straße?"
"Oh, das ist nett aber ich", sagte sie, stockte einen Moment, denn eine Stimme in ihrem Kopf warnte sie, zu einem völlig Fremden ins Auto zu steigen.
Aber eine andere Stimme sagte ihr, daß sie ihm vertrauen konnte, sagte ihr, daß er keiner von den Normalen, Verräterischen und keiner mit bösen Absichten war. Nein, einfach nur einer, der ihr einen Gefallen tun wollte.
"Also gut. Eine Stunde hier allein kann wirklich sehr lang werden. Ich will in die Johann-Senter-Straße."
Er überlegte einen Moment.
"Ist das im Stadtteil Grünefeld?"
"Ich denke schon, ja, ich weiß es nicht, ich war erst einmal dort. Vor zwei Jahren."
"Okay", erwiderte er und seufzte, "ich denke, wir werden es schon finden."
Er nahm ihre Tasche und warf sie auf den Rücksitz.
Dann öffnete er die Beifahrertür und bat sie hinein.
Er stieg ein, startete und wendete den Wagen.
"Ich heiße Angelo Varen", sagte er und reichte ihr mit einem raschen Blick die Hand.
"Inga Parens. Ich komme aus Waldsteinburg."
"Oh, dann hast du eine weite Reise hinter dir."
Inga seufzte tief und spürte, wie all der Schmerz - diese ganze unendliche Qual in ihr hochstieg und sich ein dicker Kloß in ihrem Hals bildete. Er ließ sich durch Schlucken nicht zurückdrängen. Sie begann zu blinzeln, weil heiße, salzige Tränen in ihre Augen traten.
"Entschuldigung", murmelte sie kaum hörbar und begann in der Hosentasche nach einem Taschentuch zu suchen.
Doch immer wenn man`s brauchte, war keins da.
Ihr war es furchtbar peinlich, am liebsten wäre sie jetzt, in diesem Augenblick aus dem Auto geflohen.
Er blickte starr auf die Straße und sie hoffte, daß er nicht bemerkte, was mit ihr los war. So leise wie möglich schniefte sie und sah aus dem Fenster.
Angelo hatte es bemerkt, fuhr langsamer und stopte den Wagen am Straßenrand. Er sah einen Moment auf die Straße, klammerte die Hände ans Lenkrad.
Vorsichtig tastete er neben sich, wo sich die Gangschaltung befand, weil er sich sicher war, daß er dort eine Packung Tempotaschentücher fand.
Inga spürte eine sanfte Berührung an der Schulter und erschrak… er hatte bemerkt, was los war.
"Es tut mir leid, Angelo. Ich… ich wollte das nicht."
"Inga, sieh mich an", sagte er mit weicher Stimme.
Langsam wandte sie ihm ihren Blick zu.
"He, nicht weinen."
"Es tut mir leid, ich konnte es nicht zurückhalten, was mußt du bloß von mir denken… willst mir einen Gefallen tun, mich zu meiner Freundin fahren und dann… und dann fange ich hier an zu heulen."
Sie putzte sich die Nase und tupfte sich die Tränen ab.
Angelo sah sie an, voller Gefühl, voller Mitleid oder war es einfach Verständnis?
"Und du glaubst wirklich, das ist schlimm? Oh, nein, das ist normal…"
"Nein! Es ist mir so peinlich."
"Das braucht es nicht. Du denkst, nur weil ich ein Mann bin, ein Fremder, könnte ich kein Verständnis haben? Glaube mir, du täuscht dich. Auch mir ist manchmal zum Weinen. Ich haße Menschen, die ihre Gefühle nicht zeigen, die immer so stark sein wollen. Das ist falsch. Weine, wenn dir danach ist."
Inga wußte wirklich nicht, was sie sagen sollte und wandte verlegen den Blick ab. Sie verstaute das naße, schmutzige, zerknüllte Taschentuch in ihrer Hosentasche.
"Wenn du darüber reden möchtest, Inga, dann bin ich für dich da. Ich höre dir zu."
Wieder seufzte sie tief.
"Das ist sehr lieb von dir Angelo… aber es geht schon wieder. Ich bin sehr froh, wenn ich bald bei meiner Freundin Rhea wäre…Sei mir nicht böse aber ich habe einige sehr schwere Tage hinter mir und bin sehr müde."
Er lächelte sanft, voller Verständnis.
"Okay. Ich verstehe das. Und ich wollte dir nicht zu nahe treten."
"Das hast du nicht, Angelo. Ich bin dir sehr dankbar."
Er nickte und startete den Wagen.
Nachdem er eine Weile schweigend gefahren war, räusperte er sich.
"Entschuldigung, ich möchte dir nicht zu nahe treten und bitte dich, mir zu sagen, wenn es dich stört… aber ich würde mich freuen, wenn du mir deine Nummer gibst. Ich habe keine Ahnung, was du vorhast und erst recht nicht, was du erlebt hast. Aber falls du länger hier in der Stadt bleibst, wäre ich froh, wenn wir uns vielleicht mal wiedertreffen… Ich meine, nachdem ich dich später bei deiner Freundin abgesetzt habe."
Dagegen hatte sie wirklich nichts.
Als Angelo den Wagen in der gewünschten Straße anhielt, tauschten sie die Nummern aus.
Ingal lächelte ihn an und steckte den Zettel mit seiner Handynummer in die Tasche.
"Nochmals ganz lieben Dank, Angelo. Ich weiß wirklich nicht, was ich heute abend ohne dich gemacht hätte… Wahrscheinlich wäre ich erst nach Mitternacht hier angekommen."
"Nicht zu danken. Hab ich gern getan. Ich werde warten, bis du im Haus bist."
"Okay, dann, wir sehen uns, Angelo. Mach`s gut."

Sie klingelte an der Haustür, wartete.
Niemand öffnete.
Auch nach mehreren Versuchen nicht.
Das darf doch nicht wahr sein!
Geht denn wirklich alles schief?
Was soll ich denn jetzt tun?
Fürs Hotel habe ich kein Geld…
Sie spürte, wie ihr wieder Tränen in die Augen stiegen, die sie mit Macht zurückdrängte.
Langsam ging sie zurück zum Wagen, öffnete die Beifahrertür.
"Ist sie nicht da?"
"Ich verstehe das alles nicht… ich konnte sie nicht erreichen aber sie ist um diese Zeit doch immer daheim… morgen ist Montag und sie muß normalerweise früh raus."
"Steig erst mal wieder ein, Inga."
Sie ließ sich ins Polster fallen, die Tasche neben sich auf den Gehsteig.
Nach einer Weile fragte sie ihn:
"Angelo, kann ich dein Handy benutzen? Du weißt ja, mein Akku."
Er reichte ihr sein Handy und sie versuchte, Rhea zu erreichen aber wieder meldete sich auf ihrem Festnetzanschluß der Anrufbeantworter und beim Handy die Mailbox.
"Mist", entfuhr es Inga, während sie das Handy sinken ließ.
Er hielt mit den Händen das Lenkrad umklammert.
"Ich könnte dich zu einer Pension fahren. Es gibt einige, die nicht so teuer sind."
"Das ist nett von dir, Angelo aber ich hatte ja nicht einmal das Geld für ein Taxi."
Schweigend zündete er sich eine Zigarette an, nachdem er ihr eine angeboten hatte. Dafür war sie ihm sehr dankbar, denn ihre waren ihr schon vor Stunden ausgeggangen.
Sie sog den Rauch ein, hielt sich an der Zigarette fest so als sei`s ein Strohhalm, der sie vor dem Ertrinken rettete.
"Tja, das einzige, was mir einfällt, ist, daß ich dir anbieten kann, mit zu mir zu kommen und morgen früh kannst du dann versuchen, deine Freundin noch mal zu erreichen."
Sie seufzte, blies den Rauch zur offenen Tür hinaus.
"Oh, Angelo, du hast schon so viel für mich getan… und jetzt, nein, das kann ich nicht annehmen."
Angelo sah ihr in die Augen.
"Wahrscheinlich gehts dir wie mir, Inga. Niemandem vertrauen außer mir selbst. Aus purem Selbstschutz, weil man schon zu oft im Leben entäuscht wurde. Ich erwarte nicht, daß du mir vertraust, wir kennen uns ja erst seit einer Stunde. Aber sei dir gewiß: wäre ich einer von diesen Typen, die`s drauf anlegen, hätte ich schon mehr als eine Gelegenheit dazu gehabt."
Was war hier nur los?
Warum kennt er meine Gedanken?
Vor ungefähr zwei Minuten hatte Inga die Kippe weggeworfen, dennoch bat sie ihn jetzt um eine weitere Zigarette.
Die ganze Situation, ja alles, was geschehen war und noch geschah war so verwirrend, so absurd, daß sie es absolut nicht verstehen konnte.
"Angelo… ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Und erst recht nicht, was ich tun soll. Vielleicht verstehst du das nicht aber ich bin absolut neben der Spur. Ich bin heute von Zuhause abgehauen, ein Zuhause, das eigentlich nie eins war… ich wollte zu Rhea, ich wollte versuchen, zur Ruhe zu kommen und vielleicht irgendwann mal einen neuen Anfang machen. Ich bin weg, weil es für mich nur zwei Möglichkeiten gab: Flucht oder Selbstzerstörung - ich habe mich für die Flucht entschieden - doch alles ist daneben gegangen… und ein Zurück gibt`s nicht mehr."
"He, Inga, ich spüre, daß du dir das alles von der Seele reden willst. Mein Angebot steht noch. Ich höre dir zu. Laß`uns zu mir nach Hause fahren, okay? Irgendwo habe ich noch eine Flasche Wein rumstehen und ein paar Zigaretten holen wir uns an der Tanke. Wir reden die ganze Nacht, wenn du magst."
Sie sah, daß sie keine andere Wahl hatte, wenn sie nicht diese Nacht in der fremden Stadt auf einer Parkbank verbringen wollte.
Nach kurzem Überlegen beschloß sie, ihm zu vertrauen.
"Okay. Ich werde mit dir kommen."

Angelo lud ihr Gepäck wieder auf den Rücksitz.
Später schloß er die Tür zu seiner kleinen Wohnung auf, bat sie herein. Ihre Nerven flatterten. Nur ein Zimmer, sie würde mit ihm zusammen die Nacht in einem Zimmer verbringen. Zögernd folgte sie ihm.
Er führte sie zur Couch, bat sie, sich zu setzen.
"Du lebst ganz allein?Entschuldige, daß ich neugierig bin, Angelo aber gibt es niemanden?"
Mit der Antwort ließ er sich Zeit. Aus dem Küchenschrank holte er zwei Weingläser, entkorkte die Flasche, goß ihnen ein und setzte sich zu ihr.
"Nein, es gibt niemanden. Alle Menschen, die mir jemals lieb und teuer waren habe ich verloren."
Seine Stimme war gleich, weich und herzlich und doch lag so unendlich viel Schmerz darin.
Sie schluckte, griff nach den Zigaretten.
"Das tut mir leid. Ich wollte nicht traurige Erinnerungen wecken."
Er trank einen Schluck Wein und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an.
"Wir haben anscheinend beide, jeder für sich unsere eigene Qual, unsere eigene Einsamkeit. Ich weiß nicht viel über dich aber ich spüre, daß wir Gemeinsamkeiten haben. Einsamkeit und Schmerz sind Teil deines Lebens, so wie in meinem. Und ich weiß, daß du ein ganz besonderer Mensch bist, nicht einer, wie man ihn jeden Tag findet. Bist keine von den Schafen, die mit der Masse blöken, keine, die anderen hinter reinkriecht, die sich manipulieren läßt von Leuten, die vorgeben, etwas zu sagen zu haben. Lebst, so wie ich in dieser kaputten Welt. Kämpfst dagegen an und bist oft müde davon."
Inga schaute ihm fazsiniert in die Augen.
"Woher weißt du das alles, Angelo? Du hast vollkommen recht, ich denke exakt genauso. Ich weiß nicht, was ich sagen soll…Angelo, ich verstehe nicht, woher du das alles wissen kannst."
Der Anflug eines Lächelns erschien auf seinem Gesicht und er suchte und fand ihre Hand.
"Ich weiß es nicht. Ich spüre es."
Sie verspürte das Bedürfnis, ihm mehr über sich zu erzählen.
Jemandem alles zu erzählen, jemand, der einfach nur da ist und zuhört, keine Fragen stellt - sie wußte nicht, wie lange es her war, daß es so einen Menschen in ihrem Leben gegeben hatte. In den letzten Jahren war die Einsamkeit so tief, so absolut gewesen, daß sie sich gar nicht mehr daran erinnerte, wie das ist, jemandem das Herz auszuschütten. Es war nicht so, daß sie überhaupt keinen Menschen zum Reden hatte, nein, es gab welche aber mit denen waren keine tiefen, vertrauten Gespräche möglich. Entweder waren diese Menschen nicht bei der Sache, wechselten rasend schnell das Thema, weil sie mit ihren Gedanken woanders waren oder Inga bekam Vorwürfe und Schuldzuweisungen zu hören. Eine andere Möglichkeit war, daß diese Menschen egoistisch waren und es sie schlichtweg überhaupt nicht interessierte.
Sie seufzte, trank einen Schluck Wein.
Angelo legte vorsichtig seinen Arm um sie und lächelte sie ermutigend an.

"Mein Leben ist eine Illusion", begann Inga, "mich hätte es eigentlich gar nicht geben dürfen. Meine leibliche Mutter hat mich ausgesetzt. Ich bin ein Findelkind. Unterkühlt fand mich eine Krankenschwester und brachte mich ins Krankenhaus. Ich habe lange gebraucht, mich zu erholen und war als Kind oft krank. Mein erstes Lebensjahr habe ich fast ausschließlich im Krankenhaus verbracht, dann kam ich für ca. ein halbes Jahr ins Heim und anschließend, bis ich ungefähr fünf war bei Pflegeeltern. Dort hat mich das Jugendamt rausgeholt, weil meine Pflegemutter schizophren war. Sie war oft in der Psychatrie und hat dort dann letztlich Selbstmord begangen. Mein Pflegevater war mit all dem völlig überfordert, also kam ich wieder ins Kinderheim. Wieder für ein Jahr. Wieder neue Pflegeeltern, die dann nach zwei Jahren eigene Kinder bekamen, Zwillinge und ich abgeschrieben wurde. Der Bruder meiner Pflegemutter hat mich angefaßt… na ja, wieder Heim und mit dreizehn kam ich dann zu einer Familie, die ziemlich okay war. Mit zwanzig hatte ich den ersten richtigen Freund, zu dem ich dann gezogen bin. Doch der hing noch zu sehr an Mamas Rockzipfel und war außerdem ziemlich sadistisch veranlagt. Ich stand da - denn zurück konnte ich nicht. Meine Pflegeeltern lebten inzwischen jeder mit neuen Partnern und deren Kindern zusammen. Bin also allein geblieben. Hatte ab und zu einen Freund, mit dem immer anfangs alles so lief, solange bis der süße Geschmack des Verliebtseins schal wurde und der Killer Alltag sich einschlich. Der Schmerz nach der Trennung wurde mit jedem Mal stärker, am Ende so überdimesional, daß ich mich nach nichts anderem mehr sehnte, als nach Erlösung. Eine einzige winzige letzte Chance gab ich mir… wieder heftiges Verliebtsein und ehe ich überhaupt darüber nachdenken konnte, war ich verheiratet und weit weg der Heimat in einem goldenen Käfig aus einer Art verzweifelter Liebe und Lethargie. Als ich daraus erwachte, erkannte ich, wie einsam mein Leben war. Die Anerkennung, die ich immer so gebraucht hatte bekam ich nicht und auch keine Liebe. Ich brauchte es, in den Arm genommen zu werden, Verständnis und nicht nur Monologe und Besserwisserei, sehnte mich nach Liebe, nach Zärtlichkeit - doch nun war es vorbei. All das würde ich niemals bekommen… das war mir klar, denn für einen nochmaligen Neuanfang habe ich weder Mut noch Kraft. Ich habe zu große Angst, daß sich alles noch mal wiederholen wird, wie schon sooft. Das ertrage ich nicht."
Sie trank einen Schluck Wein, um ihre Kehle zu befeuchten.
"Das ist meine Geschichte, Angelo. Zumindest die Kurzform."
Locker lag sein Arm auf ihrer Schulter. Er wußte genau, daß Worte wie "alles wird wieder gut" nicht angebracht waren…
"Sehr viel anders ist meine Geschichte nicht, Inga. Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Ein Jahr darauf hat mein Vater wieder geheiratet und meine Stiefmutter konnte mich nicht ausstehen, was sie mich in jeder Sekunde spüren lassen hat. An meinem achtzehnten Geburtstag bin ich dort ausgezogen. Ein Jahr später habe ich auf einer Reise nach Italien meine große Liebe kennengelernt. Sie lebte in Rosenstadt, zweihundert Kilometer entfernt und mal kam sie zu mir und umgekehrt. Sie wollte zu mir ziehen, wir wollten heiraten. Doch dann wurde sie aus dem Leben gerissen. Autounfall. Schluß, aus, vorbei, Ende der Geschichte. Ich wollte ihr folgen, denn mein Leben hatte ohne sie keinen Sinn mehr. Ich hab`s versucht, bin im Krankenhaus aufgewacht und mir ging`s richtig dreckig, ich meine nicht nur körperlich. Ich hatte versagt, war nicht mal fähig, mich umzubringen. Und nun, heute fühle ich mich wie ein Vampir, ein Wesen, zur Unsterblichkeit in dieser kaputten Welt verdammt. Ein Wesen, das hier nicht leben und nicht sterben kann."
Mit Tränen in den müden blauen Augen sah Inga ihn an.
"Für den Moment tröstet mich der Gedanke mit meinem Schmerz nicht allein zu sein, Angelo. Doch ich weiß nicht, wie lange es mich trösten wird."

"Ich habe auch oft daran gedacht, mich selbst zu zerstören. Aber ich hatte die meiste Zeit Angst davor. Ich habe mich mit Stecknadeln und so verletzt. Wenn das Blut kam, das war...irgendwie schön und der Schmerz willkommen. Meine Fingernägel waren nicht selten bis auf`s Nagelbett abgefressen, hatte oft Entzündungen. Aber dieser Masochismus kotzt mich an, weil der psychische Schmerz, dem ich mich unbewußt immer wieder aussetze, mich quält."
"Angst, ja, die Angst spielt tatsächlich eine große Rolle. Doch hat man sie erst mal überwunden, fühlt man sich freier. Alles wird leichter, gelöster."
"Ich weiß, daß ich niemals alt werden möchte. Das heißt nicht, daß ich Angst vor dem Älterwerden habe, nein, ich will nur nicht mein Leben in die Hände anderer Menschen geben, die vielleicht darüber bestimmen, wann mein Leben zuende ist oder mich künstlich am Leben halten und mich damit quälen. Nein, ich habe beschlossen, selbst über mein Ende zu bestimmen, irgendwann, wenn ich es für richtig halte. Niemand hat mich gefragt, ob ich in diese Welt gesteckt werden will. Und niemand hat das Recht, mir zu sagen, wann und wie ich von dieser Welt gehe. Kein Gott, kein Schicksal und erst recht kein Mensch."
"Über die Angst bin ich hinweg, schon längst. Ich weiß nicht, ob es ein Danach gibt… selbst das ist für mich nicht wichtig. Für mich wird der ewige Schlaf der schönste und der erlösenste zugleich sein, all die Pein mit dem letzten Wimpernschlag für immer vorbei."
Darauf fand sie keine Worte, wußte nur, daß er so wunderbare Worte finden konnteund in diesem Augenblick wurde ihr die Tatsache bewußt, daß er derjenige war, nachdem sie so lange gesucht hatte, jemand, der ihr viel zu spät begegnet war. Er war jemand, der ihr, wenn er sie je lieben würde, jeden Wunsch von den Augen ablesen würde, jemand, bei dem sie niemals Lieblosigkeit und Zurückweisung empfinden würde. Jemand, für den Liebe für die Ewigkeit ist…
Die Weinflasche war leer und sie legten sich angekleidet engumschlungen auf die Couch, deckten sich mit einer weichen Decke zu. Beinahe hätte Inga gelacht, denn nun war sie es, die Angst davor hatte, einen Schritt zu weit zu gehen. Sie zwang sich, ihre Hand, die seinen Arm berührte still zu halten, nicht sein Gesicht zärtlich zu streicheln, um das zarte Band des Vertrauens zwischen ihnen nicht zu zerstören.
Mit geöffneten Augen lag sie da und schielte in der Dunkelheit zu ihm. Er hatte die Augen geschlossen, sein Atem ging ruhig und gleichmäßig.
"Angelo", flüsterte sie.
Er schlief.
Inga schloß die Augen und sah sich gemeinsam mit Angelo auf einer duftenden Sommerwiese liegen. Über ihnen ein azurblauer Himmel und schwerer Duft von Rosen in der Luft. Mit dieser wunderbaren Vision schlief sie ein.

Sonnenstrahlen kitztelten ihre Nasenspitze und weckten sie.
Nein, es war kein Traum. Angelo hielt sie noch immer in seinem Arm, mit halbgeschlossenen Augen. Er bewegte sich, drehte sich auf die Seite und sie tat es ihm gleich. Sie sahen sich an.
"Na, wie hast du geschlafen", fragte er liebevoll.
"Wunderbar. So gut,wie schon lange nicht mehr."
Inga dachte daran, zu versuchen, Rhea zu erreichen und verschob es in Gedanken, denn im Augenblick wollte sie einfach nur hier bei Angelo sein.
Keiner von beiden wußte, wie lange sie so dagelegen hatten und das war auch nicht wichtig, die Zeit hatte ihre Bedeutung verloren.
Irgendwann, als die Sonne schon hoch am Himmel stand, hauchte er ihr sanft einen Kuß auf die Stirn.
"Magst du etwas essen?"
Sie verspürte keinen Hunger, auch keinen Appetit, spürte nur, daß sie alles, was sie wirklich brauchte hatte.
"Nein. Ich möchte einfach nur, daß du mich festhälst, Angelo. Nichts anderes."
Er lachte leise.
"Was ist aus deinen Plänen geworden?"
"Das ist eine gute Frage, Angelo. Ich schiebe meinen Anruf bei Rhea immer wieder hinaus. Ich weiß es wirklich nicht, ob ich sie überhaupt anrufen werde. Der gestrige Abend und die Nacht hat alles verändert. Du hast es verändert."
Er schaute einen Moment an die Decke, seufzte und stand auf. Er verschwand im Bad.
Eine halbe Stunde blieb sie allein mit dem Gefühl in seinen Armen zu liegen, seinen Herzschlag neben sich zu spüren. Es fühlte sich so warm, so geborgen an und auch gleichzeitig neu. So etwas hatte sie noch niemals erlebt.
Als Angelo zurückkam, hatte er sich gekämmt, hatte aber rote, blutunterlaufene Augen, wie zuvor nicht.
Er setzte sich schweigend neben sie, zündete sich eine Zigarette an.
"Angelo?"
"Angelo, was ist?"
Er wandte den Kopf, sah sie an. Seine Augen waren noch immer rot.
Hatte er geweint?
Er nahm ihre Hand.
"Ich spüre, was du fühlst, Inga. Auch meine Welt hat sich in den letzten Stunden verändert. Ich habe nicht gewußt, daß es so schnell gehen kann, daß ein anderer Mensch mein Herz berührt, ich ihn nicht mehr missen möchte."
Ihr Herz begann zu donnern wie ein Güterzug.
"Schon nach so kurzer Zeit habe ich dich in meinem Herzen und möchte dich nie mehr missen. Mein Herz lege ich in deine Hände und ich weiß, es ist sicher bei dir. Und auch deins werde ich von uns an immer beschützen."
Sie umarmte ihn, berührte sanft seine Lippen.
Angelo zuckte leicht zurück.
Und ihr Blick wurde verwirrt.
"Deine Nähe ist wunderbar, ein kostbares Geschenk. Ich möchte wirklich auch, daß du bei mir bleibst, weil ich spüre, ohne dich würde mir etwas fehlen. Bitte, verstehe mich nicht falsch… ach, ich weiß nicht, wie ich`s ausdrücken soll…Verstehst du, ich möchte nichts überstürzen."
Jetzt war sie es, die zurückwich.
"Ja,…hmm… weiß du…", druckste er herum.
"Erklär es mir, Angelo. Nach allem, was du mir eben gesagt hast, verstehe ich nicht, was du damit meinst."
Er versuchte die richtigen Worte zu finden und fürchtete, daß es ihm auch jetzt nicht gelingen würde.
Er drückte seine Zigarette aus.
"Ich kann mir vorstellen, daß du dich jetzt frast, wie es weitergeht. Als ich sagte, ich möchte nichts überstürzen, meinte ich, ich möchte keine… keine Bindung. Das wäre zu kompliziert. Verstehst du, ich bin zu kompliziert."
Sie seufzte.
"Meinst du etwa, ich bin nicht kompliziert? Natürlich möchte ich nichts überstürzen. Ich habe gerade eine schlimme Zeit hinter mir und brauche erst einmal ein bißchen Erholung."
Inga war klar, daß seine Aussage "ich bin zu kompliziert" nicht weiter als eine Ausrede war, doch sie trug es ihm nicht nach. Denn gerade für ihn als Mann - selbst einer, der sehr gefühlsbetont war und diese Gefühle auch noch ausdrücken konnte war es sicherlich nicht leicht zuzugeben, daß er Angst vor einer Bindung hatte, Angst, sie dann wieder so schnell zu verlieren, wie sie in sein Leben getreten war. Angst davor, daß das, was er mit seiner großen Liebe erlebt hatte haargenau noch einmal geschehen wird. Oder die Angst verletzt zu werden.
"Ich brauche dir nicht zu sagen, daß du hierbleiben kannst, solange du willst. Siehe alles was mir gehört auch als deins an. Aber bitte, gib`uns Zeit."
Sie lächelte ihn zärtlich an.
"Natürlich Angelo. Meine Gedanken sind zwar oft deine aber dennoch kennen wir uns erst seit ein paar Stunden. Und das ist ein bißchen kurz, um schon von Ewigkeit zu sprechen."

In dem einen Monat, in dem sie nun schon bei ihm war hatte sie mehr Geborgenheit, Wärme und Zuneigung erfahren, als in ihrem ganzem Leben zuvor. Sie hatte mehr Spaß gehabt, mehr romantische Nächte im Kerzenschein und voller Diskusionen.
In ihrem Arm hatte er geweint, weil Erinnerungen an grausame Ereignisse so sehr schmerzten.
Jede Nacht schliefen sie Arm in Arm, doch mehr als eine sanfte Berührung, sanfte, gehauchte Küße auf Wangen und Stirn war niemals zwischen ihnen.
Inga ließ ihm Zeit, obwohl ihr das, mit jeder Stunde, die sie bei ihm verbrachte schwerer fiel. Während sie nachts seinen ruhigen Atemzügen lauschte, sehnte sie sich nach mehr… und nahm sich jedesmal vor, es ihm am nächsten Morgen zu erzählen. Doch jedesmal fehlte ihr der Mut dazu. Sie hatte zu sehr Angst, das zarte und so kostbare Band zwischen ihnen zu zerstören und sie wollte ihn nicht drängen.
Andererseits sagte sie sich, wie das möglich war, einen Monat so eng neben einem Mann zu verbringen, ohne daß er jemals das Verlangen nach mehr spürte. So etwas gab es doch gar nicht… oder doch - bei ihm, weil er etwas ganz besonderes war. Kein Mensch von dieser Welt…
Seinen Namen Angelo - Engel trug er zu recht.
Inga verwöhnte ihn, kochte für ihn, tat alles, damit er sich wohl fühlt.
Doch trotz allem, des echten, fröhlichen Lachens schien er niemals vollkommen glücklich zu sein.
Sie gab ihm hundert Prozent und es schmerzte sie, wenn er sich manchmel in sich zurückzog. Sie respektierte seine schwarzen Stimmungen, aus denen er einfach selbst wieder heraus finden mußte und es bisher auch schaffte.
Eines Abends jedoch stürzte sie in Melancolie, stumme Tränen ihr die Wangen hinabliefen.
Was, sage mir was mache ich falsch? Sage es mir, ich gebe dir alles von mir, alles, was ich geben kann, meine ganze Liebe, mein ganzes Leben - aber was ist falsch daran? Ist es nicht genug? Was kann ich noch tun - wenn es etwas gibt, dann sage es mir! Ich liebe dich mehr als andere auf der Welt aber du… du liebst mich nicht… warum… warum nur, Angelo?
All diese Worte hätte sie am liebsten herausgeschrien, doch ihre Lippen blieben verschlossen.
Er sah ihre Tränen und sein Blick sagte, daß er sie verstand, ohne daß sie ein Wort ausgesprochen hatte.
Stumm nahm er sie in den Arm, unfähig ein Wort zu sagen, denn er wußte, daß sie genau spürte, was seine Gedanken waren. Die Frage nach Zeit stand nicht mehr zur Debatte …er würde einfach nie das zurückgeben können, was sie für ihn empfand… oder vielleicht doch, irgendwann einmal? Er wußte es nicht, wußte aber, daß es ihm wehtat, sie leiden zu sehen und fragte sich, ob er den Menschen, die er so sehr mochte, die ihm so viel bedeuteten nur Schmerzen zufügen konnte?
Liebe mich, liebe mich - flehten ihre Augen.
Er schlug die Lider nieder. Ich kann nicht - ich möchte es so gern aber ich… ich kann kann nicht!
Wieder lauschte sie in dieser Nacht seinen regelmäßigen Atemzügen und fragte sich, ob sie denn wirklich erst sterben mußte, um glücklich zu sein?
Leise und vorsichtig erhob sie sich, um ihn nicht zu wecken.
Im Dunkeln, mit tränenblinden Augen packte sie ihre Habseligkeiten zusammen, ohne zu wissen, wohin sie gehen sollte… es gab keinen Ort. Doch, den, wo sie ihm zum ersten Mal begegnet war und sich dort an diese wunderbare Zeit mit ihm zu erinnern - und Abschied nehmen von der Welt.
Als sie jedoch die leise knarrende Tür öffnete, stand Angelo plötzlich im Dunkeln hinter ihr, berührte ihren Arm.
"Bitte, geh nicht. Bleib bei mir."
Sie ließ die Tasche fallen. Ihre Schultern bebten, sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte stumm.
Er schloß leise die Tür, nahm sie in den Arm.
"Es tut mir weh, wenn du leidest. Doch versteh bitte, ich könnte dir geben, wonach du dich sehnst. Ich bin ein Mann. Doch es wäre nicht aufrichtig."
"Dann laß mich gehen, Angelo. Du liebst mich nicht."
"Wohin willst du?"
"Nirgendwohin, Angelo. Es gibt keinen Ort, an den ich gehen kann."

Nur ein Blick, ein liebevolles Wort von ihm genügte, um sie am Fortgehen zu hindern.
Er nahm ihr die Tasche ab, reichte ihr die Hand.
Im Wohnzimmer zündete er ein paar Kerzen an.
Als sie nebeneinander auf der Couch saßen nahm er ihr Gesicht in seine Hände, fuhr mit den Fingern die Spuren ihrer Tränen nach, während er ihr in die Augen sah.
"Was kann ich dir sagen, damit du verstehst? Mir fehlen die Worte…"
"Kannst du deine Angst nicht überwinden? Mir zuliebe - es wenigstens versuchen?"
Er senkte die Lider.
"Ich möchte es. Ich möchte es wirklich. Glaube mir."
Seine Hände begannen leicht zu zittern.
"Verstehe bitte… jedesmal in meinem Leben, wenn ich jemanden hatte, den ich über alles geliebt habe, ist derjenige mir wieder genommen worden. Ich kann es nicht ertragen, daß es noch einmal geschieht. Das werde ich nicht überleben."
"Aber ich will dich doch gar nicht verlassen, Angelo. Ich liebe dich!"
Er seufzte tief.
"Meine große Liebe wollte mich auch nicht verlassen! Und? Sie ist tot. Ich bin allein."
Inga schluckte und sagte nichts mehr. Was gab es darauf zu sagen?
Sie resignierte.
Liebe konnte sie nicht erzwingen und konnte auch nicht erwarten, daß er mit ihr eine Beziehung eingeht.
Die einzige Hoffnug die ihr heute nacht blieb, war die Zeit, Zeit, die vielleicht seine Wunden heilen und ihm seine Angst nehmen wird.
Sie schlief erst im Morgengrauen ein und hatte zuvor abwechselnd zur Decke gestarrt und sein Gesicht betrachtet.
Am nächsten Morgen war Angelo schweigsamer als sonst und Inga bekam keinen Ton aus ihm heraus.
Bei geöffnetem Fenster rauchte er, sein Blick verlor sich im Leeren.
Frustriert, mit Tränen in den Augen räumte sie das Bettzeug weg, leerte den Aschenbecher und stellte die Gläser in die Spüle.
Sie sah sich um.
Unbewegt stand er noch immer so da.
Ihre Nerven begannen zu flattern, die Hände zu zittern vor Anspannung.
Was war nur los?
War es wieder eine seiner schwarzen Stimmungen, vielleicht sogar eine, die tiefer war als sonst? Eine, aus der er alleine wieder herfinden mußte…
Angelo warf die Kippe hinaus, drehte sich langsam um.
Sein unendlich trauriger, schmerzvoller Blick fand ihren.
Sie machte einen Schritt auf ihn zu und in dem Augenblick schlug er die Lider nieder. Mit den Händen klammerte er sich am Fensterbrett fest.
Nach einer ganzen Weile sagte er leise:
"Ich möchte nicht, daß du mir böse bist. Aber heute möchte ich gern eine Zeit allein sein."
Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
"Soll ich gehen?"
"Oh nein. Keinesfalls. Ich werde nur einfach für ein paar Stunden verschwinden und dann… und dann bin ich wieder hier."
Sie wollte endlos viele Fragen stellen, doch sein schmerzvoller Blick hielt sie zurück.
"Okay", erwiderte sie kaum hörbar.
Die Tür fiel leise hinter ihm ins Schloß.
Sie blieb im Flur stehen, lauschte, wie seine Schritte im Treppenhaus verhallten, während Tränen ihre Wangen hinabliefen.

Sie schaute sich seine CD`s an, blätterte in ein paar Büchern. Ein paar Klassiker, Shakespeares "Romeo und Julia", Fantasiegeschichten und einige Stephen King Romane.
Das tat sie nur, um sich abzulenken, nicht allzuviel nachzugrübeln. Es gelang ihr kaum.
Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu Angelo… nein, ich will jetzt nicht an ihn denken… die Gedanken an ihn schmerzten… ich liebe ihn, ich brauche ihn, er tut mir so unendlich gut und gleichzeitig ist`s so quälend, daß er nicht wie ich empfindet, trotz der Gewissheit, daß seine Seele auch Pein erduldet…
Mit einer entschlossenen Geste schaltete sie das Radio ein, in der Hoffnung, Ablenkung zu finden und die Grübeleien zu vertreiben.
Doch vergebens.
Aus dem Radio erklang die sanfte, weiche Stimme von Robbie Williams, die der Angelos so ähnlich war…
"Nein!"
Wütend schaltete sie das Radio wieder aus, riß das Fenster auf, zündete sich eine Zigarette an.
Seit drei Stunden war er unterwegs, eine vierte und fünfte verstrich, ohne daß er auftauchte.
Langsam begann sie sich Sorgen zu machen, hielt sich aber zurück zu versuchen, ihn zu erreichen, respektierte seine Entscheidung, allein sein zu wollen.
Um sich ein wenig zu entspannen, es zumindest zu versuchen, ließ sie sich ein Bad ein.
Im herrlich warmen Wasser schloß sie die Augen, dachte einen Augenblick an nichts, bis sich Angelo ohne daß sie es wollte wieder in ihre Gedanken schlich. Sie tauchte unter, blieb mit dem Kopf solange unter Wasser, bis der Gedanke an ihn vertieben war.
Heftig sog sie die Luft ein, erhob sich dann, stieg raus, angelte sich ein Handtuch. Sie rubbelte sich trocken, zog sich wieder an.
Er war noch nicht zurück…
Gerade hatte sie sich aufs Sofa gesetzt, da hörte sie, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte.
Endlich!
Angelo trat ins Wohnzimmer. Ein kurzer Blick genügte und sie wußte, daß seine morgentliche schwarze Stimmung nicht vorbei war.
Schweigend setzte er sich zu ihr, die Unterarme auf die Schenkel gestützt. Er wandte den Kopf, sah ihr in die Augen.
"Angelo…"
"Tut mir leid. Du mußt tausend Fragen haben. Tausend Fragen, die ich nicht beantworten kann. Ich weiß nur, daß ich mich völlig leer, völlig ohne Energie fühle. Ich weiß nur, daß ich dir sehr wehtue und mir nichts sehnlicher wünsche, als es nicht mehr zu tun - aber ich kann doch immer wieder nichts anderes tun."
Sie seufzte tief und Tränen glitzerten in ihren Augen.
"Du bist bei mir, Angelo. Das scho allein macht mich glücklich."
Langsam schüttelte er den Kopf.
"Nein, Inga. Belüg dich nicht selbst. Ich bringe dir Schmerz und Leid. Und das ist grausam."
Nein, so schlimm ist`s nicht, wollte sie erwidern - doch auch das war nicht die Wahrheit.
"Auch mir ist diese Gewissheit unerträglich."
Sie schwiegen.
"Ich war an vielen Ort, die mir viel bedeutet haben. Orte, voller Erinnerungen, von denen ich Abschied genommen habe. Und nun ist es Zeit, daß ich mich von dir verabschiede, Inga. Du bedeutest mir wirklich sehr viel und ich möchte, daß du hier bleibst. Hast ja sonst keinen Ort, an den du gehen kannst. All´die Sachen, die mir etwas bedeutet haben, gebe ich dir und eines Tages wirst du…"
"Stop, stop, Angelo! Ich verstehe gar nichts mehr… wohin willst du, was soll das alles heißen, ich soll deine Sachen behalten…"
Sie sah ihn an und plötzlich traf sie die Erkenntnis wie ein Blitz.
"Nein, oh nein, Angelo. Bitte…"
Er nahm ihre Hand, drückte sie sanft.
"Du kannst mich nicht abhalten. Niemand kann das und das weißt du. Du kennst meine Gedanken, meinen Schmerz in meiner Seele und weißt auch, daß es mich schmerzt, dich leiden zu sehen. Ich will alles, nur das nicht - einen so wertvollen Menschen, der mich aufrichtig liebt Leid zufügen. Doch ich tue es. Das ist unerträglich."
Sie schluckte und hielt ihre Tränen nicht mehr zurück, denn schon lange hatte sie aufgehört, sich ihrer Tränen vor ihm zu schämen.
"Keine Chance mehr", hauchte sie mit kaum hörbarer Stimme.
"Doch. Wir haben eine Chance. Aber die liegt nicht hier. Sie liegt auf der anderen Seite."

Heftig schüttelte Angelo den Kopf, packte ihre Schultern
"Nein, Inga! Das wirst du nicht tun! Du hast dein ganzes Leben vor dir!"
"Ich versuche dich nicht abzuhalten, weil es unmöglich ist. Und ohne dich, Angelo ist es kein Leben, wird es für mich niemals mehr sein können, nicht, nachdem ich dich getroffen habe. Du glaubst, du konntest mir nicht genug geben? Das ist nicht wahr, Angelo. Du hast mir mehr Wärme, Geborgenheit und Liebe gegeben als je ein Mensch zuvor. Verstehst du, manchmal hatte ich den Gedanken, daß du gar nicht von dieser komischen und kalten Welt sein kannst und habe mich gefragt, woher du kommst. Ich hatte auch den Gedanken an Reinkarnation. In einem früheren Leben waren wir zusammen und haben uns über alles geliebt. Und jetzt, in diesem Leben sind wir uns wieder begegnet. Denn sehr viele andere Erklärungen habe ich nicht dafür, was uns verbindet… Es ist nicht von dieser Welt, was uns beide zusammenhält - etwas sehr kostbares, ein Geschenk zur richtigen Zeit - wie du mir vor kurzem gesagt hast. Und das ist der Grund, daß ich, wenn du von dieser Welt gehst, mit dir gehe."
In seinen Augen schimmerten Tränen und dann schüttelte er kaum wahrnehmbar den Kopf.
"Das ist ein Geschenk, das ich nicht annehmen kann."
"Doch, Angelo. Das kannst du. Ich möchte, daß du es nimmst. Das ist mein Wunsch. Nicht nur das. Es ist meine Bestimmung, wiel ich dich liebe."
Wieder herrschte ein Moment  Schweigen zwischen ihnen.
"Aber du… du mußt doch Angst davor haben."
"Neinn, Angelo. Meine Angst habe ich durch dich verloren. Du weißt, daß ich auch früher daran gedacht habe. Es aber nie versucht habe, wenn ich auch oft nahe dran war. Aber jetzt hat sich alles verändert, du hast alles verändert. Angst? Nein, Angst habe ich - bei dir - mit dir keine."
"Ach, Inga", seufzte er, "ich habe das Gefühl, daß du dich dazu gedrängt fühlst durch mich. Durch mich, weil ich deine Gefühle nicht erwidern kann und du bei mir sein willst, egal was ich auch tue. Doch das ist wirklich zuviel. Bitte, tue es nicht."
Sie straffte voller Entschlossenheit die Schultern und ein Feuer brannte in ihren Augen.
"Höre mir zu, Angelo! Ich habe dir gesagt, daß ich diese Gedanken oft hatte. Zuerst gab es Angst… Angst vor dem Sterben ansich, das wohl jeder Mensch hat, weil es das größte Mysterium ist, das besteht, das wir nicht erklären können. Das größte Unbekannte, vor dem die meisten Menschen panische Angst haben, so sehr, daß sie den Tod verdrängen und völlig aus ihrem Leben verbannen. Hinzu kam die Angst vor dem Danach… und ob es überhaupt ein Danach gibt. Doch nun bin ich frei davon. Ja, wirklich, völlig gelöst und frei von solchen Gedanken. Ich will mit dir kommen! Ich will es wirklich!"
Angelo spürte, daß er sie nicht davon abhalten konnte, fragte aber dennoch sehr leise:
"Sicher?"
Inga nickte mit Blick in seine Augen.
"All meine Gedanken bezogen mit ein, daß ich, egal, was auch geschehen mag niemals allein, einsam sterben will. Ich habe einsam, allein gelebt und will nicht auch noch so sterben."

Sie hielten sich engumschlungen im Arm und beobachteten, wie das Tagelicht langsam schwand und dem Zwielicht wich.
Worte waren überflüssig, denn Inga konnte seine Gedanken und hatte das Gefühl, daß er auch von ihren wußte.
Es war fast dunkel, als er sich über sie beugte. Erst berührten seine Lippen sanft ihre Stirn, ihre Nasenspitze, ihre Wangen, ihr Kinn und fanden schließlich ihren Mund. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und sie wagte nicht, ihren Mund zu öffnen. Der Druck seiner Lippen wurde fester und seine Zungenspitze fuhr die Öffnung ihres Mundes entlang. Sekundenlang schloß sie die Augen und plötzlich spürte sie seine Zunge in ihrem Mund.
Angelo fuhr mit den Fingern durch ihr Haar.
Oh, er schmeckte so süß, besser als Wein, besser als Honig - mit nichts auf der Welt zu vergleichen… Und es sollte nie mehr aufhören!
Sie liebkoste seinen Nacken.
Zwei Sekunden löste er sich von ihr, zog sich das T-Shirt über den Kopf und schleuderte es vo sich.
Sie verschmolzen wieder zu einem endlosen Kuß, bevor seine Lippen die zarte, weiche Haut an ihrem Hals entlangfuhren. Ihr ganzer Körper begann zu kribbeln. Seine Zunge fuhr ihren Hals entlang und mehrmals kniffen seine Zähne sanft und verspielt in das zarte Fleisch.
Sie zerwühlte sein Haar, schlang ihre Beine um ihn.
Angelo befreite sie von ihrem T-Shirt und begann mit unendlicher, bittersüß quälender Langsamkeit von ihrem Hals mit seiner Zunge abwärts zu fahren.
Inga schloß ihn fest in ihre Arme, während sein Kopf auf ihrer Brust ruhte.
Ihr Atem wurde ruhiger und sie ließ es zu, daß ihr die Augen zufielen, hieß die entspannte Schläfrigkeit willkommen.
Als sie wieder zu sich kam, hielt Angelo sie im Arm und hatte sie beide mit einer weichen Wolldecke zugedeckt.
Seine Hände ruhten auf ihrem Rücken.
Als sie ihm in die Augen sah, erschien ein zartes Lächeln auf seinen hellen Lippen. Seine beiden Zeigefinger beschrieben winzige Kreise auf ihrem Rücken. Inga schmiegte sich enger an ihn und mit der rechten Hand begann er wie geistesabwesend ihre Wirbelsäule langsam erst hinab und dann wieder hinauf zu fahren.
"Oh Angelo…nein, hör auf damit… sonst weiß ich nicht, was geschieht… Angelo, Angelo - hör nicht auf.. es ist so schön!"
Mit halb geschlossenen Augen küßte er sie, schlang ein Bein um ihre Hüfte. Sei Atem beschleunigte sich und beide wußten, daß sie nun eine Grenze überschritten hatten, hinter der es kein Zurück mehr gab.
Beide das erst Mal vereint und auch das letzte Mal in ihrem irdischen Dasein.
Sie staunten beide immer wieder über den anderen, der Stellen an ihren Körpern auf Anhieb fand, die sie erregten, so als bestünde Telepathie zwischen ihnen.
Dann - Stille.
Nur ihre Haut empfindlicher, ihre Herzen noch immer vor Aufregung wie Güterzüge donnernd.
Stille, Schweigen, alles war gesagt.

Beide komplette in schwarz gekleidet  gingen sie eine Stunde vor Sonnenaufgang hinunter zu seinem Wagen. Er öffnete ihr die Beifahrertür, sie stieg ein. Er ging um den Wagen herum, stieg ein, startete den Motor und fuhr aus der Parklücke. Die Straßen waren leer um diese Zeit und sie waren schnell auf der Autobahn.
Noch eher die ersten glutroten Streifen des Sonnenaufgangs sich am Horizont zeigten erreichten sie die abgelegene Landstraße, die Angelo ausgesucht hatte. Eine schöne Allee mit weit auseinanderstehenden mächtigen Kastanien.
Angelo beschleunigte.
Inga nahm seine Hand und er sah sie mit überirdischen, völlig gelöstem Funkeln in den dunklen Augen an, einem so faszinierendem Blick freudiger Erwartung, wie der eines Engels.
Er nahm sie in den Arm, ohne den Blick von ihr zu wenden, küßte sie und riß im selben Augenblick das Lenkrad herum.
Der Wagen raste mit hundert Stundenkilometer gegen eine der majestetischen Kastanien.

ENDE







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