Gone From Daylight

von Sanderix
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
23.03.2014
22.03.2016
52
383.298
15
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22.04.2015 4.870
 

BUCH 7: RENEGADE


Kein einziges Mal sagte er uns, wo wir hingingen. Gyro marschierte voraus, und Dion und ich folgten, in der Hoffnung, dass er irgendeine ‚mögliche‘ Lösung für die Probleme, in die wir hineingeraten waren, im Sinn hatte. Wir schuldeten Jeremy einen Haufen Geld, dafür dass er mich mit Blut versorgt hatte. Und er hatte die Absicht, es sich zurückzuholen. Keine Ausreden mehr, keinen Aufschub. Morgen Nacht bis 3 Uhr früh, oder ich würde ziemliche Probleme bekommen. Und so wie ich Gyro und Dion verstanden hatte, war Jeremys Netzwerk in Chicago ziemlich ausgeprägt. Ich hätte keine CHANCE mich ihm zu entziehen, vor ihm zu verstecken oder die Konfrontation zu suchen. Selbst wenn ich es versuchte. Die Situation war also ernst, und es lag allein an uns, das wieder geradezubiegen.

„Gyro, wir sind jetzt fast 45 Minuten unterwegs. Kannst Du mir WENIGSTENS sagen, wo zum Teufel wir hingehen?“ sagte ich, während sich die Nervosität über den Ausgang der ganzen Angelegenheit langsam in meinem Bewusstsein breit machte.

„Nein … ich habe Dir doch gesagt, dass das nicht geht. Nicht hier in aller Öffentlichkeit. Irgendjemand könnte uns belauschen. Es ist eine Art geheimer Ort. Vertrau mir einfach, bis wir da sind, ok?“ antwortete Gyro und erhöhte sein Tempo.

„Ich hoffe, Du weißt was Du tust“, sagte Dion offensichtlich genauso genervt von Gyros Geheimniskrämerei.

„JA DOCH! Würdet Ihr Euch jetzt bitte nicht so anstellen und einfach mitkommen? Ich SAGTE doch, ich hätte einen Plan. Und das habe ich auch. Und jetzt lasst mich in Ruhe.“ Das war seine Antwort, und obwohl Dion und ich uns höchst zweifelnd und besorgt ansahen, beschlossen wir ihn beim Wort zu nehmen. Eine kleine Chance war immerhin besser als gar keine.

Wir liefen weiter und weiter, entfernten uns immer mehr von der Innenstadt. Die Straßen wurden dunkler, während die Lichter der Skyline langsam hinter uns verschwanden, und schon bald kamen wir in eine eher vorortähnliche Umgebung. Da informierte uns Gyro, dass wir ‚fast‘ am Ziel wären. Ich allerdings konnte mir nicht vorstellen, so weit draußen irgendetwas zu finden, das hilfreich in unserer Situation war. Neugierig über seinen Plan dachte ich daran, einen kurzen Blick in seinen Kopf zu werfen. Nur gerade so lange, um zu erfahren, was er vorhatte, und ob ich ihn eventuell dazu bringen sollte, einen BESSEREN Weg aus unserer Zwickmühle zu suchen. Doch das Problem war, ich war verwirrt und besorgt … und er bewegte sich einfach zu schnell. Und so hatte ich keine Möglichkeit mich lange genug darauf zu konzentrieren, in seinen Kopf einzudringen. Jedes Mal, wenn ich versuchte mich auf ihn zu fokussieren, wurde meine Schrittgeschwindigkeit etwas langsamer. Und er ermahnte mich sofort, nicht zurückzufallen. Doch ohne die Möglichkeit mich zu konzentrieren funktionierte meine Fähigkeit Gedanken zu lesen nicht besonders. Mann … das musste ich unbedingt noch verbessern. Da sahen wir in einiger Entfernung auf einem Hügel mitten in dem Wohngebiet ein helles Licht. Alle Häuser und Gebäude um uns herum waren dunkel, mit Ausnahme dieser einen ‚Oase‘ in der Nacht. Gyro verfiel fast in einen leichten Trab, während er darauf zusteuerte. Wir marschierten über eine Wiese den Hügel hinauf und erreichten ein kleines 24-Stunden-Lebensmittelgeschäft – die einzige Lichtquelle, das einzige beleuchtete Gebäude in der gesamten Gegend. Als wir den ‚Gipfel‘ des Hügels erreichten, fragte ich mich, ob Gyro sich einfach nur verlaufen hatte und hier nach dem Weg fragen wollte.

„Wir sind da … kommt mit“, lächelte er.

„In Anbetracht der Tatsache, dass das einzige hier oben ein Lebensmittel-Geschäft samt leerem Parkplatz ist, muss ich leider zugeben, komplett verwirrt zu sein, Alter“, sagte ich und fragte mich, was wir hier finden sollten, dass uns helfen könnte.

„Du brauchst Geld, oder? Ich bringe Dich dahin, wo das Geld ist. Also … holen wir es uns“, erwiderte Gyro.

Ich blieb wie angewurzelt stehen. „Ich werde KEINEN Laden ausrauben“, sagte ich mit finsterer Miene.

„Wer hat was von AUSRAUBEN gesagt? Jetzt komm schon! Vertrau mir!“ Gyro schnappte sich meine Hand und zog mich in das Geschäft hinein. Dion schloss hinter uns die Tür.

Das Innere des Ladens war extrem hell. Das weiße Licht erleuchtete alles so sehr, dass man fast die Augen zukneifen musste. Selbst die schäbigen Fliesen auf dem Boden waren nur schwerlich anzuschauen. „Bleibt hier …“, sagte Gyro und ging zur Ladentheke. Er unterhielt sich mit gedämpfter Stimme mit dem Typen hinter der Theke, während Dion und ich nervös mit den Füssen scharrten, da wir allein durch unsere Anwesenheit hier wertvolle Zeit verloren.

„Kannst Du Dir vorstellen, worum es hier geht?“ fragte ich ihn, doch Dion zuckte nur mit den Schultern und verdrehte die Augen.

„Ich habe keine Ahnung, was er vorhat. Vermutlich müssen wir ihn einfach mal machen lassen“, sagte er.

„Ich weiß nicht … irgendwie kommt es mir nicht richtig vor“, sagte ich.

„Ja so geht es mir auch, Justin“, erwiderte Dion. „Doch wenn ich eines über unseren Gyro weiß … dann, dass er voller Überraschungen steckt.“

Gyro beendete sein Gespräch mit dem Verkäufer. Dieser warf einen Blick auf uns und gab Gyro einen roten Plastikchip. Fröhlich kam unser Kumpel zu uns zurück und nahm uns mit zu einem Video-Spielautomaten, der sich in einer dunklen Ecke hinter der Eismaschine befand … Dion und ich blieben unbeeindruckt. Wir folgten ihm und sahen fassungslos, wie Gyro den Chip in den Automaten warf und ein Spiel begann, als wäre es das Normalste von der Welt in unserer Situation. Ich hatte genug. „Sag mal, was verdammt noch mal MACHST Du da?“ entfuhr es mir.

„Abwarten …“ sagte er.

„ABWARTEN??? Wir stecken ziemlich tief in der SCHEISSE, Gyro! Und Du schleppst uns durch die ganze Stadt, nur um ein VIDEOSPIEL zu spielen???“ Wie konnte er nur so entspannt sein?

Gyro antwortete mir nicht sofort. Er konzentrierte sich voll auf das Spiel, und dann, als er ein bestimmtes Zeichen anklickte, das über den Bildschirm flog … passierte etwas Merkwürdiges. Auf dem Bildschirm erschien ein Wirbel aus Bildchen und Zahlen, als ob der Apparat defekt wäre und dabei wäre herunterzufahren. Plötzlich wurde das Bild schwarz, mit Ausnahme eines blinkenden Cursors, der auf eine Eingabe wartete. Neugierig beobachtete ich, wie Gyro den Joystick bediente, damit einen siebenstelligen Code aus dunkelroten Buchstaben und Ziffern eingab und schließlich ‚Enter‘ drückte. „Voilà!“ grinste er fröhlich. Dion und ich sahen mit aufgerissenen Augen, wie der Spielautomat anfing sich zurück von der Wand zu bewegen …

… und einen dunklen Durchgang freimachte, von dem eine Treppe in so etwas wie einen Keller führte. „Seid Ihr bereit?“ fragte Gyro und ging voraus.

Dion und ich sahen uns an, und er sagte, „… wie ich sagte: voller Überraschungen!“ Und damit folgten wir Gyro in die Dunkelheit. Der Spielautomat bewegte sich zurück, um den Eingang wieder zu versperren und begann erneut mit seiner Musik und den Geräuschen, so als wäre es ein ganz reguläres Videospiel. Die Tarnung war beeindruckend. Nicht schlecht!

Während wir die Stufen hinabstiegen und offenbar tiefer in den Hügel, den wir außen hinaufgestiegen waren, gelangten, begann ich aus der Entfernung Geräusche zu hören. Es klang wie … ‚Musik‘ … und Leute. VIELE Leute. JUBELNDE Leute. Und als wir das Ende eines langen Ganges erreichten, erwartete uns dort ein Typ, der vermutlich 250 Kilo wog, wenn nicht sogar mehr. Er trug einen Vollbart, war weit über 2 Meter groß und so breit wie die Tür, die er bewachte. „Gyro … lang, lang ist’s her. Ich dachte schon, Dich hätte der Mumm verlassen“, sagte er mit einer Stimme, die tief genug war um in meiner Brust zu vibrieren. Außerdem war sie rau wie ein Reibeisen, als ob es ihm schwer fiele nur zu atmen. Doch er war nicht fett … oh nein … eher robust, mit einem Körperumfang, der aussah, als könnte er mühelos einen Truck beiseiteschieben. Mir war klar, warum er ein Türsteher war.

„Der Mumm verlassen? Keinesfalls. Du kennst mich, ich selbst hatte niemals wirkliches Talent bei der Sache hier. Das war mein Freund Chip, der hier ziemlich abgeräumt hat.“ Aus seinem Portemonnaie holte Gyro einen kleinen Papierzettel, den er dem Mann überreichte. Dieser scannte ihn mit einer kleinen Maschine, die er um die Hüfte gebunden hatte. Ein helles rotes Licht leuchtete auf, und dann gab der Mann den Zettel Gyro zurück. „Alles in Ordnung?“ fragte Gyro.

„Denk daran, wieder auszuchecken, wie immer. Viel Spaß. Und sag Deinem Freund Chip, er möge mal wieder vorbeikommen. Es ist nicht mehr das Gleiche ohne ihn, weißt Du?“ antwortete der Koloss.

„Geht klar.“ Gyro wartete bis der Mann die gewaltige Tür geöffnete hatte, fast wie die Tür eines riesigen Safes. Augenblicklich wurde der Raum mit dem Gebrüll jubelnder Leute und den pulsierenden Vibrationen harter, lauter Rock- und Rave-Musik geflutet. Und zwar sehr harter Musik! Wie sie es schafften, den Krach selbst hinter der dicksten aller Türen einzudämmen war mir ein Rätsel. Die Luft war schwer von Hitze und Modergeruch, ja fast zum Schneiden, wie durch einen schweren unsichtbaren Dunst. Die Menge schrie laut und war durch ihren eigenen unkontrollierten Adrenalin-Rausch wie rasend. Immer mal wieder erklangen Sprechchöre, fast wie bei einem Rockkonzert, als Reaktion auf was auch immer sie sich ansahen. Wir bewegten uns vorwärts und quetschten uns durch die Massen … fast alle Anwesenden waren Vampire wie wir, doch waren da auch Menschen im Raum, das konnte ich spüren.

Der Boden war übersäht mit Abfall, der an unseren Schuhsohlen haften blieb. Und noch mehr Müll regnete von einem Oberrang sowie von Tribünen auf jeder Seite auf uns herab. Der Krach war ohrenbetäubend. „Gyro! Wo sind wir hier?“ rief ich.

„Siehst Du gleich! Kommt einfach mit! Los, wir müssen erstmal durch dieses Chaos hier durch!“ sagte er und watete weiter durch die Menge.

„Hey Süßer …“, sagte ein älterer Vampir-Junge, während ich mich an ihm vorbeischob, und leckte mir über das Gesicht! Schnell wischte ich mir über meine Wange! Bah! Was zum Teufel…? Da spürte ich, wie mir jemand anderes in den Hintern kniff und ein Dritter mir in den Schritt griff, und zwar so kräftig, dass ich vor Schmerz nach Luft schnappte. Als wir endlich Gyro dazu gebracht hatten, stehen zu bleiben und wieder mit uns zu reden, war ich inzwischen auf mehr Art und Weisen belästigt worden, als ich zählen kann.

„Was IST das hier???“ brüllte ich um durch die Musik zu dringen, doch Dion legte mir eine Hand auf die Schulter, um mich daran zu erinnern, dass ich nicht schreien musste und sie mich prima verstehen konnten.

„Hört zu …“, begann Gyro, „all das Geld, das ich in den Clubs und so unter die Leute bringe? Nun … hier kommt es her.“

Dion war ein wenig verwirrt. „Moment … was meinst Du mit ‚hier kommt es her‘?“ Gyro bedeutete uns, auf eine der Tribünen zu klettern, wo sich schreiende Fans völlig verausgabten und deutete dann auf die Mitte dieser riesigen Arena, in der wir uns befanden. Als ich den Grund für die ganze Aufregung hier erkannte … wollte ich meinen Augen nicht trauen.

In der Mitte des Saales stand ein gewaltiger Glaskäfig mit einem dunkel angemalten Boden. Und darinnen befanden sich zwei Personen. Ein Kerl war ungefähr 20 und der andere vielleicht maximal 15 Jahre alt … und sie gingen aufeinander los, als gäbe es kein Morgen! Schläge, Tritte, Backflips, Ellenbogen in den Magen, Knie in den Schritt … jeder brutale und dreckige Trick aus einem Kampfhandbuch wurde so grausam wie möglich umgesetzt.  Mir fiel die Kinnlade herunter, als ich sah, wie dieser 15jährige Junge mit einer solchen Wucht seine Faust in Gesicht und Magen des anderen beförderte, dass der Boden bebte. Blut spritzte aus dem Gesicht des Älteren, der so benommen war, dass er nichts weiter machen konnte, als es über sich ergehen zu lassen und zu hoffen, wieder zu Sinnen zu kommen, bevor dieser Teenager ihn umbrachte. Ich zuckte zusammen als der Jüngere seinen Unterarm dazu benutzte, um dem anderen die Nase zu brechen. Dann schnappte er sich den Arm seines Gegners, verdrehte ihn hinter seinem Rücken … und nach einem kurzen Moment, in dem er darauf wartete, dass die Meute ‚darum bettelte‘ … zog er den Arm erbarmungslos nach oben, bis die Knochen brachen und der Handrücken der rechten Hand des Mannes auf dessen linker Schulter lag! Die Menge tobte, und der Beat der Musik schien noch lauter zu werden, als der Junge den geschundenen Körper seines Gegners auf den Boden fallen ließ. Es war mir egal, was irgendjemand sagte … Vampir oder nicht, das MUSSTE wehtun!

„Hier mitzumachen bedeutet einen Haufen Geld verdienen zu können. Einen HAUFEN! Mein Kumpel, Chip, der mit mir und meiner Freundin zusammenwohnt, kann prima davon leben, hier von Zeit zu Zeit in den Ring zu steigen und es mit wem auch immer auszufechten. Leichtes Geld! Ohne irgendwelche Fragen. Wenn wir wollen, können wir uns hier Jeremys Geld holen, und es bleibt dann immer noch genug, um den nächsten Monat hindurch feiern zu gehen! Überhaupt kein Problem!“ sagte Gyro.

„KEIN PROBLEM? Ähm … hast Du mal hingeschaut? Hast Du gesehen, was dieser Junge gerade mit dem Mann da angestellt hat?“ fragte ich und sah ihn an. „Alter … Du hast doch nicht vor in diesen Ring zu steigen und zu kämpfen, oder?“

„ABER NEIN!!! NATÜRLICH nicht! Ich kann nicht kämpfen! Ich wäre Matsch nach der ersten Runde!“ sagte er und fügte dann, nach einer kurzen Pause, hinzu, „Ähm … eigentlich … dachte … dachte ich, dass … DU kämpfen würdest.“

Vor Schock vielen mir fast die Augen aus dem Kopf! „Du hast BITTE WAS gedacht?!?!?!“

„PASS AUF … die Leute hier wetten IMMER auf das, was sie kennen. Das heißt also auf die großen Gewinner der letzten Kämpfe! Neue Kämpfer kommen immer wieder hierher, auf der Suche nach dem schnellen Geld und enden damit, dass ihnen ihr Hintern auf dem Tablett serviert wird! Ein frisches Gesicht von einem blonden Anfänger so wie Du, der noch mitten in seinem Crossover ist … für sie hier bist Du ein Waschlappen, und sie werden in den ersten Runden richtig viel gegen Dich wetten! Es ist also idiotensicher!“

„Alter …“, sagte ich fassungslos, „bist Du total bekloppt? Auf gar keinen Fall …“

Und Dion fügte hinzu, „Die werden doch jeden Knochen in seinem Körper brechen, Gyro! Das hier ist VOLLER Körpereinsatz. Alle Mittel sind erlaubt. Eine mörderische Prügelei. Justin hat überhaupt keine Chance hier mitzuhalten.“

„Ich mach‘ das nicht, Gyro …“, rief ich.

Doch Gyro unterbrach uns, ehe wir uns noch weiter da hineinsteigerten. „Hör zu, ich SAGTE doch, Du bist ein Newcomer. Alle hier erwarten, dass Du in den ersten paar Runden Deinen Arsch versohlt bekommst!“

„ICH erwarte, dass ich in den ersten paar Runden meinen Arsch versohlt bekomme!!!“ gab ich zurück.

„QUATSCH! Die Leute kennen Dich nicht so wie ich!“ sagte er und sah kurz zu Dion hinüber, da er wusste, dass er dabei war ein Geheimnis zu lüften, das er VERSPROCHEN hatte für sich zu behalten. „Sie wollen, dass Du verlierst … doch wir beide, Du und ich, wissen, dass das nicht passiert! Du trittst an, machst drei oder vier Kämpfe, und bist blitzschnell wieder draußen! Und bevor die hier irgendetwas begriffen haben, sind wir schon mit all dem Geld, das wir brauchen, auf und davon! Du kannst zu jeder Zeit aufhören, Deine Gewinne einstreichen und in EINER Nacht mehr Geld machen als Kid in einem MONAT Taschendiebstahl!“ Gyro war angespannt und sah erneut hinüber zu Dion … und fragte sich, ob er noch mehr von meinem kleinen Geheimnis verraten sollte. Er beugte sich vor und sagte mit gedämpfter Stimme, „Ich weiß, dass das eigentlich unter uns bleiben sollte, Justin … und es tut mir leid, ok? Aber … wenn Du einfach … ‚tust wozu Du in der Lage bist‘ … kommen wir problemlos aus dem Schlamassel raus.“

Ein Angstschaudern durchfuhr mich, und ich sah selbst hinüber zu Dion, in der Hoffnung, dass seine Vernunft mir sagen würde, es nicht zu tun. Allerdings sah er zwar besorgter aus als ich … doch wusste er bereits, dass ich, obwohl unerwartet, ein Talent dafür besaß, mich selbst zu verteidigen. Unglücklicherweise wechselte daher seine Vernunft in diesen Augenblicken auf Gyros Seite der Logik. „Justin … es tut mir leid es sagen zu müssen, aber Gyro hat Recht. Und nach dem, was ich bisher von Dir gesehen habe, kannst Du mit fast allem ziemlich gut fertig werden. Es könnte funktionieren“, sagte er.

„Jetzt ist nicht die Zeit zu verheimlichen, was Du kannst ‚Ninja-Man‘“, sagte Gyro auffordernd. „Du kannst es mit diesen Arschlöchern aufnehmen! Ich weiß, dass Du es kannst! Ich gehe schon seit einiger Zeit hier hin, und keiner von denen hier kann das, was Du kannst. KEINER! Zeig’s ihnen!“ Er drängte mich still es zu tun, und ich spürte, wie ich mich fragte, ob es vielleicht sogar möglich wäre. Dann sah ich wieder hinunter zu der Arena, wo ein Kerl gerade seinen Fuß auf die Schulterblätter eines anderen platziert und von hinten dessen beide Arme im Griff hatte … und dann zog er daran bis beide Arme mit einem widerlichen Knacken, das sogar trotz der Musik zu hören war, aus den Schultergelenken brachen! Arrrgh … scheiße! Das wollte ich NICHT sein! Als er meine Verzweiflung in meinem Gesicht sah, fing Gyro wieder meine Aufmerksamkeit ein. „Du bist ein VAMPIR, Justin! Wenn sie Dir etwas brechen, heilt das innerhalb einer Woche wieder, und Du bist so gut wie neu! Denk doch mal an Jun, er verletzt sich ständig irgendwie. Und auch er erholt sich wieder …“

„Du sagst also, dass es nicht so weh tut wie es aussieht … richtig?“ fragte ich.

Er und Dion tauschten die Blicke aus. Dann lächelte Gyro schwach und sagte vom Thema ablenkend, „Komm wir gehen Dich erst einmal anmelden, ja? Über ‚Reparaturen‘ machen wir uns später Gedanken.“

Auf wackeligen Beinen folgte ich meinen so plötzlich selbsternannten ‚Managern‘ zum Anmeldeschalter und schrieb mich bei einer alten Vampir-Frau ein, die so aussah, als rauchte sie 23 Stunden am Tag. Ich hörte immer noch die tobende Menge, das Geräusch brechender Knochen und hart auf den Boden geworfener Körper. Es waren nicht gerade die anregendsten Dinge, die man hören wollte, wenn man gerade dabei war, sich zum ersten Mal da hineinzustürzen. Und dann tat ich es. Ich konnte es kaum glauben … aber ich schrieb doch tatsächlich meinen Namen auf die gepunktete Linie. Ich. Allein der Anblick meines Namens dort auf dem Formular, mit Tinte gekritzelt, die Buchstaben mit zittriger Hand geschrieben, war genug für mich, um fast ohnmächtig zu werden. Ich wusste nicht was ich TAT! Das war nicht irgendeine Veranstaltung hier! Das war ein Wettkampf! Alles, was ich bisher getan hatte, war einfach irgendwie … GESCHEHEN. Sparring mit Dion, die Jagd nach Chad, der Kampf mit Comicality, die Polizisten … alles rein zufällig. Bewusst hatte ich NICHTS dafür getan. Meine Arme, meine Beine, mein gesamter Körper waren von irgendeiner fremden Energie besessen, die ich noch nicht zu kontrollieren wusste. Damals hatte ich einfach Glück gehabt. Doch dieses Mal war es etwas VOLLKOMMEN anderes! Dies hier war eine Gruppe von tödlichen, schmerzerprobten, gut trainierten Kampfathleten, die vermutlich seitdem ich ein Baby war dabei waren! Warum zum Teufel hatte Gyro mich hierzu überredet???

Die Lady gab uns einen Pager, der ein Signal von sich geben und eine Text-Nachricht empfangen würde, wenn es Zeit für meinen Kampf war. Gyro schnappte sich alles und gesellte sich zu uns. „Ok, da sind noch drei Kämpfe vor Dir, und dann bist Du dran!“ Gyro setzte sich neben mich und bemerkte meinen Gesichtsausdruck. „Alter, alles klar?“

Ich zitterte so stark, dass mir fast davon schlecht wurde! „Gyro … ich weiß nicht, ob das hier so das Richtige ist.“

„Wovon REDEST Du? Das wird klasse! Mach einfach das gleiche wie mit den Bullen neulich! Dieser Kung-Fu-Kram hatte sie so verwirrt, dass sie nicht einmal mehr wussten, wohin sie fallen sollten!“

Dion sah mich überrascht an, „Bullen? WELCHE Bullen?“

„Oh Alter! Du hättest ihn sehen sollen“, kam Gyro ins Schwärmen und hüpfte aufgeregt umher. „Unser kleiner Justin hier, hat es VOLL KRASS mit diesen Typen aufgenommen! WHAM! BAM! PAFF! Er war soooo schnell! Ich konnte meinen Augen nicht glauben! Er ist einer der besten Kämpfer, den ich je gesehen habe!“

„Du hast gegen Polizisten gekämpft?“ fragte Dion mit finsterer Miene. Ich starrte auf den Kampfring, um seinem Blick zu entgehen.

„Er hat mich gerettet, Dion. Wir waren versehentlich in die Nähe der Reste eines Vampir-Mahls gelangt, und nachdem sie den Körper entdeckt hatten, waren sie zu Dutzenden hinter uns her, um uns festzunehmen. Ich war eingekreist, und er half mir zu entkommen. Er hatte es für MICH getan…“ Scheinbar versuchte Gyro mich vor Problemen zu bewahren. „Sei nicht sauer, Dion. Ich wollte mich um ihn kümmern, so wie Bryson es gesagt hatte. Wir waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Ich traute mich immer noch nicht mich umzudrehen und lauschte, wie wohl Dions Reaktion ausfallen würde. Er behielt meine Geheimnisse für sich genauso wie ich ihn darum gebeten hatte, und er war wahrscheinlich einer der verlässlichsten Freunde, die ich auf dem Schrottplatz gefunden hatte. Doch offensichtlich hatte ich es wohl ein bisschen zu weit getrieben, denn alles was ich von ihm hörte war Schweigen. Neugierig über das, was in seinem Kopf vorging, drehte ich mich zu ihm um. Als ich in sein Gesicht sah, erkannte ich darin keinen Ausdruck des Zorns … sondern vielmehr eine große Besorgnis. Und er war fast traurig, um ehrlich zu sein. Als ob er zu dem Schluss gekommen war, dass die Dinge sich schneller entwickelten als er mich darauf vorbereiten konnte. Oder als ‚irgendjemand‘ mich darauf vorbereiten konnte.

In diesem Moment spürte ich, wie seine Emotionen in mich hineinkrochen und Jennas Extra sie um ein Vielfaches verstärkten, so dass ich innerlich bebte. Er musste sich wirklich gehörige Sorgen um mich machen. Er wollte mir von Herzen helfen, doch war er verwirrt darüber, wie er das, was mit mir geschah, kontrollieren konnte. Ich fürchtete mich bereits darüber, was in mir vorging, doch jetzt begann ich auf einmal mich zu fragen, ob es nicht noch schlimmer war. „Dion …“, sagte ich und versuchte ihn zu beruhigen, selbst wenn ich selbst meine Ruhe verlor. „… alles wird gut, ok? Ich lerne jeden Tag ein bisschen dazu. Und ich komme dahinter. Bestimmt. Ich habe Hilfe.“ Allerdings war Dion nicht überzeugt, und ich selbst auch nicht, um ehrlich zu sein. Doch legte er dennoch eine Hand auf meine Schulter und nickte mir zu.

In diesem Augenblick sprang die Menge auf und brüllte laut los. Ich sah wie einer der Kämpfer mit blutverschmiertem Gesicht auf dem Boden lag … und wenn ich mich nicht getäuscht hatte … spuckte er wohl einen Zahn aus! Ich schauderte, und Dion griff meine Schulter etwas stärker. „Du musst das NICHT machen, Justin. Wir können jetzt gleich von hier verschwinden.“

„Alter … VERTRAU mir. Soweit ich gehört habe, ist der Verlust eines Zahnes weitaus weniger schlimm als das, was Jeremy einem antut, wenn man ihn um sein Geld bringt!“ sagte Gyro besorgt über die Konsequenzen, die uns allen drohten, wenn ich hier nicht mitmachte.

„Gyro … sei still!“ fuhr Dion ihn an und sagte dann wieder an mich gewandt,  „Justin, hör mir zu, ok? Ich pass auf Dich auf. Ich versuche alles, damit Du sicher bist. Es gibt andere Wege für uns, um an Geld zu kommen.“

„Wenn wir losziehen, Läden ausrauben und Geldbörsen klauen, werden die Bullen uns jagen! Ein kleiner Fehler, und sie setzen eine Belohnung aus, finden uns auf dem Schrottplatz und vertreiben uns von dort!“ entgegnete Gyro.

„Ich schwöre, wenn ich noch EIN Wort von Dir höre …“ Dion wurde jetzt richtig sauer, und nur sein Griff an meiner Schulter bewahrte Gyro davor, am Kragen gepackt zu werden.

„Ich mache es“, sagte ich ohne Nachzudenken. Und doch fühlte es sich richtig an.

Gyro und Dion drehten sich um und sahen mich an. „Was?“ sagten beide gleichzeitig.

„Ich mache es“, wiederholte ich. „Gyro hat Recht. Die Polizei sucht vermutlich bereits nach mir, nachdem was ich letztens gemacht habe. Und wenn sie das mit den vermissten Personen abgleichen und auf mich kommen … könnte es passieren, dass ich uns ALLE Ärger bereite. Euch, Bryson, Taryn … allen.“

„Justin, wir könnten … wir werden einen besseren Weg finden …“ sagte Dion flehend. Doch jetzt war es an mir, ihn fest an der Schulter zu packen.

„Nicht bis morgen Nacht. Das schaffen wir nicht“, sagte ich ihm. „Mach Dir nicht so viele Sorgen, ok? Ich kann das schaffen.“ Ich grinste ihn so glaubhaft wie möglich an, damit er sich besser fühlte. Und in diesem Moment meldete sich unser Pager.

Die Textnachricht war, „Kämpfer – ‚Renegade‘ in der Kampfarena melden.“

„Renegade“? Ich sah hinüber zu Gyro.

Der zuckte mit den Schultern und sagte, „Was? Ich dachte das klingt irgendwie cool!“

Mein Herz raste, als ich mich langsam von meinem Sitz erhob. Mein Atem war schwerfällig und abgehackt, als ob ich versuchte in einem Raum voller heißem Dampf zu atmen. Jetzt galt es. Hoffentlich war ich in dieser Nacht ein besserer Kämpfer als damals gegen die Typen, die mich in der Schule verprügelt hatten. Dion und Gyro begleiteten mich soweit es ging, bis die Security sie am Ringeingang aufhielt. Sie drückten mich fest, bevor ich mich der Arena zuwandte. „Mach sie fertig, Justin! Du bist unbesiegbar!“ rief Gyro mir nach. Hoffentlich hatte er Recht.

Ich stieg in den Ring und nahm ein paar tiefe Atemzüge. Mir war schwindelig, und ich zitterte heftig. Der viereckige Ring durchmaß etwa zehn Meter und war immer noch verschmutzt und befleckt von dem Blut, das sie nach dem letzten Kampf aufzuwischen versucht hatten. Die Meute umgab die Arena in einem riesigen Kreis – grölend, tobend und blutrünstig … mir kam es vor, als ob der gesamte Saal sich um mich drehte, während ich darauf wartete meine neuen Fähigkeiten – mal wieder – auszuprobieren. Ich musste eine kurze Zeit warten, bis alle Wetten in die Computer eingegeben worden waren. Mit Blick auf die Anzeigetafel über mir erkannte ich … dass so ziemlich NIEMAND darauf vertraute, dass ‚Renegade‘ diesen Kampf gewinnen würde. Die Menge wurde wieder lauter, und mein GEGNER musste jeden Augenblick den Ring betreten. Die Anzeigetafel blinkte erneut auf, und es war offensichtlich, dass die Dinge bei Weitem für ihn sprachen. Scheinbar hatte Gyro DIESEN Teil des Plans richtig vorhergesehen. Wie auch immer, der Kampf war kurz davor zu beginnen, und ich erblickte zum ersten Mal den Kerl, gegen den ich kämpfen sollte. Meine Verwirrung musste ziemlich offensichtlich gewesen sein, denn der Ringrichter lächelte kurz als Antwort auf meine Reaktion. Das war ein KIND! Und ich rede hier nicht von einem TEENAGER. Sondern der Knabe war vielleicht HÖCHSTENS elf Jahre alt! Ich hatte gedacht, dass ich mit jemandem meines Alters oder etwas älter kämpfen würde. Anstelle bekam ich diesen süßen, kleinen, flachsblonden Herzensbrecher vorgesetzt, der sowas von überhaupt nicht in diese Arena passte, dass es fast schon komisch war. Er fixierte mich für zwei Sekunden mit einem Paar babyblauer Augen, und fing dann an, seine Arme und Beine zu dehnen, und herum zu hüpfen wie ein kleiner Profi. Hahaha! Ich konnte nicht anders und musste lächeln.

Über den Lautsprecher ertönte die Stimme des Ansagers, „Nächster Kampf … ‚Renegade‘ gegen ‚Sparrow‘!“

Sie stellten uns in die Mitte des Rings. Ich sah hinüber zu Dion und Gyro, die im Publikum standen. War das ein Witz? Ich würde doch nicht auf dieses Kind einschlagen. Er war doch noch ein KLEINER JUNGE! So ein Arsch bin ich nicht!

Die Glocke ertönte. Ich drehte mich zu dem Jungen und erhaschte einen Sekundenbruchteil erneut dessen blaue Augen … bevor alles verschwamm und meine Schulterblätter hart auf den Boden aufschlugen! Ich fühlte den Schmerz erst, als ich mich zur Seite rollte! Was zum Teufel war passiert??? Der Jubel der Menge flutete in den Ring, während ich schwankend versuchte wieder auf die Beine zu kommen. In diesem einen Moment hatte dieses Kind meinem Kopf und meiner Brust Tritte verpasst und mich von den Füßen geholt! MANN, war er schnell! Ich stand auf und sah ihn an. Und als ich wieder klar sehen konnte, erblickte ich ein breites Grinsen auf dem Gesicht dieses kleinen Scheißers! Er hielt für einen Moment inne und ging dann wieder auf mich los. Seine Füße waren so verdammt flink! Er benutzte kaum seine Hände, sondern allein die Kraft und Geschicklichkeit seiner Beine waren genug, um mich von allen Seiten zu treffen! Es hatte nicht den geringsten Zweck auch nur zu versuchen ihn abzuwehren, denn die rasenden Tritte kamen in einer so unglaublichen Schnelligkeit, dass, wenn ich einen davon geblockt hatte, bereits drei weitere mich woanders getroffen hatten! Es war als hätte er ein weiteres Dutzend Beine irgendwo hinter sich versteckt. Und wieder wurde ich von meinen Füßen geholt und landete so hart auf dem Rücken, dass mir der Atem wegblieb. Ich begann zu husten, meine Brust und meine Beine schmerzten durch die Angriffe, und gerade, als ich wieder aufstehen wollte, trat mich der kleine Bengel wieder zu Boden!

Er kam auf mich zu, hob sanft mein Kinn hoch und sah mir wieder mit seinen babyblauen Augen ins Gesicht. „Ich hau Dich jetzt weg und hol mir den Gewinn ab, ok? Nur damit Du’s weißt“, sagte er. Er VERSPOTTETE mich! Dieser kleine Hosenscheißer, der noch nicht einmal im Stimmbruch gewesen war, wollte mich ärgern? Er hatte ja noch nicht einmal Haare am Sack!

Und da … so wie jedes Mal zuvor auch, spürte ich, wie sich mein Körper selbst ‚einschaltete‘.  Mein Frust verwandelte sich in Stärke und meine Schmerzen in einen Schutzschild. Und als ich wieder auf meinen beiden Beinen stand … konnte ich fühlen, wie die Energie der gesamten Welt wie ein Stromstoß aus dem Boden, durch meine Füße in meinen Körper strömte. Ok ‚Kleiner‘ … mal sehen, was Du drauf hast!


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